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Die Wurzeln des romantischen Lieds liegen im Mittelalter – Gespräch mit Maria Jonas

Die Wurzeln des romantischen Lieds liegen im Mittelalter – Gespräch mit Maria Jonas

Frau Jonas, Sie haben ja einen eher ungewöhnlichen Lebenslauf und sind ja auch nicht ganz auf direktem Wege dorthin gekommen, wo Sie jetzt sind. Können Sie uns dazu vielleicht etwas erzählen?

Ich habe mich am Anfang gar nicht als Sängerin gesehen, sondern habe zunächst Oboe in Köln studiert und bin als Lehrerin nach Venezuela gegangen, wo ich in „El Sistema“, das ja Jahre später durch Gustavo Dudamel erst so richtig bekannt geworden ist, unterrichten konnte. Das erschien mir wesentlich spannender, als in Deutschland als Oboenlehrerin tätig zu sein.

Wie sind Sie dann zum Gesang gekommen?

Ich habe immer parallel auch gesungen, wollte aber eigentlich nie Sängerin werden. An der Hochschule in Köln wurde ich quasi als Gesangs-Wunderkind rumgereicht, weil ich ohne die entsprechende Ausbildung singen konnte wie eine Opernsängerin. Für mich war das aber eher ein Scherz. In Venezuela habe ich allerdings wieder mehr gesungen, was mich letzten Endes auch wieder nach Europa zurückgeführt hat. Ich ging dann nach London und erhielt Unterricht bei Jessica Cash, die auch die Lehrerin von Emma Kirkby war. Sie unterrichtete Belcanto, was als Gesangsstil eine gute technische Ausbildung auch für Alte Musik und früher war.

Ihr musikalischer Schwerpunkt ist inzwischen jedoch ein ganz anderer.

Ich habe im Unterricht natürlich auch Rossini und Mozart gesungen, habe mich aber schließlich völlig dagegen entschieden, weil es mir musikalisch nicht gefällt. Was ich aber aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist wirklich das Legato, das heutzutage in der Ausbildung viel zu kurz kommt. So gesehen bin ich wirklich Puristin. Bis ins 19. Jahrhundert war der Gesang immer schon Vorbild für die musikalische Gestaltung auch bei den Instrumentalisten. Die Musik des Mittelalters ist ohne die Technik des Legato-Singens nicht möglich. Während meiner Zeit in London habe ich parallel auch immer Projekte in Köln gemacht, dann vor allem im Bereich der Barockmusik. In der Zeit lernte ich auch Barbara Thornton kennen, die Gründerin des Ensembles Sequentia, und somit auch mittelalterliches Repertoire. So bin ich nach und nach in dieses Repertoire reingewachsen. Nach dem Tod von Barbara Thornton habe ich dann die Frauenschola Ars Choralis Köln gegründet, ergänzt um das kleinere Ensemble Ala Aurea.

Als Netzwerk werden wir oft gefragt, was denn nun genau Lied ist, welche Musik denn in diese Gattung gehört. Sie sind ja selber kaum noch im klassisch-romantischen Kunstlied tätig – gehört die Alte Musik Ihrer Meinung nach auch in die Liedwelt?

Ja, unbedingt. Ich denke, man sollte gerade in Deutschland nicht vergessen, dass wir eine extrem lange Liedtradition haben, die in der Tat bis ins Mittelalter reicht. Es wurde sehr lange einstimmig gesungen und es war immer schon ein Bedürfnis der Menschen, sich in einfachen Melodien auszudrücken. Auch das romantische Kunstlied hat dort seine Wurzeln. Hinsichtlich der Ausbildung ist das Lied die Kür eines jeden Sängers und erfreut sich auch zunehmender Beliebtheit. Wenn es nach mir ginge, dann sollte sich jeder Sänger zumindest im Studium auch mit dem Mittelalterlied beschäftigen. Hier ist die Rhetorik besonders wichtig und es ist so gut wie nichts vorgegeben bzw. ausgeschrieben, so dass der Sänger die Linien gestalten und somit auch den Sinn des Textes festlegen muss.

Sie bezeichnen sich selber als Trobairitz. Können Sie uns diesen Begriff erklären?

Trobairitz ist das weibliche Pendant zum Troubadour und kommt von „trovare“, finden. Man muss sich das so vorstellen, dass im Mittelalter in der Regel die einstimmige Musik nicht schriftlich fixiert wurde, sondern man hatte die Texte und arbeitete mit gewissen Skalen und Patterns, aber die Aufgabe eines jeden Troubadours und einer jeden Trobairitz bestand darin, die Musik zu finden. Dies entspricht eher meiner Arbeit, so dass die Bezeichnung Trobairitz besser passt als Sängerin.

Inzwischen sind Sie musikalisch ja auch verstärkt in der so genannten Weltmusik unterwegs, vor allem mit Bassem Hawar. Wie passt das alles zusammen?

Das passt ganz wunderbar zusammen! Bei der einstimmigen mittelalterlichen Musik handelt es sich um modale Musik, also Musik, in der sich die Halb- und Ganztonschritte an anderen Stellen als in Dur oder Moll befinden. Während die modale Musik in Europa irgendwann verschwunden ist, ist sie im Orient geblieben, so dass Bassem und ich gemeinsame musikalische Wurzeln haben. Die Umsetzung der modalen Musik ist ganz anders als westliche Musiker das heute kennen: Sie ist nicht verschriftlicht, denn Musik ist, was wir hören und nicht das Stück Notenpapier. Die Begleitung funktioniert über das Zuhören: wenn ich eine Melodie anstimme, hört Bassem zunächst zu, bis er für sich die Skalen und Patterns erkannt hat und steigt dann begleitend ein. Auf die Art und Weise, wie er das kann und macht, habe ich das noch bei keinem westlichen Musiker erlebt. Wenn wir gemeinsam musizieren, dann ist das wahrscheinlich dem Musizieren im Mittelalter sehr ähnlich. Ansonsten kennt man das heutzutage eher aus dem Fado oder aus dem Jazz auf diese Art und Weise.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum bei dieser ja eher ungewöhnlichen Art von Musik und Interpretationsansatz?

Das Publikum ist immer begeistert, auch wenn es vielleicht nicht im Detail versteht, was gerade auf der Bühne passiert. Als Musiker muss man sich natürlich sehr gut kennen und auch eine gewisse Routine haben, um so musizieren zu können, denn jedes Konzert wird anders. Eigentlich hat unsere Musik somit sogar etwas von ‚zeitgenössischer‘ Musik, weil wir keine notierte Musik wiedergeben, sondern sie jedes Mal neu und anders im Hier und Jetzt entsteht. Das Publikum hat dabei eine sehr wichtige Rolle, weil natürlich die Atmosphäre einen ganz wichtigen Beitrag dazu leistet, dass die Interpretation an dem Abend wird, wie sie wird. Das Publikum muss sich dessen nicht mal wirklich bewusst sein. Dieses Zusammenspiel ist in meinen Augen auch das Wichtigste bei der Musik, denn diese ist schließlich nicht nur für eine Elite da.

Sie sind beim kommenden Kölner Fest für Alte Musik gleich zweimal zu erleben. Können Sie uns noch etwas über die beiden anstehenden Konzerte sagen?

Im ersten Konzert am 10. März führen wir englische Masque von Matthew Locke und Christopher Gobbins auf, „Cupid and Death“, also eine Art Singspiel. In England gab es zunächst keine Opern wie wir das auf dem Kontinent kennen. Stattdessen gab es die englische Masque, die sich am Theater orientiert und eine Art Patchwork-Stück ist mit einer Verbindung von Theater und Musik, wobei je nach Geschmack Dinge rausgekürzt oder auch ergänzt werden konnten. Bei der Aufführung in Köln führt Adrian Schvarzstein Regie, der vom Improvisationstheater kommt. Insofern ist auch jetzt, ca. drei Wochen vor der Aufführung, vieles noch offen. Aber diese Art von Arbeit gefällt mir sehr, weil sie eben sehr viele Freiheiten lässt. Beim zweiten Konzert am 14. März spiele ich mit meinem Ensemble Sanstierce, bestehend aus Bassem Hawar und Dominik Schneider sowie dem Oud-Spieler Saad Mahmoud Jawad als Gast. Den Titel „O Jerusalem“ haben wir zwar bereits im letzten Jahr festgelegt, jedoch ist er natürlich im Moment wieder ganz besonders aktuell. Wir versuchen, in unserer Musik die Geschichte von Jerusalem aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, mal aus Sicht der Kreuzritter, dann der Sicht der verlassenen Frauen und natürlich auch immer das menschliche Leid, Tod und Verwüstung. Zwischendurch machen wir auch einen Abstecher nach Andalusien, wo ebenfalls die verschiedenen Religionen und Kulturen aufeinanderstießen, hier aber ein anderer Verlauf zu beobachten war. Auch wenn das Programm vergleichsweise politisch klingt, so wollen wir doch auf einer emotionalen Ebene bleiben und hoffen, dass jeder Besucher nach dem Konzert mit einer ganz persönlichen Geschichte nach Hause geht. Die modale Musik unseres Ensembles ist hierbei die Brücke zwischen den Kulturen und Religionen und zeigt, dass wir trotz aller Unterschiede viel voneinander lernen können und die Musik etwas ist, was uns verbindet.

Ich denke, das ist ein guter Schlusssatz. Dann bin ich gespannt auf die Konzerte und bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führte Verena Düren.