Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin

Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin –„Treue Liebe dauert lange, überlebet manche Stund‘“

Die Abenteuer des Ritter Peter mit den Silbernen Schlüsseln halten was sie versprechen: gewürzt mit etwas orientalischem Hauch findet sich der Ritter Peter in einer spannenden Abenteuergeschichte um seine Liebste, die schöne Magelone. Seit dem Mittelalter begeisterte die Geschichte immer wieder Leser und inspirierte Autoren zu neuen Versionen.

Die literarische Vorlage: 18 Kapitel romantischer Liebesroman

So schreibt Ludwig Tieck, von der Schlichtheit der Sprache fasziniert, 1797 seinen Liebesroman „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“. Dies ist die bedeutendste literarische Bearbeitung des Stoffes und dazu eine modernisierte Wiederbelebung im Geist der Romantik: Die schöne Magelone hat es Peter, dem Ritter angetan – aber allerlei teils lustig-bizarre Abenteuer, unvorhergesehene Ereignisse halten die beiden vom Happy End ab. Dabei überschlagen sich Ereignisse auch schon einmal, weitet sich die Dramatik in Pathos, folgen Ereignisketten unbeirrt einer absurden, wenn auch – das Ziel fest vor Augen – schlüssigen Dramaturgie.

Tieck liefert mit einer Gliederung, die jedes der 18 Kapitel des Buchs mit einem Lied beendet eine ideale Vorlage für einen Liederzyklus. 15 Kapitel nun hat wiederum Brahms ausgesucht und das op. 33 „Fünfzehn Romanzen, Magelone-Lieder für eine Singstimme und Klavier“ dem Sänger Julius Stockhausen gewidmet. Der führte den Zyklus 1862 erstmals auf. Stockhausen engagierte sich sowieso für die Lieder seines Freundes Brahms stets, war auch bei der Uraufführung des Deutschen Requiem engagiert. Berühmt war er, der als Gesangspädagoge sehr erfolgreich war auch für seine Aufführungen der beiden Schubert’schen Liederzyklen, die Winterreise und die Schöne Müllerin.

Ein spannender mit Abenteuern gespickter Liebesroman

Mit der „Schönen Magelone“ nun gesellte sich in die Liedliteratur ein ganz anders konzipierter Zyklus hinzu als die von Schubert: Hier ist es der Erzähler, der dem Publikum den spannenden Liebesroman erzählt. Der Sänger und der Pianist reflektieren jedes einzelne Kapitel dieser Liebes- und Abenteuergeschichte.

Unglaublich unterschiedliche einzelne Lieder sind so zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt. Welches Schmuckstück in der Liedliteratur die „Schöne Magelone“ wurde sehr schön bei der Aufführung nachvollziehbar, die am 29. September 2017 im Berliner Konzerthaus mit rheinländischer Beteiligung zu sehen war. Auf der Lieder-Seite fanden sich Julian Prégardien, Tenor und Christoph Schnackertz, Klavier – auf der anderen als Erzähler hielt Johannes C. Held, selbst Bariton und Liedsänger mit Leidenschaft die Zuschauer in Bann.

Eine stark erzählte Geschichte

Dass dieser das Stück so tief durchdrungen hatte und sein Vortrag nicht nur bin ins kleinste Detail pointiert war, sondern er während der Lieder den Partnern stets zugeneigt folgte, war ein kluger Schachzug. So hatte es das Publikum leicht, sich vielfältig unterhalten zu fühlen und immer am Ball zu bleiben. Die „Schöne Magelone“ profitierte hier von Helds eigener Erfahrung als Liedsänger, der diese selbstverständliche Nähe zu verdanken ist, die er auf seine Rolle als Erzähler übertrug. Beide vortragende Seiten – Erzähler wie Musiker – blieben so stetig nah an der spannenden Geschichte und lauschten der anderen Partei gebannt, um dann den Ball wieder aufzunehmen.

Brahms‘ pianistische Fundgrube

In den vielen Klangfarben und virtuosen Partien, mit denen Brahms den Pianisten herausfordert, hat Christoph Schnackertz nicht nur virtuos brilliert, sondern es verstanden, das Virtuosentum in den Dienst des Zyklus und somit des künstlerischen Ausdrucks zu stellen. So manche bedeutsame Nebennuance erklang hier – bedeutungsvoll und fein herausziseliert– aber eben nur im Klavier platziert. Wie gerne Schnackertz sich mit solchen komplexen Werken auseinandersetzt, war ihm schon an mancher Vorfreude auf die Herausforderungen des nächsten Stücks anzusehen. Auch die Leyer, die Gitarre und die Zither wurden in das pianistische Klangspektrum eingebunden: Wer im Text folgte, konnte hier stets die Korrespondenzen im Klavier fein eingerichtet finden.

Bewundernswerte sängerische Leistung

Auch der Tenor Julian Prégardien stattete den bunten Blumenstrauß an Liedern mit allen feinsten Facetten aus – hier mit reflektierendem Ton, dort dramatisch, immer den Faden der Geschichte aufgreifend. Obwohl also beschwingt bekamen die Zuhörer die Möglichkeit, sich nicht in der Betrachtung der Geschichte zu verlieren, sondern im retardierenden Lied innezuhalten. Rasant, mit neuem Abenteuer wieder an Fahrt gewinnend, konnten die Zuschauer einer bis zur letzten Note bewundernswerten künstlerischen und sängerischen Leistung folgen.

Ob also besinnliche Reflexion oder so mancher leidenschaftliche Ausbruch – Prégardien fand immer wieder mit großer Selbstverständlichkeit neue Ansätze, den Spannungsbogen schön weiterzutragen. Gestalterisch war es eine große Freude, diesem symbiotischen Liedduo zu lauschen. Der Clou: Das Publikum erfuhr durch die kluge Gestaltung der drei Herren am eigenen Ohr die kompositorische Anlage Brahms‘, unversehens gleich ins nächste Kapitel dieser echten Fortsetzungsserie auf engstem Raum gespült zu werden. Manchmal verharrte daher das Publikum gebannt oder es amüsierte sich zuweilen königlich. Am Ende bedankte es sich bei den Künstlern mit begeistertem Applaus.

Bericht: Sabine Krasemann

© Photos:
Ludwig Tieck, lesend Scherenschnitt von Luise Duttenhofer
Johannes Brahms von Otto Böhler
Galerie: Sabine Krasemann