Archiv der Kategorie: Liedsommer

Interview mit Silke Hartstang

„Das Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich“

Die Mezzosopranistin Silke Hartstang im Interview mit der Liedwelt Rheinland

Liebe Frau Hartstang, wie sind Sie zur Musik und zum Lied gekommen?

Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie meine Mutter mir als Kind etwas vorgesungen hat, das war denke ich der Anfang. Ich bin die erste Musikerin in meiner Familie und habe zunächst im Bereich der Popmusik begonnen Musik zu machen. Vor der Aufnahme meines Studiums an der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat meine erste Gesangslehrerin meine Faszination für das Lied erweckt. Lieder wie zu Beispiel „Der Erlkönig“ oder „Gretchen am Spinnrade“ haben mir ganz neue Welten eröffnet, die Welt des Zusammenspiels mit dem anderen Instrument und die Frage: wie haben die Leute damals, vor vielen, teilweise hunderten von Jahren ihre Gefühle und Gedanken ausgedrückt und in Musik gefasst? Ich habe früher auch eigene Lieder komponiert und da hat mich diese Frage natürlich sehr neugierig gemacht. Diesen Weg der Neugierde bin ich dann weitergegangen.

Apropos Zusammenspiel: Sie und Elnara Ismailova bilden seit 2002 zusammen das Liedduo „Due passioni“. Was bedeutet der Name für Sie beide und wie gestaltet sich Ihre künstlerische Zusammenarbeit?

Wir beide haben zwei Leidenschaften – „Due passioni“: Elnara das Klavier und ich den Gesang. Beim Zusammenspiel dieser zwei Leidenschaften mit ihrem Licht und ihrem Schatten entsteht im Einklang miteinander oder auch rivalisierend im gesunden Sinne Spannung, die zusammen weitergetragen oder gegeneinander aufgebaut wird. Der Name ist erst während unserer Zusammenarbeit entstanden, beim Erleben dieser künstlerisch beflügelnden Spannung beim Erarbeiten von Stücken. Und je weiter man in der Musikgeschichte zum Beispiel vom Barock an die Gegenwart herankommt, desto mehr erlebt man das Lied auch als Kunstform des Duos, Klavier und Gesang als gleichberechtigte Partner.

Sie musizieren also Liedprogramme, die vom Barock bis an die Gegenwart heranreichen. Haben Sie da besondere Lieblinge, Repertoire, das Ihnen besonders am Herzen liegt, einen Schwerpunkt?

Nein, da lasse ich mich immer von meiner Neugierde und meinem Entdeckergeist leiten – ich lasse mich gerne überraschen! Jede Stilistik bietet einen eigenen Zugang zur Musik und zeigt einem vorher Unbekanntes, das man für sich entdecken kann. Letztes Jahr haben Elnara Ismailova und ich das Programm „Weltempfinden“ mit vielen Stücken aus dem zeitgenössischen Repertoire gespielt. Da war es für mich sehr interessant, Bruchstücke aus vorangegangenen Epochen, dem Barock oder auch der Romantik in den zeitgenössischen Liedern zu finden.

Liegt denn Ihr Schwerpunkt vielleicht auf dem Entdecken selbst?<

Ja, genau! Ich entdecke auch sehr gerne noch unbekanntes, wenig gespieltes Repertoire. Bei diesen unbekannten Stücken ist es eine schöne Herausforderung, dass man keine Interpretationsvorgaben hat. Man kann im Zusammenspiel mit dem Klavierpartner oder anderen Instrumentalisten herausfinden, was die Musik mit einem macht und eine eigene Interpretation ausloten, die noch nicht von Rezeptionsgeschichte und Interpretationstradition beeinflusst ist.

Das finde ich auch sehr interessant beim Musizieren von Liedern in anderen Sprachen. Zu entdecken, wie Sprachmelodie und Melodie in einer anderen Sprache zusammenkommen fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Sie singen Lieder auf Deutsch, Aserbaidschanisch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Spanisch und Russisch! Wahnsinn! Wie gehen Sie da ran?

Zunächst kommt natürlich das Übersetzen des Textes und dann ist es ein bisschen wie beim Kochen (lacht). Es ist ein Abschmecken: wo wollen die Melodie und der Text hin, wo will die Sprachmelodie hin, wo der Vokal, wo geht der Klavierpart hin? Es ist ein Erfühlen, ein Abtasten und Ausprobieren. Im Falle des Aserbaidschanischen zum Beispiel hatte ich Elnara als Sprachcoach. Aserbaidschanische Musik ist ja in Deutschland noch immer sehr unbekannt und wir haben ein gesamtes Programm dieser Musik gewidmet.

Wie unterscheidet sich für Sie das Musizieren in Ihrer Muttersprache vom Musizieren in einer Fremdsprache? Ergeben sich vielleicht andere Bilder?

Ich erlebe beim Musizieren in anderen Sprachen vor allem neue Klangfarben, die sich in Verbindung mit der neuen Sprachmelodie entfalten. Und natürlich erfährt man auch andere Stilistiken, andere kulturelle Hintergründe, im aserbaidschanischen Lied erlebt man zum Beispiel sehr stark den Einfluss des Orients. Ich finde es aber auch sehr faszinierend, wie viele Gemeinsamkeiten Musik und speziell Lieder aus den unterschiedlichsten Kulturen haben. Es gibt eine gemeinsame Basis – wie ein Baum, dessen Blüten je nach Sprache unterschiedlich ausgeformt sind.

Wie sehen Sie Ihre künstlerische Arbeit am Lied in Beziehung zu Ihrer Arbeit in anderen Genres, zum Beispiel auf der Opernbühne oder im Popbereich?

Ich würde die unterschiedlichen Genres nicht so trennen. Viele Opernkomponisten haben ja auch Lieder komponiert, manche kennt man gar nicht so, zum Beispiel Lieder von Verdi. Natürlich sind die Zeitdimensionen in Oper und Lied sehr unterschiedlich, die Handlung und Entwicklung vollzieht sich in einer Oper über mehrere Akte, im Lied, wenn es nicht in einem Liedzyklus eingebunden ist, innerhalb weniger Minuten, aber die Kompositionen bewegen sich in einer gemeinsamen kompositorischen Welt. Genauso würde ich auch mein künstlerisches Schaffen als Sängerin nicht nur einem Genre zuordnen.

Was mich immer fasziniert hat: wieviel Anziehungskraft das Lied heute noch für die Menschen hat. Ich denke, das liegt zum großen Teil an der Direktheit des Ausdrucks, der Kombination von Wort und Melodie und der ist sowohl heute als auch vor hunderten von Jahren im Lied festgehalten und übt eine beständige Faszination auf die Menschen aus. Er trifft sie direkt. Lied ist ein Lebensbegleiter, es war und ist immer da. Ich erinnere mich da zum Beispiel sehr gerne an meine Oma, ihr Lieblingslied war „Es waren zwei Königskinder“, das sie immer anstimmte, als ich noch sehr klein war.

Ich selbst habe mit der Popmusik begonnen und bin auch in diesem Genre weiterhin aktiv. Es ist eigentlich nicht weit entfernt vom Kunstlied und eng verbunden mit dem Volkslied. Popmusik erfordert natürlich eine andere Gesangstechnik als das Kunstlied, aber in beiden Genres teile ich mich den Menschen mit, sie sind immer kommunikativ. Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich. Es übermittelt immer eine verbale und nonverbal-musikalisch ausgedrückte Mitteilung, sei es im Poplied oder im Volkslied oder im Kunstlied quasi als zweifache Nachricht mit dem Duopartner an das Publikum.

Stichwort Kommunikationspartner: Ihr nächstes Programm im Rahmen des Liedsommers ist ein Programm zusammen mit einem dritten Instrument, können Sie schon mehr verraten?

 Ja, das Programm heißt „Il corno und ich werde gemeinsam mit Armin Schmack von der Rheinischen Philharmonie am Horn und Karlheinz Lindemann am Klavier musizieren. Hier ist es sehr spannend, dass auf einmal drei Ideengeber da sind, das ergibt noch einmal eine völlig andere Energie! Auf dem Programm stehen zum Beispiel „Das Alphorn“ von Richard Strauss und „Auf dem Strom“ von Franz Schubert. „Das Alphorn“ von Richard Strauss zeigt eine eher unbekannte Facette seines Liedschaffens. Es ist eine frühe Komposition, die Richard Strauss seinem „lieben Papa“ gewidmet hat, inspiriert von Klängen des Alphorns und der Natur. Es erinnert an die Ursprünglichkeit der Musik, des Liedes, des Singens.

Weitere Vorhaben sind ein Liederabend im Oktober mit Julia Keuter anstelle des ausgefallenen Benefizkonzertes vom März mit Werken von Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Strauss und Rachmaninoff. Außerdem plane ich für nächstes Jahr wieder ein Programm mit Elnara Ismailova- aber das ist noch ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt!

Das Interview führte Milena Knauß am 22.05.2019

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© Photo: Liedwelt Rheinland

Interview mit Desar Sulejmani

“Ich spiele wie ein Dirigent und dirigiere wie ein Pianist.“ – Interview mit Desar Sulejmani

 

Herr Sulejmani, Sie sind Pianist, Dirigent, künstlerischer Leiter, Repetitor, Dozent, Kultur-Manager, Vereinsgründer, Orchesterleiter, Kammermusiker und noch einiges mehr. Darf man Sie einen Musicaholic nennen?

Natürlich kann man das so sagen (lacht). Ich habe viele Interessen, was musikalische Tätigkeiten angeht. Das kann ich so ausleben. Und ich war immer neugierig, andere, noch nicht erforschte Bereiche der Musik kennenzulernen. Ich sehe mich selbst auf der einen Seite als Künstler, Musiker und Dirigent – auf der anderen Seite aber auch als Organisator und Veranstalter. Dazu unterrichte ich auch gerne und leite einige Kurse, außerdem eine Akademie im Ausland. Manchmal habe ich tatsächlich das Gefühl, dass der Tag zu kurz ist.

Genau danach wollte ich fragen: Wie muss man sich einen normalen Tag bei Ihnen vorstellen? Haben Sie ein geheimes Zeitkonto, von dem Sie dem Tag zusätzliche Stunden borgen?

Ich versuche, regelmäßig und genügend Klavier zu üben, vor allem morgens. Ich übe sehr gerne morgens, das kenne ich seit meiner Kindheit in Albanien. Wir mussten ganz normal in die Schule, aber das war eine besondere Musikschule, wie man sie aus Russland kennt. Und weil der Unterricht um 8 Uhr begann, bin ich sehr früh aufgestanden. Das hat sich mir so eingeprägt. Manchmal stehe ich auch schon um 4 Uhr oder 5 Uhr morgens auf, um zu üben, weil das auch die beste Zeit dafür ist. Da ist man noch frisch im Kopf. Danach geht es mit Bürozeit weiter – je nachdem, was ich gerade organisiere. Dann geht es meistens zum Unterrichten. Und am Abend habe ich meist Proben mit Orchestern und Chören oder Konzerte und was sonst für einen normalen Musiker üblich ist. Manchmal bin ich sehr viel unterwegs, weil die Projekte auch von A bis Z verstreut sind. Es ist eben ein zeitaufwendiger Beruf. Das ist aber auch kein Problem, ich liebe das. Manchmal könnte der Tag halt einfach ein paar Stunden mehr haben um alle Sachen unter einen Hut zu bringen.

Wieviel Schlaf haben Sie dann noch im Durchschnitt?

Fünf/sechs Stunden. Viel mehr ist es nicht. Aber manchmal gibt es Tage, wo ich keine Probe habe. Dann könnte ich mir vorstellen, dass ich etwas früher als sonst ins Bett gehe.

Woher kommt diese Umtriebigkeit? Sind Sie ein Suchender oder werden Sie einfach nicht satt? Gibt es einen Auslöser dafür?

Zunächst ist die Liebe, etwas Neues zu erforschen. So wie jetzt, zum Beispiel, wenn es darum geht, mit meiner Kollegin Judith Hoffmann neue Lieder zu erkunden, kennenzulernen und einzustudieren. Oder auch neue Projekte zu realisieren oder auch zu gründen. Wenn man meinen Lebenslauf verfolgt, sieht man, dass ich es mag, Dinge zu gründen, zu formen und sie ins Leben zu führen. Ich bin auch jetzt gerade dabei, zwei große Projekte im Ausland zu realisieren – ein großes Orchester in Südosteuropa und eine neue Ausrichtung für meine Akademie in Kosovo. Das ist für mich wichtig, weil ich dadurch etwas Gutes zurückgeben kann von dem, was ich hier gelernt, erfahren und erlebt habe. Ich lebe nun seit mehr als 21 Jahren in Deutschland, bin auch deutscher Staatsbürger. Das ist meine Heimat geworden. Ich denke deutsch und fühle albanisch. Es war immer eine Art Spagat zwischen Deutschland und Albanien. Ich sehe es darum heute als persönliche Aufgabe, davon etwas zurückzugeben, was mich heute ausmacht, dadurch, dass ich hier gelebt habe.

Sie sind 40 Jahre alt, also noch vergleichsweise jung. Sie sind ja eigentlich noch dabei, Ihre Karriere weiter aufzubauen. Aber gleichzeitig spricht aus Ihren Worten eine Haltung, die viele erst am Ende eines Berufs- und Lebenswegs einnehmen. Sie tun beides parallel?

Es geht mir in erster Linie darum, dass eine Sache, die ich mache, lange Bestand hat. Ich mag einmalige Projekte nicht unbedingt so sehr. Es braucht Zeit, diese Dinge auf die Beine zu stellen. Wenn es dann klappt, ist es irgendwann praktisch ein Selbstläufer. Dadurch, dass ich viel reise, kommen mir viele Gedanken und Ideen, wenn ich Auto fahre. Die versuche ich dann am Schreibtisch umzusetzen.

Ich bin natürlich auch schon auf die Schnauze gefallen, wie jeder Mensch. Aber das hat mich nicht davon abgehalten, wieder etwas Neues anzufangen.

Gibt es Beispiele für Dinge, die nicht geklappt haben, und aus denen Sie dann gelernt haben?

Auf meinem musikalischen Weg gab es Momente, wo ich dachte: Da habe ich mir mehr erhofft. Kammermusik zu machen, zum Beispiel. Dadurch, dass sich viele Kollegen nach den Studien verstreuen, weil jeder woanders ein Engagement findet, sind zwei bis drei gute Projekte, die wir in dieser Zeit aufgebaut hatten und die mir persönlich wichtig waren, zu Ende gegangen. Wir hatten einfach nicht mehr die Zeit und Nähe miteinander, weil Deutschland eben ein großes Land ist. Ich habe Kollegen, die leben 800 Kilometer entfernt. Wären wir in meiner alten Heimat Albanien gewesen, würden wir heute noch zusammen spielen. Aber: Wenn wir uns treffen, egal wie viel Zeit vergangen ist, ist die damalige Stimmung sehr schnell wieder zu erleben. Und das ist etwas Besonderes. Dieses Erlebnis, diese Art von großer musikalischer Zuneigung habe ich leider nicht mehr in dem Sinne – bis auf Judith Hoffmann. Natürlich sind die neuen Sachen genauso wichtig, aber manchmal ist es so: Ich liebe Kammermusik sehr, aber ich habe gelernt, dass das eine Betätigung im Leben eines Künstlers ist, die sehr behutsam gepflegt werden sollte. Das ist mit hohen sozialen Kompetenzen der jeweiligen Musiker verbunden. Das heißt, man muss daran arbeiten, genau wie in einer guten Freundschaft, einer Ehe, einer ganz normalen menschlichen Beziehung. Diese Art von Zuneigung, dieses voneinander lernen und miteinander Musik zu machen – das ist etwas Wichtiges, etwas Persönliches. Wenn man das lange Zeit machen kann: Das ist ein Geschenk. So wie mit meiner geschätzten Kollegin Judith Hoffmann.

Sie kennen Judith Hoffmann auch schon vom Studium her. Was zeichnet ihre Zusammenarbeit aus?

Wir kennen uns seit etwa 20 Jahren. Ich weiß nicht mehr, wann wir das erste Mal miteinander musiziert haben. Aber es ist schon sehr lange her. Es gab Zeiten, wo wir nichts miteinander zu tun hatten, weil sie eben auch 600 Kilometer weit weg gewesen ist. Dann kam sie zurück und da haben wir uns wieder gefunden. Wenn es etwas Wahres ist, was einen früher verbunden hat, dann hält das auch. Dann trägt man das mit sich.

Wie entstand die Idee für das Mahler-Konzert? Was verbindet Sie persönlich mit den Liedern Alma Mahlers?

Es ist ein Impuls von Judith gewesen. Sie hatte sich etwas intensiver mit dem Thema beschäftigt. Dann kam sie eines Tages, brachte Noten mit und sagte: Hör dir das mal an. Ich hatte zufälligerweise kurz zuvor angefangen, die Erinnerungen von Alma Mahler zu lesen. Obwohl ich eigentlich nicht an Zufälle glaube. Wobei Judith den ersten Impuls gab, ich war eher von der historischen Seite der Alma Mahler interessiert. Mit ihren Liedern hatte ich mich noch nicht so beschäftigt. Dadurch, dass ich sie jetzt besser kennenlerne, finde ich das schade. Wir finden sie beide als Persönlichkeit sehr interessant. Und wenn wir uns wie jetzt intensiv mit dem Programm beschäftigen, finden wir es immer wieder interessant, sie, ihre Gedanken und ihre Zeitgenossen vorzustellen. Egal, ob man sie mag oder nicht. Wir versuchen, neutral zu sein, die Persönlichkeit darzustellen, ohne Teil des Urteils zu sein. Unser Anliegen ist es, ihre Vorstellung musikalisch zu begleiten. Alles andere darf und soll der Zuschauer, darf das Publikum erleben und natürlich auch die eigene Meinung bilden. Möglichst ohne Vorurteile. Sie ist eine umstrittene Persönlichkeit, zweifelsohne.

Wobei Sie sich in ihrer Umtriebigkeit doch durchaus wiederfinden können, oder?

Ja genau (lacht). Ich finde es interessant. Für manche ist es anstrengend, das gebe ich zu. Aber diese Neugierde muss irgendwie gestillt werden. Man hat nicht selten das Gefühl, etwas zu verpassen. Das kann ich sehr gut verstehen. Aber das ist im Grunde gut. Es macht einen lebendig. Aber für einen selbst kann es sehr ermüdend sein.

Das Konzept für das Mahler-Programm haben Sie schon im vorigen Jahr erfolgreich im Liedsommer auf die Bühne gebracht. Gibt es Veränderungen, wenn Sie es nun wieder spielen?

Nein, wir haben nichts verändert – nichts an der Dramaturgie und an der Reihenfolge der Lieder. Aber es kann schon sein, dass wir noch das eine oder andere Lied tauschen oder die Ordnung ändern. Glauben tue ich es aber weniger, denn für uns war das Ganze aus einem Guss, so wie wir es erlebt haben. Außerdem folgt das Ganze einem roten Faden.

Musikalisch ist es natürlich immer ganz anders. Das ist immer so, wenn wir miteinander musizieren. Dadurch, dass wir uns so gut kennen, gibt es da einen großen Spielraum für spontanes Musizieren. Ich kenne ihren Atem sehr gut. So gut, dass ich blind um drei Uhr nachts mit ihr musizieren könnte und sie als Pianist auf den Händen tragen könnte. Ich denke, das weiß sie auch. Das musikalische Vertrauen ineinander ist sehr groß.

Für jemanden, der stets Neues versucht – ist da die Wiederholung nicht eine besondere Herausforderung? Keine Angst vor Langeweile?

Langweilig wird es für mich nicht. Wir haben das letzte Mal vor ein paar Monaten das Programm gespielt, und seither haben wir uns als Musiker entwickelt. Durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat, und die ich gemacht habe, kommen wir ganz anders zueinander als vor fünf oder sechs Monaten. Von daher ist es jedes Mal ein Wiedertreffen, da wo wir aufgehört haben. Und da machen wir weiter. Das ist das Spannende daran. Es kann viel Zeit vergehen, aber es ist jedes Mal, als wäre es gestern gewesen. Wir sprechen auch oft über die Intensität, die sich da musikalisch einstellt.

Vor allem im Liedbereich braucht es diese Intensität. Das habe ich schon in meinem Studium erlebt. Wenn man die nicht herstellen kann, ist man da fehl am Platz. Man muss auch in der Lage sein, das sehr schnell abzurufen.

Wenn wir noch einmal an den Anfang des Gesprächs gehen. Welche der genannten Tätigkeiten würden sie gern intensiver verfolgen?

Komponist bin ich im Grunde nur für mich oder meine Kinder. Dafür fehlt mir einfach die Zeit. Ich würde gerne etwas mehr experimentieren können. Vielleicht etwas weniger Organisatorisches. Im Grunde bräuchte ich einen Assistenten, der so wie ich denkt, ohne dass ich mich erklären muss. Das ist das Dilemma (lacht).

Ich würde auch gerne mehr Lieder komponieren, im Bereich des Kunstliedes. Vor vier bis fünf Jahren habe ich begonnen, einen Liederzyklus zu komponieren. Es sollten acht Lieder werden. Bisher sind nur zwei fertig geworden. Was ich sehr schade finde, weil es auch gute Texte gibt. Ich mache mir dann Notizen, aber bis auf ein paar kleine Motive, die irgendwo versteckt sind, habe ich es nicht geschafft, weil ich eben auch einen hohen Anspruch habe. Aber das ist etwas, dass ich gerne auch mit Judith machen würde – für sie etwas komponieren, das wir dann im Rahmen eines Programms präsentieren könnten. 2019 wird das nichts, weil ich sehr viel zu tun habe. 2020 vielleicht auch noch nicht. Aber zwischendurch werde ich es vielleicht versuchen.

Ansonsten bin ich froh, wenn meine Projekte klappen, so wie ich sie angelegt habe. Aber ich mache auf jeden Fall weiter, wo meine Gedanken mich hin führen. Nicht erfüllten Sachen trauere ich nicht nach.

Sie sind ja noch vergleichsweise jung – da bleibt doch noch Zeit für Pläne?

Ja, das stimmt. Das Leben ist aber doch nicht sooo lang. Es kann ziemlich schnell vergehen. Wenn ich zurückdenke, denke ich: Es ist schon so viel passiert.

Beim Alma-Mahler-Programm treten Sie auch hinter dem Klavier hervor. Wenn Sie nicht Pianist geworden wären – wären Sie gerne Sänger?

Ich war immer eher der Mensch, der ohne Worte auf die Bühne gegangen ist. Was meine Stimme betrifft, war ich ein introvertierter Mensch. Aber nachdem ich teilweise gezwungenermaßen es machen musste, habe ich mit den Jahren auch Spaß daran gefunden. Ich habe keine Scheu mehr. Früher hätte ich gesagt: Ich kann nicht singen. Das tue ich nicht mehr. Wenn ich etwas vorsinge, was ja in meinem Beruf nicht unüblich ist, denke ich, dass man das schon anhören kann. Aber ich würde nicht sagen, ich wäre gerne Sänger geworden, nein. Ein Sänger, vor allem ein Opernsänger, muss darstellen, muss schauspielern, sich präsentieren. Ich bin eher der, der von unten aus dem Orchestergraben das Ganze mit meinen Händen organisieren und zusammenfügen möchte. Diese erste Rolle überlasse ich gerne anderen. Wenn ich unten gut bin, dann habe ich mehr als genug getan, um den anderen zu helfen. Das ist letztendlich auch das Wesentliche. Ich muss kein Sänger sein. Dafür bin ich Pianist und Dirigent. Ich liebe es, mit Sängern zu arbeiten und finde es immer faszinierend, was mit der Stimme alles möglich ist.

Mein großes Glück ist, dass ich die beiden Berufe Pianist und Dirigent miteinander kombinieren kann. Mir ist beides sehr wichtig. Ich spiele wie ein Dirigent und ich dirigiere wie ein Pianist.

 

Das Interview führte Christiane Nitsche Ende Mai 2019.

 

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© Photo: Desar Sulejmani | Mimoza Veliu

Interview mit Lucas Singer

„Wenn jemand die Loewe-Balladen am Leben halten kann, dann sind es vielleicht wir Bässe.“ – Interview mit Lucas Singer 

 

Herr Singer, Sie haben zuletzt im April 2019 an der Oper Köln bei Walter Braunfels’ Heiliger Johanna mitgewirkt, die gleich auf mehreren Ebenen eine Parabel über Widerstand und Selbstzweifel ist. Wie gelingt danach der Umstieg in die Romantik der Liedwelt?

Für uns Opernsänger ist es ja völlig normal, zwischen den Epochen und Stilen zu springen. Das gehört zum Alltag dazu. Es ist täglich Brot, dass man flexibel bleibt. An der Oper Köln spielen wir zwar momentan durch das Interim bedingt ensuite, aber an den meisten deutschen Stadt- oder Staatstheatern kann es durchaus passieren, dass man an einem Abend eine Händel-Oper singt, am nächsten Tag die Zauberflöte und am Tag drauf vielleicht Wagner. Da muss man einen Weg für sich finden. Die Stile muss man sich aneignen und danach auch wach halten. Natürlich gibt es Spezialisten, die sich beispielsweise verstärkt auf das barocke Repertoire verlegen, oder auf die Romantik. Aber das kann man sich als Ensemble-Mitglied eines solchen Theaters nicht immer leisten. Allerdings ist das auch etwas, das großen Spaß macht. Ich genieße es sehr, einen Abend dies zu machen und den nächsten etwas ganz unterschiedliches.

Es ist also eher Freude als Herausforderung?

Schon eine Kombination aus beidem. Ich singe ja auch viele Konzerte im Oratorienfach und ähnlichem, und das ist natürlich wieder etwas ganz anderes. Es kann sein, dass sonntags morgens eine Bach-Kantate ansteht und abends dann Parsifal. Aber das eine bedingt ja zum Teil auch das andere. Ich genieße es jedenfalls, das Breitgefächerte machen zu können. Das mag nicht jeder, das weiß ich. Ich schon.

Erklärt sich so auch die Programmauswahl für die Loewe-Matinée?

Die Loewe-Balladen sind im Grunde kleine Mini-Opern. Denen schadet es nicht, wenn man da mit etwas opernhaftem Gestus reingeht. Bei Schubert ist es anders, aber ich würde sagen, das lässt sich gut vereinbaren.

Gibt es denn bei aller Liebe zum großen Repertoire so etwas wie Favoriten?

Die deutsche Romantik und Spätromantik – das ist ein Stil, den ich sehr mag. Strauß und Wagner, das ist fantastische Musik. Aber auch in der Symphonik: Bruckner und Mahler. Für mich ist das Musik zum Reinlegen und Eintauchen. In einen Wagner-Ring kann man sich richtig versenken. Das liegt mir sehr. Aber ich mag auch die italienische Romantik: Verdi, Puccini. Das singe ich sehr gerne. Mozart-Opern sind auch fantastisch. Als ich noch Klavier studiert habe, habe ich auch Debussy sehr gerne gespielt. Brahms, Bach… Ich liebe die Bach-Passionen. Je länger ich darüber nachdenke: Es fällt mir schwer, mich festzulegen.

Ich liebe Schubert. Leider gibt’s von Schubert nicht viel für die Oper. Oder Gott-sei-Dank – ich weiß es nicht (lacht). Aber Schubert instrumental, das ist fantastisch; die Klaviermusik finde ich unglaublich toll. Und die Lieder sowieso.

Was ist es, was Sie sich versenken lässt?

Wenn ich an die Oper denke, ist es die Üppigkeit, das Überbordende, was vielleicht manchmal auch ein bisschen kitschig sein mag. Was mir bei Verdi und Wagner in den Sinn kommt, sind diese riesig instrumentierten Szenen und die langen musikalischen Bögen. Das sind wirklich Welten, in die man eintauchen kann. Auf der anderen Seite ist es auch das Gefühlsbetonte, wobei das interessanterweise bei den Liedern, die ich für unsere Matinée von Schubert ausgewählt habe, nicht so im Vordergrund steht. Bei Loewe ist es eher das Balladenhafte, das vielleicht auch nicht so sehr auf eine gefühlsmäßige Innenwelt zielt.

Was charakterisiert denn die Stücke, die bei der Loewe-Schubert-Matinée auf dem Programm stehen? Ist es das Drama?

Was bei beiden, also Loewe und Schubert, in unserem Programm Thema ist, sind die „Grenzen der Menschheit“. So auch der Titel eines der Schubert-Lieder und des Programms vom 9.6.2019. Es geht um die Zwischenwelt, die Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits, da wo die irdische Welt immer wieder verhandelt wird.

Bei Loewe ist es oft ein bisschen wie beim Tatort. Es hat etwas vom Krimi. Ewig lang gibt es diese ungeklärte Situation, der Krimi spitzt sich zu und dann kommt am Ende in den letzten zwei Takten die Auflösung oder einer ist plötzlich tot. Die Romantik hat eben auch dieses Erzählerische. Das finde ich sehr spannend.

Steht das Programm schon? Können Sie schon verraten, welche Lieder dabei sein werden?

„Grenzen der Menschheit“ auf jeden Fall. Schuberts „Sehnsucht“, und eines seiner „Abendrot“-Lieder. Wir überlegen außerdem, die „Fahrt zum Hades“ reinzunehmen. Ein sehr lustig-makaberes Lied ist das „Totengräberlied“: quasi eine Dankes-Ode des Totengräbers an seinen Spaten, der ihm den Lebensunterhalt ermöglicht. Ich weiß aber noch nicht, ob es reinkommt. Dann gibt es „Auf der Donau“, wo der Schiffer mit seinen Gedanken in eine Zwischenwelt abdriftet. Beim Erlkönig sind wir noch nicht hundertprozentig sicher – wahrscheinlich wird es nicht der Schubert, sondern der Loewe. Der würde natürlich super passen. Aber es besteht immer die Gefahr, dass man nur die Bekannten nimmt. Wahrscheinlich machen wir auch den „Nöck“.

Diese Loewe-Balladen, das ist ein Universum. Da gibt es soviel zu entdecken. Es gibt sehr viel Material. Ich fürchte, nicht alles, was ich gerne machen möchte, passt rein. Ich habe aber ein paar Lieder ganz neu für mich entdeckt. „Tod und Tödin“, zum Beispiel, wo es darum geht, wie der Tod und seine Frau ihren Alltag gestalten. Das ist eine ganz süße Miniatur, ein super Stück. Leider wird Loewe nicht mehr so viel gespielt. Darum dachte ich mir: Zum 150. Todestag, da kann man noch mal gezielt viel Loewe machen.

Haben Sie eine Idee, warum Balladen generell weniger populär geworden sind?

Ich glaube, das liegt daran, dass da so wenig Raum für Interpretation auf verschiedenen textlichen Ebenen ist, weil die Ballade im Grunde einfach eine Erzählung ist. Das, was gesagt werden soll, wird gesagt. Und die Gefahr ist, dass man das vielleicht manchmal Kitschige darin, das nicht so unglaublich Doppelbödige, als einfach abstuft. Aber ich habe das Gefühl, dass das, wenn man sie ernst nimmt, durchaus unterhaltend sein kann. Es gibt schon etwas nachzudenken, und auch mitunter den Fingerzeig. Vielleicht ist die Gefahr: dass es auf den ersten Blick zu simpel wirkt und zu kitschig. Loewe kann durchaus auch etwas hausbacken wirken. Vielleicht sind wir Bässe auch etwas einfach gestrickt (lacht). Aber ich finde, gerade für die Bässe gibt es da sehr dankbare Sachen. Ich habe ja viel mit Kurt Moll gearbeitet, der die Loewe-Balladen sehr geliebt hat. Und wenn jemand die Loewe-Balladen am Leben halten kann, dann sind es vielleicht traditionell wir Bässe.

Sie sprachen von der technischen Ebene, über die Sie sich die Breite an Repertoire erhalten. Gibt es daneben noch andere Wege für Sie, sich auf diese Welt einzustimmen?

Wenn ich von der Oper ausgehe, sind es die Rollen, die sich anbieten; dass man sich da reingibt. Technisch ist es wie bei einem Instrumentalisten auch. Ein Geiger muss seinen Bogen bei einem Barockstück anders führen als bei einem romantischen. Das ist bei uns ähnlich. Je weiter es in die Moderne geht, wird es mehr Sprechgesang, zum Beispiel. Auf der inhaltlichen Ebene geht es über die Rollen und natürlich über den Text. Das ist der Vorteil eines Sängers, dass er den Text hat, der Vorgaben macht. Da ist das Fahrwasser schon in eine Richtung geklärt.

Das bringt mich zu einer anderen wichtigen Frage: Was hat Sie denn bewogen, vom Klavier zum Gesang zu wechseln?

Gute Frage. Weniger Üben! (lacht) Aber im Ernst: Ich komme aus einer Sängerfamilie und habe mich zuerst auf ein anderes Feld verlegt – wohl, weil das zuhause schon belegt war. Ich habe lange nicht gesungen. Aber irgendwann hat es mich doch wieder eingeholt. Im Klavierstudium hatte ich Pflichtfach Gesang, musste also singen. Darüber bin ich langsam wieder dazu gekommen. Es hat mir dann immer mehr Spaß gemacht und irgendwann hat’s mich dann doch gepackt. Und ich dachte mir: Probier’s doch einfach aus. Dann habe ich die Aufnahmeprüfung in Köln bestanden, und es ist immer so weiter gegangen. Parallel habe ich noch Kunst- und Kulturmanagement studiert, weil ich eigentlich gar nicht so sehr in die ausübende Richtung gehen wollte.

Aber das Singen hat schleichend immer mehr Raum eingenommen. Wenn man sich dann doch intensiv mit der Sache auseinandersetzt, packt es einen. Als ich den Studienplatz bekam, dachte ich: Jetzt versuchst du es auch. Zuerst habe ich dann noch nebenbei Klavier unterrichtet, aber irgendwann war klar: Das Singen war raumgreifend geworden. Als ich dann ins Opernstudio Köln kam, war klar: Ich muss mich jetzt auf diese eine Sache konzentrieren.

Nichtsdestotrotz spiele ich natürlich viel Klavier, um meine Stücke einzustudieren oder um Stücke kennenzulernen. Das ist mein Vorteil: dass ich mir vieles selbst aneignen kann, wofür ich sonst einen Repetitor bräuchte. Insofern ist das Klavier schon immer noch dabei, aber ich gehe nicht mehr auf die Bühne damit. Und da komme ich zu dem, was ich zuerst sagte: Klavier braucht Minimum vier bis fünf Stunden Üben am Tag. Die habe ich einfach nicht mehr zur Verfügung.

Sie haben ja dafür nun mit Elnara Ismailova eine versierte und viel gepriesene Liedbegleiterin an ihrer Seite.

Genau. Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen. Sie war meine Repetitorin in der Hochschule und auch in verschiedenen Meisterkursen. Wir kannten uns schon vor meinem Studium und haben uns dann an der Hochschule wieder getroffen, in Essen und in Köln. In letzter Zeit kommen wir leider nicht mehr so viel dazu, etwas zusammen zu machen, weil die Oper doch sehr raumgreifend ist und viel Zeit in Anspruch nimmt. Umso mehr freut es mich, dass wir jetzt dieses schöne Programm miteinander musizieren werden.

Wie viel Zeit widmen Sie dem Singen täglich?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich morgens Probe an der Oper habe und abends eine weitere Probe oder Vorstellung, sehe ich zu, dass ich dazwischen Ruhe habe. Je mehr Oper ich singe, umso mehr merke ich, dass die Stimme zwischendurch Erholung braucht. An meinen freien Tagen versuche ich aber schon, mich Minimum zwei bis drei Stunden mit der Sache zu beschäftigen. Das kann Notenlesen sein, Technikübungen, Textlernen; das ist wie Fingerübungen am Klavier. Aber natürlich gibt es auch Tage, wo ich mich vier bis fünf Stunden einschließe, um meine Sachen zu lernen. Dann singe ich aber nicht die ganze Zeit.
Sie sind jetzt 36 Jahre alt. Wie sehen Sie Ihre Zukunft – was kann und soll noch kommen?

Ich genieße es momentan sehr, in Köln meinen Hauptsitz zu haben und fest am Haus zu sein. Die Perspektive ist aber sicher, dass man mehr und mehr freischaffend macht. Das ist die klassische Laufbahn. Aber ich glaube, ein Stammhaus würde ich gerne behalten. Die Verbundenheit zu einem Ort, die gibt mir viel. Ich glaube, ich brauche immer zumindest so etwas wie eine Teilbasis. Und ich genieße es sehr, dass das momentan die Oper Köln ist, in dieser schönen Stadt.

Zum Schluss die vielleicht wichtigste aller Fragen: Was bedeutet es Ihnen, ein Sänger zu sein?

Das Klischee – aber auch die Wahrheit – ist, dass man sein eigenes Instrument ist. Dass es eine andere Stufe von Erleben ist, wenn man selbst den Klang produziert, als wenn es über ein Medium wie ein Instrument passiert. In Kombination mit dem schauspielerischen Aspekt, also in eine Rolle zu schlüpfen – das ist noch mal eine ganz andere Ebene. Sie haben immer diese drei Faktoren: Sie müssen Künstler, Instrument und Rolle sein. Diese Kombination macht es kompliziert, aber auch total spannend. Und sehr erfüllend.

 

Das Interview führte Christiane Nitsche.

© Photo: Lucas Singer |  www.lucassinger.com

Interview mit Konstantin Paganetti

„Das Lied ist für mich eine der schönsten und natürlichsten Arten mit Menschen in Kontakt zu treten.“ – Interview mit Konstantin Paganetti

 

Konstantin Paganetti ist 23 Jahre alt und studiert an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln Gesang. Am 8. Mai 2019 ist der Bariton in einer Jacques Offenbach Revue im Kölner Domforum zu hören, die im Rahmen des Liedsommer 2019 geplant wurde. Im Interview erzählt er von seinen ersten musikalischen Berührungspunkten und was das Lied für ihn bedeutet.

Der Bariton Konstantin Paganetti wuchs in einem musikalisch geprägten Elternhaus in Neuwied am Rhein auf. Der 23-Jährige studiert seit 2015 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln Gesang bei Christoph Prégardien. Paganetti ist gefragter Solist und Ensemblesänger und verbrachte bereits Zeit bei Chorproben und Gesangstunden, bevor er sprechen konnte.

„Meine Eltern sind Kirchenmusiker und haben viel für Alte Musik übrig. Schon als Kind wurde ich von ihnen an das Kunstlied herangeführt“, erzählt er. Der musikalische Geist der historischen Aufführungspraxis liegt Konstantin besonders am Herzen. Nachdem er in den Kinderchören seiner Mutter gesungen hatte, wirkte er in der Kantorei St. Matthias Neuwied mit. Weitere musikalische Impulse erhielt er vor allem von seinem Vater im Kammerchor Neuwied, aber auch im Landesjugendchor Rheinland-Pfalz und im Kölner Kammerchor von Peter Neumann.

Mit der Zeit entwickelte Paganetti ebenfalls ein großes Interesse für historische und moderne Tasteninstrumente. Regelmäßig setzt er in Liederabenden auch seinen Hammerflügel als Begleitinstrument ein. Vor allem die außergewöhnlichen Klangfarben der alten Instrumente reizen ihn sehr. „Besonders spannend wird es, wenn man in einem Konzert beispielsweise Mozart-, Haydn- und Beethoven-Lieder auf einem Instrument der Wiener Klassik und romantische Kunstlieder auf einem modernen Konzertflügel präsentieren kann. Das ist zwar sowohl für mich als Sänger, als auch für den Pianisten eine große Herausforderung – für das Publikum aber eine willkommene klangliche Abwechslung und Differenzierung. Wir dürfen da nie aufhören neue Wege zu gehen“, findet der Sänger.

Neben Cello- und Klavierunterricht begann er vor zehn Jahren Gesangsunterricht bei seinen Eltern zu nehmen. Mittlerweile studiert er an der Kölner Musikhochschule Gesang und freut sich, die künstlerische Ausbildung mit all ihren praktischen Einheiten und dem individuellen Einzelunterricht dort genießen zu dürfen. „Wir haben in den letzten Semestern des Bachelors viele Möglichkeiten und Freiheiten.“ Konstantin Paganetti wird voraussichtlich 2020 seinen Bachelor beenden. Wo er sein Studium im Master weiterführen wird, steht noch nicht fest.

Kammermusik in Reinform

Klar ist jedoch, dass er sich auch in Zukunft intensiv mit der Gattung Kunstlied beschäftigen wird. „Das Lied trifft den Menschen ganz unmittelbar und wenn man sich als Zuhörer nicht komplett verschließt, können wir Künstler zusammen mit dem Publikum neue Welten entdecken. Dann berühren uns die Lieder auf intensive Weise“, sagt der 23-Jährige. Für ihn ist das Lied „Kammermusik in Reinform“ und „eine der schönsten und natürlichsten Arten mit Menschen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren“. Durch das Lied könne man sich auf unterschiedlichste Weise verwirklichen. Sowohl die Beschäftigung mit den Liedtexten, als auch das Erarbeiten großer Liedzyklen sei stets eine erfüllende Herausforderung. „Ich frage mich dann immer was mit dem lyrischen und erzählenden Ich passiert, möchte den Text durchdringen verstehen, bevor ich ihn selbst interpretiere“, sagt Paganetti.

Einen Zugang müsse man selbst finden, ob durch den Text oder die Musik. Eine große Ehre sei für ihn die künstlerische Zusammenarbeit mit anderen Liedgrößen wie den Pianisten Michael Gees und Christoph Schnackertz, mit denen er 2018 erstmalig zusammen Liederabende gestaltete. Als weitere musikalische Höhepunkte beschreibt er seine Aufführungen der Winterreise von Franz Schubert zusammen mit dem Pianisten Eric Schneider im Jahr 2017.

Konzert mit Eric Schneider

„In den letzten fünf Jahrhunderten europäischer Musikgeschichte wurde unfassbar viel gute Musik geschrieben, ich entdecke immer wieder Neues.“ Die Musik und die Beschäftigung mit Liedern habe ihm durch unterschiedliche Lebensphasen geholfen. „Die Musik gehört zu den wenigen Dingen des Lebens, die einen nie im Stich lassen und immer für einen da sind. Das ist schon ein ganz großer Luxus.“

In neue Charaktere schlüpfen

Am 8. Mai 2019 wird es im Kölner Domforum die Premiere einer Jacques Offenbach Revue geben. Gemeinsam mit Schauspielern wird der Abend kammermusikalisch inszeniert und bringt die Charaktere lebhaft in eine ganz neue Operette auf die Bühne. „Auf Stichwort schlüpfen wir in unterschiedlichste Rollen“, verrät Paganetti.

Neben dem Lernen für die Hochschule und neuem Repertoire sowie Proben seien auch Auszeiten wichtig. „Da aber alles viel Freude macht und genau das ist, was ich machen möchte, investiere ich gerne meine Zeit“, so der Bariton. Der Kontakt mit Kollegen und die vielfältigen Möglichkeiten und Arbeitsfelder als Lied- und Konzertsänger machen für ihn den Reiz seiner Arbeit aus. „Meine Eltern haben mich zum Glück immer auf meinem Weg unterstützt.“

In Zukunft möchte sich der 23-Jährige auch weiterhin mit dem Lied auseinandersetzen: „Es ist privat und unmittelbar, möchte Menschen berühren und Welten entdecken“.

Das Interview führte Elena Sebening am 13. März 2019.

 

© Photo: Liedwelt Rheinland | Michael Wegener

“11 Fragen an…” – Andreas Durban

“11 Fragen an…” – Andreas Durban

 

Was machen Sie tagsüber?

Projekte auf den Weg bringen, Moderationen oder Opernfassungen schreiben – und manchmal: auf meiner Klarinette Brahms spielen… was dazu führt, dass die Arbeit in den Abend rutscht.

Ihr heißer Literatur-Tipp?

Alles von Michel Houellebecq.

Ihr liebstes Kinderlied?

„Der Jäger aus Kurpfalz“ (im Kindergarten haben wir dazu getanzt).

Mein persönliches Lied-Steckenpferd

Alles von Joseph Marx

Was ich der Welt mit dem Lied sagen möchte…

…verdichte dein Leben.

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?

Vor meiner Haustür, in der Eifel könnte ich es, ich komme einfach nicht dazu! Aber in Köln-Mühlheim spazieren zu gehen, hat auch etwas…kontraststarke Atmosphärenbrüche….

Graben Sie gerne in Archiven?

Sehr gerne. Lied und auch Chor- und Ensemblewerke entdecken, das ist einfach spannend und aufregend. Mittlerweile ist ja unser aller Archiv das Internet, da grabe ich gerne für meine Moderationstexte aber hauptsächlich in meinen Bücherregalen!

Ihre größte Freude beim Lied-Musizieren?

Mit meinen Studenten und Studentinnen die philosophische und musikalische Botschaft eines Liedes herauszuarbeiten.

Das schönste Volkslied?

Maria durch ein Dornwald ging (und dazu bitte die Muttergottes in der Rosenlaube von Stefan Lochner anschauen, hängt im Wallraf-Richartz-Museum, Köln).

Ein Bild oder eine Skulptur das ein Lied verdient?

Skulpturen von Joseph Boys könnte man ja mal vertonen.

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?

Das Thyssen-Auditorium am Neumarkt besticht ästhetisch durch die gelungene Innenarchitektur aber faszinierend finde ich auch Orte, die mit dem Thema des Liederabends korrespondieren. Extremes Beispiel: klassische Lieder über Wiedergänger, Geister, Vampire etc. im Hörsaal der Rechtsmedizin in Köln, inklusive Führung durch die Seziersäle. Das war ein schön-gruseliges und ausverkauftes Konzert im Rahmen des Festivals „Musik in den Häusern der Stadt“.

Thrilling Story behind – Ihr spannenstes Lied-Fundstück?

Chopin: Zwei Leichen op. 74 Nr. 11…… wer hätte gedacht dass Chopin auch etwas für Negrophile komponiert hat….

Ihr Ritual vor jedem Auftritt?

Als Moderator: in meinem Texten streichen, streichen, streichen….

Gucken Sie Fußball?

Ich war einmal als sechsjähriger Junge in München mit meiner Großmutter im Olympiastadion und habe Franz Beckenbauer spielen gesehen, seitdem schaue ich kein Fussball mehr…

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?

Ein Mauricio Kagel-Abend in der Kölner Philharmonie:
Während eines Musikstücks ging eine koreanische Frau mit der Sammelbüchse durchs Publikum, so stand es in der Partitur: das Gerassel des Geldes in der Büchse erfolgte auf genaue Taktzeiten, es hätte aber sicher auch eine Deutsche Frau oder ein Französischer Mann etc. machen können…

Ihre favorisierte Lied-Aufnahme?

Da ich regelmäßig Liedgestaltung unterrichte, genieße ich lieber live.

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?

Tierpfleger im Affengehege – später habe ich Psychologie studiert, da mag man Parallelen sehen.

Ihr letzter Ohrwurm?

Lied der Mignon von Franz Schubert.

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verloren gehen?

Die Dimension Poesie und Musik in zarter Berührung.

Wie stellen Sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?

Von Jung bis alt, möglichst alle Generationen!

Welchen Rat würden Sie jeder/jedem jungen Liedstudent/in mitgeben?

Die Frage beantworten, wie ist das Publikum unter dreißig zu begeistern?

Was schätzen Sie an der Szene der Lied-Liedhaber?

Die Lust auf das Leise.

Vervollständigen Sie: “Jeden Morgen ein Lied …

…ist noch viel besser als jeden morgen ein Gedicht.“

Photo © Andreas Durban, privat

Interview mit Liedduo Heinzen-Mead

„Die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind für uns eine unglaubliche Bereicherung“

Interview mit Franziska Heinzen und Benjamin Mead

„Die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind für uns eine unglaubliche Bereicherung“ – Heike Paulsen sprach für die Liedwelt Rheinland mit den Liedduo Heinzen-Mead.

An diesem windigen Rosenmontag habe ich das Glück, gleich zwei außerordentliche junge Künstler in einem ihrer Stammcafés in Düsseldorf zu treffen: Franziska Heinzen und Benjamin Mead. Anlässe sind zahlreiche vorhanden – zum einen das April-Konzert der Reihe „Im Zentrum Lied“ in Köln mit dem die Liedwelt Rheinland auch den diesjährigen Liedsommer eröffnet und zum zweiten der geplanten Konzerte zu Clara Schumanns 200tem Geburtstag.

„Klangspektren“ widmet sich dem modernen und zeitgenössischem Liedgut. Worauf können wir uns an diesem 24. April in Köln freuen?

Wir haben ein Programm zusammengestellt, das seinen äußeren Rahmen durch den Schwerpunkt auf das Liedgut des 20. und 21. Jahrhunderts erhält. Dieses – eher ungewohnte – Repertoire soll keinesfalls abschrecken, sondern vielmehr neugierig machen: Denn sprechen wir einerseits von Komponisten, die wie Arnold Schönberg und Richard Strauss noch die Höhen und Tiefen der Tonalität in ihrem gesamten Spektrum ausloteten, andererseits von unseren Zeitgenossen Manuela Kerer, Moritz Eggert, Alexander Muno und Wolfgang Rihm, die hundert Jahre danach das Kunstlied in der klassischen Kombination von Klavier und Gesang immer noch weiterentwickeln.

Das klingt ungemein interessant! Wie kam es zu diesem Projekt?

Unser Preis als Sieger des internationalen Liedduowettbewerbs Lied&Lyrik Rhein-Ruhr 2017 in Ratingen war mit einer Einladung in die Konzertreihe „Im Zentrum Lied“ verbunden und mit der schönen Auflage seitens der künstlerischen Leiterin Ingrid Schmidthüsen, genau solch einen spannenden Liederabend zusammenzustellen. Wir haben so die Möglichkeit genutzt, Lied-Zyklen, die uns schon länger begleiten, wie die Ophelia-Lieder von Wolfgang Rihm und Richard Strauss mit anderen, speziell für dieses Projekt ausgesuchten Stücken zu verbinden, wie beispielsweise die 4 Cleopatra-Charakteren von Alexander Muno.

Uns erwartet mehrheitlich Shakespeare?

Nicht so sehr Shakespeare, sondern die starken Frauengestalten, denen er und auch andere Dichter künstlerische Denkmäler gesetzt haben: Das Lied eröffnet ja in ganz intimer Weise die Möglichkeit, Emotionen zu verdichten und auszudrücken, und wir möchten das Publikum auf diese ganz besondere Reise durch die Jahrhunderte mitnehmen und das Spektrum der inneren menschlichen Erlebenswelten ausloten.

Es ist bei weitem nicht Ihr erstes gemeinsames Projekt?

Nein, seit wir vor etwa fünf Jahren erstmals zusammen musiziert haben – damals noch als Studierende an der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule – haben wir sehr viel und unterschiedliches Repertoire zusammen erarbeitet sowie mit Konzertkonzeptionen experimentiert. Aus dieser Zeit stammt auch die Zuneigung zur literarischen Frauengestalt der Mignon aus Goethes Wilhelm Meister, der wir am Konzertabend – allerdings in der Schubert Vertonung – ein Denkmal setzen werden. In den vergangenen Jahren ist zwischen uns eine künstlerische Verbundenheit erwachsen, die in der Form nicht selbstverständlich ist: Es muss gerade in der Kammermusik, beziehungsweise im Liedduo zwischenmenschlich, musikalisch, aber auch in der Vorstellung, wie viel Zeit dafür investiert wird, übereinstimmen. Die Liedkunst bietet gerade neben Oratorien oder Opern eine individuelle Gestaltungsfreiheit; die Miniatur-Spektren eines jeden Liedes, die Direktheit zum Publikum sind eine unglaubliche Bereicherung. Und natürlich freuen wir uns, dass unser Musizieren und unsere Programmation Anklang findet: Beim Rhonefestival in der Schweiz und auch beim Schumannfest Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Liedsommer Rheinland dürfen wir dieses Jahr einen weiteren Liederabend präsentieren, der sich anlässlich des 200. Geburtstages von Clara Schumann ausschließlich Werken von Komponistinnen – 20 an der Zahl – widmen wird.

Das in Ihrer Heimat gegründete Rhonefestival für Liedkunst findet in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal statt, Frau Heinzen?

Die erste Edition war ein sehr schöner Erfolg, der ermutigte, weiterzugehen. Ich denke, die Mischung zwischen Konzerten im wunderbaren Rittersaal des örtlichen Barockschlosses sowie ein buchstäbliches Zugehen auf das Publikum durch open air-Konzerte an ungewöhnlichen Orten oder das Lied in neuen Formaten ist sehr ansprechend: Wir möchten die Menschen mitnehmen, zeigen, dass das Lied mit den Komponenten Musik und Literatur mit seinen großen und tiefen Emotionen Teil eines jeden Menschen ist. Und in diesem Sinne keine Kunst auf einem Sockel. Und ich denke, dass sich nicht nur Schubert sehr darüber gefreut hätte, zu sehen, wie sich plötzlich ein Publikum neben der rauschenden Rhone mit einem Glas Wein zu Liedern versammelt!

Herr Mead, ebenso wie Frau Heinzen sind Sie in den letzten Jahren viel unterwegs – es ist ein Glücksfall, zwei Kosmopoliten wie Sie heute beide hier in Düsseldorf, Ihrer früheren Wirkungsstätte, gemeinsam zu treffen.

Ja, seit vergangenem Jahr studiere ich an der Royal Academy of Music „Piano Accompaniment“, das heißt Kammermusik und Liedgestaltung. Der Studiengang bietet mir eine hervorragende Möglichkeit, mein Repertoire als Klavierpartner intensiv auszubauen. Gleichzeitig ist es spannend, in einer Metropole wie London mit all ihren Konzertangeboten und Eindrücken zu leben und das – insbesondere deutsche – Kunstlied, ja den gesamten Musikbetrieb sprichwörtlich von einer anderen Seite zu sehen. Gleichzeitig war es ein persönlicher Wunsch, als in Deutschland aufgewachsener Engländer einem Teil meiner Wurzeln nachzuspüren. Und die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren bereits gesammelt habe, wirken hier natürlich fort. Jüngst erspielte ich mir den Webb Award für Liedbegleiter – das ist natürlich eine schöne Bestätigung für meinen Entscheid, mich der Liedkunst und Kammermusik zu widmen.

Herzlichen Glückwunsch hierzu und vielen Dank für das Gespräch, Frau Heinzen und Herr Mead!

Das Interview führte Heike Paulsen am 4. März 2019

“11 Fragen an…” – Fabian Hemmelmann

“11 Fragen an…” – Fabian Hemmelmann

 

Ihr heißer Literatur-Tipp?

Volker Hagedorn “Bachs Welt” über die Zeit vor Bach, Ulla Hahns Trilogie über ihre Kindheit und Studienjahre im Rheinland und die Krimis von J.K. Rowling alias Robert Galbraith

Ihr liebstes Kinderlied?

“Es führt über den Main eine Brücke von Stein” dicht gefolgt von “Die Blümelein sie schlafen”

Mein persönliches Lied-Steckenpferd

Volkslieder, Brahms, Wolf,  Britten

Was ich der Welt mit dem Lied sagen möchte…

Hört hin auf die Zwischentöne, die kleinen Momente, wie ein Wort klingen kann

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?

Sehr gerne, da komme ich ganz bei mir an, durchatmen, den Blick schweifen lassen, Ruhe genießen. Gerne im Siebengebirge oder an der Sieg, auch manchmal am Rhein, da ist es aber fast schon zu laut, oder einfach auf dem Bonner Venusberg.

Ihre größte Freude beim Lied-Musizieren?

Der Dialog mit dem Pianisten

Graben Sie gerne in Archiven?

Sehr gerne. Lied und auch Chor- und Ensemblewerke entdecken, das ist einfach spannend und aufregend

Das schönste Volkslied?

“Die Gedanken sind frei”

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?

Ein intimer Raum mit Nähe zum Publikum und einer Kulisse, die die Fantasie anregt (z.B. Insel Hombroich, Scheune)

Ihr Ritual vor jedem Auftritt?

Beine hoch, dann eine Avocado und eine Lutschdroge einwerfen – und los geht’s!

Gucken Sie Fußball?

Na klar, seit der Kindheit bin ich Fan vom SV Werder Bremen…

Ihre favorisierte Lied-Aufnahme?

Bryn Terfel “The vagabond” – Anne Sofie von Otter “Nuits d’été” – Gerhaher Schumann-Lieder

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?

Schriftsteller

Ihr letzter Ohrwurm?

“Paroles paroles” Dalida und Alain Delon

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verloren gehen?

Sensibilität für die Feinheiten des gesungenen Wortes

Wie stellen Sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?

Aufmerksam und emotional beteiligt, zugewandt und neugierig

Welchen Rat würden Sie jedem jungen das Lied Studierenden mitgeben?

Sei du selbst!

Was schätzen Sie an der Szene der Lied-Liedhaber?

Es sind oft stille Wasser, die unglaublich tief sind.

Vervollständigen Sie: “Jeden Morgen ein Lied …

… und die Morgenstund hat Gold im Mund!”

Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

Das Instrument Stimme

 

Das Instrument Stimme

Der Singstimmtag am 11. Mai 2019 gehört mit zum diesjährigen Liedsommer von Liedwelt Rheinland. Viele unterschiedliche Veranstaltungen präsentieren und beleuchten das Kunstlied auf vielfache Weise. Elena Sebening hat mit Mathias Knuth und Fabian Hemmelmann einen Blick hinter die Kulissen der Bonner Stimmschmiede geworfen.

In der Stimmschmiede Bonn dreht sich alles um die Stimme – egal ob Sprechen oder Singen, erfahrene Logopäden und Gesangslehrer geben in Einzel- und Gruppenunterricht wertvolle Tipps. Der Leiter der Stimmschmiede ist Mathias Knuth. Er ist staatlich geprüfter Gesangslehrer, funktionaler Stimmbildner, arbeitet an der Carl-Stamitz-Musikschule in Köln und als Dozent für Stimmbildung an der SRH Fachschule für Logopädie in Bonn.

„Wir stützen uns bei unserer Arbeit auf physiologische Erkenntnisse, nicht nur auf Erfahrung“, sagt der 53-Jährige. Prinzipiell könne man jedem beibringen, besser zu singen. „Nicht aus jedem wird ein Opernsänger, aber eine Verbesserung gesanglichen Leistungsfähigkeit gelingt immer mit ein bisschen Übung“, so der Leiter. Viele, die die Stimmschmiede aufsuchen, singen bereits im Chor und möchten lernen, ihre Stimme stimmschonender einzusetzen. Es kommen aber auch Menschen, die vor Jahrzehnten aus dem Chor geschmissen wurden und nun noch einmal probieren möchten, mehr aus ihrer Stimme rauszuholen. Laut Knuth treffen die meisten intuitiv schon viele Töne. Dann ginge es darum, diese noch angenehmer klingen und die Stimme tragfähiger werden zu lassen. Bereits nach zehn Stunden Training sei es weniger anstrengend, für längere Zeit zu singen. Viele ungeübte Chorsänger hätten sonst nach einem längeren Auftritt oft ein Heiserkeitsgefühl.

Die Stimme ist kein Sprech-Organ

„Auf der anderen Seite gibt es Sänger, die können sechs Stunden Wagner singen und schaffen das relativ problemlos“, so Knuth. Dazu seien bestimmte Atmungstechniken und Körperspannung von Nöten – weder zu schlaff noch zu verspannt sollte der Sänger sein. „Die Stimmlippen sind ein Ventil für einströmende Luft und eigentlich nicht primär für das Sprechen oder Singen gemacht. Das ist anders als das Herz, was als primäre Aufgabe das Pumpen von Blut hat.“ Bei der Phonation nutzen wir also den Kehlkopf in einer sekundären Funktion zur Tonerzeugung. Wenn das nicht auf eine gute Weise gelingt entstehen Probleme bei der Tonerzeugung.

Nicht nur Sänger hätten das Problem mit der Überanstrengung, sondern auch viele Lehrer und Erzieher. „An Universitäten wird dem oft keine Aufmerksamkeit geschenkt. In anderen Ländern wird sogar vor Beginn des Studiums die Stimme der Pädagogen getestet.“ Knuth selbst bekam mit 16 Jahren seinen ersten Gesangsunterricht. Seine Eltern waren beide Hobbymusiker und Chormitglieder, beide spielten mehrere Instrumente.

Die Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch

Beim Singstimmtag am 11. Mai möchten Mathias Knuth und sein Team weitere Menschen für das Singen begeistern und ihre Arbeit vorstellen. „Das Schöne ist, wenn man die ersten Erfolge sieht und hört – und sich eine Einheit aus Stimmung, Stimme und Mensch bildet.“ Die Erfahrungen würden außerdem weit ins Leben hinein reichen: „Die meisten berichten von einem erfüllenden Erlebnis und guter Laune nach dem Singen.“ Das Wichtigste sei nach wie vor auch der Spaß. „Singen ist ein intensives körperliches Gefühl. Es kann regelrecht berauschend wirken“, findet Mathias Knuth.

Im Jahr 2013 eröffnete er die Stimmschmiede. „Ich hatte immer mehr Anfragen und konnte nicht alle Interessenten allein unterrichten, also habe ich mir weitere Lehrerinnen und Lehrer mit ins Boot geholt.“ Einer davon ist Fabian Hemmelmann. Er leitet das Konzert des Madrigal-Ensembles und der Brahms Quartette mit Teilnehmern seines Ensembleprojekts am Singstimmtag. Gleich ein Wochenende darauf am 18. und 19. Mai gibt es Konzerte mit seinem Kammerchor Voci di Fuoco in der Lutherkirche Bonn und der Zentrifuge Bad Godesberg mit den Liebes-Liederwalzern und weiteren Werken von Johannes Brahms. Hemmelmann studierte bei Prof. Thomas Quasthoff und bei Prof. Klesie Kelly-Moog. Er arbeitet als Lied- und Oratoriensänger und ist Gründungsmitglied der Kölner Vokalsolisten. Als Gesangspädagoge bereitet er auch Nachwuchssänger auf das Studium vor und veranstaltet Liedinterpretationskurse in Köln.

Bei seinem Ensemble Voci di Fuoco sei die Besonderheit, dass er viel mit solistischen Besetzungen arbeitet. „Die Sänger müssen aufeinander hören und gemeinsam singen, so entwickelt sich ein Chor gemeinsam.“ Das Madrigal-Ensemble präsentiert bei seinem Auftritt den Zyklus „Sestina“ von Monteverdi. Sowohl in Einzeleinheiten als auch in Chorprojekten arbeitet er mit Teilnehmern an ihrer Stimme.

Das Lied: lyrisch und atmosphärisch

„Nicht alles muss perfekt sein, Amateure sollen sich ausprobieren können und für viele ist der erste Auftritt bereits ein riesen Schritt, aber stets mit großem Entwicklungspotenzial“, findet Fabian Hemmelmann. Wichtig sei bei gemeinsamen Auftritten, dass Stimmen, die gleichzeitig singen, auch harmonieren. „Manche ergänzen sich, manche passen zusammen, andere nehmen sich gegenseitig die Wirkung.“ Die gemeinschaftliche Erfahrung steht für den Gesangslehrer immer im Vordergrund. „Es macht mir unglaublich viel Spaß zu Singen.“ Das Lied als Kunstform fasziniert und begleitet ihn seit Jahren: „Dabei lernt man die eigene Stimme kennen, es ist atmosphärisch und gibt auch dem Zuschauer etwas mit“, findet er. Ein weiteres großes Thema beim Lied sei der Text, den es zu verstehen und interpretieren gilt. Die Verbindung aus zeitgenössischen und historischen Stücken ist ihm aber nach wie vor wichtig.

Zwischen 9.45 und 18 Uhr wird während des Singstimmtages am 11. Mai 2019 außerdem je 30-minütiger Einzelunterricht für zehn Euro vergünstigt angeboten. Dafür müssen sich Interessierte im Vorhinein unter info@stimmschmiede-bonn.de mit Angabe des gewünschten Zeitfensters anmelden. Gesungen wird in der Stimmschmiede alles von Pop bis Klassik. Ein wichtiger Bestandteil ist das Kunstlied. „Das Lied ist lyrisch und eignet sich besser als Opernarien, bei denen es viel auf die Lautstärke ankommt. Beim Lied wird der lyrische und dramatische Klang erprobt“, erzählt Knuth.

Lieder eignen sich besonders als erste Stücke für Stimmbildungseinsteigerinnen und -einsteiger. Die leichte Stimmführung beim Liedgesang lasse sich auch als Training für die Sprechstimme einsetzen. Ein Chor ist oftmals das Einfallstor und erste Kontakt mit klassischer Musik, besonders für jüngere Menschen. Am Singstimmtag wird es allerdings eine bunte Mischung geben. Jeder Schüler darf singen, was er möchte. Wer seine Singstimme trainiert, absolviert gleichzeitig auch Sprechtraining. „Viele Lehrer haben angestrengte oder angeschlagene Stimmen. Am leichtesten fällt es denjenigen, die bereits im Chor singen“, erklärt Knuth. Für ihn ist klassische Musik ohne das Lied nicht vorstellbar. „Selbst professionelle Opernsänger oder Musicalsänger müssen immer wieder Lieder singen, das ist wichtig für die gesunde Stimme.“

Das Gespräch führte Elena Sebening.

Photo Titelbild ©  M. Knuth, privat