„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

Interview mit Christiane Oelze

 

Christiane Oelze, 2017

Frau Oelze, wir blicken heute gespannt auf Ihr nächstes Konzert in Köln, den Orgelliederabend mit dem Organisten Ulrich Brüggemann am 13.Mai 2018 in der St. Nikolaus Kirche in Köln Sülz.

Die Klangmöglichkeiten, die sich sängerisch im Zusammenspiel mit dem Instrument Orgel bieten, faszinieren mich schon länger und ich bin sehr froh, dass eine glückliche Fügung den Organisten am Kölner Dom, Ulrich Brüggemann, und mich für dieses Projekt zusammengeführt hat. Wir haben uns in Köln bei meiner Aufführung des „Marienleben“ von Paul Hindemith in St. Peter im Rahmen der Liedreihe „Im Zentrum Lied“ vor zwei Jahren kennengelernt. Er gratulierte mir, stellte sich vor, und ich fragte ihn, ob er Lust hätte, zum Beispiel die Wesendonck-Lieder mit mir auf der Orgel zu spielen. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren öfter verabredet und Lieder und Arien aus Oratorium und sogar Oper geprobt und aufgeführt.

Diesen Liederzyklus nach Gedichten seiner Muse Mathilde Wesendonck hat Wagner 1857/58 ja zunächst für Klavier und Sopran geschrieben. Dieser tief empfundene Liedzyklus hat aber bis in die heutige Zeit hin Künstler zu verschiedensten Transkriptionen inspiriert: Felix von Motti in der Fassung für Orchester und Singstimme, Bearbeitungen für Streichinstrument und Klavier, Harmonium, Chorgesang, die Version für Kammerorchester von Hans Werner Henze und die Orchestrierung von Wagner selbst…

Ja, und aus diesen Arrangements sticht die Bearbeitung für Sopran und Orgel von Hans Peter Eisenmann heraus. Die Farbkraft und die orchestralen Möglichkeiten der Orgel bieten der Stimme ganz einzigartige Möglichkeiten der Klangentwicklung und Klangverschmelzung. Ulrich Brüggemann und ich konnten dies bereits einige Male auch im Kölner Dom erleben. Ich wurde gebeten, dort einen Gottesdienst zum Valentinstag mitzugestalten und wir haben die Arie der Rusalka, „An den Mond“ von Dvorak, aufgeführt. Es war für mich so bereichernd, mitzuerleben, mit wie viel Können Ulrich Brüggemann, der auch die meisten der täglichen Messen im Kölner Dom an der Orgel bestreitet, dieses Lied für die besonderen Gegebenheiten der Orgel im Zusammenspiel mit der Stimme arrangiert hat. Wir haben jedoch auch originale, für Sopran und Orgel konzipierte Werke gefunden für den Liederabend, so die drei Lieder des Zyklus „Les Angélus“ von Louis Vierne. Die Orgel bietet einerseits den Manualen und dem Pedal zugeordnete Register, die Instrumente, vor allem Holzbläser und Trompete, Posaune, und sogar die menschliche Stimme („Vox humana“) imitieren, aber auch solche Register, die als Grundstimmen den spezifischen Orgelklang ausmachen. Das macht den Gesamtklang so überaus reich und unglaublich vielschichtig und vielseitig.

Wie können wir uns das Miteinander von Orgel und Stimme genau vorstellen?

Das Miteinander von Stimme und Orgel ermöglicht es, selbst mir lange schon bekannte Lieder, wie z.B. Gustav Mahlers Lieder „Aus des Knaben Wunderhorn“ oder Lieder aus dem „Spanischen Liederbuch“ von Hugo Wolf neu zu hören und stimmlich neu zu erleben. Der Gesang breitet sich in Kombination mit der Orgel anders aus, die Stimme verschmilzt teilweise mit den verschiedenen instrumentalen Orgelregistern, so dass neue, ungehörte Klangereignisse entstehen. Dies um so mehr, als Ulrich ein unglaublich versierter und erfahrener Solist ist, der auch eine große Liebe zum Lied und zu den Möglichkeiten der menschlichen Stimme hat. In diesem Sinne hat er bereits mit Künstlern wie Franz-Josef Selig, Anna Lucia Richter und Thomas Heyer gearbeitet und auch regelmäßig mit den Chören der Kölner Dommusik.

Ein Liedprogramm in der Kirche von der Empore aus ist auch für eine so erfahrene Liedinterpretin wie Sie ein ungewöhnliches Umfeld.

Was auch einen zunächst ganz ungewohnten Reiz ausübt, da das Klangerleben im Raum der Kirche so der dramatische Mittelpunkt des Konzerts ist und andere, äußerliche Faktoren, die sonst bei einem Liederabend eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Kleiderordnung, in den Hintergrund treten. Der Zuhörer kann sich ganz auf den Klang, die Stimme, und die Orgel, konzentrieren.
Zusätzlich geben die verschiedenen Werke der Spätromantik ganz unterschiedliche poetische Welten wieder. Diese sind ganz anders als bei Barock-Kantaten oder Kirchenliedern, bei denen sich Orgel und menschliche Stimme sonst im Raum einer Kirche treffen.

Spiegelt sich dies im Aufbau Ihres Programmes wider?

Wir haben die Zusammenstellung so gewählt, dass es für den Hörer neben den verschiedenen Facetten der Kombination von Stimme und Orgel auch romantische Orgelwerke im Konzert gibt.

Sie sind dieses Jahr mit vielen verschiedenen musikalischen Partnern unterwegs…?

Ich glaube, dass die Freude an Neuem, die Flexibilität im Alltag und auch im Beruf als Sängerin sich durch mein Leben ziehen. In den letzten Jahren habe ich nicht zuletzt über die Zusammenarbeit mit ganz verschiedenen künstlerischen Kollegen und Instrumentenkombinationen zu neuen Ausdrucksformen gefunden. Es ist mir auf diese Weise noch bewusster geworden, dass das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück bedeuten, auch jenseits der alltäglichen Routine des Sängerberufs. Im Wandel der Zeiten gelingt es mir, immer neue stimmliche Nuancen für mich zu entdecken. Dies gilt ebenso für mein privates Unterrichten. Ich bin glücklich, wenn ich an der stimmlichen Entwicklung von jungen Sängerinnen und Kolleginnen teilhaben und sie darin unterstützen kann. Und ich denke, dass das Lied als Gattung uns Sängern hierbei in den ganz unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen eine unschätzbare Möglichkeit bietet, zu dem jeweils ganz individuellen stimmlichen Klangausdruck zu finden.

…und das ist es ja auch, was dann den „Funken“ beim Zuhörer überspringen lässt…

Ich wünsche mir, dass es in jedem Liederabend Momente gibt, in denen Poesie und Musik so miteinander verbunden sind, dass wir für die Zuhörer berührende Augenblicke schaffen, die sie ihrer Gefühlswelt näherbringen. Und dafür lohnt es sich, auch andere Klangräume auszuloten wie nun die Kirche St. Nikolaus in Köln-Sülz, für einen weiteres Orgel-Recital das Kloster Springiersbach an der Mosel, oder auch eine Kirche in Sligo, Irland, wo ich Anfang Mai mit dem Vogler-Quartett und Jonathan Ware Lieder von Fauré, Schubert, Schumann, Reynaldo Hahn und Benjamin Britten aufführen werde. Es wäre schön, auf diese Weise nicht nur Menschen zu erreichen, die auch in einen „klassischen Liederabend“ gehen würden, sondern auch Besucher, die die Kirche als spirituellen Raum für sich erleben.

Welche weiteren Projekte liegen Ihnen in diesem Jahr noch besonders am Herzen?

Neben der Zusammenarbeit mit Eric Schneider für „Das Marienleben“ von Hindemith bei Rheinvokal, mit dem Brüsseler Nationalorchester mit „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss und den „Altenberg-Liedern“ von Alban Berg freue ich mich in diesem Jahr besonders auf die Projekte mit dem Vogler Quartett, nicht nur bei den Internationalen Kammermusiktagen in Sligo, Irland sowie in Homburg an der Saar, sondern auch bei der Aufführung der „Letters from Lony“, die am 9. November in Stralsund stattfinden wird.

Das Datum der Reichspogromnacht ist nicht zufällig?

Nein, gewiss nicht. „Letters from Lony“ ist eine behutsame kammermusikalische Vertonung von Ronald Corp für Streichquartett und Mezzosopranstimme aus dem vergangenen Jahr. Lony Rabl-Fraenkel war vor der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zunächst nach Amsterdam geflohen. Dort schrieb sie ihrer nach England geflohenen Familie und dem Enkel, den sie wegen ihrer Ermordung im KZ im Jahr 1944 nie kennenlernen konnte, von 1938 bis zu ihrer Verschleppung ins Konzentrationslager 1943/44 viele Briefe. Der Enkel von Lony Rabl-Fraenkel stellte diese ergreifenden Dokumente vor einigen Jahren dem Komponisten Ronald Corp zur künstlerischen Verarbeitung zur Verfügung. Das Lesen und Erkunden dieser Briefe und die ersten Proben für dieses Projekt sind für mich bereits sehr bewegend gewesen, und das gemeinsame Erarbeiten dieses Werkes mit dem Vogler Quartett ist für mich ein besonderer Klang in den sängerischen Aufgaben dieses Jahres.

Hierfür wünschen wir Ihnen alles Gute, Frau Oelze und danken ganz herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Copyright Foto: Natalie Bothur | Christiane Oelze. Weiterverwendung nur nach Absprache

Zum Orgelliederabend am 13. Mai 2018