Archiv der Kategorie: Allgemein

Dreimal Zwei

v.l.n.r: Linda Leine, Pia Salome Bohnert, Andreas Durban

Dreimal Zwei

Gestern, am 6. Februar 2019, waren drei Liederabende im Kölner Zentrum zu hören, die geballt die Vielgestaltigkeit dieses Genres zeigten.

Ab 15 Uhr gab es zunächst zwei Master-Abschlusskonzerte Liedgestaltung in der Aula der Hochschule, zwei Lieder-Nachmittage also:

Durchwachte Nächte – freundliche Morgen

Gleich im ersten knapp einstündigen Konzert wurde klar wie wichtig doch die Liedgestaltung durch den Partner oder die Partnerin am Klavier ist. Die Absolventin Atsuko Ota bot ein wunderschön durchsichtiges Spiel, dazu ein wahres Kaleidoskop an Farbigkeit in einem klugen Programm, das zahlreiche innere Bezüge spannungsvoll verband. So klangen Klassiker wie “Die junge Nonne” oder “Der Zwerg” von Schubert frisch und waren ganz neu gehört. Kongeniale Partner am Stimmband waren für die Absolventin die Sopranistin Anna Christin Sayn, die das Publikum mit ihrer Interpretation von  vier Liedern nach Brentano op. 68 von Richard Strauss ebenso begeisterte wie der Bass-Bariton Clarke Ruth, dessen Wolf-Lieder geradezu erschreckend plastisch waren.

v.l.n.r: Atsuko Ota, Clarke Ruth, Anna Christin Sayn

Das zahlreich erschienene Pulikum applaudierte begeistert und bereitete sich auf das zweite Konzert vor:

The Sound of Silence

Die Absolventin Emeline Archambaoult hatte ein Konzept rund um den Klassiker von Simon und Garfunkel entwickelt: Dieses innige Lied, das die beiden Sängerinnen Julia Spies und Manon Blanc-Delsalle in perfektem Duo-Sound zelebrierten, sorgte dafür, dass alle mitträumen konnten. Stille auch in der Klassik: Dies korrespondierte mit dem ebenfalls berühmten Pendant “4’33” von Cage, konzentriert inszeniert mit Pflicht zum Innehalten, und dies musste auch sein, denn die Gruppen, in die sich die restlichen Lieder formierten hatten es in sich!

Das Programm startete mit Schumanns bekanntem “Liederkreis”, in dem der Bariton Benjamin Hewat-Craw die Zuhörerschaft sogleich für sich und das gesamte Konzert komplett einnahm. Die souveräne Meisterin am Klavier verstand es, durch ihre Interpretationen galant die einzelnen Puzzle-Teile des Konzepts zu verbinden: Welche Unbegreiflichkeiten, Abgründe das Lied auch bieten kann zeigten nicht nur die Lieder von Kurtág oder Berg, auch das Verschweigen (Wolf, Verschwiegene Liebe) und Verstummen (Duparc) kam zur Sprache.

Die Liedwelt Rheinland gratuliert beiden Damen ganz herzlich zu dem erfolgreich bestandenen Abschluß!

v.l.n.r: Emeline Archambault, Julia Spies, Manon Blanc-Delsalle, Benjamin Hewat-Craw

Auf der Suche nach der Rose

Keine zwei Stunden später gab es in der renommierten Lied-Reihe “Im Zentrum LIED” im Thyssen-Auditorium am Neumarkt das nächste Konzept zu erleben. Auch hier bewegte die Mannigfaltigkeit aus einem konzentrierten thematischen Ansatz heraus: Die Suche nach der Rose. Andreas Durban verstand es, gekonnt mit literarischen Exkursionen und historischen Kurzberichten sehr unterhaltsam diese Annäherung zu eskortieren. Gespannt wurde ein großer doppelter Bogen: Es korrespondierten Crumb- und Messiaen-Lieder zu Anfang und zum Ende. Ergänzt wurde diese Idee durch zwei “Brückenpfeiler” – kurze Klavier-Solo-Passagen, die dem Publikum Zeit zur Reflexion und zum Innehalten gaben.

Die Pianistin Linda Leine tauchte in diesen beiden Solo-Passagen noch tiefer in ihre pianistische Vielfalt ein und kommentierte so beispielsweise in dem Lilientanz von Prokofiev die Rosen-Bilder, griff hier aber auch auf kompositorische Elemente aus dem Auftragswerk “Verwelktes Blühen” von Anna Mikolajková zurück.

Während des gesamten Abends erfreute Pinda Leine in dieser innigen Duo-Partnerschaft. Mit dieser Partnerin konnte die Sopranistin Pia Salome Bohnert scheinbar spielend leicht das Publikum in den Bann ziehen: Zwischen den beiden das Konzept rahmenden Crumb-Stücken aus “Apparition” schlug sie den großen Bogen ihrer sängerischen Ausdrucksmöglichkeiten, sei es im ersten Teil als phantastisch erzählende “Shéhérazade” in Ravels Werken oder in den berühmten “Mädchenblumen” von Richard Strauss. Nach dieser Annäherung an die Rosen-Thematik “von Außen” ging das Liedduo im zweiten Teil in die Nahaufnahme. Bohnert und Leine berückten in einem kaleidoskopartigen Annähern an die Rosen-Symboliken im zweiten Teil: So erklang Erschreckendes (Gubaidulina), Lustiges (Pfitzner), Betörendes (Piafs berühmtes La Vie en Rose) und Verblüffendes (Mikolajková). Für die Zugabe hatten die beiden Künstlerinnen sich Faurés berühmt-betörendes Lied “Les Roses d’Ispahan” aufgehoben, um mit einem wissenden Lächeln die Zuhörer zu entlassen.

So bot der Liederabend “Auf der Suche nach der Rose” einen “ätherisch-französischen” Abschluss dieses Mittwoch-Liedmarathons.

Bericht + Photos: Sabine Krasemann

Anastasia Grishutina

 

Anastasia Grishutina

„Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.” (Franz Schubert)

Anastasia Grishutina widmet sich sehr erfolgreich und mit besonderer Intensität dem Kunstlied. Es ist ihr auch ein großes Anliegen russisches Liedrepertoire in Deutschland aufzuführen und dem hiesigen Publikum besser verständlich zu machen.

Im September 2018 gewannen die Mezzosopranistin Esther Valentin und Anastasia Grishutina den 1. Preis und den Publikumspreis beim Internationalen Schubert-Wettbewerb Dortmund (III. LiedDuo Wettbewerb 2018). Außerdem wurde Anastasia Grishutina der Sonderpreis für die beste Liedpianistin verliehen.

Im August 2018 hat das Duo Valentin/Grishutina an einem Meisterkurs der Landesakademie Ochsenhausen teilgenommen. Daraufhin wurden sie von der Bruno-Frey-Stiftung ausgewählt und mit dem Bruno-Frey-Preis in Höhe von 6.000 € ausgezeichnet.

Zuvor wurde Anastasia Grishutina im November 2016 mit dem Begleiterpreis beim Brigitte-Kempen-Wettbewerb in Aachen ausgezeichnet. 2017 gewann sie zusammen mit dem Bariton Woongsu Kim den 2. Preis des International Student LiedDuo Competition in Groningen, sowie den 3. Preis des Hochschulinternen Lied-Duo-Wettbewerb der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

2019 CD-Produktion mit Esther Valentin bei dem Label GWK-Records als Co-Produktion mit dem SWR Baden-Baden.

2018 nahm Anastasia Grishutina beim SWR Baden Baden mit Esther Valentin ausgewählte Lieder von Schubert, Wolf, Debussy und Poulenc auf. Bereits 2013 und 2015 hat  sie CDs mit Liedern von Medtner und Mussorgsky mit der Sopranistin Irina Egorova aufgenommen.

Anastasia Grishutina gastiert auf zahlreichen Festivals wie dem „Festival Klavier“ im Brucknerhaus Linz, „Con Bravura” im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach, beim „Forum Deutscher Musikhochschulen” in der Mathias-Jakobs-Stadthalle in Gladbeck, beim „Peter de Grote Festival” und beim „Antiqua Musica Nova” in Groningen, sowie beim Schubert-Fest in Dortmund. 2018 gab sie mit Woongsu Kim ein Lunch-Konzert in der Dutch National Oper & Ballett Amsterdam und es folgte ihr Debut in der Kölner Philharmonie.

Anastasia Grishutina bekam ihren ersten Klavierunterricht mit sieben Jahren an der Skrjabin Schule für Musik. Stets bekam sie musikalische Impulse von ihrer Mutter Ljudmila Borisowskaja. 2003 bis 2007 hat sie am Gnessin Kolleg für Musik Klavier und Pädagogik in der Klasse von Andrej Chitruk studiert. 2007 bis 2013 hat sie am Staatlichen Tchaikowsky-Konservatorium Moskau Klavier, Cembalo und Hammerklavier in den Klassen von Slava Poprugin, Ekaterina Derzhavina, Olga Martynova, Olga Filippova, Alexey Schewtschenko, sowie 2014 – 2016 Klavier Solo an der Hochschule für Musik und Theater München bei Prof. Adrian Oetiker studiert. Seit 2016 studiert sie Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln bei Prof. Ulrich Eisenlohr und Prof. Stefan Irmer. Dort korrepetiert sie in den Gesangsklassen.

Bei zahlreichen Meisterkursen erhielt sie unter anderem von Alexej Ljubimow, Homero Francesch, Dirk Mommertz, Anne Le Bozec und Jan Philip Schulze, Erik Bataglia, Wen Sinn Yang, Werner Bärtschi, Bart van Ort, Elizabeth Joyé und Wolfgang Brunner, Ella Sevskaya, Bob van Asperen, Ruth Ziesak, sowie Christoph Pregadien und Michael Gees Impulse und Inspirationen für ihren musikalischen Werdegang.

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Photo © Anastasia Grishutina | Un Lee

 

Stimmschmiede Bonn

 

Stimmschmiede Bonn

Singen ist leicht und macht Freude!

Die Bonner Stimmschmiede ist kompetenter Partner für die Ausbildung und Entwicklung der Sprech- oder Singstimme. Für Freizeit oder Beruf – mit der Stimmschmiede gewinnt die Stimme mehr Freiheit und Kraft. Angeboten wird Einzel- und Gruppenunterricht im Praxishaus oder inhouse.

  • nachhaltige Verbesserung der Stimmfunktionen der Singstimme
  • leistungsfähigeres und tragfähigeres Singen
  • Erweitern des Stimmumfangs

Verspannungen und Kompensationen werden gelöst, ohne eine bestimmte Stimm-Ästhetik zu verfolgen. Im Unterricht werden neben klassischen Liedern und Arien und auch Popsongs, Jazznummern und Stücke aus dem Musical-Bereich gesungen.

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Die Dozenten

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Konzert am 1.7.2018

Singstimmtag am 11.5.2019

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Photo © Mathias Knuth | privat

All the World’s a Stage

All the World’s a Stage

In einem fabelhaften Meta-Theaterstück präsentiert dieser Abend zahlreiche Facetten des britischen Dramatikers William Shakespeare (1564-1616). Das dreiteilige Programm bildet einen theatralischen Zyklus aus Liedern, deren Texte aus verschiedenen Dramen stammen, durchbrochen von reflektierenden Sonetten.

Zwischen Prolog und Epilog finden sich alle notwendigen Zutaten: von Liebe, Glück und Übermut hin zu Eifersucht, Zaubermacht, Angst und Tod, in Musik gesetzt von Hanns Eisler, Wolfgang Fortner, Gerald Finzi, Roger Quilter, Ned Rorem, Igor Stravinsky, Ernest Chausson, Arthur Honneger, Charles Ives,
Erich Korngold, Benjamin Britten, Ivor Gurney, Thomas Pasatieri, Maude Valérie White, Hugo Wolf, William Arthur Aikin, Aribert Reimann und Ralph Vaughan Williams.

Der Programmablauf

Prologue

Sonnet 1
Act I – Fear and Anger

Sonnet 2
Act II – Death & Drama

Sonnet 3
Act III – Comedy & High Spirits

Sonnet 4
Act IV – Witchcraft & Lovesickness

Sonnet 5
Act V – Love & Time

Epilog

DIE KÜNSTLER

Martin Lindsay, Gesang
Elnara Ismailova, Klavier
Andreas Durban, Rezitation
Fabian Hemmelmann, Liedprogrammkurator

LiedweltLinks

Gesang ist Singen des Herzens – Interview mit dem Liedduo
Konzert am 18. April 2018
Konzert am 18. November 2018

Grenzüberschreitend

Grenzüberschreitend

Wir regen genreübergreifend zukunftsweisende Veranstaltungsformen an und probieren sie aus, um das Potential im Kunstlied zu nutzen wie auch dessen Verwurzelung mit unserer Heimat zu entdecken.

Wir kooperieren mit Künstlern, Festivals und Partnern im Lied-Netzwerk – national und international.

 

© Photo: Pixabay

 

 

Rheinland

Rheinland

Neben den Lied-Klassikern Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf tummeln sich auch Dank der Internationalität des Netzwerks in der Liedwelt Rheinland französische, englische, griechische oder polnische Lieder.

Mit der räumlichen Verortung an der Rheinschiene knüpfen wir an eine lange Liedtradition an: Schumann, Brahms und Mendelssohn waren nicht nur ausgezeichnete Liedkomponisten, sondern leiteten auch das Rheinische Musikfest, das bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fast 200 Jahre existierte.

Rheinpanorama – mit Wein, Weib und Gesang,Das mittlere Rheintal die Quelle zahlreicher Lieder, Legenden und Geschichten

Auch in dieser Tradition sieht sich das Netzwerk „Liedwelt Rheinland“ und möchte die Liedpflege im Rheinland mit Bezug zu Orten, Historie und Politik, aber auch zu den berühmten Dichtern in der Gegenwart fortsetzen.

Im Kölner Rheinauhafen trifft moderne Architektur auf Tradition

© Photos: Pixabay

 

Interview mit Peter Bortfeldt

“Mich fasziniert die einzigartige Verbindung von Text und Musik” – Interview mit Peter Bortfeldt

Wie sind Sie zum Klavier gekommen?

Das hat sich bei mir eigentlich durch die Familie ergeben – ich hatte sehr viele Musiker in der Familie, auch den ersten Klavierlehrer von Robert Schumann, Johann Gottfried Kuntsch. Insofern lag das Klavierspiel also in der Familie. Mein Vater hat mich wiederum sehr an die Literatur herangeführt. Ich bin also mit Musik und Literatur aufgewachsen, so dass sich der Weg für mich ganz natürlich ergab. Bereits vor Beginn des Studiums habe ich mich sehr für Kammermusik und das Lied interessiert, so dass sich dort schnell ein inhaltlicher Schwerpunkt herauskristallisiert hat.

Wie sind Sie dann letzten Endes zum Lied gekommen?

Ich war sehr viel als Korrepetitor bei Meisterkursen dabei, so dass sich zunehmend Kontakte zu tollen Sängern ergeben haben. Auf diesem Wege habe ich letzten Endes sogar meine Frau kennengelernt, die Sängerin ist und die ich bei einem Opern-Workshop in San Francisco kennengelernt habe. Die Entscheidung, dass sie nach Deutschland zieht, hatte auch mit der hiesigen Kulturszene zu tun.

Was macht für Sie als Pianisten die besondere Faszination der Gattung Lied aus?

Mich fasziniert am Lied die Mischung der Inhalte und die einzigartige Verbindung von Text und Musik. Ich finde mich im romantischen Lied mit der Naturverbundenheit und seiner spezifischen Dichtungswelt selber wieder: Für mich wird die romantische Dichtungswelt im Lied zur Realität und ich war auch immer schon gerne und viel draußen, gehe viel spazieren und wandern.

Der Blick vom Drachenfels bietet die Realisierung von Robert Schumanns Lied-Ästhetik

Ich sehe auch durch meine Frau, die ja Amerikanerin ist, wie sehr wir als Musiker in Deutschland in das Lied reingeboren und reingewachsen sind. Man merkt immer wieder, wie sehr wir in dieser Liedtradition verankert sind, vor allem auch im Rheinland, das ja viele Dichter und Komponisten in ihren Werken beschrieben haben. Als meine Frau beispielsweise zum ersten Mal auf dem Drachenfels war und die Aussicht von dort oben runter auf den Rhein sah, sagte sie bloß: „Das ist Schumann.“ Und in der Tat fühle ich mich sehr den Liedern Robert Schumanns und Franz Schuberts verbunden.

Sie sind als Lehrbeauftragter sowohl in Köln als auch in Frankfurt tätig. Wie vermitteln Sie jungen Pianisten, wie man Lied gestaltet?

Wichtig ist vor allem, zu verstehen, was beim Sänger passiert und was dieser braucht, was natürlich eine große Herausforderung ist und weit über das rein technische Können hinausgeht. Man muss technisch mindestens genauso fit sein wie ein Pianist, der solistisch auftritt, um seine ganze Energie auf das Zuhören verwenden zu können. Ein Liedpianist muss ein wahrer Kammermusiker sein und in den musikalischen Partner, in dem Fall eben kein Instrumentalist, sondern ein Sänger, hineinhorchen und vorausschauend agieren.

Drei wichtige zentrale Dinge der Liedgestaltung

Bei der Liedgestaltung kommen drei wichtige Dinge zusammen, die ich als Pianist berücksichtigen muss: den Fluss der Musik, den Atem des Sängers und natürlich auch den Text mit seinen Inhalten auf den verschiedenen Ebenen, den ich natürlich zunächst selbst intensiv lesen und verstehen muss. Heutzutage gibt es zunehmend Studierende, die den Text nicht mehr verstehen. Entweder weil sie internationale Studierende sind, die im Rahmen des Studiums gerade erst Deutsch lernen oder aber auch bei deutschen Studenten, die aus der Schule heraus andere Voraussetzungen haben als dies bei uns der Fall war.

Heute werden kaum noch Gedichte gelesen, geschweige denn interpretiert. Insofern ist die Beschäftigung mit den Texten fast der schwierigste Teil meiner Arbeit an der Hochschule. In den letzten Jahren hat die Tendenz, sich auf das Technische in der Musikerausbildung zu konzentrieren, leider stark zugenommen. Aber die Texte im Kunstlied sind in der Regel sehr poetisch und oft auch sehr verschlüsselt. Damit können die Studierenden zunächst kaum etwas anfangen.

Für mich ist das Textverständnis von zentraler Bedeutung

Ein Beispiel: In der romantischen Dichtung galt der Zypressenzweig als Symbol für Ewigkeit und wurde oft bei Beerdigungen verwendet. Dieses Wissen bringen heutige Studierende nicht mehr mit, wenn sie mit dem Studium beginnen. Hierfür gibt es auch kein Extrafach an der Hochschule, obwohl das eine sinnvolle Überlegung wäre. Ein solches Textverständnis zu vermitteln zählt daher meiner Meinung nach daher zu einem guten Lehrer.

Die Realität an der Hochschule sieht heute auch so aus, dass die Vielzahl internationaler Studierender außer der Problematik Sprachverständnis und Aussprache auch noch deren ganz andere Mentalitäten, die Studierende aus völlig anderen Kulturkreisen mitbringen. Da merkt man sehr, dass das Lied bis heute eine sehr deutsch geprägte Gattung ist.

In Amerika ist die Lied-Szene inzwischen wesentlich aktiver als noch vor einigen Jahren habe ich beobachtet. Dort gibt es auch immer mehr Komponisten, die sich der Gattung zuwenden.

Wir haben im letzten Jahr bereits über die Idee gesprochen, auch Laienpianisten für die Liedgestaltung zu gewinnen. Welche Situationen, welche Chancen sehen Sie hier?

Ich denke, dass sich sehr viele Pianisten sehr schnell auch einsam fühlen und mit großer Freude mit anderen gemeinsam musizieren würden. Es ist jedoch schwierig, mit Sängern ein gleiches Level zu finden. Ein Sänger hat – rein vom Notentext her – ein einfaches Strophenlied schneller drauf als ein Pianist. Die große Herausforderung gerade für den Laienpianisten liegt eben darin, den Notentext zu kennen, das aber so gut, dass er sich ganz auf das Zuhören konzentrieren kann. Es braucht also sehr viel Geduld und in der Konstellation wird der Pianist immer mehr üben müssen als der Sänger.

Ich würde mit einer kleinen Keimzelle beim Hobby-Pianisten anfangen, maximal acht Takte

Wenn wir einen Wochenendworkshop „Liedgestaltung für Laienpianisten“ planen würden, dann würden wir vermutlich mit einem kleinen Ausschnitt eines Lieds beginnen. Acht Takte, die technisch nicht schwierig sind und die man recht schnell in den Fingern haben kann. Daran könnte vermittelt werden, wie der Prozess des Zusammenarbeitens zwischen Sänger und Pianist dann aussieht, denn dieser Austausch ist ja der eigentlich spannende Teil beim Lied. Ein solcher Workshop könnte vielleicht eine Initialzündung für den ein oder anderen Hobby-Pianisten sein, sich nicht mit einem befreundeten Geiger zur Hausmusik zusammenzutun, sondern auch einmal mit einem Sänger.

Seit letztem Jahr haben Sie gemeinsam mit dem Bariton Aris Argiris und seiner Frau, Guadalupe Larzabal, Opernsängerin und Chorleiterin in Bonn ein neues Studio, das Agora Artists Studio in Bonn. Was ist das Besondere an diesem Ort?

Wir haben uns schon vorher ein Studio geteilt zum Üben und Unterrichten, hatten aber dann die Idee, das so auszubauen, dass sich der Raum auch für Veranstaltungen eignet, vor allem natürlich für Konzerte, aber auch Ausstellungen. Über Guadalupe Larzabal ist natürlich ein starker Bezug zu Südamerika vorhanden. Der Chor „Voces de las Américas“, den sie leitet, probt hier und gibt natürlich dann auch Konzerte hier, die Ausstellungen sind oft von südamerikanischen Künstlern und es finden Tangokurse statt. Mit den Veranstaltungen haben wir gerade erst angefangen, hoffen aber natürlich sehr, dass diese gut angenommen und auch mehr werden und sich eine Kontinuität entwickelt. Ideen sind auf jeden Fall reichlich vorhanden! Und da freuen wir uns natürlich sehr, wenn wir gemeinsam mit der Liedwelt Rheinland hier etwas bewegen können.

Das Interview führte Verena Düren. [April 2018]
© Photo: Peter Bortfeldt | privat

“11 Fragen an…” – Martin Wistinghausen

“11 Fragen an…” – Martin Wistinghausen

Was machen Sie tagsüber?

komponieren, üben, essen…

Ihr heißer Literatur-Tipp?

Thomas Bernhard: Die Berühmten

Mein persönliches Lied-Steckenpferd

Schubert und immer wieder Schubert – aber auch die Musik unserer Zeit in all ihrer Vielfältigkeit zu präsentieren ist mir ein großes Anliegen.

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?

Sehr gern – z. Bsp. im fränkischen Fichtelgebirge. Es tut einfach gut.

Graben Sie gerne in Archiven?

Ja

Das schönste Volkslied?

“Der Mond ist aufgegangen”

Gucken Sie Fußball?

Ab und zu

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?

In meiner Schulzeit habe ich zeitweise sehr viele Konzerte besucht, eine ganze Reihe davon sind mir noch in guter Erinnerung.

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?

Zunächst Mönch, später dann Sänger

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verloren gehen?

Diese Zeit werde ich hoffentlich niemals erleben…

Wie stellen Sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?

Offen und neugierig

Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

“11 Fragen an…” – Markus Schönewolf

“11 Fragen an…” – Markus Schönewolf

Was machen Sie tagsüber?

Komponieren, viel ‚administrative Arbeit‘, unterrichten.

Ihr heißer Literatur-Tipp?

Rüdiger Safranski, „Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie“.

Ihr liebstes Kinder- und Volkslied?

„Kein schöner Land in dieser Zeit“. Junge Forschungen zeigen, dass der Text das Bergische Land meint.

Mein persönliches Lied-Steckenpferd

Lied-Komposition.

Was ich der Welt mit dem Lied sagen möchte…

In einem Buch las ich jüngst den Satz, das Lied trage die Chance in sich, ein Sinnganzes zu spüren. Diese Chance sollten wir alle – Sänger, Liedbegleiter, Publikum, Komponisten – nutzen.

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?

Bei uns zu Hause im Bergischen Land. Nur beim Wandern finde ich neue Ideen für Kompositionen.

Ihre größte Freude beim Lied-Musizieren?

Menschen emotional und geistig in Tiefenschichten anrühren, wie es nur die Musik im Allgemeinen und das Lied im Besonderen vermögen.

Graben Sie gerne in Archiven?

Ja, ich liebe es, Handschriften im Original zu bestaunen, da sie die Aura des Komponisten und die Signatur ihrer Zeit in sich tragen. Von mehreren Komponisten stehen Handschriften (Noten, Briefe …) vollständig digital zur Verfügung.

Ein Bild oder eine Skulptur das ein Lied verdient?

Jedes Werk, das den Rilke’schen Imperativ „Du mußt dein Leben ändern“ in sich trägt.

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?

Kleine, intime Orte, in denen das Publikum tatsächlich Teil des Geschehens ist.

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?

Bachs Hohe Messe in h-Moll mit John Eliot Gardiner.

 

© Photo: Markus Schönewolf | Franz Hamm