Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.

„Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.“

Interview mit Benjamin Hewat-Craw

Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit nehmen, Herr Hewat-Craw. Ich möchte gleich mit einer zentralen Frage beginnen: Wie kamen Sie zum Gesang? Wurde in Ihrer Familie viel musiziert?

Mein Vater ist Hobby-Sänger mit Stimmfach Tenor. Einige meiner frühsten Kindheitserinnerungen sind Proben für Kirchenkonzerte, zu denen ich ihn begleitete. Ich selbst war in dem englischen Knabenchor einer Abtei in Dorset, dem Ort in Westengland, in dem ich aufgewachsen bin. Im Alter von 9-13 Jahren war ich dort im Sopran. Nach dem Stimmbruch wechselte ich in den Bass und begann, Gesangsunterricht zu nehmen. Mein Lehrer förderte meine Entwicklung und ermutigte mich in dem Entschluss, den Gesang professionell auszuüben.

Sie haben sich für ein Studium in Deutschland entschieden. Wo rührte diese Entscheidung her?

Mein Lehrer war Schotte und sang sehr häufig in Deutschland. Er lebte während dieser Perioden in Darmstadt und ich habe dort mit ihm gearbeitet. Er empfahl mir Deutschland als ein musikbegeistertes Land mit vielen Möglichkeiten für Konzerte, Engagements für junge Sänger. Am Anfang war es eine große Umstellung, in Deutschland zu leben, die Kultur ist sehr anders. Das war eine interessante Erfahrung, die mich auch verändert hat. Nach dem ersten Jahr war ich sehr glücklich in Deutschland und bin nach Köln gekommen, um bei meinem Professor Christoph Prégardien zu studieren.

Was war für Sie die größte Umstellung?

Ich möchte nicht sagen, dass die Deutschen unhöflicher sind, im Gegenteil, es sind sehr herzliche Menschen! Aber die Engländer sind vorsichtiger. Sie verpacken die Wahrheit oft in ihrer Höflichkeit, damit man sich ihre Kritik nicht zu sehr zu Herzen nimmt. Die Deutschen sind direkter in ihrer Kritik. Das war ein Kulturschock. Aber nur ein kleiner.

Sie begeistern sich für das Lied. Erleben Sie Unterschiede im Umgang mit dem Lied in England und in Deutschland?

In Deutschland ist die Arbeit am Lied viel detaillierter. Es geht um ein sehr genaues Sprachverständnis. Es ist eine Kunst für sich. In England ist das anders. Man lernt Lieder, um sich auf die Opernliteratur vorzubereiten, aber sieht sie eher nicht als eigenständige Kunstgattung. Das Lied bleibt in den Musikhochschulen und es gibt kein großes begeistertes Publikum.

Es gibt wichtige Institutionen wie die Wigmore-Hall in London, aber auf das ganze Land gesehen gibt es relativ wenig Räume für das Lied. In Deutschland sieht das ganz anders aus, da gibt es viel mehr Möglichkeiten, in Liederabende zu gehen. Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben. Es gibt so einen großen literarischen Reichtum und daher beschäftigt man sich als Musiker automatisch damit. Die Tradition in England reicht nicht so weit zurück.

Sie sprechen nahezu perfekt deutsch – liegt das auch an der Liebe zum Lied?

Sicherlich hat mir der Liedgesang geholfen, meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Ich strebe immer danach, mein Deutsch zu perfektionieren und der Umgang mit den Menschen ist für mich sehr wichtig. Für mich ist das Deutsche eine sehr schöne und ehrliche Sprache. Man kann sich in ihr sehr klar ausdrücken.

Eines Ihrer kommenden Projekte wird eine Winterreise sein…

Genau. Mein Begleiter und ich arbeiten intensiv mit Ulrich Eisenlohr und werden die „Winterreise“ in diesem Herbst aufführen. Der Zyklus ist so ein großes Werk, es ist einzigartig in der Musikgeschichte. 24 Lieder fokussieren sich auf eine Person. Es gibt keine weiteren Personen und das macht den Zyklus zu intim.

„Die schöne Müllerin“ ist da anders, da gibt es mehrere Akteure. Bei der Winterreise geht es in der Stimmung des Charakters von null auf minus hundert, immer weiter abwärts. Bis hin in unsere Zeit ist kaum je so ehrlich über Depression und die eigene Bipolarität gesprochen worden. Man kann sich davor nicht verstecken. Ich hoffe, wir können das ausdrücken.

Wie sähe für Sie der perfekte Ort, eine Winterreise aufzuführen, aus?

Ich finde, es muss ein schummriges Licht sein. Ich mag auch den Trubel der Stadt für so ein Werk nicht. Es ist zu lebendig. In einer Kirche am Rande einer Stadt hat man eher das Gefühl, mit dem Publikum allein zu sein. Nach dem letzten Lied kann man hinaus gehen und das Gefühl der Einsamkeit erleben. Ich finde, man muss einen Ort finden, an dem so ein Mensch wie der Protagonist der Winterreise leben könnte.

Es haben sehr viele Sänger die Winterreise aufgenommen. Gibt es eine Aufnahme, die Sie besonders berührt? Und haben Sie unabhängig von der Winterreise Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Natürlich führt kein Weg an Fischer-Dieskau vorbei. Er hat so einen starken Charakter und im Umgang mit dem Text ist er eine zentrale Persönlichkeit. Besonders die frühen Aufnahmen der Winterreise schätze ich sehr. Man kann die Landschaft wirklich vor dem inneren Auge sehen. Auch die politischen Verhältnisse im Berlin der Nachkriegszeit kann man in der Kraft seiner Stimme hören.

Von den modernen Liedsängern: Christian Gerhaher. Er ist unglaublich präzise mit seiner Sprachgebung und mit den Konsonanten und führt zugleich wunderbare Linien. Ich finde seine Interpretation großartig. Meine Lieblings-Aufnahme ist eigentlich von Florian Boesch und Malcolm Martineau. Boesch singt den Zyklus nicht, er spricht ihn. Er ist so direkt mit seiner Tongebung als gäbe es nur ihn und dich als Zuhörer in einem Raum, das finde ich großartig. Er wählt etwas tiefere Tonarten als er es wahrscheinlich brauchen würde, aber so kann er ganz direkt mit den Menschen sprechen. Man glaubt ihm, dass er der Protagonist ist. Man kommt auf eine Art und Weise weg von der Schönheit der Lieder und das kann auch gut tun.

Wir haben jetzt so viel über die Winterreise gesprochen. Welche weiteren Projekte sind in Planung?

Ab September mache ich ein Projekt mit dem englischen Zyklus Songs of Travel von Vaughan-Williams. Robert Louis Stevenson hat die Texte geschrieben und Vaughan-Williams hat einige Texte ausgewählt. Es gibt aber unglaublich gute Texte zwischen den vertonten Gedichten und wir machen eine halbszenische Aufführung und zwischen jedem Lied wird es eine Improvisation über unvertonte Texte geben, die gut dazu passen.

Wir sind sehr gespannt darauf. Robert Louis Stevenson machte die Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, dem er Bücher schenkte, damit er etwas lesen konnte. Es war ein gebildeter Mann, der keine Lust mehr dazu hatte, die Rolle als Teil der Gesellschaft zu spielen und sich von ihr abwendete. Er zog von Stadt zu Stadt für den Rest seines Lebens und Robert Louis Stevenson hat viel über ihn geschrieben, unter anderem einen Essay.

Es war für uns klar, dass wir diese Begegnung in unser Programm mit einfließen lassen mussten. Ich bin sehr gespannt, wie es wird. Die Aufführung wird in Mainz stattfinden und für Anfang 2019 sind auch Konzerte in Köln geplant.

Das wäre großartig, das Projekt klingt wirklich sehr spannend! Eine letzte – diesmal etwas private – Frage: Was tun Sie, wenn Sie nicht singen?

Ich lese viel. Im Moment beschäftige ich mich mit den großen Philosophen und ihren Werken. Es steckt voller Fragen, die sich auch im Kunstlied wiederfinden. Wilhelm Müller schreibt  in der Winterreise: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ so schließt sich der Kreis.

Und ich spiele Tennis. Naja, ein bisschen…

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für alle Projekte viel Erfolg!

Das Interview führte Eva Nesselrath