Archiv der Kategorie: Berichte

„Come Away Death“

„Come Away Death“

Die bunte und hellsichtige Welt des William Shakespeare beeinflusste auch das Kunstlied. Zu erleben war das beim Saison-Abschluss der Reihe „Im Zentrum Lied“ in der Fritz Thyssen Stiftung. Natürlich musste dafür ein Brite her: Der Bariton Martin Lindsay leitet als Dozent der Kölner Musikhochschule das Seminar „Englisches Lied- und Arienrepertoire“. Er kennt sich also perfekt aus im Repertoire.

Bei uns wenig bekannte Lieder der Engländer Gerald Finzi, Roger Quilter oder Michael Tippett setzte er auf sein Programm „All the World’s a Stage“. Das weitete sich mit Liedern von Hanns Eisler über Charles Ives und Ernest Chausson aber auch sehr international. Kaum zu glauben, wie viele Komponisten Shakespeare in Romantik und Moderne vertonten.

 

Es war ein Programm mit Konzept und dramaturgischem Bogen. In einen „Prologue“ und fünf Akte war dieser Abend unterteilt. Der „Epilogue“ endete still mit den Worten „Fall asleep, or, hearing, die“, vertont von Ralph Vaughan Williams. Routiniert begleitet von der Pianistin und Hochschul-Kollegin Elnara Ismailova setzte Lindsay gekonnt auf sein schauspielerisches Talent. Man konnte allein aus seiner Mimik den Sinn erfassen. Im stark abgedunkelten Saal war ein Mitlesen der im Programmheft abgedruckten Texte ohnehin nicht möglich. Eindringlich der zweite Akt mit ruhigen Liedern wie Finzis magischem „Come Away Death“.

Zum Schmunzeln im restlos gefüllten Saal regten Lindsays langgezogene „Y-a“-Laute in Hugo Wolfs „Die Schwalbe“ aus dem „Sommernachtstraum“ an. Der musikalische Streifzug durch Shakespeares Sonette und Dramen von „Otello“ bis zu „Henry VIII“ machte Freude, auch wenn der geöffnete Flügel stellenweise zu wuchtig war und Lindsay sich im ersten Block zu sehr auf eine mittlere Laustärke verließ. Seine vokal wenig runde Stimme machte er durch Wahrhaftigkeit und Zerbrechlichkeit wett. Das passte gut zu Shakespeares Bühnenfiguren.

Text: Matthias Corvin
Photo: Sabine Krasemann

Der Originalartikel erschien am 20.4.2018 in der Kölner Rundschau. Wir bedanken uns für die Abdruck-Genehmigung.

Konzert

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

Grundsätzlich ist die Nähe zur tatsächlichen Volksmusik und zum Volkslied wie zu Sagen und Legenden aus der „Heimat“ eine der wichtigsten künstlerischen Inspirationsquellen für Komponisten. Immer wieder schauen bzw. hören Komponisten daher dem Volk „aufs Maul“, woraufhin ein künstlerischer Verarbeitungs- und Auseinandersetzungsprozess einsetzt. Dass auch Beethoven hier ganz tief geschürft hat, zurück zu den Ursprüngen ging und so seine künstlerische Sprache wahrhaft und so berührend werden ließ, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt in Bezug auf sein künstlerisches Gesamtschaffen.

Am 1. Maifeiertag gab es im Bonner Schumannhaus die Gelegenheit, an einer kleinen Europareise teilzunehmen und diesem engen Bezug zur Quelle nachzulauschen: Insgesamt neun junge Musikerinnen und Musiker gestalteten das Auftaktkonzert von Beethoven@home. Die jungen Künstlerinnen und Künstler hatten gemeinsam mit der Ludwig-van-Beethoven-Musikschule Bonn (Eva Wolsing und Beatrix Ebersberg) einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Vormittag zu bieten. Insgesamt erklangen 23 Lieder in acht thematisch und geographisch sortierten Abschnitten, die von fachkundigen wie unterhaltsamen Moderationen und kurzen Gesprächen über die Hintergründe der Lieder verbunden wurden.

Das Volkslied als schöpferische Inspirationsquelle

Die Nähe des Kunstliedes zum Volkslied hat deren Aufführung im häuslichen Rahmen so populär gemacht, dass Beethoven über 170 Bearbeitungen schrieb – aber die Melodien und Geschichten scheinen ihn auch persönlich fasziniert zu haben: Denn er schrieb weiter an Bearbeitungen auch ohne konkreten Auftrag von Verlegerseite und hat sich sicherlich hierzu entschlossen, weil er die künstlerische Inspirationsquelle auch als grundlegend für sein Schaffen empfand. Außerdem fand Beethoven hier die Möglichkeit, kompositorisch so Manches auszuprobieren, das später in „klassischen Werken“ wieder auftaucht.

Die Madeln, die führen uns an der Nase her

Natürlich ging es in den Liedern vor allem um Wein, Weib und Gesang – kleine Geschichten, Szenen und Bilder, mit dem tapferen Ritter, mit klugen Madels oft deftig-schlüpfrig oder auch derb. Die Sänger wurden dabei kontinuierlich von Cello und Klavier begleitet, was klanglich eine schöne Bereicherung war, zumal Johannes Zipfel am Cello nicht nur verlässlicher Partner der Sänger und Pianisten war, sondern ganz maßgeblich an der feinen Gestaltung der Lieder Teil hatte. Die mit dem Sänger korrespondierende Violine spielte zunächst Lotta Nikolayczik.

Die Erzählung des Sängers wurde verstärkt, reflektiert: So mancher Scherz ausgemalt, das Geschehen kommentiert. Auch eine Antwort auf die zahlreichen augenzwinkernden Verführungsversuche gab es. Im zweiten Teil übernahm die Violine noch eigenständigere Rollen: Casper Hesprich übernahm diesen Part im zweiten Teil – klug ausgesucht war die Rolle der Violine hier, setzte der ersten Konzerthälfte noch eins drauf, da der Part so überraschend vielfältiger angelegt war als im ersten Teil. Alles klang plötzlich neu: Bordunklänge, virtuose Girlanden und Sprünge oder längere Vor- und Nachspiele zeigten, welche kammermusikalische Vielfalt im Volkslied-Ausdruck steckt.

Wer solche Buama afipackt

Zunächst gab es „alpine“ Stilbilder aus der Schweiz und dem Tirol. In mehreren Liedern wie dem Lied „Wegen meiner bleib d’Fräula“ wurde die Verbindung zum Volksstück unmittelbar: Diese Bearbeitung hat auch bei Wenzel Müller als Arie des Hausmeisters in das „Das NeuSonntagskind“ seinen Platz, kein Einzelfall – finden sich auch bei Nestroy und Haibels in deren Bühnenwerken Volksliedvertonungen, die als Volksliedbearbeitung in den heimischen Salon transportiert wurden, damit die Fan-Gemeinde sie hier nachempfinden konnte, indem sie sie selbst im häuslichen Rahmen erneut musizierte.

Das lautmalerische Lokalkolorit aus Tirol gestaltete die Sopranistin Katharina Diegritz beispielsweise im Lied „Wann i in der Früh aufsteh‘“ mit bezaubernder, augenzwinkernder Schauspielerei. So entstand aus dem schwungvoll mit Bravour gesungenen virtuosen Lied eine bildhaft angedeutete schmissige Szenerie. Denn viele Lieder sind gespickt mit einer Anspielung nach der nächsten: Kleine lustige Schweinereien fanden ihr Bild in der einfachen Natur und der Arbeit auf dem Lande. So wurde aus dem Almauftrieb ein Vorwand, mit der Schwägerin gemeinsam „die Kühe zu hüten“ – ein mit „naiven“ Anspielungen gespicktes Lied darüber, was der Schwager und die Schwägerin so alles auf der Alm zu tun haben. Der Refrain „ei, ai, eia“ ließ zu zahlreichen persönlichen Fortspinnungen im Kopf des Besuchers Platz. Überhaupt ging es im ersten Teil vor allem um die Liebe, um emanzipierte Madel und alte Schachteln, den depperten Tyroler Bua und den talkerter Jodel und entsprechend aufgelockert war die Stimmung im Saal.

Lasst im Wein uns den Gram ertränken!

Ganz neue Töne erklangen im mittleren Programmteil mit „Oj, oj upilem sie w karczmie“. Die Bordunklänge, das Drehen der Leier stellen die Instrumente prinzipiell nicht nur klanglich mehr in den Vordergrund – insbesondere, da Beethoven hier eine holprige deutsche Übersetzung vertont hat.

Umso erstaunlicher, dass auch Lieder, bei denen Beethoven zum Teil nur Melodien und keine Originaltexte zur Verfügung standen, passgenaue Originalität und Stimmigkeit auch in der Wahl der Inhalte haben. Die Holprigkeit, die falsche Betonungen und sich gegen die Melodie sperrende Worte teils skurril anhäufte, überwand der Bariton Benjamin Hewat-Craw galant. Wie bereits in den beiden Liedern, die der Bariton zu Anfang der Matinée sang, gestaltete er gemeinsam mit der Mezzosopranistin auch das „Kosakenlied“ in feinster Manier.

„Was ist authentisch?“

Hier erklang – eben wie erwartet – elegisches Moll: Ein längeres Vor- wie Nachspiel imaginiert ein romantisiertes Bild am Ufer der Wolga mit pizzicato-Tupfern im Cello, unmittelbar sitzt man mit den beiden Ausführenden in der Runde … und lauscht wiederum deren Gespräch über Sehnsucht und die Liebe. Die erzählende Geige (Casper Hesprich) malt die das Gespräch begleitenden Gedanken hier anmutig wie elegisch aus. Erstaunlich wie aktuell manches Parlando-Moll klang, dem die Mezzosopranistin Lea Müller zuvor in zwei russischen Volksliedern folgte – an unserem Klischée was die Erwartungen an das „Lokalkolorit“ betrifft, scheint sich jedenfalls in den letzten zweihundert Jahren nicht so viel geändert zu haben, sonst wären weder Künstler noch Publikum so nah und begeistert am Ball geblieben.

Auch die zahlreichen Duette, die sich in der Matinée verstreuten, trugen klanglich dazu bei, mit ihren verschiedenen Varianten den Morgen zu bereichern. Es kam zu immer neuen Stimm-Kombinationen und natürlich bot jedes Volkslied auch eine kleine Szenerie, die sich belebte durch die „Gespräche“ der Protagonisten.

Traumhafte Welt

Bevor es mit Liedern aus Spanien, Italien und Ungarn weniger elegisch wurde, tat sich im schwedischen Wiegenlied „Lilla Carl“ vor allem in den Doppelgriffen und kommentierenden Sprüngen zum Bordun eine traumhafte Welt auf: Schön gestaltete Lea Müller diesen ruhigen Fluss.

Konsequent entführte Eike Kutsche mit der Cellistin Sue Schlotte nun in die Obertonwelt. Hier fand die Matinée ihren künstlerischen Ruhe- und Angelpunkt, begab sich für einen kostbaren Moment auf die „andere Seite“, hielt inne. Die authentische Spiritualität versetzte die Lauschenden so in eine Klanginsel, die gerade deshalb in der Überhöhung der Volksmusik und dem alltäglichen Singen der Menschen sehr nahe ist. Daher erfuhr die anwesende Gemeinschaft hier klanglich jenes Eins-Sein aller Menschen – eine wichtige Verbindung allen gemeinschaftlichen Mensch-Seins und somit dessen, was das Volkslied unterschwellig vermittelt: Den Grund, warum uns auch die Beethoven’schen Volkslieder nach zweihundert Jahren noch so tief berühren, konnte man nun verstehen.

Una paloma blanca

Zur südeuropäischen Atmosphäre passend hatte auch der Tenor Nico Heinrich hörbar und sichtlich Spaß am Gestalten des spanischen Piraten-Tiranilla oder dem doppeldeutigen, kurzen russischen Lied über die Mädchen, die ganz viele „Beeren“ im Wald finden, in der Menge dargestellt von einer geschäftig plappernden Violine, deren „Wortschwall“ das kurze Lied eigentlich sprengt. Fein und schlank gestaltet, gelang ihm im ungarischen Weinlied „Edes Kinos emlekezet“ die schwungvolle Wende in die Zielgerade der Matinée, die die neun Künstlerinnen und Künstler mit einer schwungvollen Zugabe würzten.

Vertiefen konnte der Zuhörer sein Wissen bei den fachkundigen Gesprächsteilnehmern von Dr. Solveig Palm, die auch nach dem Konzert zu anregenden Gesprächen zur Verfügung standen.

Text: Sabine Krasemann
Photos: KLINK ART, Joachim Müller-Klink

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Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Liederabend mit Soetkin Elbers und Ulrich Eisenlohr am 20.4.2018

Wie ein Liederabend im gutbürgerlichen Salon geklungen haben mag können, sich die Besucher des Liederabends am 20. April 2018 im Konzertsaal der Hochschule in Aachen klanglich nun sehr gut vorstellen. Prof. Ulrich Eisenlohr stellte den Nachbau eines Fortepiano nach Johann Fritz (Wien, 1825) gleich zu Beginn vor und verwies auf ein paar klangliche Besonderheiten. Wie viele differenzierte Möglichkeiten sich dem Pianisten um 1800 mit der Erfindung des Hammerklaviers boten, gab dem Abend eine ganz besondere Atmosphäre. Dies war nicht zuletzt deutlich hörbar an allen Stellen, an denen mittels des zusätzlichen – vierten – Pedals eine ganz spezielle, „gedimmte“ Empfindung herbeigezaubert wurde: Der „Moderator“ ermöglicht einen Klangeffekt ähnlich dem der Dämpfer bei Streichinstrumenten. Auch schick anzusehen: das Nussbaum-Furnier mit Schellack-Handpolitur (mehr über den Instrumentenbauer Michael Walker).

Mit den Komponisten Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert bekam der Flügel ein zeitgemäßes Klangkonzept angeboten. Schon bei den „Original Canzonettas“ Haydns ließen die in den Einleitungen entstehenden Stimmungsbilder, die Ulrich Eisenlohr mit dem Klavier ausleuchtete, der Sopranistin Soetkin Elbers viel gestalterische Flexibilität, so dass es eine große Freude war, den Liedern zu folgen.

Ein „Pianisten-Angebot“, das die Sängerin souverän, und mit viel Freude an den sensiblen Details, den ganzen Abend über annahm und das vielleicht in den Beethoven-Liedern am deutlichsten wurde: Ist doch ein „Ich denke dein…“-Andenken auf einem modernen Instrument kaum klangschön realisierbar, da statt graziler Akkorde wuchtige Klangbatterien die Interpreten schnell vor ein unlösbares Instrumenten-Problem stellen. In der dargebotenen Zartheit des sängerischen Ausdrucks, der dynamischen Flexibilität des Duos und der klanglichen Durchsichtigkeit im massiven Klavierpart waren die Beethoven-Lieder ein echter Hin-Lauscher. Niemand im Saal hat sicherlich die polternden Bässe eines modernen Klaviers vermisst, an deren Stelle nun massive Kulminationen erklangen.

Antonio Salieri eröffnete mit zwei „Divertimenti Vocali“ die zweite Konzerthälfte, zwei Lieder „für zu Hause“ von ausgesprochen schöner Galanterie. Mit „Drei deutsche Lieder“ verwies das Duo Elbers / Eisenlohr auch dezent darauf, dass der Kosmopolit Salieri Schubert unterwiesen hatte – und so schlossen die vier Schubert-Lieder nahtlos an. Schon nach dem ersten Lied – Ellens erster Gesang nach Walter Scott – gab es für die Sängerin Szenenapplaus für die packende Darstellung.

Konzeptionell klug gewählt verstand es Soetkin Elbers, die Imagination der Lieder auch hier mit schlüssiger Gestik zu unterstreichen. Kein Wunder, dass das Publikum eine Zugabe einforderte und mit einer zweiten „Forelle“ belohnt wurde.

Konzert

Photos + Text: Sabine Krasemann

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Die Veranstaltung des Vereins Klang Köln e.V. im Domforum bot eindreiviertel Stunden lang eher ungewöhnliche Töne. Der in Kooperation mit  „Liedwelt Rheinland“ stattfindende Liederabend war sogar mehr als nur „etwas anders“ (drei Uraufführungen innerhalb von vier Zyklen). Alle Komponisten (gleichzeitig Klavierbegleiter) – Rolf Soiron, Christoph Maria Wagner, Stefan Thomas – sind um die Fünfzig und haben viel mit Köln zu tun. Die Sopranistin Anna Herbst wurde ganz in der Nähe geboren.

Sie eröffnete den Abend mit Soirons „Lieder des Bewusstseins“ (Texte 20. Jahrhundert). Erstaunlich, wie sehr der Komponist der Sängerin vokales Fließen gestattet; schönes Timbre und Legatokunst kamen so überzeugend zur Geltung. Ein Gegensatz dazu war der dissonante, nervöse, selten beruhigt wirkende Klavierpart, ein primärer Eindruck auch sonst.

Bei Wagners Bukowski-Songs wurde dem Sänger (der ausgezeichnete Peter Paul) neben kantabler Souveränität auch expressives Sprechen, sogar Schreien abverlangt. Ähnliches bei Soirons Liedern nach Hermann Broch, dessen emotional starke Texte den Komponisten merklich inspiriert haben. Ob indes ein heiterer Dichter wie Robert Gernhardt unbedingt vertont werden muss, sei zurückhaltend angezweifelt. Die ständige Wiederholung einzelner Textzeilen ließ die Skurrilität der Gedichte zudem verloren gehen, und eine Männerstimme wäre wohl auch geeigneter.

Text: Christoph Zimmermann

© Photos: Carola Kluth

Bukowskis Kunstlieder

„Der etwas andere Liederabend“ im Domforum mit den Netzwerk-Mitgliedern Anna Herbst (Sopran), Christoph Maria Wagner (Komposition & Klavier) sowie Peter Paul (Bariton),Ralf Soiron und Stefan Thomas (Komposition & Klavier)

„… Während auf der Domplatte noch zahlreiche Touristen den milden Frühlingsabend genießen, kann das Programm beginnen. … Das Publikum genießt Humor, Dramatik, Gefühl und die sehr intensive Auseinandersetzung sowohl der Komponisten als auch der Sänger mit dem Material, die in jedem Lied spürbar wird.

Schaute man in die Tiefe  der Kompositionen, gäbe es sicher den einen oder anderen Diskussionsbedarf. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Vorerst darf das Publikum dankbar sein, solche Abende überhaupt zu erleben.“  =>> weiterlesen bei O-Ton

zum Konzert

© Text: Michael S. Zerban
© Photos: O-Ton

Beauty is life

Beauty is life – Liederabend Scholl / Halperin am 15.4.2018

Andreas Scholl und Tamar Halperin luden zu einem ausgefeilten, vielschichtigen Liederabend-Erlebnis in die Kölner Philharmonie ein, das klar in Konzeption und Aussage war, aber jedem Hörer auch Raum zur eigenen Reflexion ließ.

Formal war jeder kunstvolle Block geschlossen: Die Konzeption drang so tief in die Gesamtanlage der einzelnen „Akte“ ein. Aufeinanderfolgende Lieder und Klaviersolo-Werke schlossen auch in den Tonarten nahtlos aneinander an. So wurden Nachspiele zu Vorspielen: Unmerklich blieb ein Ton liegen und so kamen jeweils in sich geschlossene Einheiten zustande, die das Publikum ausnahmslos in ihren Bann zogen.

Der gesamte Liederabend gestaltete sich durch klug aufeinanderfolgende Aspekte so, dass die Spannung unmerklich den Abend vorantrieb. Hier konnte jeder Zuhörer seine eigene Geschichte anhand der vielen Symbole, Kleinode und angedeuteten Szenerien entwickeln und sich auf seine persönliche Reise begeben. Andreas Scholl und Tamar Halperin vermittelten mit souveräner Gestaltung und kongenialem gegenseitigem Verständnis ihre Kunst als Duo.

Eine weite Landschaft entstand zu Beginn des Abends vor dem inneren Auge. Zunehmend verdichtete sich diese, Szenen, Bilder, Ereignisse, Symbole blitzten auf. Auch wurde das Geschehen unversehens dichter durch das immer mehr beredt die Spannungspausen füllende Klavier. Aber erst in dem Lied „Wo der Goldregen steht“ von Alban Berg findet sich auch im Text die Verbindung von Sänger und Pianistin wieder: „Eh‘ wir weitergehen“.

Cages jazzige Soliloquy war Start in eine ganz neue Klangwelt und wurde psychologisch ganz richtig mit Copelands „I bought me a cat“ locker und witzig fortgesetzt. Sie waren gekrönt von Heiterkeit auslösenden artistischen Kulminationen von Tierlauten, die Scholl mit  Witz und Schwung zelebrierte – ehe Cages „Jazz Study“ endgültig den Rahmen des üblichen Liederabend-Repertoires gekonnt sprengte: Eine geschickte Korrespondenz aus Soliloquy heraus, die die stilistische Spannweite im Klavier und die Rolle als verbindendes wie das Konzept vorantreibendes Element verblüffend veranschaulichte – und irgendwo eine Verselbständigung der musikalischen Fortsetzung aus dem Konzept heraus.

Beauty is life – mit diesem lebensbejahenden Statement von Tawadros / McMahon schickte das Duo das Publikum in die Pause.

In a Landscape

Was soll nach dem „Vater unser“ von Pärt noch kommen, so die Frage nach der Pause beim Staunen über so viel Mut zu gestalterisch Offenem, das tief bewegte. Und natürlich fand das Duo Scholl / Halperin auch hier die richtige Antwort: etwas volksliedhaft-einfaches muss es sein! Also „Greensleeves“ von Britten. Unversehens lauschend wurde schließlich klar, nun ist schon das dritte Lied nach dem Vater unser gekommen und immer noch hallten die Korrespondenzen weiter nach und sponnen sich die Fäden weiter.

Da hilft eine gemeinsame Meditation mit Tamar Halperin! Zwei kürzere meditative Inseln mit Cage-Klavierwerken gab es schon in der ersten Hälfte, aber die Stille und Besinnung, die die Pianistin hier mit Cages „In a landscape“ zauberte, fesselte das Publikum so, dass dieses regelrecht die Luft anhielt. Andreas Scholl gestaltete souverän auch die Feinheiten, aber spätestens mit diesem Cage-Coup macht sich die Pianistin zum eigentlichen Star des Abends, war sie doch stets als wahrhaft ebenbürtige Partnerin Korrespondentin, treibende Kraft, reflektierendes Moment, durch das die Kunst Scholls einen wunderbaren Widerpart hatte. Die gegenseitige musikalische Vertrautheit konnte im permanenten Wechselspiel stets beobachtet werden.

Das begeisterte Publikum erklatschte sich zwei Zugaben: Mit “Shir Eres” von Sasha Argov gefolgt von “Lullaby” von Billy Joel ging es bereichert heim.

Text: Sabine Krasemann

© Photos:
Andreas Scholl: BR-Klassik
Tamar Halperin: Gregor Hohenberg
Duo: Die Rechte konnten leider nicht geklärt werden.

Thomas Mann und die Musik

„Meine Erzählungen und Geschichten sind gute Partituren“

Wie sehr Gustav Mahler diesem Ausspruch Thomas Manns zugestimmt hat ist nun erstmalig einem Brief zu entnehmen, den unser Netzwerk-Mitglied Frauke May im Züricher Thomas-Mann-Archiv entdeckt hat. Die Story in der Ausgabe der SZ vom 23.3.2018.

Zu „Thomas Mann und die Musik“ bald mehr in unserem Film, insbesondere über das Kunstlied. Ein Programm, das die Sängerin gemeinsam mit Michael Schwalb entwicklet hat.

Photo: Thomas-Mann-Archiv der ETH-Zürich

Nachklang „Lieder in Bildern“

Nachklang „Lieder in Bildern“
Begegnung in künstlerischer Harmonie

Auf welche aufregende Weise sich die bildende und die klingende Kunst gegenseitig inspirieren können, zeigten der Komponist Markus Schönewolf und der Maler Ernst-Martin Heel mit ihrem außergewöhnlichen Konzert- und Ausstellungsabend “Lieder in Bildern” in unserer  KULTURKIRCHE OST. =>> weiterlesen

Wir bedanken uns für die vielen schönen Photos und den Text, der so Lust auf unser Projekt macht!

Konzert

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Aufbruch – Sehnsucht – Suche – Verlust

Aufbruch – Sehnsucht – Suche – Verlust

In Musik, Literatur und Film – überall spüren wir der Heimat nach, oft erst wenn sie verloren geht, wird sie als Ort der Sehnsucht vor dem Hintergrund des Verlusts in ihrer Bedeutung relevant.

Vor diesem Hintergrund hat sich Netzwerk-Mitglied Toni Ming Geiger für sein Masterkonzert am 2.2.2018 mit dem Begriff vielfältig auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Konzert, das deutlich auf die Rückkoppelung in der Sprache reflektiert.  Frederik Schauhoff trug als Sprecher einstimmende Texte zu Aufbruch, Sehnsucht und Suche vor – reflektiert von der Gesangspartnerin Elena Harsányi (Sopran) und Toni Ming Geiger (Klavier) wurden diese kunstvoll vernetzten Gedanken in Liedern von Schumann (Wanderung, Schöne Wiege meiner Leiden und Kennst du das Land), Eisler (Die Heimat, An eine Stadt, Erinnerung) und Wolf (Heimweh, Mir ward gesagt, du reisest, Mignon II, Lied vom Winde) verwoben. Die Intensität ließ die Lieder der ersten Konzerthälfte zu einem drängenden Halbfinale kommen.

In der Pause hatte jeder Konzertbesucher die Möglichkeit, sich über Erlebtes auszutauschen. Dies auch mit „Fremden“ zu tun, dazu lud die Pinnwand im Foyer ein: Jeder war gebeten, seinen Begriff von Heimat kurz festzuhalten. Hier fand sich Vielfältiges und Phantasievolles, das zeigte, wie emotionsvoll alles um den Begriff „Heimat“ ist:

  • wo ich geliebt wurde
  • Familie + Heimatstadt
  • FC
  • Der Ort, wo man man selbst sein kann!
  • Heimat ist nicht von dieser Welt
  • …..

Nach der Pause erklangen Folksong-Arrangements von Britten und der Liederkreis op. 39 von Schumann – womit auch eine kompositorische Brücke zum Konzertbeginn geschlagen war. Spannend hierzu die Lesung aus Eichendorffs „Entwurf einer Lebensbeschreibung“ – das Bild des Einsiedlers entstand. Einsamkeit, Fremde und Heimat gehören doch als Trio dicht zusammen.

Der Kammermusiksaal der Hochschule war bis auf den letzten Platz besetzt und die Zuschauerschar hatte auch nach dem Konzert Gelegenheit, mit einem Glas Kölsch den kulinarischen Aspekt der Heimatverbundenheit zu testen.

Die Liedwelt Rheinland gratuliert Toni Ming Geiger ganz herzlich zu der bestandenen Master-Prüfung!

Photos und Text: Sabine Krasemann

„In wachsenden Ringen“

„In wachsenden Ringen“

Eine interdisziplinäre Liedermatinée mit Ingeborg Danz, Alt und Peter Stein, Violine und Arrangements

Es bot sich an, früh genug vor Ort zu sein, denn der Konzertort, der KunstRaum Dorissa Lem in Köln-Ehrenfeld lud zum Stöbern und Sinnieren vor dem Konzert ein. Seit den 90er Jahren lädt die Bildende Künstlerin Dorissa Lem im Rahmen interdisziplinärer Projekte Musiker und Autoren in ihren KunstRaum ein. Hier entstehen spannende Resonanzen zwischen den Künsten. Viel Holz, kräftiger Strich, viel Rundes, viel Naturhaftes wartete auf die flanierenden Besucher – die so zugleich unmerklich auf die Musik eingestimmt wurden…

Wer meint, es sei eine hochkomplexe und oft langwierige Sache, bis ein Lied-Programm fertig und rund ist, liegt sicherlich zumeist richtig. Oft wachsen die Programme auch quasi aus den Biographien der Künstler und ihrer gemeinsamen Entwicklung heraus. So geschehen mit den Liedern für Alt und Violine, die Ingeborg Danz und Peter Stein gesucht und gefunden, nach Gutbefinden bearbeitet und schließlich erarbeitet haben.

Eine solche Team-Leistung alleine lässt schon auf eine spannende Entdeckungsreise schließen. Den Arrangements war ganz deutlich anzuspüren, dass Peter Stein nach dem Durchdringen der Originalwerke beim Arrangieren genau wusste, was er auf der Violine spielen wollte und darauf ganz sinnfällig einging, verschaffte dem Ganzen eine natürliche Spontaneität, die durch die Intimität des Ausdrucks des Duos intensiviert wurde. Die dabei von Ingeborg Danz im beiderseitigen „Einvernehmen“ verströmte natürliche Freundlichkeit und Souveränität verlieh dem Vormittag eine Spannung durch alle Werke hindurch.

Aufgelockert und angereichert mit moderierten Hintergrundinformationen oder auch Anekdoten zu einzelnen Werken war über die einzelnen Liederzyklen und Werke so einiges Spannendes auf dieser gut einstündigen synästhetischen Reise zu erfahren. William Blakes Gedichte, die der Mystiker und Phantast schrieb und die seiner Zeit weit voraus waren, fanden schließlich gut 200 Jahre später in Ralph Vaughan Williams ihren Komponisten (1957).

Die pastorale Grundnote, verbunden mit Bordun-Quinten, vermittelt eine subtile Schlichtheit, die sich als einzelne Aspekte einer  Szenerie entpuppen, die Christliches naturhaft, ja naturnah abbildet. So endet das dritte Lied mit einem feinen offenen Ton, dann gibt dieses Duo dem Ohr Platz für einen der Höhepunkte: Das filligrane vierte Lied – für Alt Solo. Aber ganz unterschiedlich gehen die Duo-Partner miteinander um: So folgt nach dem Solo sogleich ein wahrhaftiger Dialog. Offenheit, Hoffnungsvolles, Schlichtes erklingt – um schließlich im letzten Lied in einer Doppelstimmigkeit in der Violine zu münden, die sich gemeinsam mit der Stimme leise und etwas choralhaft im mystischen Duktus verliert.

Wie hier so fanden auch in den Deux Poèmes von Ronsard / vertont von Roussel / arrangiert von Stein zahlreiche Natursymbole und Naturbilder ihren Wiederklang – eine Vertonung, die sogar 400 Jahre nach den Gedichten entstand (1924).

Original für Ingeborg Danz und Peter Stein hat Peter Knell den Zyklus „Griffiths Songs“ 2004 geschrieben. Auch hier weiter Natursymbolik, die unmerklich zu den Werken von Dorissa Lem in Beziehung treten: „The Skater“ zeichnet eine unwirkliche erstarrte Landschaft auf Eis, „Parallel Motion“ – mit niedersinkenden Quinten, die den Gesang aus dem Rezitativischen zum Arioso fast mit einer nimmermüden Pendelbewegung geleiten. Das letzte Lied, Metamorphosis nun lässt sich direkt mit Lems Werk in Verbindung bringen, mit den wohlgeformten Baumstamm-Stücken, mit Jahresringen und Skalen – alles endet in echter Zweistimmigkeit in einem girlandenhaften Abgesang: Waagschalen, Tonleitern…

Sinnreich endete auch dieses Programm mit einem Schubert-Lied: „Auf dem Wasser zu singen“ wurde zu einer klanglichen Verschmelzung, einem Umschlingen, wie es die Fassung mit Klavier nicht möglich macht. So findet die Matinée in Schubert’sche / Wiener Melancholie auf die Worte „… Selber entschwinde der wechselnden Zeit“ ein sinnreiches Schlusswort.

Als kleine Draufgabe gaben Ingeborg Danz und Peter Stein „Hebe Deine Augen auf“ – das Terzett aus dem Elias. Eine kleine, hier überhöhte Oase der friedlichen Freundlichkeit.

Text & Photos: Sabine Krasemann