Interview mit Christina Messner

„Eine ganz besondere Wachheit“

Christina Messner ist Musikerin und Komponistin. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit, laufenden Projekten und der Herausforderung, als Frau den beruflichen Weg der Komponistin zu gehen.

Wenn Christina Messner von ihrer Arbeit erzählt, beginnen ihre Augen zu strahlen und es wirkt, als könnte sie ewig schwärmen von all den Möglichkeiten, die ihr als Musikerin und Komponistin offenstehen. Bereits seit ihren Kindheitstagen ist die 49-Jährige fasziniert vom Musizieren und sogar vom Komponieren: „Ich habe alte Notenhefte wiedergefunden und tatsächlich habe ich schon als Kind erste Versuche gestartet.“

Mit fünf Jahren hielt sie das erste Mal eine Blockflöte in ihren Händen. Sie kam aus der Schule nach Hause und übte direkt weiter, weil ihr das Musizieren so viel Spaß bereitete. „Ab dem Moment war meiner Mutter klar, dass man mich fördern muss“, sagt sie und lacht. Im Alter von acht Jahren beginnt Messner schließlich mit dem Geige spielen und hat die Lust daran nie verloren. „Außerdem habe ich schon immer viel und gerne gesungen, was bis heute viele meiner Stücke prägt. Die Lust an Sprache und Gesang kam schon ganz früh, so die Musikerin.

Schließlich absolvierte sie ihr Musikstudium zwischen 1991 und 1996 in Würzburg mit dem Hauptfach Violine und dem Wahlfach Komposition. Es folgte eine zusätzliche Ausbildung in Improvisation bei Harald Kimmig in Freiburg. Mittlerweile lebt und arbeitet Christina Messner in Köln.

Der Reiz des Experimentellen

Bereits vor dem Studium schrieb Messner erste Stücke: „Mir war immer klar, dass ich auch nach der Uni nicht den klassischen Weg in ein Orchester einschlagen werde. Eigene musikalische Projekte umsetzen war schon länger mein Ziel.” Und das macht sie bis heute: Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Verknüpfung unterschiedlicher Sparten und interdisziplinären Ansätzen. Besonders in den Bereichen Neue Musik, Improvisation und Performance widmete sie sich verschiedensten Projekten und Konzerten.

„Natürlich gibt es bereits wunderschöne klassische Stücke, aber das Experimentelle hat mich immer gereizt“, sagt die Musikerin. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich für das freiberufliche Arbeiten: „Ich wollte mir etwas ganz Eigenes suchen und seit dem Studium setze ich Projekte um.“

In den ersten Jahren ist Messner häufig als Performerin aufgetreten und hat als Musikerin auf der Bühne gestanden. In den vergangenen Jahren lag ihr Fokus eher auf der Komposition. „Das ist allerdings keine Entscheidung gegen das Musizieren, es hat durch Aufträge dahin entwickelt.“

Die große Offenheit für musikalische und künstlerische Stile spürte die Komponistin schon früh in sich und setzt sie noch heute auf kreativste Weise um. Selbst während des Musikstudiums mit klassischen Lehrern spielte sie nebenbei in einer Punkband.

Der Zauber der Schaffensphase

Aktuell arbeitet Christina Messner an einer Komposition für Irene Kurka (Sopran) und Martin Wistinghausen (Bass), die als Duo das Stück zum Thema „Aus Höhe und Tiefe“ im September 2019 bei Konzerten in Düsseldorf und Köln präsentieren werden. Der Beginn solch eines Werkes beginnt bei der Komponistin oft erst im Kopf, beispielsweise mit der Überlegung, welche Texte vertont werden sollen und – wenn man die Interpreten kennt – was zu den entsprechenden Sängern passt. Dennoch gäbe es keinen vorgegebenen Arbeitsablauf: „Es kann immer sein, dass ich ganze Teile wieder verwerfe und neu entwickle.“ Doch während solch einer Schaffensphase, ist Messner die ganze Zeit aufmerksam: „Auch wenn man gerade nicht arbeitet, man sammelt ständig, nimmt Dinge wahr. Ich liebe diese ganz besondere Wachheit und diese Art, die Welt wahrzunehmen.” Die interdisziplinäre Arbeit und die damit verbundene Grenzüberschreitung von Genres gibt ihr immer wieder die Chance, Neues zu lernen.

Außerdem geht es ihr darum, die Neue Musik aus ihrem Elfenbeinturm hervorzuholen. In den vergangenen Jahren arbeitete sie vermehrt in öffentlichen Räumen und gestaltete Projekte, bei denen Laien und Profis der Neuen Musik gemeinsam etwas kreierten. „Wenn man Verschiedenes zusammenbringt, was auf den ersten Blick nicht so ganz passt, kann daraus was Tolles entstehen und man holt die Musik zurück ins Leben.“ Das ist für Christina Messner auch einer der Aspekte, den sie in der Auseinandersetzung mit dem Lied wiederfindet.

Die Tatsache, dass sie eine der wenigen weiblichen Komponistinnen ist, begleitete Christina Messner ihre ganze Laufbahn – mal mehr, mal weniger. „Natürlich weiß ich nicht, wie es mir als Mann ergangen wäre, aber da waren einige Situationen, in denen ich anders behandelt wurde als meine Kollegen.” Im Studium in Würzburg war sie beispielsweise die einzige Frau in den Kompositions-Kursen. „Ich scheine genau die Generation dazwischen zu sein. Zahlreiche Frauen vor mir haben sich bereits einiges erkämpft, dennoch gab und gibt es noch einige Hürden für meine Generation”, findet die 49-Jährige.

Der Weg zur Komponistin

Sie sei in einer schwäbischen Kleinstadt mit der Meinung aufgewachsen, dass Frauen nicht komponieren können: „Das tauchte einfach nirgends auf.“ Selbst bis zum Ende ihres Studiums hörte Christina Messner immer wieder den Satz: „Aber du bist doch eine Frau”, wenn sie erzählte, dass sie Komponistin sei. Dennoch sie sich sicher: „Die Generation, die heute studiert, hat es wieder ein Stück weit einfacher.” Auch wenn längst noch nicht alles gleichberechtigt ablaufen würde: „So viele Jahre war es in den Köpfen der Frauen, dass sie gewisse Dinge nicht umsetzen können. Es wird dauern, bis das ganz verschwunden ist.”

Dennoch stand für Christina Messner immer fest, dass sie sich von ihrem Traumberuf nicht abbringen lässt. Sie hofft auf eine Zukunft, in der Komponistinnen gleichberechtigt auf Festivals auftreten und in den Musikprogrammen vorkommen: „Da ist noch immer eine große Schieflage. Die Aufmerksamkeit für das Thema sei weiterhin von großer Relevanz. So blickt sie sehr interessiert auf das Liedwelt Konzert, welches sich zu Clara Schumanns 200. Geburtstag dem Thema Komponistinnen widmet.

„Ich wünsche allen Frauen, ein natürliches Gefühl und gesundes Selbstbewusstsein für ihre Berufswahl. Es wäre wünschenswert, wenn man sich künftig nicht mehr solche Gedanken machen müsste weil das Gleichgewicht hergestellt wurde.”

Ihren Weg würde Christina Messner trotzdem immer wieder so gehen: „Der Beruf hat so viele Facetten. Ich kann schreiben, mir Zeit zum Denken nehmen, mit Musikern zusammenarbeiten, genieße die Probenarbeit, spiele selbst Geige, unterrichte und mache all das mit jeder Faser gern!“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

 

© Photo: Liedwelt Rheinland