Interview mit Doriana Tchakarova und Konstantin Krimmel

„Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Partner finde, mit dem ich mich musikalisch so ergänze.“ – Doriana Tchakarova

Interview mit Doriana Tchakarova und Konstantin Krimmel

Ihr Programm „Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?“ haben Sie ja bereits mehrfach gespielt. Verstehen Sie beide sich da mehr als Musiker oder als Erzähler?

Konstantin Krimmel: Wir haben mit der Zeit gemerkt und erfahren, dass uns diese Balladenform, diese Form der Geschichten, sehr am Herzen liegt. Mir macht es persönlich sehr viel Spaß, diese Geschichten zu lesen, zu erfahren und auch zu erzählen. Ich finde, das Lied ist eine kleine Oper für sich, in fünf bis sechs Minuten, es hat alle Höhen und Tiefen, Hoffnung und Verderben – es ist alles drin, was man so braucht für ein gutes Stück. Darum haben wir uns auch darauf konzentriert.

Frau Tchakarova, Sie sind ja die Erfahrene von Ihnen beiden. Haben Sie gleich gewusst, dass Sie da jemanden erwischt haben, mit dem es gut passt?

Doriana Tchakarova: Am Anfang wusste ich einfach, dass er wahnsinnig begabt ist. Aber so wie Sänger in ihrer Entwicklung sind, sind sie erstmal sehr viel mit Technik beschäftigt. Deswegen wusste ich von Anfang an, dass es phantastisch passt, aber die Entwicklung kam ein wenig später.

Es ist ja nicht unbedingt selbstverständlich, dass ein Duo so gut funktioniert, dass es praktisch fest miteinander auftritt. Wie haben Sie zueinander gefunden? Warum passt es so gut?

Konstantin Krimmel: Wir arbeiten jetzt seit eineinhalb bis zwei Jahren intensiv zusammen. Warum es so gut passt, wissen wir tatsächlich auch nicht. [lacht] Es sind vermutlich übernatürliche Kräfte am Werk, die uns da zugute kommen. Zu verdanken ist es der Musikhochschule Stuttgart, weil ich da noch als Student bin und meine Pianistin dort einen Lehrauftrag als Korrepetitorin hat. Darüber hinaus hat sich dann mehr entwickelt. Wir haben eine sehr gute Basis gefunden, so dass wir für uns sehr, sehr schöne Musik machen können. Und scheinbar kommt die auch gut an.

Sie haben gemeinsam ihre erste CD eingespielt? Was haben wir da zu erwarten?

Konstantin Krimmel: Sie wird Saga heißen und erscheint am 20. September 2019. Wir wollten einen internationalen Titel, auch wenn es alles deutschsprachige Lieder sind. Es ist wie bei unserem Programm: Wir wollen Geschichten nehmen, die uns ansprechen, allein von der Geschichte selbst. Dann kommt natürlich die Komposition, die Vertonung durch die unterschiedlichen Komponisten dazu. Da gibt es fantastische Sachen, wo wir auch sagen, da entspricht die Vertonung dem, wie wir uns den Text vorstellen. Es gibt natürlich auch Sachen, da geht man nicht ganz mit dem Komponisten. Aber nichtsdestotrotz sind diese Balladen und Erzählungen unfassbar starke Stücke. Und wir haben eben die Erfahrung gemacht, dass diese Stücke auch sehr gut ankommen, wenn man es denn schafft, sie gut zu erzählen. Doriana versucht auch, nicht nur zu spielen und die Töne abzuklappern, sondern den Text in der Musik wiederzugeben.

Doriana Tchakarova: Saga ist außerdem die nordische Göttin der Geschichte. Großteils sind es die Stücke, die wir auch im Programm spielen. Jensen, Loewe und Schumann sind auf der CD. Schubert auch, aber mit anderen Stücken. Hugo Wolf als Spätromantiker müsste man auf einer CD vielleicht woanders platzieren, im Programm passt er gut zu Jensen.

Die Frage an Sie, Frau Tchakarova: Er hat ja den Vorteil, auch die Sprache als Instrument einsetzen zu können. Was bedeutet das für Sie, wie gehen Sie da ran?

Doriana Tchakarova: Konstantin ist wirklich so inspirierend in seiner Erzählung, dass es mir nicht unbedingt schwer fällt, am Klavier mitzuerzählen. Es ist auch interessant zu schauen, wie von Komponist zu Komponist der Klavierpart gesetzt ist. Zum Beispiel bei Loewe, da hört man Vögel zwitschern oder Bachplätschern. Das macht Loewe natürlich fantastisch, dass er das, was im Text ist, auch sehr malerisch darstellt. Da ist es leichter als zum Beispiel bei Schubert, wo das Klavier eher im Hintergrund ist, aber wahnsinnig viel von der Spannung hat, um dem Sänger das nötige klangliche Umfeld zu bieten und dann die Geschichte sehr stark zu präsentieren. Darin liegt natürlich das Reizvolle und Spannende – das zu differenzieren.

Wie soll es weitergehen? Wollen Sie auf diesem Programm – und der CD – aufbauen?

Konstantin Krimmel: Auf jeden Fall möchten wir darauf aufbauen. Wir hoffen natürlich, dass die CD gut ankommt und sich das herumspricht, was wir machen. Es gibt auch schon Ideen für weitere Projekte. Wir möchten gerne ein wenig das Lied wieder aufleben lassen. Gemeinsam mit den ganzen anderen, die gerade unterwegs sind als Liedsänger und -sängerinnen, als Pianisten und Pianistinnen, möchten wir das Lied mit neu gestalten.

Warum überhaupt das Lied, warum dieses Genre?

Konstantin Krimmel: Weil es unheimlich viel Spaß macht. Von der pragmatischen Seite her ist es außerdem unheimlich gut zu bewerkstelligen, weil es nur zwei Leute und ein Klavier braucht. Es ist nicht abhängig von einem großen Apparat wie eine Oper oder ein Oratorium. Es ist viel kleiner und intimer; dadurch hat man auch eine größere Möglichkeit, herauszuholen, was es herauszuholen gibt – und so Kunst zu machen, wie man es sich vorstellt. Diese Lieder sind einfach – sooft sie auch schon gespielt und interpretiert wurden – immer wieder neu. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und einen eigenen Weg. Jeder hat seine eigene Geschichte zu einer Winterreise von Schubert. Die klingt dann auch anders. Und ich denke, dass die auch zu Gehör gebracht werden darf – und auch sollte.

Doriana Tchakarova: Es ist auch einfach reizvoll und spannend, so minimalistisch auf der Bühne mit zwei Menschen – und damit Leute in seinen Bann zu ziehen. Wir sind auch beide als Charaktere sehr unterhaltsam und genießen das unheimlich. Und es kommt hinzu: Wir sind beide ohne das Lied aufgewachsen und haben unseren ganz eigenen Zugang im Studium gehabt und dadurch vielleicht eine andere Frische, es darzustellen. Viele Sänger haben es praktisch mit der Muttermilch aufgesogen, für die ist das Lied, ist Fischer-Dieskau ein Begriff. Ich komme aus Bulgarien und kannte es nicht. Ich habe es mit etwa 20 zum ersten Mal gehört. Das spielt vielleicht auch eine Rolle. Vielleicht sind wir dadurch in der Darstellung besonders authentisch.

Bekommen Sie das vom Publikum auch so gespiegelt?

Konstantin Krimmel: Auf jeden Fall. Ich kann dazu eine Geschichte erzählen: Beim Wettbewerb in Weikersheim gab es ein kleines Lied-Finale, wo wir drei Lieder zum Besten geben durften – unter anderem Belsazar von Schumann und Odins Meeresritt von Loewe. Im Publikum saß eine Nonne, die kam am Ende auf uns zu und sagte, sie sei so froh, hier gewesen zu sein. Sie habe eigentlich mit der ganzen Materie nichts zu tun und kenne sich gar nicht aus, aber sie sei so froh, diese Geschichten gehört zu haben. Sie habe richtig die Bilder vor sich gesehen, sagte sie. Sie hat Odin vor sich gesehen, sie hat diesen völlig gestörten Belsazar vor sich gesehen, wie er Gott ablästert und sich über alle erhebt. Und diese Bilder waren für sie so stark. Das ist natürlich das größte Lob und das größte Glück, das man als Sänger bekommen kann: dass man von solchen völlig unbefangenen Menschen, die eben keine Interpretation schon im Ohr haben, wie es vielleicht sein sollte oder wie sie es gerne hätten, gesagt bekommt: „Wow, das war so toll. Das möchte ich noch einmal hören.“ Etwas Besseres kann man sich gar nicht wünschen.

Doriana Tchakarova: Es ist halt auch die Liebe. Wir lieben diese Texte und diese Lieder. Und wann man mit Liebe und Hingabe an die Stoffe herangeht, dann entsteht etwas Interessantes.

Was wünschen Sie sich selbst für den Auftritt beim Liedsommer?

Konstantin Krimmel: Was man sich immer wünscht, ist ein aufmerksames Publikum, das gerne da ist und das offen ist für Neues. Ich glaube, wir haben auch für jeden etwas dabei. Wir versuchen immer, die Programme so zu gestalten, dass es auch Abwechslung gibt, Höhen und Tiefen, auch mal Schweres. Und ich glaube, da haben wir etwas zusammengestellt, wo nachher jeder rausgehen kann und etwas mitnimmt: vielleicht einen Ohrwurm, vielleicht einfach Eindrücke, die ihn persönlich sehr bewegt haben.

Doriana Tchakarova: Aber natürlich hat das Ganze einen roten Faden.

Konstantin Krimmel: Natürlich, das war uns auch bei der CD sehr wichtig. Darum gibt es auch einen Text dazu, der die Dramaturgie darstellt.

Herr Krimmel, Sie sind ja noch im Studium, wie geht es denn für Sie weiter?

Konstantin Krimmel: Ich habe noch ein Jahr bis zum Abschluss. Und dann kommen hoffentlich viele schöne Projekte. Aber der Fleiß, das Studium hört ja nie auf – beim Gesang, wie auch bei allen Instrumenten. Die Freischaffenheit, die ich jetzt im Studium habe und die ich schon lebe, würde ich gerne weiterleben und am liebsten alle drei Sparten bedienen: Lied, Konzert und Oper. Ich bin dann aber offen für alles, was angefragt wird.

Frau Tchakarova, fürchten Sie nicht, dass Sie ihn dann verlieren müssen an große Opernhäuser?

Doriana Tchakarova: Ich möchte das Lied-Duo natürlich gerne weiterführen, denn ich glaube nicht, dass ich einen anderen Partner finden werde, mit dem ich mich so musikalisch verstehe und ergänze. Allerdings ist er natürlich Sänger – und er muss in die Oper. Ich unterstütze ihn unglaublich dabei, wenn Vorsingen an der Oper oder andere Projekte angesagt sind, die seiner Klasse entsprechen. Ich habe einfach Vertrauen, dass das andere darunter nicht verloren geht. Dass das bleibt, wenn wir beide das wollen. Ich glaube, Lied wird er immer machen. Natürlich wünsche ich mir, dass er das mit mir macht.

Konstantin Krimmel: Es profitiert ja auch voneinander, rein stimmlich und technisch gesehen. Unsere große, gemeinsame Leidenschaft ist und bleibt das Lied, und das möchten wir in die Welt tragen.

Mit dem Duo sprach Christiane Nitsche Mitte Juli 2019 anlässlich des Konzerts in Köln am 29.8.2019.

© Photo Krimmel / Tchakarova | Daniela Reske