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Der Text muss zum eigenen Erleben werden – Gespräch mit Andreas Durban

Der Text muss zum eigenen Erleben werden – Gespräch mit Andreas Durban

Herr Durban, Sie sind eigentlich von Haus aus Schauspieler. Insofern stellt sich bei Ihnen noch einmal mehr die Frage, wie Sie zum Lied gekommen sind. Können Sie uns ein wenig Ihren Werdegang schildern?

Mein Vater ist Schauspieler und ich wurde von ihm schon sehr früh auch in die Richtung des Darstellerischen gelenkt, obwohl ich eigentlich schon auch sehr gerne Musiker geworden wäre. Ich erhielt mit 17 Jahren den ersten Sprechunterricht bei ihm und wurde geradezu auf den Beruf des Schauspielers fokussiert. Also entschied ich mich relativ früh zu einem künstlerischen Beruf und befand mich bereits mit 22 Jahren in meinem ersten Engagement.

Der Lied-Mix: Schauspiel, Literatur und Psychologie – Regie und Coaching

Von da an kann man eigentlich von einem typischen Werdegang des Schauspielers sprechen, mit einem ersten Engagement an einer Landesbühne bishin Engagements am Schauspiel Bonn und am Staatstheater Wiesbaden. Parallel habe ich aber immer auch Musik gemacht und Saxophon und Klarinette gespielt. Und auch das Klavier war immer präsent in meinem Leben. 1998 hat mich quasi das Lied zur Hochschule für Musik und Tanz Köln geführt, wo ich seitdem als Dozent für Arien- und Liedgestaltung mit den Studierenden der Gesangsklassen schauspielerisch tätig bin. Seit einigen Jahren produziere ich gemeinsam mit den Komponisten Henrik Albrecht und Michael Gerihsen im Rahmen der Literatur-Oper Köln zeitgenössische Opern, die sich an dem Genre der Literaturoper orientieren. Das beginnt mit dem Schreiben eines Librettos bis hin zu Regie und Coaching. Seit 2012 sind wir mit der Literatur-Oper verstärkt auch pädagogisch unterwegs und setzen Projekte auch mit Jugendlichen um, wobei Themen aus ihrem Alltag aufgegriffen werden. Ein Beispiel dafür ist die Produktion „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Literarische und reale Fälle von Mobbing in Schulklassen wurden hier gegenüber gestellt. Die pädagogische Arbeit hat mich zu meinem zweiten Studium geführt, zur Psychologie. Ich habe für mich gemerkt, dass ich diese pädagogische Arbeit nicht wirklich gut und tiefgehend machen kann ohne das nötige Rüstzeug im Sinne einer pädagogischen oder psychologischen Ausbildung. Es gibt dabei natürlich auch gewisse Synergien und so beschäftige ich mich in meiner Masterarbeit zur Zeit mit einer Evaluation des Liedbereichs an der Hochschule.

Es ist natürlich völlig klar, dass Sänger, die auf der Opernbühne stehen, auch schauspielerisch geschult sein müssen. Beim Lied ist das jedoch nicht ganz so offensichtlich. Wozu brauchen Liedsänger also Ihr Coaching?

Sobald ein Sprechakt stattfindet, ist auch immer die Psychologie dabei. Das gilt sowohl für die Oper als auch für das Lied; ja, eigentlich für alle Formen, die Musik und Text verbinden. Es geht darum, den Studierenden auch die Metaebene der Texte zu vermitteln.

Wer bin ich, wenn ich auf der Bühne stehe?

In den letzten zwanzig Jahren war es immer wieder ausdrücklicher Wunsch der Studierenden, auch im Kontext der Liedinterpretation in diesem Sinne Unterstützung zu erhalten. Denn auch hierbei geht es um die Frage: „Wer bin ich, wenn ich auf der Bühne stehe?“ Und diese Frage lässt sich beim Lied nicht so leicht beantworten wie in der Oper, in der man für einen ganzen Abend in eine bestimmte Rolle schlüpft.

Wie muss man sich das vorstellen – welche Art von schauspielerischem Können ist bei Liedsängern nötig?

Es geht vor allem um Textverständnis und die Schnittstelle von Text und Musik. Die Phrasen im Lied sind oft sehr gedehnt, so dass das Textverständnis auf so einer langen Strecke auch schon mal verloren gehen kann. Und die poetischen Werke, beispielsweise der Romantik, sind in der Regel sehr komplex in ihren Bedeutungsebenen. Auch wenn ein Komponist einen nicht so begnadeten Dichter auswählte, kann man als Interpret durch ein differenziertes Interpretationskonzept dem Werk die nötige Spontaneität und Unmittelbarkeit verleihen.

Wie muss ich mir Ihre Arbeit mit den Studierenden konkret vorstellen?

Meine Arbeit besteht vor allem, dem Interpreten zu ermöglichen, seine persönlichen Emotionen und Gedanken in seiner Interpretation zu verwirklichen. Dabei arbeite ich mit Assoziationen, auch mit der eigenen Biographie des Interpreten – das ist ein sehr interessanter Prozess. Es gibt psychologische Studien, die nachweisen: Man kann sich an Erlebnisse erinnern, die man selber gar nicht erlebt hat. Hier liefert uns unsere Psyche einen Ansatzpunkt, den wir als Darsteller nutzen können. Das ist ja auch übliche Praxis für Schauspieler, die glaubhaft Situationen darstellen müssen, die sie selber noch nie erlebt haben – und vielleicht auch nie erleben werden. Insofern fordere ich meine Studierenden immer dazu auf, sich so lange einem Text auszusetzen, bis er schließlich zum eigenen Erleben wird.

Bei dem nächsten Konzert von „Im Zentrum Lied“ am 24. Januar 2018 sind Sie als Erzähler zu erleben, waren aber auch der Liedprogrammkurator. Wie sind Sie auf den Titel „Schäferstündchen“ gekommen und was hat das Publikum zu erwarten?

Ein gutes Konzept und eine Dramaturgie für einen Liederabend zu entwickeln bedeutet stets, dass es zwar auch in diesem Kontext eine Bühne, einen Auftritt gibt , es aber kaum etwas Untheatralischeres gibt als einen Liederabend. Ein Liederabend gleicht im Gegensatz zur Oper doch eben sehr der klassischen Konzertsituation. Das Thema „Schäferstündchen“ ist da ein sehr dankbares, denn das Schäferstündchen im Barock hat immer auch mit einem Rollenspiel zu tun: Geliebte, die sich verkleiden, um nicht erkannt zu werden, Adelige, die sich in das Kostüm des Schäfer hüllen. Nicht selten sind auch mythologische Figuren im Spiel, sie sich zum Schäferstündlichen mit einer Sterblichen treffen.

Mit Spiel im Spiel kommt Theatralisches in den Liederabend

Dieses Spiel im Spiel bringt so in den Liederabend etwas Theatralisches. Hinzu kommt die große Fülle der bukolischen Dichtung, die von der Antike bis zur Neuzeit geht sowie der zahlreichen Vertonungen – eine große Bandbreite von Lied über die Operette bis hin zu zeitgenössischer Musik. Durch alle Kunstgattungen zieht sich die Schäferdichtung – viele Dichter und Komponisten haben dieses Topos benutzt!

Verbunden mit der Idee des Schäferstündchens sind auch Gegensatzpaare wie Welt und Paradies, Winter und Frühling, die Stadt und die ländliche Idylle, die wiederum auch oft in der Dichtung zu finden sind. Und nicht zuletzt ist das Schäferstündchen als Begriff jedem bekannt, so dass auch das Publikum sofort einen roten Faden erkennt.

Das Interview führte Verena Düren.

Zum Konzert Schäferstündchen am 24.01.2018

Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie – Gespräch mit Christoph Prégardien

Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie – Im Gespräch mit Christoph Prégardien

Herr Prégardien, Sie geben etwa 40 Liederabende im Jahr, dazu haben Sie diverse Konzertverpflichtungen und sind Professor für Gesang an der HfMT Köln. Wie gehen Sie mit diesem Stress um, insbesondere am Abend eines Konzertes?

Ich habe immer versucht, mich nicht in Watte zu packen und möglichst normal mit dem Beruf umzugehen. Es gibt Sänger, die zwei Tage vor dem Konzert nicht mehr sprechen, oder die gewisse Rituale brauchen, um sich sicher zu fühlen. Ich halte das für falsch. Meiner Meinung nach muss man so normal wie möglich mit dem eigenen Körper umgehen.

Natürlich muss man auch lernen, seine Grenzen auszuloten und zu erkennen, was man verträgt und was nicht. Aber wenn man sich Rituale aneignet, entwickelt man auch einen gewissen psychischen Druck. Wenn diese Rituale dann nicht wie geplant laufen, denkt man, man könnte am nächsten Tag nicht singen, und entwickelt daraus nur noch mehr Stress.

Haben Sie den Eindruck, dass Sängerkarrieren heutzutage anders verlaufen als zu der Zeit, als Sie Ihre Karriere begannen?

Ja, durchaus. Die Karrieren verlaufen heutzutage meist viel schneller. Ich kann das bei meinem Sohn Julian sehen: Er hat in den ersten sechs Jahren seiner Karriere das erreicht, was bei mir 15 Jahre gedauert hat. Ich finde es toll, wie er diese schnellen Karriereschritte verarbeiten kann, aber für mich wäre diese Geschwindigkeit nichts gewesen.

Wenn man mit 25 Jahren mit den berühmtesten und einflussreichsten Dirigenten singen darf, dann ist das sowohl ein Dürfen als auch ein Müssen. Man steht ja dabei in einer großen Verantwortung, die Erwartungen der Leute zu erfüllen. Mir hat es gut getan, dass ich Zeit hatte, jeden Schritt meiner Karriere zu verarbeiten. Ich konnte meine Konzertkarriere langsam aufbauen, konnte mit Konzerten in kleinen Kirchen und in kleinen Orten anfangen, und so in den Musikbetrieb hineinwachsen.

Welche Gefahren birgt der Musikbetrieb Ihrer Meinung nach für junge Sänger?

Ich beobachte seit einiger Zeit, dass es Leute gibt, die sehr schnell aufsteigen, aber genauso schnell wieder fallen, und dann meist sehr tief. Junge Sänger werden über einen gewissen Zeitraum von Agenturen, Veranstaltern und Opernhäusern ausgenutzt, und werden beim ersten Zeichen einer Krise fallen gelassen.

Hinzu kommt dieser Jugendwahn – dass man heute als leichter Sopran mit dreiundzwanzig Jahren schon fertig auf der Bühne stehen muss – das bringt die Leute unheimlich in Zugzwang.

Früher wurden die Sänger in den Opernensembles langsam aufgebaut, und es war auch normal, dass Karrieren dreißig, vierzig Jahre dauerten. Heute habe ich das Gefühl, dass es eine schier unendliche Quelle an Shootingstars gibt, die beliebig ersetzbar sind, und man hört schnell nichts mehr von vielen, die gerade einmal Mitte dreißig sind.

Ein Fußballer mag vielleicht zu Beginn seiner Karriere einkalkulieren, dass mit Mitte dreißig die Karriere vorbei ist. Als Sänger finde ich aber, dass es wünschenswert ist, die Stimme und den Körper so zu behandeln, dass man auch mit sechzig Jahren noch auf der Bühne stehen kann. Natürlich gehören gute Gene und ein gewisses Glück dazu, aber es ist auch in einem bestimmten Maße planbar.

Wie kommt es, dass junge Leute heutzutage gerne auf Pop- oder Rockkonzerte gehen, weniger aber in klassische Konzerte?

Man sagt ja, dass das Konzertpublikum in der klassischen Musik generell ausstirbt. Ich muss aber ganz ehrlich sagen: Schon zu Beginn meiner Karriere saßen viele grauhaarige Leute im Publikum. Das ist jetzt immer noch so – aber es sind natürlich andere Grauhaarige!

Ich glaube einfach, dass es irgendwann im menschlichen Leben Perioden gibt, wo man Zerstreuung auf einer anderen Ebene sucht. Vielleicht möchte man sich auch mit dem Alter etwas mehr öffnen für eine intellektuell und emotional herausfordernde Zerstreuung. Junge Leute in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern sind im Gegensatz dazu noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Sie wollen sich eine Karriere aufbauen und eine Familie gründen.

Diese Tendenz sehe ich übrigens auch bei meinen älteren Kindern, die jetzt erst anfangen, ein genuines Interesse an den hohen Künsten zu entwickeln. Aber ich halte es für durchaus wichtig, dass das Interesse an der Kunst schon im Kindesalter gesät wird, damit es später wieder aufkeimen kann.

Sehen Sie da in der frühen schulischen Erziehung Handlungsbedarf?

Auf jeden Fall! Leider werden die künstlerischen Fächer in der schulischen Ausbildung ja zunehmend stiefmütterlich behandelt. Das halte ich für sehr falsch. Denn um was geht es in der schulischen Ausbildung? Um die Frage, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind. Durch das Verständnis dessen, was gewesen ist, sollen wir in die Lage versetzt werden, unsere Zukunft zu gestalten.

Zu dieser Entwicklung gehört eben auch die Kunst. Die Menschen haben sich ja nicht Kunstwerke einfallen lassen, weil sie ansonsten nichts zu tun hatten. Ganz im Gegenteil: Die Kunst hat dem Leben erst einen Sinn gegeben. Ich glaube deshalb, dass es zutiefst menschlich ist, nicht nur in materiellen Dingen zu denken, sondern zu versuchen, sich das Leben auch mit anderen Dingen zu verschönern.

Herr Prégardien, Sie haben sich insbesondere als Liedsänger einen Namen gemacht. Was bedeutet die Gattung des Liedes für Sie, und was unterscheidet einen Liederabend von einem Konzertabend?

Jedes Lied ist wie ein Schauspiel oder eine Oper im Kleinen. Als Interpret ist man gefordert, in sehr kurzer Zeit eine Atmosphäre zu schaffen, die den Inhalt des Stückes dem Publikum nahe bringt. Wenn ich einen Liederabend singe, der aus fünfundzwanzig Liedern besteht, dann muss ich eben genau so viele Situationen und Stimmungen darstellen: Mit meinem Körper, mit meiner Seele, meiner Stimme, meinen Augen, meinen Händen. Das finde ich unheimlich faszinierend!

Auf einen Liederabend muss ich mich als Sänger auch ganz anders vorbereiten, als auf einen Opern- oder Konzertabend. Beim Lied ist man sein eigener Herr auf dem Podium, man kann oft seine eigenen Programme zusammenstellen, und das ist natürlich eine sehr schöne und kreative Arbeit.

Die Faszination für das Lied scheint sich bei den meisten Musikern durchzusetzen, weniger aber beim Publikum. Weshalb sind Liederabende schlechter besucht als beispielsweise Opernaufführungen?

Einerseits hat ein Abend in der Oper oder in der Philharmonie natürlich den Event-Charakter: Man macht man sich schick, der Herr kann seine neue Krawatte ausführen oder die Dame ihr neues Kleid. Bei Kammermusikkonzerten ist das anders, die sind viel intimer und kleiner.

Andererseits kann man einen Liederabend auch nicht einfach so konsumieren. Als Zuhörer ist man gefragt, sich selbst einzubringen, denn man muss den Text verstehen wollen und sich intellektuell auf die Interpretation des Sängers einlassen können.

Oft gehen die Leute so gerne in die Oper, weil man dort so tolle Melodien hören kann. Bei vertonten Gedichten, also Liedern, kann man nicht nur die Musik auf sich wirken lassen; die Musik hat hier keinen Selbstzweck, sondern dient der Verdeutlichung und Emotionalisierung der sprachlichen Ebene. Das erfordert natürlich Konzentration seitens des Zuhörers.

Was würden Sie also jemandem entgegnen, der zwar Klassik-Fan ist, aber noch nie in einem Liederabend war?

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Leute die Gattung des Liedes nicht mehr loslassen wird, wenn sie sich nur einmal darauf einlassen. Für mich ist so ein Liederabend immer wieder eine Art Therapie: Er führt dazu, dass ich zu mir selbst und zu meinen tiefsten Emotionen einen Weg finde.

Vielen Zuhörern geht es auch so: Oft kommen Leute danach zu mir und sagen, sie hätten weinen müssen. Aber es ist ja nicht so, dass ein konkretes Ereignis sie in dem Moment traurig gemacht hätte. Im Gegenteil, vielmehr löst sich durch das Zuhören etwas, und den Leuten geht es danach besser als zuvor!

In guten Liederabenden gibt es Momente, wo es im Raum absolut still ist, so dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die Leute sind still, weil sie lauschen, ja besser noch: Weil sie in sich selbst hinein lauschen. Diese Gruppendynamik, die innerhalb dieses Lauschens entsteht, ist für mich einfach unglaublich.

Das Lied hat diese Kraft, da es uns einerseits intellektuell durch den Text stimuliert, andererseits durch dasjenige Instrument dargeboten wird, welches am nächsten an der Seele sitzt: Die menschliche Stimme. Wenn man also für die Liedgattung offen ist, dann wird man an so einem Abend berührt, da bin ich mir ganz sicher.

Das Interview führte Alice Lackner.

Liedzeilen

Die Liedzeilen für Ihre Widmung

  1: Und küssen wollt‘ ich sie

  2: Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir!

  3: … und sacht, wie nach einer Chopin Valse, meinst du mit mir hinzuschweben …

  4: Er liebt mich, zärtlich liebt er mich!

  5: Der Inbegriff von seinen Freuden,
Sagt er mir öfters, sei nur ich

  6: der Augen edle Zier

  7: Wie tugendsam, wie zart, wie schön
seid ihr, seid ihr, seid ihr!

  8: du hast mein Herz gerührt

  9: ich will alzeit dein eigen sein,

  10: so wahr ich leb‘, ich mach kein‘ Schritt
jetz‘ und mehr ab von dir.

  11: Mein Herz ist dein

  12: Als ich zum erstenmal ihn sah,
Da fühlt‘ ich, so was fühlt‘ ich nie,

  13: Mir ward, mir ward, ich weiß nicht wie

  14: Glaubt mir, er muß ein Zaub’rer sein.

  15: Sah ich ihn an, so ward mir heiß,
Bald ward ich rot, bald ward ich weiß

  16: In den Augen lauter Glück!

  17: Meine Freundin gehört zu den üppigen Frauen,
Sie liegt auf dem Divan das ganze Jahr

  18: Mädchen, gib mir einen Kuss!

  19: Mein Zuckerschnuckelputzelkindchen

  20: Schmachteschmollerosenmündchen

  21: Sommersonnenrauschverwirrungsrasetoll!

  22: Küßte wirklich wetterbombenexquisit!!

Michael Gees – Wie klingt die Welt?

Michael Gees – Wie klingt die Welt?

Herr Gees, Sie beschäftigen sich viel mit extemporierter Musik. Damit sind Sie in der Klassik-Welt einer unter Wenigen. Weshalb ist das so? Warum scheuen sich die Leute vor Improvisation, und warum ist die klassische Musik so streng strukturiert?

Ich glaube, wir haben uns angewöhnt, unserer menschlichen Evolution zu misstrauen. Wir können uns unsere positive Wirksamkeit nicht vorstellen. Dabei erzeugt alles, was wir denken und tun, Resonanz, Zweckmäßiges und natürlich auch Unnützes. Es wirkt sich vielleicht nur homöopathisch aus, wenn ich meinen kleinen Finger krümme, aber es wirkt, auch in Bangladesch.

Wenn wir nun mit der Bequemlichkeit brechen, nichts bewirken zu können, dann sind wir auf einer Mission. Dann sind wir es, die – was auch immer – veranlasst haben und verantworten müssen. Stellten wir uns beispielsweise der ‚klassischen‘ Musik auch als einer Herausforderung an unsere Phantasie, stünden wir plötzlich in schöpferischer Verantwortung, gleich den bewunderten Heroen der Klassik. Und das macht uns Angst. Es ist eigenartig, dass wir uns die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zutrauen, aber skeptisch bleiben in Bezug auf die Frage, ob wir die geistige Höhe Beethovens erreichen geschweige denn übertreffen könnten.

Wie funktioniert Improvisation bei Ihnen? Haben Sie ein gewisses Konzept, nach dem Sie improvisieren, oder ist es ein völlig freier Prozess?

Hätte ich ein Konzept, wär’s keine Improvisation. Andererseits gibt es für die gewissermaßen gebundenen Improvisationen meiner auf CD erschienenen Soloprogramme Vorbilder, wie etwa das ‚Cantare supra librum‘, eine in der Renaissance gebräuchliche Praxis des ‚Singens über dem Buch‘. Dabei wurden die Nebenstimmen zu einem gegebenen Cantus firmus spontan hinzuerfunden. Die Sänger anverwandelten sich auf diese Weise an das, was sie sangen, sie machten es zu ihrer eigenen Sache. Und darum geht es mir ja auch: zu werden wie das, was ich spiele.

Da ist zunächst einmal nichts.

Völlig frei, zumindest zu Beginn, ist Improvisation, wenn niemand im Saal weiß, was jetzt klingen will. Und wenn wir zum wissenden Feld werden, eben weil wir nichts wissen. Wenn ich wähle, was ich hören will. Und die Mitwirkenden, die wir ganz fälschlich „Publikum“ nennen, fassen das Gehörte individuell auf. Wenn wir also die Improvisation gemeinsam entwickeln, aus Gegenseitigkeit und Verständnis. Wenn etwas entsteht, worauf niemand von uns allein gekommen wäre, was zuvor niemand hätte wissen können: das ist freie Improvisation.

In vielerlei Hinsicht ist kein Unterschied zum Komponieren: da ist zunächst einmal nichts. Und dann die Wahrnehmung, dass das Nichts nicht nichts ist. Sondern belebt ist, voller Tongestalten. Und, kaum, dass eine Idee über die Schwelle tritt, Gestalt annimmt und hörbar wird, es gleich wieder aus ist mit der „völligen“, ungebundenen Freiheit. Es ist sehr erstaunlich, was alles nicht mehr geht, nachdem die ersten Töne aufgeklungen sind. Wie die Idee zur Spielregel wird, nach der sich alles Weitere richtet. Wie beispielsweise ein Text so etwas wie eine Wegweisung ist. Wie durchaus nicht alles geht, wenn ich gemeinsam mit Kollegen einen Text vertone, ein Lied erfinde.

Wie kann man sich diese Weisung vorstellen, die ein Text Ihnen vorgibt?

Der Text weiß, wie er vorgetragen werden will. Jedes Gedicht hat seine Melodie, wie überhaupt alles Lebendige eine Musik hat. Gedanken pulsieren in die physische Welt hinein und resonieren als Musik. Umgekehrt resoniert Musik in der geistigen Welt als Gedanke. So können Wort und Musik synästhetisch wechselwirken. Liedkomponisten resonieren natürlich auf ihre eigene Art mit dem Text. Sonst wären ja alle Vertonungen einander gleich oder ähnlich. Aber völlig verschieden sind sie eben auch nicht. An textgleichen Vertonungen lässt sich gut studieren, wie die Musiken verschiedener Komponisten gewissermaßen im gleichen Zimmer, im gleichen geistigen Raum erklingen.

Nicht viele Pianisten setzen einen so großen Fokus in ihrem Schaffen auf das Lied, wie Sie es tun. Wie sind Sie zum Lied gekommen? Und was begeistert Sie an dieser musikalischen Gattung?

Meine beiden Eltern waren Sänger und meine große Liebe zu Studienzeiten war eine Sängerin. Fast alle meine Lieder sind ihr gewidmet. Zum Liedpianisten habe ich also viel natürliche Neigung. Das Geschick dazu, Sänger zu begleiten und sie so gut wie möglich aussehen zu lassen habe ich mir im Laufe der Jahre angeeignet. Aber vor allem bedeutet Lieder begleiten, in Musik denken, tönen und sprechen zu dürfen, das Wort geleiten auf seinem Weg zum Verständnis. Das fließt im Lied wunderbar zusammen. In der Oper wird die Textdichte eines Liedes ja nur ganz selten erreicht. Das Lied denkt. Und das gefällt mir. Dazu habe ich beizutragen.

Herr Gees, warum brauchen wir in dieser technologisierten und digitalisierten Welt heutzutage überhaupt noch Musik? Welchen gesellschaftlichen Beitrag leistet Musik?

Vor allen Dingen mal den, dass sie es ist, die – neben anderen Künsten – einen gesellschaftsbildenden Beitrag leistet; die Digitalisierung tut das ja eben gerade nicht. Musik ist nach meinem Verständnis geradezu ein Hörbild der Gemeinschaft, die Idee des Miteinanders schlechthin. Unisono, Heterophonie, Kontrapunkt, Harmonie und Dissonanz bis zu ihrer Auflösung ins weiße Rauschen: Musik ist die Harmonia Mundi, die Integration des Tönenden. Und Musik kann etwas Einzigartiges: Gleichzeitigkeit. Wenn wir gleichzeitig reden, verstehen wir einander nicht. Wenn wir gleichzeitig musizieren, können wir uns und andere als unterschiedlich beitragend erkennen und wahrnehmen, einander begegnen und in Beziehung gehen. Die Parallelität unseres Tuns stört uns nicht nur nicht sondern ist uns im Gegenteil geradezu ein Erkenntnisinstrument.

Musik wirkt in einem gemeinschaftsbildenden Konzert

Musik ist hörbares Miteinander. Musiker bilden zusammen mit dem „Publikum“ ein Stellvertreterfeld für das, was sie mit in den Raum nehmen und in Musik erleben. In der Fülle ihrer Beziehungen zueinander und zum Weltgeschehen sind sie Repräsentanten der Menschengemeinschaft. So wirkt ein in diesem Sinne gelungenes, nämlich gemeinschaftsbildendes Konzert weit über den Saal hinaus, in dem es stattfindet. Und wem das unbescheiden vorkommt: Anspruch und Wirkmächtigkeit der künstlichen Intelligenz sind kaum geringer. Allzu klein dürfen wir von uns nicht denken, wenn wir’s mit ihr aufnehmen wollen.

Das Interview führte Alice Lackner.

© Foto: Hermann und Clärchen Baus, Köln

Zum Konzert „Permamusik – Composing Voices“ am 16.11.2017

Schäferstündchen

Schäferstündchen

Eine musikalische Liebeserklärung als besonderes Geschenk

Schenken Sie sich ein gemeinsames Schäferstündchen!

Wollten Sie einem sehr guten Freund, Ihren Eltern oder ihrem Lebenspartner schon länger einmal sagen, wie wertvoll er oder sie für Sie ist? Sagen Sie es mit einer Gedichtzeile und schenken Sie sich gemeinsam verbrachte Zeit in Form eines Konzertbesuchs!

Ganz im Zeichen von „Schäferstündchen“ steht das nächste Konzert bei Im Zentrum LIED. Gemeinsam besuchen Sie am Mittwoch, den 24. Januar 2018 das Konzert. Sie bekommen vorab per Post eine Geschenkkarte. Diese ist mit der von Ihnen ausgesuchten Zeile aus einem der Gedichte versehen, die dort gesungen werden. Widmen Sie also Ihrem Liebsten, Ihrer Liebsten eines der Lieder des Abends!

So wird aus dem Konzertbesuch eine gemeinsame, ganz persönlich verbrachte Zeit, die Sie schenken.

Wie funktioniert’s?

Füllen Sie das Formular aus oder schicken Sie uns Ihre Bestellung formlos per Mail.

Sie suchen eine Gedichtzeile aus, die zu Ihrer Liebsten / Ihrem Liebsten und Ihnen passt. Wählen Sie hier eine Liedzeile, die Sie verschenken wollen.

Diese Widmung steht auf Ihrer Geschenkkarte, die zugleich für Sie beide die Eintrittskarte für das Konzert ist.

Damit das Geschenk dauerhaft in Erinnerung bleibt, sind die Widmungen auf Wunsch im Programmheft abgedruckt.

Sie bekommen Ihre Geschenkkarte (=Eintrittskarten für den 24.1.) per Post zugesendet. Sie ist mit Ihrem Zitat gestaltet.

Auf Wunsch senden wir die Karte auch an den Beschenkten direkt. In dem Fall geben Sie uns bitte eine alternative Versandadresse an.

Überweisen Sie 35 € mit dem Betreff „Schäferstündchen, Nachname, Vorname, Vers Nr.“ für Ihre Geschenkkarte + 2 Eintrittskarten.

Hier finden Sie das Formular, das Sie uns bitte per Post oder Mail senden an:

Verena Düren, An der Kelter 13, 53177 Bonn oder verena.dueren@liedwelt-rheinland.de.

In Kooperation mit unserem Partner Im Zentrum LIED

„…und morgen wird die Sonne wieder scheinen“

„…und morgen wird die Sonne wieder scheinen“
Eva Trummer und Tobias Koltun mit ernsten und lustigen Liebesliedern

Gut besucht war der Konzertsaal des Rautenstrauch-Joest-Museums zur musikalischen Mittagspause – Voice & Lunch – mit Eva Trummer und Tobias Koltun. Ernste und lustige Liebeslieder standen in dieser halben Stunde auf dem Programm, wobei die beiden Musiker das Publikum zunächst in die Welt der Oper entführten. Sehnsüchtig erklang die Arie „Voi che sapete“ des verliebten Cherubino aus Mozarts „Le Nozze di Figaro“. Von anderer Farbe war die folgende Arie der Rosina („Una voce poco fa“) aus Rossinis „Der Barbier von Sevilla“. Das Stück einer durchaus selbstbewussten und auch etwas listigen Frau setzten Trummer und Koltun geschickt um, wobei Trummers szenisches Handeln dies noch verstärkte.

Zwischen Oper und spätromantischem Kunstlied

In eine ganz andere Epoche, ein ganz anderes Genre und in ganz andere Gefühlswelten entführten die beiden Musiker im weiteren Verlauf mit Liedern von Gustav Mahler und Richard Strauss. Wie bereits zu Beginn erläuterte Tobias Koltun vorab interessant und informativ die Lieder, ihre Bedeutung und ihre Entstehung. Herzergreifend setzten Eva Trummer und er das – in ihren Augen – traurigste Liebeslied um, Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“. Anrührend gelang die Umsetzung des perfekt aufeinander eingespielten Duos, ein wenig Trost erfuhr man in Richard Strauss‘ „Allerseelen“. Nach dem schweren Abschied und dem Totengedenken wurde es recht heiter mit Mahlers „Wer hat dies Liedlein erdacht“, das – dramaturgisch geschickt – Musiker und Publikum ein wenig aufatmen ließ.

Richard Strauss‘ Lieder als Beispiel für Zusammenarbeit des Liedduos

Ein Paradebeispiel für die ganz besondere Zusammenarbeit zwischen Sänger und Liedpianist sind die Werke Richard Strauss, was laut Koltun in seinen Lebensumständen begründet war: Strauss‘ Frau war selber Sängerin und sie musizierten in der Regel gemeinsam. Ihr hatte er also seine Lieder auf den Leib geschrieben (was wiederum ein schöner Hinweis bei einem Liebeslieder-Konzert ist). Nach der Geburt der Kinder, nachdem sie also ihre Karriere beendet und sich auf Familie und Haushalt konzentriert hatte, schrieb der Komponist keine Lieder mehr. Mit „Nacht“ und „Morgen“ aus seiner Feder endete die wunderbare musikalische Mittagspause mit Eva Trummer und Tobias Koltun, die für eine Zeitlang den Alltag ausgeblendet hatte.

Ein Bericht von Verena Düren
Photos von Verena Düren

„Nun da Schatten niedergleiten“

„Nun da Schatten niedergleiten“

Lied-Matinee zum Tag des Offenen Denkmals

Der Tag des Offenen Denkmals am 10. September bot die nächste Gelegenheit für eine weitere Kooperation zwischen dem Förderverein Bahnhof Belvedere und der Liedwelt Rheinland, nachdem bereits im August mit den „Liedern in Bildern“ die ersten Konzerte dort stattgefunden hatten – mit so großem Erfolg, dass die Veranstalter sich recht kurzfristig zu einer weiteren zeitnahen Zusammenarbeit entschlossen. An dem sonnigen Vormittag begrüßte der Vorsitzende des Fördervereins, Sebastian Engelhardt, das interessierte Publikum zu einem ganz besonderen Hörgenuss, der perfekt in das Anliegen des Fördervereins passte, den Bahnhof in langwieriger Arbeit der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen und nun auch für kulturelle Zwecke zu nutzen.

Salonmusik im besten Sinne

Das architektonische Kleinod wurde 1839 gebaut – was würde da musikalisch besser passen als eine Matinee mit Werken Franz Schuberts? Auch aus Sicht der Aufführungspraxis stimmte an dem Tag alles: Schuberts Lieder und Klavierwerke entstanden eher für private Räume und Gelegenheiten, womit der Bahnhof Belvedere an diesem Vormittag genau den richtigen Rahmen bot. Als Musiker hatte man den Bariton Thilo Dahlmann sowie den Pianisten Alexander Puliaev gewinnen können. Letzterer konnte zu diesem Anlass ein Hammerklavier nutzen – also auch hier stand alles im Zeichen des 19. Jahrhunderts.

Von Natur und Fabelwesen

Dahlmann und Puliaev erwiesen sich als ausgesprochen gut eingespieltes Duo in jeder Hinsicht. Ein besonderer Reiz war in der Tat der besondere Klang durch das Hammerklavier – ein wirklich rarer Genuss! Die beiden Musiker hatten zu diesem Anlass eine wunderbare Auswahl an Liedern zwischen Naturbeschreibungen, stimmungsvollen Liedern zur Nacht und Geschichten um mythische Gestalten zusammengestellt. Mal wunderbar lyrisch, dann wieder erzählerisch und gar dramatisch gelang Dahlmanns Umsetzung. Die Konzentration auf das Liedschaffen eines der wichtigsten Liedkomponisten war klug überlegt und Genuss pur. Ergänzt wurde der Blick in den Lied-Kosmos Franz Schuberts um drei Klavierstücke D 946, in denen Puliaev brillierte und man den vollen Klang des Hammerklaviers genießen konnte. Ein ausgesprochen schöner Einstieg in den Tag des Offenen Denkmals, an dem in bester Hausmusik-Manier zum Verweilen und Entdecken dieses besonderen Ortes eingeladen war.

Ein Bericht von Verena Düren.

Interview mit Elisabeth Menke

Wenn ich den Tag mit Musik beginne, fühle ich mich als klingende Person

Musik als Alltagsgegenstand – Gespräch mit Elisabeth Menke

Frau Menke, wie sind Sie zum Gesang und zum Lied gekommen?

Ich komme aus einer Musikerfamilie, in der quasi immer gesungen wurde. Wir haben alle umeinander ständig musiziert und dazu gehörten immer auch Lieder, sei es nun, dass ich selber sang oder begleitet habe. Für uns war Musik ein Alltagsgegenstand: wenn wir morgens aufstanden, wurde zuerst musiziert. Wir sind sieben Geschwister und wir haben die Instrumente im Prinzip unter uns aufgeteilt – wer zuerst am Klavier saß, spielte eben Klavier. (lacht)

War denn der Gesang Ihre erste Wahl?

Ich habe zwar durch das familiäre Umfeld und weil es sich von selbst ergeben hat, immer auch gesungen, aber geübt habe ich immer nur Violine und Klavier. Ich habe zunächst auch keinen Gesangsunterricht gehabt. Lieder gehörten für mich immer in den Bereich der Hausmusik und ich habe zunächst gar keinen Gedanken daran verschwendet, ausgerechnet den Gesang zum Beruf zu machen. Bei uns war es selbstverständlich, dass jedes Kind zwei Instrumente lernte. Das wurde auch nicht in Frage gestellt, weil wir es ja alle so machten.

Das klingt aber eher nach unheimlich viel Disziplin und nicht unbedingt nach einer freien Entscheidung.

Von außen betrachtet, mag das so wirken, allerdings haben wir es nicht so empfunden. Und ich denke auch heute, dass dieses Ritual, den Tag mit Musik zu beginnen, ein sehr guter und schöner Einstieg war und bis heute ist. Ich versuche auch heute noch, den Tag nach Möglichkeit so zu beginnen, am liebsten mit Improvisationen. Man kommt mit sich selbst in Kontakt, begibt sich gleich zu Beginn des Tages in Klangräume und erlebt sich selbst als klingende Person. Für mich fühlt sich ein solcher Tag völlig anders an.

Elisabeth Menke: Selbstporträt als Kind

Wie hat es sich dann ergeben, dass Sie letzten Endes auch Gesang studiert haben?

Meine Mutter ist Sängerin und ich wurde damals quasi ins kalte Wasser geworfen, indem ich ihren Platz in einem Meisterkurs bei der Akademie Wort und Musik einnahm. Daraus ergaben sich die ersten Gesangsstunden und auch schon sehr schnell die erste Teilnahme bei Jugend musiziert. Obwohl ich in damals schon von einem Juror als „ungeschliffener Diamant“ bezeichnet wurde, war der Weg zum Studium nicht ganz direkt. Ich denke, es war noch zu früh für mich, ich war noch nicht bereit dafür, mich solchen Dingen wie Liedtexten und Improvisation auszusetzen.

Ich habe sehr hart für mein Gesangsstudium arbeiten müssen

Ich versammelte dann zunächst alle meine Hobbys und habe dann Schulmusik mit Hauptfach Violine studiert. Nebenher machte ich weiterhin zahlreiche andere Dinge, viel Kammermusik, Klavier-Improvisation und sogar Popmusik. Der Weg zum Gesang war also alles andere als gradlinig – ich musste sehr hart dafür arbeiten, Gesang studieren zu können. Schließlich stellte Klesie Kelly-Moog, Professorin in Köln, die alles entscheidende Frage, nämlich was ich wirklich will.

Und was wollten Sie?

Ich wollte gerne eine intime Form der Professionalität, von Klang und hinsichtlich der Zusammenarbeit. Daraus ergab sich schnell als Antwort der Liedgesang. Außerdem liebe ich das Unterrichten, denn ich liebe es, wenn Klänge zusammenkommen, wenn etwas stimmig ist.

Was fasziniert Sie so am Lied – abgesehen von der Intimität der Gattung?

Ich interessiere mich sehr für Lebenswirklichkeiten und gerade bei der Gattung Lied fließen gleich mehrere Lebenswirklichkeiten ineinander: die des Dichters, des Komponisten und des Interpreten. Ich versuche, möglichst vorbehaltlos an die Musik heranzugehen. Die Musik bewirkt etwas: es tut gut, zu sehen, dass jeder mit Krisen zu kämpfen hat und wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten damit umgegangen sind, welche Bewältigungsstrategien es also gibt und gab.

Dadurch entsteht auch im Konzert eine tiefe Verbundenheit, denn die Phänomene bleiben immer gleich. Gerade das Lied kann so viele verschiedene Dinge ausdrücken und oft findet man in einem Werk sowohl große Heiterkeit als auch Melancholie. Die Nuancen sind dabei sehr fein und nicht bloß schwarz-weiß. Vor allem sind viele Werke mit mir gemeinsam gewachsen, also auch die eigenen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten fließen ein. Das sind alles wichtige Gründe für mich, weshalb in meinen Augen die Kunstform Lied möglichst oft zu hören sein sollte und nicht verloren gehen darf.

Sie sind künstlerische Leiterin der Reihe „Voice & Lunch“ im Rautenstrauch-Joest-Museum. Was steckt hinter diesem Titel?

Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Eva Trummer am Ende des Studiums Wirkungsmöglichkeiten für uns Sänger gesucht. Für uns war es besonders wichtig, eigene Ideen, eigene Werke einbringen zu können. Es sollte also nicht alles von außen, von einem Veranstalter vorgegeben werden.

„Voice & Lunch“

Das führte uns schnell zu der Idee einer eigenen Reihe, die wir gemeinsam mit der Volkshochschule im Rautenstrauch-Joest-Museum schließlich umsetzen konnten. Dabei haben wir uns immer gefragt, wen wir gut finden und wer beispielsweise am Ende des Studiums steht. Inzwischen können wir mit einem gewissen Stolz sagen, dass einige der Sängerinnen und Sänger, die bei uns aufgetreten sind, inzwischen renommierte Künstler sind.

Das Format von 30 Minuten in der Mittagszeit zieht ganz anderes Publikum als ein regulärer Liederabend. Es sind Menschen, die sich bewusst aus der Arbeit heraus für eine kurze Auszeit entscheiden und die auch das Erleben von Live-Musik schätzen. Inhaltlich versuchen wir, immer einen roten Faden vorzugeben, so hatten wir beispielsweise ein Konzert zu Schwellenmomenten im Leben, einen mit Totenmusik und ähnlichem. Für die Zukunft wünsche ich mir eine stärkere Verbindung zwischen den aktuellen Ausstellungen im Museum und der Musik. Ich hoffe sehr, dass sich das in der Zukunft so entwickeln kann.

Zum Konzert „Voice & Lunch“ am 19.9.2017

Zum Konzert „Nacht und Träume“ 15.10.2017

Zum Konzert „Come Again“ am 21.10.2017

Das Interview führte Verena Düren.
© Photos: Elisabeth Menke

Schuberts „Winterreise“ war der Auslöser – Gespräch mit Anna Herbst

Die Natur und das Leben in der Natur schenken Erfahrungen, die sich dann auf der Bühne wiederholen.

Schuberts „Winterreise“ war der Auslöser – Interview mit der Sopranistin Anna Herbst

Wir haben Sie gerade mit den „Liedern in Bildern“ von Markus Schönewolf hier im Bahnhof Belvedere gehört, einem Projekt, das für Sie völlig neu war. Wie kam es denn dazu, dass Sie sich auf das Wagnis eingelassen haben, eine Stunde Neue Musik in nicht einmal sechs Wochen einzustudieren?

Ich habe das eigentlich schon öfter gemacht. Ich bin mit Neuer Musik groß geworden, so dass sie mir auch recht vertraut ist. Ich arbeite sehr gerne mit Komponisten zusammen, die noch leben. Als Sabine Krasemann mich für dieses Projekt ansprach und mir die Noten zusandte, gefiel mir die Musik von Markus Schönewolf auf Anhieb sehr gut, sehr gesanglich und es schien mir für mich zwar anspruchsvoll, aber durchaus machbar zu sein. Andernfalls hätte ich das Projekt auch zugesagt, mir jedoch mehr Zeit erbeten.

Die „Lieder in Bildern“ sind aus dem Wandern heraus entstanden – welchen Bezug haben Sie zum Wandern?

Ich würde es zwar nicht richtig wandern nennen, aber ich gehe sehr gerne spazieren. Ich liebe den Kontakt zur Natur und beim Spazierengehen wird man zu einem Teil der Natur. Wahrscheinlich auf eine Art und Weise, wie man es sonst kaum erfahren kann.

Gerade das Kunstlied ist zumeist sehr stark von den Naturbildern geprägt, die wiederum für innere Vorgänge stehen – denken Sie, dass eine gewisse Naturverbundenheit Ihnen als Sängerin bei der Interpretation hilft?

Ja, unbedingt! Das Singen auf der Bühne ist eine Wiederholung des eigenen Lebens bzw. eigener Erfahrungen. Die Natur und das Leben in der Natur schenken Erfahrungen, die dann auf der Bühne noch einmal wiederholt werden. Was man nicht zumindest in der Vorstellung erlebt hat, kann man auch nicht überzeugend interpretieren. Natürlich muss man nicht jede Erfahrung selber gemacht haben, aber man muss zumindest in der Lage sein, sich bestimmte Dinge vorzustellen.

Was war Ihre erste Begegnung mit der Gattung Lied und wann?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern! Es ist ungefähr 20 Jahre her und meine Mutter hatte mich in die Kölner Philharmonie mitgenommen, wo Matthias Goerne die „Winterreise“ sang.

Schuberts Musik traf genau meine Gedanken und Gefühle

Das war für mich der Grund, Sängerin zu werden: Dieses Konzert hat mich emotional völlig mitgenommen. Ich saß dort, heulte fast das ganze Konzert und dachte mir nur: „Was macht der Mann da auf der Bühne mit mir?“ Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, diese Gefühle, von denen Goerne da sang, genau zu kennen. Nur hatte ich es als Kind nie geschafft, dies in Worte oder Töne zu fassen. Ich fühlte mich so verstanden – Schuberts Musik traf genau meine Gedanken und Gefühle, nur war ich nicht in der Lage, es auszudrücken. Von dem Abend an war für mich klar, dass ich das auch machen würde.

Sie haben sich aber nicht nur für die Laufbahn als Sängerin entschieden, sondern auch für den Werdegang der freien Sängerin, was natürlich gewisse Risiken birgt. Wieso also diese bewusste Entscheidung?

Meine Stimme ist sehr vielseitig und ich mag das ganze Breitenspektrum, das sich mir durch meine Stimme bietet. Ich genieße es, diese Vielfalt und Flexibilität zu nutzen, die mir zu eigen sind. Natürlich birgt das auch gewisse Risiken – man hat natürlich kein festes Gehalt und muss physisch und psychisch sehr auf sich achtgeben.

Sie widmen sich gerne sowohl der Alten als auch der Neuen Musik – was fasziniert Sie an den beiden Zeitabschnitten, was verbindet und was unterscheidet sie?

Beide Zeitabschnitte faszinieren mich sehr. Die Zeitgenössische Musik kommt von Menschen, die dieselbe Welt erleben wie ich. Das macht die Musik so unmittelbar und authentisch.

Seelenverwandtschaft trotz zeitlichen Abstands

Ich empfinde es so, dass meine Wurzeln in der Alten Musik liegen. Hier geht es um Situationen und Emotionen von Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Und trotz des Abstands fühle ich mich diesen Menschen, ihren Werten und ihrem Menschenbild sehr verbunden und empfinde es als eine Art Seelenverwandtschaft. Unser Blick auf die Welt ist ähnlich und ich freue mich sehr, dass es damals Menschen gab, die eine ähnliche Sichtweise hatten wie ich heute. Wenn ich Alte Musik interpretiere, hole ich diese Weltanschauung in die heutige Zeit.

Sie sind auf der Opernbühne und als Konzertsängerin zu erleben – was fasziniert Sie an der Gattung Lied?

Das Lied ist im positivsten Sinne relativ alltäglich. Das Lied ist für mich die menschlichste und direkteste Art des Gesangs, was man ja auch schon daran sieht, dass das Lied auch der Form nach recht einfach gestaltet ist. Hinzu kommt meine große Liebe zur Lyrik. Ich habe immer schon gerne Lyrik gelesen – für einen dicken Roman bin ich viel zu ungeduldig (lacht). Es ist die höchste Kunst, wenn man Wesentliches in einer kurzen Form wie zum Beispiel in einem Gedicht oder einem Lied ausdrücken kann. Und für mich ist das Lied eine besonders schöne Art, mit wunderbarer Lyrik umzugehen.

Sie sind in Bensberg geboren und haben in Köln und Lübeck studiert. Haben Sie für sich den Eindruck, dass es eine besondere Verbindung zwischen dem Lied und dem Rheinland gibt?

Die inhaltlichen Verbindungen sind ja ganz offensichtlich – denken Sie bloß an die zahlreichen Vertonungen von Rhein-Gedichten oder auch Texten von Heinrich Heine. Ich habe einmal ein ganzes Programm zum Thema Loreley konzipiert und durfte einen Liederabend im Beethovenhaus geben mit Liedern von Beethoven, begleitet auf seinem Hammerklavier. Grundsätzlich finde ich – gerade wenn ich das Rheinland zum Beispiel mit Lübeck vergleiche –, dass die Rheinländer schon eine besonders gesangliche Sprachmelodie haben. Vielleicht liegt ja bereits hierin eine Affinität der Rheinländer zum Singen und zum Lied.

Das Interview führte Verena Düren.
© Photos: Anna Herbst, Photograph: Chara Kyriasoglou

Zum Bericht über die Konzerte im Bahnhof Belvedere am 10. und 11.8.2017