Archiv der Kategorie: Berichte

Aus Tiefe und Höhe: Das Lied im Spiegel der Moderne

Aus Tiefe und Höhe:
Das Lied im Spiegel der Moderne

Vielseitige Experimente mit Klang und Farbe waren im Dialograum Kreuzung an St. Helena zu erleben. Das Spiel mit den Möglichkeiten des künstlerischen Materials stand an diesem Abend im Mittelpunkt.

Die vielschichtigen Malereien und Skulpturen von Dorissa Lem aus Köln Ehrenfeld erfüllten das Motto „Aus Tiefe und Höhe“ auf mehrfache Weise: Inhaltliche und räumliche Tiefe stachen in jedem Kunstwerk hervor, immer wieder entdeckte man auf der bildlichen Oberfläche neue Strukturen, Gewebe von Linien und farbliche Tiefenstaffelungen. Die visuellen Bewegungsimpulse, der Widerstand des Materials und die konsequente Durcharbeitung bis ins Innere zeichnen die Bilder und Skulpturen von Dorissa Lem aus und schafften die besondere Atmosphäre für das Konzert mit Irene Kurka und Martin Wistinghausen.

Der musikalisch-künstlerische Teil des Abends widmete sich dem zeitgenössischen Lied und begann gewissermaßen in der Tiefe der Tradition: Der Bass Martin Wistinghausen eröffnet mit dem gregorianischen Psalm 130 De Profundis clamavi und präsentierte direkt im Anschluss eine moderne Wiederaufnahme des Psalms mit elektronischer Zuspielung.

Die mikrotonalen Möglichkeiten des Einzeltons lotete Wistinghausen rezitierend und singend aus, wobei ein ganz besonderes Instrument zur Erzeugung von Borduntönen als Liedbegleitung zum Einsatz kam: eine indische Shrutibox.
Auch die Sopranistin Irene Kurka, die sich intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire für Stimme Solo beschäftigt, wagte den Bogenschlag von Tradition und zeitgenössischer Musik. Ihr differenziertes Spiel mit mikrotonalen Elementen forderte das konventionelle Musikerleben heraus und bewies bei Kompositionen von Hildegard von Bingen bis Johannes Schachtner melodische Energie, Eindringlichkeit und musikalische Präzision.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 12.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Ein ganz außergewöhnliches Konzert im Rahmen des Bonner Liedersommers in der Doppelkirche in Schwarzrheindorf

25. August 2018 – Unter den romanischen Deckenmalereien begegneten sich gleich zwei große Klangkulturen aus Ost und West. Der in Aleppo geborene und heute in Neuss lebende Komponist und Qanunspieler Hesen Kanjo bewies bereits zu Beginn des Konzerts die facettenreiche Klangwelt seines Instruments, das er auf dem Schoß liegend mit Plektren aus Metall zupfte. Virtuosität, Temporeichtum und überraschende harmonische Vielfalt vermittelte Hesen Kanjos Qanunspiel als Begleitung und solistische Improvisation.

Die Kölner Sopranistin Elisabeth Menke führte durch das vielseitige Programm und betonte die Bedeutung der musikalischen Selbst- und Fremderfahrung zwischen Ost und West, wobei der Mond und seine Beobachtung als Leitmotiv eine überzeugende Kontinuität zwischen den verschiedenen Liedformen stiftete.

Zahlreiche Lieder von Franz Schubert, die bei dem Bonner Liedsommer bereits zu hören waren, hat das Duo dabei aus Rücksicht auf die besondere Stimmung und die technischen Voraussetzungen des Qanuns speziell für dieses Konzert umgeschrieben. Das Formspiel von deutschem Lied und persischer Kunstmusik kam besonders in den bewegenden Improvisationen von Gesang, Rezitation und Qanun zur Geltung.

Elisabeth Menke beeindruckte zudem mit ihrem virtuosen Geigenspiel, das klar und differenziert über den kaskadenartigen harmonischen Rückungen des Qanuns schwebte. In dieser wechselseitigen Erhellung von Gesang, Geigenspiel und Qanun entfaltete sich die komplexe Vielstimmigkeit beider musikalischer Kulturen. Die Experimentierfreude und Lust am Klang übertrug sich zuletzt auch auf das Publikum: Begleitet von Elisabeth Menke und Hesen Kanjo ertönte das wohl bekannteste Abendlied im Zeichen des Mondes: „Der Mond ist aufgegangen“. Und das in seiner wohl schönsten musikalischen Vermittlung zwischen Orient und Okzident.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 25.8.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

Wiederholungskonzert am Donnerstag, den 11. Oktober 2018 19:30 Uhr in der Versöhnungskirche Bonn-Beuel

Making of – Into a Children’s Room

Making of – Reisebericht in die Kindheit. Über die Entstehung der CD „Into a Children’s Room“

Liebe Elena Marangou, „Into a Children’s Room“, so heißt die CD, die Sie gerade herausgebracht haben – bei dem Titel stoppe ich und denke, da finde ich vielleicht nicht unbedingt Kinderlieder im eigentlichen Sinne drauf?

Genau, das sind Lieder, die im Erwachsenen die Erinnerungswelten aus der Kinderzeit wiederbeleben. Lauter kleine verschiedene Szenen sind das. Ich bin selbst immer wieder entzückt, wenn ich an meine eigene Kindheit oder an Momente mit Kindern denke, die ähnlich sind. Da geht es mir ganz so wie jedem Hörer der Lieder. Das ist vom Gefühl her ein bisschen so wie wenn man als Erwachsener „Der kleine Prinz“ liest.

Europäische Ausmaße haben die Komponisten, die auf der CD versammelt sind. Wie ist denn die Idee zu der CD entstanden und wieso kam es zu dieser bemerkenswerten Komponisten-Versammlung von Poulenc über Britten zu Mussorgsky, dann Brahms, Koukos, Couroupos und Baltas?

Zuerst habe ich die Mussorgsky-Stücke kennengelernt, war völlig verzaubert und habe die dann in Düsseldorf aufgeführt. Tobias Krampen und ich haben zu der Zeit auch ein Konzert in Athen vorbereitet und da haben wir viel Brahms und Schubert gemacht, also auch viel andere Literatur. Aber das Virus von den Mussorgsky-Stücken hatte sich bei uns eingenistet. Vorher waren schon die Britten-Stücke aufgetaucht: „A Charm of Lullabies“, die hatte ich in einer Version mit Orchester noch einige Jahre zuvor in Griechenland gesungen, aber den Ausschlag gaben die Mussorgsky-Stücke. Die Poulenc-Lieder „Quattre Chansons pour les Enfants“ haben wir dann mittels Recherchieren gefunden und auch Lieder von Szymanowski, die passten, aber das war dann schon mit den Brahms-Liedern zuviel. Denn Tobias hatte noch gefragt, ob wir denn keine griechischen Lieder dazunähmen – da hatten wir drei noch lebende Komponisten.

Da kennen wir uns ja gar nicht aus – wer sind denn die drei Herren?

Da ist zunächst Periklis Koukos, ihn kenne ich aus Athen. Er hat einen Zyklus geschrieben, „Merlin the Wizard“, das ist ein Album sozusagen mit musikalischen Erzählungen und daraus haben wir ein Mädchen-Lied ausgesucht. Dann haben wir ein „Mäuselied“ von George Couroupos dazugesellt; den Komponisten kenne ich schon ganz lange und die Stücke sind eigentlich schon wirkliche Kinderlieder. Er hat sie 1978/79 geschrieben und seiner Tochter gewidmet. Das Wiegenlied passte mehr als die anderen Lieder zu denen, die wir sonst auf der CD versammelt haben. In den anderen finden sich auch politische Hinweise, das passte hier inhaltlich nicht so gut, daher wurde es dieses sechste des Mäuse-Zyklus‘. Der Text ist aus der Sicht des Kindes geschrieben – und das passt zu Brahms‘ „Volkskinderliedern“, wie diese Werke ohne Opuszahl zusammengefasst werden.

Dann haben wir noch ein Lied von Baltas aus den „Six Simple Songs“,  komponiert 1971. Wir haben Kostas Krystallis‘ zartes Gedicht gewählt, weil die liebevolle Art, das Kind in den Schlaf zu singen, sehr nahe an der Volksmusik orientiert ist.

Wie sind denn die Brahms-Lieder entstanden?

Die hat Brahms für die Kinder von Clara und Robert Schumann geschrieben! Auch sie sind den Kindern gewidmet. Wir haben drei ausgewählt, die mit anderen Liedern auf der CD wunderbar korrespondieren.

Und wann und wie sind die Stücke dann an ihre Stelle auf der CD gerutscht?

Britten war für den Anfang zu intellektuell, ich wollte ursprünglich den Mussorgsky an erster Stelle, aber unser Tonmeister Martin Frobeen-Waldvogel empfahl, den Britten als zweites zu nehmen. Wir haben diskutiert. Dann wurde klar, dass wir den Poulenc als erstes machen wollten. Da haben wir uns gefragt – was kann danach gut kommen und haben erst an den Brahms gedacht. Aber dann bekamen wir das Gefühl, dass der Hörer meinen könnte, er höre doch eine Kinder-CD. Aber der Poulenc war intuitiv richtig am Anfang und von der Stimmung her passte da der Britten hinterher. So entstand allmählich auch nach der Aufnahme noch die Reihenfolge, die Sie nun im Booklet sehen.

Mal etwas ganz anderes noch: Die Mussorgsky-Lieder machen Sie auf Russisch? Wie bereitet man sich da vor?

Ohhh – das dauert … ich habe immer wieder mit zwei Muttersprachlerinnen gearbeitet. Erst einmal Bedeutung, dann Vokale, dann Konsonanten… Ich habe es mir dann in lateinische Schrift umgeschrieben, aber inzwischen kann ich es auch auf Kyrillisch lesen. Das ging in Griechenland los, dann habe ich in Düsseldorf weiter an den Stücken gearbeitet. Insgesamt haben wir fünf Sprachen auf der CD, das war viel Arbeit, aber es hat auch unglaublich Spaß gemacht und zum Glück ist die Musikerwelt international, da haben mir viele Kollegen geholfen. Aber ganz so einfach ist es nicht: Der eine sagt so, der andere so bei der Aussprache, es gibt immer verschiedene Ansichten.

Wie entscheiden Sie sich denn da? Sie können ja schlecht einen Diskurs über die Dialekte und die Hochsprachen und die Sprache abhalten, die man im Lied verwendet…

Ach, ich war ganz praktisch – aber wenn ich drei Personen frage, habe ich mindestens drei Meinungen. Mindestens! Daher habe ich nach dem Ohr und der inneren Schlüssigkeit entschieden, habe, wenn vorhanden, Aufnahmen verglichen. Aber die Basis war schon immer gleich, die Unterschiede marginal. Ich wollte es ja dann auch sehr sorgfältig vorbereiten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Vorgeschmack auf ein paar der Lieder, die Sie besonders mögen – was erwarten uns da für Geschichten?

Wenn ich nun zurückschaue auf die Produktion und die Entstehung des Ganzen sind meine Gefühle und Gedanken zu den Liedern ganz andere geworden als vor Beginn der Produktion!

Ich mag ja die Mussorgsky-Lieder so sehr! Im ersten spricht ein Kind mit seinem Kindermädchen, oder im vierten, da erzählt es der Puppe eine Geschichte – da erlebt man Kinderabenteuer aus dem Alltag, von „Draußen“. In einem ist beispielsweise ein kleiner Käfer angelaufen gekommen, es sind immer solche kleinen Geschichten, die für uns, als wir Kind waren, doch auch so wichtig waren. In mindestens drei Liedern sprechen das Kind und die Mama oder das Kindermädchen miteinander, da gibt es so schöne Stimmungswechsel aus den Perspektiven – die fand ich so charmant! Diese Identifizierung mit dem, was das Kind sagt, da habe ich mich ganz oft in der „kleinen“ Rolle wiedergefunden, die ich doch so von mir selbst kannte und dann kommt die Mutterstimmung.

Oder in einem Lied, da kommt die Babuschka und das Kind fragt nach einer Gute Nacht-Geschichte, hier spricht nur das Kind! Warum? Na weil…warum der Knochenmann denn die Kinder isst? Vielleicht, wie Papa und Mama was sagen, oder weil man unartig ist? Das Kind hat da was gehört, kann es nicht einordnen. Sucht Erklärungen, denn es ist noch viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Das Ende dieses Liedes können Sie sich selbst denken….

Die Britten-Lieder liebe ich auch sehr! Beispielsweise das Lied „Charm“, das vierte aus dem Zyklus. „Sei still und schlafe“ – da droht die Mutter dem Kind, wenn es nicht schläft, kämen die Erinnyen und Rhadamanthus, um es zu bestrafen. Hier wird die übliche Thematik des Wiegenliedes auf den Kopf gestellt… und natürlich liebe ich die griechischen Lieder!

Eine wichtige Frage zum Schluss: Wie bekomme ich eine CD und wo kann ich reinhören, wenn ich zu einem der Release-Konzerte nicht kann?

Wir sind zunächst einmal dem Bechstein Zentrum in Düsseldorf sehr, sehr dankbar. Wir durften die CD hier aufnehmen, haben keine Miete gezahlt, hatten ideale Bedingungen. Dass der damalige Geschäftsführer Christian Müller so viel Interesse hatte und sich engagierte, war ein wirkliches Geschenk für das wir uns nun – nicht nur – mit dem Release-Konzert in Düsseldorf und dem in Köln in den Bechstein Centren bedanken möchten.

Inzwischen ist im griechischen Radio auch eine Präsentation gelaufen bei ERT – TRITO PROGRAMMA. Auf Spotify und über iTunes kann man reinhören.

Die CD kann natürlich nach den Release-Konzerten erworben werden oder auch im Internet über die Liedwelt bestellt werden. Im Plattenladen kann sie leider zurzeit nicht erworben werden, aber in Griechenland schon.

Wir bedanken uns für die vielen Hintergrundinformationen. Da freuen uns schon sehr auf die kleine Reise in unsere Kindheitserinnerungen bei den Release-Konzerten und wünschen Ihnen viel Erfolg beim Liedsommer in Köln, Bonn und Düsseldorf!

Das Gespräch mit Elena Marangou führte Sabine Krasemann.

Konzerte:

Konzert am 20.9.2018 im Bechstein-Zentrum Köln
Konzert am 23.9.2018 in der Zentrifuge Bonn
Konzert am 28.9.2018 im Bechstein-Zentrum Düsseldorf

Photos © Elena Marangou, Elena Marangou

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Thomas Mann-Lieder-Lesung beim Bonner Liedsommer

Nicht selten steht bei einem Liederabend die Musik im Vordergrund, der Dichter spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur in Verbindung mit der Vertonung seines Textes eine Rolle. Dass der literarische Hintergrund oder gar die literarischen Folgen nicht minder interessant sein können, das zeigten bei einem Liederabend im Bonner Augustinum die Pianistin Kristi Becker, Frauke May (Mezzosopran) und der Moderator Michael Schwalb.

Zusammen spürten sie den literarisch-musikalischen Zusammenhängen im Werk Thomas Manns nach, speziell im Hinblick auf Lieder, die dieser in seinem Schaffen literarisch verewigt hat. Und davon gibt es einige, von Schubert, Schumann, Wolf, Lassen und Brahms, zumeist bekannte Perlen des Repertoires, die sich im Zauberberg, Dr. Faustus und Co. wiederfinden. Für den ohnehin sehr musikaffinen Mann hatte das Kunstlied eine ganz besondere Bedeutung, die sich an diesem Abend einmal mehr offenbarte: auf der Suche nach den Wurzeln der deutschen Seele, nach Innerlichkeit und Tiefe griff der Autor immer wieder auf Bezüge zu dieser wohl deutschesten alles Musikgattungen zurück und benutzte sie als Illustration für seine literarischen Aussagen.

Einführungen in diese literarisch-musikalischen Zusammenhänge gewährte WDR-Moderator Michael Schwalb, der ebenso eloquent wie kenntnisreich in die Konzeption und Hintergründe des Liederabends einführte. Zu hören gab es neben Auszügen aus Franz Schuberts Winterreise und Robert Schumanns Liederkreis auch Goethe-Lieder von Hugo Wolf, den letzten der Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und – eine absolute Rarität – eine Heine-Vertonung von Brahms-Zeitgenosse Eduard Lassen.

Stimmiger Gesamtklang

Die Lieder waren bei Kristi Becker und Frauke May in den besten Händen, zusammen mit der Moderation ergab sich ein stimmiger Gesamtklang aus Wort und Musik, der beim gemeinsamen Austausch mit den Künstlern nach dem Konzert in einem gemütlichen Rahmen ausklang. Denn auch das ist eine Qualität des Liedsommers: Nach dem Konzert bleibt es nicht minder spannend.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Thomas Kölsch

Rheinischer Kultursommer 2018

Konzert am 3. August im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

Romantik mit Geschichte

Romantik mit Geschichte

THOMAS MANN UND SEINE LIEDER – von Michael Zerban

Genau das Richtige am Hochsommer-Abend: Eine Lieder-Lesung mit Koryphäen.

Zu lesen bis Montag, 6.8.2018 kostenfrei bei unserem Medienpartner O-Ton

„May gelingt es, die alten Lieder mit Frische und Aplomb vorzutragen, so dass die knapp anderthalb Stunden des Vortrags verfliegen. …. Am Flügel sitzt Kristi Becker, eigentlich Spezialistin für Neue Musik, die aber schnell zeigt, dass sie auch als Liedbegleiterin eine hervorragende Figur macht. … Die Moderation des Journalisten geht weit über das Übliche hinaus“

Photo © Michael Zerban

Liedkunst in Vollendung

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Human-Zentrifuge außergewöhnlich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Bemerkenswert war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Liedwelt Rheinland | KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018

Unbekannter Rilke

Unbekannter Rilke – „perfektes Zusammenspiel“

Es ist Sonntag, der 2. Januar des Jahres 1927. Im Wallis ist es bitterkalt. Die Geigen-Virtuosin Alma Moodie spielt in der Kirche ein Stück von Johann Sebastian Bach. Dann geht es auf den Friedhof von Raron. „Seine Einfriedung gehört zu den ersten Plätzen, von denen aus ich Wind und Licht dieser Landschaft empfangen habe, zusammen mit allen den Versprechungen, die sie mir, mit und in Muzot, später sollte verwirklichen helfen“, hatte Rainer Maria Rilke am 27. Oktober 1925 geschrieben. Sein letzter Wille wird ihm erfüllt. =>weiterlesen bei O-Ton

Kostproben

Das ist große Kunst, zumal das Niveau bei der Auswahl der Lieder sehr hoch liegt.

Chapeau!

Photo © Michael Zerban

WDR 3 TonArt am 27.7.2018

Traumgekrönt: Hommage à Rilke im Gespräch

WDR 3 TonArt | 27.07.2018 | 12:37 Min.

Im Bonner Liedsommer widmen sich Sopranistin Franziska Heinzen und Pianist Benjamin Mead den Vertonungen von Rilkes hochartifizieller Lyrik. Mit Oliver Cech sprechen sie über Liebes- und Todesbetrachtungen in Musik.

 

 

Zum Konzert am 29.7.2018

Gottesmutter als Mensch – Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Zu einem Dreier-Gespräch waren einer der Programm-Macher von RheinVokal, Jörg Lengersdorf, Sängerin Christiane Oelze und Pianist Eric Schneider vor dem Konzert auf Schloss Engers versammelt.

Die beiden Musiker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft – genau genommen sogar seit dem Studium! Mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf fing alles an, so erzählte Oelze. Doch an diesem Abend stand im Diana-Saal ein ganz anderes Werk auf dem Programm, nämlich Hindemiths „Marienleben“, ein Liedzyklus in 15 Teilen, basierend auf Texten von Rainer Maria Rilke.

Hindemiths „Marienleben“, gepaart mit Schubert-Liedern

Dieser Zyklus gehört erst seit wenigen Jahren zum festen Repertoire des Liedduos: „Für dieses Werk braucht man eine reifere Stimme“, so Oelze im Einführungsgespräch, „außerdem sind natürlich auch die Texte nicht ohne und erfordern großes Textverständnis“.

Rilke wirft in seinen Texten einen sehr menschlichen Blick auf die Figur der Maria und lässt sie als Menschen, als Frau und später als leidende Mutter erscheinen. Auch die Musik Paul Hindemiths beschreibt Maria als Mensch und weniger als Gottesmutter. Seine Musik ist anspruchsvoll, dramatisch und stellt höchste Ansprüche an Sängerin und Pianisten. Daher haben Oelze und Schneider ihr Programm für diesen Abend um Schubert-Lieder ergänzt, die den Hindemith immer wieder unterbrechen. „Sie dürfen auch mal träumen und sich zurücklehnen“, so Schneider im Gespräch. Ausgewiesene Marienlieder gibt es nur wenige von Schubert, aber diese erklingen.

Menschliche Darstellung der Gottesmutter

Wie sehr Christiane Oelze und Eric Schneider sich mit den Texten Rilkes und der Musik Hindemiths auseinandergesetzt haben, zeigte sich sehr schnell im anschließenden Konzert: Nach Schuberts „Ave Maria“ folgte ein Block HINDEMITH?? mit der Geburt Mariä, der Darstellung Mariä im Tempel, Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung. Die komplexen Anforderungen an die Sängerin in Form von kniffligen Rhythmen und facettenreichem Ausdruck setzte Oelze klug um und begeisterte mit ihrem warmen Timbre und Feingefühl für Text und Musik. Eric Schneider am Klavier stand ihr in diesen Dingen in nichts nach. Die fast zärtliche Situation der Geburt, ebenso auch die gleichsam intime Begegnung zwischen Maria und dem Verkündigungsengel sowie die tatsächliche Schwangerschaft mit allen Beschwerden wurden für das Publikum anschaulich.

Oelze und Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen und ein menschliches und berührendes musikalisches Porträt Mariäs zu zeichnen. Ob es nun der wütende Argwohn Josephs angesichts der ungeklärten Schwangerschaft war, die Geburt Christi mit dem Wissen und der Ahnung, dass in dieser Nacht etwas Bedeutendes geschieht bis hin zum Mutterstolz, der sie Jesu zum Wunder in Kana drängen lässt – und damit vielleicht die Weichen stellt zu seiner späteren Verurteilung und seinem Tod.

Anrührende Interpretation

Ergreifend stellten die beiden Musiker das Leid Mariä nach dem Tod des Sohnes dar, in dem es weniger um die Bedeutung für die gesamte Menschheit geht, sondern vielmehr um Wut und Trauer einer Mutter, die ihr Kind zu Grabe tragen muss – „und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur“.

Die eingebundenen Schubert-Lieder bildeten einen Rahmen für das Geschehen, waren zugleich auch immer auf aktuelle Stimmung in Hindemiths Zyklus abgestimmt, bildeten Spiegel oder Übergang zu dem nächsten Hindemith-Block. Euphorisch reagierte das Publikum am Ende des Abends mit langem Applaus und stehenden Ovationen für einen hochkarätigen und ganz besonderen Liederabend! Als Dank für den anhaltenden Applaus wurde das Publikum mit einem Schubert-Lied in den lauen Sommerabend entlassen.

Rheinischer Kultursommer 2018

Text: Verena Düren
Photo © Pixabay: WikiImages: Maria – die Immerwährende Hilfe

Konzert am 13. Juli im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018
Interview mit Christiane Oelze

 

 

„I AM PERFECT!“ – Perfekter Abschluss für Katharina Diegritz

„I AM PERFECT!“ – Perfekter Abschluss für Katharina Diegritz

„I AM PERFECT!“ – Welch ein passgenauer und zugleich selbstbewusster Titel für ein Master-Abschlusskonzert als Sängerin! Auch der Untertitel des Programms, den Katharina Diegritz (Klasse Prof. Lioba Braun) gewählt hatte, erwies sich als aufschlussreich: „Sehnsucht -> Wahnsinn -> Scheitern -> Wahl?“ In ihrem dramaturgisch klugen und mutigen Programm ging Diegritz gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Yuhao Guo der Frage nach dem menschlichen Streben nach Perfektion nach.

Entsprechend dem Leitfaden im Untertitel war das Programm in vier Teile unterteilt, in denen es um Sehnsucht (nach Perfektion), Wahnsinn (angesichts der Dinge, die das Streben nach Perfektion einem abverlangt), Scheitern und Wahl ging. Ergänzt wurden die Abschnitte durch programmatisch passende und von der Sängerin vorgetragene Texte, die das Konzert zu einem nachdenklichen, geradezu philosophischen Ereignis abrundeten.

Ausgesprochen charmant begrüßte Diegritz die reichlich erschienenen Zuhörer, um dann zunächst erneut von der Bühne abzugehen und in ihrer Rolle als Sängerin aufzutreten.

Am Anfang stand somit gleichsam das Paradies: Ein Zustand, in dem alle alles hatten und mit dem, was sie hatten, zufrieden waren. Konzeptionell untermauert wurde dies mit einem roten Lichtkreis, der auf der Bühne zu sehen war und mit dem Diegritz durch Ein- und Austreten spielte.

Die Sehnsucht nach etwas anderem, nach mehr, nach Perfektion begann musikalisch gesehen mit Alban Bergs „Die Nachtigall“, die Diegritz mit feiner Dynamik umsetzte. Leicht und mädchenhaft naiv erklangen im Anschluss „Giunse alfin il momento …Deh vieni, non tardar“, Rezitativ und Arie der Susanna, Denn auch sie sehnt sich in Mozarts „Le Nozze di Figaro“ nach dem Moment der Glückseligkeit. Mit „Das Sehnen in der Natur“ erklang in „Lilacs“, der Wahnsinn im „Traum“ op. 8, 5. ein gekonnter Abstecher in das russische Liedrepertoire zu Liedern von Sergej Rachmaninoff.

Katharina Diegritz bewegte sich in ihrem Masterabschlusskonzert gemeinsam mit ihrem sensiblen Klavierpartner Yuhao Guo sowohl durch Lied- als auch Opernrepertoire, von Deutsch bis Russisch, von Mozart bis Bernstein, unbekanntes und bekanntes Repertoire vereinend. Sie überzeugte dabei mit ihrem warmen Sopran, großer Ausdruckskraft und außergewöhnlicher Programmgestaltung. Verstärkt wurden die teils hochphilosophischen Inhalte durch angepasste Lichtregie und durch die Texte, die Diegritz mit viel Charme spielte.

Das Ende des Konzerts war ein ausgesprochen passendes: Die Frage nach der Wahl, die wir haben – oder vielleicht haben wir gar keine? Sind wir perfekt oder nicht? Müssen oder wollen wir es überhaupt sein? Ein musikalisch großartig umgesetztes Ende eines sehr spannenden Masterkonzerts und zugleich ein Aufbruch in den neuen Lebensabschnitt von Katharina Diegritz.

Text: Verena Düren
Photo © KLINK ART, Joachim Müller-Klink