Archiv der Kategorie: Liedweltweit

Musikalische Reise durch Europas Kinderzimmer

Überraschende Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie

Tief unter der Erde verborgen liegt die Zentrifuge und ist damit für den Bonner Liedsommer ein ganz besonderer Aufführungsort mit bemerkenswerter Akustik. Die Mezzosopranistin Elena Marangou und Tobias Krampen am Flügel präsentieren ein vielfältiges Programm pünktlich zu dem CD-Release von Into a Children’s Room. Der musikalische Blick in die Kinderzimmer reicht von Russland, England, Deutschland und Frankreich bis nach Griechenland. Und das mit durchaus namhaften Komponisten: Vom sanften Wiegenlied bis hin zum ausgelassenen Hoppe-Reiter-Spiel gehen Modest Mussorgsky, Benjamin Britten, Johannes Brahms, Alkis Baltas und Francis Poulenc in einem bunten Spektrum von kleinen Einschlafgeschichten ganz typischen Kindersituationen nach.

Mit kurzen Moderationen gaben Tobis Krampen und Elena Marangou während des Konzerts wertvolle Einblicke in Form, Technik und Inhalt des bunten Reigens von Wiegen- und Kinderliedern aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Besonders die russischen Kinderlieder, die vielleicht zunächst fremder und unzugänglicher als ihre europäischen Pendants erscheinen mögen, überraschten mit detaillierten Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie.

Besonders Mussorgskys und Poulencs Szenen aus dem Kinderzimmer erinnern an dramatische Kurzfilme, die mal lebhaft, mal zart-versponnen daherkommen und stets die musikalischen Möglichkeiten kindlicher Imagination vorführen. Doch auch das Idyll des Wiegenlieds trübt sich, wenn in die wiegenden Harmonien erste Zweifel einbrechen; mag es wie bei Britten die Sorge der Amme oder der alleinerziehenden Mutter sein.

Aber auch von zukünftigen Abenteuern, Reisen und neuen Horizonten berichten die Lieder, mal ganz innig, dann wieder humoristisch und voll zärtlicher Ironie. Im Falle der Wiegenlieder zeigt sich einmal mehr: Scheinbare musikalische Naivität bedarf einer ganz besonderen Reife, um der hintersinnigen kindlichen Einbildungskraft gerecht zu werden.

Text: Clara Pauly
Photos © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

Die CD kann bei der Liedwelt Rheinland bestellt werden.

Konzert am 23.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Aus Tiefe und Höhe: Das Lied im Spiegel der Moderne

Aus Tiefe und Höhe:
Das Lied im Spiegel der Moderne

Vielseitige Experimente mit Klang und Farbe waren im Dialograum Kreuzung an St. Helena zu erleben. Das Spiel mit den Möglichkeiten des künstlerischen Materials stand an diesem Abend im Mittelpunkt.

Die vielschichtigen Malereien und Skulpturen von Dorissa Lem aus Köln Ehrenfeld erfüllten das Motto „Aus Tiefe und Höhe“ auf mehrfache Weise: Inhaltliche und räumliche Tiefe stachen in jedem Kunstwerk hervor, immer wieder entdeckte man auf der bildlichen Oberfläche neue Strukturen, Gewebe von Linien und farbliche Tiefenstaffelungen. Die visuellen Bewegungsimpulse, der Widerstand des Materials und die konsequente Durcharbeitung bis ins Innere zeichnen die Bilder und Skulpturen von Dorissa Lem aus und schafften die besondere Atmosphäre für das Konzert mit Irene Kurka und Martin Wistinghausen.

Der musikalisch-künstlerische Teil des Abends widmete sich dem zeitgenössischen Lied und begann gewissermaßen in der Tiefe der Tradition: Der Bass Martin Wistinghausen eröffnet mit dem gregorianischen Psalm 130 De Profundis clamavi und präsentierte direkt im Anschluss eine moderne Wiederaufnahme des Psalms mit elektronischer Zuspielung.

Die mikrotonalen Möglichkeiten des Einzeltons lotete Wistinghausen rezitierend und singend aus, wobei ein ganz besonderes Instrument zur Erzeugung von Borduntönen als Liedbegleitung zum Einsatz kam: eine indische Shrutibox.
Auch die Sopranistin Irene Kurka, die sich intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire für Stimme Solo beschäftigt, wagte den Bogenschlag von Tradition und zeitgenössischer Musik. Ihr differenziertes Spiel mit mikrotonalen Elementen forderte das konventionelle Musikerleben heraus und bewies bei Kompositionen von Hildegard von Bingen bis Johannes Schachtner melodische Energie, Eindringlichkeit und musikalische Präzision.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 12.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Ein ganz außergewöhnliches Konzert im Rahmen des Bonner Liedersommers in der Doppelkirche in Schwarzrheindorf

25. August 2018 – Unter den romanischen Deckenmalereien begegneten sich gleich zwei große Klangkulturen aus Ost und West. Der in Aleppo geborene und heute in Neuss lebende Komponist und Qanunspieler Hesen Kanjo bewies bereits zu Beginn des Konzerts die facettenreiche Klangwelt seines Instruments, das er auf dem Schoß liegend mit Plektren aus Metall zupfte. Virtuosität, Temporeichtum und überraschende harmonische Vielfalt vermittelte Hesen Kanjos Qanunspiel als Begleitung und solistische Improvisation.

Die Kölner Sopranistin Elisabeth Menke führte durch das vielseitige Programm und betonte die Bedeutung der musikalischen Selbst- und Fremderfahrung zwischen Ost und West, wobei der Mond und seine Beobachtung als Leitmotiv eine überzeugende Kontinuität zwischen den verschiedenen Liedformen stiftete.

Zahlreiche Lieder von Franz Schubert, die bei dem Bonner Liedsommer bereits zu hören waren, hat das Duo dabei aus Rücksicht auf die besondere Stimmung und die technischen Voraussetzungen des Qanuns speziell für dieses Konzert umgeschrieben. Das Formspiel von deutschem Lied und persischer Kunstmusik kam besonders in den bewegenden Improvisationen von Gesang, Rezitation und Qanun zur Geltung.

Elisabeth Menke beeindruckte zudem mit ihrem virtuosen Geigenspiel, das klar und differenziert über den kaskadenartigen harmonischen Rückungen des Qanuns schwebte. In dieser wechselseitigen Erhellung von Gesang, Geigenspiel und Qanun entfaltete sich die komplexe Vielstimmigkeit beider musikalischer Kulturen. Die Experimentierfreude und Lust am Klang übertrug sich zuletzt auch auf das Publikum: Begleitet von Elisabeth Menke und Hesen Kanjo ertönte das wohl bekannteste Abendlied im Zeichen des Mondes: „Der Mond ist aufgegangen“. Und das in seiner wohl schönsten musikalischen Vermittlung zwischen Orient und Okzident.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 25.8.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

Wiederholungskonzert am Donnerstag, den 11. Oktober 2018 19:30 Uhr in der Versöhnungskirche Bonn-Beuel

Liedkunst in Vollendung – Konzert am 29.7.2018

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Human-Zentrifuge außergewöhnlich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Bemerkenswert war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Liedwelt Rheinland | KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018

Dichter.Liebe! – Romantik trifft auf Poesie – Konzert am 10.6.2018

Dichter.Liebe! Romantik trifft auf Poesie

Das Kölner Ensemble Eikona bringt als Koproduktion der Stadt Köln und des 21. Bonner Schumannfests das Lied auf die Bühne. Auf kleinem Bühnenraum entsteht ein faszinierender Dialog aus Musik und Theater, gestaltet von Fabio Lesuisse (Gesang), Toni Ming Geiger (Klavier) und Kai Anne Schumacher (Regie und Figurenspiel). Dafür standen gleich zwei ausgewählte Liederzyklen auf dem Programm: Schumanns „Dichterliebe“ und Vaughan Williams „Songs of Travel“ nach Texten von Robert Louis Stevenson.

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht. Nachdem der Bariton Fabio Lesuisse das erste Lied aus der „Dichterliebe“, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, vorgetragen hatte, wurde schnell deutlich: Es handelt sich um keinen Geringeren als den Dichter und Journalisten Heinrich Heine, der von der ewig tragikomischen Geschichte scheiternder Beziehungen durchschüttelt wird.

Überzeugendes Wechselspiel in subtilem Puppenspiel

Die Regisseurin Kai Anne Schumacher haucht dem Dichterfürsten in Gestalt einer Puppe überzeugend Leben ein und begleitet so das Wechselspiel von Lied und Schauspiel auf der Bühne. Überhaupt ist es diese Handpuppe Heine, die eine fast schon zärtliche Melancholie in die ohnehin eindrucksvolle Vielschichtigkeit der Gedichte Heinrich Heines hineinträgt. Menschliches, Allzumenschliches verbindet Kai Anne Schumacher mit großer Kunstfertigkeit im subtilen Puppenspiel.

Die Puppe hat schließlich nicht Teil am Leben – und doch darf sie immer wieder die Stimme des Baritons Lesuisse borgen. Damit wird ihr eine fast schon unheimliche Bühnenpräsenz zuteil. Denn das Lied als Leihgabe wird ihr auf diese Weise eigen und fremd zugleich. Gerade diese Ambivalenz weiß der Pianist Toni Ming Geiger gekonnt aufzunehmen. Sein absolut differenziertes und zugleich leichtes Klavierspiel erschafft ebenjene atmosphärische Verdichtungen, die sowohl der musikalischen Komplexität der Dichterliebe als auch der vielschichtigen Lyrik Heines mehr als gerecht werden. Es ist eben der nur scheinbar naiv-harmlose Volksliedton, der keinesfalls darüber hinwegtäuschen sollte, welche überraschenden Klangbilder das Ensemble Eikona für die Reise ihres Dichterhelden findet.

Spiel mit historischen Ungleichzeitigkeiten durch manifeste Gegenwartsbezüge

Vor Überraschungen ist man auch als Zuschauer nicht gefeit, denn manchmal hat sogar die Puppe die Fäden in der Hand: So waltet die Handpuppe Heine zeitweilig über ihre eigene Rezeptionsgeschichte und verliest spöttisch eine bissige Kritik Marcel Reich-Ranickis über ihn selbst – Heinrich Heine. Das Ensemble Eikona hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst charmant mit solchen historischen Ungleichzeitigkeiten zu spielen und verschafft damit auch dem vermeintlich verstaubten Lied ganz manifeste musikalische Gegenwartsbezüge. Leiht der Bariton Lesuisse dem Dichter Heine seine kraftvolle Stimme, ertönen die inniglich vorgetragenen „Alten bösen Lieder“.

Dann wieder ist es Vaughan Williams „Youth and Love“, das den rastlosen Dichter zu weiteren Sehnsuchtsorten – aber auch zu ganz konkreten Zielen wie beispielsweise zum Kölner Dom – treibt. Obschon das letzte Lied aus der „Dichterliebe“ voll mit „wildem Schmerzensdrang“ verklingt, gibt es keinen Grund zum Grollen – ganz im Gegenteil: Dem Ensemble Eikona gelingt es, humorvoll und mit zärtlicher Ironie ästhetische Illusionen im Sinne unendlicher romantischer Annäherung gekonnt zu durchbrechen. Es ist sicherlich nicht ihr letztes Lied.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Paul Leclaire

Konzert am 10. Juni 2018 im Rahmen des Bonner Liedsommers

Konzert am 29. Juni 2018 im Kölner Blue Shell

Good Vibrations

Good vibrations

Eröffnungskonzert und Ausstellungseröffnung: Luft und Raum – Kulturfestival in der Zentrifuge Bonn

Mit einem launig unterhaltenden Quintett des tschechischen Komponisten Zdeněk Fibich ging es gleich mitten ins Geschehen: Er war Schüler von Bedřich Smetana und Lehrer von Franz Lehar – und in dieser Komponisten-Folge spann sich der Bogen der Musik, eine ehrliche, das Leben bejahende Musik, die sich als Opener für ein Festival, das für viel Energieaustausch bekannt ist, bestens eignete.

Die in dieser Besetzung liegende symphonische Anlage wusste Fibich im zweiten Satz durch eine geschickte Instrumentierung zu nutzen, die durch die Umsicht und das Miteinander der Künstler sehr gut zur Geltung kam. Die dichte Klangrede vermittelte auch zu Brahms und dem Landsmann Dvořák starke Verwandtschaft.

So darf sich der Zuhörer eigentlich nicht erst in dem schicken Horn-Solo fragen, warum Komponist und Werk so unbekannt sind. Auch Klänge der Bratsche liegen geschickt im Satz und mehren die Verbindung zum Orchesterklang und dessen Farbigkeit. Man freut sich über das deftige Ländler-Trio und wird bis zum Schluß kurzweilig unterhalten.

Bestens mit Schwung ausgestattet und mit viel Freude am gemeinsamen Musizieren waren neben Tobias Krampen am Klavier und Peter Stein an der Violine die Gäste Nicolai Pfeffer, Klarinette, Lauren Whitehead, Horn und Eglantine Latil, Violoncello zu erleben.

Der Komponist Stefan Heucke stellte drei Lieder Robert Schumanns zusammen und schrieb für diese Kammermusik-Besetzung den Klavierpart um: Der kleine Zyklus startete mit der „Frühlingsfahrt“ bunt und geschäftig und sparte nicht mit farbigen Korrespondenzen. „In der Fremde“ zeigte gleich zu Anfang kluge, schlüssige Aufteilungen der Rollen zwischen den Instrumenten bis zum colla parte. Wie hier die Zeit bei der Zeile „Da ruhe ich auch“ stehen blieb, das war schon sehr beeindruckend. Auch „Der Einsiedler“  gab so für die Altistin Ingeborg Danz wunderbare neue Klangmöglichkeiten mit denen auch sie freudigen Austausch bot, so dass die Lieder ganz neues Leben auch für die Zuhörer bekamen, die die Stücke dachten, bestens zu kennen. Nicht erst die dritte Strophe „O Trost der Welt, Du stille Nacht!“ brachte das Schumann-Lied nahe ans Orchesterlied, durchweg in den zarten klanglich feinen Korrespondenzen  der Instrumente.

Der neue Flügel, den „Brahms noch die Gelegenheit gehabt hätte kennenzulernen“ (Peter Stein), verwob die Kammermusik mit warmen Tönen, stellte sich als hervorragender Klangmixer heraus und bot allen Künstlern (inklusive Pianist) mit galantem Bass eine elegante Grundlage für durchhörbares Musizieren.

Zum Eröffnungskonzert waren zahlreiche Besucher und Teilnehmer des Meisterkurses präsent – in der Pause durften sie sich nicht nur über das Programm austauschen. Auf der Suche nach der Harfe, die „man nicht sieht und nicht hört“ (Peter Stein), wurde der Suchende von mehreren seiner Origami-Engeln geleitet….

Nach der Pause dann wieder Eichendorff-Lieder, nun von Stefan Heucke zusammengestellt zur „II. Kammermusik“. Gleich der erste der beiden Sätze des Ingeborg Danz gewidmeten Werks gab affirmativ den Ball weiter. Das zweite Lied, „Letzte Heimkehr“, spielte mit engen Korrespondenzen zum Text, tupfte lautmalerisch das Schütteln des Frosts, schauderte tief im Herzensgrund mit einem tiefen Klaviertremolo und fand im Horn-Ruf eine Totenanrufung.

Höchste Ansprüche an die Sängerin in der orchesteralen Engmaschigkeit

Engmaschig verzauberte den verschneiten Garten die Geige, geleitete in eine Traumwelt, in der die Ruhe beim Einsamen nur kurz verweilt, treibt die Klarinette zum Pizzicato ihn auf das Feld hinaus… Nicht nur hier erinnert die Klanglichkeit und Dichte immer wieder an Schönbergs Pierrot Lunaire.

Der abschließende Willkommensgruß „Nun ruh zum letzten Male aus, Wenn du erwachst, sind wir zu Haus'“ wiederum gemahnt an Mahlers Orchesterlieder und auch die Auferstehungssymphonie. Ein wunderbar offenes Willkommen jedenfalls für den Start dieses einzigartigen Festivals, das zahlreiche Gäste mit einem gemeinsamen Umtrunk abschlossen.

Text + Photo © Sabine Krasemann

 

 

Auftakt des Bonner Liedsommers in Oberpleis – Konzert am 27.5.2018

„Mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen“

Ein inszeniertes Konzert über Alma Mahler

„Almschi“ – so wurde die Komponistin, Mäzenin und Muse Alma Mahler-Werfel von vielen ihrer Freunde und Bewunderer liebevoll genannt. Der Titel, den die Sopranistin Judith Hoffmann und ihr Pianist Desar Sulejmani für diesen Abend in Oberpleis gewählt hatten, erinnerte an die Beschreibung Arnold Schönbergs, einem Freund Mahler-Werfels: „Gravitationszentrum eines eigenen Sonnensystems, von Satelliten umkreist“.

Zeitreise in den bürgerlichen Salon

Und in der Tat gelang es Hoffmann und Sulejmani in ihrem inszenierten Konzert im Rahmen der Reihe Pro Klassik e.V., genau in dieser Form die Musikerin und schillernde Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen: ‚Almschi‘ und ihre Beziehungen zogen sich als dramaturgischer Faden durch das literarisch-musikalische Programm. Das Bühnenbild in Form einer Sitzecke, wie man sie aus den Salons kennt, unterstützte dabei den Eindruck, zu einer kleinen Zeitreise eingeladen zu sein.

Musikalisch kamen in der schmucken und behaglichen Bauhauskirche in Königswinter-Oberpleis die wichtigsten musikalischen, aber auch persönlichen Bezugspunkte Alma Mahlers zu Wort. Angefangen bei ihrem Kompositionslehrer Alexander Zemlinsky, der ihr Talent zu einer Zeit sah und förderte, als die Förderung von Komponistinnen noch völlig unüblich war. Nachdem er sie das Komponieren gelehrt hatte, stellte ihr erster Ehemann, Gustav Mahler, eines ganz schnell klar: sie solle Eheweib, aber nicht Kollegin sein. Obschon sie diese Ansicht so gar nicht teilte, gab sie ihm zuliebe das Komponieren auf. Denn eines wurde an diesem Abend mehr als deutlich: wenn Alma Mahler etwas tat, dann mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen. Von vielen aufgrund ihrer Ehen und Liebschaften verachtet, zeichneten Judith Hoffmann und Desar Sulejmani das Porträt einer starken und leidenschaftlichen Frau, die ihr Leben nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“ zu leben schien.

Großartiges künstlerisches Feingefühl

Mit Alban Berg und Arnold Schönberg kamen auch Komponisten zu Wort, mit denen sie eine lange und sehr innige Freundschaft verband, Erich Korngold gehörte zu den Freunden im amerikanischen Exil, der junge Benjamin Britten wiederum bildete den Brückenschlag zur nächsten Generation und der chansonhafte Abschluss von Tom Lehrer (* 1928) war jüngsten Datums.

Judith Hoffmann brillierte nicht nur in ihrer Rolle als Interpretin des ganzen musikalischen Alls um Alma Mahler und deren eigener Lieder, sondern führte auch als Sprecherin durch den Abend und das Leben Alma Mahlers. Mit Leichtigkeit wechselte sie von Sprech- zu Gesangsstimme und setzte ihren Humor, Charme und ihr schauspielerisches Talent gekonnt ein, wobei sie als Sprecherin zwischendurch auch von Desar Sulejmani unterstützt wurde.

Mit den verschiedenen Abschnitten in Alma Mahlers Leben schloss sich zunehmend der Kreis und somit füllten sich auch die anfänglich leeren Bilderrahmen der Bühne. Zwei Gemälde von Alma Mahler waren dort nach und nach mosaikartig entstanden.

Die Auswahl der Werke hatten die beiden Musiker nicht nur an die Biographie Alma Mahlers angepasst, sondern auch atmosphärisch mit großartigem Feingefühl gewählt.

So war der kurzweilige und hochspannende Liederabend ein hervorragender Auftakt zum ersten Bonner Liedsommer und zugleich ein beredtes Beispiel dafür, wie ausdrucksstark ein Liederabend sein kann – wenn er so klug gestaltet und leidenschaftlich konzipiert und umgesetzt wird wie von Judith Hoffmann und Desar Sulejmani.

Text: Verena Düren
Photo © privat

Zum Konzert am 27. Mai 2018

„Come Away Death“ – Konzert am 18.4.2018

„Come Away Death“

Die bunte und hellsichtige Welt des William Shakespeare beeinflusste auch das Kunstlied. Zu erleben war das beim Saison-Abschluss der Reihe „Im Zentrum Lied“ in der Fritz Thyssen Stiftung. Natürlich musste dafür ein Brite her: Der Bariton Martin Lindsay leitet als Dozent der Kölner Musikhochschule das Seminar „Englisches Lied- und Arienrepertoire“. Er kennt sich also perfekt aus im Repertoire.

Bei uns wenig bekannte Lieder der Engländer Gerald Finzi, Roger Quilter oder Michael Tippett setzte er auf sein Programm „All the World’s a Stage“. Das weitete sich mit Liedern von Hanns Eisler über Charles Ives und Ernest Chausson aber auch sehr international. Kaum zu glauben, wie viele Komponisten Shakespeare in Romantik und Moderne vertonten.

Es war ein Programm mit Konzept und dramaturgischem Bogen. In einen „Prologue“ und fünf Akte war dieser Abend unterteilt. Der „Epilogue“ endete still mit den Worten „Fall asleep, or, hearing, die“, vertont von Ralph Vaughan Williams. Routiniert begleitet von der Pianistin und Hochschul-Kollegin Elnara Ismailova setzte Lindsay gekonnt auf sein schauspielerisches Talent. Man konnte allein aus seiner Mimik den Sinn erfassen. Im stark abgedunkelten Saal war ein Mitlesen der im Programmheft abgedruckten Texte ohnehin nicht möglich. Eindringlich der zweite Akt mit ruhigen Liedern wie Finzis magischem „Come Away Death“.

Zum Schmunzeln im restlos gefüllten Saal regten Lindsays langgezogene „Y-a“-Laute in Hugo Wolfs „Die Schwalbe“ aus dem „Sommernachtstraum“ an. Der musikalische Streifzug durch Shakespeares Sonette und Dramen von „Otello“ bis zu „Henry VIII“ machte Freude, auch wenn der geöffnete Flügel stellenweise zu wuchtig war und Lindsay sich im ersten Block zu sehr auf eine mittlere Laustärke verließ. Seine vokal wenig runde Stimme machte er durch Wahrhaftigkeit und Zerbrechlichkeit wett. Das passte gut zu Shakespeares Bühnenfiguren.

Text: Matthias Corvin
Der Originalartikel erschien am 20.4.2018 in der Kölner Rundschau. Wir bedanken uns für die Abdruck-Genehmigung.

Photo © Elnara Ismailova: Barbara Lutterbeck –
Martin Lindsay: Peter Czajkowski

Zum Konzert vom 18.4.2018
Wiederholung des Konzerts im Rahmen des Bonner Liedsommers am 9.9.2018

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“ – Konzert am 1.5.2018

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

Grundsätzlich ist die Nähe zur tatsächlichen Volksmusik und zum Volkslied wie zu Sagen und Legenden aus der „Heimat“ eine der wichtigsten künstlerischen Inspirationsquellen für Komponisten. Immer wieder schauen bzw. hören Komponisten daher dem Volk „aufs Maul“, woraufhin ein künstlerischer Verarbeitungs- und Auseinandersetzungsprozess einsetzt. Dass auch Beethoven hier ganz tief geschürft hat, zurück zu den Ursprüngen ging und so seine künstlerische Sprache wahrhaft und so berührend werden ließ, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt in Bezug auf sein künstlerisches Gesamtschaffen.

Am 1. Maifeiertag gab es im Bonner Schumannhaus die Gelegenheit, an einer kleinen Europareise teilzunehmen und diesem engen Bezug zur Quelle nachzulauschen: Insgesamt neun junge Musikerinnen und Musiker gestalteten das Auftaktkonzert von Beethoven@home. Die jungen Künstlerinnen und Künstler hatten gemeinsam mit der Ludwig-van-Beethoven-Musikschule Bonn (Eva Wolsing und Beatrix Ebersberg) einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Vormittag zu bieten. Insgesamt erklangen 23 Lieder in acht thematisch und geographisch sortierten Abschnitten, die von fachkundigen wie unterhaltsamen Moderationen und kurzen Gesprächen über die Hintergründe der Lieder verbunden wurden.

Das Volkslied als schöpferische Inspirationsquelle

Die Nähe des Kunstliedes zum Volkslied hat deren Aufführung im häuslichen Rahmen so populär gemacht, dass Beethoven über 170 Bearbeitungen schrieb – aber die Melodien und Geschichten scheinen ihn auch persönlich fasziniert zu haben: Denn er schrieb weiter an Bearbeitungen auch ohne konkreten Auftrag von Verlegerseite und hat sich sicherlich hierzu entschlossen, weil er die künstlerische Inspirationsquelle auch als grundlegend für sein Schaffen empfand. Außerdem fand Beethoven hier die Möglichkeit, kompositorisch so Manches auszuprobieren, das später in „klassischen Werken“ wieder auftaucht.

Die Madeln, die führen uns an der Nase her

Natürlich ging es in den Liedern vor allem um Wein, Weib und Gesang – kleine Geschichten, Szenen und Bilder, mit dem tapferen Ritter, mit klugen Madels oft deftig-schlüpfrig oder auch derb. Die Sänger wurden dabei kontinuierlich von Cello und Klavier begleitet, was klanglich eine schöne Bereicherung war, zumal Johannes Zipfel am Cello nicht nur verlässlicher Partner der Sänger und Pianisten war, sondern ganz maßgeblich an der feinen Gestaltung der Lieder Teil hatte. Die mit dem Sänger korrespondierende Violine spielte zunächst Lotta Nikolayczik.

Die Erzählung des Sängers wurde verstärkt, reflektiert: So mancher Scherz ausgemalt, das Geschehen kommentiert. Auch eine Antwort auf die zahlreichen augenzwinkernden Verführungsversuche gab es. Im zweiten Teil übernahm die Violine noch eigenständigere Rollen: Casper Hesprich übernahm diesen Part im zweiten Teil – klug ausgesucht war die Rolle der Violine hier, setzte der ersten Konzerthälfte noch eins drauf, da der Part so überraschend vielfältiger angelegt war als im ersten Teil. Alles klang plötzlich neu: Bordunklänge, virtuose Girlanden und Sprünge oder längere Vor- und Nachspiele zeigten, welche kammermusikalische Vielfalt im Volkslied-Ausdruck steckt.

Wer solche Buama afipackt

Zunächst gab es „alpine“ Stilbilder aus der Schweiz und dem Tirol. In mehreren Liedern wie dem Lied „Wegen meiner bleib d’Fräula“ wurde die Verbindung zum Volksstück unmittelbar: Diese Bearbeitung hat auch bei Wenzel Müller als Arie des Hausmeisters in das „Das NeuSonntagskind“ seinen Platz, kein Einzelfall – finden sich auch bei Nestroy und Haibels in deren Bühnenwerken Volksliedvertonungen, die als Volksliedbearbeitung in den heimischen Salon transportiert wurden, damit die Fan-Gemeinde sie hier nachempfinden konnte, indem sie sie selbst im häuslichen Rahmen erneut musizierte.

Das lautmalerische Lokalkolorit aus Tirol gestaltete die Sopranistin Katharina Diegritz beispielsweise im Lied „Wann i in der Früh aufsteh‘“ mit bezaubernder, augenzwinkernder Schauspielerei. So entstand aus dem schwungvoll mit Bravour gesungenen virtuosen Lied eine bildhaft angedeutete schmissige Szenerie. Denn viele Lieder sind gespickt mit einer Anspielung nach der nächsten: Kleine lustige Schweinereien fanden ihr Bild in der einfachen Natur und der Arbeit auf dem Lande. So wurde aus dem Almauftrieb ein Vorwand, mit der Schwägerin gemeinsam „die Kühe zu hüten“ – ein mit „naiven“ Anspielungen gespicktes Lied darüber, was der Schwager und die Schwägerin so alles auf der Alm zu tun haben. Der Refrain „ei, ai, eia“ ließ zu zahlreichen persönlichen Fortspinnungen im Kopf des Besuchers Platz. Überhaupt ging es im ersten Teil vor allem um die Liebe, um emanzipierte Madel und alte Schachteln, den depperten Tyroler Bua und den talkerter Jodel und entsprechend aufgelockert war die Stimmung im Saal.

Lasst im Wein uns den Gram ertränken!

Ganz neue Töne erklangen im mittleren Programmteil mit „Oj, oj upilem sie w karczmie“. Die Bordunklänge, das Drehen der Leier stellen die Instrumente prinzipiell nicht nur klanglich mehr in den Vordergrund – insbesondere, da Beethoven hier eine holprige deutsche Übersetzung vertont hat.

Umso erstaunlicher, dass auch Lieder, bei denen Beethoven zum Teil nur Melodien und keine Originaltexte zur Verfügung standen, passgenaue Originalität und Stimmigkeit auch in der Wahl der Inhalte haben. Die Holprigkeit, die falsche Betonungen und sich gegen die Melodie sperrende Worte teils skurril anhäufte, überwand der Bariton Benjamin Hewat-Craw galant. Wie bereits in den beiden Liedern, die der Bariton zu Anfang der Matinée sang, gestaltete er gemeinsam mit der Mezzosopranistin auch das „Kosakenlied“ in feinster Manier.

„Was ist authentisch?“

Hier erklang – eben wie erwartet – elegisches Moll: Ein längeres Vor- wie Nachspiel imaginiert ein romantisiertes Bild am Ufer der Wolga mit pizzicato-Tupfern im Cello, unmittelbar sitzt man mit den beiden Ausführenden in der Runde … und lauscht wiederum deren Gespräch über Sehnsucht und die Liebe. Die erzählende Geige (Casper Hesprich) malt die das Gespräch begleitenden Gedanken hier anmutig wie elegisch aus. Erstaunlich wie aktuell manches Parlando-Moll klang, dem die Mezzosopranistin Lea Müller zuvor in zwei russischen Volksliedern folgte – an unserem Klischée was die Erwartungen an das „Lokalkolorit“ betrifft, scheint sich jedenfalls in den letzten zweihundert Jahren nicht so viel geändert zu haben, sonst wären weder Künstler noch Publikum so nah und begeistert am Ball geblieben.

Auch die zahlreichen Duette, die sich in der Matinée verstreuten, trugen klanglich dazu bei, mit ihren verschiedenen Varianten den Morgen zu bereichern. Es kam zu immer neuen Stimm-Kombinationen und natürlich bot jedes Volkslied auch eine kleine Szenerie, die sich belebte durch die „Gespräche“ der Protagonisten.

Traumhafte Welt

Bevor es mit Liedern aus Spanien, Italien und Ungarn weniger elegisch wurde, tat sich im schwedischen Wiegenlied „Lilla Carl“ vor allem in den Doppelgriffen und kommentierenden Sprüngen zum Bordun eine traumhafte Welt auf: Schön gestaltete Lea Müller diesen ruhigen Fluss.

Konsequent entführte Eike Kutsche mit der Cellistin Sue Schlotte nun in die Obertonwelt. Hier fand die Matinée ihren künstlerischen Ruhe- und Angelpunkt, begab sich für einen kostbaren Moment auf die „andere Seite“, hielt inne. Die authentische Spiritualität versetzte die Lauschenden so in eine Klanginsel, die gerade deshalb in der Überhöhung der Volksmusik und dem alltäglichen Singen der Menschen sehr nahe ist. Daher erfuhr die anwesende Gemeinschaft hier klanglich jenes Eins-Sein aller Menschen – eine wichtige Verbindung allen gemeinschaftlichen Mensch-Seins und somit dessen, was das Volkslied unterschwellig vermittelt: Den Grund, warum uns auch die Beethoven’schen Volkslieder nach zweihundert Jahren noch so tief berühren, konnte man nun verstehen.

Una paloma blanca

Zur südeuropäischen Atmosphäre passend hatte auch der Tenor Nico Heinrich hörbar und sichtlich Spaß am Gestalten des spanischen Piraten-Tiranilla oder dem doppeldeutigen, kurzen russischen Lied über die Mädchen, die ganz viele „Beeren“ im Wald finden, in der Menge dargestellt von einer geschäftig plappernden Violine, deren „Wortschwall“ das kurze Lied eigentlich sprengt. Fein und schlank gestaltet, gelang ihm im ungarischen Weinlied „Edes Kinos emlekezet“ die schwungvolle Wende in die Zielgerade der Matinée, die die neun Künstlerinnen und Künstler mit einer schwungvollen Zugabe würzten.

Vertiefen konnte der Zuhörer sein Wissen bei den fachkundigen Gesprächsteilnehmern von Dr. Solveig Palm, die auch nach dem Konzert zu anregenden Gesprächen zur Verfügung standen.

Text: Sabine Krasemann
Photo © KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Zum Konzert

Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert – Konzert am 20.4.2018

Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Liederabend mit Soetkin Elbers und Ulrich Eisenlohr am 20.4.2018

Wie ein Liederabend im gutbürgerlichen Salon geklungen haben mag können, sich die Besucher des Liederabends am 20. April 2018 im Konzertsaal der Hochschule in Aachen klanglich nun sehr gut vorstellen. Prof. Ulrich Eisenlohr stellte den Nachbau eines Fortepiano nach Johann Fritz (Wien, 1825) gleich zu Beginn vor und verwies auf ein paar klangliche Besonderheiten. Wie viele differenzierte Möglichkeiten sich dem Pianisten um 1800 mit der Erfindung des Hammerklaviers boten, gab dem Abend eine ganz besondere Atmosphäre. Dies war nicht zuletzt deutlich hörbar an allen Stellen, an denen mittels des zusätzlichen – vierten – Pedals eine ganz spezielle, „gedimmte“ Empfindung herbeigezaubert wurde: Der „Moderator“ ermöglicht einen Klangeffekt ähnlich dem der Dämpfer bei Streichinstrumenten. Auch schick anzusehen: das Nussbaum-Furnier mit Schellack-Handpolitur (mehr über den Instrumentenbauer Michael Walker).

Mit den Komponisten Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert bekam der Flügel ein zeitgemäßes Klangkonzept angeboten. Schon bei den „Original Canzonettas“ Haydns ließen die in den Einleitungen entstehenden Stimmungsbilder, die Ulrich Eisenlohr mit dem Klavier ausleuchtete, der Sopranistin Soetkin Elbers viel gestalterische Flexibilität, so dass es eine große Freude war, den Liedern zu folgen.

Ein „Pianisten-Angebot“, das die Sängerin souverän, und mit viel Freude an den sensiblen Details, den ganzen Abend über annahm und das vielleicht in den Beethoven-Liedern am deutlichsten wurde: Ist doch ein „Ich denke dein…“-Andenken auf einem modernen Instrument kaum klangschön realisierbar, da statt graziler Akkorde wuchtige Klangbatterien die Interpreten schnell vor ein unlösbares Instrumenten-Problem stellen. In der dargebotenen Zartheit des sängerischen Ausdrucks, der dynamischen Flexibilität des Duos und der klanglichen Durchsichtigkeit im massiven Klavierpart waren die Beethoven-Lieder ein echter Hin-Lauscher. Niemand im Saal hat sicherlich die polternden Bässe eines modernen Klaviers vermisst, an deren Stelle nun massive Kulminationen erklangen.

Antonio Salieri eröffnete mit zwei „Divertimenti Vocali“ die zweite Konzerthälfte, zwei Lieder „für zu Hause“ von ausgesprochen schöner Galanterie. Mit „Drei deutsche Lieder“ verwies das Duo Elbers / Eisenlohr auch dezent darauf, dass der Kosmopolit Salieri Schubert unterwiesen hatte – und so schlossen die vier Schubert-Lieder nahtlos an. Schon nach dem ersten Lied – Ellens erster Gesang nach Walter Scott – gab es für die Sängerin Szenenapplaus für die packende Darstellung.

Konzeptionell klug gewählt verstand es Soetkin Elbers, die Imagination der Lieder auch hier mit schlüssiger Gestik zu unterstreichen. Kein Wunder, dass das Publikum eine Zugabe einforderte und mit einer zweiten „Forelle“ belohnt wurde.

Konzert am 20.4.2018

Text + Photo © Sabine Krasemann