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Ton & Erklärung 2018 Preisträgerkonzert

Ton & Erklärung 2018

Preisträgerkonzert am 7.10.2018 in der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf

 

Sonntag, 6. Oktober – ein noch unentschlossener Herbst-Sonntag-Morgen. In der Düsseldorfer Oper präsentiert der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. einem überschaubaren aber sehr interessierten Publikum die diesjährigen Preisträger des Wettbewerbs „Ton und Erklärung“, der in Zusammenarbeit mit der BayerKultur im Juni in Leverkusen ausgetragen wurde.

Thomas Helfrich, Leiter der Abteilung Kultur, Sport & Bildung bei der Bayer AG begrüßte als diesjähriger Partner die Gäste. Den Kulturauftrag der Bayer AG sieht er ganz eng an die Attraktivität des Arbeitsplatzes gekoppelt: Nur ein Ort an dem Kultur und Bildung eine kosmopolitische Grundlage schüfen entstünde Kreativität und neue Ideen. Dies sehe Helfrich als Grundlage für die Weiterentwicklung, den Wandel der Gesellschaft.

Die Bayer AG verstehe das Engagement in Kultur somit auch als ureigensten Bestandteil des unternehmerisches Selbstverständnisses und nicht als von der Unternehmensphilosophie losgekoppelten „Auftrag“.

Nur die lebendige Kulturgemeinschaft lernt, wird inspiriert und probiert Neues aus. Insofern sei die Bombardierung der Neuronen im Gehirn, die heute mit dem Preisträgerkonzert junge Künstler fördere immens wichtig als Investition in die hiesige Infrastruktur.

Im Unterschied zu anderen Wettbewerben sind die Sänger bei „Ton und Erklärung“ angewiesen, ihren kreativen Entwicklungsprozess, ja die intellektuelle Auseinandersetzung welche hinter der Präsentation des jeweiligen Liedes steckt den Zuhörern zu vermitteln.

Selbstredend gestalteten die hauseignen Bayer-Philharmoniker unter Bernhard Steiner das Programm – und taten dies sehr engagiert. So hatten die Sänger einen umsichtigen Partner für die Opern-Einlagen und -Arien.

Als erstes lernte das Publikum den Preisträger Stefan Astakhov kennen. Der Bariton ist erst 21 Jahre alt – nicht nur hat er sicherlich keine  Angst vor der Höhe, sondern er weiß auch zu den ausgewählten Werken viel zu vermitteln und die Zuhörer mit seiner musikalischen Gestaltung zu fesseln!

Auch die Sopranistin Elena Harsányi verstand es versiert und sehr klug beispielsweise über ihre Herangehensweise und Beziehung zur Pamina-Arie „Ach, ich fühl’s“ zu erzählen. Das machte Spaß ihr dann in der Umsetzung folgen zu dürfen.

Gemeinsam mit Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger gestalteten abschließend vor der Preisverleihung Elena Harsányi und Stefan Astakhov „VOID“ von Max-Lukas Hundelshausen. Die Uraufführung verwies in Richtung Lied – war in der Symbiose von Mensch (Künstler) und Technik (Elektronik) unterwegs. Es gelang eine musikalische Entdeckungsreise nach dem „unendichen Lied der Welt“ in der der Sänger oder auch der Dichter Gefäß für Kräfte wird, die größer sind als er selbst.

Getreu der Aufgaben, die ein Netzwerk hat, hat die Liedwelt in Zuge der Planung eines Liedsommer 2019 mit dem Bayer-Kulturchef Kontakt aufgenommen, denn schließlich wollen auch wir den Nachwuchs fördern und gerne Gemeinsames gestalten.

Der stimmungsvolle Preisträger-Konzert-Vormittag wurde logischerweise abgeschlossen mit der Preisverleihung an die beiden jungen Künstler, denen die Liedwelt zu ihrer Auszeichnung herzlich gratuliert.

Nachwort: Leider litt die schöne Veranstaltung unter teils dilettantischer Abwicklung der Veranstaltung. Da wundert man sich doch, wenn ein Musiker während die Uraufführung gespielt wird noch einmal zu seinem Platz eilt und gleich wieder verschwindet und nach dem „Umbau“ für das abschließende kammermusikalische Stück die Bühne völlig unaufgeräumt bleibt wie in einer „Probensituation“ – und in dieser Kulisse dann auch die feierliche Preisverleihung stattfindet.

Auch bei manchem Techniker, der im Schlabberlook während des Ablaufs über die Bühne eilte erschloss sich nicht warum solche Abläufe öffentlich passieren. Auch die Frage wohin mit dem Mikrophon nach der Anmoderation hätte sicherlich galanter (Pultablage) gelöst werden können ohne den Ablauf zwischen Moderation (Erklärung) und Umsetzung (Ton) zu unterbrechen: Auch hier eilte jedes Mal ein Techniker herbei, nur um das Mikrophon zu sichern. Das wunderte doch.

Die Liedwelt bedankt sich sehr bei Amelie Amann vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. für die Einladung zum Konzert und freut sich auf die Fortsetzung dieser Partnerschaft.

Text und Photos: Sabine Krasemann
Photo der Preisträger mit Brigitte Fassbender © Kulturkreis | C.  Peuserdesign

Dichter.Liebe! – Romantik trifft auf Poesie – Konzert am 10.6.2018

Dichter.Liebe! Romantik trifft auf Poesie

Das Kölner Ensemble Eikona bringt als Koproduktion der Stadt Köln und des 21. Bonner Schumannfests das Lied auf die Bühne. Auf kleinem Bühnenraum entsteht ein faszinierender Dialog aus Musik und Theater, gestaltet von Fabio Lesuisse (Gesang), Toni Ming Geiger (Klavier) und Kai Anne Schumacher (Regie und Figurenspiel). Dafür standen gleich zwei ausgewählte Liederzyklen auf dem Programm: Schumanns „Dichterliebe“ und Vaughan Williams „Songs of Travel“ nach Texten von Robert Louis Stevenson.

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht. Nachdem der Bariton Fabio Lesuisse das erste Lied aus der „Dichterliebe“, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, vorgetragen hatte, wurde schnell deutlich: Es handelt sich um keinen Geringeren als den Dichter und Journalisten Heinrich Heine, der von der ewig tragikomischen Geschichte scheiternder Beziehungen durchschüttelt wird.

Überzeugendes Wechselspiel in subtilem Puppenspiel

Die Regisseurin Kai Anne Schumacher haucht dem Dichterfürsten in Gestalt einer Puppe überzeugend Leben ein und begleitet so das Wechselspiel von Lied und Schauspiel auf der Bühne. Überhaupt ist es diese Handpuppe Heine, die eine fast schon zärtliche Melancholie in die ohnehin eindrucksvolle Vielschichtigkeit der Gedichte Heinrich Heines hineinträgt. Menschliches, Allzumenschliches verbindet Kai Anne Schumacher mit großer Kunstfertigkeit im subtilen Puppenspiel.

Die Puppe hat schließlich nicht Teil am Leben – und doch darf sie immer wieder die Stimme des Baritons Lesuisse borgen. Damit wird ihr eine fast schon unheimliche Bühnenpräsenz zuteil. Denn das Lied als Leihgabe wird ihr auf diese Weise eigen und fremd zugleich. Gerade diese Ambivalenz weiß der Pianist Toni Ming Geiger gekonnt aufzunehmen. Sein absolut differenziertes und zugleich leichtes Klavierspiel erschafft ebenjene atmosphärische Verdichtungen, die sowohl der musikalischen Komplexität der Dichterliebe als auch der vielschichtigen Lyrik Heines mehr als gerecht werden. Es ist eben der nur scheinbar naiv-harmlose Volksliedton, der keinesfalls darüber hinwegtäuschen sollte, welche überraschenden Klangbilder das Ensemble Eikona für die Reise ihres Dichterhelden findet.

Spiel mit historischen Ungleichzeitigkeiten durch manifeste Gegenwartsbezüge

Vor Überraschungen ist man auch als Zuschauer nicht gefeit, denn manchmal hat sogar die Puppe die Fäden in der Hand: So waltet die Handpuppe Heine zeitweilig über ihre eigene Rezeptionsgeschichte und verliest spöttisch eine bissige Kritik Marcel Reich-Ranickis über ihn selbst – Heinrich Heine. Das Ensemble Eikona hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst charmant mit solchen historischen Ungleichzeitigkeiten zu spielen und verschafft damit auch dem vermeintlich verstaubten Lied ganz manifeste musikalische Gegenwartsbezüge. Leiht der Bariton Lesuisse dem Dichter Heine seine kraftvolle Stimme, ertönen die inniglich vorgetragenen „Alten bösen Lieder“.

Dann wieder ist es Vaughan Williams „Youth and Love“, das den rastlosen Dichter zu weiteren Sehnsuchtsorten – aber auch zu ganz konkreten Zielen wie beispielsweise zum Kölner Dom – treibt. Obschon das letzte Lied aus der „Dichterliebe“ voll mit „wildem Schmerzensdrang“ verklingt, gibt es keinen Grund zum Grollen – ganz im Gegenteil: Dem Ensemble Eikona gelingt es, humorvoll und mit zärtlicher Ironie ästhetische Illusionen im Sinne unendlicher romantischer Annäherung gekonnt zu durchbrechen. Es ist sicherlich nicht ihr letztes Lied.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Paul Leclaire

Konzert am 10. Juni 2018 im Rahmen des Bonner Liedsommers

Konzert am 29. Juni 2018 im Kölner Blue Shell

Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln

Aufbruch – Sehnsucht – Suche – Verlust – Konzert am 2.2.2018

Aufbruch – Sehnsucht – Suche – Verlust

In Musik, Literatur und Film – überall spüren wir der Heimat nach, oft erst wenn sie verloren geht, wird sie als Ort der Sehnsucht vor dem Hintergrund des Verlusts in ihrer Bedeutung relevant.

Vor diesem Hintergrund hat sich Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger für sein Masterkonzert am 2.2.2018 mit dem Begriff vielfältig auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Konzert, das deutlich auf die Rückkoppelung in der Sprache reflektiert.  Frederik Schauhoff trug als Sprecher einstimmende Texte zu Aufbruch, Sehnsucht und Suche vor – reflektiert von der Gesangspartnerin Elena Harsányi (Sopran) und Toni Ming Geiger (Klavier) wurden diese kunstvoll vernetzten Gedanken in Liedern von Schumann (Wanderung, Schöne Wiege meiner Leiden und Kennst du das Land), Eisler (Die Heimat, An eine Stadt, Erinnerung) und Wolf (Heimweh, Mir ward gesagt, du reisest, Mignon II, Lied vom Winde) verwoben. Die Intensität ließ die Lieder der ersten Konzerthälfte zu einem drängenden Halbfinale kommen.

In der Pause hatte jeder Konzertbesucher die Möglichkeit, sich über Erlebtes auszutauschen. Dies auch mit „Fremden“ zu tun, dazu lud die Pinnwand im Foyer ein: Jeder war gebeten, seinen Begriff von Heimat kurz festzuhalten. Hier fand sich Vielfältiges und Phantasievolles, das zeigte, wie emotionsvoll alles um den Begriff „Heimat“ ist:

  • wo ich geliebt wurde
  • Familie + Heimatstadt
  • FC
  • Der Ort, wo man man selbst sein kann!
  • Heimat ist nicht von dieser Welt
  • …..

Nach der Pause erklangen Folksong-Arrangements von Britten und der Liederkreis op. 39 von Schumann – womit auch eine kompositorische Brücke zum Konzertbeginn geschlagen war. Spannend hierzu die Lesung aus Eichendorffs „Entwurf einer Lebensbeschreibung“ – das Bild des Einsiedlers entstand. Einsamkeit, Fremde und Heimat gehören doch als Trio dicht zusammen.

Der Kammermusiksaal der Hochschule war bis auf den letzten Platz besetzt und die Zuschauerschar hatte auch nach dem Konzert Gelegenheit, mit einem Glas Kölsch den kulinarischen Aspekt der Heimatverbundenheit zu testen.

Die Liedwelt Rheinland gratuliert Toni Ming Geiger ganz herzlich zu der bestandenen Master-Prüfung!

Photos und Text: Sabine Krasemann

„Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.“ – Interview Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

„Die Gattung Lied interessiert mich besonders, weil sie interdisziplinär ist!

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

Am 21. Mai geben Sie einen Liederabend im Bonner Beethovenhaus. Was erwartet den Besucher?

Wir sind beide Bonner und dachten, dass wir auch den großen Sohn der Stadt als Liedkomponisten etwas in den Fokus rücken sollten. Beethoven wurde bis Franz Schubert als der große Liedkomponist seiner Zeit gehandelt. Insofern wollen wir sein Liedschaffen auch in diesem Konzert würdigen.

Das Programm des Abends heißt „Ein Jahrhundert in Wien“ und zeigt die musikalische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis hin zu den Anfängen der Atonalität. Wir beginnen mit Liedern von Beethoven und stellen diese immer wieder späteren Vertonungen von Schubert gegenüber. Dabei haben wir auch einige Doppelvertonungen im Programm, in denen zu hören ist, wie Beethoven und Schubert den jeweils gleichen Text interpretiert und musikalisch umgesetzt haben. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Goethes „Kennst Du das Land“ (Mignon), das zweimal zu hören sein wird. Mit den Vier Lieder op. 2 von Arnold Schönberg beschließen wir den Abend und auch das Jahrhundert und begeben uns an die Grenzen der Tonalität.

Grundsätzlich moderieren wir unsere Konzerte auch immer, weil es uns sehr wichtig ist, das Publikum auch über die Moderation mitzunehmen. An diesem Abend wollen wir die Zuhörer mitnehmen nach Wien und sie bekannt machen mit den wichtigsten Liedkomponisten und Dichtern der Zeit wie natürlich Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Matthisson und Richard Dehmel.

Herr Geiger, wie kam es, dass Sie sich für den Weg als Liedbegleiter entschieden haben?

Mich hat das Klavier immer schon fasziniert, weil es so vielseitig ist und ich damit auch auf verschiedene Arten tätig sein kann: solistisch, als Kammermusiker oder eben als Liedbegleiter. Dass ich dabei geblieben bin, war allerdings nicht selbstverständlich, denn nach dem abgeschlossenen Bachelor habe ich mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes zu machen und einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen.

Was wäre die andere Option gewesen?

Ich war an der Cologne Business School und habe mich dort nach dem Studiengang Kulturmanagement erkundigt. Während des Studiums habe ich mich schon im AStA engagiert, außerdem habe ich in einer Gruppe junger Kreativer eine CD eigenständig produziert und ich habe in den Bereich Kulturmanagement reinschnuppern können. 2015 habe ich beispielsweise auch ein Praktikum beim Festival ACHT BRÜCKEN gemacht.

Wieso waren Sie so unschlüssig bzw. warum ist es dann doch das Klavier geblieben?

Am Ende des Bachelor-Studiums hatte ich große Probleme mit dem Allein-Sein eines Pianisten. Gerade über die anderen Projekte habe ich gemerkt, wie gerne ich auch mit anderen arbeite und als Pianist ist man ja doch sehr viel alleine. Die richtige Wahl war dann für mich der Master-Studiengang Liedbegleitung. Ich habe schon vorher mit Sängern gearbeitet und das macht mir große Freude. Außerdem habe ich nun auch selber Gesangsunterricht, was natürlich auch spannend ist, weil ich mich so von zwei Seiten dem Lied nähere und natürlich die Sängerin, mit der ich arbeite, viel besser verstehe.

Wieso konzentrieren sich so wenige Pianisten auf die Liedbegleitung?

Das war natürlich sehr lange Zeit ein Bereich, der als reine Begleitung verschrien war und auch sehr stiefmütterlich angesehen und behandelt wurde. Doch inzwischen sieht man das zum Glück anders, was beispielsweise auch daran zu erkennen ist, dass das Fach inzwischen auch Liedgestaltung heißt. Ab dem „Erlkönig“ und seiner pianistischen Herausforderung ist eigentlich klar, dass es sich bei dem Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt und man im Idealfall auch eine gemeinsame Vorstellung von der Interpretation hat. Ich habe mich immer schon sehr gerne auch mit Literatur beschäftigt und immer schon viel gelesen. Die Gattung Lied fasziniert mich besonders, weil es eine interdisziplinäre Gattung ist.

Frau Harsányi, Ihr gemeinsames Liedduo mit Toni Ming Geiger war ja für ihn ausschlaggebend, um doch beim Klavier zu bleiben und sich auf die Liedgestaltung zu konzentrieren. Wie würden Sie denn als Sängerin das Musizieren im Liedduo beschreiben?

Ich kann nur bestätigen, was Toni gerade schon sagte. Bisher ist es leider noch nicht so sehr verbreitet, dass es sich auch beim Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt. Es ist jedoch auch für den Sänger ein ganz großer Unterschied und deutlich zu spüren, wie der Pianist seine Rolle empfindet.

Seit wann musizieren Sie gemeinsam?

Als festes Duo sind wir beim Beethovenfest 2014 zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten. Vorher kannten wir uns aber auch schon über gemeinsame Projekte innerhalb des Projekts Netzwerk Ludwig van B. von Dr. Solveig Palm. Inzwischen bin ich in Saarbrücken, die Distanzen sind also größer geworden, aber Toni ist als Liedduopartner so gut, dass wir auch größere Distanzen bei unserer Zusammenarbeit in Kauf nehmen.

Was lieben Sie am Lied?

Als Sängerin an der Oper kann ich mich nicht verstecken und ich fühle mich – selbst im Ensemble – doch oft sehr einsam. Beim Lied ist das völlig anders. Ich kann meine ganze Persönlichkeit einbringen, dies aber wiederum im Austausch mit jemand anderem. Ich bin in keinem anderen Bereich als Sängerin so frei, erlaube so intime Einblicke und kann so selbständig und kreativ arbeiten wie in der Gattung Lied. Hinzu kommt natürlich noch, dass es stimmlich sehr interessant ist: ich muss feiner arbeiten, flexibler sein und jedes Konzert ist ein Experiment.

Das Gespräch führte Verena Düren.

LiedweltLinks

Toni Ming Geiger
Konzert am 21.5.2017

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