Das Instrument Stimme

 

Das Instrument Stimme

Der Singstimmtag am 11. Mai 2019 gehört mit zum diesjährigen Liedsommer von Liedwelt Rheinland. Viele unterschiedliche Veranstaltungen präsentieren und beleuchten das Kunstlied auf vielfache Weise. Elena Sebening hat mit Mathias Knuth und Fabian Hemmelmann einen Blick hinter die Kulissen der Bonner Stimmschmiede geworfen.

In der Stimmschmiede Bonn dreht sich alles um die Stimme – egal ob Sprechen oder Singen, erfahrene Logopäden und Gesangslehrer geben in Einzel- und Gruppenunterricht wertvolle Tipps. Der Leiter der Stimmschmiede ist Mathias Knuth. Er ist staatlich geprüfter Gesangslehrer, funktionaler Stimmbildner, arbeitet an der Carl-Stamitz-Musikschule in Köln und als Dozent für Stimmbildung an der SRH Fachschule für Logopädie in Bonn.

„Wir stützen uns bei unserer Arbeit auf physiologische Erkenntnisse, nicht nur auf Erfahrung“, sagt der 53-Jährige. Prinzipiell könne man jedem beibringen, besser zu singen. „Nicht aus jedem wird ein Opernsänger, aber eine Verbesserung gesanglichen Leistungsfähigkeit gelingt immer mit ein bisschen Übung“, so der Leiter. Viele, die die Stimmschmiede aufsuchen, singen bereits im Chor und möchten lernen, ihre Stimme stimmschonender einzusetzen. Es kommen aber auch Menschen, die vor Jahrzehnten aus dem Chor geschmissen wurden und nun noch einmal probieren möchten, mehr aus ihrer Stimme rauszuholen. Laut Knuth treffen die meisten intuitiv schon viele Töne. Dann ginge es darum, diese noch angenehmer klingen und die Stimme tragfähiger werden zu lassen. Bereits nach zehn Stunden Training sei es weniger anstrengend, für längere Zeit zu singen. Viele ungeübte Chorsänger hätten sonst nach einem längeren Auftritt oft ein Heiserkeitsgefühl.

Die Stimme ist kein Sprech-Organ

„Auf der anderen Seite gibt es Sänger, die können sechs Stunden Wagner singen und schaffen das relativ problemlos“, so Knuth. Dazu seien bestimmte Atmungstechniken und Körperspannung von Nöten – weder zu schlaff noch zu verspannt sollte der Sänger sein. „Die Stimmlippen sind ein Ventil für einströmende Luft und eigentlich nicht primär für das Sprechen oder Singen gemacht. Das ist anders als das Herz, was als primäre Aufgabe das Pumpen von Blut hat.“ Bei der Phonation nutzen wir also den Kehlkopf in einer sekundären Funktion zur Tonerzeugung. Wenn das nicht auf eine gute Weise gelingt entstehen Probleme bei der Tonerzeugung.

Nicht nur Sänger hätten das Problem mit der Überanstrengung, sondern auch viele Lehrer und Erzieher. „An Universitäten wird dem oft keine Aufmerksamkeit geschenkt. In anderen Ländern wird sogar vor Beginn des Studiums die Stimme der Pädagogen getestet.“ Knuth selbst bekam mit 16 Jahren seinen ersten Gesangsunterricht. Seine Eltern waren beide Hobbymusiker und Chormitglieder, beide spielten mehrere Instrumente.

Die Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch

Beim Singstimmtag am 11. Mai möchten Mathias Knuth und sein Team weitere Menschen für das Singen begeistern und ihre Arbeit vorstellen. „Das Schöne ist, wenn man die ersten Erfolge sieht und hört – und sich eine Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch bildet.“ Die Erfahrungen würden außerdem weit ins Leben hinein reichen: „Die meisten berichten von einem erfüllenden Erlebnis und guter Laune nach dem Singen.“ Das Wichtigste sei nach wie vor auch der Spaß. „Singen ist ein intensives körperliches Gefühl. Es kann regelrecht berauschend wirken“, findet Mathias Knuth.

Im Jahr 2013 eröffnete er die Stimmschmiede. „Ich hatte immer mehr Anfragen und konnte nicht alle Interessenten allein unterrichten, also habe ich mir weitere Lehrerinnen und Lehrer mit ins Boot geholt.“ Einer davon ist Fabian Hemmelmann. Er leitet das Konzert des Madrigal-Ensembles und der Brahms Quartette mit Teilnehmern seines Ensembleprojekts am Singstimmtag. Gleich ein Wochenende darauf am 18. und 19. Mai gibt es Konzerte mit seinem Kammerchor Voci di Fuoco in der Lutherkirche Bonn und der Zentrifuge Bad Godesberg mit den Liebes-Liederwalzern und weiteren Werken von Johannes Brahms. Hemmelmann studierte bei Prof. Thomas Quasthoff und bei Prof. Klesie Kelly-Moog. Er arbeitet als Lied- und Oratoriensänger und ist Gründungsmitglied der Kölner Vokalsolisten. Als Gesangspädagoge bereitet er auch Nachwuchssänger auf das Studium vor und veranstaltet Liedinterpretationskurse in Köln.

Bei seinem Ensemble Voci di Fuoco sei die Besonderheit, dass er viel mit solistischen Besetzungen arbeitet. „Die Sänger müssen aufeinander hören und gemeinsam singen, so entwickelt sich ein Chor gemeinsam.“ Das Madrigal-Ensemble präsentiert bei seinem Auftritt den Zyklus „Sestina“ von Monteverdi. Sowohl in Einzeleinheiten als auch in Chorprojekten arbeitet er mit Teilnehmern an ihrer Stimme.

Das Lied: lyrisch und atmosphärisch

„Nicht alles muss perfekt sein, Amateure sollen sich ausprobieren können und für viele ist der erste Auftritt bereits ein riesen Schritt, aber stets mit großem Entwicklungspotenzial“, findet Fabian Hemmelmann. Wichtig sei bei gemeinsamen Auftritten, dass Stimmen, die gleichzeitig singen, auch harmonieren. „Manche ergänzen sich, manche passen zusammen, andere nehmen sich gegenseitig die Wirkung.“ Die gemeinschaftliche Erfahrung steht für den Gesangslehrer immer im Vordergrund. „Es macht mir unglaublich viel Spaß zu Singen.“ Das Lied als Kunstform fasziniert und begleitet ihn seit Jahren: „Dabei lernt man die eigene Stimme kennen, es ist atmosphärisch und gibt auch dem Zuschauer etwas mit“, findet er. Ein weiteres großes Thema beim Lied sei der Text, den es zu verstehen und interpretieren gilt. Die Verbindung aus zeitgenössischen und historischen Stücken ist ihm aber nach wie vor wichtig.

Zwischen 9.45 und 18 Uhr wird während des Singstimmtages am 11. Mai 2019 außerdem je 30-minütiger Einzelunterricht für zehn Euro vergünstigt angeboten. Dafür müssen sich Interessierte im Vorhinein unter info@stimmschmiede-bonn.de mit Angabe des gewünschten Zeitfensters anmelden. Gesungen wird in der Stimmschmiede alles von Pop bis Klassik. Ein wichtiger Bestandteil ist das Kunstlied. „Das Lied ist lyrisch und eignet sich besser als Opernarien, bei denen es viel auf die Lautstärke ankommt. Beim Lied wird der lyrische und dramatische Klang erprobt“, erzählt Knuth.

Lieder eignen sich besonders als erste Stücke für Stimmbildungseinsteigerinnen und -einsteiger. Die leichte Stimmführung beim Liedgesang lasse sich auch als Training für die Sprechstimme einsetzen. Ein Chor ist oftmals das Einfallstor und erste Kontakt mit klassischer Musik, besonders für jüngere Menschen. Am Singstimmtag wird es allerdings eine bunte Mischung geben. Jeder Schüler darf singen, was er möchte. Wer seine Singstimme trainiert, absolviert gleichzeitig auch Sprechtraining. „Viele Lehrer haben angestrengte oder angeschlagene Stimmen. Am leichtesten fällt es denjenigen, die bereits im Chor singen“, erklärt Knuth. Für ihn ist klassische Musik ohne das Lied nicht vorstellbar. „Selbst professionelle Opernsänger oder Musicalsänger müssen immer wieder Lieder singen, das ist wichtig für die gesunde Stimme.“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

Photo Titelbild ©  M. Knuth, privat