Bilder über persönliche Sehnsuchtsorte – Interview mit Tobias Krampen

Bilder über persöhnliche Sehnsuchtsorte – Interview mit Tobias Krampen

Die Konzerte im September in Bonn, bei denen Sie mit Elena Marangou die CD „Into a Children`s Room“ mit Liedern unterschiedlicher Komponisten aus unterschiedlichen Kulturen vorstellen, sind ein schöner Anlass, mit Ihnen, Herr Krampen, ins Gespräch zu kommen über Ihre musikalische Arbeit. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit mit Frau Marangou gekommen??

Das Programm ist größtenteils von Elena Marangou ausgewählt und zusammengestellt worden. Die Zusammenarbeit mit ihr begann ursprünglich im Rahmen von privaten Korrepetitionsstunden. Es ist großartig, welche unterschiedlichen Stile, Sprachen und Inhalte Elena in dieser abwechslungsreichen Einspielung zusammengestellt hat und die Arbeit an den Werken war auch eine Bereicherung für mein Repertoire als Begleiter.

Insgesamt erscheint einem als Außenstehendem die Arbeit eines Liedpianisten als große Herausforderung. Die Musikliteratur besteht ja nicht nur aus Schuberts Liedzyklen und anderen Klassikern, sondern, wie ja auch die CD zeigt, aus einer Unzahl an zu hebenden Schätzen.?

Darin liegt für mich seit langer Zeit schon die große Faszination meiner Arbeit. Ich habe schon als Jugendlicher Sprache und literarische Texte geliebt und das Lesen ist neben der Musik eine weitere Leidenschaft in meinem Leben.

Das klingt, als habe die Liedbegleitung und die Kammermusik für Sie bereits früh in der beruflichen Laufbahn zum Programm gehört??

Nur teilweise. Zwar gab es zu Hause früher auch gemeinsames Spiel mit meinem Bruder, der Geiger ist, aber ursprünglich habe ich das Studium zum Konzertpianisten abgeschlossen. Während des Studiums in Hannover gab es eigentlich nur wenige Berührungspunkte zur Liedgestaltung. Es ist eher so, dass ich weit weg von Deutschland meine besondere Neigung zum Lied entdeckt habe: Im Aufbaustudium an der McGill University in Montréal nahm ich an einem studienbegleitenden Zusatzangebot in “Song Interpretation“ teil. Ich lernte das europäische Liedgut also in Kanada neu kennen.

Die Besonderheit der menschlichen Stimme berührt mich stark

Seit dieser Zeit schätze ich die künstlerisch bereichernde Arbeit und die Möglichkeiten, die diese gerade mit Sängerinnen und Sängern birgt. Es ist nicht nur die Zeit, die man mit Proben und Meisterkursen gemeinsam verbringt, sondern auch die, welche außerhalb der künstlerischen Arbeit, zum Beispiel beim Essen oder auf Reisen in anregenden Gesprächen miteinander verbracht wird. Hier ist es gerade bei der Liedgestaltung zwischen Sängern und Pianisten möglich, etwas ganz Besonderes und Individuelles zu entwickeln. Und es gefällt mir, meine fachlichen Möglichkeiten als Pianist in diese Arbeit mit einzubringen. Ich mag es, das Geschehen auf der Bühne mitzugestalten und zu steuern.

Es ist schön, ausgehend von der genauen Kenntnis der Liedliteratur den sängerischen Kollegen in seiner Arbeit auf diese Weise zu unterstützen. Manchmal geht das so weit, dass ich mit dem Einatmen des Sängers schon antizipieren kann, wie der Ton klingen wird. Die Besonderheit der menschlichen Stimme berührt mich stark und die große Individualität und Bandbreite meiner sängerischen Kollegen ist es, was ich an der Arbeit als Liedpianist so liebe.

Wie ist das möglich, wenn man bedenkt, dass alleine das Liedgut von Schubert circa 700 Werke umfasst??

In diesem Zusammenhang ist meine Liebe zu Literatur, Gedichten und Texten eine große Hilfe. Ich mag es, die jeweilige Liedliteratur so weit durchgearbeitet zu haben, dass bei der Zusammenarbeit mit den Sängern direkt der gestalterische Aspekt in den Vordergrund rücken kann, damit ich mit meiner Erfahrung und Notenkenntnis den sängerischen Partner bestmöglich unterstützen kann.

Geben Sie diese in jahrelanger Zusammenarbeit zum Beispiel mit Christoph Pohl und Ingeborg Danz gesammelten Erfahrungen auch weiter??

Im Rahmen meines Lehrauftrages an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz unterrichte ich Liedgestaltung für Sängerinnen und Sänger. Zum Teil kommen diese mit ihren jeweiligen Pianisten in den Einzelunterricht, sodass ich auch Duos in ihrer Arbeit betreuen kann. Ein besonderes Anliegen ist es mir hierbei, die Künstler in ihrer Individualität zu bestärken. Die jungen Künstler sind handwerklich hochqualifiziert und motiviert, jedoch durch den Anforderungen des Studiums mit der großen Bedeutung des Erwerbs von Scheinen und Credits in ihren Entfaltungsmöglichkeiten oft gebremst. Hier liegt eine besondere Chance der Beschäftigung mit dem Liedgut. Das Lied ist insgesamt eine leisere Kunstform im Vergleich zum Auftritt des Sängers auf großen Opernbühnen. Die ganz intime und feine Arbeit mit den Texten gibt den Künstlern die Möglichkeit, eine Brücke zu ihrer ganz persönlichen Kreativität als Sänger oder Pianist zu schlagen.

Wie können wir uns das vorstellen??

Es geht darum, die auf den ersten Blick teilweise altmodisch wirkenden Texte zum Beispiel der romantischen Literatur, weltbekannte Texte wie den „Lindenbaum“ oder das „Gretchen am Spinnrad“, für sich als Künstler in ihrem Bedeutungsgehalt neu zu deuten. Es sind ja zunächst Gedichte, die Komponisten seinerzeit so tief berührt haben, dass sie diese zum Anlass genommen haben, wunderbare, zeitlose Musik zu erschaffen, deren Notentext für sich genommen bereits ein Kunstwerk und schon eine individuelle Interpretation des Textes ist. Und aus dieser einzigartigen Verschmelzung zweier Kunstgattungen können wir schöpfen.

Abseits von einer eher aus der Tradition der „Meisterlehre“ stammenden Liedinterpretation, besteht ja die Möglichkeit, den Symbolgehalt der Textbilder in Verbindung mit der Komposition neu für sich als Künstler zu entdecken und für die persönliche Interpretation zu nutzen. Ich arbeite mit den Sängern und Pianisten sehr viel am Text, rege dazu an, diesen zunächst individuell für sich und auf sich wirken zu lassen:

Wofür steht beispielsweise die Zeile „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“? In einem assoziativen Prozess entwickeln sich so Bilder über persönliche Sehnsuchtsorte, die auch mit der Biographie des jeweiligen Künstlers zusammenhängen. Ausgehend davon ist es möglich, die bei guten Texten immanente universelle Symbolik zu erkennen und dann hörbar zu machen. Es ist so, dass es ja trotz kultureller Unterschiede der Studierenden, die ich unterrichte, im Eigentlichen um das Sichtbarmachen allgemeingültiger emotionaler Inhalte geht.

Das Lied als Brücke zur künstlerischen Infividualität

Und hier kann das Lied in besonderer Weise Brücken bauen zur künstlerischen Individualität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Technik sehr gut funktioniert. Die Ergebnisse überzeugen dabei umso mehr, je mehr es dem Dozenten gelingt, die eigene Wertung in Bezug auf ein Lied und das Einbringen einer direktiv wirkenden Stellungnahme möglichst zurückzufahren und in der Rolle des Beobachters, Prozessbegleiters und Moderators zu bleiben.

Das künstlerische Ergebnis wird mit dieser Herangehensweise in einem ganzheitlichen Gestaltungsprozess erarbeitet, im Unterschied zu einer Korrektur einzelner Bereiche eines Stückes. In dieser Arbeit wird nicht nur die Eigenständigkeit der Interpreten unterstützt, sondern es gelingt oft auch, in einer gewissermaßen kulturell übergreifenden archetypischen Deutung der Textsymbolik, das Liedverständnis zu vertiefen, egal aus welchem kulturellen Hintergrund die jeweiligen Künstler stammen. In diesem Sinne wird die Liedinterpretation authentisch und individuell, was sie dann von einer eher nostalgisch und musealen Herangehensweise unterscheidet.

Vor einigen Wochen haben Sie ja auch einen Vortrag über diese von der tiefenpsychologischen Arbeit inspirierten Herangehensweise in der Liedinterpretation gehalten, beim 2018er Festival „Luft und Raum“ in Bonn.?

Ja, ich bin sehr glücklich über die Möglichkeit, jetzt schon über mehrere Jahre das Wachsen des Kunstraums Zentrifuge in Bonn miterleben und mit gestalten zu können. Ausgehend von den Räumlichkeiten des ehemaligen Testgeländes für Schwerelosigkeit im All des Instituts für Luft- und Raumfahrt in Bonn hat sich dort ein Zentrum für Kulturschaffende entwickelt, welches ein wertvoller noch wachsender Kunstraum ist. So konnten Ingeborg Danz, Peter Stein und ich gemeinsam mit anderen Künstlern dort im vergangenen Mai ein abwechslungsreiches Programm anbieten mit Meisterkursen für Liedinterpretation und Kammermusik, verschiedenen Vorträgen über den tiefenpsychologischen Gehalt des europäischen Liedgutes aber auch über eher physikalisch inspirierte Themen der Kunst. Nicht zu vergessen der Origamiworkshop mit dem Geiger und Origami-Künstler Peter Stein…

…es ist also ein künstlerisch sehr abwechslungsreicher Rahmen dort??

Ja, und ich freue mich jetzt schon auf die fünfte Auflage des Festivals, das 2019 vom 4. bis zum 9. Juni stattfinden wird!

Worauf freuen Sie sich noch in den nächsten Monaten??

Zunächst freue ich mich über ein paar freie Tage in den Sommerferien. Dann geht es aber auch direkt weiter mit Meisterkursen für Liedinterpretation in Arosa und in Essen, die Ingeborg Danz und ich schon seit vielen Jahren regelmäßig geben. Anschließend kann ich mit Elena Marangou die CD in mehreren Konzerten im Rahmen des Liedsommers vorstellen.

Und dann freue ich mich, in der Saison 2018/19 die städtische Konzertreihe in Moers erstmals federführend zu gestalten. Es wird ein abwechslungsreiches Programm mit einem Schwerpunkt auf unterschiedlichen kammermusikalischen Quartetten geben, so wird es neben Streichquartetten auch Saxophon-, Klarinetten- und Gitarrenquartette geben. Zusätzlich werde ich vor einigen der zwölf Konzerte eine Konzerteinführung geben. Ich bin sehr gespannt auf das Gesprächskonzert mit Frau Prof. Nicola Jürgensen, der Soloklarinettistin des WDR Orchesters und auch auf den Workshop für Schüler mit dem Titel „Winterreise, darf ich da mit?“

Das klingt interessant!?

Warum sollte es nicht gelingen, jungen Menschen neben den täglichen, ja auch sehr gefühlsbetonten Playlists der Alltagsmusik den emotionalen Gehalt dieses Meilensteins des Kunstliedes nahezubringen? Es gibt so viele gute Ansätze in der Musikpädagogik. Ich denke, dass auf diese Weise das Lied nicht nur für die Liebhaber der etwas intellektualisierten Kunst, sondern auch für viele andere Menschen als authentischer Ausdruck von Gefühlswelten fruchtbar sein kann.

Herr Krampen, für Ihre Projekte wünschen wir Ihnen alles Gute und danken ganz herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Photo © Tobias Krampen | Christian Palm

Making of – Into a Children’s Room

Making of – Reisebericht in die Kindheit. Über die Entstehung der CD „Into a Children’s Room“

Liebe Elena Marangou, „Into a Children’s Room“, so heißt die CD, die Sie gerade herausgebracht haben – bei dem Titel stoppe ich und denke da finde ich vielleicht nicht unbedingt Kinderlieder im eigentlichen Sinne drauf?

Genau, das sind Lieder, die im Erwachsenen die Erinnerungswelten aus der Kinderzeit wiederbeleben. Lauter kleine verschiedene Szenen sind das. Ich bin selbst immer wieder entzückt, wenn ich an meine eigene Kindheit oder an Momente mit Kindern denke, die ähnlich sind. Da geht es mir ganz so wie jedem Hörer der Lieder. Das ist vom Gefühl her ein bisschen so wie wenn man als Erwachsener „Der kleine Prinz“ liest.

Europäische Ausmaße haben die Komponisten, die auf der CD versammelt sind. Wie ist denn die Idee zu der CD entstanden und wieso kam es zu dieser bemerkenswerten Komponisten-Versammlung von Poulenc über Britten zu Mussorgsky, dann Brahms, Koukos, Couroupos und Baltas?

Zuerst habe ich die Mussorgsky-Stücke kennengelernt, war völlig verzaubert und habe die dann in Düsseldorf aufgeführt. Tobias Krampen und ich haben zu der Zeit auch ein Konzert in Athen vorbereitet und da haben wir viel Brahms und Schubert gemacht, also auch viel andere Literatur. Aber das Virus von den Mussorgsky-Stücken hatte sich bei uns eingenistet. Vorher waren schon die Britten-Stücke aufgetaucht: „A Charm of Lullabies“, die hatte ich in einer Version mit Orchester noch einige Jahre zuvor in Griechenland gesungen, aber den Ausschlag gaben die Mussorgsky-Stücke. Die Poulenc-Lieder „Quattre Chansons pour les Enfants“ haben wir dann mittels Recherchieren gefunden und auch Lieder von Szymanowski, die passten, aber das war dann schon mit den Brahms-Liedern zuviel. Denn Tobias hatte noch gefragt, ob wir denn keine griechischen Lieder dazunähmen – da hatten wir drei noch lebende Komponisten.

Da kennen wir uns ja gar nicht aus – wer sind denn die drei Herren?

Da ist zunächst Periklis Koukos, ihn kenne ich aus Athen. Er hat einen Zyklus geschrieben, „Merlin the Wizard“, das ist ein Album sozusagen mit musikalischen Erzählungen und daraus haben wir dann ein Mädchen-Lied ausgesucht. Dann haben wir ein „Mäuselied“ von George Couroupos dazugesellt, den Komponisten kenne ich schon ganz lange und die Stücke sind eigentlich schon wirkliche Kinderlieder. Er hat sie 1978/79 geschrieben und seiner Tochter gewidmet. Das Wiegenlied passte mehr als die anderen Lieder zu denen, die wir sonst auf der CD versammelt haben. In den anderen finden sich auch politische Hinweise, das passte hier inhaltlich nicht so gut, daher wurde es dieses sechste des Mäuse-Zyklus‘. Der Text ist aus der Sicht des Kindes geschrieben – und das passt zu Brahms‘ „Volkskinderliedern“, wie diese Werke ohne Opuszahl zusammengefasst werden.

Dann haben wir noch von Baltas aus den „Six Simple Songs“ komponiert 1971. Wir haben Kostas Krystallis‘ zartes Gedicht gewählt, weil die liebevolle Art das Kind in den Schlaf zu singen sehr nahe an der Volksmusik orientiert ist.

Wie sind denn die Brahms-Lieder entstanden?

Die hat Brahms für die Kinder von Clara und Robert Schumann geschrieben! Auch sie sind den Kindern gewidmet. Wir haben drei ausgewählt, die mit anderen Liedern auf der CD wunderbar korrespondieren.

Und wann und wie sind die Stücke dann an ihre Stelle auf der CD gerutscht?

Britten war für den Anfang zu intellektuell, ich wollte ursprünglich den Mussorgsky an erster Stelle, aber der Tonmeister empfahl, den Britten als zweites zu nehmen. Wir haben diskutiert. Dann wurde klar, dass wir den Poulenc als erstes machen wollten. Da haben wir uns gefragt – was kann danach gut kommen und haben erst an den Brahms gedacht. Aber dann bekamen wir das Gefühl, dass der Hörer meinen könnte, er höre doch eine Kinder-CD. Aber der Poulenc war intuitiv richtig am Anfang und von der Stimmung her passte da der Britten hinterher. So entstand allmählich auch nach der Aufnahme noch die Reihenfolge, die sie nun im Booklet sehen.

Mal etwas ganz anderes noch: Die Mussorgsky-Lieder machen Sie auf Russisch? Wie bereitet man sich da vor?

Ohhh – das dauert … ich habe immer wieder mit zwei Muttersprachlerinnen gearbeitet. Erst einmal Bedeutung, dann Vokale, dann Konsonanten… Ich habe es mir dann in lateinische Schrift umgeschrieben, aber inzwischen kann ich es auch auf Kyrillisch lesen. Das ging in Griechenland los, dann habe ich in Düsseldorf weiter an den Stücken gearbeitet. Insgesamt haben wir fünf Sprachen auf der CD, das war viel Arbeit, aber es hat auch unglaublich Spaß gemacht und zum Glück ist die Musikerwelt international, da haben mir viele Kollegen geholfen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Der eine sagt so, der andere so bei der Aussprache, es gibt immer verschiedene Ansichten.

Wie entscheiden Sie sich denn da? Sie können ja schlecht einen Diskurs über die Dialekte und die Hochsprachen und die Sprache abhalten, die man im Lied verwendet…

Ach, ich war ganz praktisch – Aber wenn ich drei Personen frage habe ich mindestens drei Meinungen. Mindestens! Daher habe ich nach dem Ohr und der inneren Schlüssigkeit entschieden, habe, wenn vorhanden, Aufnahmen verglichen. Aber die Basis war schon immer gleich, die Unterschiede marginal. Aber ich wollte es ja dann auch sehr sorgfältig vorbereiten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Vorgeschmack auf ein paar der Lieder, die Sie besonders mögen – was erwartet uns da für Geschichten?

Wenn ich nun zurückschaue auf die Produktion und die Entstehung des Ganzen sind meine Gefühle und Gedanken zu den Liedern ganz andere geworden als vor Beginn der Produktion!

Ich mag ja die Mussorgsky-Lieder so sehr! Im ersten da spricht ein Kind mit seinem Kindermädchen, oder im vierten, da erzählt es der Puppe eine Geschichte – da erlebt man Kinderabenteuer aus dem Alltag, von „Draußen“. In einem ist beispielsweise ein kleiner Käfer angelaufen gekommen, es sind immer solche kleinen Geschichten, die für uns, als wir Kind waren doch auch so wichtig waren. In mindestens drei Liedern sprechen das Kind und die Mama oder das Kindermädchen miteinander, da gibt es so schöne Stimmungswechsel aus den Perspektiven – die fand ich so charmant! Diese Identifizierung mit dem, was das Kind sagt, da habe ich mich ganz oft in der „kleinen“ Rolle wiedergefunden, die ich doch so von mir selbst kannte und dann kommt die Mutterstimmung.

Oder in einem Lied, da kommt die Babuschka und das Kind fragt nach einer Gute Nacht-Geschichte, hier spricht nur das Kind! Warum, na weil, warum der Knochenmann denn die Kinder isst? Vielleicht, wie Papa und Mama was sagen, oder weil man unartig ist? Das Kind hat da was gehört, kann es nicht einordnen. Sucht Erklärungen, denn es ist noch viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Das Ende dieses Liedes können Sie sich selbst denken….

Die Britten-Lieder liebe ich auch sehr! Beispielsweise das Lied „Charm“, das vierte aus dem Zyklus. „Sei still und schlafe“ – da droht die Mutter dem Kind, wenn es nicht schläft kämen die Erinnyen und Rhadamanthus, um es zu bestrafen. Hier wird die übliche Thematik des Wiegenliedes auf den Kopf gestellt… und natürlich liebe ich die griechischen Lieder!

Eine wichtige Frage zum Schluss: Wie bekomme ich eine CD und wo kann ich reinhören, wenn ich zu einem der Release-Konzerte nicht kann?

Wir sind zunächst einmal dem Bechstein Zentrum in Düsseldorf sehr, sehr dankbar. Wir durften die CD hier aufnehmen, haben keine Miete gezahlt, hatten ideale Bedingungen. Dass der damalige Geschäftsführer Christian Müller so viel Interesse hatte und sich engagierte war ein wirkliches Geschenk für das wir uns nun – nicht nur – mit dem Release-Konzert in Düsseldorf und dem in Köln in den Bechstein Centren bedanken möchten.

Inzwischen ist im griechischen Radio auch eine Präsentation gelaufen bei ERT – TRITO PROGRAMMA. Auf Spotyfy und über ITunes kann man reinhören.

Die CD kann natürlich nach den Release-Konzerten erworben werden oder auch im Internet über die Liedwelt bestellt werden. Im Plattenladen kann sie leider zurzeit nicht erworben werden, aber in Griechenland schon.

Wir bedanken uns für die vielen Hintergrundinformationen. Da freuen uns schon sehr auf die kleine Reise in unsere Kindheitserinnerungen bei den Release-Konzerten und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Liedsommer in Köln, Bonn und Düsseldorf!

Das Gespräch mit Elena Marangou führte Sabine Krasemann.

Konzerte:

Konzert am 20.9.2018 im Bechstein-Zentrum Köln
Konzert am 23.9.2018 in der Zentrifuge Bonn
Konzert am 28.9.2018 im Bechstein-Zentrum Düsseldorf

Photos ©: Elena Marangou, Elena Marangou

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Thomas Mann-Lieder-Lesung beim Bonner Liedsommer

Nicht selten steht bei einem Liederabend die Musik im Vordergrund, der Textdichter spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur in Verbindung mit der Vertonung seines Textes eine Rolle. Dass der literarische Hintergrund oder gar die literarischen Folgen nicht minder interessant sein können, das zeigten bei einem Liederabend im Bonner Augustinum die Pianistin Kristi Becker, Frauke May (Mezzosopran) und der Moderator Michael Schwalb.

Zusammen spürten sie den literarisch-musikalischen Zusammenhängen im Werk Thomas Manns nach, speziell im Hinblick auf Lieder, die dieser in seinem Schaffen literarisch verewigt hat. Und davon gibt es einige, von Schubert, Schumann, Wolf, Lassen und Brahms, zumeist bekannte Perlen des Repertoires, die sich im Zauberberg, Dr. Faustus und Co. wiederfinden. Für den ohnehin sehr musikaffinen Mann hatte das Kunstlied eine ganz besondere Bedeutung, die sich an diesem Abend einmal mehr offenbarte: auf der Suche nach den Wurzeln der deutschen Seele, nach Innerlichkeit und Tiefe griff der Autor immer wieder auf Bezüge zu dieser wohl deutschesten alles Musikgattungen zurück und benutzte sie als Illustration für seine literarischen Aussagen.

Einführungen in diese literarisch-musikalischen Zusammenhänge gewährte WDR-Moderator Michael Schwalb, der ebenso eloquent wie kenntnisreich in die Konzeption und Hintergründe des Liederabends einführte. Zu hören gab es neben Auszügen aus Franz Schuberts Winterreise und Robert Schumanns Liederkreis auch Goethe-Lieder von Hugo Wolf, den letzten der Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und – eine absolute Rarität – eine Heine-Vertonung von Brahms-Zeitgenosse Eduard Lassen.

Stimmiger Gesamtklang

Die Lieder waren bei Kristi Becker und Frauke May in den besten Händen, zusammen mit der Moderation ergab sich ein stimmiger Gesamtklang aus Wort und Musik, der beim gemeinsamen Austausch mit den Künstlern nach dem Konzert in einem gemütlichen Rahmen ausklang. Denn auch das ist eine Qualität des Liedsommers: Nach dem Konzert bleibt es nicht minder spannend.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Thomas Kölsch

Rheinischer Kultursommer 2018

Konzert am 3. August im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

Pressespiegel Liedsommer

Pressespiegel Liedsommer

Hier darf ich Mensch sein

Der Hintergrundbericht zum Bonner Liedsommer 2018 bei O-Ton.

Pressespiegel zu den einzelnen Konzerten

Romantik mit Geschichte

Genau das Richtige am Hochsommer-Abend: Eine Lieder-Lesung mit Koryphäen.

Unbekannter Rilke

„perfektes Zusammenspiel“ – „Das ist große Kunst, zumal das Niveau bei der Auswahl der Lieder sehr hoch liegt.“

Vorbericht auf WDR 3 TonArt

Ein Gespräch mit Oliver Cech über Liebes- und Todesbetrachtungen in Musik.

„Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal“

Christiane Oelze und Eric Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen…

„Tanzen und Springen“

Träumereien und Naturidyllen in der Savanne des Naturkundemuseum Alexander Koenig

Eine inszenierte poetische Dichter-Reise“

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt das Ensemble Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht.

„Kunde aus dem mittelalterlichen Europa“

Mit dem ältesten bekannten Musikstück der Welt, dem Hymnos Seikilos begann das Konzert.

„Mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen“

Ein inszeniertes Konzert über Alma Mahler am 27.5.2018 in Oberpleis mit Judith Hoffmann und Desar Sulejmani

Romantik mit Geschichte

Romantik mit Geschichte

THOMAS MANN UND SEINE LIEDER – von Michael Zerban

Genau das Richtige am Hochsommer-Abend: Eine Lieder-Lesung mit Koryphäen.

Zu lesen bis Montag, 6.8.2018 kostenfrei bei unserem Medienpartner O-Ton

„May gelingt es, die alten Lieder mit Frische und Aplomb vorzutragen, so dass die knapp anderthalb Stunden des Vortrags verfliegen. …. Am Flügel sitzt Kristi Becker, eigentlich Spezialistin für Neue Musik, die aber schnell zeigt, dass sie auch als Liedbegleiterin eine hervorragende Figur macht. … Die Moderation des Journalisten geht weit über das Übliche hinaus“

Photo © Michael Zerban

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“ – Interview mit Thilo Dahlmann

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“

 Interview mit Thilo Dahlmann

Herr Dahlmann, wann stand für Sie fest, dass Sie Gesang studieren wollen? War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?

Es waren bei mir vor allem Umwege und die Entscheidung kam recht spät. Ich habe erst mit 24 Jahren mit dem Gesangsstudium an der Essener Folkwang-Hochschule begonnen und davor auch nur ein halbes Jahr Gesangsunterricht genommen. Eigentlich kam ich vom Klavier und der Orgel. Nach dem Abitur begann ich zunächst ein Jura-, Geschichts-, Politik-, Musikwissenschafts- und Romanistikstudium in Bonn. Also ein ziemlich großer Umweg, um den ich heute aber nicht traurig bin, und der mir in der künstlerischen und pädagogischen Arbeit zu Gute kommt.

Parallel zum Studium in Bonn begann ich beim Erzbistum Köln eine nebenberufliche Ausbildung zum Kirchenmusiker. Darüber bekam ich Kontakt zu meiner ersten Gesangslehrerin und die empfahl mir meinen ersten Lehrer an der Folkwang-Hochschule Essen. Und so kam am Ende eins zum anderen.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das Schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme?

Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen. Der eigene Körper, die eigene Stimme ist das Instrument. Außerdem ermöglicht uns die Auseinandersetzung mit den vertonten Texten eine andere inhaltliche und emotionale Identifikation. Wo sonst kann man unmittelbar einen solchen Kontakt zum Publikum erzielen. Da besitzt man auf der Bühne und auf dem Podium schon ein besonderes Privileg.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern „auf dem Markt“ durchzusetzen? Bilden Musikhochschulen nicht zu viele Sänger aus?

Diesem Vorwurf wird sich eine Musikhochschule immer aussetzen müssen. Zum einen aber stehen mehreren hundert Bewerbern bereits heute nur ca. 10-15 Studienplätzen pro Hochschule und Jahr gegenüber. Das Interesse an einem Studienplatz wird also nicht geringer und nur ein Bruchteil derer, die sich bewerben, bekommt überhaupt einen Studienplatz. Zum anderen ist der Sängerberuf seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt; die Einsatzmöglichkeiten sind deutlich vielfältiger und „der Markt“ ist damit größer geworden.

Inwiefern hat sich der Beruf des Sängers in den letzten Jahren gewandelt?

Der Sängerberuf ist seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt. Die noch vor 20-30 Jahren übliche Möglichkeit, durch ein Theaterengagement ein lebenslanges anständiges Gehalt zu erhalten, ist faktisch fast nicht mehr existent. Dennoch herrscht an den Hochschulen immer noch das Berufsbild des Theatersängers vor. Es ist sogar so, dass eigentlich nur der Sänger oder die Sängerin es wirklich geschafft hat, wenn er – oder sie – eines der seltenen Theaterengagements ergattern konnte. Dass diese Engagement-Laufbahnen in der heutigen Zeit auch eher kurzlebig sind, steht da auf einem anderen Blatt.

Wir müssen akzeptieren, lernen und vor allem auch in der Ausbildung verankern, dass der Sängerberuf heute aus ganz vielen sich ergänzenden Möglichkeiten besteht und diesen Wandel vor allem auch als Chance begreifen! Die Normalität sieht so aus, dass Sänger heute von einem Patchwork aus Engagements leben. Dazu gehören Theaterengagements, Chor- und Ensembleprojekte, solistische Konzerte ebenso wie private Unterrichtstätigkeit oder Stimmbildungsaufgaben.

Und diese Vielschichtigkeit der Tätigkeiten und Möglichkeiten wird sich eher noch erweitern. Es wird immer und zum Glück zahlreiche Sänger geben, die sehr gut und in tollen Engagements von ihrem Beruf leben können. Aber wir müssen aus unseren Köpfen herausbekommen, dass alle anderen Formen der Berufsausübung als die des Opernengagements „Scheitern“ betrachtet werden. Im europäischen Ausland, wo man nebenbei auch die deutsche Eigenart der Stadttheater in dieser Form nicht kennt, ist man in dieser Hinsicht schon deutlich weiter.

Was empfehlen Sie einem jungen Sänger für seine berufliche Laufbahn? Wie findet er einen gelungenen Start in die Karriere?

Man sollte offen sein für das, was auf einen zukommt und vor allem für Neues, das man sich zunächst vielleicht noch gar nicht vorstellen kann. Kontakte knüpfen, gute Vorbereitung, realistische Einschätzung der eigenen Begabungen und Stärken. Dazu muss man sich bewusst sein, dass man einen künstlerischen Beruf ausübt. Es geht um Kunst, um Musik, darum, auf der Bühne eine Figur lebendig werden zu lassen. Alles Technische hilft uns dabei, ist aber kein Selbstzweck.

Worauf legen Sie beim Unterrichten an der Hochschule am meisten Wert? Gibt es typische Probleme oder Fehler, die Ihre Schüler besonders häufig haben beziehungsweise machen?

Basis ist natürlich immer der sichere technische Umgang mit der eigenen Stimme. Am liebsten möchte man natürlich schon am Beginn des Studiums alle Lieblingslieder und -arien singen, die man von seinen Lieblingssängern auf CD hat. Da muss man als Lehrer schon mal auf die Bremse treten und der Stimme Zeit geben, damit sich keine technischen Baustellen einschleichen, die man später mühsam ausbügeln muss, oder die Stimme zu früh zu großer Belastung ausgesetzt ist.

Ganz besonders wichtig ist mir aber von Beginn an die Frage, was singe ich da eigentlich? Worum geht es? Meine ich es ehrlich mit dem was ich singe? Diese Frage ist für mich unmittelbar mit der technischen Ausbildung verbunden und lässt sich auch nicht davon trennen. Es ist im Unterricht interessant, dass sich viele Erklärungen erübrigen, wenn der Studierende genau weiß und sich vornimmt, wirklich bewusst musikalisch und inhaltlich das auszusagen, was Musik und Text beinhalten. Da steckt einfach eine ganze Menge Natürlichkeit im Zugang zu unserer Stimme. Den gilt es freizulegen und zuzulassen.

Was muss ein professioneller Sänger heutzutage können? Nur schön singen alleine reicht vermutlich nicht?

Ganz bestimmt nicht. Auch wenn es nicht schadet, wenn man auch eine schöne Stimme hat! Ich denke es kommt wie zu allen Zeiten wirklich auf die Persönlichkeit an. Wir kennen alle diese Fälle, wenn man eine unglaublich schöne Stimme hört und trotzdem nicht berührt wird. Umgekehrt packen uns manche Bühnencharaktere, deren Stimme man aber nicht unbedingt als schön bezeichnen würde. Das, was man hören möchte, ist ein ausbalanciertes Gesamtpaket aus Persönlichkeit, Stimme, Ehrlichkeit und Verantwortung für die Musik und die Partie, die man singt. Darüber hinaus haben sich die Anforderungen durch soziale Medien und ständig zugängliche Präsenz verändert.

Ein Sänger muss heute in den sozialen Medien präsent sein und sich verkaufen. Ich kenne nur wenige Sänger, die keine eigene Homepage haben, was auch die Aufgabe und die Bedeutung von Agenturen stark verändert hat. Man ist als Sänger vielleicht noch mehr Einzelkämpfer geworden und es geht alles viel schneller.

Was machen Sie am liebsten: Oper, Lied oder Oratorium?

Alle drei. Durch meine eigene künstlerische Biographie liegt mein Schwerpunkt natürlich im Bereich Lied und Oratorium. Und wenn ich mir ansehe, was ich selbst gerne höre, liegt in diesem Genre auch meine persönliche Vorliebe. Ich genieße es aber auch sehr, auf der Bühne zu stehen und lebe dort die Emotionalität einer Rolle im Zusammenspiel mit den Kollegen aus. Mit dem Ende des Studiums war ich ein Jahr im Opernstudio der Zürcher Oper, durfte am Haus eine Reihe kleiner Rollen singen und vor allem viele phantastische Sänger und Dirigenten aus der Nähe erleben. Dennoch war es nach dem Jahr auch eine bewusste Entscheidung, nicht in ein Festengagement zu gehen. Die Freiheit, die die Freiberuflichkeit bietet, alle drei Sparten bedienen zu können, hätte mir zu sehr gefehlt. Bei aller Unsicherheit, die damit verbunden ist.

Was reizt Sie an solchen spartenübergreifenden Projekten wie der schönen Magelone, die Sie zusammen mit dem Pianisten Hedayet Djeddikar und dem Schauspieler Hans Jürgen Schatz aufführen werden?

Das ist ein besonderes Projekt, von denen es leider viel zu wenige gibt. Vor allem auch in dem perfekten Ambiente der Cochemer Reichsburg, die im 19. Jahrhundert aus dem gleichen kulturellen Geist wiederaufgebaut wurde, aus dem heraus Tieck die Geschichte der „Schönen Magelone“ neu erzählt hat. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame und ineinandergreifende Interpretation eines Werkes durch Rezitation und Musik. Auch denke ich, dass diese Konzertform für das Publikum sehr reizvoll ist und die Hemmschwelle senkt, einen Liederabend zu besuchen.

Sie sind stilistisch sehr breit aufgestellt, machen sowohl Alte als auch Neue Musik. Wird das von den Veranstaltern akzeptiert, oder suchen die nicht eher Spezialisten?

Das wird von den Veranstaltern durchaus akzeptiert und inzwischen sogar gewünscht. Die strenge Trennung der Stile löst sich meiner Erfahrung nach immer mehr auf. Die Erkenntnisse und Methodik der historischen Aufführungspraxis ist heute bis tief in die Romantik hinein einfach gängige Praxis. Und umgekehrt ist auch die Auseinandersetzung mit „Alter Musik“ in den Spezialensembles nicht mehr so dogmatisch wie zu Beginn der „Bewegung“, als es auch galt, sich erst einmal einen Platz in der Musikwelt zu erobern.

Verändert dieser stilistisch bunte Mix in irgendeiner Art und Weise ihre Interpretationen?

Ja und Nein. Grundsätzlich denke ich nicht in solchen Kategorien. Da kommen wir wieder zur ehrlichen Auseinandersetzung mit Musik und der Stimme. Dazu passt keine von außen aufgesetzte Stilistik. Allerdings ergeben die Umstände – ein Orchester bei Britten, Mendelssohn ist natürlich größer und lauter als Werke für Gambe und Laute – natürlich einen anderen Zugriff auf die eigene Stimme. Aber eigentlich geschieht das automatisch. Und aus diesen Umständen ändern sich dann Phrasierung und klangliche Parameter, da man sonst schlichtweg nicht zu hören ist.

Welche Lieblingswerke und -komponisten haben Sie? Welche Werke und Komponisten haben Sie besonders geprägt?

Bach natürlich! An erster Stelle und zu jeder Zeit. Und bei ihm vor allem seine Matthäuspassion, die für mich ein solitäres Meisterwerk ist. Ich bin aber auch ein großer Freund Mendelssohns. Ich kenne eigentlich keine „schönere“ Musik als die von Mendelssohn. Von den Motetten angefangen über die Instrumentalmusik bis hin zu den großen Oratorien kenne ich wenig, das auf so perfekte Weise Schönheit mit Tiefe und Emotionalität verbindet. Im Bereich Lied schätze ich neben den Klassikern Schubert, Schumann, Brahms aber auch ungemein die etwas unterschätzte der klassischen Moderne eines Frank Martin, Othmar Schoeck und ganz besonders Wolfgang Fortner, dessen moderne Tonsprache sich trotzdem mit einem leichten klanglichen Zugang für den Hörer verbindet.

Sie haben auch ein Examen für (nebenamtliche) Kirchenmusiker abgelegt. Spielen Sie heute noch irgendwo Orgel oder leiten einen Chor?

Leider fehlt mir dafür die Zeit, was ich sehr bedaure. Hin und wieder ergibt sich die Gelegenheit, einen Gottesdienst zu spielen. Was zumindest ich selbst sehr genieße. An der Kölner Hochschule konnte ich die Freude an der Chorleitung mit Gesangstudierenden ausleben und einmal im Jahr ein Werk einstudieren und dirigieren. Mein Ziel war es dabei, dass alle Mitwirkenden sowohl solistisch als auch chorisch gefordert werden. Ein Musizieren, das heute auch für alle Solisten bei renommierten Ensembles üblich ist. In den vergangenen Jahren konnte ich so Purcells King Arthur, Cavalieris Rappresentatione oder das wunderbare Membra Jesu nostri von Dieterich Buxtehude mit den Studierenden erarbeiten und aufführen.

Auf der Bühne leben Sänger mitunter ja auch gefährlich. Ist Ihnen dort schon mal was passiert?

Davon kann sicher jeder im wahrsten Sinne ein Lied singen. Eins meiner kuriosesten Erlebnisse war eine DVD-Produktion von Strauss‘ „Arabella“ mit Renée Fleming am Opernhaus Zürich, bei der ich die bedeutende Partie des Zimmerkellners übernehmen durfte. Nachdem ich meine drei Sätze halbwegs unfallfrei überlebt hatte, ging ich nach meinem Akt mit zum Verbeugen vor den Vorhang. Beim Zurückgehen hinter den Vorhang habe ich vor lauter Erleichterung die Bodenöffnung des Souffleurlochs übersehen und bin vor den laufenden Kameras in das Loch gefallen. Gnädigerweise stoppte die Aufnahme auf der DVD kurz vor dem Applaus.

Welche Rolle oder welches Werk würden Sie am liebsten einmal singen?

Nachdem ich im Mai mit dem War Requiem in der Essener Philharmonie ein Lieblingswerk singen durfte, fehlt mir auf dem Konzertpodium von meiner aktuellen Wunschliste noch das Verdi Requiem. Auf der Bühne gibt es natürlich immer mehr oder weniger realistische Traumpartien, die man gerne singen würde. Bei mir wären das Amfortas und Philipp in Don Carlos.

Was machen Sie, wenn Sie krank sind, bzw. was tun Sie im Vorfeld, um zu verhindern, dass es so weit kommt?

Zum Glück ist man als tiefe Männerstimme ein wenig robuster als andere Stimmfächer, da sich unser Stimmumfang in etwa mit unserer Sprechlage deckt. Dennoch ist die Erkältung auch unser natürlicher Feind. Ich treibe Sport und habe ein Nasenspray, das ich bei einer sich ankündigenden Erkältung nehme. Damit komme ich bisher sehr gut über die Runden. Ob es wirklich hilft oder ich es mir nur einbilde, ist da gar nicht so wichtig.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?

Eine Belastung ist es schon. Aber das Singen und Spielen macht einfach so unglaublich viel Spaß und ist so facettenreich, dass es nie langweilig wird. Wir haben das Privileg mit unserer Stimme und unserem Spiel Menschen zu erreichen, Werke von unfassbarer Schönheit und Kunst aufführen zu können. Insofern lohnt sich fast jeder Verzicht und alle damit einhergehenden Belastungen.

Das Gespräch führte Guido Krawinkel.
Photo © Thilo Dahlmann, Marco Borggreve

Liedkunst in Vollendung

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Zentrifuge alles andere als alltäglich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Alles andere als alltäglich war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photos © KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018