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Die Musik als Schicksal – Interview mit Susanna Kadzhoyan

 

Die Musik als Schicksal – Interview mit Susanna Kadzhoyan

Die Pianistin Susanna Kadzhoyan begann im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspielen. Ihr Talent wurde bereits im Kindergarten entdeckt und doch hat sie ihre Leidenschaft für die Musik niemals verloren. Ein Blick auf ihren Werdegang, ihre wichtigste Lebensentscheidung und ihr anstehendes Konzert.

„Die erste Klaviermusik hörte ich vermutlich schon im Mutterleib“, erzählt Susanna Kadzhoyan. Denn auch ihre Mutter ist Pianistin und nahm sie mit zur Arbeit und zu ihren Proben. „Trotzdem wollte sie nicht, dass ich den gleichen beruflichen Weg einschlage“, erzählt Kadzhoyan. „Vermutlich, weil sie genau wusste, was dann auf mich zukommen würde.”

Die ersten Fähigkeiten am Klavier brachte ihre Mutter Kadzhoyan dennoch bei und schließlich wurde im Kindergarten erstmals ihr großes Talent entdeckt. „In der Sowjetunion war es üblich, dass Musikschulen ihre Lehrer an die Kindergärten schickten, um Nachwuchstalente zu finden“, erzählt die russische Pianistin. Obwohl sie mit sechs Jahren eigentlich noch zu jung für die Schule war, bestand sie die Aufnahmeprüfung und besuchte ab ihrem sechsten Lebensjahr die Musikschule.

„Die ersten Jahre liefen noch recht hobbymäßig ab, bis ich mit neun Jahren an einem Wettbewerb teilgenommen habe.” Dort erhielt sie nicht nur den dritten Platz, sondern auch ein Angebot für ein spezielles und renommiertes Musikgymnasium. Ihre Eltern hatten für Susanna eigentlich bereits eine Schule mit Sprachenschwerpunkt ausgesucht und stimmten dem Vorschlag nicht sofort zu.

„Aber schließlich war es dann wie Schicksal”, erzählt Kadzhoyan. „Ich bin mit meinen Eltern spazieren gegangen und wir kamen an genau dieser Schule vorbei. Meine Mutter sagte, dass man sie sich ja wenigstens einmal von Innen anschauen könne. Also gingen wir hinein und genau an diesem Tag fanden Prüfungen für das nächste Schuljahr statt. Die Frau, die meine Eltern bereits nach dem Wettbewerb angesprochen hatte, erkannte mich. Sie nahm mich an die Hand, ich durfte die Aufnahmeprüfung spontan absolvieren und wurde genommen.” Von da an absolvierte Susanna Kadzhoyan ihre weitere Klavierausbildung bei Tamara Popovich an der „Uspenskij Musikschule für musikalisch hochbegabte Kinder“ in Taschkent.

Eine bewusste Entscheidung

Schließlich ließ ihr Vater die damals Zehnjährige selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte: „Er hat mir aufgezählt, was für Möglichkeiten ich mit der Musik hätte, aber auch, worauf ich verzichten müsste.” Susanna entschied sich gegen die Sprachschule und für das Klavierspielen: „Seit diesem Tag steht außer Frage für mich, was ich machen möchte.“ Selbst als sich in ihren Kindheitstagen ihre Freunde zum Spielen verabredeten, war der angehenden Pianistin stets klar, dass erst das Üben ansteht. „Aber meine Eltern haben mich nie gedrängt. Vielleicht habe ich auch deswegen nie die Lust am Musizieren verloren.“

Mittlerweile lebt Susanna Kadzhoyan seit zehn Jahren in Deutschland und begeistert ihr Publikum weltweit. „Die größte Herausforderung zu Beginn war das Erlernen der Sprache. Doch durch die Musik konnte ich trotzdem Kontakte knüpfen und lernte an der Kölner Hochschule Elisabeth Menke kennen – sie ist noch heute meine Lied-Duo-Partnerin”, erzählt die Pianistin. Eigentlich sollte Köln damals nur eine zweijährige Station während eines Stipendiums sein. „Doch ich habe gemerkt, wie viele Möglichkeiten ich hier habe und es war toll, endlich mehr Konzerterfahrungen zu sammeln.“

Dank der Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik und Tanz, Nina Tichman, hat Susanna Kadzhoyan im Anschluss an ihr Vorspiel die Chance bekommen, an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz zu studieren und Tichmans Klasse zu besuchen. Schließlich absolvierte sie 2012 den Master of Music Klavier mit Auszeichnung und schloss 2014 ihr Konzertexamen sowie den Master in Kammermusik erfolgreich ab.

Im Anschluss unterrichtete Kadzhoyan drei Jahre „Klavier-Kammermusik“ an der Hochschule für Musik in Freiburg. Daraufhin übernahm sie die künstlerische Leitung der Konzertreihe „Bechstein Young Professionals“ in Köln, dozierte bis zum Jahresbeginn 2019 am Klavier an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und ist mittlerweile selbstständig als Konzertpianistin tätig. Nun lebt sie in Düsseldorf.

Die Freude an den Proben

„Es gibt so viele Dinge, die ich an der Musik liebe! Ich kann einerseits tolle Musik spielen, kann dank der Noten Neues erlernen und nachdem ich intensiv geprobt habe, anspruchsvolle Werke erklingen lassen – das macht extrem zufrieden”, schwärmt Kadzhoyan noch heute, wenn man sie nach ihrer Leidenschaft fragt. „Außerdem ist es ein Mittel, um sich auszudrücken, wenn man etwas nicht selbst in Worte fassen kann. Durch das Proben kann ich mir immer wieder neue Energie holen.“ Vor Konzerten spielt sie bis zu zehn Stunden täglich. Durchschnittlich sind es zwischen vier und acht Stunden. „Aber bereits als Kind habe ich täglich vier Stunden gespielt, das ist einfach total drin und Normalität für mich.“

Außerdem macht ihr das Üben mindestens genauso viel Spaß, wie das Konzerterlebnis: „Es gibt viele, die hassen das Üben. Aber mir macht es sehr viel Spaß – deswegen unterrichte ich bestimmt auch so gerne”. Kadzhoyan wünscht sich, künftig einmal ihre eigene Klasse zu haben.

Aktuell bereitet sie sich mit der Sopranistin Elisabeth Menke auf das Konzert am 1. September 2019 vor. Unter dem Titel „Musik als Lebenselixier“ präsentieren Menke und Kadzhoyan Werke von Grieg, Schubert, Schumann und R. Strauss. „Wir präsentieren schöne Musik, die dennoch in die Tiefe geht und bestimmt Stoff zum Nachdenken mit nach Hause gibt.“

Am Lied faszinieren die Musikerin besonders zwei Aspekte: „Es ist einerseits toll zu sehen, wie Komponisten die Vertonung in Musik umsetzen und den gleichen Gedichten mit verschiedenen musikalischen Mitteln Ausdruck verleihen.“ Weiter sei es faszinierend, wie kurze Lieder so viel beinhalten können: „In wenigen Zeilen wird etwas gesagt, für das man sonst eine ganze Seite benötigen würde. Es passiert so viel in den Liedern und das ist eine absolute Besonderheit dieser Gattung.“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

Photo © Susanna Kadzhoyan | Mischa Blank

Zwischen Verfeinerung und Schlichtheit

“Es wäre toll, wenn die Neue Musik es schafft, einen größeren Kreis zu erreichen.” – Interview mit Christoph Maria Wagner

Christoph Maria Wagner ist Pianist, Komponist und Dirigent. Er studierte Komposition und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und unterrichtet dort selbst seit 1995. Im Interview erzählt er von dem geplanten „Etwas anderen Liederabend“ und verrät, was für ihn das Kunstlied zu etwas Besonderem macht.

Wagners Wunsch ist es, mit seinen Stücken und auf Konzerten nicht nur spezielle Expertenkreise anzusprechen, sondern stets auch weitere Menschen für das Kunstlied und seine Facetten zu begeistern. „Es wäre toll, wenn die Neue Musik es schafft, einen größeren Kreis zu erreichen“, sagt Christoph Maria Wagner. Gemeinsam beschäftigten er und die weiteren Kölner Komponisten Ralf Soiron und Stefan Thomas sich mit Texten von Hermann Broch, Robert Gernhardt und Charles Bukowski und komponierten Stücke für die Veranstaltung „Der etwas andere Liederabend“, die am Freitag, 30. August 2019 erklingt.

Ergänzend werden Stücke von Ursula Mamlok zu hören sein, darunter die „Four German Songs“ nach Texten von Hermann Hesse sowie kurze Klavierstücke, die im Rahmen der ganzheitlichen Konzeption des Abends sowohl Augenblicke der Reflexion und des Innehaltens darstellen als auch Übergänge zwischen den Liederzyklen schaffen.

Kultur als verbindendes Element

Als verbindendes Element zwischen der Komponistin Ursula Mamlok und dem Schriftsteller Charles Bukowski werden biografische Überschneidungen der Künstler genannt: Beide wurden in Deutschland geboren und lebten dennoch die meiste Zeit ihres Lebens in Amerika. Mamlok stammte aus einer in Berlin lebenden jüdischen Familie und Bukowski war Sohn eines in Andernach stationierten Soldaten. Sie beide hatten stets eine intensive Beziehung zur deutschen Kultur, wenngleich ihre Umsetzung oftmals nicht unterschiedlicher hätte sein können.

„Die Texte von Bukowski sind gleichermaßen kultig wie deftig, einfach ein wenig anders“, sagt Wagner. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit seinen Werken – von den Kurzgeschichten über die Romane und Gedichte – schrieb der Komponist Stücke für Bariton und Klavier, die er in diesem Liederabend präsentiert werden. Besonders mit den gewählten „Bukowski-Songs“ möchte Wagner zeigen, dass der Schriftsteller mehr war, als viele annehmen: „Es gibt eine Verbindung von der oberflächlichen Rauheit und dem empfindsamen Inneren.“

Weiter führt der Komponist aus: „Bei der Vorbereitung auf den Abend haben wir uns bewusst gegen das Konventionelle entschieden und sind dem Genre des Klavierliedes trotzdem treu geblieben.“ In dieser selbstgewählten Beschränkung etwas Neues und Abwechslungsreiches zu entdecken, ist die Besonderheit des zusammengestellten Programms. „Es ist für mich persönlich sehr reizvoll, mich so eines altehrwürdigen Genres zu bedienen und gleichermaßen damit zu überprüfen, wie es in der Gegenwart noch funktioniert.“

Die Kunst der Verfeinerung

Eine ganz besondere Balance aus Verfeinerung und Schlichtheit macht für ihn ein kunstvolles Lied aus. Als persönlichen Höhepunkt benennt er darin die Lieder von Robert Schumann. Die Intimität des Kunstliedes sei eine weitere Besonderheit der Gattung. „Das ist kein Genre für die ganz große Bühne, sondern für einen kleineren Kreis – so war es schon immer“, erklärt der 52-Jährige. Im 20. Jahrhundert kippte die Balance zwischen Schlichtheit und Verfeinerung vielfach auf die Seite des Verfeinerten, Zerbrechlichen: „Es ist eben stets eine Gratwanderung zwischen diesen Polen“.

Umso mehr strebt Christoph Maria Wagner für den anstehenden Liederabend musikalische Direktheit an. Bewusst hätten er und seine Kollegen daher die Stücke in deutscher Sprache ausgewählt, um so für alle Zuhörer den Inhalt zugänglich zu machen.

Lieder für die heutige Lebenswelt

Der Komponist Ralf Soiron beispielsweise präsentiert „Lieder des Bewusstseins“ nach Texten von Georg Heym, Ernst Stadler und Günter Kunert für Frauenstimme und Klavier sowie Lieder nach Gedichten von Hermann Broch für Bariton und Klavier. Stefan Thomas präsentiert Lieder nach Texten des Satirikers Robert Gernhardt für Sopran und Klavier. Die Gesangssolisten sind Pia Davila (Sopran) und Peter Paul (Bariton).

Für den Komponisten Christoph Maria Wagner ist Musik in jeder Hinsicht etwas Besonderes: „Beim Komponieren passiert ganz viel der Arbeit im Kopf, bei Konzerten wiederum gibt es eine ganz andere Form des Glücksgefühls. Die Musik gibt einem die Möglichkeit, etwas Schönes zu schaffen, sich selbst und andere in Schwingungen zu versetzen.“

Mit seinen Lied-Kompositionen wünscht sich Wagner, innerhalb des Genres auf neue Art zu überzeugen. „Wenngleich viele ältere Stücke wunderschön sind, sind sie teilweise doch sehr weit entfernt von unserer heutigen Lebenswelt.“ Er erhofft sich, dass eine direktere Ebene, wie sie auch bei dem Liederabend erzeugt werden soll, den Einstieg in die Kunstform erleichtert.

Das Gespräch mit Christoph Maria Wagner führte Elena Sebening.

Photo © Christoph Maria Wagner

Interview mit Doriana Tchakarova und Konstantin Krimmel

„Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Partner finde, mit dem ich mich musikalisch so ergänze.“ – Doriana Tchakarova

Interview mit Doriana Tchakarova und Konstantin Krimmel

Ihr Programm „Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?“ haben Sie ja bereits mehrfach gespielt. Verstehen Sie beide sich da mehr als Musiker oder als Erzähler?

Konstantin Krimmel: Wir haben mit der Zeit gemerkt und erfahren, dass uns diese Balladenform, diese Form der Geschichten, sehr am Herzen liegt. Mir macht es persönlich sehr viel Spaß, diese Geschichten zu lesen, zu erfahren und auch zu erzählen. Ich finde, das Lied ist eine kleine Oper für sich, in fünf bis sechs Minuten, es hat alle Höhen und Tiefen, Hoffnung und Verderben – es ist alles drin, was man so braucht für ein gutes Stück. Darum haben wir uns auch darauf konzentriert.

Frau Tchakarova, Sie sind ja die Erfahrene von Ihnen beiden. Haben Sie gleich gewusst, dass Sie da jemanden erwischt haben, mit dem es gut passt?

Doriana Tchakarova: Am Anfang wusste ich einfach, dass er wahnsinnig begabt ist. Aber so wie Sänger in ihrer Entwicklung sind, sind sie erstmal sehr viel mit Technik beschäftigt. Deswegen wusste ich von Anfang an, dass es phantastisch passt, aber die Entwicklung kam ein wenig später.

Es ist ja nicht unbedingt selbstverständlich, dass ein Duo so gut funktioniert, dass es praktisch fest miteinander auftritt. Wie haben Sie zueinander gefunden? Warum passt es so gut?

Konstantin Krimmel: Wir arbeiten jetzt seit eineinhalb bis zwei Jahren intensiv zusammen. Warum es so gut passt, wissen wir tatsächlich auch nicht. [lacht] Es sind vermutlich übernatürliche Kräfte am Werk, die uns da zugute kommen. Zu verdanken ist es der Musikhochschule Stuttgart, weil ich da noch als Student bin und meine Pianistin dort einen Lehrauftrag als Korrepetitorin hat. Darüber hinaus hat sich dann mehr entwickelt. Wir haben eine sehr gute Basis gefunden, so dass wir für uns sehr, sehr schöne Musik machen können. Und scheinbar kommt die auch gut an.

Sie haben gemeinsam ihre erste CD eingespielt? Was haben wir da zu erwarten?

Konstantin Krimmel: Sie wird Saga heißen und erscheint am 20. September 2019. Wir wollten einen internationalen Titel, auch wenn es alles deutschsprachige Lieder sind. Es ist wie bei unserem Programm: Wir wollen Geschichten nehmen, die uns ansprechen, allein von der Geschichte selbst. Dann kommt natürlich die Komposition, die Vertonung durch die unterschiedlichen Komponisten dazu. Da gibt es fantastische Sachen, wo wir auch sagen, da entspricht die Vertonung dem, wie wir uns den Text vorstellen. Es gibt natürlich auch Sachen, da geht man nicht ganz mit dem Komponisten. Aber nichtsdestotrotz sind diese Balladen und Erzählungen unfassbar starke Stücke. Und wir haben eben die Erfahrung gemacht, dass diese Stücke auch sehr gut ankommen, wenn man es denn schafft, sie gut zu erzählen. Doriana versucht auch, nicht nur zu spielen und die Töne abzuklappern, sondern den Text in der Musik wiederzugeben.

Doriana Tchakarova: Saga ist außerdem die nordische Göttin der Geschichte. Großteils sind es die Stücke, die wir auch im Programm spielen. Jensen, Loewe und Schumann sind auf der CD. Schubert auch, aber mit anderen Stücken. Hugo Wolf als Spätromantiker müsste man auf einer CD vielleicht woanders platzieren, im Programm passt er gut zu Jensen.

Die Frage an Sie, Frau Tchakarova: Er hat ja den Vorteil, auch die Sprache als Instrument einsetzen zu können. Was bedeutet das für Sie, wie gehen Sie da ran?

Doriana Tchakarova: Konstantin ist wirklich so inspirierend in seiner Erzählung, dass es mir nicht unbedingt schwer fällt, am Klavier mitzuerzählen. Es ist auch interessant zu schauen, wie von Komponist zu Komponist der Klavierpart gesetzt ist. Zum Beispiel bei Loewe, da hört man Vögel zwitschern oder Bachplätschern. Das macht Loewe natürlich fantastisch, dass er das, was im Text ist, auch sehr malerisch darstellt. Da ist es leichter als zum Beispiel bei Schubert, wo das Klavier eher im Hintergrund ist, aber wahnsinnig viel von der Spannung hat, um dem Sänger das nötige klangliche Umfeld zu bieten und dann die Geschichte sehr stark zu präsentieren. Darin liegt natürlich das Reizvolle und Spannende – das zu differenzieren.

Wie soll es weitergehen? Wollen Sie auf diesem Programm – und der CD – aufbauen?

Konstantin Krimmel: Auf jeden Fall möchten wir darauf aufbauen. Wir hoffen natürlich, dass die CD gut ankommt und sich das herumspricht, was wir machen. Es gibt auch schon Ideen für weitere Projekte. Wir möchten gerne ein wenig das Lied wieder aufleben lassen. Gemeinsam mit den ganzen anderen, die gerade unterwegs sind als Liedsänger und -sängerinnen, als Pianisten und Pianistinnen, möchten wir das Lied mit neu gestalten.

Warum überhaupt das Lied, warum dieses Genre?

Konstantin Krimmel: Weil es unheimlich viel Spaß macht. Von der pragmatischen Seite her ist es außerdem unheimlich gut zu bewerkstelligen, weil es nur zwei Leute und ein Klavier braucht. Es ist nicht abhängig von einem großen Apparat wie eine Oper oder ein Oratorium. Es ist viel kleiner und intimer; dadurch hat man auch eine größere Möglichkeit, herauszuholen, was es herauszuholen gibt – und so Kunst zu machen, wie man es sich vorstellt. Diese Lieder sind einfach – sooft sie auch schon gespielt und interpretiert wurden – immer wieder neu. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und einen eigenen Weg. Jeder hat seine eigene Geschichte zu einer Winterreise von Schubert. Die klingt dann auch anders. Und ich denke, dass die auch zu Gehör gebracht werden darf – und auch sollte.

Doriana Tchakarova: Es ist auch einfach reizvoll und spannend, so minimalistisch auf der Bühne mit zwei Menschen – und damit Leute in seinen Bann zu ziehen. Wir sind auch beide als Charaktere sehr unterhaltsam und genießen das unheimlich. Und es kommt hinzu: Wir sind beide ohne das Lied aufgewachsen und haben unseren ganz eigenen Zugang im Studium gehabt und dadurch vielleicht eine andere Frische, es darzustellen. Viele Sänger haben es praktisch mit der Muttermilch aufgesogen, für die ist das Lied, ist Fischer-Dieskau ein Begriff. Ich komme aus Bulgarien und kannte es nicht. Ich habe es mit etwa 20 zum ersten Mal gehört. Das spielt vielleicht auch eine Rolle. Vielleicht sind wir dadurch in der Darstellung besonders authentisch.

Bekommen Sie das vom Publikum auch so gespiegelt?

Konstantin Krimmel: Auf jeden Fall. Ich kann dazu eine Geschichte erzählen: Beim Wettbewerb in Weikersheim gab es ein kleines Lied-Finale, wo wir drei Lieder zum Besten geben durften – unter anderem Belsazar von Schumann und Odins Meeresritt von Loewe. Im Publikum saß eine Nonne, die kam am Ende auf uns zu und sagte, sie sei so froh, hier gewesen zu sein. Sie habe eigentlich mit der ganzen Materie nichts zu tun und kenne sich gar nicht aus, aber sie sei so froh, diese Geschichten gehört zu haben. Sie habe richtig die Bilder vor sich gesehen, sagte sie. Sie hat Odin vor sich gesehen, sie hat diesen völlig gestörten Belsazar vor sich gesehen, wie er Gott ablästert und sich über alle erhebt. Und diese Bilder waren für sie so stark. Das ist natürlich das größte Lob und das größte Glück, das man als Sänger bekommen kann: dass man von solchen völlig unbefangenen Menschen, die eben keine Interpretation schon im Ohr haben, wie es vielleicht sein sollte oder wie sie es gerne hätten, gesagt bekommt: „Wow, das war so toll. Das möchte ich noch einmal hören.“ Etwas Besseres kann man sich gar nicht wünschen.

Doriana Tchakarova: Es ist halt auch die Liebe. Wir lieben diese Texte und diese Lieder. Und wann man mit Liebe und Hingabe an die Stoffe herangeht, dann entsteht etwas Interessantes.

Was wünschen Sie sich selbst für den Auftritt beim Liedsommer?

Konstantin Krimmel: Was man sich immer wünscht, ist ein aufmerksames Publikum, das gerne da ist und das offen ist für Neues. Ich glaube, wir haben auch für jeden etwas dabei. Wir versuchen immer, die Programme so zu gestalten, dass es auch Abwechslung gibt, Höhen und Tiefen, auch mal Schweres. Und ich glaube, da haben wir etwas zusammengestellt, wo nachher jeder rausgehen kann und etwas mitnimmt: vielleicht einen Ohrwurm, vielleicht einfach Eindrücke, die ihn persönlich sehr bewegt haben.

Doriana Tchakarova: Aber natürlich hat das Ganze einen roten Faden.

Konstantin Krimmel: Natürlich, das war uns auch bei der CD sehr wichtig. Darum gibt es auch einen Text dazu, der die Dramaturgie darstellt.

Herr Krimmel, Sie sind ja noch im Studium, wie geht es denn für Sie weiter?

Konstantin Krimmel: Ich habe noch ein Jahr bis zum Abschluss. Und dann kommen hoffentlich viele schöne Projekte. Aber der Fleiß, das Studium hört ja nie auf – beim Gesang, wie auch bei allen Instrumenten. Die Freischaffenheit, die ich jetzt im Studium habe und die ich schon lebe, würde ich gerne weiterleben und am liebsten alle drei Sparten bedienen: Lied, Konzert und Oper. Ich bin dann aber offen für alles, was angefragt wird.

Frau Tchakarova, fürchten Sie nicht, dass Sie ihn dann verlieren müssen an große Opernhäuser?

Doriana Tchakarova: Ich möchte das Lied-Duo natürlich gerne weiterführen, denn ich glaube nicht, dass ich einen anderen Partner finden werde, mit dem ich mich so musikalisch verstehe und ergänze. Allerdings ist er natürlich Sänger – und er muss in die Oper. Ich unterstütze ihn unglaublich dabei, wenn Vorsingen an der Oper oder andere Projekte angesagt sind, die seiner Klasse entsprechen. Ich habe einfach Vertrauen, dass das andere darunter nicht verloren geht. Dass das bleibt, wenn wir beide das wollen. Ich glaube, Lied wird er immer machen. Natürlich wünsche ich mir, dass er das mit mir macht.

Konstantin Krimmel: Es profitiert ja auch voneinander, rein stimmlich und technisch gesehen. Unsere große, gemeinsame Leidenschaft ist und bleibt das Lied, und das möchten wir in die Welt tragen.

Mit dem Duo sprach Christiane Nitsche Mitte Juli 2019 anlässlich des Konzerts in Köln am 29.8.2019.

© Photo Krimmel / Tchakarova | Daniela Reske

Interview mit Christina Messner

„Eine ganz besondere Wachheit“

Christina Messner ist Musikerin und Komponistin. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit, laufenden Projekten und der Herausforderung, als Frau den beruflichen Weg der Komponistin zu gehen.

Wenn Christina Messner von ihrer Arbeit erzählt, beginnen ihre Augen zu strahlen und es wirkt, als könnte sie ewig schwärmen von all den Möglichkeiten, die ihr als Musikerin und Komponistin offenstehen. Bereits seit ihren Kindheitstagen ist die 49-Jährige fasziniert vom Musizieren und sogar vom Komponieren: „Ich habe alte Notenhefte wiedergefunden und tatsächlich habe ich schon als Kind erste Versuche gestartet.“

Mit fünf Jahren hielt sie das erste Mal eine Blockflöte in ihren Händen. Sie kam aus der Schule nach Hause und übte direkt weiter, weil ihr das Musizieren so viel Spaß bereitete. „Ab dem Moment war meiner Mutter klar, dass man mich fördern muss“, sagt sie und lacht. Im Alter von acht Jahren beginnt Messner schließlich mit dem Geige spielen und hat die Lust daran nie verloren. „Außerdem habe ich schon immer viel und gerne gesungen, was bis heute viele meiner Stücke prägt. Die Lust an Sprache und Gesang kam schon ganz früh, so die Musikerin.

Schließlich absolvierte sie ihr Musikstudium zwischen 1991 und 1996 in Würzburg mit dem Hauptfach Violine und dem Wahlfach Komposition. Es folgte eine zusätzliche Ausbildung in Improvisation bei Harald Kimmig in Freiburg. Mittlerweile lebt und arbeitet Christina Messner in Köln.

Der Reiz des Experimentellen

Bereits vor dem Studium schrieb Messner erste Stücke: „Mir war immer klar, dass ich auch nach der Uni nicht den klassischen Weg in ein Orchester einschlagen werde. Eigene musikalische Projekte umsetzen war schon länger mein Ziel.” Und das macht sie bis heute: Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Verknüpfung unterschiedlicher Sparten und interdisziplinären Ansätzen. Besonders in den Bereichen Neue Musik, Improvisation und Performance widmete sie sich verschiedensten Projekten und Konzerten.

„Natürlich gibt es bereits wunderschöne klassische Stücke, aber das Experimentelle hat mich immer gereizt“, sagt die Musikerin. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich für das freiberufliche Arbeiten: „Ich wollte mir etwas ganz Eigenes suchen und seit dem Studium setze ich Projekte um.“

In den ersten Jahren ist Messner häufig als Performerin aufgetreten und hat als Musikerin auf der Bühne gestanden. In den vergangenen Jahren lag ihr Fokus eher auf der Komposition. „Das ist allerdings keine Entscheidung gegen das Musizieren, es hat durch Aufträge dahin entwickelt.“

Die große Offenheit für musikalische und künstlerische Stile spürte die Komponistin schon früh in sich und setzt sie noch heute auf kreativste Weise um. Selbst während des Musikstudiums mit klassischen Lehrern spielte sie nebenbei in einer Punkband.

Der Zauber der Schaffensphase

Aktuell arbeitet Christina Messner an einer Komposition für Irene Kurka (Sopran) und Martin Wistinghausen (Bass), die als Duo das Stück zum Thema „Aus Höhe und Tiefe“ im September 2019 bei Konzerten in Düsseldorf und Köln präsentieren werden. Der Beginn solch eines Werkes beginnt bei der Komponistin oft erst im Kopf, beispielsweise mit der Überlegung, welche Texte vertont werden sollen und – wenn man die Interpreten kennt – was zu den entsprechenden Sängern passt. Dennoch gäbe es keinen vorgegebenen Arbeitsablauf: „Es kann immer sein, dass ich ganze Teile wieder verwerfe und neu entwickle.“ Doch während solch einer Schaffensphase, ist Messner die ganze Zeit aufmerksam: „Auch wenn man gerade nicht arbeitet, man sammelt ständig, nimmt Dinge wahr. Ich liebe diese ganz besondere Wachheit und diese Art, die Welt wahrzunehmen.” Die interdisziplinäre Arbeit und die damit verbundene Grenzüberschreitung von Genres gibt ihr immer wieder die Chance, Neues zu lernen.

Außerdem geht es ihr darum, die Neue Musik aus ihrem Elfenbeinturm hervorzuholen. In den vergangenen Jahren arbeitete sie vermehrt in öffentlichen Räumen und gestaltete Projekte, bei denen Laien und Profis der Neuen Musik gemeinsam etwas kreierten. „Wenn man Verschiedenes zusammenbringt, was auf den ersten Blick nicht so ganz passt, kann daraus was Tolles entstehen und man holt die Musik zurück ins Leben.“ Das ist für Christina Messner auch einer der Aspekte, den sie in der Auseinandersetzung mit dem Lied wiederfindet.

Die Tatsache, dass sie eine der wenigen weiblichen Komponistinnen ist, begleitete Christina Messner ihre ganze Laufbahn – mal mehr, mal weniger. „Natürlich weiß ich nicht, wie es mir als Mann ergangen wäre, aber da waren einige Situationen, in denen ich anders behandelt wurde als meine Kollegen.” Im Studium in Würzburg war sie beispielsweise die einzige Frau in den Kompositions-Kursen. „Ich scheine genau die Generation dazwischen zu sein. Zahlreiche Frauen vor mir haben sich bereits einiges erkämpft, dennoch gab und gibt es noch einige Hürden für meine Generation”, findet die 49-Jährige.

Der Weg zur Komponistin

Sie sei in einer schwäbischen Kleinstadt mit der Meinung aufgewachsen, dass Frauen nicht komponieren können: „Das tauchte einfach nirgends auf.“ Selbst bis zum Ende ihres Studiums hörte Christina Messner immer wieder den Satz: „Aber du bist doch eine Frau”, wenn sie erzählte, dass sie Komponistin sei. Dennoch sie sich sicher: „Die Generation, die heute studiert, hat es wieder ein Stück weit einfacher.” Auch wenn längst noch nicht alles gleichberechtigt ablaufen würde: „So viele Jahre war es in den Köpfen der Frauen, dass sie gewisse Dinge nicht umsetzen können. Es wird dauern, bis das ganz verschwunden ist.”

Dennoch stand für Christina Messner immer fest, dass sie sich von ihrem Traumberuf nicht abbringen lässt. Sie hofft auf eine Zukunft, in der Komponistinnen gleichberechtigt auf Festivals auftreten und in den Musikprogrammen vorkommen: „Da ist noch immer eine große Schieflage. Die Aufmerksamkeit für das Thema sei weiterhin von großer Relevanz. So blickt sie sehr interessiert auf das Liedwelt Konzert, welches sich zu Clara Schumanns 200. Geburtstag dem Thema Komponistinnen widmet.

„Ich wünsche allen Frauen, ein natürliches Gefühl und gesundes Selbstbewusstsein für ihre Berufswahl. Es wäre wünschenswert, wenn man sich künftig nicht mehr solche Gedanken machen müsste weil das Gleichgewicht hergestellt wurde.”

Ihren Weg würde Christina Messner trotzdem immer wieder so gehen: „Der Beruf hat so viele Facetten. Ich kann schreiben, mir Zeit zum Denken nehmen, mit Musikern zusammenarbeiten, genieße die Probenarbeit, spiele selbst Geige, unterrichte und mache all das mit jeder Faser gern!“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

 

© Photo: Liedwelt Rheinland

Interview mit Silke Hartstang

„Das Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich“

Die Mezzosopranistin Silke Hartstang im Interview mit der Liedwelt Rheinland

Liebe Frau Hartstang, wie sind Sie zur Musik und zum Lied gekommen?

Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie meine Mutter mir als Kind etwas vorgesungen hat, das war denke ich der Anfang. Ich bin die erste Musikerin in meiner Familie und habe zunächst im Bereich der Popmusik begonnen Musik zu machen. Vor der Aufnahme meines Studiums an der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat meine erste Gesangslehrerin meine Faszination für das Lied erweckt. Lieder wie zu Beispiel „Der Erlkönig“ oder „Gretchen am Spinnrade“ haben mir ganz neue Welten eröffnet, die Welt des Zusammenspiels mit dem anderen Instrument und die Frage: wie haben die Leute damals, vor vielen, teilweise hunderten von Jahren ihre Gefühle und Gedanken ausgedrückt und in Musik gefasst? Ich habe früher auch eigene Lieder komponiert und da hat mich diese Frage natürlich sehr neugierig gemacht. Diesen Weg der Neugierde bin ich dann weitergegangen.

Apropos Zusammenspiel: Sie und Elnara Ismailova bilden seit 2002 zusammen das Liedduo „Due passioni“. Was bedeutet der Name für Sie beide und wie gestaltet sich Ihre künstlerische Zusammenarbeit?

Wir beide haben zwei Leidenschaften – „Due passioni“: Elnara das Klavier und ich den Gesang. Beim Zusammenspiel dieser zwei Leidenschaften mit ihrem Licht und ihrem Schatten entsteht im Einklang miteinander oder auch rivalisierend im gesunden Sinne Spannung, die zusammen weitergetragen oder gegeneinander aufgebaut wird. Der Name ist erst während unserer Zusammenarbeit entstanden, beim Erleben dieser künstlerisch beflügelnden Spannung beim Erarbeiten von Stücken. Und je weiter man in der Musikgeschichte zum Beispiel vom Barock an die Gegenwart herankommt, desto mehr erlebt man das Lied auch als Kunstform des Duos, Klavier und Gesang als gleichberechtigte Partner.

Sie musizieren also Liedprogramme, die vom Barock bis an die Gegenwart heranreichen. Haben Sie da besondere Lieblinge, Repertoire, das Ihnen besonders am Herzen liegt, einen Schwerpunkt?

Nein, da lasse ich mich immer von meiner Neugierde und meinem Entdeckergeist leiten – ich lasse mich gerne überraschen! Jede Stilistik bietet einen eigenen Zugang zur Musik und zeigt einem vorher Unbekanntes, das man für sich entdecken kann. Letztes Jahr haben Elnara Ismailova und ich das Programm „Weltempfinden“ mit vielen Stücken aus dem zeitgenössischen Repertoire gespielt. Da war es für mich sehr interessant, Bruchstücke aus vorangegangenen Epochen, dem Barock oder auch der Romantik in den zeitgenössischen Liedern zu finden.

Liegt denn Ihr Schwerpunkt vielleicht auf dem Entdecken selbst?<

Ja, genau! Ich entdecke auch sehr gerne noch unbekanntes, wenig gespieltes Repertoire. Bei diesen unbekannten Stücken ist es eine schöne Herausforderung, dass man keine Interpretationsvorgaben hat. Man kann im Zusammenspiel mit dem Klavierpartner oder anderen Instrumentalisten herausfinden, was die Musik mit einem macht und eine eigene Interpretation ausloten, die noch nicht von Rezeptionsgeschichte und Interpretationstradition beeinflusst ist.

Das finde ich auch sehr interessant beim Musizieren von Liedern in anderen Sprachen. Zu entdecken, wie Sprachmelodie und Melodie in einer anderen Sprache zusammenkommen fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Sie singen Lieder auf Deutsch, Aserbaidschanisch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Spanisch und Russisch! Wahnsinn! Wie gehen Sie da ran?

Zunächst kommt natürlich das Übersetzen des Textes und dann ist es ein bisschen wie beim Kochen (lacht). Es ist ein Abschmecken: wo wollen die Melodie und der Text hin, wo will die Sprachmelodie hin, wo der Vokal, wo geht der Klavierpart hin? Es ist ein Erfühlen, ein Abtasten und Ausprobieren. Im Falle des Aserbaidschanischen zum Beispiel hatte ich Elnara als Sprachcoach. Aserbaidschanische Musik ist ja in Deutschland noch immer sehr unbekannt und wir haben ein gesamtes Programm dieser Musik gewidmet.

Wie unterscheidet sich für Sie das Musizieren in Ihrer Muttersprache vom Musizieren in einer Fremdsprache? Ergeben sich vielleicht andere Bilder?

Ich erlebe beim Musizieren in anderen Sprachen vor allem neue Klangfarben, die sich in Verbindung mit der neuen Sprachmelodie entfalten. Und natürlich erfährt man auch andere Stilistiken, andere kulturelle Hintergründe, im aserbaidschanischen Lied erlebt man zum Beispiel sehr stark den Einfluss des Orients. Ich finde es aber auch sehr faszinierend, wie viele Gemeinsamkeiten Musik und speziell Lieder aus den unterschiedlichsten Kulturen haben. Es gibt eine gemeinsame Basis – wie ein Baum, dessen Blüten je nach Sprache unterschiedlich ausgeformt sind.

Wie sehen Sie Ihre künstlerische Arbeit am Lied in Beziehung zu Ihrer Arbeit in anderen Genres, zum Beispiel auf der Opernbühne oder im Popbereich?

Ich würde die unterschiedlichen Genres nicht so trennen. Viele Opernkomponisten haben ja auch Lieder komponiert, manche kennt man gar nicht so, zum Beispiel Lieder von Verdi. Natürlich sind die Zeitdimensionen in Oper und Lied sehr unterschiedlich, die Handlung und Entwicklung vollzieht sich in einer Oper über mehrere Akte, im Lied, wenn es nicht in einem Liedzyklus eingebunden ist, innerhalb weniger Minuten, aber die Kompositionen bewegen sich in einer gemeinsamen kompositorischen Welt. Genauso würde ich auch mein künstlerisches Schaffen als Sängerin nicht nur einem Genre zuordnen.

Was mich immer fasziniert hat: wieviel Anziehungskraft das Lied heute noch für die Menschen hat. Ich denke, das liegt zum großen Teil an der Direktheit des Ausdrucks, der Kombination von Wort und Melodie und der ist sowohl heute als auch vor hunderten von Jahren im Lied festgehalten und übt eine beständige Faszination auf die Menschen aus. Er trifft sie direkt. Lied ist ein Lebensbegleiter, es war und ist immer da. Ich erinnere mich da zum Beispiel sehr gerne an meine Oma, ihr Lieblingslied war „Es waren zwei Königskinder“, das sie immer anstimmte, als ich noch sehr klein war.

Ich selbst habe mit der Popmusik begonnen und bin auch in diesem Genre weiterhin aktiv. Es ist eigentlich nicht weit entfernt vom Kunstlied und eng verbunden mit dem Volkslied. Popmusik erfordert natürlich eine andere Gesangstechnik als das Kunstlied, aber in beiden Genres teile ich mich den Menschen mit, sie sind immer kommunikativ. Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich. Es übermittelt immer eine verbale und nonverbal-musikalisch ausgedrückte Mitteilung, sei es im Poplied oder im Volkslied oder im Kunstlied quasi als zweifache Nachricht mit dem Duopartner an das Publikum.

Stichwort Kommunikationspartner: Ihr nächstes Programm im Rahmen des Liedsommers ist ein Programm zusammen mit einem dritten Instrument, können Sie schon mehr verraten?

 Ja, das Programm heißt „Il corno und ich werde gemeinsam mit Armin Schmack von der Rheinischen Philharmonie am Horn und Karlheinz Lindemann am Klavier musizieren. Hier ist es sehr spannend, dass auf einmal drei Ideengeber da sind, das ergibt noch einmal eine völlig andere Energie! Auf dem Programm stehen zum Beispiel „Das Alphorn“ von Richard Strauss und „Auf dem Strom“ von Franz Schubert. „Das Alphorn“ von Richard Strauss zeigt eine eher unbekannte Facette seines Liedschaffens. Es ist eine frühe Komposition, die Richard Strauss seinem „lieben Papa“ gewidmet hat, inspiriert von Klängen des Alphorns und der Natur. Es erinnert an die Ursprünglichkeit der Musik, des Liedes, des Singens.

Weitere Vorhaben sind ein Liederabend im Oktober mit Julia Keuter anstelle des ausgefallenen Benefizkonzertes vom März mit Werken von Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Strauss und Rachmaninoff. Außerdem plane ich für nächstes Jahr wieder ein Programm mit Elnara Ismailova- aber das ist noch ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt!

Das Interview führte Milena Knauß am 22.05.2019

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© Photo: Liedwelt Rheinland

Interview mit Desar Sulejmani

“Ich spiele wie ein Dirigent und dirigiere wie ein Pianist.“ – Interview mit Desar Sulejmani

 

Herr Sulejmani, Sie sind Pianist, Dirigent, künstlerischer Leiter, Repetitor, Dozent, Kultur-Manager, Vereinsgründer, Orchesterleiter, Kammermusiker und noch einiges mehr. Darf man Sie einen Musicaholic nennen?

Natürlich kann man das so sagen (lacht). Ich habe viele Interessen, was musikalische Tätigkeiten angeht. Das kann ich so ausleben. Und ich war immer neugierig, andere, noch nicht erforschte Bereiche der Musik kennenzulernen. Ich sehe mich selbst auf der einen Seite als Künstler, Musiker und Dirigent – auf der anderen Seite aber auch als Organisator und Veranstalter. Dazu unterrichte ich auch gerne und leite einige Kurse, außerdem eine Akademie im Ausland. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass der Tag zu kurz ist.

Genau danach wollte ich fragen: Wie muss man sich einen normalen Tag bei Ihnen vorstellen? Haben Sie ein geheimes Zeitkonto, von dem Sie dem Tag zusätzliche Stunden borgen?

Ich versuche, regelmäßig und genügend Klavier zu üben, vor allem morgens. Ich übe sehr gerne morgens, das kenne ich seit meiner Kindheit in Albanien. Wir mussten ganz normal in die Schule, aber das war eine besondere Musikschule, wie man sie aus Russland kennt. Und weil der Unterricht um 8 Uhr begann, bin ich sehr früh aufgestanden. Das hat sich mir so eingeprägt. Manchmal stehe ich auch schon um 4 Uhr oder 5 Uhr morgens auf, um zu üben, weil das auch die beste Zeit dafür ist. Da ist man noch frisch im Kopf. Danach geht es mit Bürozeit weiter – je nachdem, was ich gerade organisiere. Dann geht es meistens zum Unterrichten. Und am Abend habe ich meist Proben mit Orchestern und Chören oder Konzerte und was sonst für einen normalen Musiker üblich ist. Manchmal bin ich sehr viel unterwegs, weil die Projekte auch von A bis Z verstreut sind. Es ist eben ein zeitaufwendiger Beruf. Das ist aber auch kein Problem, ich liebe das. Manchmal könnte der Tag halt einfach ein paar Stunden mehr haben um alle Sachen unter einen Hut zu bringen.

Wieviel Schlaf haben Sie dann noch im Durchschnitt?

Fünf/sechs Stunden. Viel mehr ist es nicht. Aber manchmal gibt es Tage, wo ich keine Probe habe. Dann könnte ich mir vorstellen, dass ich etwas früher als sonst ins Bett gehe.

Woher kommt diese Umtriebigkeit? Sind Sie ein Suchender oder werden Sie einfach nicht satt? Gibt es einen Auslöser dafür?

Zunächst ist die Liebe, etwas Neues zu erforschen. So wie jetzt, zum Beispiel, wenn es darum geht, mit meiner Kollegin Judith Hoffmann neue Lieder zu erkunden, kennenzulernen und einzustudieren. Oder auch neue Projekte zu realisieren oder auch zu gründen. Wenn man meinen Lebenslauf verfolgt, sieht man, dass ich es mag, Dinge zu gründen, zu formen und sie ins Leben zu führen. Ich bin auch jetzt gerade dabei, zwei große Projekte im Ausland zu realisieren – ein großes Orchester in Südosteuropa und eine neue Ausrichtung für meine Akademie in Kosovo. Das ist für mich wichtig, weil ich dadurch etwas Gutes zurückgeben kann von dem, was ich hier gelernt, erfahren und erlebt habe. Ich lebe nun seit mehr als 21 Jahren in Deutschland, bin auch deutscher Staatsbürger. Das ist meine Heimat geworden. Ich denke deutsch und fühle albanisch. Es war immer eine Art Spagat zwischen Deutschland und Albanien. Ich sehe es darum heute als persönliche Aufgabe, davon etwas zurückzugeben, was mich heute ausmacht, dadurch, dass ich hier gelebt habe.

Sie sind 40 Jahre alt, also noch vergleichsweise jung. Sie sind ja eigentlich noch dabei, Ihre Karriere weiter aufzubauen. Aber gleichzeitig spricht aus Ihren Worten eine Haltung, die viele erst am Ende eines Berufs- und Lebenswegs einnehmen. Sie tun beides parallel?

Es geht mir in erster Linie darum, dass eine Sache, die ich mache, lange Bestand hat. Ich mag einmalige Projekte nicht unbedingt so sehr. Es braucht Zeit, diese Dinge auf die Beine zu stellen. Wenn es dann klappt, ist es irgendwann praktisch ein Selbstläufer. Dadurch, dass ich viel reise, kommen mir viele Gedanken und Ideen, wenn ich Auto fahre. Die versuche ich dann am Schreibtisch umzusetzen.

Ich bin natürlich auch schon auf die Schnauze gefallen, wie jeder Mensch. Aber das hat mich nicht davon abgehalten, wieder etwas Neues anzufangen.

Gibt es Beispiele für Dinge, die nicht geklappt haben, und aus denen Sie dann gelernt haben?

Auf meinem musikalischen Weg gab es Momente, wo ich dachte: Da habe ich mir mehr erhofft. Kammermusik zu machen, zum Beispiel. Dadurch, dass sich viele Kollegen nach den Studien verstreuen, weil jeder woanders ein Engagement findet, sind zwei bis drei gute Projekte, die wir in dieser Zeit aufgebaut hatten und die mir persönlich wichtig waren, zu Ende gegangen. Wir hatten einfach nicht mehr die Zeit und Nähe miteinander, weil Deutschland eben ein großes Land ist. Ich habe Kollegen, die leben 800 Kilometer entfernt. Wären wir in meiner alten Heimat Albanien gewesen, würden wir heute noch zusammen spielen. Aber: Wenn wir uns treffen, egal wie viel Zeit vergangen ist, ist die damalige Stimmung sehr schnell wieder zu erleben. Und das ist etwas Besonderes. Dieses Erlebnis, diese Art von großer musikalischer Zuneigung habe ich leider nicht mehr in dem Sinne – bis auf Judith Hoffmann. Natürlich sind die neuen Sachen genauso wichtig, aber manchmal ist es so: Ich liebe Kammermusik sehr, aber ich habe gelernt, dass das eine Betätigung im Leben eines Künstlers ist, die sehr behutsam gepflegt werden sollte. Das ist mit hohen sozialen Kompetenzen der jeweiligen Musiker verbunden. Das heißt, man muss daran arbeiten, genau wie in einer guten Freundschaft, einer Ehe, einer ganz normalen menschlichen Beziehung. Diese Art von Zuneigung, dieses voneinander lernen und miteinander Musik zu machen – das ist etwas Wichtiges, etwas Persönliches. Wenn man das lange Zeit machen kann: Das ist ein Geschenk. So wie mit meiner geschätzten Kollegin Judith Hoffmann.

Sie kennen Judith Hoffmann auch schon vom Studium her. Was zeichnet ihre Zusammenarbeit aus?

Wir kennen uns seit etwa 20 Jahren. Ich weiß nicht mehr, wann wir das erste Mal miteinander musiziert haben. Aber es ist schon sehr lange her. Es gab Zeiten, wo wir nichts miteinander zu tun hatten, weil sie eben auch 600 Kilometer weit weg gewesen ist. Dann kam sie zurück und da haben wir uns wieder gefunden. Wenn es etwas Wahres ist, was einen früher verbunden hat, dann hält das auch. Dann trägt man das mit sich.

Wie entstand die Idee für das Mahler-Konzert? Was verbindet Sie persönlich mit den Liedern Alma Mahlers?

Es ist ein Impuls von Judith gewesen. Sie hatte sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigt. Dann kam sie eines Tages, brachte Noten mit und sagte: Hör dir das mal an. Ich hatte zufälligerweise kurz zuvor angefangen, die Erinnerungen von Alma Mahler zu lesen. Obwohl ich eigentlich nicht an Zufälle glaube. Wobei Judith den ersten Impuls gab, ich war eher von der historischen Seite der Alma Mahler interessiert. Mit ihren Liedern hatte ich mich noch nicht so beschäftigt. Dadurch, dass ich sie jetzt besser kennenlerne, finde ich das schade. Wir finden sie beide als Persönlichkeit sehr interessant. Und wenn wir uns wie jetzt intensiv mit dem Programm beschäftigen, finden wir es immer wieder interessant, sie, ihre Gedanken und ihre Zeitgenossen vorzustellen. Egal, ob man sie mag oder nicht. Wir versuchen, neutral zu sein, die Persönlichkeit darzustellen, ohne Teil des Urteils zu sein. Unser Anliegen ist es, ihre Vorstellung musikalisch zu begleiten. Alles andere darf und soll der Zuschauer, darf das Publikum erleben und natürlich auch die eigene Meinung bilden. Möglichst ohne Vorurteile. Sie ist eine umstrittene Persönlichkeit, zweifelsohne.

Wobei Sie sich in ihrer Umtriebigkeit doch durchaus wiederfinden können, oder?

Ja genau (lacht). Ich finde es interessant. Für manche ist es anstrengend, das gebe ich zu. Aber diese Neugierde muss irgendwie gestillt werden. Man hat nicht selten das Gefühl, etwas zu verpassen. Das kann ich sehr gut verstehen. Aber das ist im Grunde gut. Es macht einen lebendig. Aber für einen selbst kann es sehr ermüdend sein.

Das Konzept für das Mahler-Programm haben Sie schon im vorigen Jahr erfolgreich im Liedsommer auf die Bühne gebracht. Gibt es Veränderungen, wenn Sie es nun wieder spielen?

Nein, wir haben nichts verändert – nichts an der Dramaturgie und an der Reihenfolge der Lieder. Aber es kann schon sein, dass wir noch das eine oder andere Lied tauschen oder die Ordnung ändern. Glauben tue ich es aber weniger, denn für uns war das Ganze aus einem Guss, so wie wir es erlebt haben. Außerdem folgt das Ganze einem roten Faden.

Musikalisch ist es natürlich immer ganz anders. Das ist immer so, wenn wir miteinander musizieren. Dadurch, dass wir uns so gut kennen, gibt es da einen großen Spielraum für spontanes Musizieren. Ich kenne ihren Atem sehr gut. So gut, dass ich blind um drei Uhr nachts mit ihr musizieren könnte und sie als Pianist auf den Händen tragen könnte. Ich denke, das weiß sie auch. Das musikalische Vertrauen ineinander ist sehr groß.

Für jemanden, der stets Neues versucht – ist da die Wiederholung nicht eine besondere Herausforderung? Keine Angst vor Langeweile?

Langweilig wird es für mich nicht. Wir haben das letzte Mal vor ein paar Monaten das Programm gespielt, und seither haben wir uns als Musiker entwickelt. Durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat, und die ich gemacht habe, kommen wir ganz anders zueinander als vor fünf oder sechs Monaten. Von daher ist es jedes Mal ein Wiedertreffen, da wo wir aufgehört haben. Und da machen wir weiter. Das ist das Spannende daran. Es kann viel Zeit vergehen, aber es ist jedes Mal, als wäre es gestern gewesen. Wir sprechen auch oft über die Intensität, die sich da musikalisch einstellt.

Vor allem im Liedbereich braucht es diese Intensität. Das habe ich schon in meinem Studium erlebt. Wenn man die nicht herstellen kann, ist man da fehl am Platz. Man muss auch in der Lage sein, das sehr schnell abzurufen.

Wenn wir noch einmal an den Anfang des Gesprächs gehen. Welche der genannten Tätigkeiten würden sie gern intensiver verfolgen?

Komponist bin ich im Grunde nur für mich oder meine Kinder. Dafür fehlt mir einfach die Zeit. Ich würde gerne etwas mehr experimentieren können. Vielleicht etwas weniger Organisatorisches. Im Grunde bräuchte ich einen Assistenten, der so wie ich denkt, ohne dass ich mich erklären muss. Das ist das Dilemma (lacht).

Ich würde auch gerne mehr Lieder komponieren, im Bereich des Kunstliedes. Vor vier bis fünf Jahren habe ich begonnen, einen Liederzyklus zu komponieren. Es sollten acht Lieder werden. Bisher sind nur zwei fertig geworden. Was ich sehr schade finde, weil es auch gute Texte gibt. Ich mache mir dann Notizen, aber bis auf ein paar kleine Motive, die irgendwo versteckt sind, habe ich es nicht geschafft, weil ich eben auch einen hohen Anspruch habe. Aber das ist etwas, dass ich gerne auch mit Judith machen würde – für sie etwas komponieren, das wir dann im Rahmen eines Programms präsentieren könnten. 2019 wird das nichts, weil ich sehr viel zu tun habe. 2020 vielleicht auch noch nicht. Aber zwischendurch werde ich es vielleicht versuchen.

Ansonsten bin ich froh, wenn meine Projekte klappen, so wie ich sie angelegt habe. Aber ich mache auf jeden Fall weiter, wo meine Gedanken mich hin führen. Nicht erfüllten Sachen trauere ich nicht nach.

Sie sind ja noch vergleichsweise jung – da bleibt doch noch Zeit für Pläne?

Ja, das stimmt. Das Leben ist aber doch nicht sooo lang. Es kann ziemlich schnell vergehen. Wenn ich zurückdenke, denke ich: Es ist schon so viel passiert.

Beim Alma-Mahler-Programm treten Sie auch hinter dem Klavier hervor. Wenn Sie nicht Pianist geworden wären – wären Sie gerne Sänger?

Ich war immer eher der Mensch, der ohne Worte auf die Bühne gegangen ist. Was meine Stimme betrifft, war ich ein introvertierter Mensch. Aber nachdem ich teilweise gezwungenermaßen es machen musste, habe ich mit den Jahren auch Spaß daran gefunden. Ich habe keine Scheu mehr. Früher hätte ich gesagt: Ich kann nicht singen. Das tue ich nicht mehr. Wenn ich etwas vorsinge, was ja in meinem Beruf nicht unüblich ist, denke ich, dass man das schon anhören kann. Aber ich würde nicht sagen, ich wäre gerne Sänger geworden, nein. Ein Sänger, vor allem ein Opernsänger, muss darstellen, muss schauspielern, sich präsentieren. Ich bin eher der, der von unten aus dem Orchestergraben das Ganze mit meinen Händen organisieren und zusammenfügen möchte. Diese erste Rolle überlasse ich gerne anderen. Wenn ich unten gut bin, dann habe ich mehr als genug getan, um den anderen zu helfen. Das ist letztendlich auch das Wesentliche. Ich muss kein Sänger sein. Dafür bin ich Pianist und Dirigent. Ich liebe es, mit Sängern zu arbeiten und finde es immer faszinierend, was mit der Stimme alles möglich ist.

Mein großes Glück ist, dass ich die beiden Berufe Pianist und Dirigent miteinander kombinieren kann. Mir ist beides sehr wichtig. Ich spiele wie ein Dirigent und ich dirigiere wie ein Pianist.

 

Das Interview führte Christiane Nitsche Ende Mai 2019.

 

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Interview mit Lucas Singer

„Wenn jemand die Loewe-Balladen am Leben halten kann, dann sind es vielleicht wir Bässe.“ – Interview mit Lucas Singer 

 

Herr Singer, Sie haben zuletzt im April 2019 an der Oper Köln bei Walter Braunfels’ Heiliger Johanna mitgewirkt, die gleich auf mehreren Ebenen eine Parabel über Widerstand und Selbstzweifel ist. Wie gelingt danach der Umstieg in die Romantik der Liedwelt?

Für uns Opernsänger ist es ja völlig normal, zwischen den Epochen und Stilen zu springen. Das gehört zum Alltag dazu. Es ist täglich Brot, dass man flexibel bleibt. An der Oper Köln spielen wir zwar momentan durch das Interim bedingt ensuite, aber an den meisten deutschen Stadt- oder Staatstheatern kann es durchaus passieren, dass man an einem Abend eine Händel-Oper singt, am nächsten Tag die Zauberflöte und am Tag drauf vielleicht Wagner. Da muss man einen Weg für sich finden. Die Stile muss man sich aneignen und danach auch wach halten. Natürlich gibt es Spezialisten, die sich beispielsweise verstärkt auf das barocke Repertoire verlegen, oder auf die Romantik. Aber das kann man sich als Ensemble-Mitglied eines solchen Theaters nicht immer leisten. Allerdings ist das auch etwas, das großen Spaß macht. Ich genieße es sehr, einen Abend dies zu machen und den nächsten etwas ganz unterschiedliches.

Es ist also eher Freude als Herausforderung?

Schon eine Kombination aus beidem. Ich singe ja auch viele Konzerte im Oratorienfach und ähnlichem, und das ist natürlich wieder etwas ganz anderes. Es kann sein, dass sonntags morgens eine Bach-Kantate ansteht und abends dann Parsifal. Aber das eine bedingt ja zum Teil auch das andere. Ich genieße es jedenfalls, das Breitgefächerte machen zu können. Das mag nicht jeder, das weiß ich. Ich schon.

Erklärt sich so auch die Programmauswahl für die Loewe-Matinée?

Die Loewe-Balladen sind im Grunde kleine Mini-Opern. Denen schadet es nicht, wenn man da mit etwas opernhaftem Gestus reingeht. Bei Schubert ist es anders, aber ich würde sagen, das lässt sich gut vereinbaren.

Gibt es denn bei aller Liebe zum großen Repertoire so etwas wie Favoriten?

Die deutsche Romantik und Spätromantik – das ist ein Stil, den ich sehr mag. Strauß und Wagner, das ist fantastische Musik. Aber auch in der Symphonik: Bruckner und Mahler. Für mich ist das Musik zum Reinlegen und Eintauchen. In einen Wagner-Ring kann man sich richtig versenken. Das liegt mir sehr. Aber ich mag auch die italienische Romantik: Verdi, Puccini. Das singe ich sehr gerne. Mozart-Opern sind auch fantastisch. Als ich noch Klavier studiert habe, habe ich auch Debussy sehr gerne gespielt. Brahms, Bach… Ich liebe die Bach-Passionen. Je länger ich darüber nachdenke: Es fällt mir schwer, mich festzulegen.

Ich liebe Schubert. Leider gibt’s von Schubert nicht viel für die Oper. Oder Gott-sei-Dank – ich weiß es nicht (lacht). Aber Schubert instrumental, das ist fantastisch; die Klaviermusik finde ich unglaublich toll. Und die Lieder sowieso.

Was ist es, was Sie sich versenken lässt?

Wenn ich an die Oper denke, ist es die Üppigkeit, das Überbordende, was vielleicht manchmal auch ein bisschen kitschig sein mag. Was mir bei Verdi und Wagner in den Sinn kommt, sind diese riesig instrumentierten Szenen und die langen musikalischen Bögen. Das sind wirklich Welten, in die man eintauchen kann. Auf der anderen Seite ist es auch das Gefühlsbetonte, wobei das interessanterweise bei den Liedern, die ich für unsere Matinée von Schubert ausgewählt habe, nicht so im Vordergrund steht. Bei Loewe ist es eher das Balladenhafte, das vielleicht auch nicht so sehr auf eine gefühlsmäßige Innenwelt zielt.

Was charakterisiert denn die Stücke, die bei der Loewe-Schubert-Matinée auf dem Programm stehen? Ist es das Drama?

Was bei beiden, also Loewe und Schubert, in unserem Programm Thema ist, sind die „Grenzen der Menschheit“. So auch der Titel eines der Schubert-Lieder und des Programms vom 9.6.2019. Es geht um die Zwischenwelt, die Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits, da wo die irdische Welt immer wieder verhandelt wird.

Bei Loewe ist es oft ein bisschen wie beim Tatort. Es hat etwas vom Krimi. Ewig lang gibt es diese ungeklärte Situation, der Krimi spitzt sich zu und dann kommt am Ende in den letzten zwei Takten die Auflösung oder einer ist plötzlich tot. Die Romantik hat eben auch dieses Erzählerische. Das finde ich sehr spannend.

Steht das Programm schon? Können Sie schon verraten, welche Lieder dabei sein werden?

„Grenzen der Menschheit“ auf jeden Fall. Schuberts „Sehnsucht“, und eines seiner „Abendrot“-Lieder. Wir überlegen außerdem, die „Fahrt zum Hades“ reinzunehmen. Ein sehr lustig-makaberes Lied ist das „Totengräberlied“: quasi eine Dankes-Ode des Totengräbers an seinen Spaten, der ihm den Lebensunterhalt ermöglicht. Ich weiß aber noch nicht, ob es reinkommt. Dann gibt es „Auf der Donau“, wo der Schiffer mit seinen Gedanken in eine Zwischenwelt abdriftet. Beim Erlkönig sind wir noch nicht hundertprozentig sicher – wahrscheinlich wird es nicht der Schubert, sondern der Loewe. Der würde natürlich super passen. Aber es besteht immer die Gefahr, dass man nur die Bekannten nimmt. Wahrscheinlich machen wir auch den „Nöck“.

Diese Loewe-Balladen, das ist ein Universum. Da gibt es soviel zu entdecken. Es gibt sehr viel Material. Ich fürchte, nicht alles, was ich gerne machen möchte, passt rein. Ich habe aber ein paar Lieder ganz neu für mich entdeckt. „Tod und Tödin“, zum Beispiel, wo es darum geht, wie der Tod und seine Frau ihren Alltag gestalten. Das ist eine ganz süße Miniatur, ein super Stück. Leider wird Loewe nicht mehr so viel gespielt. Darum dachte ich mir: Zum 150. Todestag, da kann man noch mal gezielt viel Loewe machen.

Haben Sie eine Idee, warum Balladen generell weniger populär geworden sind?

Ich glaube, das liegt daran, dass da so wenig Raum für Interpretation auf verschiedenen textlichen Ebenen ist, weil die Ballade im Grunde einfach eine Erzählung ist. Das, was gesagt werden soll, wird gesagt. Und die Gefahr ist, dass man das vielleicht manchmal Kitschige darin, das nicht so unglaublich Doppelbödige, als einfach abstuft. Aber ich habe das Gefühl, dass das, wenn man sie ernst nimmt, durchaus unterhaltend sein kann. Es gibt schon etwas nachzudenken, und auch mitunter den Fingerzeig. Vielleicht ist die Gefahr: dass es auf den ersten Blick zu simpel wirkt und zu kitschig. Loewe kann durchaus auch etwas hausbacken wirken. Vielleicht sind wir Bässe auch etwas einfach gestrickt (lacht). Aber ich finde, gerade für die Bässe gibt es da sehr dankbare Sachen. Ich habe ja viel mit Kurt Moll gearbeitet, der die Loewe-Balladen sehr geliebt hat. Und wenn jemand die Loewe-Balladen am Leben halten kann, dann sind es vielleicht traditionell wir Bässe.

Sie sprachen von der technischen Ebene, über die Sie sich die Breite an Repertoire erhalten. Gibt es daneben noch andere Wege für Sie, sich auf diese Welt einzustimmen?

Wenn ich von der Oper ausgehe, sind es die Rollen, die sich anbieten; dass man sich da reingibt. Technisch ist es wie bei einem Instrumentalisten auch. Ein Geiger muss seinen Bogen bei einem Barockstück anders führen als bei einem romantischen. Das ist bei uns ähnlich. Je weiter es in die Moderne geht, wird es mehr Sprechgesang, zum Beispiel. Auf der inhaltlichen Ebene geht es über die Rollen und natürlich über den Text. Das ist der Vorteil eines Sängers, dass er den Text hat, der Vorgaben macht. Da ist das Fahrwasser schon in eine Richtung geklärt.

Das bringt mich zu einer anderen wichtigen Frage: Was hat Sie denn bewogen, vom Klavier zum Gesang zu wechseln?

Gute Frage. Weniger Üben! (lacht) Aber im Ernst: Ich komme aus einer Sängerfamilie und habe mich zuerst auf ein anderes Feld verlegt – wohl, weil das zuhause schon belegt war. Ich habe lange nicht gesungen. Aber irgendwann hat es mich doch wieder eingeholt. Im Klavierstudium hatte ich Pflichtfach Gesang, musste also singen. Darüber bin ich langsam wieder dazu gekommen. Es hat mir dann immer mehr Spaß gemacht und irgendwann hat’s mich dann doch gepackt. Und ich dachte mir: Probier’s doch einfach aus. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung in Köln bestanden, und es ist immer so weiter gegangen. Parallel habe ich noch Kunst- und Kulturmanagement studiert, weil ich eigentlich gar nicht so sehr in die ausübende Richtung gehen wollte.

Aber das Singen hat schleichend immer mehr Raum eingenommen. Wenn man sich dann doch intensiv mit der Sache auseinandersetzt, packt es einen. Als ich den Studienplatz bekam, dachte ich: Jetzt versuchst du es auch. Zuerst habe ich dann noch nebenbei Klavier unterrichtet, aber irgendwann war klar: Das Singen war raumgreifend geworden. Als ich dann ins Opernstudio Köln kam, war klar: Ich muss mich jetzt auf diese eine Sache konzentrieren.

Nichtsdestotrotz spiele ich natürlich viel Klavier, um meine Stücke einzustudieren oder um Stücke kennenzulernen. Das ist mein Vorteil: dass ich mir vieles selbst aneignen kann, wofür ich sonst einen Repetitor bräuchte. Insofern ist das Klavier schon immer noch dabei, aber ich gehe nicht mehr auf die Bühne damit. Und da komme ich zu dem, was ich zuerst sagte: Klavier braucht Minimum vier bis fünf Stunden Üben am Tag. Die habe ich einfach nicht mehr zur Verfügung.

Sie haben ja dafür nun mit Elnara Ismailova eine versierte und viel gepriesene Liedbegleiterin an ihrer Seite.

Genau. Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen. Sie war meine Repetitorin in der Hochschule und auch in verschiedenen Meisterkursen. Wir kannten uns schon vor meinem Studium und haben uns dann an der Hochschule wieder getroffen, in Essen und in Köln. In letzter Zeit kommen wir leider nicht mehr so viel dazu, etwas zusammen zu machen, weil die Oper doch sehr raumgreifend ist und viel Zeit in Anspruch nimmt. Umso mehr freut es mich, dass wir jetzt dieses schöne Programm miteinander musizieren werden.

Wie viel Zeit widmen Sie dem Singen täglich?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich morgens Probe an der Oper habe und abends eine weitere Probe oder Vorstellung, sehe ich zu, dass ich dazwischen Ruhe habe. Je mehr Oper ich singe, umso mehr merke ich, dass die Stimme zwischendurch Erholung braucht. An meinen freien Tagen versuche ich aber schon, mich Minimum zwei bis drei Stunden mit der Sache zu beschäftigen. Das kann Notenlesen sein, Technikübungen, Textlernen; das ist wie Fingerübungen am Klavier. Aber natürlich gibt es auch Tage, wo ich mich vier bis fünf Stunden einschließe, um meine Sachen zu lernen. Dann singe ich aber nicht die ganze Zeit.
Sie sind jetzt 36 Jahre alt. Wie sehen Sie Ihre Zukunft – was kann und soll noch kommen?

Ich genieße es momentan sehr, in Köln meinen Hauptsitz zu haben und fest am Haus zu sein. Die Perspektive ist aber sicher, dass man mehr und mehr freischaffend macht. Das ist die klassische Laufbahn. Aber ich glaube, ein Stammhaus würde ich gerne behalten. Die Verbundenheit zu einem Ort, die gibt mir viel. Ich glaube, ich brauche immer zumindest so etwas wie eine Teilbasis. Und ich genieße es sehr, dass das momentan die Oper Köln ist, in dieser schönen Stadt.

Zum Schluss die vielleicht wichtigste aller Fragen: Was bedeutet es Ihnen, ein Sänger zu sein?

Das Klischee – aber auch die Wahrheit – ist, dass man sein eigenes Instrument ist. Dass es eine andere Stufe von Erleben ist, wenn man selbst den Klang produziert, als wenn es über ein Medium wie ein Instrument passiert. In Kombination mit dem schauspielerischen Aspekt, also in eine Rolle zu schlüpfen – das ist noch mal eine ganz andere Ebene. Sie haben immer diese drei Faktoren: Sie müssen Künstler, Instrument und Rolle sein. Diese Kombination macht es kompliziert, aber auch total spannend. Und sehr erfüllend.

 

Das Interview führte Christiane Nitsche.

© Photo: Lucas Singer |  www.lucassinger.com

Interview mit Konstantin Paganetti

„Das Lied ist für mich eine der schönsten und natürlichsten Arten mit Menschen in Kontakt zu treten.“ – Interview mit Konstantin Paganetti

 

Konstantin Paganetti ist 23 Jahre alt und studiert an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln Gesang. Am 8. Mai 2019 ist der Bariton in einer Jacques Offenbach Revue im Kölner Domforum zu hören, die im Rahmen des Liedsommer 2019 geplant wurde. Im Interview erzählt er von seinen ersten musikalischen Berührungspunkten und was das Lied für ihn bedeutet.

Der Bariton Konstantin Paganetti wuchs in einem musikalisch geprägten Elternhaus in Neuwied am Rhein auf. Der 23-Jährige studiert seit 2015 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln Gesang bei Christoph Prégardien. Paganetti ist gefragter Solist und Ensemblesänger und verbrachte bereits Zeit bei Chorproben und Gesangstunden, bevor er sprechen konnte.

„Meine Eltern sind Kirchenmusiker und haben viel für Alte Musik übrig. Schon als Kind wurde ich von ihnen an das Kunstlied herangeführt“, erzählt er. Der musikalische Geist der historischen Aufführungspraxis liegt Konstantin besonders am Herzen. Nachdem er in den Kinderchören seiner Mutter gesungen hatte, wirkte er in der Kantorei St. Matthias Neuwied mit. Weitere musikalische Impulse erhielt er vor allem von seinem Vater im Kammerchor Neuwied, aber auch im Landesjugendchor Rheinland-Pfalz und im Kölner Kammerchor von Peter Neumann.

Mit der Zeit entwickelte Paganetti ebenfalls ein großes Interesse für historische und moderne Tasteninstrumente. Regelmäßig setzt er in Liederabenden auch seinen Hammerflügel als Begleitinstrument ein. Vor allem die außergewöhnlichen Klangfarben der alten Instrumente reizen ihn sehr. „Besonders spannend wird es, wenn man in einem Konzert beispielsweise Mozart-, Haydn- und Beethoven-Lieder auf einem Instrument der Wiener Klassik und romantische Kunstlieder auf einem modernen Konzertflügel präsentieren kann. Das ist zwar sowohl für mich als Sänger, als auch für den Pianisten eine große Herausforderung – für das Publikum aber eine willkommene klangliche Abwechslung und Differenzierung. Wir dürfen da nie aufhören neue Wege zu gehen“, findet der Sänger.

Neben Cello- und Klavierunterricht begann er vor zehn Jahren Gesangsunterricht bei seinen Eltern zu nehmen. Mittlerweile studiert er an der Kölner Musikhochschule Gesang und freut sich, die künstlerische Ausbildung mit all ihren praktischen Einheiten und dem individuellen Einzelunterricht dort genießen zu dürfen. „Wir haben in den letzten Semestern des Bachelors viele Möglichkeiten und Freiheiten.“ Konstantin Paganetti wird voraussichtlich 2020 seinen Bachelor beenden. Wo er sein Studium im Master weiterführen wird, steht noch nicht fest.

Kammermusik in Reinform

Klar ist jedoch, dass er sich auch in Zukunft intensiv mit der Gattung Kunstlied beschäftigen wird. „Das Lied trifft den Menschen ganz unmittelbar und wenn man sich als Zuhörer nicht komplett verschließt, können wir Künstler zusammen mit dem Publikum neue Welten entdecken. Dann berühren uns die Lieder auf intensive Weise“, sagt der 23-Jährige. Für ihn ist das Lied „Kammermusik in Reinform“ und „eine der schönsten und natürlichsten Arten mit Menschen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren“. Durch das Lied könne man sich auf unterschiedlichste Weise verwirklichen. Sowohl die Beschäftigung mit den Liedtexten, als auch das Erarbeiten großer Liedzyklen sei stets eine erfüllende Herausforderung. „Ich frage mich dann immer was mit dem lyrischen und erzählenden Ich passiert, möchte den Text durchdringen verstehen, bevor ich ihn selbst interpretiere“, sagt Paganetti.

Einen Zugang müsse man selbst finden, ob durch den Text oder die Musik. Eine große Ehre sei für ihn die künstlerische Zusammenarbeit mit anderen Liedgrößen wie den Pianisten Michael Gees und Christoph Schnackertz, mit denen er 2018 erstmalig zusammen Liederabende gestaltete. Als weitere musikalische Höhepunkte beschreibt er seine Aufführungen der Winterreise von Franz Schubert zusammen mit dem Pianisten Eric Schneider im Jahr 2017.

Konzert mit Eric Schneider

„In den letzten fünf Jahrhunderten europäischer Musikgeschichte wurde unfassbar viel gute Musik geschrieben, ich entdecke immer wieder Neues.“ Die Musik und die Beschäftigung mit Liedern habe ihm durch unterschiedliche Lebensphasen geholfen. „Die Musik gehört zu den wenigen Dingen des Lebens, die einen nie im Stich lassen und immer für einen da sind. Das ist schon ein ganz großer Luxus.“

In neue Charaktere schlüpfen

Am 8. Mai 2019 wird es im Kölner Domforum die Premiere einer Jacques Offenbach Revue geben. Gemeinsam mit Schauspielern wird der Abend kammermusikalisch inszeniert und bringt die Charaktere lebhaft in eine ganz neue Operette auf die Bühne. „Auf Stichwort schlüpfen wir in unterschiedlichste Rollen“, verrät Paganetti.

Neben dem Lernen für die Hochschule und neuem Repertoire sowie Proben seien auch Auszeiten wichtig. „Da aber alles viel Freude macht und genau das ist, was ich machen möchte, investiere ich gerne meine Zeit“, so der Bariton. Der Kontakt mit Kollegen und die vielfältigen Möglichkeiten und Arbeitsfelder als Lied- und Konzertsänger machen für ihn den Reiz seiner Arbeit aus. „Meine Eltern haben mich zum Glück immer auf meinem Weg unterstützt.“

In Zukunft möchte sich der 23-Jährige auch weiterhin mit dem Lied auseinandersetzen: „Es ist privat und unmittelbar, möchte Menschen berühren und Welten entdecken“.

Das Interview führte Elena Sebening am 13. März 2019.

 

© Photo: Liedwelt Rheinland | Michael Wegener

Interview mit Liedduo Heinzen-Mead

„Die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind für uns eine unglaubliche Bereicherung“

Interview mit Franziska Heinzen und Benjamin Mead

„Die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind für uns eine unglaubliche Bereicherung“ – Heike Paulsen sprach für die Liedwelt Rheinland mit den Liedduo Heinzen-Mead.

An diesem windigen Rosenmontag habe ich das Glück, gleich zwei außerordentliche junge Künstler in einem ihrer Stammcafés in Düsseldorf zu treffen: Franziska Heinzen und Benjamin Mead. Anlässe sind zahlreiche vorhanden – zum einen das April-Konzert der Reihe „Im Zentrum Lied“ in Köln mit dem die Liedwelt Rheinland auch den diesjährigen Liedsommer eröffnet und zum zweiten der geplanten Konzerte zu Clara Schumanns 200tem Geburtstag.

„Klangspektren“ widmet sich dem modernen und zeitgenössischem Liedgut. Worauf können wir uns an diesem 24. April in Köln freuen?

Wir haben ein Programm zusammengestellt, das seinen äußeren Rahmen durch den Schwerpunkt auf das Liedgut des 20. und 21. Jahrhunderts erhält. Dieses – eher ungewohnte – Repertoire soll keinesfalls abschrecken, sondern vielmehr neugierig machen: Denn sprechen wir einerseits von Komponisten, die wie Arnold Schönberg und Richard Strauss noch die Höhen und Tiefen der Tonalität in ihrem gesamten Spektrum ausloteten, andererseits von unseren Zeitgenossen Manuela Kerer, Moritz Eggert, Alexander Muno und Wolfgang Rihm, die hundert Jahre danach das Kunstlied in der klassischen Kombination von Klavier und Gesang immer noch weiterentwickeln.

Das klingt ungemein interessant! Wie kam es zu diesem Projekt?

Unser Preis als Sieger des internationalen Liedduowettbewerbs Lied&Lyrik Rhein-Ruhr 2017 in Ratingen war mit einer Einladung in die Konzertreihe „Im Zentrum Lied“ verbunden und mit der schönen Auflage seitens der künstlerischen Leiterin Ingrid Schmidthüsen, genau solch einen spannenden Liederabend zusammenzustellen. Wir haben so die Möglichkeit genutzt, Lied-Zyklen, die uns schon länger begleiten, wie die Ophelia-Lieder von Wolfgang Rihm und Richard Strauss mit anderen, speziell für dieses Projekt ausgesuchten Stücken zu verbinden, wie beispielsweise die 4 Cleopatra-Charakteren von Alexander Muno.

Uns erwartet mehrheitlich Shakespeare?

Nicht so sehr Shakespeare, sondern die starken Frauengestalten, denen er und auch andere Dichter künstlerische Denkmäler gesetzt haben: Das Lied eröffnet ja in ganz intimer Weise die Möglichkeit, Emotionen zu verdichten und auszudrücken, und wir möchten das Publikum auf diese ganz besondere Reise durch die Jahrhunderte mitnehmen und das Spektrum der inneren menschlichen Erlebenswelten ausloten.

Es ist bei weitem nicht Ihr erstes gemeinsames Projekt?

Nein, seit wir vor etwa fünf Jahren erstmals zusammen musiziert haben – damals noch als Studierende an der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule – haben wir sehr viel und unterschiedliches Repertoire zusammen erarbeitet sowie mit Konzertkonzeptionen experimentiert. Aus dieser Zeit stammt auch die Zuneigung zur literarischen Frauengestalt der Mignon aus Goethes Wilhelm Meister, der wir am Konzertabend – allerdings in der Schubert Vertonung – ein Denkmal setzen werden. In den vergangenen Jahren ist zwischen uns eine künstlerische Verbundenheit erwachsen, die in der Form nicht selbstverständlich ist: Es muss gerade in der Kammermusik, beziehungsweise im Liedduo zwischenmenschlich, musikalisch, aber auch in der Vorstellung, wie viel Zeit dafür investiert wird, übereinstimmen. Die Liedkunst bietet gerade neben Oratorien oder Opern eine individuelle Gestaltungsfreiheit; die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind eine unglaubliche Bereicherung. Und natürlich freuen wir uns, dass unser Musizieren und unsere Programmation Anklang findet: Beim Rhonefestival in der Schweiz und auch beim Schumannfest Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Liedsommer Rheinland dürfen wir dieses Jahr einen weiteren Liederabend präsentieren, der sich anlässlich des 200. Geburtstages von Clara Schumann ausschließlich Werken von Komponistinnen – 20 an der Zahl – widmen wird.

Das in Ihrer Heimat gegründete Rhonefestival für Liedkunst findet in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal statt, Frau Heinzen?

Die erste Edition war ein sehr schöner Erfolg, der ermutigte, weiterzugehen. Ich denke, die Mischung zwischen Konzerten im wunderbaren Rittersaal des örtlichen Barockschlosses sowie ein buchstäbliches Zugehen auf das Publikum durch open air-Konzerte an ungewöhnlichen Orten oder das Lied in neuen Formaten ist sehr ansprechend: Wir möchten die Menschen mitnehmen, zeigen, dass das Lied mit den Komponenten Musik und Literatur mit seinen großen und tiefen Emotionen Teil eines jeden Menschen ist. Und in diesem Sinne keine Kunst auf einem Sockel. Und ich denke, dass sich nicht nur Schubert sehr darüber gefreut hätte, zu sehen, wie sich plötzlich ein Publikum neben der rauschenden Rhone mit einem Glas Wein zu Liedern versammelt!

Herr Mead, ebenso wie Frau Heinzen sind Sie in den letzten Jahren viel unterwegs – es ist ein Glücksfall, zwei Kosmopoliten wie Sie heute beide hier in Düsseldorf, Ihrer früheren Wirkungsstätte, gemeinsam zu treffen.

Ja, seit vergangenem Jahr studiere ich an der Royal Academy of Music „Piano Accompaniment“, das heißt Kammermusik und Liedgestaltung. Der Studiengang bietet mir eine hervorragende Möglichkeit, mein Repertoire als Klavierpartner intensiv auszubauen. Gleichzeitig ist es spannend, in einer Metropole wie London mit all ihren Konzertangeboten und Eindrücken zu leben und das – insbesondere deutsche – Kunstlied, ja den gesamten Musikbetrieb sprichwörtlich von einer anderen Seite zu sehen. Gleichzeitig war es ein persönlicher Wunsch, als in Deutschland aufgewachsener Engländer einem Teil meiner Wurzeln nachzuspüren. Und die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren bereits gesammelt habe, wirken hier natürlich fort. Jüngst erspielte ich mir den Webb Award für Liedbegleiter – das ist natürlich eine schöne Bestätigung für meinen Entscheid, mich der Liedkunst und Kammermusik zu widmen.

Herzlichen Glückwunsch hierzu und vielen Dank für das Gespräch, Frau Heinzen und Herr Mead!

Das Interview führte Heike Paulsen am 4. März 2019

Das Instrument Stimme

 

Das Instrument Stimme

Der Singstimmtag am 11. Mai 2019 gehört mit zum diesjährigen Liedsommer von Liedwelt Rheinland. Viele unterschiedliche Veranstaltungen präsentieren und beleuchten das Kunstlied auf vielfache Weise. Elena Sebening hat mit Mathias Knuth und Fabian Hemmelmann einen Blick hinter die Kulissen der Bonner Stimmschmiede geworfen.

In der Stimmschmiede Bonn dreht sich alles um die Stimme – egal ob Sprechen oder Singen, erfahrene Logopäden und Gesangslehrer geben in Einzel- und Gruppenunterricht wertvolle Tipps. Der Leiter der Stimmschmiede ist Mathias Knuth. Er ist staatlich geprüfter Gesangslehrer, funktionaler Stimmbildner, arbeitet an der Carl-Stamitz-Musikschule in Köln und als Dozent für Stimmbildung an der SRH Fachschule für Logopädie in Bonn.

„Wir stützen uns bei unserer Arbeit auf physiologische Erkenntnisse, nicht nur auf Erfahrung“, sagt der 53-Jährige. Prinzipiell könne man jedem beibringen, besser zu singen. „Nicht aus jedem wird ein Opernsänger, aber eine Verbesserung gesanglichen Leistungsfähigkeit gelingt immer mit ein bisschen Übung“, so der Leiter. Viele, die die Stimmschmiede aufsuchen, singen bereits im Chor und möchten lernen, ihre Stimme stimmschonender einzusetzen. Es kommen aber auch Menschen, die vor Jahrzehnten aus dem Chor geschmissen wurden und nun noch einmal probieren möchten, mehr aus ihrer Stimme rauszuholen. Laut Knuth treffen die meisten intuitiv schon viele Töne. Dann ginge es darum, diese noch angenehmer klingen und die Stimme tragfähiger werden zu lassen. Bereits nach zehn Stunden Training sei es weniger anstrengend, für längere Zeit zu singen. Viele ungeübte Chorsänger hätten sonst nach einem längeren Auftritt oft ein Heiserkeitsgefühl.

Die Stimme ist kein Sprech-Organ

„Auf der anderen Seite gibt es Sänger, die können sechs Stunden Wagner singen und schaffen das relativ problemlos“, so Knuth. Dazu seien bestimmte Atmungstechniken und Körperspannung von Nöten – weder zu schlaff noch zu verspannt sollte der Sänger sein. „Die Stimmlippen sind ein Ventil für einströmende Luft und eigentlich nicht primär für das Sprechen oder Singen gemacht. Das ist anders als das Herz, was als primäre Aufgabe das Pumpen von Blut hat.“ Bei der Phonation nutzen wir also den Kehlkopf in einer sekundären Funktion zur Tonerzeugung. Wenn das nicht auf eine gute Weise gelingt entstehen Probleme bei der Tonerzeugung.

Nicht nur Sänger hätten das Problem mit der Überanstrengung, sondern auch viele Lehrer und Erzieher. „An Universitäten wird dem oft keine Aufmerksamkeit geschenkt. In anderen Ländern wird sogar vor Beginn des Studiums die Stimme der Pädagogen getestet.“ Knuth selbst bekam mit 16 Jahren seinen ersten Gesangsunterricht. Seine Eltern waren beide Hobbymusiker und Chormitglieder, beide spielten mehrere Instrumente.

Die Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch

Beim Singstimmtag am 11. Mai möchten Mathias Knuth und sein Team weitere Menschen für das Singen begeistern und ihre Arbeit vorstellen. „Das Schöne ist, wenn man die ersten Erfolge sieht und hört – und sich eine Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch bildet.“ Die Erfahrungen würden außerdem weit ins Leben hinein reichen: „Die meisten berichten von einem erfüllenden Erlebnis und guter Laune nach dem Singen.“ Das Wichtigste sei nach wie vor auch der Spaß. „Singen ist ein intensives körperliches Gefühl. Es kann regelrecht berauschend wirken“, findet Mathias Knuth.

Im Jahr 2013 eröffnete er die Stimmschmiede. „Ich hatte immer mehr Anfragen und konnte nicht alle Interessenten allein unterrichten, also habe ich mir weitere Lehrerinnen und Lehrer mit ins Boot geholt.“ Einer davon ist Fabian Hemmelmann. Er leitet das Konzert des Madrigal-Ensembles und der Brahms Quartette mit Teilnehmern seines Ensembleprojekts am Singstimmtag. Gleich ein Wochenende darauf am 18. und 19. Mai gibt es Konzerte mit seinem Kammerchor Voci di Fuoco in der Lutherkirche Bonn und der Zentrifuge Bad Godesberg mit den Liebes-Liederwalzern und weiteren Werken von Johannes Brahms. Hemmelmann studierte bei Prof. Thomas Quasthoff und bei Prof. Klesie Kelly-Moog. Er arbeitet als Lied- und Oratoriensänger und ist Gründungsmitglied der Kölner Vokalsolisten. Als Gesangspädagoge bereitet er auch Nachwuchssänger auf das Studium vor und veranstaltet Liedinterpretationskurse in Köln.

Bei seinem Ensemble Voci di Fuoco sei die Besonderheit, dass er viel mit solistischen Besetzungen arbeitet. „Die Sänger müssen aufeinander hören und gemeinsam singen, so entwickelt sich ein Chor gemeinsam.“ Das Madrigal-Ensemble präsentiert bei seinem Auftritt den Zyklus „Sestina“ von Monteverdi. Sowohl in Einzeleinheiten als auch in Chorprojekten arbeitet er mit Teilnehmern an ihrer Stimme.

Das Lied: lyrisch und atmosphärisch

„Nicht alles muss perfekt sein, Amateure sollen sich ausprobieren können und für viele ist der erste Auftritt bereits ein riesen Schritt, aber stets mit großem Entwicklungspotenzial“, findet Fabian Hemmelmann. Wichtig sei bei gemeinsamen Auftritten, dass Stimmen, die gleichzeitig singen, auch harmonieren. „Manche ergänzen sich, manche passen zusammen, andere nehmen sich gegenseitig die Wirkung.“ Die gemeinschaftliche Erfahrung steht für den Gesangslehrer immer im Vordergrund. „Es macht mir unglaublich viel Spaß zu Singen.“ Das Lied als Kunstform fasziniert und begleitet ihn seit Jahren: „Dabei lernt man die eigene Stimme kennen, es ist atmosphärisch und gibt auch dem Zuschauer etwas mit“, findet er. Ein weiteres großes Thema beim Lied sei der Text, den es zu verstehen und interpretieren gilt. Die Verbindung aus zeitgenössischen und historischen Stücken ist ihm aber nach wie vor wichtig.

Zwischen 9.45 und 18 Uhr wird während des Singstimmtages am 11. Mai 2019 außerdem je 30-minütiger Einzelunterricht für zehn Euro vergünstigt angeboten. Dafür müssen sich Interessierte im Vorhinein unter info@stimmschmiede-bonn.de mit Angabe des gewünschten Zeitfensters anmelden. Gesungen wird in der Stimmschmiede alles von Pop bis Klassik. Ein wichtiger Bestandteil ist das Kunstlied. „Das Lied ist lyrisch und eignet sich besser als Opernarien, bei denen es viel auf die Lautstärke ankommt. Beim Lied wird der lyrische und dramatische Klang erprobt“, erzählt Knuth.

Lieder eignen sich besonders als erste Stücke für Stimmbildungseinsteigerinnen und -einsteiger. Die leichte Stimmführung beim Liedgesang lasse sich auch als Training für die Sprechstimme einsetzen. Ein Chor ist oftmals das Einfallstor und erste Kontakt mit klassischer Musik, besonders für jüngere Menschen. Am Singstimmtag wird es allerdings eine bunte Mischung geben. Jeder Schüler darf singen, was er möchte. Wer seine Singstimme trainiert, absolviert gleichzeitig auch Sprechtraining. „Viele Lehrer haben angestrengte oder angeschlagene Stimmen. Am leichtesten fällt es denjenigen, die bereits im Chor singen“, erklärt Knuth. Für ihn ist klassische Musik ohne das Lied nicht vorstellbar. „Selbst professionelle Opernsänger oder Musicalsänger müssen immer wieder Lieder singen, das ist wichtig für die gesunde Stimme.“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

Photo Titelbild ©  M. Knuth, privat