Archiv der Kategorie: Berichte

Heimat Europa? – Ein brandaktuelles, facettenreiches und fragmentarisches Mosaik

Heimat Europa? – Ein brandaktuelles, facettenreiches und fragmentarisches Mosaik

Liederabend im Rahmen der Kölner Themenwoche 2019 „Europa“: Kulturelle Identität als Fragment im Kunst- und Volkslied Europas

Insgesamt sechs Sängerinnen und Sänger und fünf Pianistinnen und aus der Liedakademie der Hochschule für Musik und Tanz Köln gestalteten am 10. April 2019 unter der künstlerischen Leitung von Prof. Ulrich Eisenlohr in der Trinitatiskirche Köln ein spannendes Programm zum Thema „Heimat Europa?“ Die Formulierung des Titels als Frage könnte angesichts der derzeitigen Situation Europas in Zeiten des Brexits, der anhaltenden Migrationsströme aus Krisengebieten und des beunruhigend wachsenden Rechtspopulismus aktueller nicht sein. Die Studierenden der Liedakademie musizierten auf hohem künstlerischem Niveau Lieder, die zur Nachforschung hinsichtlich der kulturellen Identität Europas anregen.

Den Einstieg gaben im ersten Themenblock Vertonungen romantischer Komponisten aus der Gedichtsammlung Johann Gottfried Herders „Stimmen der Völker in Liedern“. Herders zu seiner Zeit extrem einflussreiche Gedichtsammlung bietet einen breiten Schatz an Volksliedern aus ganz Europa: Sagen, Liebesgedichte und Referenzen auf politische Ereignisse wie zum Beispiel das „Lied der Königin Elisabeth“ geben Einblicke in die kulturelle Geschichte Europas und seine kulturelle Identität. Hedwig Ritter (Sopran), Tabea Mahler (Mezzosopran), Vincent Debus (Tenor) und Frederik Schauhoff (Bariton) gestalteten gemeinsam mit Yuhao Guo (mit perlendem Klang am Klavier) Lieder von Johannes Brahms und Carl Loewe.

Hölderlin und Hollywood

Im zweiten Themenblock wird Europa als kulturelle Heimat gebrochen. Hanns Eislers „Hölderlin- Fragmente“ aus dem „Hollywooder Liederbuch“ erinnern an den zweiten Weltkrieg und den Holocaust und die damit einhergehende Krise der deutschen und europäischen Identität im 20. Jahrhundert. Eisler vertonte Gedichte Hölderlins, die er selbst nur fragmentarisch übernahm – jedes Auslassen und Umschreiben im Text ein Kommentar auf die Fragmentierung der eigenen Erfahrung von Heimat, der Zerstörung des eigenen Heimatgefühls auf Grund des Exils. So zum Beispiel das letzte Lied im Zyklus „Erinnerung“, das bei Hölderlin noch den Titel „Lied eines Deutschen“ trägt.

Tabea Mahler und Lisa Ochsendorf am Klavier interpretieren entschieden und vermitteln das auch in der Tonsprache fragmentarisch von der Zwölftonmusik bis zum Jazz changierende Werk eindrücklich.

Der Wanderer – immer im Kunstlied präsent

Nun wendet sich das Programm der Figur des Wanderers zu, eine Figur die im romantischen Kunstlied einen großen Platz einnimmt, denkt man zum Beispiel an die Winterreise von Schubert.

Die Figur des Wanderers, des Heimatlosen bleibt auch in heutigen Zeiten der Migration hochaktuell. Hedwig Ritter, Frederik Schauhoff und Ayaka Kodoi musizieren mit klarem Klang Lieder von Schubert, Schumann und Brahms, die sich verschiedenen Facetten des Wandererdaseins zuwenden: keine Heimat finden („Der Wanderer“/Schubert), die Wut über Einsamkeit und Heimatlosigkeit („Kein Haus, keine Heimat“/Brahms), die Sehnsucht, endlich nach Hause zu kommen („Mondnacht“/Schumann) und schließlich als Fragment aus dem vorhergegangenen Themenblock: Erinnerung an die Heimat „Erinnerung an Schumann und Eichendorff“/ Eisler.

Kosmopoliten und Weltenbürger

Julie Verkauteren (Sopran) und Ani Ter-Martirosyan am Klavier gestalten elaboriert, mit Witz und starker Ausdruckskraft im nun folgenden Block „Kosmopoliten“ die Lieder „ Six Poèmes de Guillaume Apollinaire“ von Arthur Honegger. Apollinaire war selbst polnisch-italienischer Abstammung und lebte den größten Teil seines Lebens in Frankreich – ein Weltenbürger, Europäer und Europareisender wie er im Buche steht. Beide – Honegger als Teil der Groupe des Six, Apollinaire in seinen Freundschaften zum Beispiel mit Picasso – waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil des aktiven Pariser Kunstlebens der Moderne, Surrealismus und Dadaismus entstehen, die europäische Kunst floriert vor dem Beginn des ersten Weltkrieges – ein Exkurs in eine Zeit, in der der Titel des Programmes vielleicht nicht mit einem Fragezeichen versehen werden musste.

Zum Abschluss des Konzertes musizieren Rina Hirayama (Mezzosporan) und Wan-Yen Li (Klavier) die „Quattro canzoni popolari“ des italienischen Avantgardisten Luciano Berio. Es schließt sich der Kreis zum Anfang des Konzertes, denn Berios Lieder sind Volkslieder „canzoni popolari“, in den letzten Kriegsjahren des zweiten Weltkrieges vertonte Texte aus dem 12. – 14. Jahrhundert. Und da ist es wieder, das Fragment der europäischen Tradition, des Volksliedes, das uns bis heute beschäftigt und Luciano Berio zu einem kraftvollen Werk mit eklektischer Tonsprache inspirierte! Rina Hirayama und Wan-Yen Li entlassen uns mit energiegeladener Ausführung in unsere eigenen Gedanken.

Europäische Identität bleibt ein Mosaik

Die Erfahrung der europäischen Identität bleibt die Erfahrung eines Mosaiks, facettenreich und fragmentarisch. Als Zuhörer des Konzertes erfahren wir etwas über die Vielfältigkeit dieser Fragmente, Mosaikstücke in Form von Liedern und Volksliedern unterschiedlichster Nationen und unterschiedlicher Epochen, die als Ganzes ein Bild Europas ergeben. Wir erfahren als Zuhörer, dass die Lieder nichts an Aktualität eingebüßt haben und auch, dass zum Fragmentarischen der kulturellen Erfahrung Europas aus unserer heutigen Perspektive andere Bedeutungen hinzukommen. So denkt man beispielsweise beim Vortrag des von Johannes Brahms romantisch vertonen Liedes „Die Meere“ aus Herders Gedichtsammlung unwillkürlich an die von vielen europäischen Staaten auf den europäischen Meeren vergessenen und abgewiesenen Flüchtlinge- Wanderer im heutigen Sinne.

Wie können sie, die ihre Heimat verlassen mussten, in Europa eine neue Heimat finden? Wie können die in Europa aufgewachsenen Europäer Europa als Heimat empfinden und im Angesicht von Brexit und wachsendem Rechtspopulismus den europäischen Gedanken der Einheit unterschiedlichster Völker weitertragen?

Die ersten zwei Stücke des Programms „Wege der Liebe“ (1. und 2. Teil) von Johannes Brahms könnten uns hierzu eine Antwort geben. Hier wird der Gott der Liebe Amor als ein Flüchtling besungen, der trotz Widrigkeiten doch immer einen Weg und eine Heimat findet. Hoffen wir, dass es in Europa in diesem Sinne weitergehen kann.

Bericht: Milena Knauss (20.4.2019)

Photos © Milena Knauss

Dreimal Zwei

v.l.n.r: Linda Leine, Pia Salome Bohnert, Andreas Durban

Dreimal Zwei

Gestern, am 6. Februar 2019, waren drei Liederabende im Kölner Zentrum zu hören, die geballt die Vielgestaltigkeit dieses Genres zeigten.

Ab 15 Uhr gab es zunächst zwei Master-Abschlusskonzerte Liedgestaltung in der Aula der Hochschule, zwei Lieder-Nachmittage also:

Durchwachte Nächte – freundliche Morgen

Gleich im ersten knapp einstündigen Konzert wurde klar wie wichtig doch die Liedgestaltung durch den Partner oder die Partnerin am Klavier ist. Die Absolventin Atsuko Ota bot ein wunderschön durchsichtiges Spiel, dazu ein wahres Kaleidoskop an Farbigkeit in einem klugen Programm, das zahlreiche innere Bezüge spannungsvoll verband. So klangen Klassiker wie “Die junge Nonne” oder “Der Zwerg” von Schubert frisch und waren ganz neu gehört. Kongeniale Partner am Stimmband waren für die Absolventin die Sopranistin Anna Christin Sayn, die das Publikum mit ihrer Interpretation von  vier Liedern nach Brentano op. 68 von Richard Strauss ebenso begeisterte wie der Bass-Bariton Clarke Ruth, dessen Wolf-Lieder geradezu erschreckend plastisch waren.

v.l.n.r: Atsuko Ota, Clarke Ruth, Anna Christin Sayn

Das zahlreich erschienene Pulikum applaudierte begeistert und bereitete sich auf das zweite Konzert vor:

The Sound of Silence

Die Absolventin Emeline Archambaoult hatte ein Konzept rund um den Klassiker von Simon und Garfunkel entwickelt: Dieses innige Lied, das die beiden Sängerinnen Julia Spies und Manon Blanc-Delsalle in perfektem Duo-Sound zelebrierten, sorgte dafür, dass alle mitträumen konnten. Stille auch in der Klassik: Dies korrespondierte mit dem ebenfalls berühmten Pendant “4’33” von Cage, konzentriert inszeniert mit Pflicht zum Innehalten, und dies musste auch sein, denn die Gruppen, in die sich die restlichen Lieder formierten hatten es in sich!

Das Programm startete mit Schumanns bekanntem “Liederkreis”, in dem der Bariton Benjamin Hewat-Craw die Zuhörerschaft sogleich für sich und das gesamte Konzert komplett einnahm. Die souveräne Meisterin am Klavier verstand es, durch ihre Interpretationen galant die einzelnen Puzzle-Teile des Konzepts zu verbinden: Welche Unbegreiflichkeiten, Abgründe das Lied auch bieten kann zeigten nicht nur die Lieder von Kurtág oder Berg, auch das Verschweigen (Wolf, Verschwiegene Liebe) und Verstummen (Duparc) kam zur Sprache.

Die Liedwelt Rheinland gratuliert beiden Damen ganz herzlich zu dem erfolgreich bestandenen Abschluß!

v.l.n.r: Emeline Archambault, Julia Spies, Manon Blanc-Delsalle, Benjamin Hewat-Craw

Auf der Suche nach der Rose

Keine zwei Stunden später gab es in der renommierten Lied-Reihe “Im Zentrum LIED” im Thyssen-Auditorium am Neumarkt das nächste Konzept zu erleben. Auch hier bewegte die Mannigfaltigkeit aus einem konzentrierten thematischen Ansatz heraus: Die Suche nach der Rose. Andreas Durban verstand es, gekonnt mit literarischen Exkursionen und historischen Kurzberichten sehr unterhaltsam diese Annäherung zu eskortieren. Gespannt wurde ein großer doppelter Bogen: Es korrespondierten Crumb- und Messiaen-Lieder zu Anfang und zum Ende. Ergänzt wurde diese Idee durch zwei “Brückenpfeiler” – kurze Klavier-Solo-Passagen, die dem Publikum Zeit zur Reflexion und zum Innehalten gaben.

Die Pianistin Linda Leine tauchte in diesen beiden Solo-Passagen noch tiefer in ihre pianistische Vielfalt ein und kommentierte so beispielsweise in dem Lilientanz von Prokofiev die Rosen-Bilder, griff hier aber auch auf kompositorische Elemente aus dem Auftragswerk “Verwelktes Blühen” von Anna Mikolajková zurück.

Während des gesamten Abends erfreute Pinda Leine in dieser innigen Duo-Partnerschaft. Mit dieser Partnerin konnte die Sopranistin Pia Salome Bohnert scheinbar spielend leicht das Publikum in den Bann ziehen: Zwischen den beiden das Konzept rahmenden Crumb-Stücken aus “Apparition” schlug sie den großen Bogen ihrer sängerischen Ausdrucksmöglichkeiten, sei es im ersten Teil als phantastisch erzählende “Shéhérazade” in Ravels Werken oder in den berühmten “Mädchenblumen” von Richard Strauss. Nach dieser Annäherung an die Rosen-Thematik “von Außen” ging das Liedduo im zweiten Teil in die Nahaufnahme. Bohnert und Leine berückten in einem kaleidoskopartigen Annähern an die Rosen-Symboliken im zweiten Teil: So erklang Erschreckendes (Gubaidulina), Lustiges (Pfitzner), Betörendes (Piafs berühmtes La Vie en Rose) und Verblüffendes (Mikolajková). Für die Zugabe hatten die beiden Künstlerinnen sich Faurés berühmt-betörendes Lied “Les Roses d’Ispahan” aufgehoben, um mit einem wissenden Lächeln die Zuhörer zu entlassen.

So bot der Liederabend “Auf der Suche nach der Rose” einen “ätherisch-französischen” Abschluss dieses Mittwoch-Liedmarathons.

Bericht + Photos: Sabine Krasemann

Schubert total

Schubert total im Pierre Boulez Saal Berlin

Berlin +++ 28.1.2019 +++ Ein schicker Kammermusiksaal im Herzen der Stadt – diesen Traum träumt man in Bonn, Köln und Düsseldorf nach wie vor. In Berlin hat sich innerhalb gefühlten fünf Minuten der “Boulezsaal” am Konzertmarkt etabliert – das Gefühl hinterlassend er sei eigentlich schon immer dagewesen.

Nun fand dieses Jahr erstmals eine Schubert-Workshop-Woche in Zusammenarbeit mit der Festival Akademie des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling unter Federführung von deren Künstlerischen Leiter Thomas Hampson statt. Die Meisterklassen-Teilnehmer haben eine Schubert-Intensivkur Backstage absolviert und ihre Arbeit in mehreren öffentlichen Konzerten präsentiert.

Bravo-Rufe in der Konzertmitte für den “Zwerg” mit Johannes Leander Maas und Toni Ming Geiger

„Musik kann man immer wieder neu entdecken in der live-Interpretation und das ist hier zum Besten zu erleben,“ so Hampson in der Begrüßung der knapp 300 Gäste. Die Liedwelt Rheinland freut sich sehr, dass Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger einer der drei Pianisten des Nachmittags auftrat und mit seinen bis ins Detail ausgefeilten Interpretationen und auf den Punkt gebrachten Nuancen das Publikum beigeisterte.

Insgesamt acht Sänger und drei Pianisten gestalteten jeweils kurzweilige Prismen mit zwei oder drei Schubert-Liedern, die einen stimmigen dramaturgischen Bogen entwickelten, der angesichts der „Problematik“ so viele hervorragende Künstler in ein sinnvolles Gesamtprogramm zu bringen erstaunlich überzeugend gelang. Viele bekannte Stücke waren darunter, so dass der Leitsatz Bekanntes neu zu hören vom Publikum in der Tat nachvollzogen wurde. Höhepunkt war der gruselige Dauerbrenner „Der Zwerg“ – positioniert kurz hinter der Programm-Mitte. Am Ende für alle Beteiligten Bravo-Rufe und begeisterter Applaus. In der dritten Januarwoche 2020 gibt es ein „Wiedersehen“.

Das Publikum verlies bei dem schlechten Wetter den Saal und das einladende Foyer zögernd und viele zogen es vor, über Entdeckungen, Ideen und das Erlebte insgesamt sich noch auszutauschen.

Konzert am Samstag, den 26. Januar 2019, 16 Uhr

Photos + Text Sabine Krasemann

Großer Applaus für alle!

III. LiedDuo-Wettbewerb 2018 – Preisträgerkonzert 30.9.2018

III. LiedDuo-Wettbewerb 2018

Das Kunstlied angemessen würdigen

Preisträgerkonzert des 3. Internationalen Schubert Wettbewerbs Dortmund am 30. September 2018 in der Kompressorenhalle der Kokerei Hansa, Dortmund

Der dritte LiedDuo-Wettbewerb fand in diesem Jahr in der letzten Septemberwoche in Dortmund statt und wurde unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Norbert Lammert ausgerichtet. Nach 13 Klavierwettbewerben folgte nun der spezielle LiedDuo-Wettbewerb in der dritten Auflage.

Stefan Heucke ist Komponist und seit 2016 Vorsitzender dieses internationalen Wettbewerbs. Er zeigte sich besonders begeistert von dem diesjährigen Gewinner-Duo, bestehend aus der Mezzosopranistin Esther Valentin und der Liedpianistin Anastasia Grishutina: „Die beiden ergänzen sich einfach ganz fantastisch und es interessant zu sehen, wann sie welche Impulse setzen und damit eine ganz bestimmte Stimmung vermitteln“, sagt der 59-Jährige.

Das mag auch an der großen Leidenschaft liegen, mit der die beiden an die Musik herangehen: „Die Arbeit mit dem Lied erfüllt mich total“, schwärmt Esther Valentin. „Beim Wettbewerb gab es natürlich bestimmte Pflichtstücke. Nicht sofort findet man immer einen Zugang, aber als wir am Ende auf der Bühne standen, hat es für uns einfach gepasst“, so die junge Sängerin weiter. Auch Anastasia Grishutina ergänzt: „Alles hat sich irgendwie gefügt und wir konnten eine Geschichte erzählen.“

Und genau darum ging es, um gemeinsames Wirken: „Wir wollen bei unserer Veranstaltung das Duo in seiner Gesamtheit bewerten und zwar vollkommen gleichberechtigt und gleichwertig. Das war auch die Idee von Irwin Gage“, so Heucke. Der Pianist Irwin Gage war bis 2017 künstlerischer Leiter des Wettbewerbs, er verstarb im April dieses Jahres. „Aber für ihn war einfach wichtig, dass das Phänomen des Duos im Vordergrund steht – so wie es bisher noch bei keinem anderen Wettbewerb der Fall ist.“

„Der Pianist ist kein Begleiter“

In den großen Kunstliedern sind laut Heucke Klavier und Gesangsstimme so eng miteinander verbunden und durchdringen sich gegenseitig, dass eine gleichberechtigte Struktur nur konsequent ist. „Der Pianist ist kein Begleiter, deswegen nutzen wir auch den Begriff des Liedpianisten.“ Dennoch sei es häufig so, dass die Pianisten zu kurz kommen. „Und das obwohl sie so viel beitragen zum Liederlebnis.“

Deswegen wird dieser Preis verliehen, um ein zusätzliches Augenmerk auf die Gleichberechtigung von Gesang und Klavier zu legen. Und bei Esther Valentin und Anastasia Grishutina hätten sich Gesang und Klavierspiel wunderbar ergänzt. So gut, dass die junge Pianistin zusätzlich mit dem Sonderpreis der Liedpianistin ausgezeichnet wurde. „Ich stelle mir die Liedkunst so wie Kammermusik vor. Jeder von uns gibt Input, es gibt keinen Solisten und seinen Begleiter. Wir schaffen etwas gemeinsam“, findet die Anastasia Grishutina und führt weiter aus: „Ich versuche immer ohne solistische Attitüde zu spielen, dabei entfernt man sich nur von der Musik. Mir geht es um die Musik, ihren Text und die Geschichte dahinter. Denn wenn ich mich der Musik stelle, kann ich komplett ich selbst sein. Ich gebe einen Teil von mir, aber ich bekomme so viel zurück. Das ist für mich das Schönste an der Musik.“

„Anastasia Grishutina hat einfach immer wieder eigene Impulse gesetzt, mitgedacht und agiert. Das war wirklich etwas Besonderes“, fasst der Komponist zusammen. Gemeinsam mit Juliane Banse, Deborah Polaski, Ian Fountain, James Taylor, Olaf Bär, Arnulf von Arnim, Jan Philip Schulze und der künstlerischen Leiterin Ingeborg Danz saß er in der Jury. „Das Kunstlied ist für mich eine spannende Sparte mit vielen gestalterischen Möglichkeiten und die wurden von dem Gewinner-Duo toll bedient. Bereits in der Vorauswahl waren uns die beiden aufgefallen und wir waren gespannt, was uns live bei den Auftritten erwartet.“ Gemeinsam mit Ingeborg Danz hatte er aus 86 Duos 44 ausgewählt und zum Wettbewerb geladen.

Ein Publikumspreis mit besonderem Ergebnis

Von den geladenen Duos waren schließlich 32 erschienen und die Jury wählte in dem insgesamt eine Woche dauernden Wettbewerb drei Favoriten aus. Die Stimmen werden dabei anonym abgegeben und es findet keine Beratung untereinander statt. „So kann wirklich jeder fair und ohne Beeinflussung abstimmen“, betont Stefan Heucke.

v.l.n.r: Gisela Jöbstl, Klaudia Tandl, Esther Valentin, Ananstasia Grishutina, Elitsa Desseva, Mikhail Timoshenko

Ein Publikumspreis des Lions Club Dortmund-Rothe Erde wurde erstmalig in der in der Kompressorenhalle der Kokerei Hansa vergeben. „Oftmals ist es so, dass das Publikum noch eine andere Sichtweise hat, aber in diesem Jahr war es wirklich komplett identisch“, so Heucke. Denn sowohl das erstplatzierte Duo als auch das zweitplatzierte – bestehend aus dem russischen Bariton Mikhail Timoshenko und der bulgarische Pianistin Elitsa Desseva – erhielten jeweils 60 Stimmen aus dem Publikum.

„Wir haben uns dann präsidialen Rat unseres Schirmherrn eingeholt und uns eigentlich darauf verständigt, dass der Publikumspreis geteilt werden muss“ so der Vorsitzende „doch zu einer Teilung brauchte es gar nicht zu kommen, da die RAG-Stiftung spontan entschied, den zweiten Teil des Preises zu übernehmen.“ So konnten beide Duos den mit je 2.000 Euro dotierten Publikumspreis erhalten.

Bereits seit 1987 findet in Dortmund alle zwei Jahre der Wettbewerb statt. Damals noch von regionalen Musikerinnen und Musikern gemeinsam mit der Dortmunder Wirtschaft ins Leben gerufen, ist der Wettbewerb mittlerweile international aufgestellt und zählt 166 Musiker aus insgesamt 24 Nationen und für den Wettbewerb 2018 meldeten sich 166  Musiker aus insgesamt 24 Nationen an.

Der Wettbewerb soll jungen Künstlern die Möglichkeit geben, sich mit dem Werk Schuberts auseinanderzusetzen.

Im Finale gab es ebenfalls Pflicht- und Wahlstücke. Mit darunter Goethes Rastlose Liebe und Gretchen am Spinnrade. Mit den Liedern schafften es Esther und Anastasia einen Spannungsbogen aufzubauen und mit ihren Stücken eine Liebesgeschichte zu erzählen. „Wir haben kaum Pause gemacht zwischen den Stücken und es versucht, als eins zu präsentieren“, erzählt Esther. „Wirklich unglaublich, wie das geklappt hat. Ich konnte wirklich kaum so schnell die Noten wechseln“, sagt Anastasia und lacht.

Familiäre Stimmung trotz Konkurrenz

Anastasia Grishutina und Esther Valentin setzten sich in diesem Jahr schließlich gegen weitere 32 Duos aus 27 Nationen durch. „Dank des Wettbewerbs haben wir nun einige Liederabende vor uns und können sogar eine eigene CD im kommenden Jahr aufnehmen“, freut sich Esther. Das Thema der Aufnahmen wollen die beiden allerdings noch nicht verraten.

Schirmherr Prof. Dr. Norbert Lammert mit Esther Valentin und Ananstasia Grishutina

Die Stimmung während des Wettbewerbs hat die beiden allerdings vollkommen überzeugt: „Und das nicht, weil wir am Ende den ersten Platz bekommen haben. Ich habe mich vorher noch nicht so wohl gefühlt in so einer Situation“, sagt Esther Valentin und führt weiter aus: „Die ganze Atmosphäre war super. Die Organisatoren haben sich um uns gekümmert und man konnte spüren, dass es wirklich um die Musik und die Musiker ging und nicht um das Image von dem Wettbewerb, wie es manchmal der Fall ist.“

Gemeinsam hätten alle Künstler mit den anderen mitgefiebert. „Selbst die, die nicht weitergekommen sind, haben sich dann mit uns gefreut und gratuliert“, erzählt die Esther Valentin. „Genau, es war eine Gelegenheit schöne Musik zu machen und das ist das Wichtigste“, findet auch Anastasia Grishutina.

Den dritten Preis erhielt das österreichische Duo mit Mezzosopranistin Klaudia Tandl und Gisela Jöbstl am Klavier. Der nächste LiedDuo-Wettbewerb wird 2022 stattfinden, der Anmeldestart ist ebenfalls im Frühjahr 2022. Weitere Infos folgen, wenn der Wettbewerb näherrückt.

Hier finden Sie das Interview mit den beiden Gewinnerinnen

Bericht: Elena Sebening

Photos © Schubert Wettbewerb | Finn Löw

Ton & Erklärung 2018 Preisträgerkonzert

Ton & Erklärung 2018

Preisträgerkonzert am 7.10.2018 in der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf

 

Sonntag, 6. Oktober – ein noch unentschlossener Herbst-Sonntag-Morgen. In der Düsseldorfer Oper präsentiert der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. einem überschaubaren aber sehr interessierten Publikum die diesjährigen Preisträger des Wettbewerbs “Ton und Erklärung”, der in Zusammenarbeit mit der BayerKultur im Juni in Leverkusen ausgetragen wurde.

Thomas Helfrich, Leiter der Abteilung Kultur, Sport & Bildung bei der Bayer AG begrüßte als diesjähriger Partner die Gäste. Den Kulturauftrag der Bayer AG sieht er ganz eng an die Attraktivität des Arbeitsplatzes gekoppelt: Nur ein Ort an dem Kultur und Bildung eine kosmopolitische Grundlage schüfen entstünde Kreativität und neue Ideen. Dies sehe Helfrich als Grundlage für die Weiterentwicklung, den Wandel der Gesellschaft.

Die Bayer AG verstehe das Engagement in Kultur somit auch als ureigensten Bestandteil des unternehmerisches Selbstverständnisses und nicht als von der Unternehmensphilosophie losgekoppelten “Auftrag”.

Nur die lebendige Kulturgemeinschaft lernt, wird inspiriert und probiert Neues aus. Insofern sei die Bombardierung der Neuronen im Gehirn, die heute mit dem Preisträgerkonzert junge Künstler fördere immens wichtig als Investition in die hiesige Infrastruktur.

Im Unterschied zu anderen Wettbewerben sind die Sänger bei “Ton und Erklärung” angewiesen, ihren kreativen Entwicklungsprozess, ja die intellektuelle Auseinandersetzung welche hinter der Präsentation des jeweiligen Liedes steckt den Zuhörern zu vermitteln.

Selbstredend gestalteten die hauseignen Bayer-Philharmoniker unter Bernhard Steiner das Programm – und taten dies sehr engagiert. So hatten die Sänger einen umsichtigen Partner für die Opern-Einlagen und -Arien.

Als erstes lernte das Publikum den Preisträger Stefan Astakhov kennen. Der Bariton ist erst 21 Jahre alt – nicht nur hat er sicherlich keine  Angst vor der Höhe, sondern er weiß auch zu den ausgewählten Werken viel zu vermitteln und die Zuhörer mit seiner musikalischen Gestaltung zu fesseln!

Auch die Sopranistin Elena Harsányi verstand es versiert und sehr klug beispielsweise über ihre Herangehensweise und Beziehung zur Pamina-Arie “Ach, ich fühl’s” zu erzählen. Das machte Spaß ihr dann in der Umsetzung folgen zu dürfen.

Gemeinsam mit Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger gestalteten abschließend vor der Preisverleihung Elena Harsányi und Stefan Astakhov “VOID” von Max-Lukas Hundelshausen. Die Uraufführung verwies in Richtung Lied – war in der Symbiose von Mensch (Künstler) und Technik (Elektronik) unterwegs. Es gelang eine musikalische Entdeckungsreise nach dem “unendichen Lied der Welt” in der der Sänger oder auch der Dichter Gefäß für Kräfte wird, die größer sind als er selbst.

Getreu der Aufgaben, die ein Netzwerk hat, hat die Liedwelt in Zuge der Planung eines Liedsommer 2019 mit dem Bayer-Kulturchef Kontakt aufgenommen, denn schließlich wollen auch wir den Nachwuchs fördern und gerne Gemeinsames gestalten.

Der stimmungsvolle Preisträger-Konzert-Vormittag wurde logischerweise abgeschlossen mit der Preisverleihung an die beiden jungen Künstler, denen die Liedwelt zu ihrer Auszeichnung herzlich gratuliert.

Nachwort: Leider litt die schöne Veranstaltung unter teils dilettantischer Abwicklung der Veranstaltung. Da wundert man sich doch, wenn ein Musiker während die Uraufführung gespielt wird noch einmal zu seinem Platz eilt und gleich wieder verschwindet und nach dem “Umbau” für das abschließende kammermusikalische Stück die Bühne völlig unaufgeräumt bleibt wie in einer “Probensituation” – und in dieser Kulisse dann auch die feierliche Preisverleihung stattfindet.

Auch bei manchem Techniker, der im Schlabberlook während des Ablaufs über die Bühne eilte erschloss sich nicht warum solche Abläufe öffentlich passieren. Auch die Frage wohin mit dem Mikrophon nach der Anmoderation hätte sicherlich galanter (Pultablage) gelöst werden können ohne den Ablauf zwischen Moderation (Erklärung) und Umsetzung (Ton) zu unterbrechen: Auch hier eilte jedes Mal ein Techniker herbei, nur um das Mikrophon zu sichern. Das wunderte doch.

Die Liedwelt bedankt sich sehr bei Amelie Amann vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. für die Einladung zum Konzert und freut sich auf die Fortsetzung dieser Partnerschaft.

Text und Photos: Sabine Krasemann
Photo der Preisträger mit Brigitte Fassbender © Kulturkreis | C.  Peuserdesign

Bezaubernde Darbietung mit “Into a Children’s Room”

Bezaubernde Darbietung mit “Into a Children’s Room”

Die neue CD “Into a Children’s Room” von Elena Marangou und Tobias Krampen hat Michael Zerban, Chefredakteur des Online-Magazins O-Ton und Medienpartner, besprochen.

„Die bezaubernde Aufführung sollte sich eigentlich nicht in den drei Auftritten während des Bonner Liedsommers erschöpfen. … Elena Marangou und Tobias Krampen haben ein Programm zusammengestellt, das einen Blick in die kulturelle Vielfalt Europas eröffnet. Sie zeigen so quasi en passant, dass erst die Überwindung einer nationalen Sichtweise zu neuen Ufern führt.“

Michael Zerbans vollständige Rezension können Sie hier hören:

Photo © O-Ton
Audiobeitrag © Michael Zerban | O-Ton Audio

 

Musikalische Reise durch Europas Kinderzimmer

Überraschende Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie

Tief unter der Erde verborgen liegt die Zentrifuge und ist damit für den Bonner Liedsommer ein ganz besonderer Aufführungsort mit bemerkenswerter Akustik. Die Mezzosopranistin Elena Marangou und Tobias Krampen am Flügel präsentieren ein vielfältiges Programm pünktlich zu dem CD-Release von Into a Children’s Room. Der musikalische Blick in die Kinderzimmer reicht von Russland, England, Deutschland und Frankreich bis nach Griechenland. Und das mit durchaus namhaften Komponisten: Vom sanften Wiegenlied bis hin zum ausgelassenen Hoppe-Reiter-Spiel gehen Modest Mussorgsky, Benjamin Britten, Johannes Brahms, Alkis Baltas und Francis Poulenc in einem bunten Spektrum von kleinen Einschlafgeschichten ganz typischen Kindersituationen nach.

Mit kurzen Moderationen gaben Tobis Krampen und Elena Marangou während des Konzerts wertvolle Einblicke in Form, Technik und Inhalt des bunten Reigens von Wiegen- und Kinderliedern aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Besonders die russischen Kinderlieder, die vielleicht zunächst fremder und unzugänglicher als ihre europäischen Pendants erscheinen mögen, überraschten mit detaillierten Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie.

Besonders Mussorgskys und Poulencs Szenen aus dem Kinderzimmer erinnern an dramatische Kurzfilme, die mal lebhaft, mal zart-versponnen daherkommen und stets die musikalischen Möglichkeiten kindlicher Imagination vorführen. Doch auch das Idyll des Wiegenlieds trübt sich, wenn in die wiegenden Harmonien erste Zweifel einbrechen; mag es wie bei Britten die Sorge der Amme oder der alleinerziehenden Mutter sein.

Aber auch von zukünftigen Abenteuern, Reisen und neuen Horizonten berichten die Lieder, mal ganz innig, dann wieder humoristisch und voll zärtlicher Ironie. Im Falle der Wiegenlieder zeigt sich einmal mehr: Scheinbare musikalische Naivität bedarf einer ganz besonderen Reife, um der hintersinnigen kindlichen Einbildungskraft gerecht zu werden.

Text: Clara Pauly
Photos © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

Die CD kann bei der Liedwelt Rheinland bestellt werden.

Konzert am 23.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Aus Tiefe und Höhe: Das Lied im Spiegel der Moderne

Aus Tiefe und Höhe:
Das Lied im Spiegel der Moderne

Vielseitige Experimente mit Klang und Farbe waren im Dialograum Kreuzung an St. Helena zu erleben. Das Spiel mit den Möglichkeiten des künstlerischen Materials stand an diesem Abend im Mittelpunkt.

Die vielschichtigen Malereien und Skulpturen von Dorissa Lem aus Köln Ehrenfeld erfüllten das Motto “Aus Tiefe und Höhe” auf mehrfache Weise: Inhaltliche und räumliche Tiefe stachen in jedem Kunstwerk hervor, immer wieder entdeckte man auf der bildlichen Oberfläche neue Strukturen, Gewebe von Linien und farbliche Tiefenstaffelungen. Die visuellen Bewegungsimpulse, der Widerstand des Materials und die konsequente Durcharbeitung bis ins Innere zeichnen die Bilder und Skulpturen von Dorissa Lem aus und schafften die besondere Atmosphäre für das Konzert mit Irene Kurka und Martin Wistinghausen.

Der musikalisch-künstlerische Teil des Abends widmete sich dem zeitgenössischen Lied und begann gewissermaßen in der Tiefe der Tradition: Der Bass Martin Wistinghausen eröffnet mit dem gregorianischen Psalm 130 De Profundis clamavi und präsentierte direkt im Anschluss eine moderne Wiederaufnahme des Psalms mit elektronischer Zuspielung.

Die mikrotonalen Möglichkeiten des Einzeltons lotete Wistinghausen rezitierend und singend aus, wobei ein ganz besonderes Instrument zur Erzeugung von Borduntönen als Liedbegleitung zum Einsatz kam: eine indische Shrutibox.
Auch die Sopranistin Irene Kurka, die sich intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire für Stimme Solo beschäftigt, wagte den Bogenschlag von Tradition und zeitgenössischer Musik. Ihr differenziertes Spiel mit mikrotonalen Elementen forderte das konventionelle Musikerleben heraus und bewies bei Kompositionen von Hildegard von Bingen bis Johannes Schachtner melodische Energie, Eindringlichkeit und musikalische Präzision.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 12.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Ein ganz außergewöhnliches Konzert im Rahmen des Bonner Liedersommers in der Doppelkirche in Schwarzrheindorf

25. August 2018 – Unter den romanischen Deckenmalereien begegneten sich gleich zwei große Klangkulturen aus Ost und West. Der in Aleppo geborene und heute in Neuss lebende Komponist und Qanunspieler Hesen Kanjo bewies bereits zu Beginn des Konzerts die facettenreiche Klangwelt seines Instruments, das er auf dem Schoß liegend mit Plektren aus Metall zupfte. Virtuosität, Temporeichtum und überraschende harmonische Vielfalt vermittelte Hesen Kanjos Qanunspiel als Begleitung und solistische Improvisation.

Die Kölner Sopranistin Elisabeth Menke führte durch das vielseitige Programm und betonte die Bedeutung der musikalischen Selbst- und Fremderfahrung zwischen Ost und West, wobei der Mond und seine Beobachtung als Leitmotiv eine überzeugende Kontinuität zwischen den verschiedenen Liedformen stiftete.

Zahlreiche Lieder von Franz Schubert, die bei dem Bonner Liedsommer bereits zu hören waren, hat das Duo dabei aus Rücksicht auf die besondere Stimmung und die technischen Voraussetzungen des Qanuns speziell für dieses Konzert umgeschrieben. Das Formspiel von deutschem Lied und persischer Kunstmusik kam besonders in den bewegenden Improvisationen von Gesang, Rezitation und Qanun zur Geltung.

Elisabeth Menke beeindruckte zudem mit ihrem virtuosen Geigenspiel, das klar und differenziert über den kaskadenartigen harmonischen Rückungen des Qanuns schwebte. In dieser wechselseitigen Erhellung von Gesang, Geigenspiel und Qanun entfaltete sich die komplexe Vielstimmigkeit beider musikalischer Kulturen. Die Experimentierfreude und Lust am Klang übertrug sich zuletzt auch auf das Publikum: Begleitet von Elisabeth Menke und Hesen Kanjo ertönte das wohl bekannteste Abendlied im Zeichen des Mondes: „Der Mond ist aufgegangen“. Und das in seiner wohl schönsten musikalischen Vermittlung zwischen Orient und Okzident.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 25.8.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

Wiederholungskonzert am Donnerstag, den 11. Oktober 2018 19:30 Uhr in der Versöhnungskirche Bonn-Beuel

Making of – Into a Children’s Room

Making of – Reisebericht in die Kindheit. Über die Entstehung der CD “Into a Children’s Room”

Liebe Elena Marangou, “Into a Children’s Room”, so heißt die CD, die Sie gerade herausgebracht haben – bei dem Titel stoppe ich und denke, da finde ich vielleicht nicht unbedingt Kinderlieder im eigentlichen Sinne drauf?

Genau, das sind Lieder, die im Erwachsenen die Erinnerungswelten aus der Kinderzeit wiederbeleben. Lauter kleine verschiedene Szenen sind das. Ich bin selbst immer wieder entzückt, wenn ich an meine eigene Kindheit oder an Momente mit Kindern denke, die ähnlich sind. Da geht es mir ganz so wie jedem Hörer der Lieder. Das ist vom Gefühl her ein bisschen so wie wenn man als Erwachsener „Der kleine Prinz“ liest.

Europäische Ausmaße haben die Komponisten, die auf der CD versammelt sind. Wie ist denn die Idee zu der CD entstanden und wieso kam es zu dieser bemerkenswerten Komponisten-Versammlung von Poulenc über Britten zu Mussorgsky, dann Brahms, Koukos, Couroupos und Baltas?

Zuerst habe ich die Mussorgsky-Stücke kennengelernt, war völlig verzaubert und habe die dann in Düsseldorf aufgeführt. Tobias Krampen und ich haben zu der Zeit auch ein Konzert in Athen vorbereitet und da haben wir viel Brahms und Schubert gemacht, also auch viel andere Literatur. Aber das Virus von den Mussorgsky-Stücken hatte sich bei uns eingenistet. Vorher waren schon die Britten-Stücke aufgetaucht: „A Charm of Lullabies“, die hatte ich in einer Version mit Orchester noch einige Jahre zuvor in Griechenland gesungen, aber den Ausschlag gaben die Mussorgsky-Stücke. Die Poulenc-Lieder „Quattre Chansons pour les Enfants“ haben wir dann mittels Recherchieren gefunden und auch Lieder von Szymanowski, die passten, aber das war dann schon mit den Brahms-Liedern zuviel. Denn Tobias hatte noch gefragt, ob wir denn keine griechischen Lieder dazunähmen – da hatten wir drei noch lebende Komponisten.

Da kennen wir uns ja gar nicht aus – wer sind denn die drei Herren?

Da ist zunächst Periklis Koukos, ihn kenne ich aus Athen. Er hat einen Zyklus geschrieben, „Merlin the Wizard“, das ist ein Album sozusagen mit musikalischen Erzählungen und daraus haben wir ein Mädchen-Lied ausgesucht. Dann haben wir ein „Mäuselied“ von George Couroupos dazugesellt; den Komponisten kenne ich schon ganz lange und die Stücke sind eigentlich schon wirkliche Kinderlieder. Er hat sie 1978/79 geschrieben und seiner Tochter gewidmet. Das Wiegenlied passte mehr als die anderen Lieder zu denen, die wir sonst auf der CD versammelt haben. In den anderen finden sich auch politische Hinweise, das passte hier inhaltlich nicht so gut, daher wurde es dieses sechste des Mäuse-Zyklus‘. Der Text ist aus der Sicht des Kindes geschrieben – und das passt zu Brahms‘ „Volkskinderliedern“, wie diese Werke ohne Opuszahl zusammengefasst werden.

Dann haben wir noch ein Lied von Baltas aus den „Six Simple Songs“,  komponiert 1971. Wir haben Kostas Krystallis‘ zartes Gedicht gewählt, weil die liebevolle Art, das Kind in den Schlaf zu singen, sehr nahe an der Volksmusik orientiert ist.

Wie sind denn die Brahms-Lieder entstanden?

Die hat Brahms für die Kinder von Clara und Robert Schumann geschrieben! Auch sie sind den Kindern gewidmet. Wir haben drei ausgewählt, die mit anderen Liedern auf der CD wunderbar korrespondieren.

Und wann und wie sind die Stücke dann an ihre Stelle auf der CD gerutscht?

Britten war für den Anfang zu intellektuell, ich wollte ursprünglich den Mussorgsky an erster Stelle, aber unser Tonmeister Martin Frobeen-Waldvogel empfahl, den Britten als zweites zu nehmen. Wir haben diskutiert. Dann wurde klar, dass wir den Poulenc als erstes machen wollten. Da haben wir uns gefragt – was kann danach gut kommen und haben erst an den Brahms gedacht. Aber dann bekamen wir das Gefühl, dass der Hörer meinen könnte, er höre doch eine Kinder-CD. Aber der Poulenc war intuitiv richtig am Anfang und von der Stimmung her passte da der Britten hinterher. So entstand allmählich auch nach der Aufnahme noch die Reihenfolge, die Sie nun im Booklet sehen.

Mal etwas ganz anderes noch: Die Mussorgsky-Lieder machen Sie auf Russisch? Wie bereitet man sich da vor?

Ohhh – das dauert … ich habe immer wieder mit zwei Muttersprachlerinnen gearbeitet. Erst einmal Bedeutung, dann Vokale, dann Konsonanten… Ich habe es mir dann in lateinische Schrift umgeschrieben, aber inzwischen kann ich es auch auf Kyrillisch lesen. Das ging in Griechenland los, dann habe ich in Düsseldorf weiter an den Stücken gearbeitet. Insgesamt haben wir fünf Sprachen auf der CD, das war viel Arbeit, aber es hat auch unglaublich Spaß gemacht und zum Glück ist die Musikerwelt international, da haben mir viele Kollegen geholfen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Der eine sagt so, der andere so bei der Aussprache, es gibt immer verschiedene Ansichten.

Wie entscheiden Sie sich denn da? Sie können ja schlecht einen Diskurs über die Dialekte und die Hochsprachen und die Sprache abhalten, die man im Lied verwendet…

Ach, ich war ganz praktisch – aber wenn ich drei Personen frage, habe ich mindestens drei Meinungen. Mindestens! Daher habe ich nach dem Ohr und der inneren Schlüssigkeit entschieden, habe, wenn vorhanden, Aufnahmen verglichen. Aber die Basis war schon immer gleich, die Unterschiede marginal. Ich wollte es ja dann auch sehr sorgfältig vorbereiten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Vorgeschmack auf ein paar der Lieder, die Sie besonders mögen – was erwarten uns da für Geschichten?

Wenn ich nun zurückschaue auf die Produktion und die Entstehung des Ganzen sind meine Gefühle und Gedanken zu den Liedern ganz andere geworden als vor Beginn der Produktion!

Ich mag ja die Mussorgsky-Lieder so sehr! Im ersten spricht ein Kind mit seinem Kindermädchen, oder im vierten, da erzählt es der Puppe eine Geschichte – da erlebt man Kinderabenteuer aus dem Alltag, von „Draußen“. In einem ist beispielsweise ein kleiner Käfer angelaufen gekommen, es sind immer solche kleinen Geschichten, die für uns, als wir Kind waren, doch auch so wichtig waren. In mindestens drei Liedern sprechen das Kind und die Mama oder das Kindermädchen miteinander, da gibt es so schöne Stimmungswechsel aus den Perspektiven – die fand ich so charmant! Diese Identifizierung mit dem, was das Kind sagt, da habe ich mich ganz oft in der „kleinen“ Rolle wiedergefunden, die ich doch so von mir selbst kannte und dann kommt die Mutterstimmung.

Oder in einem Lied, da kommt die Babuschka und das Kind fragt nach einer Gute Nacht-Geschichte, hier spricht nur das Kind! Warum? Na weil…warum der Knochenmann denn die Kinder isst? Vielleicht, wie Papa und Mama was sagen, oder weil man unartig ist? Das Kind hat da was gehört, kann es nicht einordnen. Sucht Erklärungen, denn es ist noch viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Das Ende dieses Liedes können Sie sich selbst denken….

Die Britten-Lieder liebe ich auch sehr! Beispielsweise das Lied „Charm“, das vierte aus dem Zyklus. „Sei still und schlafe“ – da droht die Mutter dem Kind, wenn es nicht schläft, kämen die Erinnyen und Rhadamanthus, um es zu bestrafen. Hier wird die übliche Thematik des Wiegenliedes auf den Kopf gestellt… und natürlich liebe ich die griechischen Lieder!

Eine wichtige Frage zum Schluss: Wie bekomme ich eine CD und wo kann ich reinhören, wenn ich zu einem der Release-Konzerte nicht kann?

Wir sind zunächst einmal dem Bechstein Zentrum in Düsseldorf sehr, sehr dankbar. Wir durften die CD hier aufnehmen, haben keine Miete gezahlt, hatten ideale Bedingungen. Dass der damalige Geschäftsführer Christian Müller so viel Interesse hatte und sich engagierte, war ein wirkliches Geschenk für das wir uns nun – nicht nur – mit dem Release-Konzert in Düsseldorf und dem in Köln in den Bechstein Centren bedanken möchten.

Inzwischen ist im griechischen Radio auch eine Präsentation gelaufen bei ERT – TRITO PROGRAMMA. Auf Spotify und über iTunes kann man reinhören.

Die CD kann natürlich nach den Release-Konzerten erworben werden oder auch im Internet über die Liedwelt bestellt werden. Im Plattenladen kann sie leider zurzeit nicht erworben werden, aber in Griechenland schon.

Wir bedanken uns für die vielen Hintergrundinformationen. Da freuen uns schon sehr auf die kleine Reise in unsere Kindheitserinnerungen bei den Release-Konzerten und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Liedsommer in Köln, Bonn und Düsseldorf!

Das Gespräch mit Elena Marangou führte Sabine Krasemann.

Konzerte:

Konzert am 20.9.2018 im Bechstein-Zentrum Köln
Konzert am 23.9.2018 in der Zentrifuge Bonn
Konzert am 28.9.2018 im Bechstein-Zentrum Düsseldorf

Photos © Elena Marangou, Elena Marangou