Andreas Durban

Andreas Durban

Liedgesang ist für mich der große, geheimnisvolle Kinosaal im Kopf.

Die Alchimie des Liedes

Die Arbeit als Dozent für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Tanz Köln brachte mich sehr intensiv in Berührung mit dem Genre des Liedgesangs. Über lange Jahre unterrichtete ich junge Sängerinnen und Sänger, darstellerisch ihre Lieder zu interpretieren.

Dabei mache ich immer wieder die gleiche alchimistische Erfahrung. Durch die „chemische Reaktion“ von Lyrik, Komposition, von Stimme und Psyche, entsteht ein Gesamtkunstwerk, das nur dann zu strahlen beginnt, wenn alle vier Aspekte gleichberechtigt nebeneinander wirken.

Poetische Ideen nehmen Einfluss auf die Gefühle des Komponisten. Sie bedienen sich einer allgemeingültigen Bildersprache, die einen tiefen emotionalen Prozess hervorruft, dem der schöpferische Akt des Komponierens folgt.

Diesen Schöpfungsakt wiederholt im interpretatorischen Idealfall der Sänger – und etwas überspitzt formuliert – sollte es ein wahres Wunder sein, dass er genau so singt, wie der Komponist komponierte, da er, poetisch (semantisch) inspiriert, das in die Stimme legt, was er spontan empfindet und in sich bewegt

Die Feuersteine der präzisen musikalischen Struktur auf der einen Seite und der vollkommenen psychischen Spontaneität auf der anderen Seite schlagen im Akt des Liedvortrags immer wieder wie scheinbare Gegensätze aneinander und ihre Funken erzeugen Flammen ganz eigener Art:

Liedgesang ist für mich der große, geheimnisvolle Kinosaal im Kopf. Die Imaginationsfähigkeit der Sängerinnen und Sänger entführt blitzschnell auf innere Bühnen; Traumbilder wechseln wie an die Wand geworfenen Bilder der Laterna Magica. Den Zuschauern erscheinen komprimierte Essenzen, Bilder und Klänge als Konzentrate. Das Lied ist der wahre – das verdichtete Leben. Nicht nur die Religion dient als Opium des Volks, der Liedgesang erfüllt diese Aufgabe – im positivsten Sinne – noch viel effektiver! Die Langeweile und die sinnentleerte Belanglosigkeit gibt man mit dem Hut an der Garderobe ab.

Das Leben wird heiliges Erlebnis,  Rausch, Tanz, unter der Vorherrschaft des Dionysischen – es war kein Zufall, dass ausgerechnet Friedrich Nietzsche, der den Gott Dionysos wieder zum Leben erweckte, sich auch  als Lyriker und Komponist im Genre des Liedgesangs versuchte.

Biographie

Andreas Durban arbeitete lange Jahre als Schauspieler an Deutschen Bühnen. Zuletzt war er unter der Intendanz von Manfred Beilharz am Schauspiel Bonn und am Staatstheater Wiesbaden  engagiert.

1998 übernahm er zudem einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Tanz Köln für szenischen Unterricht und Ariengestaltung. Hier begann für Ihn auch die Auseinandersetzung mit dem Genre des Liedgesangs.

In Zusammenarbeit mit den Korrepetitoren Georg Leisse und Hanyoung Yoo erarbeitet er mit Studierenden darstellerische Interpretationsmöglichkeiten von Liedern, Oratorien und Arien. Er inszeniert szenische Liederabende und Opernprojekte. 2008 gründete er mit dem Komponisten Henrik Albrecht die Literatur-Oper Köln. Auch betreut Andreas Durban Gesangsstudierende bei der schauspielerischen Gestaltung ihrer Abschlusskonzerte.

2015 schrieb er das Libretto „Leben, eine Schubertiade“ zur Komposition von Henrik Albrecht, das 2016 mit den Hamburger Symphonikern und dem Hamburger Schubertchor zur Uraufführung kam. 2017 schreibt er im Auftrag der Berliner Philharmoniker das Libretto zu der Kinderoper „Parzival“ (Komposition Henrik Albrecht), die 2018 in der Berliner Philharmonie und im Festspielhaus Baden Baden zur Uraufführung kommt.

Bei „Im Zentrum LIED“ trat er in der Spielzeit 2016 viele Male als Erzähler auf. In der Spielzeit 2017/2018 wird er erstmals auch als Kurator einen Liederabend gestalten.