Heimat Europa? – Ein brandaktuelles, facettenreiches und fragmentarisches Mosaik

Heimat Europa? – Ein brandaktuelles, facettenreiches und fragmentarisches Mosaik

Liederabend im Rahmen der Kölner Themenwoche 2019 „Europa“: Kulturelle Identität als Fragment im Kunst- und Volkslied Europas

Insgesamt sechs Sängerinnen und Sänger und fünf Pianistinnen und aus der Liedakademie der Hochschule für Musik und Tanz Köln gestalteten am 10. April 2019 unter der künstlerischen Leitung von Prof. Ulrich Eisenlohr in der Trinitatiskirche Köln ein spannendes Programm zum Thema „Heimat Europa?“ Die Formulierung des Titels als Frage könnte angesichts der derzeitigen Situation Europas in Zeiten des Brexits, der anhaltenden Migrationsströme aus Krisengebieten und des beunruhigend wachsenden Rechtspopulismus aktueller nicht sein. Die Studierenden der Liedakademie musizierten auf hohem künstlerischem Niveau Lieder, die zur Nachforschung hinsichtlich der kulturellen Identität Europas anregen.

Den Einstieg gaben im ersten Themenblock Vertonungen romantischer Komponisten aus der Gedichtsammlung Johann Gottfried Herders „Stimmen der Völker in Liedern“. Herders zu seiner Zeit extrem einflussreiche Gedichtsammlung bietet einen breiten Schatz an Volksliedern aus ganz Europa: Sagen, Liebesgedichte und Referenzen auf politische Ereignisse wie zum Beispiel das „Lied der Königin Elisabeth“ geben Einblicke in die kulturelle Geschichte Europas und seine kulturelle Identität. Hedwig Ritter (Sopran), Tabea Mahler (Mezzosopran), Vincent Debus (Tenor) und Frederik Schauhoff (Bariton) gestalteten gemeinsam mit Yuhao Guo (mit perlendem Klang am Klavier) Lieder von Johannes Brahms und Carl Loewe.

Hölderlin und Hollywood

Im zweiten Themenblock wird Europa als kulturelle Heimat gebrochen. Hanns Eislers „Hölderlin- Fragmente“ aus dem „Hollywooder Liederbuch“ erinnern an den zweiten Weltkrieg und den Holocaust und die damit einhergehende Krise der deutschen und europäischen Identität im 20. Jahrhundert. Eisler vertonte Gedichte Hölderlins, die er selbst nur fragmentarisch übernahm – jedes Auslassen und Umschreiben im Text ein Kommentar auf die Fragmentierung der eigenen Erfahrung von Heimat, der Zerstörung des eigenen Heimatgefühls auf Grund des Exils. So zum Beispiel das letzte Lied im Zyklus „Erinnerung“, das bei Hölderlin noch den Titel „Lied eines Deutschen“ trägt.

Tabea Mahler und Lisa Ochsendorf am Klavier interpretieren entschieden und vermitteln das auch in der Tonsprache fragmentarisch von der Zwölftonmusik bis zum Jazz changierende Werk eindrücklich.

Der Wanderer – immer im Kunstlied präsent

Nun wendet sich das Programm der Figur des Wanderers zu, eine Figur die im romantischen Kunstlied einen großen Platz einnimmt, denkt man zum Beispiel an die Winterreise von Schubert.

Die Figur des Wanderers, des Heimatlosen bleibt auch in heutigen Zeiten der Migration hochaktuell. Hedwig Ritter, Frederik Schauhoff und Ayaka Kodoi musizieren mit klarem Klang Lieder von Schubert, Schumann und Brahms, die sich verschiedenen Facetten des Wandererdaseins zuwenden: keine Heimat finden („Der Wanderer“/Schubert), die Wut über Einsamkeit und Heimatlosigkeit („Kein Haus, keine Heimat“/Brahms), die Sehnsucht, endlich nach Hause zu kommen („Mondnacht“/Schumann) und schließlich als Fragment aus dem vorhergegangenen Themenblock: Erinnerung an die Heimat „Erinnerung an Schumann und Eichendorff“/ Eisler.

Kosmopoliten und Weltenbürger

Julie Verkauteren (Sopran) und Ani Ter-Martirosyan am Klavier gestalten elaboriert, mit Witz und starker Ausdruckskraft im nun folgenden Block „Kosmopoliten“ die Lieder „ Six Poèmes de Guillaume Apollinaire“ von Arthur Honegger. Apollinaire war selbst polnisch-italienischer Abstammung und lebte den größten Teil seines Lebens in Frankreich – ein Weltenbürger, Europäer und Europareisender wie er im Buche steht. Beide – Honegger als Teil der Groupe des Six, Apollinaire in seinen Freundschaften zum Beispiel mit Picasso – waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil des aktiven Pariser Kunstlebens der Moderne, Surrealismus und Dadaismus entstehen, die europäische Kunst floriert vor dem Beginn des ersten Weltkrieges – ein Exkurs in eine Zeit, in der der Titel des Programmes vielleicht nicht mit einem Fragezeichen versehen werden musste.

Zum Abschluss des Konzertes musizieren Rina Hirayama (Mezzosporan) und Wan-Yen Li (Klavier) die „Quattro canzoni popolari“ des italienischen Avantgardisten Luciano Berio. Es schließt sich der Kreis zum Anfang des Konzertes, denn Berios Lieder sind Volkslieder „canzoni popolari“, in den letzten Kriegsjahren des zweiten Weltkrieges vertonte Texte aus dem 12. – 14. Jahrhundert. Und da ist es wieder, das Fragment der europäischen Tradition, des Volksliedes, das uns bis heute beschäftigt und Luciano Berio zu einem kraftvollen Werk mit eklektischer Tonsprache inspirierte! Rina Hirayama und Wan-Yen Li entlassen uns mit energiegeladener Ausführung in unsere eigenen Gedanken.

Europäische Identität bleibt ein Mosaik

Die Erfahrung der europäischen Identität bleibt die Erfahrung eines Mosaiks, facettenreich und fragmentarisch. Als Zuhörer des Konzertes erfahren wir etwas über die Vielfältigkeit dieser Fragmente, Mosaikstücke in Form von Liedern und Volksliedern unterschiedlichster Nationen und unterschiedlicher Epochen, die als Ganzes ein Bild Europas ergeben. Wir erfahren als Zuhörer, dass die Lieder nichts an Aktualität eingebüßt haben und auch, dass zum Fragmentarischen der kulturellen Erfahrung Europas aus unserer heutigen Perspektive andere Bedeutungen hinzukommen. So denkt man beispielsweise beim Vortrag des von Johannes Brahms romantisch vertonen Liedes „Die Meere“ aus Herders Gedichtsammlung unwillkürlich an die von vielen europäischen Staaten auf den europäischen Meeren vergessenen und abgewiesenen Flüchtlinge- Wanderer im heutigen Sinne.

Wie können sie, die ihre Heimat verlassen mussten, in Europa eine neue Heimat finden? Wie können die in Europa aufgewachsenen Europäer Europa als Heimat empfinden und im Angesicht von Brexit und wachsendem Rechtspopulismus den europäischen Gedanken der Einheit unterschiedlichster Völker weitertragen?

Die ersten zwei Stücke des Programms „Wege der Liebe“ (1. und 2. Teil) von Johannes Brahms könnten uns hierzu eine Antwort geben. Hier wird der Gott der Liebe Amor als ein Flüchtling besungen, der trotz Widrigkeiten doch immer einen Weg und eine Heimat findet. Hoffen wir, dass es in Europa in diesem Sinne weitergehen kann.

Bericht: Milena Knauss (20.4.2019)

Photos © Milena Knauss