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Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

„Die Gattung Lied interessiert mich besonders, weil sie interdisziplinär ist!

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

Am 21. Mai geben Sie einen Liederabend im Bonner Beethovenhaus. Was erwartet den Besucher?

Wir sind beide Bonner und dachten, dass wir auch den großen Sohn der Stadt als Liedkomponisten etwas in den Fokus rücken sollten. Beethoven wurde bis Franz Schubert als der große Liedkomponist seiner Zeit gehandelt. Insofern wollen wir sein Liedschaffen auch in diesem Konzert würdigen.

Das Programm des Abends heißt „Ein Jahrhundert in Wien“ und zeigt die musikalische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis hin zu den Anfängen der Atonalität. Wir beginnen mit Liedern von Beethoven und stellen diese immer wieder späteren Vertonungen von Schubert gegenüber. Dabei haben wir auch einige Doppelvertonungen im Programm, in denen zu hören ist, wie Beethoven und Schubert den jeweils gleichen Text interpretiert und musikalisch umgesetzt haben. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Goethes „Kennst Du das Land“ (Mignon), das zweimal zu hören sein wird. Mit den Vier Lieder op. 2 von Arnold Schönberg beschließen wir den Abend und auch das Jahrhundert und begeben uns an die Grenzen der Tonalität.

Grundsätzlich moderieren wir unsere Konzerte auch immer, weil es uns sehr wichtig ist, das Publikum auch über die Moderation mitzunehmen. An diesem Abend wollen wir die Zuhörer mitnehmen nach Wien und sie bekannt machen mit den wichtigsten Liedkomponisten und Dichtern der Zeit wie natürlich Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Matthisson und Richard Dehmel.

Herr Geiger, wie kam es, dass Sie sich für den Weg als Liedbegleiter entschieden haben?

Mich hat das Klavier immer schon fasziniert, weil es so vielseitig ist und ich damit auch auf verschiedene Arten tätig sein kann: solistisch, als Kammermusiker oder eben als Liedbegleiter. Dass ich dabei geblieben bin, war allerdings nicht selbstverständlich, denn nach dem abgeschlossenen Bachelor habe ich mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes zu machen und einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen.

Was wäre die andere Option gewesen?

Ich war an der Cologne Business School und habe mich dort nach dem Studiengang Kulturmanagement erkundigt. Während des Studiums habe ich mich schon im AStA engagiert, außerdem habe ich in einer Gruppe junger Kreativer eine CD eigenständig produziert und ich habe in den Bereich Kulturmanagement reinschnuppern können. 2015 habe ich beispielsweise auch ein Praktikum beim Festival ACHT BRÜCKEN gemacht.

Wieso waren Sie so unschlüssig bzw. warum ist es dann doch das Klavier geblieben?

Am Ende des Bachelor-Studiums hatte ich große Probleme mit dem Allein-Sein eines Pianisten. Gerade über die anderen Projekte habe ich gemerkt, wie gerne ich auch mit anderen arbeite und als Pianist ist man ja doch sehr viel alleine. Die richtige Wahl war dann für mich der Master-Studiengang Liedbegleitung. Ich habe schon vorher mit Sängern gearbeitet und das macht mir große Freude. Außerdem habe ich nun auch selber Gesangsunterricht, was natürlich auch spannend ist, weil ich mich so von zwei Seiten dem Lied nähere und natürlich die Sängerin, mit der ich arbeite, viel besser verstehe.

Wieso konzentrieren sich so wenige Pianisten auf die Liedbegleitung?

Das war natürlich sehr lange Zeit ein Bereich, der als reine Begleitung verschrien war und auch sehr stiefmütterlich angesehen und behandelt wurde. Doch inzwischen sieht man das zum Glück anders, was beispielsweise auch daran zu erkennen ist, dass das Fach inzwischen auch Liedgestaltung heißt. Ab dem „Erlkönig“ und seiner pianistischen Herausforderung ist eigentlich klar, dass es sich bei dem Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt und man im Idealfall auch eine gemeinsame Vorstellung von der Interpretation hat. Ich habe mich immer schon sehr gerne auch mit Literatur beschäftigt und immer schon viel gelesen. Die Gattung Lied fasziniert mich besonders, weil es eine interdisziplinäre Gattung ist.

Frau Harsányi, Ihr gemeinsames Liedduo mit Toni Ming Geiger war ja für ihn ausschlaggebend, um doch beim Klavier zu bleiben und sich auf die Liedgestaltung zu konzentrieren. Wie würden Sie denn als Sängerin das Musizieren im Liedduo beschreiben?

Ich kann nur bestätigen, was Toni gerade schon sagte. Bisher ist es leider noch nicht so sehr verbreitet, dass es sich auch beim Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt. Es ist jedoch auch für den Sänger ein ganz großer Unterschied und deutlich zu spüren, wie der Pianist seine Rolle empfindet.

Seit wann musizieren Sie gemeinsam?

Als festes Duo sind wir beim Beethovenfest 2014 zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten. Vorher kannten wir uns aber auch schon über gemeinsame Projekte innerhalb des Projekts Netzwerk Ludwig van B. von Dr. Solveig Palm. Inzwischen bin ich in Saarbrücken, die Distanzen sind also größer geworden, aber Toni ist als Liedduopartner so gut, dass wir auch größere Distanzen bei unserer Zusammenarbeit in Kauf nehmen.

Was lieben Sie am Lied?

Als Sängerin an der Oper kann ich mich nicht verstecken und ich fühle mich – selbst im Ensemble – doch oft sehr einsam. Beim Lied ist das völlig anders. Ich kann meine ganze Persönlichkeit einbringen, dies aber wiederum im Austausch mit jemand anderem. Ich bin in keinem anderen Bereich als Sängerin so frei, erlaube so intime Einblicke und kann so selbständig und kreativ arbeiten wie in der Gattung Lied. Hinzu kommt natürlich noch, dass es stimmlich sehr interessant ist: ich muss feiner arbeiten, flexibler sein und jedes Konzert ist ein Experiment.

Das Gespräch führte Verena Düren.

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Toni Ming Geiger
Konzert am 21.5.2017

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