Archiv der Kategorie: Berichte

Ton & Erklärung 2018 Preisträgerkonzert

Ton & Erklärung 2018

Preisträgerkonzert am 7.10.2018 in der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf

 

Sonntag, 6. Oktober – ein noch unentschlossener Herbst-Sonntag-Morgen. In der Düsseldorfer Oper präsentiert der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. einem überschaubaren aber sehr interessierten Publikum die diesjährigen Preisträger des Wettbewerbs „Ton und Erklärung“, der in Zusammenarbeit mit der BayerKultur im Juni in Leverkusen ausgetragen wurde.

Thomas Helfrich, Leiter der Abteilung Kultur, Sport & Bildung bei der Bayer AG begrüßte als diesjähriger Partner die Gäste. Den Kulturauftrag der Bayer AG sieht er ganz eng an die Attraktivität des Arbeitsplatzes gekoppelt: Nur ein Ort an dem Kultur und Bildung eine kosmopolitische Grundlage schüfen entstünde Kreativität und neue Ideen. Dies sehe Helfrich als Grundlage für die Weiterentwicklung, den Wandel der Gesellschaft.

Die Bayer AG verstehe das Engagement in Kultur somit auch als ureigensten Bestandteil des unternehmerisches Selbstverständnisses und nicht als von der Unternehmensphilosophie losgekoppelten „Auftrag“.

Nur die lebendige Kulturgemeinschaft lernt, wird inspiriert und probiert Neues aus. Insofern sei die Bombardierung der Neuronen im Gehirn, die heute mit dem Preisträgerkonzert junge Künstler fördere immens wichtig als Investition in die hiesige Infrastruktur.

Im Unterschied zu anderen Wettbewerben sind die Sänger bei „Ton und Erklärung“ angewiesen, ihren kreativen Entwicklungsprozess, ja die intellektuelle Auseinandersetzung welche hinter der Präsentation des jeweiligen Liedes steckt den Zuhörern zu vermitteln.

Selbstredend gestalteten die hauseignen Bayer-Philharmoniker unter Bernhard Steiner das Programm – und taten dies sehr engagiert. So hatten die Sänger einen umsichtigen Partner für die Opern-Einlagen und -Arien.

Als erstes lernte das Publikum den Preisträger Stefan Astakhov kennen. Der Bariton ist erst 21 Jahre alt – nicht nur hat er sicherlich keine  Angst vor der Höhe, sondern er weiß auch zu den ausgewählten Werken viel zu vermitteln und die Zuhörer mit seiner musikalischen Gestaltung zu fesseln!

Auch die Sopranistin Elena Harsányi verstand es versiert und sehr klug beispielsweise über ihre Herangehensweise und Beziehung zur Pamina-Arie „Ach, ich fühl’s“ zu erzählen. Das machte Spaß ihr dann in der Umsetzung folgen zu dürfen.

Gemeinsam mit Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger gestalteten abschließend vor der Preisverleihung Elena Harsányi und Stefan Astakhov „VOID“ von Max-Lukas Hundelshausen. Die Uraufführung verwies in Richtung Lied – war in der Symbiose von Mensch (Künstler) und Technik (Elektronik) unterwegs. Es gelang eine musikalische Entdeckungsreise nach dem „unendichen Lied der Welt“ in der der Sänger oder auch der Dichter Gefäß für Kräfte wird, die größer sind als er selbst.

Getreu der Aufgaben, die ein Netzwerk hat, hat die Liedwelt in Zuge der Planung eines Liedsommer 2019 mit dem Bayer-Kulturchef Kontakt aufgenommen, denn schließlich wollen auch wir den Nachwuchs fördern und gerne Gemeinsames gestalten.

Der stimmungsvolle Preisträger-Konzert-Vormittag wurde logischerweise abgeschlossen mit der Preisverleihung an die beiden jungen Künstler, denen die Liedwelt zu ihrer Auszeichnung herzlich gratuliert.

Nachwort: Leider litt die schöne Veranstaltung unter teils dilettantischer Abwicklung der Veranstaltung. Da wundert man sich doch, wenn ein Musiker während die Uraufführung gespielt wird noch einmal zu seinem Platz eilt und gleich wieder verschwindet und nach dem „Umbau“ für das abschließende kammermusikalische Stück die Bühne völlig unaufgeräumt bleibt wie in einer „Probensituation“ – und in dieser Kulisse dann auch die feierliche Preisverleihung stattfindet.

Auch bei manchem Techniker, der im Schlabberlook während des Ablaufs über die Bühne eilte erschloss sich nicht warum solche Abläufe öffentlich passieren. Auch die Frage wohin mit dem Mikrophon nach der Anmoderation hätte sicherlich galanter (Pultablage) gelöst werden können ohne den Ablauf zwischen Moderation (Erklärung) und Umsetzung (Ton) zu unterbrechen: Auch hier eilte jedes Mal ein Techniker herbei, nur um das Mikrophon zu sichern. Das wunderte doch.

Die Liedwelt bedankt sich sehr bei Amelie Amann vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI e.V. für die Einladung zum Konzert und freut sich auf die Fortsetzung dieser Partnerschaft.

Text und Photos: Sabine Krasemann
Photo der Preisträger mit Brigitte Fassbender © Kulturkreis | C.  Peuserdesign

Bezaubernde Darbietung mit „Into a Children’s Room“

Bezaubernde Darbietung mit „Into a Children’s Room“

Die neue CD „Into a Children’s Room“ von Elena Marangou und Tobias Krampen hat Michael Zerban, Chefredakteur des Online-Magazins O-Ton und Medienpartner, besprochen.

„Die bezaubernde Aufführung sollte sich eigentlich nicht in den drei Auftritten während des Bonner Liedsommers erschöpfen. … Elena Marangou und Tobias Krampen haben ein Programm zusammengestellt, das einen Blick in die kulturelle Vielfalt Europas eröffnet. Sie zeigen so quasi en passant, dass erst die Überwindung einer nationalen Sichtweise zu neuen Ufern führt.“

Michael Zerbans vollständige Rezension können Sie hier hören:

Photo © O-Ton
Audiobeitrag © Michael Zerban | O-Ton Audio

 

Musikalische Reise durch Europas Kinderzimmer

Überraschende Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie

Tief unter der Erde verborgen liegt die Zentrifuge und ist damit für den Bonner Liedsommer ein ganz besonderer Aufführungsort mit bemerkenswerter Akustik. Die Mezzosopranistin Elena Marangou und Tobias Krampen am Flügel präsentieren ein vielfältiges Programm pünktlich zu dem CD-Release von Into a Children’s Room. Der musikalische Blick in die Kinderzimmer reicht von Russland, England, Deutschland und Frankreich bis nach Griechenland. Und das mit durchaus namhaften Komponisten: Vom sanften Wiegenlied bis hin zum ausgelassenen Hoppe-Reiter-Spiel gehen Modest Mussorgsky, Benjamin Britten, Johannes Brahms, Alkis Baltas und Francis Poulenc in einem bunten Spektrum von kleinen Einschlafgeschichten ganz typischen Kindersituationen nach.

Mit kurzen Moderationen gaben Tobis Krampen und Elena Marangou während des Konzerts wertvolle Einblicke in Form, Technik und Inhalt des bunten Reigens von Wiegen- und Kinderliedern aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Besonders die russischen Kinderlieder, die vielleicht zunächst fremder und unzugänglicher als ihre europäischen Pendants erscheinen mögen, überraschten mit detaillierten Perspektiven auf die kindliche Seelenlandschaft und Fantasie.

Besonders Mussorgskys und Poulencs Szenen aus dem Kinderzimmer erinnern an dramatische Kurzfilme, die mal lebhaft, mal zart-versponnen daherkommen und stets die musikalischen Möglichkeiten kindlicher Imagination vorführen. Doch auch das Idyll des Wiegenlieds trübt sich, wenn in die wiegenden Harmonien erste Zweifel einbrechen; mag es wie bei Britten die Sorge der Amme oder der alleinerziehenden Mutter sein.

Aber auch von zukünftigen Abenteuern, Reisen und neuen Horizonten berichten die Lieder, mal ganz innig, dann wieder humoristisch und voll zärtlicher Ironie. Im Falle der Wiegenlieder zeigt sich einmal mehr: Scheinbare musikalische Naivität bedarf einer ganz besonderen Reife, um der hintersinnigen kindlichen Einbildungskraft gerecht zu werden.

Text: Clara Pauly
Photos © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

Die CD kann bei der Liedwelt Rheinland bestellt werden.

Konzert am 23.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Aus Tiefe und Höhe: Das Lied im Spiegel der Moderne

Aus Tiefe und Höhe:
Das Lied im Spiegel der Moderne

Vielseitige Experimente mit Klang und Farbe waren im Dialograum Kreuzung an St. Helena zu erleben. Das Spiel mit den Möglichkeiten des künstlerischen Materials stand an diesem Abend im Mittelpunkt.

Die vielschichtigen Malereien und Skulpturen von Dorissa Lem aus Köln Ehrenfeld erfüllten das Motto „Aus Tiefe und Höhe“ auf mehrfache Weise: Inhaltliche und räumliche Tiefe stachen in jedem Kunstwerk hervor, immer wieder entdeckte man auf der bildlichen Oberfläche neue Strukturen, Gewebe von Linien und farbliche Tiefenstaffelungen. Die visuellen Bewegungsimpulse, der Widerstand des Materials und die konsequente Durcharbeitung bis ins Innere zeichnen die Bilder und Skulpturen von Dorissa Lem aus und schafften die besondere Atmosphäre für das Konzert mit Irene Kurka und Martin Wistinghausen.

Der musikalisch-künstlerische Teil des Abends widmete sich dem zeitgenössischen Lied und begann gewissermaßen in der Tiefe der Tradition: Der Bass Martin Wistinghausen eröffnet mit dem gregorianischen Psalm 130 De Profundis clamavi und präsentierte direkt im Anschluss eine moderne Wiederaufnahme des Psalms mit elektronischer Zuspielung.

Die mikrotonalen Möglichkeiten des Einzeltons lotete Wistinghausen rezitierend und singend aus, wobei ein ganz besonderes Instrument zur Erzeugung von Borduntönen als Liedbegleitung zum Einsatz kam: eine indische Shrutibox.
Auch die Sopranistin Irene Kurka, die sich intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire für Stimme Solo beschäftigt, wagte den Bogenschlag von Tradition und zeitgenössischer Musik. Ihr differenziertes Spiel mit mikrotonalen Elementen forderte das konventionelle Musikerleben heraus und bewies bei Kompositionen von Hildegard von Bingen bis Johannes Schachtner melodische Energie, Eindringlichkeit und musikalische Präzision.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 12.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Ein ganz außergewöhnliches Konzert im Rahmen des Bonner Liedersommers in der Doppelkirche in Schwarzrheindorf

25. August 2018 – Unter den romanischen Deckenmalereien begegneten sich gleich zwei große Klangkulturen aus Ost und West. Der in Aleppo geborene und heute in Neuss lebende Komponist und Qanunspieler Hesen Kanjo bewies bereits zu Beginn des Konzerts die facettenreiche Klangwelt seines Instruments, das er auf dem Schoß liegend mit Plektren aus Metall zupfte. Virtuosität, Temporeichtum und überraschende harmonische Vielfalt vermittelte Hesen Kanjos Qanunspiel als Begleitung und solistische Improvisation.

Die Kölner Sopranistin Elisabeth Menke führte durch das vielseitige Programm und betonte die Bedeutung der musikalischen Selbst- und Fremderfahrung zwischen Ost und West, wobei der Mond und seine Beobachtung als Leitmotiv eine überzeugende Kontinuität zwischen den verschiedenen Liedformen stiftete.

Zahlreiche Lieder von Franz Schubert, die bei dem Bonner Liedsommer bereits zu hören waren, hat das Duo dabei aus Rücksicht auf die besondere Stimmung und die technischen Voraussetzungen des Qanuns speziell für dieses Konzert umgeschrieben. Das Formspiel von deutschem Lied und persischer Kunstmusik kam besonders in den bewegenden Improvisationen von Gesang, Rezitation und Qanun zur Geltung.

Elisabeth Menke beeindruckte zudem mit ihrem virtuosen Geigenspiel, das klar und differenziert über den kaskadenartigen harmonischen Rückungen des Qanuns schwebte. In dieser wechselseitigen Erhellung von Gesang, Geigenspiel und Qanun entfaltete sich die komplexe Vielstimmigkeit beider musikalischer Kulturen. Die Experimentierfreude und Lust am Klang übertrug sich zuletzt auch auf das Publikum: Begleitet von Elisabeth Menke und Hesen Kanjo ertönte das wohl bekannteste Abendlied im Zeichen des Mondes: „Der Mond ist aufgegangen“. Und das in seiner wohl schönsten musikalischen Vermittlung zwischen Orient und Okzident.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 25.8.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

Wiederholungskonzert am Donnerstag, den 11. Oktober 2018 19:30 Uhr in der Versöhnungskirche Bonn-Beuel

Making of – Into a Children’s Room

Making of – Reisebericht in die Kindheit. Über die Entstehung der CD „Into a Children’s Room“

Liebe Elena Marangou, „Into a Children’s Room“, so heißt die CD, die Sie gerade herausgebracht haben – bei dem Titel stoppe ich und denke, da finde ich vielleicht nicht unbedingt Kinderlieder im eigentlichen Sinne drauf?

Genau, das sind Lieder, die im Erwachsenen die Erinnerungswelten aus der Kinderzeit wiederbeleben. Lauter kleine verschiedene Szenen sind das. Ich bin selbst immer wieder entzückt, wenn ich an meine eigene Kindheit oder an Momente mit Kindern denke, die ähnlich sind. Da geht es mir ganz so wie jedem Hörer der Lieder. Das ist vom Gefühl her ein bisschen so wie wenn man als Erwachsener „Der kleine Prinz“ liest.

Europäische Ausmaße haben die Komponisten, die auf der CD versammelt sind. Wie ist denn die Idee zu der CD entstanden und wieso kam es zu dieser bemerkenswerten Komponisten-Versammlung von Poulenc über Britten zu Mussorgsky, dann Brahms, Koukos, Couroupos und Baltas?

Zuerst habe ich die Mussorgsky-Stücke kennengelernt, war völlig verzaubert und habe die dann in Düsseldorf aufgeführt. Tobias Krampen und ich haben zu der Zeit auch ein Konzert in Athen vorbereitet und da haben wir viel Brahms und Schubert gemacht, also auch viel andere Literatur. Aber das Virus von den Mussorgsky-Stücken hatte sich bei uns eingenistet. Vorher waren schon die Britten-Stücke aufgetaucht: „A Charm of Lullabies“, die hatte ich in einer Version mit Orchester noch einige Jahre zuvor in Griechenland gesungen, aber den Ausschlag gaben die Mussorgsky-Stücke. Die Poulenc-Lieder „Quattre Chansons pour les Enfants“ haben wir dann mittels Recherchieren gefunden und auch Lieder von Szymanowski, die passten, aber das war dann schon mit den Brahms-Liedern zuviel. Denn Tobias hatte noch gefragt, ob wir denn keine griechischen Lieder dazunähmen – da hatten wir drei noch lebende Komponisten.

Da kennen wir uns ja gar nicht aus – wer sind denn die drei Herren?

Da ist zunächst Periklis Koukos, ihn kenne ich aus Athen. Er hat einen Zyklus geschrieben, „Merlin the Wizard“, das ist ein Album sozusagen mit musikalischen Erzählungen und daraus haben wir ein Mädchen-Lied ausgesucht. Dann haben wir ein „Mäuselied“ von George Couroupos dazugesellt; den Komponisten kenne ich schon ganz lange und die Stücke sind eigentlich schon wirkliche Kinderlieder. Er hat sie 1978/79 geschrieben und seiner Tochter gewidmet. Das Wiegenlied passte mehr als die anderen Lieder zu denen, die wir sonst auf der CD versammelt haben. In den anderen finden sich auch politische Hinweise, das passte hier inhaltlich nicht so gut, daher wurde es dieses sechste des Mäuse-Zyklus‘. Der Text ist aus der Sicht des Kindes geschrieben – und das passt zu Brahms‘ „Volkskinderliedern“, wie diese Werke ohne Opuszahl zusammengefasst werden.

Dann haben wir noch ein Lied von Baltas aus den „Six Simple Songs“,  komponiert 1971. Wir haben Kostas Krystallis‘ zartes Gedicht gewählt, weil die liebevolle Art, das Kind in den Schlaf zu singen, sehr nahe an der Volksmusik orientiert ist.

Wie sind denn die Brahms-Lieder entstanden?

Die hat Brahms für die Kinder von Clara und Robert Schumann geschrieben! Auch sie sind den Kindern gewidmet. Wir haben drei ausgewählt, die mit anderen Liedern auf der CD wunderbar korrespondieren.

Und wann und wie sind die Stücke dann an ihre Stelle auf der CD gerutscht?

Britten war für den Anfang zu intellektuell, ich wollte ursprünglich den Mussorgsky an erster Stelle, aber unser Tonmeister Martin Frobeen-Waldvogel empfahl, den Britten als zweites zu nehmen. Wir haben diskutiert. Dann wurde klar, dass wir den Poulenc als erstes machen wollten. Da haben wir uns gefragt – was kann danach gut kommen und haben erst an den Brahms gedacht. Aber dann bekamen wir das Gefühl, dass der Hörer meinen könnte, er höre doch eine Kinder-CD. Aber der Poulenc war intuitiv richtig am Anfang und von der Stimmung her passte da der Britten hinterher. So entstand allmählich auch nach der Aufnahme noch die Reihenfolge, die Sie nun im Booklet sehen.

Mal etwas ganz anderes noch: Die Mussorgsky-Lieder machen Sie auf Russisch? Wie bereitet man sich da vor?

Ohhh – das dauert … ich habe immer wieder mit zwei Muttersprachlerinnen gearbeitet. Erst einmal Bedeutung, dann Vokale, dann Konsonanten… Ich habe es mir dann in lateinische Schrift umgeschrieben, aber inzwischen kann ich es auch auf Kyrillisch lesen. Das ging in Griechenland los, dann habe ich in Düsseldorf weiter an den Stücken gearbeitet. Insgesamt haben wir fünf Sprachen auf der CD, das war viel Arbeit, aber es hat auch unglaublich Spaß gemacht und zum Glück ist die Musikerwelt international, da haben mir viele Kollegen geholfen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Der eine sagt so, der andere so bei der Aussprache, es gibt immer verschiedene Ansichten.

Wie entscheiden Sie sich denn da? Sie können ja schlecht einen Diskurs über die Dialekte und die Hochsprachen und die Sprache abhalten, die man im Lied verwendet…

Ach, ich war ganz praktisch – aber wenn ich drei Personen frage, habe ich mindestens drei Meinungen. Mindestens! Daher habe ich nach dem Ohr und der inneren Schlüssigkeit entschieden, habe, wenn vorhanden, Aufnahmen verglichen. Aber die Basis war schon immer gleich, die Unterschiede marginal. Ich wollte es ja dann auch sehr sorgfältig vorbereiten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Vorgeschmack auf ein paar der Lieder, die Sie besonders mögen – was erwarten uns da für Geschichten?

Wenn ich nun zurückschaue auf die Produktion und die Entstehung des Ganzen sind meine Gefühle und Gedanken zu den Liedern ganz andere geworden als vor Beginn der Produktion!

Ich mag ja die Mussorgsky-Lieder so sehr! Im ersten spricht ein Kind mit seinem Kindermädchen, oder im vierten, da erzählt es der Puppe eine Geschichte – da erlebt man Kinderabenteuer aus dem Alltag, von „Draußen“. In einem ist beispielsweise ein kleiner Käfer angelaufen gekommen, es sind immer solche kleinen Geschichten, die für uns, als wir Kind waren, doch auch so wichtig waren. In mindestens drei Liedern sprechen das Kind und die Mama oder das Kindermädchen miteinander, da gibt es so schöne Stimmungswechsel aus den Perspektiven – die fand ich so charmant! Diese Identifizierung mit dem, was das Kind sagt, da habe ich mich ganz oft in der „kleinen“ Rolle wiedergefunden, die ich doch so von mir selbst kannte und dann kommt die Mutterstimmung.

Oder in einem Lied, da kommt die Babuschka und das Kind fragt nach einer Gute Nacht-Geschichte, hier spricht nur das Kind! Warum? Na weil…warum der Knochenmann denn die Kinder isst? Vielleicht, wie Papa und Mama was sagen, oder weil man unartig ist? Das Kind hat da was gehört, kann es nicht einordnen. Sucht Erklärungen, denn es ist noch viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Das Ende dieses Liedes können Sie sich selbst denken….

Die Britten-Lieder liebe ich auch sehr! Beispielsweise das Lied „Charm“, das vierte aus dem Zyklus. „Sei still und schlafe“ – da droht die Mutter dem Kind, wenn es nicht schläft, kämen die Erinnyen und Rhadamanthus, um es zu bestrafen. Hier wird die übliche Thematik des Wiegenliedes auf den Kopf gestellt… und natürlich liebe ich die griechischen Lieder!

Eine wichtige Frage zum Schluss: Wie bekomme ich eine CD und wo kann ich reinhören, wenn ich zu einem der Release-Konzerte nicht kann?

Wir sind zunächst einmal dem Bechstein Zentrum in Düsseldorf sehr, sehr dankbar. Wir durften die CD hier aufnehmen, haben keine Miete gezahlt, hatten ideale Bedingungen. Dass der damalige Geschäftsführer Christian Müller so viel Interesse hatte und sich engagierte, war ein wirkliches Geschenk für das wir uns nun – nicht nur – mit dem Release-Konzert in Düsseldorf und dem in Köln in den Bechstein Centren bedanken möchten.

Inzwischen ist im griechischen Radio auch eine Präsentation gelaufen bei ERT – TRITO PROGRAMMA. Auf Spotify und über iTunes kann man reinhören.

Die CD kann natürlich nach den Release-Konzerten erworben werden oder auch im Internet über die Liedwelt bestellt werden. Im Plattenladen kann sie leider zurzeit nicht erworben werden, aber in Griechenland schon.

Wir bedanken uns für die vielen Hintergrundinformationen. Da freuen uns schon sehr auf die kleine Reise in unsere Kindheitserinnerungen bei den Release-Konzerten und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Liedsommer in Köln, Bonn und Düsseldorf!

Das Gespräch mit Elena Marangou führte Sabine Krasemann.

Konzerte:

Konzert am 20.9.2018 im Bechstein-Zentrum Köln
Konzert am 23.9.2018 in der Zentrifuge Bonn
Konzert am 28.9.2018 im Bechstein-Zentrum Düsseldorf

Photos © Elena Marangou, Elena Marangou

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Thomas Mann-Lieder-Lesung beim Bonner Liedsommer

Nicht selten steht bei einem Liederabend die Musik im Vordergrund, der Dichter spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur in Verbindung mit der Vertonung seines Textes eine Rolle. Dass der literarische Hintergrund oder gar die literarischen Folgen nicht minder interessant sein können, das zeigten bei einem Liederabend im Bonner Augustinum die Pianistin Kristi Becker, Frauke May (Mezzosopran) und der Moderator Michael Schwalb.

Zusammen spürten sie den literarisch-musikalischen Zusammenhängen im Werk Thomas Manns nach, speziell im Hinblick auf Lieder, die dieser in seinem Schaffen literarisch verewigt hat. Und davon gibt es einige, von Schubert, Schumann, Wolf, Lassen und Brahms, zumeist bekannte Perlen des Repertoires, die sich im Zauberberg, Dr. Faustus und Co. wiederfinden. Für den ohnehin sehr musikaffinen Mann hatte das Kunstlied eine ganz besondere Bedeutung, die sich an diesem Abend einmal mehr offenbarte: auf der Suche nach den Wurzeln der deutschen Seele, nach Innerlichkeit und Tiefe griff der Autor immer wieder auf Bezüge zu dieser wohl deutschesten alles Musikgattungen zurück und benutzte sie als Illustration für seine literarischen Aussagen.

Einführungen in diese literarisch-musikalischen Zusammenhänge gewährte WDR-Moderator Michael Schwalb, der ebenso eloquent wie kenntnisreich in die Konzeption und Hintergründe des Liederabends einführte. Zu hören gab es neben Auszügen aus Franz Schuberts Winterreise und Robert Schumanns Liederkreis auch Goethe-Lieder von Hugo Wolf, den letzten der Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und – eine absolute Rarität – eine Heine-Vertonung von Brahms-Zeitgenosse Eduard Lassen.

Stimmiger Gesamtklang

Die Lieder waren bei Kristi Becker und Frauke May in den besten Händen, zusammen mit der Moderation ergab sich ein stimmiger Gesamtklang aus Wort und Musik, der beim gemeinsamen Austausch mit den Künstlern nach dem Konzert in einem gemütlichen Rahmen ausklang. Denn auch das ist eine Qualität des Liedsommers: Nach dem Konzert bleibt es nicht minder spannend.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Thomas Kölsch

Rheinischer Kultursommer 2018

Konzert am 3. August im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

Romantik mit Geschichte – Konzert am 3.8.2018

Romantik mit Geschichte

THOMAS MANN UND SEINE LIEDER – von Michael Zerban

Genau das Richtige am Hochsommer-Abend: Eine Lieder-Lesung mit Koryphäen.

Zu lesen bis Montag, 6.8.2018 kostenfrei bei unserem Medienpartner O-Ton

„May gelingt es, die alten Lieder mit Frische und Aplomb vorzutragen, so dass die knapp anderthalb Stunden des Vortrags verfliegen. …. Am Flügel sitzt Kristi Becker, eigentlich Spezialistin für Neue Musik, die aber schnell zeigt, dass sie auch als Liedbegleiterin eine hervorragende Figur macht. … Die Moderation des Journalisten geht weit über das Übliche hinaus“

Photo © Michael Zerban

Liedkunst in Vollendung – Konzert am 29.7.2018

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Human-Zentrifuge außergewöhnlich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Bemerkenswert war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Liedwelt Rheinland | KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018