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Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln

Liedduo Lindsay / Ismailova

Gesang ist Singen des Herzens

Interview mit dem Liedduo
Martin Lindsay & Elnara Ismailova

Herr Lindsay, in einem Statement zur Gattung Lied haben Sie mal gesagt, es gäbe für Sie keine schönere Art des Musizierens als das Lied – was fasziniert Sie so an der Gattung?

Mir gefällt das Lied als Gattung besonders, weil es eine kleine Form ist. Sie ermöglicht einen intimen Kontakt zum Publikum, was für mich einer der wichtigsten Aspekte ist. Die kleine und eher kurze Form macht es möglich, an einem Abend eine große Vielfalt an Ausdruck entstehen zu lassen, was bei anderen Gattungen schwieriger ist. Unter Umständen gibt mir das Lied die Möglichkeit, eine größere Palette sowohl musikalisch als auch stimmlich zu zeigen.

Sie sind gebürtiger Engländer, haben dort und in Kanada studiert. Welchen Stellenwert hat dort das Lied?

Das muss man etwas differenzieren nach Repertoire und der Bedeutung des Lieds in der Kulturszene. Zu meiner Studienzeit war das Lied ein ausgesprochen wichtiger Aspekt im Studium. Wir hatten als Sänger Pflichtveranstaltungen im Liedgesang im deutschen, französischen, englischen und italienischen Lied. Unter den Sängern nimmt das Lied bis heute eine sehr wichtige Rolle ein.

Zu meiner Studienzeit war der Einfluss von Gerald Moore in der britischen Liedszene immer noch sehr stark zu spüren. Auf dieses Fundament konnte beispielsweise die Arbeit von Graham Johnson und seinem Songmakers Almanac gedeihen. Schaut man sich jedoch das Konzertleben an, so sieht man in England eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland auch, dass Liederabende eher weniger werden und ein zunehmend spezialisiertes Publikum ansprechen. Umso wichtiger ist es, dass es Initiativen wie Liedwelt Rheinland und Im Zentrum LIED gibt, die sich für das Lied einsetzen.

Gerade Lehrende im Bereich des Liedgesangs betonen immer wieder, wie fundamental wichtig es für die Liedinterpretation sei, ein gutes Textverständnis zu haben – mit allem, was ein Text an Interpretationsmöglichkeiten hergibt. Verbunden damit steht der Lehrende oft vor dem Problem, dass durch die international geprägten Hochschulen oft Sprachkenntnisse bei den Studierenden fehlen, um den Text verstehen zu können. Haben Sie den Eindruck, dass Sie einen anderen Zugang zum Lied haben, weil Sie kein Muttersprachler sind?

Ich weiß, was Sie meinen, habe diese Problematik aber für mich persönlich nie als solche erlebt. Die Ausbildung in England war ausgesprochen gründlich, so dass ich schon während des Studiums neben anderen Fremdsprachen auch Deutsch gelernt habe. Aus dieser Zeit bin ich beispielsweise auch daran gewöhnt, sehr auf die Aussprache zu achten. Auch bei den heutigen Studierenden sehe ich das Problem nicht beim bloßen Aneignen der Sprache, sondern vielmehr darin, dass heutzutage oft der Bezug zu den Texten fehlt. An der Stelle sehe ich eher die Problematik und zwar eine, die genauso deutsche Muttersprachler betrifft. Ein Interesse für Sprache und ihren Klang und auch ein Gefühl dafür ist in der Regel bei Sängern vorhanden.

Sie sind ja viel im Bereich der Neuen Musik tätig und haben zahlreiche Uraufführungen gesungen. Wie sehen Sie die Zukunft der Gattung Lied auf kompositorischer Ebene?

Dass die Gattung Lied durch neue Kompositionen neue Impulse und Energie schafft, ist ein sehr wichtiger Aspekt in der Entwicklung des Genres. Soweit ich das beobachte und beurteilen kann, ist das Lied in der zeitgenössischen Musik recht stark vertreten. Auch die Liedabteilung an der Kölner Hochschule unter der Leitung von Ulrich Eisenlohr und Stefan Irmer ist in dieser Hinsicht sehr aktiv und einfallsreich. Ich denke, allen ist klar, wie wichtig es ist, dass diese Gattung lebendig bleibt und im Studium wie im Konzertleben eingebunden bleibt.

Frau Ismailova, nun zu Ihnen: Sie sind sowohl als Solo-Pianistin als auch als Liedpianistin sehr aktiv. Was hat Sie zum Lied geführt?

Bei mir lief eigentlich von der Ausbildung her beides parallel ab, also Klavier solo und auch Liedbegleitung. Und ich habe von Anfang an beide Fächer parallel studiert. In der damaligen Sowjetunion hatte die Ausbildung eine umfassende große Komplexität, so dass man im Studium sowohl als Solopianistin, Lied – und Kammermusikpartnerin wie auch als Pädagogin ausgebildet wurde.

Im Fach Lied lag der Schwerpunkt zwar zum größten Teil in dem Gebiet des russischen Kunstliedes. Aber die bedeutenden Liederzyklen von Schubert, Schumann oder Brahms wurden auch studiert. Später konnte ich in Deutschland ebenso beide Konzertexamen abschließen: Solo und Liedbegleitung. Eine Zeit, die enorme Bereicherung für mich war.

Bis heute handhaben Sie Ihre Solokarriere und ihre Tätigkeit als Liedpianistin gleichwertig und unterrichten auch beides. Was fasziniert Sie als Pianistin an der Gattung Lied?

Mich hat der Gesang als ganz fundamentales Ausdrucksmittel des Menschen immer schon fasziniert. Jeder Musiker muss innerlich singen, seine Seele muss singen können, sonst kann man nicht musizieren. Das gilt in meinen Augen ebenso für Instrumentalisten wie auch für Sänger. Da ich selber innerlich singe, liegt es natürlich völlig auf der Hand und ist natürlich, meinen Part mit einem Sänger zu kombinieren.

Was macht nach Ihrer Erfahrung einen guten Liedpianisten aus?

Da wäre zuerst das gerade beschriebene Singen des Herzens. Dazu kommt die Kunst des gemeinsamen Atmens mit dem Sänger. Ein Liedpianist muss aber natürlich auch ein ganz massives Verständnis für den literarischen Text haben, sprachlich und auch stilistisch gesehen. Durch die Kombination dieser Eigenschaften kann man eine Einheit mit dem Sänger bilden, was wiederum nur dann möglich ist, wenn man pianistisch absolut versiert, technisch völlig sicher und frei ist; denn nur dann kann man für beide Musikpartien ganz da sein.

Die Aufgabe des Liedpianisten liegt darin, den Gesang zu umhüllen und einzubetten. Aber auch die Klavierpartie sehr vieldimensional im Klang und Dynamik, manchmal auch sehr schlicht ergänzend zu gestalten. So ist es möglich die Gestaltung eines Liedes und die Idee des Komponisten und des Dichters im Duo umzusetzen. Bei einem guten Liedduo hängt fünfzig Prozent des Erfolges vom Pianisten ab.

Das ist ein sehr gutes Stichwort: Wie lange arbeiten Sie beide schon als festes Liedduo zusammen?

Wir kennen uns schon sehr lange, aber das kommende Konzert am 18. April ist ‚erst‘ unser viertes gemeinsames Projekt, wenn man pädagogische Projekte mitberücksichtigt. Da wir ja beide auch in Köln unterrichten, arbeiten auch unsere Studierenden zusammen, was für sie in der Regel sehr spannend ist durch die Kombination der beiden Schwerpunkte englisches und russisches Kunstlied. Wenn wir gemeinsam ein Programm oder auch nur ein Lied erarbeiten sind wir konzeptionell immer sehr umfassend.

Wie entsteht denn ein neues Programm?

Stimmung und Repertoire gestalten wir natürlich in jedem Liedprogramm möglichst abwechslungsreich. Für das Publikum soll Spannung entstehen, die Zuhörer sollen schon mitgerissen und auch gefordert werden. Bei allem Anspruch aber muss der Abend jedoch an erster Stelle ein Ohrenschmaus bleiben. (Elnara)

Inzwischen werden sehr viele Programme mit einem bestimmten Konzept, einem roten Faden gestaltet, was für mich persönlich nicht unbedingt der Fall sein muss. Ich singe auch sehr gerne „gemischte“ Programme, was in Großbritannien häufiger zu finden ist als hier. (Martin)

Manchmal ergibt sich das Repertoire unserer Programme auch aus unseren jeweiligen Schwerpunkten wie bei unserem pädagogischen Projekt an der Hochschule, das aus der Verbindung von russischem und englischem Lied entstand – also ganz persönlich aus unseren Viten bereichert wurde. (Elnara)

Am 18. April 2018 sind Sie beide gemeinsam in einem Shakespeare-Programm bei Im Zentrum LIED zu hören. Was erwartet uns an diesem Abend?

Dieses Programm wurde von dem Liedprogrammkurator Fabian Hemmelmann genial gestaltet und ausgesucht. Es ist ein sehr vielseitiges und auch anspruchsvolles Programm, das sich in verschiedene Liedgruppen aufteilt, angefangen bei Chausson über Tippett bis hin zu Finzi. Das Programm schlägt sprachlich, stilistisch und auch historisch einen großen Bogen.

Spannend sind vor allem die Übergänge zwischen den verschiedenen Liedern, denn teilweise liegen knapp hundert Jahre zwischen der jeweiligen Entstehung. Die Texte beziehen sich zwar alle auf Shakespeare, aber rein musikalisch reicht der Abend vom 19. Jahrhundert bis ins Heute.

Wir kamen eben auf eine gleichwertige Zusammenarbeit zu sprechen, auf die Einheit von Sänger und Pianistin, die idealerweise vorhanden sein sollte. Wie stelle ich mir eine Ihre „gleichberechtigte Zusammenarbeit“ bei den Proben vor?

Für mich als Sänger ist natürlich erst einmal wichtig, dass die rudimentären technischen Dinge funktionieren. Das fängt damit an, dass so etwas wie das gemeinsame Atmen mit dem Liedpianisten oder auch die verschiedenen Tempi funktionieren. Der Shakespeare-Abend ist ausgesprochen anspruchsvoll: es sind 28 Lieder der verschiedensten Stilrichtungen, in verschiedenen Sprachen und auch technisch sehr anspruchsvoll. (Martin)

Bei diesem Programm liegt die Textarbeit, das Textempfinden, vor allem in Martins Hand. Stellen, in denen der Klavierpart eine gestalterische Rolle hat, besprechen wir gemeinsam. Durch die Vielfalt und große Spannbreite des Programms ist diese dynamisch-künstlerische Arbeit besonders wichtig. So entsteht dann nach und nach in den Proben ein Spannungsbogen für den Abend.

Das ist der Entwicklungsprozess, der sich in gemeinsamen Proben ergibt, nach jeder gemeinsamen Probe gibt es neue Ideen, eine neue Struktur. Damit geht jeder von uns ja auch wieder nach Hause und da geht es dann erst einmal solo weiter – und was ich hier erarbeite bringe ich in die nächste Probe wieder mit!

Das macht für mich Faszination an der Gattung Lied aus! Jeder von uns beschäftigt sich zunächst alleine mit dem Werk, dann entwickelt es sich immer weiter im Austausch mit Martin. Solche gemeinsame Feldforschung ist für mich als Solo-Pianistin unbekannt und dann noch in einem so bedeutenden Ausmaß. Dieses gemeisame Entwickeln und der gemeinsame künstlerische Prozess ist etwas, was mich völlig begeistert beim Lied!

Das Interview führte Verena Düren
Photos ©: Elnara Ismailova: Barbara Lutterbeck
Martin Lindsay: Peter Czajkowski

Zum Konzert „All the World’s a Stage“ am 18. April 2018.

Liedduo Heinzen / Mead

„Es muss fast so sein wie in einer Ehe: Da wird gestritten, aber auch geliebt“

 

Das Interview mit der Gewinnerin und dem Gewinner des ersten Preises des Liedduo-Wettbewerbs Rhein-Ruhr: Franziska Heinzen, Sopran und Benjamin Mead, Klavier, hier zum Nachlesen:

Lieber ist mir ein zwar kleines, aber aufmerksames Publikum als große Massen

Franziska Heinzen: Auf jeden Fall ist das Kunstlied eine „Nische“, aber es gibt so viele Initiativen und Veranstaltungen sowohl mit Arrivierten wie auch mit „rising stars“, das macht durchaus Mut, sich mit dem Kunstlied zu beschäftigen. Mir ist auch ein zwar kleines, aber aufmerksames Publikum lieber als große Massen. Und, ja – die intime Kunstform des Liedes hat definitiv eine Zukunft, gerade auch in unserer Zeit.

Wir verehren die „Klassiker“ wie etwa Franz Schubert als den Liedkomponisten schlechthin

Benjamin Mead: Natürlich sind die „Spätromantiker“, wie sie jetzt hier beim Wettbewerb gefragt waren, also Leute wie Szymanowski, Berg oder Schönberg, großartig und gefallen uns ihre Lieder sehr. Aber ebenso verehren wir die „Klassiker“ wie etwa Franz Schubert als den Liedkomponisten schlechthin ganz besonders. Wir haben aber keine direkte Präferenz, wenn es sich nur um erstrangige Kompositionen handelt,..

Heinzen: …und man darf auch das 20. Jahrhundert nicht vergessen, ebenso nicht das 21. Eine „Nische“ in der Nische wie die Lieder von Lutoslawski, die wir hier beim Preisträger-Konzert präsentiert haben. Diese Musik bietet so viel an neuen Farben und Techniken des Vortrags, die unbedingt dem Publikum bekannt werden müssen, um Ohren und Augen zu öffnen für die Kunst unserer Zeit.

Mead: Weil wir beide das Lied sehr lieben, haben wir ein, wie ich sagen möchte, sehr gesundes Gleichgewicht in unserer Duo-Partnerschaft. Wir schätzen die Meinung des jeweils anderen sehr und hören uns gegenseitig zu. Das geht oft bis in Einzelheiten, wo jeder seine Ideen mit einbringt, wie man bestimmte Details des Textes beipielsweise dem Publlikum am besten präsentieren könnte, oder habe ich jetzt als Pianist zu viel gesagt?

Ich kann ohne Pianisten nichts anfangen, und er auch nichts ohne den Sänger.

Heinzen: Nein! Denn einerseits soll zwar der Pianist nicht zu sehr „auffallen“, aber auch die Sängerin sollte das nicht, denn es ist eben eine Kunst für zwei, und die müssen gleich berechtigt sein: Ich kann ohne Pianisten nichts anfangen, und er auch nichts ohne den Sänger.

Das gibt’s leider oft, dass dies nicht funktioniert. Ich habe auch schon mit vielen verschiedenen Begleitern „experimentiert“ – und jetzt klappt’s mit uns einfach bestens! Es muss – irgend jemand hat das mal gesagt – fast so sein wie in einer Ehe: Da wird gestritten, aber auch geliebt in eben diesem Sinne.

Franziska Heinzen, *1985, Sopran, Schweiz
Benjamin Mead, *1992, Großbritannien

Das Interview führte Gunter Duvenbeck.
Photos: Sabine Krasemann