Archiv der Kategorie: Berichte

„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

Ein Liederabend der Zerbrechlichkeit mit Mark Padmore, Tenor und Andrew West, Klavier

Am 10. Januar 2018 war in der Kölner Philharmonie ein ganz besonderer Liederabend: Das Duo Mark Padmore / Andrew West musizierte eine fein verwobene oft melancholische Reise durch subtile Welten. Konzeptionell bot sich mit den drei Komponisten Schubert, Britten und Birtwistle eine hochwertige Lieder-Auswahl, die zahlreiche Rück- und Querverweise und rote Fäden bot.

Begonnen wurde ganz klassisch: Der zusammengestellte Zyklus der sechs Schubert-Lieder griff auf Werke zurück, die auf das Alte Griechenland reflektieren. Wir befinden uns in der Auseinandersetzung mit den Grundkonflikten des Menschseins: Wasser als Sinnbild des von Stürmen bewegten Lebens, die Leier, die nicht vom Krieg, nur von der Liebe sprechen mag.

filligran und herantastend

Dieses erste, filligrane und zurückhaltende Herantasten an die abendliche Thematik wurde lediglich durch klug gesetzte forcierte Akzente durchbrochen. So erklang Padmores „Ganymed“ in verhaltenem Duktus, leise und recht langsam, bot eher Innigkeit als ungeduldigen Sturm und Drang. Solche auch zwischen den Liedern korrespondierenden Vernetzungen fanden sich auch im klugen Korrespondieren des Klavierpartners West, der aus dem Klavierpart heraus oft für ein konsequentes Voranbringen der musikalischen Entwicklung sorgte. Eine künstlerische Entscheidung, die am Ende der sechs Schubert-Lieder Platz schuf für überraschende kurze Ausblicke in die „Schöne Welt“ Mahlers, wobei dies doch gleich wieder in der Schubert’schen Liedwelt verankert wurde. So fand der erste Teil des Abends mit „Die Götter Griechenlands“ eine in vielerlei Hinsicht schlüssige Offenheit in den Fortgang des Abends.

künstlerisch überzeugende Einheit

Mit den sechs Hölderlin-Fragmenten von Benjamin Britten erhielt der Abend eine vielfach stimmige, künstlerisch überzeugende Einheit. Nicht nur bietet der von Britten vertonte deutsche Text einen kongenialen Übergang zwischen Schubert (deutscher Komponist/deutsche Texte) und Birtwistle (englisch/englisch), auch musikalisch wurden von Padmore und West zahlreiche Bezüge hier und dort herausgestellt. Zentral im mittleren Stück: Das rezitativähnliche Lied „Sokrates und Alcibiades“ sorgt für ein retardierendes Moment, fasst die Kargheit, die im Birtwistle-Zyklus folgt, auf wenigen Zeilen antizipierend zusammen. Die gekonnte Farbigkeit, opernhafte plastische Momente und das geschickte Verwenden bekannter musikalischer Topoi, wie sie für Britten typisch sind, rundeten die Spannungsbögen der Lieder ab. Die Subtilität mündet am Ende des Zyklus‘ offen – was der folgende Liederzyklus schlüssigerweise aufgriff:

Konsequent mutig verbleibt auch im dritten Zyklus die verhaltene, zarte und intime Gestik als Grundanlage von Padmores Liedgestaltung, sekundiert von dem zarten und durchsichtigen Klavierspiel Wests. So entsteht eine wunderschöne Korrespondenz zwischen Sänger und Pianist. In der klanglichen Leere des Birtwistle-Zyklus verbleibt dem Zuhörer so viel Raum und Besinnung für eigene Reflexion. Auch auf die griechische Mythologie wird zurückgegriffen wie auf die ausgiebige Verwendung von Natursymbolen in oft irreal anmutenden Bildern.

Verwobenheit auf engstem Raum

Die künstlerisch überzeugende Konzeption zeugte davon, wie intensiv beide Künstler sich mit der so menschlichen Thematik des Scheiterns und Ringens, des Suchens beschäftigt haben, haben sie doch anlässlich des 100. Geburtstags von Benjamin Britten den Birtwistle-Zyklus 2013 uraufgeführt. Gut zu hören war in der Anlage der Lieder, dass der kompositorische Prozess von der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Text und Musik profitierte: mit der Komposition war auch die Dichtung erst entstanden. Dies verlieh dem Zyklus eine besonders starke innere Verwobenheit auf engstem Raum in den Liedern selbst, in der Korrespondenz zwischen einzelnen Tönen und Silben, die manches Mal fast die Musik zum Stillstand und den Text zum Schweigen brachten. Am Ende überlässt die Intensivität, die dichte Symbolik den Zuhörer beim einmaligen Erleben mit einer erahnten Tiefe, die sich nur in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Werk wirklich erschließen lässt.

Dramaturgisch konsequent gaben Padmore und West den Schubert’schen „Atlas“ als Zugabe: „Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen.“

Text: Sabine Krasemann
Photo: Kölner Philharmonie

Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin

Die schöne Magelone im Konzerthaus Berlin –„Treue Liebe dauert lange, überlebet manche Stund‘“

Die Abenteuer des Ritter Peter mit den Silbernen Schlüsseln halten was sie versprechen: gewürzt mit etwas orientalischem Hauch findet sich der Ritter Peter in einer spannenden Abenteuergeschichte um seine Liebste, die schöne Magelone. Seit dem Mittelalter begeisterte die Geschichte immer wieder Leser und inspirierte Autoren zu neuen Versionen.

Die literarische Vorlage: 18 Kapitel romantischer Liebesroman

So schreibt Ludwig Tieck, von der Schlichtheit der Sprache fasziniert, 1797 seinen Liebesroman „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“. Dies ist die bedeutendste literarische Bearbeitung des Stoffes und dazu eine modernisierte Wiederbelebung im Geist der Romantik: Die schöne Magelone hat es Peter, dem Ritter angetan – aber allerlei teils lustig-bizarre Abenteuer, unvorhergesehene Ereignisse halten die beiden vom Happy End ab. Dabei überschlagen sich Ereignisse auch schon einmal, weitet sich die Dramatik in Pathos, folgen Ereignisketten unbeirrt einer absurden, wenn auch – das Ziel fest vor Augen – schlüssigen Dramaturgie.

Tieck liefert mit einer Gliederung, die jedes der 18 Kapitel des Buchs mit einem Lied beendet eine ideale Vorlage für einen Liederzyklus. 15 Kapitel nun hat wiederum Brahms ausgesucht und das op. 33 „Fünfzehn Romanzen, Magelone-Lieder für eine Singstimme und Klavier“ dem Sänger Julius Stockhausen gewidmet. Der führte den Zyklus 1862 erstmals auf. Stockhausen engagierte sich sowieso für die Lieder seines Freundes Brahms stets, war auch bei der Uraufführung des Deutschen Requiem engagiert. Berühmt war er, der als Gesangspädagoge sehr erfolgreich war auch für seine Aufführungen der beiden Schubert’schen Liederzyklen, die Winterreise und die Schöne Müllerin.

Ein spannender mit Abenteuern gespickter Liebesroman

Mit der „Schönen Magelone“ nun gesellte sich in die Liedliteratur ein ganz anders konzipierter Zyklus hinzu als die von Schubert: Hier ist es der Erzähler, der dem Publikum den spannenden Liebesroman erzählt. Der Sänger und der Pianist reflektieren jedes einzelne Kapitel dieser Liebes- und Abenteuergeschichte.

Unglaublich unterschiedliche einzelne Lieder sind so zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt. Welches Schmuckstück in der Liedliteratur die „Schöne Magelone“ wurde sehr schön bei der Aufführung nachvollziehbar, die am 29. September 2017 im Berliner Konzerthaus mit rheinländischer Beteiligung zu sehen war. Auf der Lieder-Seite fanden sich Julian Prégardien, Tenor und Christoph Schnackertz, Klavier – auf der anderen als Erzähler hielt Johannes C. Held, selbst Bariton und Liedsänger mit Leidenschaft die Zuschauer in Bann.

Eine stark erzählte Geschichte

Dass dieser das Stück so tief durchdrungen hatte und sein Vortrag nicht nur bin ins kleinste Detail pointiert war, sondern er während der Lieder den Partnern stets zugeneigt folgte, war ein kluger Schachzug. So hatte es das Publikum leicht, sich vielfältig unterhalten zu fühlen und immer am Ball zu bleiben. Die „Schöne Magelone“ profitierte hier von Helds eigener Erfahrung als Liedsänger, der diese selbstverständliche Nähe zu verdanken ist, die er auf seine Rolle als Erzähler übertrug. Beide vortragende Seiten – Erzähler wie Musiker – blieben so stetig nah an der spannenden Geschichte und lauschten der anderen Partei gebannt, um dann den Ball wieder aufzunehmen.

Brahms‘ pianistische Fundgrube

In den vielen Klangfarben und virtuosen Partien, mit denen Brahms den Pianisten herausfordert, hat Christoph Schnackertz nicht nur virtuos brilliert, sondern es verstanden, das Virtuosentum in den Dienst des Zyklus und somit des künstlerischen Ausdrucks zu stellen. So manche bedeutsame Nebennuance erklang hier – bedeutungsvoll und fein herausziseliert– aber eben nur im Klavier platziert. Wie gerne Schnackertz sich mit solchen komplexen Werken auseinandersetzt, war ihm schon an mancher Vorfreude auf die Herausforderungen des nächsten Stücks anzusehen. Auch die Leyer, die Gitarre und die Zither wurden in das pianistische Klangspektrum eingebunden: Wer im Text folgte, konnte hier stets die Korrespondenzen im Klavier fein eingerichtet finden.

Bewundernswerte sängerische Leistung

Auch der Tenor Julian Prégardien stattete den bunten Blumenstrauß an Liedern mit allen feinsten Facetten aus – hier mit reflektierendem Ton, dort dramatisch, immer den Faden der Geschichte aufgreifend. Obwohl also beschwingt bekamen die Zuhörer die Möglichkeit, sich nicht in der Betrachtung der Geschichte zu verlieren, sondern im retardierenden Lied innezuhalten. Rasant, mit neuem Abenteuer wieder an Fahrt gewinnend, konnten die Zuschauer einer bis zur letzten Note bewundernswerten künstlerischen und sängerischen Leistung folgen.

Ob also besinnliche Reflexion oder so mancher leidenschaftliche Ausbruch – Prégardien fand immer wieder mit großer Selbstverständlichkeit neue Ansätze, den Spannungsbogen schön weiterzutragen. Gestalterisch war es eine große Freude, diesem symbiotischen Liedduo zu lauschen. Der Clou: Das Publikum erfuhr durch die kluge Gestaltung der drei Herren am eigenen Ohr die kompositorische Anlage Brahms‘, unversehens gleich ins nächste Kapitel dieser echten Fortsetzungsserie auf engstem Raum gespült zu werden. Manchmal verharrte daher das Publikum gebannt oder es amüsierte sich zuweilen königlich. Am Ende bedankte es sich bei den Künstlern mit begeistertem Applaus.

Bericht: Sabine Krasemann

© Photos:
Ludwig Tieck, lesend Scherenschnitt von Luise Duttenhofer
Johannes Brahms von Otto Böhler
Galerie: Sabine Krasemann

„…und morgen wird die Sonne wieder scheinen“

„…und morgen wird die Sonne wieder scheinen“
Eva Trummer und Tobias Koltun mit ernsten und lustigen Liebesliedern

Gut besucht war der Konzertsaal des Rautenstrauch-Joest-Museums zur musikalischen Mittagspause – Voice & Lunch – mit Eva Trummer und Tobias Koltun. Ernste und lustige Liebeslieder standen in dieser halben Stunde auf dem Programm, wobei die beiden Musiker das Publikum zunächst in die Welt der Oper entführten. Sehnsüchtig erklang die Arie „Voi che sapete“ des verliebten Cherubino aus Mozarts „Le Nozze di Figaro“. Von anderer Farbe war die folgende Arie der Rosina („Una voce poco fa“) aus Rossinis „Der Barbier von Sevilla“. Das Stück einer durchaus selbstbewussten und auch etwas listigen Frau setzten Trummer und Koltun geschickt um, wobei Trummers szenisches Handeln dies noch verstärkte.

Zwischen Oper und spätromantischem Kunstlied

In eine ganz andere Epoche, ein ganz anderes Genre und in ganz andere Gefühlswelten entführten die beiden Musiker im weiteren Verlauf mit Liedern von Gustav Mahler und Richard Strauss. Wie bereits zu Beginn erläuterte Tobias Koltun vorab interessant und informativ die Lieder, ihre Bedeutung und ihre Entstehung. Herzergreifend setzten Eva Trummer und er das – in ihren Augen – traurigste Liebeslied um, Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“. Anrührend gelang die Umsetzung des perfekt aufeinander eingespielten Duos, ein wenig Trost erfuhr man in Richard Strauss‘ „Allerseelen“. Nach dem schweren Abschied und dem Totengedenken wurde es recht heiter mit Mahlers „Wer hat dies Liedlein erdacht“, das – dramaturgisch geschickt – Musiker und Publikum ein wenig aufatmen ließ.

Richard Strauss‘ Lieder als Beispiel für Zusammenarbeit des Liedduos

Ein Paradebeispiel für die ganz besondere Zusammenarbeit zwischen Sänger und Liedpianist sind die Werke Richard Strauss, was laut Koltun in seinen Lebensumständen begründet war: Strauss‘ Frau war selber Sängerin und sie musizierten in der Regel gemeinsam. Ihr hatte er also seine Lieder auf den Leib geschrieben (was wiederum ein schöner Hinweis bei einem Liebeslieder-Konzert ist). Nach der Geburt der Kinder, nachdem sie also ihre Karriere beendet und sich auf Familie und Haushalt konzentriert hatte, schrieb der Komponist keine Lieder mehr. Mit „Nacht“ und „Morgen“ aus seiner Feder endete die wunderbare musikalische Mittagspause mit Eva Trummer und Tobias Koltun, die für eine Zeitlang den Alltag ausgeblendet hatte.

Ein Bericht von Verena Düren
Photos von Verena Düren

„Nun da Schatten niedergleiten“

„Nun da Schatten niedergleiten“

Lied-Matinee zum Tag des Offenen Denkmals

Der Tag des Offenen Denkmals am 10. September bot die nächste Gelegenheit für eine weitere Kooperation zwischen dem Förderverein Bahnhof Belvedere und der Liedwelt Rheinland, nachdem bereits im August mit den „Liedern in Bildern“ die ersten Konzerte dort stattgefunden hatten – mit so großem Erfolg, dass die Veranstalter sich recht kurzfristig zu einer weiteren zeitnahen Zusammenarbeit entschlossen. An dem sonnigen Vormittag begrüßte der Vorsitzende des Fördervereins, Sebastian Engelhardt, das interessierte Publikum zu einem ganz besonderen Hörgenuss, der perfekt in das Anliegen des Fördervereins passte, den Bahnhof in langwieriger Arbeit der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen und nun auch für kulturelle Zwecke zu nutzen.

Salonmusik im besten Sinne

Das architektonische Kleinod wurde 1839 gebaut – was würde da musikalisch besser passen als eine Matinee mit Werken Franz Schuberts? Auch aus Sicht der Aufführungspraxis stimmte an dem Tag alles: Schuberts Lieder und Klavierwerke entstanden eher für private Räume und Gelegenheiten, womit der Bahnhof Belvedere an diesem Vormittag genau den richtigen Rahmen bot. Als Musiker hatte man den Bariton Thilo Dahlmann sowie den Pianisten Alexander Puliaev gewinnen können. Letzterer konnte zu diesem Anlass ein Hammerklavier nutzen – also auch hier stand alles im Zeichen des 19. Jahrhunderts.

Von Natur und Fabelwesen

Dahlmann und Puliaev erwiesen sich als ausgesprochen gut eingespieltes Duo in jeder Hinsicht. Ein besonderer Reiz war in der Tat der besondere Klang durch das Hammerklavier – ein wirklich rarer Genuss! Die beiden Musiker hatten zu diesem Anlass eine wunderbare Auswahl an Liedern zwischen Naturbeschreibungen, stimmungsvollen Liedern zur Nacht und Geschichten um mythische Gestalten zusammengestellt. Mal wunderbar lyrisch, dann wieder erzählerisch und gar dramatisch gelang Dahlmanns Umsetzung. Die Konzentration auf das Liedschaffen eines der wichtigsten Liedkomponisten war klug überlegt und Genuss pur. Ergänzt wurde der Blick in den Lied-Kosmos Franz Schuberts um drei Klavierstücke D 946, in denen Puliaev brillierte und man den vollen Klang des Hammerklaviers genießen konnte. Ein ausgesprochen schöner Einstieg in den Tag des Offenen Denkmals, an dem in bester Hausmusik-Manier zum Verweilen und Entdecken dieses besonderen Ortes eingeladen war.

Ein Bericht von Verena Düren.

Im Volkston – 90 Lieder in „Die Woche“

Im Jahr 1903 richtete die Berliner Wochenzeitschrift „Die Woche“ einen Kunstlied-Wettbewerb aus. Die berühmtesten deutschen Komponisten der Zeit, von Pfitzner bis Humperdinck, von Schillings bis Reinecke, waren gebeten worden, neue „Lieder im Volkston“ zu schreiben. Die meisten dieser Titel wurden nun erstmals überhaupt aufgenommen und auf CD veröffentlicht.

Mehr zu den Hintergründen finden Sie hier.

Die CD ist bei Oehms Classics erschienen und kann hier bestellt werden.

Bahnhof Belvedere

Bahnhof Belvedere – Feierliche Übergabe des Bahnhofs an die Öffentlichkeit

Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, dem Förderkreis des Bahnhof Belvedere haben wir mit zwei Konzerten am 10. und 11.8.2017 den Ort der Öffentlichkeit übergeben.

Er ist das älteste Stationsgebäude Deutschlands, der Bahnhof Belvedere in Köln-Müngersdorf. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde von Architekten der Schinkel-Schule gebaut und ist bis heute noch weitgehend im Originalzustand von 1839 erhalten. Eine Besonderheit ist sicher die Verbindung von schönem Empfangsgebäude und der Lage im weitläufigen Park.

2010 gründete sich der Förderkreis Bahnhof Belvedere auf Betreiben von Sebastian Engelhardt, um das historisch so bedeutsame Bahnhofsgebäude zu erhalten, zu renovieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass letzteres Anliegen eventuell auch mit Musik verbunden sein würde, liegt bei Engelhardts Beruf nahe: Er ist Cellist beim WDR Sinfonieorchester Köln.

Ein Ort mit verzauberndem Flair

Am 10. und 11. August 2017 wurde der Bahnhof Belvedere nun in einem gemeinsamen Projekt mit der Liedwelt Rheinland zum ersten Mal bespielt. Das synästhetische Projekt „Lieder in Bildern“ mit den Bildern von Ernst Martin Heel und Texten und Musik von Markus Schönewolf fügte sich nahezu perfekt in die ungewöhnlichen Räumlichkeiten ein. Im ganzen Bahnhofsgebäude verteilten sich die großflächigen Bilder Heels und ließen das Enterieur zu einer Galerie werden.

Ein kleiner Konzertsaal in der Bel Etage

Im oberen Bereich dann der kleine Konzertsaal, in dem an diesen beiden Abenden Anna Herbst (Sopran) und die Harfenistin Jie Zhou zu hören waren. Für die beiden Musikerinnen war dies die erste Zusammenarbeit, für die Anna Herbst das anspruchsvolle Werk binnen weniger Wochen einstudierte. Diese kurzfristigen Umstände waren den beiden Musikerinnen aber keineswegs anzuhören: In wunderbarem Zusammenspiel setzten sie die Naturoden um. Jie Zhou erwies sich hierbei nicht nur als souveräne Begleiterin, sondern wusste auch ungewöhnliche Klangeffekte auf ihrer Harfe umzusetzen, die dem Werk Schönewolfs eine weitere lautmalerische Ebene verliehen.

Anna Herbst brillierte nicht nur gesanglich

Besonders beeindruckend gelang der Part von Anna Herbst, die nicht nur gesanglich brillierte, sondern dem Werk in ihrer Interpretation sowohl der gesungenen als auch der gesprochenen Texte eine weitere Ebene gab. Besonders reizvoll gestaltete sich am ersten Abend auch das Geräusch des Regens von draußen – welch wunderbare Ergänzung zu eh schon synästhetisch angelegten Naturoden! Auch das Angebot eines anschließenden Beisammenseins wurde von den begeisterten Besuchern dankbar angenommen.

So klang der Abend aus mit einer Besichtigung der Räumlichkeiten, Betrachtung der Bilder, Künstlergesprächen und – einem Interview mit der wunderbaren Sopranistin Anna Herbst!

Ein Bericht von Verena Düren.

 

„Im Volkston“ – Anno 1903 – Kunstlied-Wettbewerb!

„Im Volkston“
Anno 1903 – Kunstlied-Wettbewerb!

Berlin+++1903+++

Die Wochenzeitschrift „Die Woche“ richtet einen Kunstlied-Wettbewerb aus. Zahlreiche teils berühmte Komponisten werden gebeten, „“Lieder im Volkston“ zu komponieren: schlicht und leicht fasslich sollten sie sein, gedanklich in der Schubert-Nachfolge. 30 Lieder wurden ausgesucht und in einem Sonderheft der „Woche“ herausgegeben.

Da manche Lieder nicht schlicht genug ausgefallen waren, entschloss sich der Verlag August Scherl nachzulegen: Es wurde ein zweites, nun offenes Preisausschreiben gestartet. Wieder sollten 30 Lieder im Druck erscheinen – doch der Verlag erhielt 9.000 Lieder und verdoppelte daraufhin sein Output und gab zwei weitere Hefte mit insgesamt 60 Liedern heraus.

Die Käufer erwartet eine spannende Aufgaben: Sie konnten mittels einer im Heft befindlichen Postkarte abstimmen, welche der insgesamt 90 Lieder die drei besten seien und somit ihrer Meinung nach einen Preis gewinnen sollten.

 

Was die nächsten gut 111 Jahre passierte ist noch nicht erforscht.

München+++26.06.2017+++13:05+++

Am 30. Juni erscheint das erste der drei Sonderhefte „Lieder im Volkston“ auf CD  beim Label „Oehms Classics“. BR Klassik gab zu der Produktion den Anstoß, nachdem Patrick Schönbach, IT-Spezialist, Musikwissenschaftler die Redaktion auf diese unglaubliche Geschichte aufmerksam machte.

BR Klassik berichtet im Rahmen der „Mittagsmusik“ über die spektakuläre Trouvaille und ihre unglaubliche Wiederentdeckung durch Patrick Schönbach . Zu finden sind hier auch fünf Noten- und Klangbeispiele.

WDR 3 Klassikforum+++09.08.2017+++09:05-12:00+++

In der Sendung läuft ein Bericht, der ebenfalls von dem Sujet erzählt. Zuhörer sind unter anderem Sabine Hoeper von der RUB und unsere Mitarbeiterin Verena Düren. Die Liedwelt besorgt das Manuskript der Sendung.

ZVAB+++10.08.2017+++12:53+++

Auf der Jagd nach dem originalen Band 1 hat die Liedwelt knapp auf der Plattform ZVAB verloren, aber wir bedanken uns bei  dem Antiquariat Immanuel, David Lambrecht für die Weiterleitung an die Käuferin.

BOCHUM+++10.08.2017+++13:02+++

Frau Sabine Hoeper von der RUB hat das Exemplar gekauft, um es der Bibliothek an der RUB zuzuführen. Sie hatte am 9.8. auf WDR 3 Klassikforum die gleiche Sendung wie unsere Mitarbeiterin Verena Düren gehört und war gleich zur Tat geschritten. Wir bedanken uns ganz herzlich für die Zusendung des Bandes als pdf.

ZVAB+++10.08.2017+++13:07+++

Band 2 und 3 sind bestellt und liegen der Liedwelt im Original und digital vor.

Berlin+++16.08.2017+++21:17+++

In einem Gespräch im kundigen Netzwerk war zu erfahren: „Die Woche“ wurde erst 1944 eingestellt. Da es sich um eine nicht unbedeutende Zeitschrift handelte könnte es durchaus sein, dass noch Archivmaterial zu finden ist: Die Liedwelt fragt sich, ob von den verbleibenden 8940 Liedern noch welche in einem Archiv, auf einem Dachboden oder in einem Keller zu finden sind oder ob vielleicht schon 1904 alle restlichen Lieder im Ofen verschwanden oder als Fischeinwickelpapier hergehalten haben. Das wird recherchiert werden.

Des Weiteren soll die Frage untersucht werden, was aus der erstaunlich hohen Einsendezahl gesellschaftlich abzulesen ist: Es hat also Anfang des 20. Jahrhunderts scheinbar noch sehr viel Hausmusik gegeben, wenn 9.000 Lieder für einen Wettbewerb eingesendet wurden. Auch was hier die nächsten 111 Jahre passierte soll untersucht und recherchiert werden.

Die Liedwelt Rheinland bleibt dran an dieser Geschichte und wird weiter berichten!

Die CD ist bei Oehms Classics erschienen und kann hier bestellt werden.

19.8.2017

 

Liedwelt unterwegs – „Lied vom Glück“ bei RheinVokal

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt…“

„Lied vom Glück“ bei RheinVokal

Jeden Sommer freut sich der Liebhaber der Gesangskunst auf ein Festival : Auch dieses Jahr findet seit dem 30. Juni das Festival „RheinVokal“ statt. Auf SWR-Hoheitsgebiet am Rhein beheimatet ist das Festival bekannt für ganz außergewöhnliche  Spielstätten und vielfältige Veranstaltungsformate.

Konzerte hoch über dem Westerwald

Der Liederabend von Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft nun am 30. Juli fand bei traumhaftem Wetter auf Schloss Montabaur statt.

Das gelbe Schloss thront über der Kreisstadt Montabaur, deren hübsche Altstadt vor und nach dem Konzert zum Verweilen einlud.

Ein geschichtsträchtiger Ort

Schloss Montabaur ist ein geschichtsträchtiger Ort: sie geht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Zwischen 1687 und 1709 entstand dann die Schlossanlage, wie sie sich heute noch präsentiert.

Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts diente sie den Trierer Erzbischöfen als Residenz und wurde nach der Flucht vor den französischen Revolutionsheeren schließlich Jagdschloss der Herzöge von Nassau. Ab 1851 hatte das Schloss zunehmend institutionelle Bedeutung und war Landratamt und Verwaltungssitz des Regierungsbezirks Montabaur. Inzwischen wurde das Schloss von der Akademie Deutscher Genossenschaften gekauft und ist nun Tagungs- und Seminarzentrum.

Im Liederabend von Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft ging es allerdings weniger um die ganz praktischen Dinge des Lebens, sondern ‚um’s Gefühl‘. „Lied vom Glück“ war der Titel des Konzerts, das im historischen Rittersaal mit seinen wunderbaren Deckenfresken von Lazarus Maria Sanguietti stattfand.

Waldseligkeit in vielen Varianten

Zeitlich beschränkten sich die Musiker auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert, präsentierten in ihrem Programm jedoch die verschiedensten Aspekte und Stile der Zeit. Um das Glück und worin man dieses findet, ging es im ersten Block des Abends, der noch hochromantisch anklang.

Besonders spannend machte den Verlauf des Abends die Gegenüberstellung von Mehrfachvertonungen. So war beispielsweise Detlev von Lilliencrons Gedicht „Glückes genug“ in den Vertonungen von Richard Strauss und Max Reger zu hören, die „Waldseligkeit“ von Richard Dehmel gleich in vier Vertonungen von Alma Mahler, Max Reger, Richard Strauss und Joseph Marx.

Während in diesen Texten ganz fein mit den Parallelen der inneren Gefühlswelt zur Natur gespielt wird, so endete der erste Teil doch verschmitzt und ‚tierisch‘ mit Engelbert Humperdincks Liedern „Die Lerche“ und „Die Schwalbe“, was wohl auch die hauseigene Schlosskatze mitgehört hatte.

 

Von Sehnsucht, Feen und verfressenen Drachen

Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft, die sich bereits im ersten Teil als eingeschworenes Team erwiesen hatten, bei dem jeder Ton und jede noch so feine Nuance ‚zwischen den Notenlinien‘ saß, begeisterten auch im weiteren Verlauf des Abends: Nach Skandinavien ging es mit Jean Sibelius und Edvard Grieg.

Von Sehnsucht und Melancholie waren die Lieder geprägt. Von englischem Humor, märchenhaften Feen und gierigen Drachen mit Kuchenunverträglichkeit war im folgenden Block zu hören, in dem auch das Glück abseits der Zweisamkeit besungen wurde.

Cheek to cheek

Wunderbar erzählerisch präsentierte Wegener diese Lieder. Mit viel Humor ging es weiter mit Paul Dessaus „Der Adler“ und „Die Kellerassel“, bevor der Abend mit Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Irving Berlins „Cheek to cheek“ zu Ende ging.

Bei letzterem durfte das begeisterte Publikum – trotz Rundfunkmitschnitts – in den Refrain einfallen. Obschon die besondere Landschaft und der laue Sommerabend nach draußen lockten, mussten Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft und noch zweimal nachlegen, bevor das Publikum sie gehen ließ.

Text und Bilder: Verena Düren

Das Konzert
Der Veranstalter

Nachlese Klavierfestival Lindlar

„Farbige Klänge und gemalter Rhythmus“

„Als Zhou die ersten wellen- und windförmigen Melodielinien auf der Harfe spielt, schwebt der Klang durch den ganzen Saal des Kulturzentrums. Die Musik ist fließend, das Harfenspiel hat nichts perkussives. Theresa Nelles’ Vortrag zwischen Gesang und gesprochenem Wort bettet sich mal in den musikalischen Klang ein, mal scheint er über im zu stehen. Häufig finden sich Naturmotive in Text und Bild wieder: „SeeleAtmeWelt“ Am Ende bleibt Schönheit, dargestellt in Kunst, Lyrik und Gesang.“

 

Zum vollständigen Artikel im Kölner StadtAnzeiger vom 28.7.2017, Ausgabe Wipperfürth / Lindlar

„Lieder in Bildern“ beim Internationalen Klavierfestival Lindlar am 25.7.2017 mit Theresa Nelles, Sopran, Jie Zhou, Harfe, Markus Schönewolf, Text+Musik, Ernst Martin Heel, Bilder.

raumZEIT und zeitRAUM bei „Luft & Raum“ im Juni

„Den Raum stellen wir – die Zeit müssen Sie füllen!“

Es ist wohl einer der ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte zwischen Bad Godesberg und Bonn, den Künstler in den letzten Jahren für sich entdeckt haben – die ehemalige Zentrifugenhalle im Haus der Luft- und Raumfahrt. Bereits zum dritten Mal fand dort in diesem Jahr das Festival „Luft & Raum“ von Ingeborg Danz, Peter Stein und Tobias Krampen statt. Gastgeber sind die Besitzer der Zentrifuge, die das Publikum gerne begrüßten mit den Worten „Den Raum stellen wir – die Zeit müssen Sie füllen!“ In der Woche vom 11. – 18. Juni widmeten sich die drei Musiker gemeinsam mit Gästen dem diesjährigen Festivalmotto „raumZEIT | zeitRAUM“.

Zusammenspiel von Raum, bildender Kunst und Musik

In diesem Jahr haben die Veranstalter zum ersten Mal den Versuch gewagt, an jedem Abend der Festivalwoche eine Veranstaltung anzubieten. In Konzerten, einem Filmabend, einer Lesung mit Musik und einem Orgelvortrag mit Musik drehte sich alles um die Frage nach Raum und Zeit. Philip Glass traf hier auf Stephen Hawking, Heinrich Böll auf Bernd Alois Zimmermann und schließlich in den Konzerten immer wieder Minimal Music auf Alte Musik. Die besondere Akustik der kreisrunden Zentrifugenhalle, in der früher die Astronauten beim Training das Gefühl für Zeit und Raum verloren, stellte sich als geradezu ideal für Liederabende, aber auch Cembalo solo heraus. In der Bibliothek im Haus konnte man während der ganzen Woche die Origami-Ausstellung „Zahn der Zeit“ von Peter Stein und anderen befreundeten Faltkünstlern bewundern.

Musik im Wandel der Zeit

Verbindendes Element aller musikalischen Abende war Eric Saties Werk „Vexations“, das mit seiner geschätzten Aufführungsdauer von über 24 Stunden wohl ein Paradebeispiel für die Ausdehnung von Zeit und Raum in der Musik ist. Den ersten Abend eröffneten die drei künstlerischen Leiter, Ingeborg Danz (Alt), Peter Stein (Violine und Viola) und Tobias Krampen (Klavier) mit einem Liederabend, der sich zwischen romantischer und zeitgenössischer Musik bewegte.

Einer ähnlichen Gegenüberstellung folgte das Konzept, das mit dem Kammerchor der Universität Köln zu erleben war und in dem Lieder der Romantik auf die „Kneeplays“ aus Glass‘ Oper „Einstein on the Beach“ trafen.

Beim zweiten Konzertabend war Gastmusiker Stefan Horz zum Thema „Time stands still“ am Cembalo zu erleben. Gemeinsam mit Ingeborg Danz und Peter Stein waren Werke von Louis Couperin, Philip Glass, Astor Piazzolla, Johann Kaspar David Fischer, John Dowland und Johann Sebastian Bach zu hören, die eindrucksvoll zeigten, wie sehr Raum und Zeit in der Musik fließen können. Ähnlich spannend gelang auch die Gegenüberstellung von Neuer Musik und drei der Brandenburgischen Konzerte von Bach am vorletzten Abend.

Der Nachwuchs kommt zu Wort

Eine spannende Veranstaltungswoche zu gestalten, reicht den klugen Köpfen hinter „Luft & Raum“ nicht, denn bereits seit dem ersten Jahr finden parallel in dieser Woche Meisterkurse und Workshops im Bereich Liedgesang, Kammermusik und Origami statt. Die beeindruckenden Ergebnisse dieser Arbeit konnte man beim finalen Abschlussfest erleben, bei dem die Teilnehmer der Meisterkurse zu hören waren.

Bericht von Verena Düren