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Interview mit Silke Hartstang

„Das Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich“

Die Mezzosopranistin Silke Hartstang im Interview mit der Liedwelt Rheinland

Liebe Frau Hartstang, wie sind Sie zur Musik und zum Lied gekommen?

Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie meine Mutter mir als Kind etwas vorgesungen hat, das war denke ich der Anfang. Ich bin die erste Musikerin in meiner Familie und habe zunächst im Bereich der Popmusik begonnen Musik zu machen. Vor der Aufnahme meines Studiums an der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat meine erste Gesangslehrerin meine Faszination für das Lied erweckt. Lieder wie zu Beispiel „Der Erlkönig“ oder „Gretchen am Spinnrade“ haben mir ganz neue Welten eröffnet, die Welt des Zusammenspiels mit dem anderen Instrument und die Frage: wie haben die Leute damals, vor vielen, teilweise hunderten von Jahren ihre Gefühle und Gedanken ausgedrückt und in Musik gefasst? Ich habe früher auch eigene Lieder komponiert und da hat mich diese Frage natürlich sehr neugierig gemacht. Diesen Weg der Neugierde bin ich dann weitergegangen.

Apropos Zusammenspiel: Sie und Elnara Ismailova bilden seit 2002 zusammen das Liedduo „Due passioni“. Was bedeutet der Name für Sie beide und wie gestaltet sich Ihre künstlerische Zusammenarbeit?

Wir beide haben zwei Leidenschaften – „Due passioni“: Elnara das Klavier und ich den Gesang. Beim Zusammenspiel dieser zwei Leidenschaften mit ihrem Licht und ihrem Schatten entsteht im Einklang miteinander oder auch rivalisierend im gesunden Sinne Spannung, die zusammen weitergetragen oder gegeneinander aufgebaut wird. Der Name ist erst während unserer Zusammenarbeit entstanden, beim Erleben dieser künstlerisch beflügelnden Spannung beim Erarbeiten von Stücken. Und je weiter man in der Musikgeschichte zum Beispiel vom Barock an die Gegenwart herankommt, desto mehr erlebt man das Lied auch als Kunstform des Duos, Klavier und Gesang als gleichberechtigte Partner.

Sie musizieren also Liedprogramme, die vom Barock bis an die Gegenwart heranreichen. Haben Sie da besondere Lieblinge, Repertoire, das Ihnen besonders am Herzen liegt, einen Schwerpunkt?

Nein, da lasse ich mich immer von meiner Neugierde und meinem Entdeckergeist leiten – ich lasse mich gerne überraschen! Jede Stilistik bietet einen eigenen Zugang zur Musik und zeigt einem vorher Unbekanntes, das man für sich entdecken kann. Letztes Jahr haben Elnara Ismailova und ich das Programm „Weltempfinden“ mit vielen Stücken aus dem zeitgenössischen Repertoire gespielt. Da war es für mich sehr interessant, Bruchstücke aus vorangegangenen Epochen, dem Barock oder auch der Romantik in den zeitgenössischen Liedern zu finden.

Liegt denn Ihr Schwerpunkt vielleicht auf dem Entdecken selbst?<

Ja, genau! Ich entdecke auch sehr gerne noch unbekanntes, wenig gespieltes Repertoire. Bei diesen unbekannten Stücken ist es eine schöne Herausforderung, dass man keine Interpretationsvorgaben hat. Man kann im Zusammenspiel mit dem Klavierpartner oder anderen Instrumentalisten herausfinden, was die Musik mit einem macht und eine eigene Interpretation ausloten, die noch nicht von Rezeptionsgeschichte und Interpretationstradition beeinflusst ist.

Das finde ich auch sehr interessant beim Musizieren von Liedern in anderen Sprachen. Zu entdecken, wie Sprachmelodie und Melodie in einer anderen Sprache zusammenkommen fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Sie singen Lieder auf Deutsch, Aserbaidschanisch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Spanisch und Russisch! Wahnsinn! Wie gehen Sie da ran?

Zunächst kommt natürlich das Übersetzen des Textes und dann ist es ein bisschen wie beim Kochen (lacht). Es ist ein Abschmecken: wo wollen die Melodie und der Text hin, wo will die Sprachmelodie hin, wo der Vokal, wo geht der Klavierpart hin? Es ist ein Erfühlen, ein Abtasten und Ausprobieren. Im Falle des Aserbaidschanischen zum Beispiel hatte ich Elnara als Sprachcoach. Aserbaidschanische Musik ist ja in Deutschland noch immer sehr unbekannt und wir haben ein gesamtes Programm dieser Musik gewidmet.

Wie unterscheidet sich für Sie das Musizieren in Ihrer Muttersprache vom Musizieren in einer Fremdsprache? Ergeben sich vielleicht andere Bilder?

Ich erlebe beim Musizieren in anderen Sprachen vor allem neue Klangfarben, die sich in Verbindung mit der neuen Sprachmelodie entfalten. Und natürlich erfährt man auch andere Stilistiken, andere kulturelle Hintergründe, im aserbaidschanischen Lied erlebt man zum Beispiel sehr stark den Einfluss des Orients. Ich finde es aber auch sehr faszinierend, wie viele Gemeinsamkeiten Musik und speziell Lieder aus den unterschiedlichsten Kulturen haben. Es gibt eine gemeinsame Basis – wie ein Baum, dessen Blüten je nach Sprache unterschiedlich ausgeformt sind.

Wie sehen Sie Ihre künstlerische Arbeit am Lied in Beziehung zu Ihrer Arbeit in anderen Genres, zum Beispiel auf der Opernbühne oder im Popbereich?

Ich würde die unterschiedlichen Genres nicht so trennen. Viele Opernkomponisten haben ja auch Lieder komponiert, manche kennt man gar nicht so, zum Beispiel Lieder von Verdi. Natürlich sind die Zeitdimensionen in Oper und Lied sehr unterschiedlich, die Handlung und Entwicklung vollzieht sich in einer Oper über mehrere Akte, im Lied, wenn es nicht in einem Liedzyklus eingebunden ist, innerhalb weniger Minuten, aber die Kompositionen bewegen sich in einer gemeinsamen kompositorischen Welt. Genauso würde ich auch mein künstlerisches Schaffen als Sängerin nicht nur einem Genre zuordnen.

Was mich immer fasziniert hat: wieviel Anziehungskraft das Lied heute noch für die Menschen hat. Ich denke, das liegt zum großen Teil an der Direktheit des Ausdrucks, der Kombination von Wort und Melodie und der ist sowohl heute als auch vor hunderten von Jahren im Lied festgehalten und übt eine beständige Faszination auf die Menschen aus. Er trifft sie direkt. Lied ist ein Lebensbegleiter, es war und ist immer da. Ich erinnere mich da zum Beispiel sehr gerne an meine Oma, ihr Lieblingslied war „Es waren zwei Königskinder“, das sie immer anstimmte, als ich noch sehr klein war.

Ich selbst habe mit der Popmusik begonnen und bin auch in diesem Genre weiterhin aktiv. Es ist eigentlich nicht weit entfernt vom Kunstlied und eng verbunden mit dem Volkslied. Popmusik erfordert natürlich eine andere Gesangstechnik als das Kunstlied, aber in beiden Genres teile ich mich den Menschen mit, sie sind immer kommunikativ. Lied ist Botschafter und Botschaft zugleich. Es übermittelt immer eine verbale und nonverbal-musikalisch ausgedrückte Mitteilung, sei es im Poplied oder im Volkslied oder im Kunstlied quasi als zweifache Nachricht mit dem Duopartner an das Publikum.

Stichwort Kommunikationspartner: Ihr nächstes Programm im Rahmen des Liedsommers ist ein Programm zusammen mit einem dritten Instrument, können Sie schon mehr verraten?

 Ja, das Programm heißt „Il corno und ich werde gemeinsam mit Armin Schmack von der Rheinischen Philharmonie am Horn und Karlheinz Lindemann am Klavier musizieren. Hier ist es sehr spannend, dass auf einmal drei Ideengeber da sind, das ergibt noch einmal eine völlig andere Energie! Auf dem Programm stehen zum Beispiel „Das Alphorn“ von Richard Strauss und „Auf dem Strom“ von Franz Schubert. „Das Alphorn“ von Richard Strauss zeigt eine eher unbekannte Facette seines Liedschaffens. Es ist eine frühe Komposition, die Richard Strauss seinem „lieben Papa“ gewidmet hat, inspiriert von Klängen des Alphorns und der Natur. Es erinnert an die Ursprünglichkeit der Musik, des Liedes, des Singens.

Weitere Vorhaben sind ein Liederabend im Oktober mit Julia Keuter anstelle des ausgefallenen Benefizkonzertes vom März mit Werken von Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Strauss und Rachmaninoff. Außerdem plane ich für nächstes Jahr wieder ein Programm mit Elnara Ismailova- aber das ist noch ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt!

Das Interview führte Milena Knauß am 22.05.2019

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© Photo: Liedwelt Rheinland

Silke Hartstang

Silke Hartstang

„Lied ist für mich musikalisch und künstlerisch ein intimes und ungekünsteltes Kleinod, eine kleine dramatisch und emotional ausgestaltete „Oper“, im miteinander agierenden, manchmal rivalisierenden, aufeinander reagierenden, sich widersprechenden und ergänzendem Spannungsfeld zwischen vertonter Lyrik, der „Melodie mit Worten“ im Gesang und instrumentaler Komposition, der „Melodie ohne Worte“ in der Begleitung.“

Silke Hartstangs Liebe zum Lied machte sich schon früh bemerkbar, so dass sie bereits während des Studiums zahlreiche Liederabende aller Epochen, von der Renaissance über Barock, Klassik, Romantik, Spätromantik bis zur neuen Musik für Lied-Solo, -Duett- sowie -Ensemble mitgestaltete und den Grundstein für ein umfangreiches Liedrepertoire legte.

Mit der Pianistin und Liedbegleiterin Elnara Ismaillova, mit der sie seit 2002 intensiv zusammenarbeitet, gründete sie das Duo „Due passioni“ und initiierte mit ihrer Duo-Partnerin die Liedreihe „In memoriam“ sowie zahlreiche Themenkonzerte, so etwa den 2018 aufgeführten Lieder- und Klavierabend „Weltempfinden – zwischen Rückbesinnung und Aufbruch zu Neuem – Industrie-Kultur und ihre Wirkung auf Gesellschaft, Musik und Kunst“  im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Aserbaidschanisches Liedgut führte das Duo unter anderem ins Rote Rathaus nach Berlin oder auch ins Fernsehen (Kanal Avrupa = Kanal Europa, TRT-Avaz (Sendereihe „Baśarli hayatlar“).

Die Vorliebe Silke Hartstangs, neben der Gestaltung von Liederabenden mit Liedgut beziehungsweise Liedzyklen großer bekannter Komponisten wie Giuseppe Verdi („Sei Romanze“), Richard Wagner („Wesendonck-Lieder“), Antonin Dvorak („Biblische Lieder“ Op. 99), Alban Berg („Sieben frühe Lieder“), Robert Schumann (Maria-Stuart Lieder, Op. 135), Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johannes Brahms („Zigeunerlieder“ Op. 103), Hugo Wolf, Richard Strauß („Drei Lieder der Ophelia“ Op. 67), Sergei Rachmaninoff oder Arnold Schönberg („Gurre-Lieder“), gilt vor allem der Aufführung und Wiederentdeckung von national und international relativ unbekanntem und wenig musiziertem Liedgut in unterschiedlichen Sprachen.

Hierzu gehören etwa Lieder des Rheinländers August Bungert, oder George Enesco (Rumänien), Paul Ben Haim (Israel), Lieder der Komponistinnen Ella Adaiewsky (Russland), Sofie Lidgi Hermann (Israel), oder spanischsprachige Kompositionen von Isaac Albeniz, Manuel de Falla, Joaquin Turina Pérez, Fernando Obradors (alle Spanien), Carlos Buchardo Lopez, Astor Piazolla (Argentinien), wie auch dem zeitgenössischen Berliner Komponisten Fred Syman.

Neben Liedern für Gesang und Klavier, wirkte die Mezzosopranistin auch als Solistin bei der Aufführung von Orchesterliedern (so in den „Sea pictures“ von Edvard Elgar), oder bei kammermusikalischen Konzerten mit (Gustav Mahler „Lieder eines fahrenden Gesellen“, „Das Lied von der Erde“ in der Bearbeitung von Arnold Schoenberg).

Die national und international tätige Mezzosopranistin und Preisträgerin des GEDOK Liedwettbewerbs für Frauenstimmen, Silke Hartstang (Beste Pop-Sängerin Deutschlands 1995, DRMV) absolvierte ihr Gesangsstudium sowie ihr Konzertexamen zur Opern- und Konzertsängerin (Oper / Lied / Oratorium) an der Staatlichen Hochschule für Musik Köln bei Prof. KS Reinhard Leisenheimer und Prof. Klesie Kelly-Moog (Gesang) sowie in der Liedklasse von Prof. Jürgen Glauß. Darüber hinaus besuchte sie Meisterkurse für Lied bei Michael Gees.

Als Diplom-Musiklehrerin Gesang (Johannes-Gutenberg Universität Mainz) ist sie freiberuflich als Gesangsdozentin an der Universität zu Köln sowie der Universität Koblenz-Landau tätig.

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Photo © Silke Hartstang | Stefan Adam Photography