Interview mit Elisabeth Menke

Wenn ich den Tag mit Musik beginne, fühle ich mich als klingende Person

Musik als Alltagsgegenstand – Gespräch mit Elisabeth Menke

Frau Menke, wie sind Sie zum Gesang und zum Lied gekommen?

Ich komme aus einer Musikerfamilie, in der quasi immer gesungen wurde. Wir haben alle umeinander ständig musiziert und dazu gehörten immer auch Lieder, sei es nun, dass ich selber sang oder begleitet habe. Für uns war Musik ein Alltagsgegenstand: wenn wir morgens aufstanden, wurde zuerst musiziert. Wir sind sieben Geschwister und wir haben die Instrumente im Prinzip unter uns aufgeteilt – wer zuerst am Klavier saß, spielte eben Klavier. (lacht)

War denn der Gesang Ihre erste Wahl?

Ich habe zwar durch das familiäre Umfeld und weil es sich von selbst ergeben hat, immer auch gesungen, aber geübt habe ich immer nur Violine und Klavier. Ich habe zunächst auch keinen Gesangsunterricht gehabt. Lieder gehörten für mich immer in den Bereich der Hausmusik und ich habe zunächst gar keinen Gedanken daran verschwendet, ausgerechnet den Gesang zum Beruf zu machen. Bei uns war es selbstverständlich, dass jedes Kind zwei Instrumente lernte. Das wurde auch nicht in Frage gestellt, weil wir es ja alle so machten.

Das klingt aber eher nach unheimlich viel Disziplin und nicht unbedingt nach einer freien Entscheidung.

Von außen betrachtet, mag das so wirken, allerdings haben wir es nicht so empfunden. Und ich denke auch heute, dass dieses Ritual, den Tag mit Musik zu beginnen, ein sehr guter und schöner Einstieg war und bis heute ist. Ich versuche auch heute noch, den Tag nach Möglichkeit so zu beginnen, am liebsten mit Improvisationen. Man kommt mit sich selbst in Kontakt, begibt sich gleich zu Beginn des Tages in Klangräume und erlebt sich selbst als klingende Person. Für mich fühlt sich ein solcher Tag völlig anders an.

Elisabeth Menke: Selbstporträt als Kind

Wie hat es sich dann ergeben, dass Sie letzten Endes auch Gesang studiert haben?

Meine Mutter ist Sängerin und ich wurde damals quasi ins kalte Wasser geworfen, indem ich ihren Platz in einem Meisterkurs bei der Akademie Wort und Musik einnahm. Daraus ergaben sich die ersten Gesangsstunden und auch schon sehr schnell die erste Teilnahme bei Jugend musiziert. Obwohl ich in damals schon von einem Juror als „ungeschliffener Diamant“ bezeichnet wurde, war der Weg zum Studium nicht ganz direkt. Ich denke, es war noch zu früh für mich, ich war noch nicht bereit dafür, mich solchen Dingen wie Liedtexten und Improvisation auszusetzen.

Ich habe sehr hart für mein Gesangsstudium arbeiten müssen

Ich versammelte dann zunächst alle meine Hobbys und habe dann Schulmusik mit Hauptfach Violine studiert. Nebenher machte ich weiterhin zahlreiche andere Dinge, viel Kammermusik, Klavier-Improvisation und sogar Popmusik. Der Weg zum Gesang war also alles andere als gradlinig – ich musste sehr hart dafür arbeiten, Gesang studieren zu können. Schließlich stellte Klesie Kelly-Moog, Professorin in Köln, die alles entscheidende Frage, nämlich was ich wirklich will.

Und was wollten Sie?

Ich wollte gerne eine intime Form der Professionalität, von Klang und hinsichtlich der Zusammenarbeit. Daraus ergab sich schnell als Antwort der Liedgesang. Außerdem liebe ich das Unterrichten, denn ich liebe es, wenn Klänge zusammenkommen, wenn etwas stimmig ist.

Was fasziniert Sie so am Lied – abgesehen von der Intimität der Gattung?

Ich interessiere mich sehr für Lebenswirklichkeiten und gerade bei der Gattung Lied fließen gleich mehrere Lebenswirklichkeiten ineinander: die des Dichters, des Komponisten und des Interpreten. Ich versuche, möglichst vorbehaltlos an die Musik heranzugehen. Die Musik bewirkt etwas: es tut gut, zu sehen, dass jeder mit Krisen zu kämpfen hat und wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten damit umgegangen sind, welche Bewältigungsstrategien es also gibt und gab.

Dadurch entsteht auch im Konzert eine tiefe Verbundenheit, denn die Phänomene bleiben immer gleich. Gerade das Lied kann so viele verschiedene Dinge ausdrücken und oft findet man in einem Werk sowohl große Heiterkeit als auch Melancholie. Die Nuancen sind dabei sehr fein und nicht bloß schwarz-weiß. Vor allem sind viele Werke mit mir gemeinsam gewachsen, also auch die eigenen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten fließen ein. Das sind alles wichtige Gründe für mich, weshalb in meinen Augen die Kunstform Lied möglichst oft zu hören sein sollte und nicht verloren gehen darf.

Sie sind künstlerische Leiterin der Reihe „Voice & Lunch“ im Rautenstrauch-Joest-Museum. Was steckt hinter diesem Titel?

Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Eva Trummer am Ende des Studiums Wirkungsmöglichkeiten für uns Sänger gesucht. Für uns war es besonders wichtig, eigene Ideen, eigene Werke einbringen zu können. Es sollte also nicht alles von außen, von einem Veranstalter vorgegeben werden.

„Voice & Lunch“

Das führte uns schnell zu der Idee einer eigenen Reihe, die wir gemeinsam mit der Volkshochschule im Rautenstrauch-Joest-Museum schließlich umsetzen konnten. Dabei haben wir uns immer gefragt, wen wir gut finden und wer beispielsweise am Ende des Studiums steht. Inzwischen können wir mit einem gewissen Stolz sagen, dass einige der Sängerinnen und Sänger, die bei uns aufgetreten sind, inzwischen renommierte Künstler sind.

Das Format von 30 Minuten in der Mittagszeit zieht ganz anderes Publikum als ein regulärer Liederabend. Es sind Menschen, die sich bewusst aus der Arbeit heraus für eine kurze Auszeit entscheiden und die auch das Erleben von Live-Musik schätzen. Inhaltlich versuchen wir, immer einen roten Faden vorzugeben, so hatten wir beispielsweise ein Konzert zu Schwellenmomenten im Leben, einen mit Totenmusik und ähnlichem. Für die Zukunft wünsche ich mir eine stärkere Verbindung zwischen den aktuellen Ausstellungen im Museum und der Musik. Ich hoffe sehr, dass sich das in der Zukunft so entwickeln kann.

Zum Konzert „Voice & Lunch“ am 19.9.2017

Zum Konzert „Nacht und Träume“ 15.10.2017

Zum Konzert „Come Again“ am 21.10.2017

Das Interview führte Verena Düren.
© Photos: Elisabeth Menke