Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

„Die Gattung Lied interessiert mich besonders, weil sie interdisziplinär ist!

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

Am 21. Mai geben Sie einen Liederabend im Bonner Beethovenhaus. Was erwartet den Besucher?

Wir sind beide Bonner und dachten, dass wir auch den großen Sohn der Stadt als Liedkomponisten etwas in den Fokus rücken sollten. Beethoven wurde bis Franz Schubert als der große Liedkomponist seiner Zeit gehandelt. Insofern wollen wir sein Liedschaffen auch in diesem Konzert würdigen.

Das Programm des Abends heißt „Ein Jahrhundert in Wien“ und zeigt die musikalische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis hin zu den Anfängen der Atonalität. Wir beginnen mit Liedern von Beethoven und stellen diese immer wieder späteren Vertonungen von Schubert gegenüber. Dabei haben wir auch einige Doppelvertonungen im Programm, in denen zu hören ist, wie Beethoven und Schubert den jeweils gleichen Text interpretiert und musikalisch umgesetzt haben. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Goethes „Kennst Du das Land“ (Mignon), das zweimal zu hören sein wird. Mit den Vier Lieder op. 2 von Arnold Schönberg beschließen wir den Abend und auch das Jahrhundert und begeben uns an die Grenzen der Tonalität.

Grundsätzlich moderieren wir unsere Konzerte auch immer, weil es uns sehr wichtig ist, das Publikum auch über die Moderation mitzunehmen. An diesem Abend wollen wir die Zuhörer mitnehmen nach Wien und sie bekannt machen mit den wichtigsten Liedkomponisten und Dichtern der Zeit wie natürlich Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Matthisson und Richard Dehmel.

Herr Geiger, wie kam es, dass Sie sich für den Weg als Liedbegleiter entschieden haben?

Mich hat das Klavier immer schon fasziniert, weil es so vielseitig ist und ich damit auch auf verschiedene Arten tätig sein kann: solistisch, als Kammermusiker oder eben als Liedbegleiter. Dass ich dabei geblieben bin, war allerdings nicht selbstverständlich, denn nach dem abgeschlossenen Bachelor habe ich mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes zu machen und einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen.

Was wäre die andere Option gewesen?

Ich war an der Cologne Business School und habe mich dort nach dem Studiengang Kulturmanagement erkundigt. Während des Studiums habe ich mich schon im AStA engagiert, außerdem habe ich in einer Gruppe junger Kreativer eine CD eigenständig produziert und ich habe in den Bereich Kulturmanagement reinschnuppern können. 2015 habe ich beispielsweise auch ein Praktikum beim Festival ACHT BRÜCKEN gemacht.

Wieso waren Sie so unschlüssig bzw. warum ist es dann doch das Klavier geblieben?

Am Ende des Bachelor-Studiums hatte ich große Probleme mit dem Allein-Sein eines Pianisten. Gerade über die anderen Projekte habe ich gemerkt, wie gerne ich auch mit anderen arbeite und als Pianist ist man ja doch sehr viel alleine. Die richtige Wahl war dann für mich der Master-Studiengang Liedbegleitung. Ich habe schon vorher mit Sängern gearbeitet und das macht mir große Freude. Außerdem habe ich nun auch selber Gesangsunterricht, was natürlich auch spannend ist, weil ich mich so von zwei Seiten dem Lied nähere und natürlich die Sängerin, mit der ich arbeite, viel besser verstehe.

Wieso konzentrieren sich so wenige Pianisten auf die Liedbegleitung?

Das war natürlich sehr lange Zeit ein Bereich, der als reine Begleitung verschrien war und auch sehr stiefmütterlich angesehen und behandelt wurde. Doch inzwischen sieht man das zum Glück anders, was beispielsweise auch daran zu erkennen ist, dass das Fach inzwischen auch Liedgestaltung heißt. Ab dem „Erlkönig“ und seiner pianistischen Herausforderung ist eigentlich klar, dass es sich bei dem Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt und man im Idealfall auch eine gemeinsame Vorstellung von der Interpretation hat. Ich habe mich immer schon sehr gerne auch mit Literatur beschäftigt und immer schon viel gelesen. Die Gattung Lied fasziniert mich besonders, weil es eine interdisziplinäre Gattung ist.

Frau Harsányi, Ihr gemeinsames Liedduo mit Toni Ming Geiger war ja für ihn ausschlaggebend, um doch beim Klavier zu bleiben und sich auf die Liedgestaltung zu konzentrieren. Wie würden Sie denn als Sängerin das Musizieren im Liedduo beschreiben?

Ich kann nur bestätigen, was Toni gerade schon sagte. Bisher ist es leider noch nicht so sehr verbreitet, dass es sich auch beim Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt. Es ist jedoch auch für den Sänger ein ganz großer Unterschied und deutlich zu spüren, wie der Pianist seine Rolle empfindet.

Seit wann musizieren Sie gemeinsam?

Als festes Duo sind wir beim Beethovenfest 2014 zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten. Vorher kannten wir uns aber auch schon über gemeinsame Projekte innerhalb des Projekts Netzwerk Ludwig van B. von Dr. Solveig Palm. Inzwischen bin ich in Saarbrücken, die Distanzen sind also größer geworden, aber Toni ist als Liedduopartner so gut, dass wir auch größere Distanzen bei unserer Zusammenarbeit in Kauf nehmen.

Was lieben Sie am Lied?

Als Sängerin an der Oper kann ich mich nicht verstecken und ich fühle mich – selbst im Ensemble – doch oft sehr einsam. Beim Lied ist das völlig anders. Ich kann meine ganze Persönlichkeit einbringen, dies aber wiederum im Austausch mit jemand anderem. Ich bin in keinem anderen Bereich als Sängerin so frei, erlaube so intime Einblicke und kann so selbständig und kreativ arbeiten wie in der Gattung Lied. Hinzu kommt natürlich noch, dass es stimmlich sehr interessant ist: ich muss feiner arbeiten, flexibler sein und jedes Konzert ist ein Experiment.

Das Gespräch führte Verena Düren.

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Toni Ming Geiger
Konzert am 21.5.2017

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