„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

Ein Liederabend der Zerbrechlichkeit mit Mark Padmore, Tenor und Andrew West, Klavier

Am 10. Januar 2018 war in der Kölner Philharmonie ein ganz besonderer Liederabend: Das Duo Mark Padmore / Andrew West musizierte eine fein verwobene oft melancholische Reise durch subtile Welten. Konzeptionell bot sich mit den drei Komponisten Schubert, Britten und Birtwistle eine hochwertige Lieder-Auswahl, die zahlreiche Rück- und Querverweise und rote Fäden bot.

Begonnen wurde ganz klassisch: Der zusammengestellte Zyklus der sechs Schubert-Lieder griff auf Werke zurück, die auf das Alte Griechenland reflektieren. Wir befinden uns in der Auseinandersetzung mit den Grundkonflikten des Menschseins: Wasser als Sinnbild des von Stürmen bewegten Lebens, die Leier, die nicht vom Krieg, nur von der Liebe sprechen mag.

filligran und herantastend

Dieses erste, filligrane und zurückhaltende Herantasten an die abendliche Thematik wurde lediglich durch klug gesetzte forcierte Akzente durchbrochen. So erklang Padmores „Ganymed“ in verhaltenem Duktus, leise und recht langsam, bot eher Innigkeit als ungeduldigen Sturm und Drang. Solche auch zwischen den Liedern korrespondierenden Vernetzungen fanden sich auch im klugen Korrespondieren des Klavierpartners West, der aus dem Klavierpart heraus oft für ein konsequentes Voranbringen der musikalischen Entwicklung sorgte. Eine künstlerische Entscheidung, die am Ende der sechs Schubert-Lieder Platz schuf für überraschende kurze Ausblicke in die „Schöne Welt“ Mahlers, wobei dies doch gleich wieder in der Schubert’schen Liedwelt verankert wurde. So fand der erste Teil des Abends mit „Die Götter Griechenlands“ eine in vielerlei Hinsicht schlüssige Offenheit in den Fortgang des Abends.

künstlerisch überzeugende Einheit

Mit den sechs Hölderlin-Fragmenten von Benjamin Britten erhielt der Abend eine vielfach stimmige, künstlerisch überzeugende Einheit. Nicht nur bietet der von Britten vertonte deutsche Text einen kongenialen Übergang zwischen Schubert (deutscher Komponist/deutsche Texte) und Birtwistle (englisch/englisch), auch musikalisch wurden von Padmore und West zahlreiche Bezüge hier und dort herausgestellt. Zentral im mittleren Stück: Das rezitativähnliche Lied „Sokrates und Alcibiades“ sorgt für ein retardierendes Moment, fasst die Kargheit, die im Birtwistle-Zyklus folgt, auf wenigen Zeilen antizipierend zusammen. Die gekonnte Farbigkeit, opernhafte plastische Momente und das geschickte Verwenden bekannter musikalischer Topoi, wie sie für Britten typisch sind, rundeten die Spannungsbögen der Lieder ab. Die Subtilität mündet am Ende des Zyklus‘ offen – was der folgende Liederzyklus schlüssigerweise aufgriff:

Konsequent mutig verbleibt auch im dritten Zyklus die verhaltene, zarte und intime Gestik als Grundanlage von Padmores Liedgestaltung, sekundiert von dem zarten und durchsichtigen Klavierspiel Wests. So entsteht eine wunderschöne Korrespondenz zwischen Sänger und Pianist. In der klanglichen Leere des Birtwistle-Zyklus verbleibt dem Zuhörer so viel Raum und Besinnung für eigene Reflexion. Auch auf die griechische Mythologie wird zurückgegriffen wie auf die ausgiebige Verwendung von Natursymbolen in oft irreal anmutenden Bildern.

Verwobenheit auf engstem Raum

Die künstlerisch überzeugende Konzeption zeugte davon, wie intensiv beide Künstler sich mit der so menschlichen Thematik des Scheiterns und Ringens, des Suchens beschäftigt haben, haben sie doch anlässlich des 100. Geburtstags von Benjamin Britten den Birtwistle-Zyklus 2013 uraufgeführt. Gut zu hören war in der Anlage der Lieder, dass der kompositorische Prozess von der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Text und Musik profitierte: mit der Komposition war auch die Dichtung erst entstanden. Dies verlieh dem Zyklus eine besonders starke innere Verwobenheit auf engstem Raum in den Liedern selbst, in der Korrespondenz zwischen einzelnen Tönen und Silben, die manches Mal fast die Musik zum Stillstand und den Text zum Schweigen brachten. Am Ende überlässt die Intensivität, die dichte Symbolik den Zuhörer beim einmaligen Erleben mit einer erahnten Tiefe, die sich nur in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Werk wirklich erschließen lässt.

Dramaturgisch konsequent gaben Padmore und West den Schubert’schen „Atlas“ als Zugabe: „Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen.“

Text: Sabine Krasemann
Photo: Kölner Philharmonie