Archiv der Kategorie: Liedsommerbericht

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Thomas Mann-Lieder-Lesung beim Bonner Liedsommer

Nicht selten steht bei einem Liederabend die Musik im Vordergrund, der Textdichter spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur in Verbindung mit der Vertonung seines Textes eine Rolle. Dass der literarische Hintergrund oder gar die literarischen Folgen nicht minder interessant sein können, das zeigten bei einem Liederabend im Bonner Augustinum die Pianistin Kristi Becker, Frauke May (Mezzosopran) und der Moderator Michael Schwalb.

Zusammen spürten sie den literarisch-musikalischen Zusammenhängen im Werk Thomas Manns nach, speziell im Hinblick auf Lieder, die dieser in seinem Schaffen literarisch verewigt hat. Und davon gibt es einige, von Schubert, Schumann, Wolf, Lassen und Brahms, zumeist bekannte Perlen des Repertoires, die sich im Zauberberg, Dr. Faustus und Co. wiederfinden. Für den ohnehin sehr musikaffinen Mann hatte das Kunstlied eine ganz besondere Bedeutung, die sich an diesem Abend einmal mehr offenbarte: auf der Suche nach den Wurzeln der deutschen Seele, nach Innerlichkeit und Tiefe griff der Autor immer wieder auf Bezüge zu dieser wohl deutschesten alles Musikgattungen zurück und benutzte sie als Illustration für seine literarischen Aussagen.

Einführungen in diese literarisch-musikalischen Zusammenhänge gewährte WDR-Moderator Michael Schwalb, der ebenso eloquent wie kenntnisreich in die Konzeption und Hintergründe des Liederabends einführte. Zu hören gab es neben Auszügen aus Franz Schuberts Winterreise und Robert Schumanns Liederkreis auch Goethe-Lieder von Hugo Wolf, den letzten der Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und – eine absolute Rarität – eine Heine-Vertonung von Brahms-Zeitgenosse Eduard Lassen.

Stimmiger Gesamtklang

Die Lieder waren bei Kristi Becker und Frauke May in den besten Händen, zusammen mit der Moderation ergab sich ein stimmiger Gesamtklang aus Wort und Musik, der beim gemeinsamen Austausch mit den Künstlern nach dem Konzert in einem gemütlichen Rahmen ausklang. Denn auch das ist eine Qualität des Liedsommers: Nach dem Konzert bleibt es nicht minder spannend.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Thomas Kölsch

Rheinischer Kultursommer 2018

Konzert am 3. August im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

Romantik mit Geschichte

Romantik mit Geschichte

THOMAS MANN UND SEINE LIEDER – von Michael Zerban

Genau das Richtige am Hochsommer-Abend: Eine Lieder-Lesung mit Koryphäen.

Zu lesen bis Montag, 6.8.2018 kostenfrei bei unserem Medienpartner O-Ton

„May gelingt es, die alten Lieder mit Frische und Aplomb vorzutragen, so dass die knapp anderthalb Stunden des Vortrags verfliegen. …. Am Flügel sitzt Kristi Becker, eigentlich Spezialistin für Neue Musik, die aber schnell zeigt, dass sie auch als Liedbegleiterin eine hervorragende Figur macht. … Die Moderation des Journalisten geht weit über das Übliche hinaus“

Photo © Michael Zerban

Liedkunst in Vollendung

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Zentrifuge alles andere als alltäglich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Alles andere als alltäglich war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photos © KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018

Unbekannter Rilke

Unbekannter Rilke – „perfektes Zusammenspiel“

Es ist Sonntag, der 2. Januar des Jahres 1927. Im Wallis ist es bitterkalt. Die Geigen-Virtuosin Alma Moodie spielt in der Kirche ein Stück von Johann Sebastian Bach. Dann geht es auf den Friedhof von Raron. „Seine Einfriedung gehört zu den ersten Plätzen, von denen aus ich Wind und Licht dieser Landschaft empfangen habe, zusammen mit allen den Versprechungen, die sie mir, mit und in Muzot, später sollte verwirklichen helfen“, hatte Rainer Maria Rilke am 27. Oktober 1925 geschrieben. Sein letzter Wille wird ihm erfüllt. =>weiterlesen bei O-Ton

Kostproben

Das ist große Kunst, zumal das Niveau bei der Auswahl der Lieder sehr hoch liegt.

Chapeau!

Photo © Michael Zerban

Gottesmutter als Mensch – Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Zu einem Dreier-Gespräch waren einer der Programm-Macher von RheinVokal, Jörg Lengersdorf, Sängerin Christiane Oelze und Pianist Eric Schneider vor dem Konzert auf Schloss Engers versammelt.

Die beiden Musiker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft – genau genommen sogar seit dem Studium! Mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf fing alles an, so erzählte Oelze. Doch an diesem Abend stand im Diana-Saal ein ganz anderes Werk auf dem Programm, nämlich Hindemiths „Marienleben“, ein Liedzyklus in 15 Teilen, basierend auf Texten von Rainer Maria Rilke.

Hindemiths „Marienleben“, gepaart mit Schubert-Liedern

Dieser Zyklus gehört erst seit wenigen Jahren zum festen Repertoire des Liedduos: „Für dieses Werk braucht man eine reifere Stimme“, so Oelze im Einführungsgespräch, „außerdem sind natürlich auch die Texte nicht ohne und erfordern großes Textverständnis“.

Rilke wirft in seinen Texten einen sehr menschlichen Blick auf die Figur der Maria und lässt sie als Menschen, als Frau und später als leidende Mutter erscheinen. Auch die Musik Paul Hindemiths beschreibt Maria als Mensch und weniger als Gottesmutter. Seine Musik ist anspruchsvoll, dramatisch und stellt höchste Ansprüche an Sängerin und Pianisten. Daher haben Oelze und Schneider ihr Programm für diesen Abend um Schubert-Lieder ergänzt, die den Hindemith immer wieder unterbrechen. „Sie dürfen auch mal träumen und sich zurücklehnen“, so Schneider im Gespräch. Ausgewiesene Marienlieder gibt es nur wenige von Schubert, aber diese erklingen.

Menschliche Darstellung der Gottesmutter

Wie sehr Christiane Oelze und Eric Schneider sich mit den Texten Rilkes und der Musik Hindemiths auseinandergesetzt haben, zeigte sich sehr schnell im anschließenden Konzert: Nach Schuberts „Ave Maria“ folgte ein Block HINDEMITH?? mit der Geburt Mariä, der Darstellung Mariä im Tempel, Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung. Die komplexen Anforderungen an die Sängerin in Form von kniffligen Rhythmen und facettenreichem Ausdruck setzte Oelze klug um und begeisterte mit ihrem warmen Timbre und Feingefühl für Text und Musik. Eric Schneider am Klavier stand ihr in diesen Dingen in nichts nach. Die fast zärtliche Situation der Geburt, ebenso auch die gleichsam intime Begegnung zwischen Maria und dem Verkündigungsengel sowie die tatsächliche Schwangerschaft mit allen Beschwerden wurden für das Publikum anschaulich.

Oelze und Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen und ein menschliches und berührendes musikalisches Porträt Mariäs zu zeichnen. Ob es nun der wütende Argwohn Josephs angesichts der ungeklärten Schwangerschaft war, die Geburt Christi mit dem Wissen und der Ahnung, dass in dieser Nacht etwas Bedeutendes geschieht bis hin zum Mutterstolz, der sie Jesu zum Wunder in Kana drängen lässt – und damit vielleicht die Weichen stellt zu seiner späteren Verurteilung und seinem Tod.

Anrührende Interpretation

Ergreifend stellten die beiden Musiker das Leid Mariä nach dem Tod des Sohnes dar, in dem es weniger um die Bedeutung für die gesamte Menschheit geht, sondern vielmehr um Wut und Trauer einer Mutter, die ihr Kind zu Grabe tragen muss – „und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur“.

Die eingebundenen Schubert-Lieder bildeten einen Rahmen für das Geschehen, waren zugleich auch immer auf aktuelle Stimmung in Hindemiths Zyklus abgestimmt, bildeten Spiegel oder Übergang zu dem nächsten Hindemith-Block. Euphorisch reagierte das Publikum am Ende des Abends mit langem Applaus und stehenden Ovationen für einen hochkarätigen und ganz besonderen Liederabend! Als Dank für den anhaltenden Applaus wurde das Publikum mit einem Schubert-Lied in den lauen Sommerabend entlassen.

Rheinischer Kultursommer 2018

Text: Verena Düren
Photo © Pixabay: WikiImages: Maria – die Immerwährende Hilfe

Konzert am 13. Juli im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018
Interview mit Christiane Oelze

 

 

„Tanzen und Springen“ beim Bonner Liedsommer

„Tanzen und Springen“ beim Bonner Liedsommer

Es war eine ganz und gar ungewöhnliche und besondere Atmosphäre beim vierten Konzert im Rahmen des Bonner Liedsommers am 1. Juli: Der Kammerchor Voci di Fuoco Bonn unter der Leitung von Fabian Hemmelmann lud bei sommerlichen Temperaturen zum Konzert ein, bei dem der Ausdruck von Naturempfindungen in der europäischen Vokalmusik zum Thema wurde.

Chorkonzert in besonderer Atmosphäre

Als ganz besonderen Konzertort für dieses naturbezogene Konzert hatten sich die Sänger das Naturkundemuseum Alexander Koenig in Bonn ausgesucht – und zwar nicht etwa den dort vorhandenen Veranstaltungsraum, sondern die Savannenlandschaft, die keinen Zweifel am Thema des Konzerts ließ.

Der Kammerchor Voci di Fuoco, der an diesem Nachmittag zu hören war, hat sich im Zuge der Arbeit des Baritons und Ensembleleiters Fabian Hemmelmann mit der Stimmschmiede Bonn als Projektchor zur Erarbeitung von A-cappella-Werken zusammengefunden und trat zum zweiten Mal in der Besetzung von ca. 20 engagierten Laien-Sängerinnen und -Sängern auf.

Den Rahmen des Programms bildeten zwei deutsche Blöcke, von denen der erste schwungvoll mit dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Volkslied „Tanzen und Springen“ von Hans Leo Haßler begann. Etwas kunstvoller, im wahrsten Sinne des Wortes „Von edler Art“, waren im Anschluss das gleichnamige Volkslied sowie das Abendständchen von Johannes Brahms zu hören. In Mendelssohns Jagdlied op. 59, 6, mit dem der erste Block endete, spielten Chor und Chorleiter gekonnt mit dem Raumklang des Museumsfoyers.

Der kunstvollere Charakter der Lieder setzte sich im „englischen Block“ fort: In Werken von Orlando Gibbons, Gerald Finzi und Benjamin Britten bewies der Kammerchor, dass er unter den Händen Hemmelmanns nicht nur dynamisch fein nuanciert gestalten kann, sondern auch die harmonischen Finessen eines Britten-Songs gekonnt umsetzte. Sprachlich weitaus anspruchsvoller waren die folgenden kurpischen Gesänge von Karol Szymanowski, in denen die beiden Chormitglieder Dagmar Brass (Sopran) und Frank Zickenheiner (Tenor) auch als Solisten zu hören waren.

Französische Träumereien und Naturidyllen

In das Reich der französischen Träumereien und Naturidyllen entführten die Voci di Fuoco Bonn und Hemmelmann mit Liedern von Francis Poulenc und Paul Hindemith, bevor atmosphärisch mit dem witzigen Tourdion von Pierre Attaignant an Haßlers „Tanzen und Springen“ angeschlossen wurde. Wenngleich an diesem Sommertag der Abend am Ende des Konzerts noch recht weit entfernt schien, so kam mit dem abschließenden deutschen Block eine Abendstimmung auf. Frauen- und Männerstimmen wechselten sich in dem Volkslied „Des Abends da kann ich nicht schlafen gehen“ ab.

Brahms‘ „Waldesnacht“ wurde zum krönenden Abschluss des gelungenen Chorkonzerts in außergewöhnlicher Atmosphäre. Mit dem „Abschied vom Wald“ von Felix Mendelssohn wurde das zahlreiche Publikum für den begeisterten Applaus belohnt.

Rheinischer Kultursommer 2018

Text: Verena Düren
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

Konzert am 1. Juli im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

 

 

Kunde aus dem mittelalterlichen Europa

Kunde aus dem mittelalterlichen Europa

Mit dem ältesten bekannten Musikstück der Welt, dem Hymnos Seikilos, bei dem Dörnemann von hinten durch die überschaubare Kapelle zog, begannen die beiden Musiker das Konzert nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Vereins Michaelskapelle, Dr. Norbert Schloßmacher.

Seit einigen Jahren ist die Michaelskapelle oberhalb des Bad Godesberger Burgfriedhofs restauriert und erstrahlt wieder in barockem Glanz. Viel ist hier dem Förderverein Michaelskapelle zu verdanken, der bei dem zweiten Konzert im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018 mit der Brotfabrik Beuel als Veranstalter kooperierte.

Dörnemann zog das Publikum mit dem warmem Timbre in ihren Bann: Von geistlichen Liedern bis hin zur Liebeslyrik Oswald von Wolkensteins gelang ihr auch die Balance zwischen den verschiedenen Stücken, die sie häufig auch mit Schlagwerk oder auch Glocken unterstützte. Dabei erklangen Werke aus aus Griechenland, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien und Schweden.

Matthias Höhn, der als Multiinstrumentalist in Bonn bekannt ist, hatte an diesem Nachmittag zahlreiche Instrumente dabei: Dudelsäcke in verschiedenen Größen und – folglich – Lautstärken, Blockflöten, die er durchaus auch zeitgleich spielte, Barockgitarre, Zither und die schwedische Nyckelharpa kamen an diesem Nachmittag zum Einsatz und wurden dem aufmerksamen Publikum fachmännisch erläutert. Ausgesprochen passend gelangen ihm die Begleitungen, die fast ausschließlich auf eigenen Arrangements beruhen.

So wurde mit ganz alter Weise immer wieder die Frage gestellt: Was ist Lied? Ist es nur das Kunstlied à la Schubert aus Klassik und Romantik oder gehört nicht auch der früheste begleitete Gesang dazu?

Das so bereicherte Publikum war an diesem Nachmittag zahlreich erschienen und reichte von jung bis alt – und zeigte sich höchst aufmerksam und zunehmend begeistert.

Text: Verena Düren
Photo © privat

Konzert am 10. Juni im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

 

Dichter.Liebe! – Romantik trifft auf Poesie

Dichter.Liebe! Romantik trifft auf Poesie

Das Kölner Ensemble Eikona bringt als Koproduktion der Stadt Köln und des 21. Bonner Schumannfests das Lied auf die Bühne. Auf kleinem Bühnenraum entsteht ein faszinierender Dialog aus Musik und Theater, gestaltet von Fabio Lesuisse (Gesang), Toni Ming Geiger (Klavier) und Kai Anne Schumacher (Regie und Figurenspiel). Dafür standen gleich zwei ausgewählte Liederzyklen auf dem Programm: Schumanns „Dichterliebe“ und Vaughan Williams „Songs of Travel“ nach Texten von Robert Louis Stevenson.

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht. Nachdem der Bariton Fabio Lesuisse das erste Lied aus der „Dichterliebe“, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, vorgetragen hatte, wurde schnell deutlich: Es handelt sich um keinen Geringeren als den Dichter und Journalisten Heinrich Heine, der von der ewig tragikomischen Geschichte scheiternder Beziehungen durchschüttelt wird.

Überzeugendes Wechselspiel in subtilem Puppenspiel

Die Regisseurin Kai Anne Schumacher haucht dem Dichterfürsten in Gestalt einer Puppe überzeugend Leben ein und begleitet so das Wechselspiel von Lied und Schauspiel auf der Bühne. Überhaupt ist es diese Handpuppe Heine, die eine fast schon zärtliche Melancholie in die ohnehin eindrucksvolle Vielschichtigkeit der Gedichte Heinrich Heines hineinträgt. Menschliches, Allzumenschliches verbindet Kai Anne Schumacher mit großer Kunstfertigkeit im subtilen Puppenspiel.

Die Puppe hat schließlich nicht Teil am Leben – und doch darf sie immer wieder die Stimme des Baritons Lesuisse borgen. Damit wird ihr eine fast schon unheimliche Bühnenpräsenz zuteil. Denn das Lied als Leihgabe wird ihr auf diese Weise eigen und fremd zugleich. Gerade diese Ambivalenz weiß der Pianist Toni Ming Geiger gekonnt aufzunehmen. Sein absolut differenziertes und zugleich leichtes Klavierspiel erschafft ebenjene atmosphärische Verdichtungen, die sowohl der musikalischen Komplexität der Dichterliebe als auch der vielschichtigen Lyrik Heines mehr als gerecht werden. Es ist eben der nur scheinbar naiv-harmlose Volksliedton, der keinesfalls darüber hinwegtäuschen sollte, welche überraschenden Klangbilder das Ensemble Eikona für die Reise ihres Dichterhelden findet.

Spiel mit historischen Ungleichzeitigkeiten durch manifeste Gegenwartsbezüge

Vor Überraschungen ist man auch als Zuschauer nicht gefeit, denn manchmal hat sogar die Puppe die Fäden in der Hand: So waltet die Handpuppe Heine zeitweilig über ihre eigene Rezeptionsgeschichte und verliest spöttisch eine bissige Kritik Marcel Reich-Ranickis über ihn selbst – Heinrich Heine. Das Ensemble Eikona hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst charmant mit solchen historischen Ungleichzeitigkeiten zu spielen und verschafft damit auch dem vermeintlich verstaubten Lied ganz manifeste musikalische Gegenwartsbezüge. Leiht der Bariton Lesuisse dem Dichter Heine seine kraftvolle Stimme, ertönen die inniglich vorgetragenen „Alten bösen Lieder“.

Dann wieder ist es Vaughan Williams „Youth and Love“, das den rastlosen Dichter zu weiteren Sehnsuchtsorten – aber auch zu ganz konkreten Zielen wie beispielsweise zum Kölner Dom – treibt. Obschon das letzte Lied aus der „Dichterliebe“ voll mit „wildem Schmerzensdrang“ verklingt, gibt es keinen Grund zum Grollen – ganz im Gegenteil: Dem Ensemble Eikona gelingt es, humorvoll und mit zärtlicher Ironie ästhetische Illusionen im Sinne unendlicher romantischer Annäherung gekonnt zu durchbrechen. Es ist sicherlich nicht ihr letztes Lied.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Paul Leclaire

Konzert am 10. Juni 2018 im Rahmen des Bonner Liedsommers

Konzert am 29. Juni 2018 im Kölner Blue Shell

Auftakt des Bonner Liedsommers in Oberpleis

„Mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen“

Ein inszeniertes Konzert über Alma Mahler

„Almschi“ – so wurde die Komponistin, Mäzenin und Muse Alma Mahler-Werfel von vielen ihrer Freunde und Bewunderer liebevoll genannt. Der Titel, den die Sopranistin Judith Hoffmann und ihr Pianist Desar Sulejmani für diesen Abend in Oberpleis gewählt hatten, erinnerte an die Beschreibung Arnold Schönbergs, einem Freund Mahler-Werfels: „Gravitationszentrum eines eigenen Sonnensystems, von Satelliten umkreist“.

Zeitreise in den bürgerlichen Salon

Und in der Tat gelang es Hoffmann und Sulejmani in ihrem inszenierten Konzert im Rahmen der Reihe Pro Klassik e.V., genau in dieser Form die Musikerin und schillernde Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen: ‚Almschi‘ und ihre Beziehungen zogen sich als dramaturgischer Faden durch das literarisch-musikalische Programm. Das Bühnenbild in Form einer Sitzecke, wie man sie aus den Salons kennt, unterstützte dabei den Eindruck, zu einer kleinen Zeitreise eingeladen zu sein.

Musikalisch kamen in der schmucken und behaglichen Bauhauskirche in Königswinter-Oberpleis die wichtigsten musikalischen, aber auch persönlichen Bezugspunkte Alma Mahlers zu Wort. Angefangen bei ihrem Kompositionslehrer Alexander Zemlinsky, der ihr Talent zu einer Zeit sah und förderte, als die Förderung von Komponistinnen noch völlig unüblich war. Nachdem er sie das Komponieren gelehrt hatte, stellte ihr erster Ehemann, Gustav Mahler, eines ganz schnell klar: sie solle Eheweib, aber nicht Kollegin sein. Obschon sie diese Ansicht so gar nicht teilte, gab sie ihm zuliebe das Komponieren auf. Denn eines wurde an diesem Abend mehr als deutlich: wenn Alma Mahler etwas tat, dann mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen. Von vielen aufgrund ihrer Ehen und Liebschaften verachtet, zeichneten Judith Hoffmann und Desar Sulejmani das Porträt einer starken und leidenschaftlichen Frau, die ihr Leben nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“ zu leben schien.

Großartiges künstlerisches Feingefühl

Mit Alban Berg und Arnold Schönberg kamen auch Komponisten zu Wort, mit denen sie eine lange und sehr innige Freundschaft verband, Erich Korngold gehörte zu den Freunden im amerikanischen Exil, der junge Benjamin Britten wiederum bildete den Brückenschlag zur nächsten Generation und der chansonhafte Abschluss von Tom Lehrer (* 1928) war jüngsten Datums.

Judith Hoffmann brillierte nicht nur in ihrer Rolle als Interpretin des ganzen musikalischen Alls um Alma Mahler und deren eigener Lieder, sondern führte auch als Sprecherin durch den Abend und das Leben Alma Mahlers. Mit Leichtigkeit wechselte sie von Sprech- zu Gesangsstimme und setzte ihren Humor, Charme und ihr schauspielerisches Talent gekonnt ein, wobei sie als Sprecherin zwischendurch auch von Desar Sulejmani unterstützt wurde.

Mit den verschiedenen Abschnitten in Alma Mahlers Leben schloss sich zunehmend der Kreis und somit füllten sich auch die anfänglich leeren Bilderrahmen der Bühne. Zwei Gemälde von Alma Mahler waren dort nach und nach mosaikartig entstanden.

Die Auswahl der Werke hatten die beiden Musiker nicht nur an die Biographie Alma Mahlers angepasst, sondern auch atmosphärisch mit großartigem Feingefühl gewählt.

So war der kurzweilige und hochspannende Liederabend ein hervorragender Auftakt zum ersten Bonner Liedsommer und zugleich ein beredtes Beispiel dafür, wie ausdrucksstark ein Liederabend sein kann – wenn er so klug gestaltet und leidenschaftlich konzipiert und umgesetzt wird wie von Judith Hoffmann und Desar Sulejmani.

Text: Verena Düren
Photo © privat

Zum Konzert am 27. Mai 2018