Making of – Into a Children’s Room

Making of – Reisebericht in die Kindheit. Über die Entstehung der CD „Into a Children’s Room“

Liebe Elena Marangou, „Into a Children’s Room“, so heißt die CD, die Sie gerade herausgebracht haben – bei dem Titel stoppe ich und denke, da finde ich vielleicht nicht unbedingt Kinderlieder im eigentlichen Sinne drauf?

Genau, das sind Lieder, die im Erwachsenen die Erinnerungswelten aus der Kinderzeit wiederbeleben. Lauter kleine verschiedene Szenen sind das. Ich bin selbst immer wieder entzückt, wenn ich an meine eigene Kindheit oder an Momente mit Kindern denke, die ähnlich sind. Da geht es mir ganz so wie jedem Hörer der Lieder. Das ist vom Gefühl her ein bisschen so wie wenn man als Erwachsener „Der kleine Prinz“ liest.

Europäische Ausmaße haben die Komponisten, die auf der CD versammelt sind. Wie ist denn die Idee zu der CD entstanden und wieso kam es zu dieser bemerkenswerten Komponisten-Versammlung von Poulenc über Britten zu Mussorgsky, dann Brahms, Koukos, Couroupos und Baltas?

Zuerst habe ich die Mussorgsky-Stücke kennengelernt, war völlig verzaubert und habe die dann in Düsseldorf aufgeführt. Tobias Krampen und ich haben zu der Zeit auch ein Konzert in Athen vorbereitet und da haben wir viel Brahms und Schubert gemacht, also auch viel andere Literatur. Aber das Virus von den Mussorgsky-Stücken hatte sich bei uns eingenistet. Vorher waren schon die Britten-Stücke aufgetaucht: „A Charm of Lullabies“, die hatte ich in einer Version mit Orchester noch einige Jahre zuvor in Griechenland gesungen, aber den Ausschlag gaben die Mussorgsky-Stücke. Die Poulenc-Lieder „Quattre Chansons pour les Enfants“ haben wir dann mittels Recherchieren gefunden und auch Lieder von Szymanowski, die passten, aber das war dann schon mit den Brahms-Liedern zuviel. Denn Tobias hatte noch gefragt, ob wir denn keine griechischen Lieder dazunähmen – da hatten wir drei noch lebende Komponisten.

Da kennen wir uns ja gar nicht aus – wer sind denn die drei Herren?

Da ist zunächst Periklis Koukos, ihn kenne ich aus Athen. Er hat einen Zyklus geschrieben, „Merlin the Wizard“, das ist ein Album sozusagen mit musikalischen Erzählungen und daraus haben wir ein Mädchen-Lied ausgesucht. Dann haben wir ein „Mäuselied“ von George Couroupos dazugesellt; den Komponisten kenne ich schon ganz lange und die Stücke sind eigentlich schon wirkliche Kinderlieder. Er hat sie 1978/79 geschrieben und seiner Tochter gewidmet. Das Wiegenlied passte mehr als die anderen Lieder zu denen, die wir sonst auf der CD versammelt haben. In den anderen finden sich auch politische Hinweise, das passte hier inhaltlich nicht so gut, daher wurde es dieses sechste des Mäuse-Zyklus‘. Der Text ist aus der Sicht des Kindes geschrieben – und das passt zu Brahms‘ „Volkskinderliedern“, wie diese Werke ohne Opuszahl zusammengefasst werden.

Dann haben wir noch ein Lied von Baltas aus den „Six Simple Songs“,  komponiert 1971. Wir haben Kostas Krystallis‘ zartes Gedicht gewählt, weil die liebevolle Art, das Kind in den Schlaf zu singen, sehr nahe an der Volksmusik orientiert ist.

Wie sind denn die Brahms-Lieder entstanden?

Die hat Brahms für die Kinder von Clara und Robert Schumann geschrieben! Auch sie sind den Kindern gewidmet. Wir haben drei ausgewählt, die mit anderen Liedern auf der CD wunderbar korrespondieren.

Und wann und wie sind die Stücke dann an ihre Stelle auf der CD gerutscht?

Britten war für den Anfang zu intellektuell, ich wollte ursprünglich den Mussorgsky an erster Stelle, aber unser Tonmeister Martin Frobeen-Waldvogel empfahl, den Britten als zweites zu nehmen. Wir haben diskutiert. Dann wurde klar, dass wir den Poulenc als erstes machen wollten. Da haben wir uns gefragt – was kann danach gut kommen und haben erst an den Brahms gedacht. Aber dann bekamen wir das Gefühl, dass der Hörer meinen könnte, er höre doch eine Kinder-CD. Aber der Poulenc war intuitiv richtig am Anfang und von der Stimmung her passte da der Britten hinterher. So entstand allmählich auch nach der Aufnahme noch die Reihenfolge, die Sie nun im Booklet sehen.

Mal etwas ganz anderes noch: Die Mussorgsky-Lieder machen Sie auf Russisch? Wie bereitet man sich da vor?

Ohhh – das dauert … ich habe immer wieder mit zwei Muttersprachlerinnen gearbeitet. Erst einmal Bedeutung, dann Vokale, dann Konsonanten… Ich habe es mir dann in lateinische Schrift umgeschrieben, aber inzwischen kann ich es auch auf Kyrillisch lesen. Das ging in Griechenland los, dann habe ich in Düsseldorf weiter an den Stücken gearbeitet. Insgesamt haben wir fünf Sprachen auf der CD, das war viel Arbeit, aber es hat auch unglaublich Spaß gemacht und zum Glück ist die Musikerwelt international, da haben mir viele Kollegen geholfen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Der eine sagt so, der andere so bei der Aussprache, es gibt immer verschiedene Ansichten.

Wie entscheiden Sie sich denn da? Sie können ja schlecht einen Diskurs über die Dialekte und die Hochsprachen und die Sprache abhalten, die man im Lied verwendet…

Ach, ich war ganz praktisch – aber wenn ich drei Personen frage, habe ich mindestens drei Meinungen. Mindestens! Daher habe ich nach dem Ohr und der inneren Schlüssigkeit entschieden, habe, wenn vorhanden, Aufnahmen verglichen. Aber die Basis war schon immer gleich, die Unterschiede marginal. Ich wollte es ja dann auch sehr sorgfältig vorbereiten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Vorgeschmack auf ein paar der Lieder, die Sie besonders mögen – was erwarten uns da für Geschichten?

Wenn ich nun zurückschaue auf die Produktion und die Entstehung des Ganzen sind meine Gefühle und Gedanken zu den Liedern ganz andere geworden als vor Beginn der Produktion!

Ich mag ja die Mussorgsky-Lieder so sehr! Im ersten spricht ein Kind mit seinem Kindermädchen, oder im vierten, da erzählt es der Puppe eine Geschichte – da erlebt man Kinderabenteuer aus dem Alltag, von „Draußen“. In einem ist beispielsweise ein kleiner Käfer angelaufen gekommen, es sind immer solche kleinen Geschichten, die für uns, als wir Kind waren, doch auch so wichtig waren. In mindestens drei Liedern sprechen das Kind und die Mama oder das Kindermädchen miteinander, da gibt es so schöne Stimmungswechsel aus den Perspektiven – die fand ich so charmant! Diese Identifizierung mit dem, was das Kind sagt, da habe ich mich ganz oft in der „kleinen“ Rolle wiedergefunden, die ich doch so von mir selbst kannte und dann kommt die Mutterstimmung.

Oder in einem Lied, da kommt die Babuschka und das Kind fragt nach einer Gute Nacht-Geschichte, hier spricht nur das Kind! Warum? Na weil…warum der Knochenmann denn die Kinder isst? Vielleicht, wie Papa und Mama was sagen, oder weil man unartig ist? Das Kind hat da was gehört, kann es nicht einordnen. Sucht Erklärungen, denn es ist noch viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Das Ende dieses Liedes können Sie sich selbst denken….

Die Britten-Lieder liebe ich auch sehr! Beispielsweise das Lied „Charm“, das vierte aus dem Zyklus. „Sei still und schlafe“ – da droht die Mutter dem Kind, wenn es nicht schläft, kämen die Erinnyen und Rhadamanthus, um es zu bestrafen. Hier wird die übliche Thematik des Wiegenliedes auf den Kopf gestellt… und natürlich liebe ich die griechischen Lieder!

Eine wichtige Frage zum Schluss: Wie bekomme ich eine CD und wo kann ich reinhören, wenn ich zu einem der Release-Konzerte nicht kann?

Wir sind zunächst einmal dem Bechstein Zentrum in Düsseldorf sehr, sehr dankbar. Wir durften die CD hier aufnehmen, haben keine Miete gezahlt, hatten ideale Bedingungen. Dass der damalige Geschäftsführer Christian Müller so viel Interesse hatte und sich engagierte, war ein wirkliches Geschenk für das wir uns nun – nicht nur – mit dem Release-Konzert in Düsseldorf und dem in Köln in den Bechstein Centren bedanken möchten.

Inzwischen ist im griechischen Radio auch eine Präsentation gelaufen bei ERT – TRITO PROGRAMMA. Auf Spotify und über iTunes kann man reinhören.

Die CD kann natürlich nach den Release-Konzerten erworben werden oder auch im Internet über die Liedwelt bestellt werden. Im Plattenladen kann sie leider zurzeit nicht erworben werden, aber in Griechenland schon.

Wir bedanken uns für die vielen Hintergrundinformationen. Da freuen uns schon sehr auf die kleine Reise in unsere Kindheitserinnerungen bei den Release-Konzerten und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Liedsommer in Köln, Bonn und Düsseldorf!

Das Gespräch mit Elena Marangou führte Sabine Krasemann.

Konzerte:

Konzert am 20.9.2018 im Bechstein-Zentrum Köln
Konzert am 23.9.2018 in der Zentrifuge Bonn
Konzert am 28.9.2018 im Bechstein-Zentrum Düsseldorf

Photos © Elena Marangou, Elena Marangou