Martin Lindsay

Martin Lindsay

Der Bariton Martin Lindsay, gebürtiger Brite, studierte an der Guildhall School of Music & Drama in London, der Britten-Pears School (u.a. bei Hans Hotter, Suzanne Danco und Hugues Cudnod) und am Banff Centre in Kanada.

Als Spezialist für Neue Musik hat er bei zahlreichen Erstaufführungen mitgewirkt. Lindsay hat u.a. bereits mit dem Wiener Musikverein, dem Ensemble Recherche und den Duisburger Philharmonikern zusammengearbeitet und war zum Beispiel auf Bühnen in Südkorea, Israel und vielen europäischen Ländern zu hören.

Seit 1999 lebt Martin Lindsay in Köln, wo er auch als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik und Tanz Köln tätig ist.

Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin

Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin –„Treue Liebe dauert lange, überlebet manche Stund‘“

Die Abenteuer des Ritter Peter mit den Silbernen Schlüsseln halten was sie versprechen: gewürzt mit etwas orientalischem Hauch findet sich der Ritter Peter in einer spannenden Abenteuergeschichte um seine Liebste, die schöne Magelone. Seit dem Mittelalter begeisterte die Geschichte immer wieder Leser und inspirierte Autoren zu neuen Versionen.

Die literarische Vorlage: 18 Kapitel romantischer Liebesroman

So schreibt Ludwig Tieck, von der Schlichtheit der Sprache fasziniert, 1797 seinen Liebesroman „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“. Dies ist die bedeutendste literarische Bearbeitung des Stoffes und dazu eine modernisierte Wiederbelebung im Geist der Romantik: Die schöne Magelone hat es Peter, dem Ritter angetan – aber allerlei teils lustig-bizarre Abenteuer, unvorhergesehene Ereignisse halten die beiden vom Happy End ab. Dabei überschlagen sich Ereignisse auch schon einmal, weitet sich die Dramatik in Pathos, folgen Ereignisketten unbeirrt einer absurden, wenn auch – das Ziel fest vor Augen – schlüssigen Dramaturgie.

Tieck liefert mit einer Gliederung, die jedes der 18 Kapitel des Buchs mit einem Lied beendet eine ideale Vorlage für einen Liederzyklus. 15 Kapitel nun hat wiederum Brahms ausgesucht und das op. 33 „Fünfzehn Romanzen, Magelone-Lieder für eine Singstimme und Klavier“ dem Sänger Julius Stockhausen gewidmet. Der führte den Zyklus 1862 erstmals auf. Stockhausen engagierte sich sowieso für die Lieder seines Freundes Brahms stets, war auch bei der Uraufführung des Deutschen Requiem engagiert. Berühmt war er, der als Gesangspädagoge sehr erfolgreich war auch für seine Aufführungen der beiden Schubert’schen Liederzyklen, die Winterreise und die Schöne Müllerin.

Ein spannender mit Abenteuern gespickter Liebesroman

Mit der „Schönen Magelone“ nun gesellte sich in die Liedliteratur ein ganz anders konzipierter Zyklus hinzu als die von Schubert: Hier ist es der Erzähler, der dem Publikum den spannenden Liebesroman erzählt. Der Sänger und der Pianist reflektieren jedes einzelne Kapitel dieser Liebes- und Abenteuergeschichte.

Unglaublich unterschiedliche einzelne Lieder sind so zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt. Welches Schmuckstück in der Liedliteratur die „Schöne Magelone“ wurde sehr schön bei der Aufführung nachvollziehbar, die am 29. September 2017 im Berliner Konzerthaus mit rheinländischer Beteiligung zu sehen war. Auf der Lieder-Seite fanden sich Julian Prégardien, Tenor und Christoph Schnackertz, Klavier – auf der anderen als Erzähler hielt Johannes C. Held, selbst Bariton und Liedsänger mit Leidenschaft die Zuschauer in Bann.

Eine stark erzählte Geschichte

Dass dieser das Stück so tief durchdrungen hatte und sein Vortrag nicht nur bin ins kleinste Detail pointiert war, sondern er während der Lieder den Partnern stets zugeneigt folgte, war ein kluger Schachzug. So hatte es das Publikum leicht, sich vielfältig unterhalten zu fühlen und immer am Ball zu bleiben. Die „Schöne Magelone“ profitierte hier von Helds eigener Erfahrung als Liedsänger, der diese selbstverständliche Nähe zu verdanken ist, die er auf seine Rolle als Erzähler übertrug. Beide vortragende Seiten – Erzähler wie Musiker – blieben so stetig nah an der spannenden Geschichte und lauschten der anderen Partei gebannt, um dann den Ball wieder aufzunehmen.

Brahms‘ pianistische Fundgrube

In den vielen Klangfarben und virtuosen Partien, mit denen Brahms den Pianisten herausfordert, hat Christoph Schnackertz nicht nur virtuos brilliert, sondern es verstanden, das Virtuosentum in den Dienst des Zyklus und somit des künstlerischen Ausdrucks zu stellen. So manche bedeutsame Nebennuance erklang hier – bedeutungsvoll und fein herausziseliert– aber eben nur im Klavier platziert. Wie gerne Schnackertz sich mit solchen komplexen Werken auseinandersetzt, war ihm schon an mancher Vorfreude auf die Herausforderungen des nächsten Stücks anzusehen. Auch die Leyer, die Gitarre und die Zither wurden in das pianistische Klangspektrum eingebunden: Wer im Text folgte, konnte hier stets die Korrespondenzen im Klavier fein eingerichtet finden.

Bewundernswerte sängerische Leistung

Auch der Tenor Julian Prégardien stattete den bunten Blumenstrauß an Liedern mit allen feinsten Facetten aus – hier mit reflektierendem Ton, dort dramatisch, immer den Faden der Geschichte aufgreifend. Obwohl also beschwingt bekamen die Zuhörer die Möglichkeit, sich nicht in der Betrachtung der Geschichte zu verlieren, sondern im retardierenden Lied innezuhalten. Rasant, mit neuem Abenteuer wieder an Fahrt gewinnend, konnten die Zuschauer einer bis zur letzten Note bewundernswerten künstlerischen und sängerischen Leistung folgen.

Ob also besinnliche Reflexion oder so mancher leidenschaftliche Ausbruch – Prégardien fand immer wieder mit großer Selbstverständlichkeit neue Ansätze, den Spannungsbogen schön weiterzutragen. Gestalterisch war es eine große Freude, diesem symbiotischen Liedduo zu lauschen. Der Clou: Das Publikum erfuhr durch die kluge Gestaltung der drei Herren am eigenen Ohr die kompositorische Anlage Brahms‘, unversehens gleich ins nächste Kapitel dieser echten Fortsetzungsserie auf engstem Raum gespült zu werden. Manchmal verharrte daher das Publikum gebannt oder es amüsierte sich zuweilen königlich. Am Ende bedankte es sich bei den Künstlern mit begeistertem Applaus.

Bericht: Sabine Krasemann

© Photos:
Ludwig Tieck, lesend Scherenschnitt von Luise Duttenhofer
Johannes Brahms von Otto Böhler
Galerie: Sabine Krasemann

„Jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, wird seinen Platz finden“

„Jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, wird seinen Platz finden“

Interview mit der Projektleiterin des Deutschen Musikwettbewerbs Irene Schwalb

Frau Schwalb, Sie sind nun seit drei Jahren Projektleiterin beim Deutschen Musikrat – was hat sich in dieser Zeit verändert?

Wir haben uns bemüht, in den Kategorien etwas zu verändern: wir haben den starren Dreijahresrhythmus aufgehoben und uns an den Absolventenzyklen der Musikhochschulen orientiert. 2018 werden wir erstmalig die Kategorie Lied-Duo und Akkordeon in den Wettbewerb aufnehmen. Außerdem ist mir die individuelle Beratung der Künstler zu Themen wie Selbstmanagement, Karriereplanung und Bühnenmoderation sehr wichtig. Ich freue mich auch darüber, dass wir zahlreiche neue Konzertveranstalter hinzugewinnen konnten, um unseren Preisträgern Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.

Sie haben selbst Bratsche studiert und eine Konzertagentur geleitet. Was reizt Sie persönlich an der neuen Kategorie „Lied-Duo“?

Das Lied-Duo ist mir ein Herzensanliegen. Es ist für mich eine der intensivsten Ensembleleistungen, wie sie auch Streichquartette erbringen. Wir haben 250 Veranstalter im Hintergrund, die Stipendiaten und Preisträger fördern. Dadurch haben wir die Möglichkeit, unzählige Liederabende in der gesamten Bundesrepublik ins Leben zu rufen. So nehmen wir auch dem Veranstalter die Hürde, eigenständig Liederabende organisieren zu müssen.

Wie schaffe ich es, ein Netzwerk für ein Duo aufzubauen, ohne dass Sänger und Pianist getrennt gebucht und so auseinandergerissen werden?

Wenn sich ein Duo früh findet, gilt es natürlich, das zu fördern. Bestes Beispiel sind Christian Gerhaher und Gerold Huber. Die beiden bilden ein enges Duo, auch wenn sie mit vielen anderen Künstlern arbeiten könnten. Sie sind einander treu und das ist entscheidend. Ich halte es dennoch für richtig, wenn sich junge Sänger noch nicht fest an einen Pianisten binden, zumal sie selbst noch auf der Suche nach ihrem Weg sind.

Das Lied-Duo ist mir ein Herzensanliegen.

Ich finde es schade, wenn häufig dieselben älteren Pianisten mit aufstrebenden jungen Sängern arbeiten, weil sie diese zu stark in ihrer Eigenständigkeit beeinflussen. Dass ein Duo zusammenbleibt, hängt von vielen äußeren Faktoren ab, ist aber letzten Endes die Entscheidung der Duopartner. Wir als Musikrat können sie dabei unterstützen, indem wir ihnen gemeinsame Konzerte vermitteln.

Es geht dabei auch darum, beständige Karrieren aufzubauen. Besteht Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass der Markt durch die fortwährend steigende Anzahl an Wettbewerben mit neuen Duos überflutet wird? Verdrängt man dadurch bereits bestehende Duo-Formationen?

Nein. Es geht allein darum, Liedkonzerte in die Breite zu erweitern. Ich bin der Überzeugung, dass jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, seinen Platz finden wird. Beim Gesang kommt außerdem die natürliche Grenze hinzu. Die Entscheidung darüber, wann man die Gesangskarriere mit zunehmendem Alter beendet und sich neuen Tätigkeitsfeldern zuwendet. Ich glaube, dass da keine Probleme entstehen.

Immer, wenn man etwas wirklich will, wird man sich diesen Weg suchen.

 

Es fällt bereits in den Hochschulen auf, dass der Liedgesang unter den jungen Sängern als Liebhaberei gilt, weil die Möglichkeit, einen Lebensunterhalt zu bestreiten, kaum anders als durch eine Anstellung am Theater besteht. Wie kann ich als Lied-Duo trotzdem über die Studienzeit hinaus aktiv bleiben?

Die Künstler, die das wirklich wollen, tun es. Es ist eine Frage des Entschlusses und der Prioritäten. Auch daher ist es mir wichtig, die jungen Sänger für Vertragsverhandlungen zu coachen. So können sie die Kompetenzen erlangen, ihre eigenen Interessen dem Vertragspartner gegenüber souverän zu vertreten und Bedingungen an das Anstellungsverhältnis stellen. Ich glaube: Immer, wenn man etwas wirklich will, wird man sich diesen Weg suchen. Gerade ein Sänger muss lernen, sich geschickt zu vermarkten – er hat ja auch mehr Zeit dafür als ein Instrumentalist, weil er nicht so viele Stunden am Tag üben kann. Dazu müssen die Hochschulen auch während des Studiums ihren Beitrag durch kompetent geführte Seminare leisten.

Gehen junge Musiker mit einer falschen Vorstellung aus der Hochschule ins Berufsleben?

Klar! Gerade bei den Professoren liegt hier eine große Verantwortung, nah am tatsächlichen Leben zu sein. Das ist schwierig, weil viele Professoren aus früheren Generationen stammen, in denen viele Dinge noch ganz anders abliefen.

Es ist gut zu hören, dass sich der Deutsche Musikrat dieser Problematik bewusst ist und die jungen Künstler dahingehend vorbereitet. Man hört immer wieder von der Sorge, der Liedgesang sei vom Aussterben bedroht. Brauchen wir andere Formate als den des klassischen Liederabends? Brauchen wir neue pädagogische Konzepte, um ein junges Publikum zu begeistern?

Es gibt natürlich die „Lied-Inseln“ wie die Wigmore-Hall oder die Schubertiade in Schwarzenberg oder erfolgreiche Lied-Reihen in Zürich oder Dresden. Das Problem, dass Konzerte abseits dieser Zentren nicht genügend Zuspruch durch die Publikumszahlen erhalten, ist ein Problem der Klassik überhaupt, nicht nur des Kunstliedes. Ich glaube nicht, dass sich das mit neuen pädagogischen Konzepten lösen lässt. Das ist natürlich sehr subjektiv – ich möchte gerne nach wie vor in den klassischen Liederabend gehen.

Ich habe keine Sorge um das Aussterben des Liedes!

 

In kleineren Städten halte ich moderierte Konzerte und abwechslungsreiche Programme, die nicht nur aus großen Zyklen bestehen, aber für eine gute Alternative. Ich habe keine Sorge um das Aussterben des Liedes! Wenn die Konzerte nicht gut verkauft sind, müssen die Sänger auch lernen, mit entsprechend niedrigeren Gagen umzugehen. Das ist bei Instrumentalsolisten und Kammermusik-Ensembles nicht anders.

Gestatten Sie eine provokante Frage: Werden durch immer mehr Wettbewerbe und zu vermittelnde Preisträger dann die Preise nicht noch weiter „kaputt“ gemacht?

Es ist natürlich immer eine Sache von Angebot und Nachfrage. Aber es kann ja auch nicht die Schlussfolgerung sein, zu sagen: Ich mache keine Wettbewerbe mehr, damit keine neuen Musiker auf den Markt kommen. Es wird auch durch Wettbewerbe keine schlagartige Schwemme von Duos geben. Das wird sich verteilen, darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Wenn ich als Veranstalter einen Liederabend organisieren will, dann schaffe ich das auch. Dann muss ich mir Sponsoren organisieren, die den Liederabend oder die Liedreihe unterstützen. Da sitzen Veranstalter, Agent und Künstler alle in einem Boot.

Mich interessiert Ihre Vision – wohin geht es mit dem Kunstlied?

Ich habe das Gefühl, dass wieder mehr neue Liedkompositionen entstehen. Ich glaube, dass sich auch die Sänger zunehmend der Neuen Musik öffnen und sich für das Liedschaffen des 21. Jahrhunderts begeistern. Die Liedpianisten sind dafür schon seit langem sehr sensibel und animieren Komponisten dazu, Lieder zu schreiben. Wenn man mit Komponisten wie Trojahn, Reimann oder Rihm spricht, sagen alle, dass sie das Schreiben von Liedern nicht missen möchten. Ich bin der Überzeugung, dass sich dahingehend viel bewegen wird!

Dessen bin ich mir sicher – und danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Ab 2018 gibt es eine neue Kategorie: Liedduo-Wettbewerb beim Deutschen Musikwettbewerb / BAKJK
des Deutschen Musikrats.

Das Interview führte Eva Nesselrath.

Deutscher Musikwettbewerb / BAKJK des Deutschen Musikrats