Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie – Gespräch mit Christoph Prégardien

Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie – Im Gespräch mit Christoph Prégardien

Herr Prégardien, Sie geben etwa 40 Liederabende im Jahr, dazu haben Sie diverse Konzertverpflichtungen und sind Professor für Gesang an der HfMT Köln. Wie gehen Sie mit diesem Stress um, insbesondere am Abend eines Konzertes?

Ich habe immer versucht, mich nicht in Watte zu packen und möglichst normal mit dem Beruf umzugehen. Es gibt Sänger, die zwei Tage vor dem Konzert nicht mehr sprechen, oder die gewisse Rituale brauchen, um sich sicher zu fühlen. Ich halte das für falsch. Meiner Meinung nach muss man so normal wie möglich mit dem eigenen Körper umgehen.

Natürlich muss man auch lernen, seine Grenzen auszuloten und zu erkennen, was man verträgt und was nicht. Aber wenn man sich Rituale aneignet, entwickelt man auch einen gewissen psychischen Druck. Wenn diese Rituale dann nicht wie geplant laufen, denkt man, man könnte am nächsten Tag nicht singen, und entwickelt daraus nur noch mehr Stress.

Haben Sie den Eindruck, dass Sängerkarrieren heutzutage anders verlaufen als zu der Zeit, als Sie Ihre Karriere begannen?

Ja, durchaus. Die Karrieren verlaufen heutzutage meist viel schneller. Ich kann das bei meinem Sohn Julian sehen: Er hat in den ersten sechs Jahren seiner Karriere das erreicht, was bei mir 15 Jahre gedauert hat. Ich finde es toll, wie er diese schnellen Karriereschritte verarbeiten kann, aber für mich wäre diese Geschwindigkeit nichts gewesen.

Wenn man mit 25 Jahren mit den berühmtesten und einflussreichsten Dirigenten singen darf, dann ist das sowohl ein Dürfen als auch ein Müssen. Man steht ja dabei in einer großen Verantwortung, die Erwartungen der Leute zu erfüllen. Mir hat es gut getan, dass ich Zeit hatte, jeden Schritt meiner Karriere zu verarbeiten. Ich konnte meine Konzertkarriere langsam aufbauen, konnte mit Konzerten in kleinen Kirchen und in kleinen Orten anfangen, und so in den Musikbetrieb hineinwachsen.

Welche Gefahren birgt der Musikbetrieb Ihrer Meinung nach für junge Sänger?

Ich beobachte seit einiger Zeit, dass es Leute gibt, die sehr schnell aufsteigen, aber genauso schnell wieder fallen, und dann meist sehr tief. Junge Sänger werden über einen gewissen Zeitraum von Agenturen, Veranstaltern und Opernhäusern ausgenutzt, und werden beim ersten Zeichen einer Krise fallen gelassen.

Hinzu kommt dieser Jugendwahn – dass man heute als leichter Sopran mit dreiundzwanzig Jahren schon fertig auf der Bühne stehen muss – das bringt die Leute unheimlich in Zugzwang.

Früher wurden die Sänger in den Opernensembles langsam aufgebaut, und es war auch normal, dass Karrieren dreißig, vierzig Jahre dauerten. Heute habe ich das Gefühl, dass es eine schier unendliche Quelle an Shootingstars gibt, die beliebig ersetzbar sind, und man hört schnell nichts mehr von vielen, die gerade einmal Mitte dreißig sind.

Ein Fußballer mag vielleicht zu Beginn seiner Karriere einkalkulieren, dass mit Mitte dreißig die Karriere vorbei ist. Als Sänger finde ich aber, dass es wünschenswert ist, die Stimme und den Körper so zu behandeln, dass man auch mit sechzig Jahren noch auf der Bühne stehen kann. Natürlich gehören gute Gene und ein gewisses Glück dazu, aber es ist auch in einem bestimmten Maße planbar.

Wie kommt es, dass junge Leute heutzutage gerne auf Pop- oder Rockkonzerte gehen, weniger aber in klassische Konzerte?

Man sagt ja, dass das Konzertpublikum in der klassischen Musik generell ausstirbt. Ich muss aber ganz ehrlich sagen: Schon zu Beginn meiner Karriere saßen viele grauhaarige Leute im Publikum. Das ist jetzt immer noch so – aber es sind natürlich andere Grauhaarige!

Ich glaube einfach, dass es irgendwann im menschlichen Leben Perioden gibt, wo man Zerstreuung auf einer anderen Ebene sucht. Vielleicht möchte man sich auch mit dem Alter etwas mehr öffnen für eine intellektuell und emotional herausfordernde Zerstreuung. Junge Leute in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern sind im Gegensatz dazu noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Sie wollen sich eine Karriere aufbauen und eine Familie gründen.

Diese Tendenz sehe ich übrigens auch bei meinen älteren Kindern, die jetzt erst anfangen, ein genuines Interesse an den hohen Künsten zu entwickeln. Aber ich halte es für durchaus wichtig, dass das Interesse an der Kunst schon im Kindesalter gesät wird, damit es später wieder aufkeimen kann.

Sehen Sie da in der frühen schulischen Erziehung Handlungsbedarf?

Auf jeden Fall! Leider werden die künstlerischen Fächer in der schulischen Ausbildung ja zunehmend stiefmütterlich behandelt. Das halte ich für sehr falsch. Denn um was geht es in der schulischen Ausbildung? Um die Frage, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind. Durch das Verständnis dessen, was gewesen ist, sollen wir in die Lage versetzt werden, unsere Zukunft zu gestalten.

Zu dieser Entwicklung gehört eben auch die Kunst. Die Menschen haben sich ja nicht Kunstwerke einfallen lassen, weil sie ansonsten nichts zu tun hatten. Ganz im Gegenteil: Die Kunst hat dem Leben erst einen Sinn gegeben. Ich glaube deshalb, dass es zutiefst menschlich ist, nicht nur in materiellen Dingen zu denken, sondern zu versuchen, sich das Leben auch mit anderen Dingen zu verschönern.

Herr Prégardien, Sie haben sich insbesondere als Liedsänger einen Namen gemacht. Was bedeutet die Gattung des Liedes für Sie, und was unterscheidet einen Liederabend von einem Konzertabend?

Jedes Lied ist wie ein Schauspiel oder eine Oper im Kleinen. Als Interpret ist man gefordert, in sehr kurzer Zeit eine Atmosphäre zu schaffen, die den Inhalt des Stückes dem Publikum nahe bringt. Wenn ich einen Liederabend singe, der aus fünfundzwanzig Liedern besteht, dann muss ich eben genau so viele Situationen und Stimmungen darstellen: Mit meinem Körper, mit meiner Seele, meiner Stimme, meinen Augen, meinen Händen. Das finde ich unheimlich faszinierend!

Auf einen Liederabend muss ich mich als Sänger auch ganz anders vorbereiten, als auf einen Opern- oder Konzertabend. Beim Lied ist man sein eigener Herr auf dem Podium, man kann oft seine eigenen Programme zusammenstellen, und das ist natürlich eine sehr schöne und kreative Arbeit.

Die Faszination für das Lied scheint sich bei den meisten Musikern durchzusetzen, weniger aber beim Publikum. Weshalb sind Liederabende schlechter besucht als beispielsweise Opernaufführungen?

Einerseits hat ein Abend in der Oper oder in der Philharmonie natürlich den Event-Charakter: Man macht man sich schick, der Herr kann seine neue Krawatte ausführen oder die Dame ihr neues Kleid. Bei Kammermusikkonzerten ist das anders, die sind viel intimer und kleiner.

Andererseits kann man einen Liederabend auch nicht einfach so konsumieren. Als Zuhörer ist man gefragt, sich selbst einzubringen, denn man muss den Text verstehen wollen und sich intellektuell auf die Interpretation des Sängers einlassen können.

Oft gehen die Leute so gerne in die Oper, weil man dort so tolle Melodien hören kann. Bei vertonten Gedichten, also Liedern, kann man nicht nur die Musik auf sich wirken lassen; die Musik hat hier keinen Selbstzweck, sondern dient der Verdeutlichung und Emotionalisierung der sprachlichen Ebene. Das erfordert natürlich Konzentration seitens des Zuhörers.

Was würden Sie also jemandem entgegnen, der zwar Klassik-Fan ist, aber noch nie in einem Liederabend war?

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Leute die Gattung des Liedes nicht mehr loslassen wird, wenn sie sich nur einmal darauf einlassen. Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie: Er führt dazu, dass ich zu mir selbst und zu meinen tiefsten Emotionen einen Weg finde.

Vielen Zuhörern geht es auch so: Oft kommen Leute danach zu mir und sagen, sie hätten weinen müssen. Aber es ist ja nicht so, dass ein konkretes Ereignis sie in dem Moment traurig gemacht hätte. Im Gegenteil, vielmehr löst sich durch das Zuhören etwas, und den Leuten geht es danach besser als zuvor!

In guten Liederabenden gibt es Momente, wo es im Raum absolut still ist, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die Leute sind still, weil sie lauschen, ja besser noch: Weil sie in sich selbst hinein lauschen. Diese Gruppendynamik, die innerhalb dieses Lauschens entsteht, ist für mich einfach unglaublich.

Das Lied hat diese Kraft, da es uns einerseits intellektuell durch den Text stimuliert, andererseits durch dasjenige Instrument dargeboten wird, welches am nächsten an der Seele sitzt: Die menschliche Stimme. Wenn man also für die Liedgattung offen ist, dann wird man an so einem Abend berührt, da bin ich mir ganz sicher.

Das Interview führte Alice Lackner.