Interview mit Boris Radulovic

„Du spielst so Klavier, als ob du singen könntest!“

Im Interview: unser Netzwerkmitglied Boris Radulovic

Herr Radulovic, Sie begleiten schon seit einigen Jahren Sängerinnen und Sänger in der Gattung ‚Lied‘. Dabei ist Liedbegleitung vielleicht nicht das erste, woran ein junger Pianist in seiner Karriereplanung denkt. Meist studiert man ja das Klavierspiel, um später (etwas überspitzt gesagt) große Konzertsäle mit großen Klavierkonzerten zu bespielen. Wie kamen Sie auf die Liedbegleitung?

In gewissem Sinne war das gar keine bewusste Entscheidung von mir. Irgendwie bin ich in meinem Leben immer wieder auf den Gesang gestoßen. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass ich als Kind leidenschaftlich gerne Pavarotti nachmachte. Ich stellte mich ins Wohnzimmer, breitete theatralisch die Arme aus, und schmetterte „O Sole Mio!“

Und dann später, als ich schon an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studierte, kamen immer wieder Sänger und Gesangsprofessoren auf mich zu, die meinten: „Du spielst so Klavier, als ob du singen könntest!“ Wahrscheinlich ist es in diesem Sinne kein Zufall, dass ich jetzt so viel mit Sängern arbeite. Manchmal zieht sich ja so ein roter Faden durch das Leben, den man nicht bewusst planen oder steuern kann …

2014 gab es kein Zurück mehr für mich

Den tatsächlichen ‚Durchbruch‘ für mich gab es dann aber beim Heidelberger Frühling 2014, wo ich als Pianist ausgewählt wurde, zwei Wochen lang intensiv am Lied zu arbeiten – ich glaube, es waren etwa 40 Lieder in diesen zwei Wochen. Das hat mir plötzlich einen wahnsinnigen Ruck gegeben, und ich dachte: „Wow, jetzt gibt es kein Zurück mehr!“

Welche Eigenschaft des Liedes war es, die Sie so begeistert hat?

Der Text, ganz klar! Zur Zeit des Heidelberger Frühlings war mein Deutsch glücklicherweise schon so gut, dass ich mich mit der großen deutschen Lyrik beschäftigen konnte. Das war eine wunderbare Erfahrung für mich: Dadurch, dass jedes Lied eine Gedicht-Vertonung ist, eröffnen sich unglaublich viele zusätzliche Sinn- und Interpretations-Ebenen. Und genau diese Ebenen habe ich, ehrlich gesagt, immer beim Solo-Klavierspiel vermisst.

Können Sie vielleicht ein konkretes Beispiel für diese zusätzlichen Ebenen geben, die sich für Sie im Lied eröffnen?

Der Mensch ist ja ein sehr vielschichtiges Wesen, und manchmal zeigt man – aus welchen Gründen auch immer – nicht diejenigen Gefühle, die man empfindet. Vielleicht lächelt man das Gegenüber an, um Zuversicht zu vermitteln – obwohl man selbst sehr traurig ist. Solche Dinge können im Lied zum Ausdruck gebracht werden.

Gewisse Subtilitäten funtionieren nur durch die Verbindung von Text und Musik

Beispielsweise kann die Komposition eines Liedes im musikalischen Aufbau zunächst fröhlich erscheinen, aber durch einen zweifelnden Text wird genau diese Fröhlichkeit gleichzeitig hinterfragt. Durch die Verbindung von Melodie und Text können also gewisse Subtilitäten und psychologische Tiefen dargestellt werden. Man kann die Tragik einer ganzen Lebensgeschichte in einem Lied innerhalb von kürzester Zeit darstellen. Und das, obwohl die meisten Lieder nur ein, zwei Minuten dauern!

Ist die Kürze von Liedern für Sie eine Herausforderung oder Chance?

In gewissem Sinne beides. Das Lied ist, unter anderem wegen seiner kurzen Dauer, eine extrem anspruchsvolle Gattung. Es erfordert, dass man den Charakter eines Stückes sofort auf den Punkt trifft – da gibt es nicht, wie in einer Solo-Sonate, die Exposition und eine langsame Entwicklung von Motiv und Thema, so dass man sich während des Klavierspiels an die Geschichte annähern kann. Nein, im Lied muss ab dem ersten Ton klar sein, worum es geht, denn es bleibt kaum Zeit für eine Entwicklung. Das bedeutet aber auch die Chance, als Künstler sehr präzise Arbeit zu arbeiten, und sich sehr klar darüber zu werden, was man ausdrücken möchte.

Würden Sie also auch sagen, dass die Liedbegleitung die Art und Weise verändert hat, wie Sie Solo-Werke interpretieren?

Auf jeden Fall! Ich würde behaupten, dass die Solo-Literatur erst durch das Lied für mich so richtig plastisch wurde. Und ich gebe gerne zu, dass ich manchmal über die Art und Weise, wie ich früher an Musik heran ging, lächeln muss. Da ging es so viel um technische Perfektion. Aber wir sind doch keine Maschinen!

Gretchens Herzschlag in der linken Hand

Nehmen wir zum Beispiel die linke Hand in ‚Gretchen am Spinnrade‘ von Schubert. Ein Pianist sieht darin wahrscheinlich zunächst einen typischen Siciliano-Rhythmus, und wird versuchen, diesen möglichst sauber zu spielen. Aber das ist natürlich völliger Quatsch! Es ist ja der Herzschlag vom Gretchen, der da in Töne gefasst wird!

Durch die Arbeit als Liedpianist sehe ich also in bestimmten musikalischen Phrasen jetzt nicht mehr nur – überspitzt gesagt – die Linienführung oder bestimmte harmonische Wendungen, sondern ganz konkrete Bilder, die ich mir oft sogar beim Üben mit einem eigenen Text unterlege.

Hat das Lied also auch verändert, wie Sie Musik generell hören?

Auch das, ja. Man nimmt ein Lied ganz anders in den Alltag mit als reine Instrumentalmusik. Denn während die Instrumentalmusik uns vielleicht eher offen lässt, wie wir sie hören, ob man ein Stück zum Beispiel eher als melancholisch oder traurig oder hoffnungsvoll empfindet, ist die Musik im Lied ganz klar an das Wort gebunden.

melancholisch oder traurig oder hoffnungsvoll

Zum Beispiel: Wenn ich Wolken am Himmel sehe, kommt mir vielleicht die erste Zeile aus ‚In der Fremde‘ von Schumann in den Sinn: „Aus der Heimat hinter den Wipfeln rot, da kommen die Wolken her“. Ein visueller Moment kann also zugleich eine Melodie, einen konkreten Text, eine Stimmung und eine Emotion in mir hervorrufen! Das ist doch unglaublich!

Und immer wieder kommt es vor, dass ein Lied durch seine Kombination von Wort und Ton meine eigenen Gefühle viel besser beschreibt, viel plastischer und konkreter, als ich sie je selbst beschreiben könnte.

Das klingt so, als hätten Sie im Lied tatsächlich Ihre große Liebe gefunden. Aber leider sehen das nicht alle Konzertbesucher so. Tatsächlich gehen vergleichsweise wenige Leute in Liederabende. Woher, glauben Sie, kommt das?

Ich denke, das liegt an einer Kombination von Dingen. Erstens sind die Gedichte von Liedern meist in einer Sprache geschrieben, die wir heute so nicht mehr verwenden würden. Das heißt, man muss sich auf den Text einlassen und ihn vielleicht auch mehrmals lesen, um ihn zu verstehen. Das ist natürlich eine intellektuelle Herausforderung, die Zeit und Kraft kostet.

Hinzu kommt, dass wir in einem Zeitalter leben, in welchem alles immer sehr schnell gehen muss. Kommunikation erfolgt über kurze Textnachrichten, Begriffe werden abgekürzt, wir hetzen von einem Event zum nächsten, und uns bleibt kaum Zeit für uns selbst. Die Leute wollen sich in ihrer Freizeit entspannen und gehen in ein Konzert, um sich vom Alltag abzulenken. Das ist wiederum eine ungünstige Voraussetzung für die Gattung des Liedes, welche Zeit und Konzentration erfordert.

Und zuletzt ist das Lied in gewissem Sinne durch das Wort noch konkreter und präziser in seiner Aussage als die reine Instrumentalmusik. Es zwingt den Zuhörer zu gewissen Bildern und Regungen, und manche Menschen sind vielleicht damit auf den ersten Blick überfordert. Wir sind es nicht mehr gewohnt, so offen und konkret über unser Innenleben zu sprechen.

Aber ich bin davon überzeugt, dass wir genauso sensibel sind wie die Leute früher, als die Lieder geschrieben wurden. Jeder Mensch möchte verstanden und geliebt werden, und das wird sich nie ändern. Es kann so heilsam sein, ein Lied zu hören, wo jemand von genau dem Schmerz singt, den man gerade selbst durchmacht. In diesem Sinne ist das Lied immer auch eine Art Therapie für mich.

Diese Resonanz habe ich übrigens auch immer wieder vom Publikum bekommen. Oft kommen Leute auf mich zu, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Liederabend waren, und die zu Tränen gerührt und – ja, man kann sagen – erschüttert sind! Deshalb denke ich auch, dass der tiefer liegende Grund für schlecht besuchte Liederabende nicht eine generelle Ablehnung gegen diese Kunstform ist, sondern vielleicht eher ein abstraktes Vorurteil, welches wir lösen müssen.

Wie könnten, Ihrer Meinung nach, solche Vorurteile gegenüber Liederabenden abgebaut werden? Wie können wir es schaffen, auch Leute in die Konzertsäle zu bringen, die sich vielleicht zuvor noch nie mit dem Lied befasst haben?

Einerseits kann man Liederabende durchaus ein wenig aus ihrer starren Form lösen, indem man sie zum Beispiel in einen szenischen Rahmen setzt oder mit bildender Kunst kombiniert, etwa mit einer Gemäldeausstellung. Das Auge hört ja bekanntlich mit.

Andererseits glaube ich, dass wir Interpreten noch viel stärker zusammen arbeiten müssen, um zum Beispiel gemeinsame Konzerte zu organisieren, oder neue, kreative Formate zu schaffen. In diesem Sinne empfinde ich Liedwelt Rheinland auch als ein hervorragendes Medium, um genau dies zu erreichen.

Und zuletzt bleibt uns als Künstler die große, verantwortungsvolle Aufgabe, das Lied so ehrlich und offen darzubieten, wie wir nur können. Erst wenn der Funke auf die Leute überspringt und wir sie auf eine unprätentiöse, direkte Art berühren, werden wir das Publikum der Zukunft schaffen und halten können.

Das Interview führte Alice Lackner.

© Photo: Michael Staab

Liedwelt-Link: Boris Radulovic