„In wachsenden Ringen“

„In wachsenden Ringen“

Eine interdisziplinäre Liedermatinée mit Ingeborg Danz, Alt und Peter Stein, Violine und Arrangements

Es bot sich an, früh genug vor Ort zu sein, denn der Konzertort, der KunstRaum Dorissa Lem in Köln-Ehrenfeld lud zum Stöbern und Sinnieren vor dem Konzert ein. Seit den 90er Jahren lädt die Bildende Künstlerin Dorissa Lem im Rahmen interdisziplinärer Projekte Musiker und Autoren in ihren KunstRaum ein. Hier entstehen spannende Resonanzen zwischen den Künsten. Viel Holz, kräftiger Strich, viel Rundes, viel Naturhaftes wartete auf die flanierenden Besucher – die so zugleich unmerklich auf die Musik eingestimmt wurden…

Wer meint, es sei eine hochkomplexe und oft langwierige Sache, bis ein Lied-Programm fertig und rund ist, liegt sicherlich zumeist richtig. Oft wachsen die Programme auch quasi aus den Biographien der Künstler und ihrer gemeinsamen Entwicklung heraus. So geschehen mit den Liedern für Alt und Violine, die Ingeborg Danz und Peter Stein gesucht und gefunden, nach Gutbefinden bearbeitet und schließlich erarbeitet haben.

Eine solche Team-Leistung alleine lässt schon auf eine spannende Entdeckungsreise schließen. Den Arrangements war ganz deutlich anzuspüren, dass Peter Stein nach dem Durchdringen der Originalwerke beim Arrangieren genau wusste, was er auf der Violine spielen wollte und darauf ganz sinnfällig einging, verschaffte dem Ganzen eine natürliche Spontaneität, die durch die Intimität des Ausdrucks des Duos intensiviert wurde. Die dabei von Ingeborg Danz im beiderseitigen „Einvernehmen“ verströmte natürliche Freundlichkeit und Souveränität verlieh dem Vormittag eine Spannung durch alle Werke hindurch.

Aufgelockert und angereichert mit moderierten Hintergrundinformationen oder auch Anekdoten zu einzelnen Werken war über die einzelnen Liederzyklen und Werke so einiges Spannendes auf dieser gut einstündigen synästhetischen Reise zu erfahren. William Blakes Gedichte, die der Mystiker und Phantast schrieb und die seiner Zeit weit voraus waren, fanden schließlich gut 200 Jahre später in Ralph Vaughan Williams ihren Komponisten (1957).

Die pastorale Grundnote, verbunden mit Bordun-Quinten, vermittelt eine subtile Schlichtheit, die sich als einzelne Aspekte einer  Szenerie entpuppen, die Christliches naturhaft, ja naturnah abbildet. So endet das dritte Lied mit einem feinen offenen Ton, dann gibt dieses Duo dem Ohr Platz für einen der Höhepunkte: Das filligrane vierte Lied – für Alt Solo. Aber ganz unterschiedlich gehen die Duo-Partner miteinander um: So folgt nach dem Solo sogleich ein wahrhaftiger Dialog. Offenheit, Hoffnungsvolles, Schlichtes erklingt – um schließlich im letzten Lied in einer Doppelstimmigkeit in der Violine zu münden, die sich gemeinsam mit der Stimme leise und etwas choralhaft im mystischen Duktus verliert.

Wie hier so fanden auch in den Deux Poèmes von Ronsard / vertont von Roussel / arrangiert von Stein zahlreiche Natursymbole und Naturbilder ihren Wiederklang – eine Vertonung, die sogar 400 Jahre nach den Gedichten entstand (1924).

Original für Ingeborg Danz und Peter Stein hat Peter Knell den Zyklus „Griffiths Songs“ 2004 geschrieben. Auch hier weiter Natursymbolik, die unmerklich zu den Werken von Dorissa Lem in Beziehung treten: „The Skater“ zeichnet eine unwirkliche erstarrte Landschaft auf Eis, „Parallel Motion“ – mit niedersinkenden Quinten, die den Gesang aus dem Rezitativischen zum Arioso fast mit einer nimmermüden Pendelbewegung geleiten. Das letzte Lied, Metamorphosis nun lässt sich direkt mit Lems Werk in Verbindung bringen, mit den wohlgeformten Baumstamm-Stücken, mit Jahresringen und Skalen – alles endet in echter Zweistimmigkeit in einem girlandenhaften Abgesang: Waagschalen, Tonleitern…

Sinnreich endete auch dieses Programm mit einem Schubert-Lied: „Auf dem Wasser zu singen“ wurde zu einer klanglichen Verschmelzung, einem Umschlingen, wie es die Fassung mit Klavier nicht möglich macht. So findet die Matinée in Schubert’sche / Wiener Melancholie auf die Worte „… Selber entschwinde der wechselnden Zeit“ ein sinnreiches Schlusswort.

Als kleine Draufgabe gaben Ingeborg Danz und Peter Stein „Hebe Deine Augen auf“ – das Terzett aus dem Elias. Eine kleine, hier überhöhte Oase der friedlichen Freundlichkeit.

Text & Photos: Sabine Krasemann