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Zwischen Verfeinerung und Schlichtheit

“Es wäre toll, wenn die Neue Musik es schafft, einen größeren Kreis zu erreichen.” – Interview mit Christoph Maria Wagner

Christoph Maria Wagner ist Pianist, Komponist und Dirigent. Er studierte Komposition und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und unterrichtet dort selbst seit 1995. Im Interview erzählt er von dem geplanten „Etwas anderen Liederabend“ und verrät, was für ihn das Kunstlied zu etwas Besonderem macht.

Wagners Wunsch ist es, mit seinen Stücken und auf Konzerten nicht nur spezielle Expertenkreise anzusprechen, sondern stets auch weitere Menschen für das Kunstlied und seine Facetten zu begeistern. „Es wäre toll, wenn die Neue Musik es schafft, einen größeren Kreis zu erreichen“, sagt Christoph Maria Wagner. Gemeinsam beschäftigten er und die weiteren Kölner Komponisten Ralf Soiron und Stefan Thomas sich mit Texten von Hermann Broch, Robert Gernhardt und Charles Bukowski und komponierten Stücke für die Veranstaltung „Der etwas andere Liederabend“, die am Freitag, 30. August 2019 erklingt.

Ergänzend werden Stücke von Ursula Mamlok zu hören sein, darunter die „Four German Songs“ nach Texten von Hermann Hesse sowie kurze Klavierstücke, die im Rahmen der ganzheitlichen Konzeption des Abends sowohl Augenblicke der Reflexion und des Innehaltens darstellen als auch Übergänge zwischen den Liederzyklen schaffen.

Kultur als verbindendes Element

Als verbindendes Element zwischen der Komponistin Ursula Mamlok und dem Schriftsteller Charles Bukowski werden biografische Überschneidungen der Künstler genannt: Beide wurden in Deutschland geboren und lebten dennoch die meiste Zeit ihres Lebens in Amerika. Mamlok stammte aus einer in Berlin lebenden jüdischen Familie und Bukowski war Sohn eines in Andernach stationierten Soldaten. Sie beide hatten stets eine intensive Beziehung zur deutschen Kultur, wenngleich ihre Umsetzung oftmals nicht unterschiedlicher hätte sein können.

„Die Texte von Bukowski sind gleichermaßen kultig wie deftig, einfach ein wenig anders“, sagt Wagner. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit seinen Werken – von den Kurzgeschichten über die Romane und Gedichte – schrieb der Komponist Stücke für Bariton und Klavier, die er in diesem Liederabend präsentiert werden. Besonders mit den gewählten „Bukowski-Songs“ möchte Wagner zeigen, dass der Schriftsteller mehr war, als viele annehmen: „Es gibt eine Verbindung von der oberflächlichen Rauheit und dem empfindsamen Inneren.“

Weiter führt der Komponist aus: „Bei der Vorbereitung auf den Abend haben wir uns bewusst gegen das Konventionelle entschieden und sind dem Genre des Klavierliedes trotzdem treu geblieben.“ In dieser selbstgewählten Beschränkung etwas Neues und Abwechslungsreiches zu entdecken, ist die Besonderheit des zusammengestellten Programms. „Es ist für mich persönlich sehr reizvoll, mich so eines altehrwürdigen Genres zu bedienen und gleichermaßen damit zu überprüfen, wie es in der Gegenwart noch funktioniert.“

Die Kunst der Verfeinerung

Eine ganz besondere Balance aus Verfeinerung und Schlichtheit macht für ihn ein kunstvolles Lied aus. Als persönlichen Höhepunkt benennt er darin die Lieder von Robert Schumann. Die Intimität des Kunstliedes sei eine weitere Besonderheit der Gattung. „Das ist kein Genre für die ganz große Bühne, sondern für einen kleineren Kreis – so war es schon immer“, erklärt der 52-Jährige. Im 20. Jahrhundert kippte die Balance zwischen Schlichtheit und Verfeinerung vielfach auf die Seite des Verfeinerten, Zerbrechlichen: „Es ist eben stets eine Gratwanderung zwischen diesen Polen“.

Umso mehr strebt Christoph Maria Wagner für den anstehenden Liederabend musikalische Direktheit an. Bewusst hätten er und seine Kollegen daher die Stücke in deutscher Sprache ausgewählt, um so für alle Zuhörer den Inhalt zugänglich zu machen.

Lieder für die heutige Lebenswelt

Der Komponist Ralf Soiron beispielsweise präsentiert „Lieder des Bewusstseins“ nach Texten von Georg Heym, Ernst Stadler und Günter Kunert für Frauenstimme und Klavier sowie Lieder nach Gedichten von Hermann Broch für Bariton und Klavier. Stefan Thomas präsentiert Lieder nach Texten des Satirikers Robert Gernhardt für Sopran und Klavier. Die Gesangssolisten sind Pia Davila (Sopran) und Peter Paul (Bariton).

Für den Komponisten Christoph Maria Wagner ist Musik in jeder Hinsicht etwas Besonderes: „Beim Komponieren passiert ganz viel der Arbeit im Kopf, bei Konzerten wiederum gibt es eine ganz andere Form des Glücksgefühls. Die Musik gibt einem die Möglichkeit, etwas Schönes zu schaffen, sich selbst und andere in Schwingungen zu versetzen.“

Mit seinen Lied-Kompositionen wünscht sich Wagner, innerhalb des Genres auf neue Art zu überzeugen. „Wenngleich viele ältere Stücke wunderschön sind, sind sie teilweise doch sehr weit entfernt von unserer heutigen Lebenswelt.“ Er erhofft sich, dass eine direktere Ebene, wie sie auch bei dem Liederabend erzeugt werden soll, den Einstieg in die Kunstform erleichtert.

Das Gespräch mit Christoph Maria Wagner führte Elena Sebening.

Photo © Christoph Maria Wagner

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Die Veranstaltung des Vereins Klang Köln e.V. im Domforum bot eindreiviertel Stunden lang eher ungewöhnliche Töne. Der in Kooperation mit  „Liedwelt Rheinland“ stattfindende Liederabend war sogar mehr als nur „etwas anders“ (drei Uraufführungen innerhalb von vier Zyklen). Alle Komponisten (gleichzeitig Klavierbegleiter) – Rolf Soiron, Christoph Maria Wagner, Stefan Thomas – sind um die Fünfzig und haben viel mit Köln zu tun. Die Sopranistin Anna Herbst wurde ganz in der Nähe geboren.

Sie eröffnete den Abend mit Soirons „Lieder des Bewusstseins“ (Texte 20. Jahrhundert). Erstaunlich, wie sehr der Komponist der Sängerin vokales Fließen gestattet; schönes Timbre und Legatokunst kamen so überzeugend zur Geltung. Ein Gegensatz dazu war der dissonante, nervöse, selten beruhigt wirkende Klavierpart, ein primärer Eindruck auch sonst.

Bei Wagners Bukowski-Songs wurde dem Sänger (der ausgezeichnete Peter Paul) neben kantabler Souveränität auch expressives Sprechen, sogar Schreien abverlangt. Ähnliches bei Soirons Liedern nach Hermann Broch, dessen emotional starke Texte den Komponisten merklich inspiriert haben. Ob indes ein heiterer Dichter wie Robert Gernhardt unbedingt vertont werden muss, sei zurückhaltend angezweifelt. Die ständige Wiederholung einzelner Textzeilen ließ die Skurrilität der Gedichte zudem verloren gehen, und eine Männerstimme wäre wohl auch geeigneter.

Text: Christoph Zimmermann

Photo © Carola Kluth bzw. Christoph Maria Wagner

Bukowskis Kunstlieder

Bukowskis Kunstlieder

“Der etwas andere Liederabend” im Domforum mit den Netzwerk-Mitgliedern Anna Herbst (Sopran), Christoph Maria Wagner (Komposition & Klavier) sowie Peter Paul (Bariton),Ralf Soiron und Stefan Thomas (Komposition & Klavier)

“… Während auf der Domplatte noch zahlreiche Touristen den milden Frühlingsabend genießen, kann das Programm beginnen. … Das Publikum genießt Humor, Dramatik, Gefühl und die sehr intensive Auseinandersetzung sowohl der Komponisten als auch der Sänger mit dem Material, die in jedem Lied spürbar wird.

Schaute man in die Tiefe  der Kompositionen, gäbe es sicher den einen oder anderen Diskussionsbedarf. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Vorerst darf das Publikum dankbar sein, solche Abende überhaupt zu erleben.”  =>> weiterlesen bei O-Ton

zum Konzert

© Text: Michael S. Zerban
Photos © O-Ton