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Gottesmutter als Mensch – Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Zu einem Dreier-Gespräch waren einer der Programm-Macher von RheinVokal, Jörg Lengersdorf, Sängerin Christiane Oelze und Pianist Eric Schneider vor dem Konzert auf Schloss Engers versammelt.

Die beiden Musiker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft – genau genommen sogar seit dem Studium! Mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf fing alles an, so erzählte Oelze. Doch an diesem Abend stand im Diana-Saal ein ganz anderes Werk auf dem Programm, nämlich Hindemiths „Marienleben“, ein Liedzyklus in 15 Teilen, basierend auf Texten von Rainer Maria Rilke.

Hindemiths „Marienleben“, gepaart mit Schubert-Liedern

Dieser Zyklus gehört erst seit wenigen Jahren zum festen Repertoire des Liedduos: „Für dieses Werk braucht man eine reifere Stimme“, so Oelze im Einführungsgespräch, „außerdem sind natürlich auch die Texte nicht ohne und erfordern großes Textverständnis“.

Rilke wirft in seinen Texten einen sehr menschlichen Blick auf die Figur der Maria und lässt sie als Menschen, als Frau und später als leidende Mutter erscheinen. Auch die Musik Paul Hindemiths beschreibt Maria als Mensch und weniger als Gottesmutter. Seine Musik ist anspruchsvoll, dramatisch und stellt höchste Ansprüche an Sängerin und Pianisten. Daher haben Oelze und Schneider ihr Programm für diesen Abend um Schubert-Lieder ergänzt, die den Hindemith immer wieder unterbrechen. „Sie dürfen auch mal träumen und sich zurücklehnen“, so Schneider im Gespräch. Ausgewiesene Marienlieder gibt es nur wenige von Schubert, aber diese erklingen.

Menschliche Darstellung der Gottesmutter

Wie sehr Christiane Oelze und Eric Schneider sich mit den Texten Rilkes und der Musik Hindemiths auseinandergesetzt haben, zeigte sich sehr schnell im anschließenden Konzert: Nach Schuberts „Ave Maria“ folgte ein Block HINDEMITH?? mit der Geburt Mariä, der Darstellung Mariä im Tempel, Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung. Die komplexen Anforderungen an die Sängerin in Form von kniffligen Rhythmen und facettenreichem Ausdruck setzte Oelze klug um und begeisterte mit ihrem warmen Timbre und Feingefühl für Text und Musik. Eric Schneider am Klavier stand ihr in diesen Dingen in nichts nach. Die fast zärtliche Situation der Geburt, ebenso auch die gleichsam intime Begegnung zwischen Maria und dem Verkündigungsengel sowie die tatsächliche Schwangerschaft mit allen Beschwerden wurden für das Publikum anschaulich.

Oelze und Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen und ein menschliches und berührendes musikalisches Porträt Mariäs zu zeichnen. Ob es nun der wütende Argwohn Josephs angesichts der ungeklärten Schwangerschaft war, die Geburt Christi mit dem Wissen und der Ahnung, dass in dieser Nacht etwas Bedeutendes geschieht bis hin zum Mutterstolz, der sie Jesu zum Wunder in Kana drängen lässt – und damit vielleicht die Weichen stellt zu seiner späteren Verurteilung und seinem Tod.

Anrührende Interpretation

Ergreifend stellten die beiden Musiker das Leid Mariä nach dem Tod des Sohnes dar, in dem es weniger um die Bedeutung für die gesamte Menschheit geht, sondern vielmehr um Wut und Trauer einer Mutter, die ihr Kind zu Grabe tragen muss – „und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur“.

Die eingebundenen Schubert-Lieder bildeten einen Rahmen für das Geschehen, waren zugleich auch immer auf aktuelle Stimmung in Hindemiths Zyklus abgestimmt, bildeten Spiegel oder Übergang zu dem nächsten Hindemith-Block. Euphorisch reagierte das Publikum am Ende des Abends mit langem Applaus und stehenden Ovationen für einen hochkarätigen und ganz besonderen Liederabend! Als Dank für den anhaltenden Applaus wurde das Publikum mit einem Schubert-Lied in den lauen Sommerabend entlassen.

Rheinischer Kultursommer 2018

Text: Verena Düren
Photo © Pixabay: WikiImages: Maria – die Immerwährende Hilfe

Konzert am 13. Juli im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018
Interview mit Christiane Oelze

 

 

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

Interview mit Christiane Oelze

 

Christiane Oelze, 2017

Frau Oelze, wir blicken heute gespannt auf Ihr nächstes Konzert in Köln, den Orgelliederabend mit dem Organisten Ulrich Brüggemann am 13.Mai 2018 in der St. Nikolaus Kirche in Köln Sülz.

Die Klangmöglichkeiten, die sich sängerisch im Zusammenspiel mit dem Instrument Orgel bieten, faszinieren mich schon länger und ich bin sehr froh, dass eine glückliche Fügung den Organisten am Kölner Dom, Ulrich Brüggemann, und mich für dieses Projekt zusammengeführt hat. Wir haben uns in Köln bei meiner Aufführung des „Marienleben“ von Paul Hindemith in St. Peter im Rahmen der Liedreihe „Im Zentrum Lied“ vor zwei Jahren kennengelernt. Er gratulierte mir, stellte sich vor, und ich fragte ihn, ob er Lust hätte, zum Beispiel die Wesendonck-Lieder mit mir auf der Orgel zu spielen. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren öfter verabredet und Lieder und Arien aus Oratorium und sogar Oper geprobt und aufgeführt.

Diesen Liederzyklus nach Gedichten seiner Muse Mathilde Wesendonck hat Wagner 1857/58 ja zunächst für Klavier und Sopran geschrieben. Dieser tief empfundene Liedzyklus hat aber bis in die heutige Zeit hin Künstler zu verschiedensten Transkriptionen inspiriert: Felix von Motti in der Fassung für Orchester und Singstimme, Bearbeitungen für Streichinstrument und Klavier, Harmonium, Chorgesang, die Version für Kammerorchester von Hans Werner Henze und die Orchestrierung von Wagner selbst…

Ja, und aus diesen Arrangements sticht die Bearbeitung für Sopran und Orgel von Hans Peter Eisenmann heraus. Die Farbkraft und die orchestralen Möglichkeiten der Orgel bieten der Stimme ganz einzigartige Möglichkeiten der Klangentwicklung und Klangverschmelzung. Ulrich Brüggemann und ich konnten dies bereits einige Male auch im Kölner Dom erleben. Ich wurde gebeten, dort einen Gottesdienst zum Valentinstag mitzugestalten und wir haben die Arie der Rusalka, „An den Mond“ von Dvorak, aufgeführt. Es war für mich so bereichernd, mitzuerleben, mit wie viel Können Ulrich Brüggemann, der auch die meisten der täglichen Messen im Kölner Dom an der Orgel bestreitet, dieses Lied für die besonderen Gegebenheiten der Orgel im Zusammenspiel mit der Stimme arrangiert hat. Wir haben jedoch auch originale, für Sopran und Orgel konzipierte Werke gefunden für den Liederabend, so die drei Lieder des Zyklus „Les Angélus“ von Louis Vierne. Die Orgel bietet einerseits den Manualen und dem Pedal zugeordnete Register, die Instrumente, vor allem Holzbläser und Trompete, Posaune, und sogar die menschliche Stimme („Vox humana“) imitieren, aber auch solche Register, die als Grundstimmen den spezifischen Orgelklang ausmachen. Das macht den Gesamtklang so überaus reich und unglaublich vielschichtig und vielseitig.

Wie können wir uns das Miteinander von Orgel und Stimme genau vorstellen?

Das Miteinander von Stimme und Orgel ermöglicht es, selbst mir lange schon bekannte Lieder, wie z.B. Gustav Mahlers Lieder „Aus des Knaben Wunderhorn“ oder Lieder aus dem „Spanischen Liederbuch“ von Hugo Wolf neu zu hören und stimmlich neu zu erleben. Der Gesang breitet sich in Kombination mit der Orgel anders aus, die Stimme verschmilzt teilweise mit den verschiedenen instrumentalen Orgelregistern, so dass neue, ungehörte Klangereignisse entstehen. Dies um so mehr, als Ulrich ein unglaublich versierter und erfahrener Solist ist, der auch eine große Liebe zum Lied und zu den Möglichkeiten der menschlichen Stimme hat. In diesem Sinne hat er bereits mit Künstlern wie Franz-Josef Selig, Anna Lucia Richter und Thomas Heyer gearbeitet und auch regelmäßig mit den Chören der Kölner Dommusik.

Ein Liedprogramm in der Kirche von der Empore aus ist auch für eine so erfahrene Liedinterpretin wie Sie ein ungewöhnliches Umfeld.

Was auch einen zunächst ganz ungewohnten Reiz ausübt, da das Klangerleben im Raum der Kirche so der dramatische Mittelpunkt des Konzerts ist und andere, äußerliche Faktoren, die sonst bei einem Liederabend eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Kleiderordnung, in den Hintergrund treten. Der Zuhörer kann sich ganz auf den Klang, die Stimme, und die Orgel, konzentrieren.
Zusätzlich geben die verschiedenen Werke der Spätromantik ganz unterschiedliche poetische Welten wieder. Diese sind ganz anders als bei Barock-Kantaten oder Kirchenliedern, bei denen sich Orgel und menschliche Stimme sonst im Raum einer Kirche treffen.

Spiegelt sich dies im Aufbau Ihres Programmes wider?

Wir haben die Zusammenstellung so gewählt, dass es für den Hörer neben den verschiedenen Facetten der Kombination von Stimme und Orgel auch romantische Orgelwerke im Konzert gibt.

Sie sind dieses Jahr mit vielen verschiedenen musikalischen Partnern unterwegs…?

Ich glaube, dass die Freude an Neuem, die Flexibilität im Alltag und auch im Beruf als Sängerin sich durch mein Leben ziehen. In den letzten Jahren habe ich nicht zuletzt über die Zusammenarbeit mit ganz verschiedenen künstlerischen Kollegen und Instrumentenkombinationen zu neuen Ausdrucksformen gefunden. Es ist mir auf diese Weise noch bewusster geworden, dass das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück bedeuten, auch jenseits der alltäglichen Routine des Sängerberufs. Im Wandel der Zeiten gelingt es mir, immer neue stimmliche Nuancen für mich zu entdecken. Dies gilt ebenso für mein privates Unterrichten. Ich bin glücklich, wenn ich an der stimmlichen Entwicklung von jungen Sängerinnen und Kolleginnen teilhaben und sie darin unterstützen kann. Und ich denke, dass das Lied als Gattung uns Sängern hierbei in den ganz unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen eine unschätzbare Möglichkeit bietet, zu dem jeweils ganz individuellen stimmlichen Klangausdruck zu finden.

…und das ist es ja auch, was dann den „Funken“ beim Zuhörer überspringen lässt…

Ich wünsche mir, dass es in jedem Liederabend Momente gibt, in denen Poesie und Musik so miteinander verbunden sind, dass wir für die Zuhörer berührende Augenblicke schaffen, die sie ihrer Gefühlswelt näherbringen. Und dafür lohnt es sich, auch andere Klangräume auszuloten wie nun die Kirche St. Nikolaus in Köln-Sülz, für einen weiteres Orgel-Recital das Kloster Springiersbach an der Mosel, oder auch eine Kirche in Sligo, Irland, wo ich Anfang Mai mit dem Vogler-Quartett und Jonathan Ware Lieder von Fauré, Schubert, Schumann, Reynaldo Hahn und Benjamin Britten aufführen werde. Es wäre schön, auf diese Weise nicht nur Menschen zu erreichen, die auch in einen „klassischen Liederabend“ gehen würden, sondern auch Besucher, die die Kirche als spirituellen Raum für sich erleben.

Welche weiteren Projekte liegen Ihnen in diesem Jahr noch besonders am Herzen?

Neben der Zusammenarbeit mit Eric Schneider für „Das Marienleben“ von Hindemith bei Rheinvokal, mit dem Brüsseler Nationalorchester mit „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss und den „Altenberg-Liedern“ von Alban Berg freue ich mich in diesem Jahr besonders auf die Projekte mit dem Vogler Quartett, nicht nur bei den Internationalen Kammermusiktagen in Sligo, Irland sowie in Homburg an der Saar, sondern auch bei der Aufführung der „Letters from Lony“, die am 9. November in Stralsund stattfinden wird.

Das Datum der Reichspogromnacht ist nicht zufällig?

Nein, gewiss nicht. „Letters from Lony“ ist eine behutsame kammermusikalische Vertonung von Ronald Corp für Streichquartett und Mezzosopranstimme aus dem vergangenen Jahr. Lony Rabl-Fraenkel war vor der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zunächst nach Amsterdam geflohen. Dort schrieb sie ihrer nach England geflohenen Familie und dem Enkel, den sie wegen ihrer Ermordung im KZ im Jahr 1944 nie kennenlernen konnte, von 1938 bis zu ihrer Verschleppung ins Konzentrationslager 1943/44 viele Briefe. Der Enkel von Lony Rabl-Fraenkel stellte diese ergreifenden Dokumente vor einigen Jahren dem Komponisten Ronald Corp zur künstlerischen Verarbeitung zur Verfügung. Das Lesen und Erkunden dieser Briefe und die ersten Proben für dieses Projekt sind für mich bereits sehr bewegend gewesen, und das gemeinsame Erarbeiten dieses Werkes mit dem Vogler Quartett ist für mich ein besonderer Klang in den sängerischen Aufgaben dieses Jahres.

Hierfür wünschen wir Ihnen alles Gute, Frau Oelze und danken ganz herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Photo © Christiane Oelze | Natalie Bothur ++ Weiterverwendung nur nach Absprache

Zum Orgelliederabend am 13. Mai 2018