Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Sie bezeichnen sich als „singenden Komponisten und komponierenden Sänger“. Was überwiegt und inwiefern beeinflussen sich beide Tätigkeiten?
Das ist schwer zu sagen, es ist „mal so, mal so“ … Ich möchte beide Tätigkeiten nicht missen. Als Komponist sitzt man viel am Schreibtisch, droht ein wenig zu vereinsamen. Als Sänger macht es mir große Freude, mit Kolleginnen und Kollegen zu musizieren. Ich glaube auch, dass es für einen Komponisten nur von Vorteil sein kann, auch die „andere Seite“ zu kennen.

Wie war Ihr Weg zum Gesang?  War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?
Ich habe schon als Kind gerne gesungen, beispielsweise im Kinderchor. Nach dem frühen Stimmbruch habe ich dann gleich Gesangunterricht genommen: der Weg war also sehr direkt.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme beziehungsweise dafür zu komponieren?
Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument, schon bevor der Mensch Instrumente gebaut hat, wurde musiziert – mit der Stimme! Mich reizt die große Schönheit der Stimme, wie wir sie aus der traditionellen abendländischen Kunstmusik kennen; mich reizen aber ebenso die vielen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Stimme sonst noch bietet. Darüber hinaus habe ich als Sänger wie als Komponist immer wieder mit vielen wunderbaren, ganz unterschiedlichen Texten verschiedener Sprachen und Epochen zu tun.

Schreiben viele moderne Komponisten nicht zu viel gegen die Stimme? Fehlt ihnen unter Umständen die sängerische Sozialisation, wie sie zum Beispiel viele britische Komponisten durch Knabenchöre erfahren haben?
Es ist sicherlich so, dass viele Komponisten wenig mit dem „Instrument Stimme“ anfangen können, das habe ich auch als Sänger, der viel Neue Musik singt immer wieder erleben müssen. Was aber genau heißt „gegen die Stimme“ schreiben? Das ist ein weites Feld… Ich glaube zum Beispiel nicht, dass alles, was sich auch nur ein Stückchen weit vom Belcanto-Gesang entfernt, schädlich für die Stimme ist. Da fehlt auch oft die Bereitschaft der Sänger, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Viele der gesungenen Liedtexte wirken heutzutage gestelzt und manieriert, sie werden gerade von jungen Menschen immer weniger verstanden. Wie kann man ihnen diese Texte näherbringen und verständlich machen?
Das ist in der Tat eine sehr berechtigte, schwer zu beantwortende Frage. Das erste Problem sehe ich in der Bildung: junge Menschen werden – etwa in der Schule, aber auch im Elternhaus – einfach zu wenig mit den traditionellen Texten und Liedern konfrontiert, da fällt es dann später auch schwerer, sich darauf einzulassen. Ich glaube, dass der klassische Liederabend durchaus noch seine Berechtigung hat. Man sollte aber auch versuchen neue Wege zu gehen, besondere Programme zu kreieren, die zum Beispiel alte mit neuen Texten thematisch klug kombinieren. Auch Konzertabende, in welchen instrumentale Kammermusik und/oder Lesungen sich mit Liedvorträgen sinnvoll abwechseln, können sehr spannend sein.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern auf dem Markt durchzusetzen? Bilden Musikhochschule eventuell nicht zu viele Sänger aus?
Das ist sicherlich nicht ganz falsch. Allerdings gibt es Fächer, wo das Missverhältnis von Beschäftigungsmöglichkeiten und Anzahl der Studienabsolventen noch krasser ist, denken sie etwa an Pianisten! Für Sänger gibt es doch noch vergleichsweise viele Arbeitsmöglichkeiten: in Rundfunk- und Opernchören, als Opernsolisten, Konzertsänger, Gesanglehrer. Und: wenn man die künstlerische Ausbildung nur noch allein am „Markt“ ausrichtet, ist das der Anfang vom Ende.

Welche Konzerte und Projekte stehen aktuell an? Auf welches freuen Sie sich besonders?
Ende September 2018 kommt es in Düsseldorf zur Uraufführung meines neuen Werkes „Wasser-Bilder“. Im November reise ich für einige Tage zum Festival Timsonia in Temeswar in Rumänien. Dort werde ich als Sänger und Komponist präsent sein und auch einen kleinen Meisterkurs für Schubertlieder geben. Ich mache das nicht aller Tage und freue mich sehr darauf…

Wieviel Prozent Ihrer Arbeitszeit geht fürs Üben und Konzertieren drauf, wieviel fürs Organisieren? Wieviel fürs Komponieren?
Das lässt sich kaum beziffern, variiert auch stark, je nachdem was gerade ansteht. Um sängerisch fit zu bleiben, ist aber auf jeden Fall das tägliche Training wichtig, genau wie bei einem Sportler. Und: als Freiberufler ist die Zeit, die für Planungen und Organisationsarbeit drauf geht nicht zu unterschätzen…

Sind Sänger wirklich solche mimosenhaften Sensibelchen, als die sie oft verschrien sind? Warum haben sie diesen Ruf?
Ich glaube, das ist ein Stück weit Klischee. Aber natürlich wird das Klischee von einzelnen Personen immer wieder bedient, meiner Erfahrung nach aber äußerst selten.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?
Manchmal schon, besonders, wenn man wie ich, was Erkältungen, Allergien und dergleichen angeht, nicht ganz unempfindlich ist…

Das Gespräch führte Guido Krawinkel im August 2018.
Photo © Martin Wistinghausen