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In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend

„In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend.“

Interview mit Judith Hoffmann

Frau Hoffmann, in Ihrem Lebenslauf lese ich, dass Sie vor Ihrem Gesangsstudium Gitarre studiert haben und mit Diplom abgeschlossen. Wie kam es zu dieser Hinwendung zum Gesang?

Ich bin als „Orchesterkind“ an einem großen Opernhaus aufgewachsen und habe schon früh viele Opern und Operetten gesehen und deren Probenprozesse mitbekommen – ich habe es geliebt diese Proben zu erleben. Später habe ich dann auch im Bewegungschor auf der Bühne mitgetanzt. Dabei habe ich sehr viel über das Theaterleben mitbekommen.

Dass ich selbst auch Musikerin werden wollte war mir völlig klar. Auch wenn ich schon immer wusste wie der Betrieb funktioniert. So habe ich mir keine Illusionen gemacht, wie hart dieser Beruf ist. Ich habe dennoch zuerst mit einem Instrumentalstudium (Gitarre) begonnen, habe dann aber schnell gemerkt, dass mein Herz eben doch ganz dem Gesang gehört und schließlich auch Gesang studiert. Im Gesang habe ich alle Ausdruckmöglichkeiten die mir wichtig sind gefunden.

Hatten Sie davor schon gerne gesungen?

Gesungen wurde bei uns zuhause immer. Das war meiner Mutter sehr wichtig. Sie hat mir auch die Möglichkeit gegeben, dass ich früh schon Gesangsunterricht bekam.

Ist es für einen Sänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern auf dem Markt durchzusetzen?

Na, ich sehe das ganz pragmatisch, das Problem sich durchsetzen zu müssen haben sie in anderen Berufen auch. Ich glaube jeder findet seinen Weg, wenn er diesen Beruf wirklich mit tiefer Leidenschaft und gutem handwerklichen Können begeht und seine Stimme immer weiterentwickelt. Es gibt immer einen Weg, seinen persönlichen zu finden ist die Aufgabe. Ich glaube das Wichtigste für mich ist, weiterzumachen, auch wenn es gerade einmal anstrengend ist. Wichtig ist es, immer sein Ziel im Auge zu behalten.

Was machen Sie am liebsten: Oper, Lied oder Oratorium?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich liebe alle drei Sparten. Jede hat Ihren besonderen Reiz. Und überall werden Geschichten in musikalischer Form erzählt. Die Oper ist mir tatsächlich am vertrautesten durch meine Kindheit. Oratorien und Lieder kamen erst mit dem Gesangsunterricht als Jugendliche dazu. Schon im Studium waren mir die Liederabende zunehmend sehr wichtig. Die Kombination von Lyrik und Musik im Lied hat mich immer sehr interessiert. Ich hatte das Glück dabei tolle Menschen an meiner Seite zu haben die mir bei der Konzeption von Liederabenden geholfen haben. Auch viele Oratorien mag ich sehr.

Welche Lieblingswerke und -komponisten haben Sie?

Diese Frage konnte ich früher schon nicht beantworten, wenn es hieß: was ist Deine Lieblingsband. Ich mag so viel und bin ziemlich schnell begeisterungsfähig. Meine Lieblingsmusik ist die, die mit Hingabe, Ehrlichkeit, Spielfreude, Können, und Emotion musiziert wird. Natürlich gibt es immer mal einen Komponisten oder eine Komponistin die mich besonders beschäftigen. So bin ich im Moment ein Gustav Mahler-Fan, liebe Tschaikowsky und Rachmaninov, könnte Korngold jeden Tag hören und finde Händel zum niederknien schön. Das hängt sicher auch mit meinen aktuellen Projekten zusammen. Es gibt ein Werk das ich seit meiner Kindheit liebe, das ist das Klavierkonzert von Clara Schumann.

Einerseits sind Liederabende beliebt, andererseits ziehen sie ein zumeist schon bereits initiiertes, mit dem Repertoire und den Konzertritualen vertrautes Publikum an. Wie kann man vermitteln wie interessant das Kunstlied auch für eine breitere Öffentlichkeit ist?

Das ist ein spannendes Thema, worüber ja im Moment zum Glück auch viel von Kolleginnen und Kollegen kreativ nachgedacht wird. Ich bin mir sicher, dass es da nicht nur einen Weg gibt, sondern viele spannende Wege. In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend. Ob ganz mit Liedern oder auch im Zusammenhang mit Texten oder Lyrik.

So bin ich für mich nach Programmen die ganz aus Liedern einen roten Faden spinnen, auf den Weg mit der Verbindung von Lied und gesprochenen Wort gekommen. In den letzten vier Jahren sind dadurch mit dem Sprecher und Dramaturgen Kolja Buhlmann fünf abendfüllende Programme mit Lied und Lyrik entstanden, von denen einige bereits szenisch aufgeführt wurden. Mein aktuelles Programm „Alma Mahler und Ihre Strahlenden Satelliten“ ist das erste Stück in dem ich nicht nur singe, sondern auch den Text von Kolja Buhlmann spreche.

Gesetzt Sie hätten eine Carte Blanche und könnten tun und lassen was Sie wollen, was würden Sie realisieren wollen?

Im Grunde habe ich das Glück, genau das in meinen Lied-Programmen machen zu können was mich interessiert. Das ist mir ganz bewusst, dass dies ein Privileg ist, sozusagen der Lohn für die Arbeit, als Künstler seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das möchte ich gerne weiterentwickeln und aus dieser Konzeption heraus den Liederabend immer mehr zu einem Theaterabend formen!

Gibt es irgendwelche lustigen, kuriosen oder albtraumartigen Anekdoten, die Sie bei Ihren Konzerten erlebt haben?

Zum Glück bin ich bei Konzerten noch nicht von alptraumartigen Anekdoten geplagt worden.

Meine Lieblingsgeschichte mit Kindern: ich habe die Kinderoper „Petterson und Findus“ gespielt und war der Findus. Der war in dem Stück zwischendurch recht grantig und ich saß vorne an der Bühne. Ein Mädchen in der ersten Reihe kam zu mir und meinte ich, also Findus, dürfe nicht so gemein zu dem Hahn sein – und ich dusseliger Kater war in dem Moment so in der Rolle, dass ich ihr trotzig gesagt habe, dass das doch geht und so sein muss….. Zum Glück hatte das Mädchen eine Mutter dabei, die sie davon abgehalten hat zu mir auf die Bühne zu kommen und die Angelegenheit für meinen Widersacher, den Hahn, zu klären. Seitdem habe ich nie wieder mit Kindern von der Bühne aus diskutiert. Es hat mir gezeigt wie sehr Kinder sich mit solchen Stücken identifizieren – so wundervoll!

Was beschäftigt Sie aktuell?

Zurzeit habe ich verschiedene Projekte. Da ist mein Alma Mahler-Projekt, das am 27. Mai 2018 in Königswinter Premiere haben wird. Das Programm beinhaltet Lieder von Zemlinsky, Mahler, Berg, Schönberg, Korngold, Britten, und Alma Mahler. Ich finde es eine sehr spannende Zusammenstellung und bin immer wieder erstaunt wie verknüpft damals die ganze Künstlerszene war. Zudem habe ich gerade ein Ensemble mit Trompete und Orgel gegründet. Unser aktuelles Programm ist ein Barockprogramm mit vielen Barock-Klassikern für Sopran und Trompete.

Eine weitere Formation, mit der ich konzertiere, besteht aus Sopran, Kontrabass und Klavier. Damit waren wir vor kurzem im Konzerthaus Dortmund zu Gast. Abgesehen von meinen eigenen Projekten und Formationen habe ich in der nächsten Zeit Konzertverpflichtungen für das Verdi Requiem und viele weitere Oratorien. Im Opernfach habe ich jetzt gerade einen Fachwechsel abgeschlossen und bin gespannt, was dort als nächstes auf mich zukommt.

Was steht denn auf Ihrer Wunschliste ganz oben für die nähere Zukunft?

An Liedern: Vier letzte Lieder von Strauss. Dafür bekam ich gerade eine Einladung im Winter 2019, für eine bearbeitete Fassung für Sopran und Orgel. In der Oper: Tatjana (Onegin/Tschaikowsky), Fiordiligi (Cosi fan tutte/Mozart).

Wieviel Prozent Ihrer Arbeitszeit geht für Üben und Konzertieren drauf, wieviel für Organisatorisches?

Momentan würde ich sagen 70/30. 70 Prozent für das Üben, Auswendiglernen, Proben und Konzertieren, und 30 Prozent Organisation.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um? Haben Sie da Rituale vor Auftritten?

Ja ich habe feste Rituale vor Konzerten mit denen ich auch meine Aufregung kontrolliere. Schon morgens konzentriere ich mich ganz auf den Ablauf am Abend. Ich meditiere und versuche auch schon morgens aufgeregt zu sein, damit das Adrenalin schon etwas abgebaut werden kann bis ich auf die Bühne gehe. Denn wie wir alle wissen, sagt uns Adrenalin entweder wir müssen gleich kämpfen oder wir sollten gleich sehr schnell wegrennen. Beides ist auf der Bühne nicht wirklich eine gute Idee. Da ist es schon von Vorteil, wenn ich das Adrenalin über den Tag hinweg abgebaut habe.

Was machen Sie, wenn Sie krank sind, oder anders gefragt: Was tun Sie im Vorfeld, um zu verhindern, dass es so weit kommt?

Ich mache nichts Besonderes. Ich passe gut auf mich auf und werde einfach selten krank. Als Sänger muss man eine starke Gesundheit haben, sonst ist der Beruf nichts.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?

Für mich nicht. Ich sehe mich als Sänger wie ein Leistungssportler. Wir arbeiten mit unserem Körper und einem sehr feinen und sensiblen Instrument, der Stimme. Das Glücksgefühl beim Singen ist so groß, dass es mich für alles, was ich vielleicht nicht machen kann, entschädigt. Wobei mir gar nicht so viele Dinge einfallen die ich gar nicht machen kann. In den Kneipen darf ja sowieso nicht mehr geraucht werden. (lacht) Das ist für mich eine große Freiheit, denn früher konnte ich durch den Rauch nicht mit in die Kneipen gehen.

Das Interview führte Guido Krawinkel.
Copyright Photo Judith Hoffmann
Photographin: Anne Hein

Bonner Liedsommer 2018 – Hintergründe

Bonner Liedsommer 2018 – Hintergründe

Die Vielfalt der Liederabend-Gestaltung in der Mischung aus Künstlern, Konzepten und Orten das Publikum begeistert!

Wir freuen uns, dass zahlreiche Konzerte im Bonner Liedsommer Konzerte unserer Kooperationspartner sind, die bei diesen entweder wiederholt werden oder bereits erklangen. So präsentieren wir den Sinn des Netzwerks Liedwelt Rheinland hier in konzentrierter und sicht- wie erlebbarer Form – lassen Sie sich von dem Potential der Konzerte inspirieren und gehen Sie auf Entdeckungstour mit uns.

Mit dem Konzept wendet sich die Liedwelt Rheinland sowohl an Mitglieder und Partner des Netzwerks, wir freuen uns durch die Initiative neue Kontakte, Veranstalter und Partner gewonnen zu haben.

Aufgabe der Liedwelt Rheinland ist die Koordination und Vernetzung aller Veranstaltungen innerhalb des Bonner Liedsommers 2018, sowie die regionale und überregionale Präsentation.

Das Festival wird mit eigener Optik und den einzelnen Veranstaltungen übergeordnete Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unter dem Label Bonner Liedsommer 2018 kommuniziert. Geplant ist auch die gemeinsame Bewerbung beim Rheinischen Kultursommer. Ein wichtiges Anliegen ist es, Veranstalter und Kunstschaffende aus der Region zu erreichen, die das Kulturgut Lied in einem neuen Gesamtkontext nachvollziehbar machen möchten. Natürlich möchten wir auch neue Neugierige an die unterschiedlichen Aufführungsorte locken und für das Lied begeistern.

Stand: 18.5.2018

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

Grundsätzlich ist die Nähe zur tatsächlichen Volksmusik und zum Volkslied wie zu Sagen und Legenden aus der „Heimat“ eine der wichtigsten künstlerischen Inspirationsquellen für Komponisten. Immer wieder schauen bzw. hören Komponisten daher dem Volk „aufs Maul“, woraufhin ein künstlerischer Verarbeitungs- und Auseinandersetzungsprozess einsetzt. Dass auch Beethoven hier ganz tief geschürft hat, zurück zu den Ursprüngen ging und so seine künstlerische Sprache wahrhaft und so berührend werden ließ, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt in Bezug auf sein künstlerisches Gesamtschaffen.

Am 1. Maifeiertag gab es im Bonner Schumannhaus die Gelegenheit, an einer kleinen Europareise teilzunehmen und diesem engen Bezug zur Quelle nachzulauschen: Insgesamt neun junge Musikerinnen und Musiker gestalteten das Auftaktkonzert von Beethoven@home. Die jungen Künstlerinnen und Künstler hatten gemeinsam mit der Ludwig-van-Beethoven-Musikschule Bonn (Eva Wolsing und Beatrix Ebersberg) einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Vormittag zu bieten. Insgesamt erklangen 23 Lieder in acht thematisch und geographisch sortierten Abschnitten, die von fachkundigen wie unterhaltsamen Moderationen und kurzen Gesprächen über die Hintergründe der Lieder verbunden wurden.

Das Volkslied als schöpferische Inspirationsquelle

Die Nähe des Kunstliedes zum Volkslied hat deren Aufführung im häuslichen Rahmen so populär gemacht, dass Beethoven über 170 Bearbeitungen schrieb – aber die Melodien und Geschichten scheinen ihn auch persönlich fasziniert zu haben: Denn er schrieb weiter an Bearbeitungen auch ohne konkreten Auftrag von Verlegerseite und hat sich sicherlich hierzu entschlossen, weil er die künstlerische Inspirationsquelle auch als grundlegend für sein Schaffen empfand. Außerdem fand Beethoven hier die Möglichkeit, kompositorisch so Manches auszuprobieren, das später in „klassischen Werken“ wieder auftaucht.

Die Madeln, die führen uns an der Nase her

Natürlich ging es in den Liedern vor allem um Wein, Weib und Gesang – kleine Geschichten, Szenen und Bilder, mit dem tapferen Ritter, mit klugen Madels oft deftig-schlüpfrig oder auch derb. Die Sänger wurden dabei kontinuierlich von Cello und Klavier begleitet, was klanglich eine schöne Bereicherung war, zumal Johannes Zipfel am Cello nicht nur verlässlicher Partner der Sänger und Pianisten war, sondern ganz maßgeblich an der feinen Gestaltung der Lieder Teil hatte. Die mit dem Sänger korrespondierende Violine spielte zunächst Lotta Nikolayczik.

Die Erzählung des Sängers wurde verstärkt, reflektiert: So mancher Scherz ausgemalt, das Geschehen kommentiert. Auch eine Antwort auf die zahlreichen augenzwinkernden Verführungsversuche gab es. Im zweiten Teil übernahm die Violine noch eigenständigere Rollen: Casper Hesprich übernahm diesen Part im zweiten Teil – klug ausgesucht war die Rolle der Violine hier, setzte der ersten Konzerthälfte noch eins drauf, da der Part so überraschend vielfältiger angelegt war als im ersten Teil. Alles klang plötzlich neu: Bordunklänge, virtuose Girlanden und Sprünge oder längere Vor- und Nachspiele zeigten, welche kammermusikalische Vielfalt im Volkslied-Ausdruck steckt.

Wer solche Buama afipackt

Zunächst gab es „alpine“ Stilbilder aus der Schweiz und dem Tirol. In mehreren Liedern wie dem Lied „Wegen meiner bleib d’Fräula“ wurde die Verbindung zum Volksstück unmittelbar: Diese Bearbeitung hat auch bei Wenzel Müller als Arie des Hausmeisters in das „Das NeuSonntagskind“ seinen Platz, kein Einzelfall – finden sich auch bei Nestroy und Haibels in deren Bühnenwerken Volksliedvertonungen, die als Volksliedbearbeitung in den heimischen Salon transportiert wurden, damit die Fan-Gemeinde sie hier nachempfinden konnte, indem sie sie selbst im häuslichen Rahmen erneut musizierte.

Das lautmalerische Lokalkolorit aus Tirol gestaltete die Sopranistin Katharina Diegritz beispielsweise im Lied „Wann i in der Früh aufsteh‘“ mit bezaubernder, augenzwinkernder Schauspielerei. So entstand aus dem schwungvoll mit Bravour gesungenen virtuosen Lied eine bildhaft angedeutete schmissige Szenerie. Denn viele Lieder sind gespickt mit einer Anspielung nach der nächsten: Kleine lustige Schweinereien fanden ihr Bild in der einfachen Natur und der Arbeit auf dem Lande. So wurde aus dem Almauftrieb ein Vorwand, mit der Schwägerin gemeinsam „die Kühe zu hüten“ – ein mit „naiven“ Anspielungen gespicktes Lied darüber, was der Schwager und die Schwägerin so alles auf der Alm zu tun haben. Der Refrain „ei, ai, eia“ ließ zu zahlreichen persönlichen Fortspinnungen im Kopf des Besuchers Platz. Überhaupt ging es im ersten Teil vor allem um die Liebe, um emanzipierte Madel und alte Schachteln, den depperten Tyroler Bua und den talkerter Jodel und entsprechend aufgelockert war die Stimmung im Saal.

Lasst im Wein uns den Gram ertränken!

Ganz neue Töne erklangen im mittleren Programmteil mit „Oj, oj upilem sie w karczmie“. Die Bordunklänge, das Drehen der Leier stellen die Instrumente prinzipiell nicht nur klanglich mehr in den Vordergrund – insbesondere, da Beethoven hier eine holprige deutsche Übersetzung vertont hat.

Umso erstaunlicher, dass auch Lieder, bei denen Beethoven zum Teil nur Melodien und keine Originaltexte zur Verfügung standen, passgenaue Originalität und Stimmigkeit auch in der Wahl der Inhalte haben. Die Holprigkeit, die falsche Betonungen und sich gegen die Melodie sperrende Worte teils skurril anhäufte, überwand der Bariton Benjamin Hewat-Craw galant. Wie bereits in den beiden Liedern, die der Bariton zu Anfang der Matinée sang, gestaltete er gemeinsam mit der Mezzosopranistin auch das „Kosakenlied“ in feinster Manier.

„Was ist authentisch?“

Hier erklang – eben wie erwartet – elegisches Moll: Ein längeres Vor- wie Nachspiel imaginiert ein romantisiertes Bild am Ufer der Wolga mit pizzicato-Tupfern im Cello, unmittelbar sitzt man mit den beiden Ausführenden in der Runde … und lauscht wiederum deren Gespräch über Sehnsucht und die Liebe. Die erzählende Geige (Casper Hesprich) malt die das Gespräch begleitenden Gedanken hier anmutig wie elegisch aus. Erstaunlich wie aktuell manches Parlando-Moll klang, dem die Mezzosopranistin Lea Müller zuvor in zwei russischen Volksliedern folgte – an unserem Klischée was die Erwartungen an das „Lokalkolorit“ betrifft, scheint sich jedenfalls in den letzten zweihundert Jahren nicht so viel geändert zu haben, sonst wären weder Künstler noch Publikum so nah und begeistert am Ball geblieben.

Auch die zahlreichen Duette, die sich in der Matinée verstreuten, trugen klanglich dazu bei, mit ihren verschiedenen Varianten den Morgen zu bereichern. Es kam zu immer neuen Stimm-Kombinationen und natürlich bot jedes Volkslied auch eine kleine Szenerie, die sich belebte durch die „Gespräche“ der Protagonisten.

Traumhafte Welt

Bevor es mit Liedern aus Spanien, Italien und Ungarn weniger elegisch wurde, tat sich im schwedischen Wiegenlied „Lilla Carl“ vor allem in den Doppelgriffen und kommentierenden Sprüngen zum Bordun eine traumhafte Welt auf: Schön gestaltete Lea Müller diesen ruhigen Fluss.

Konsequent entführte Eike Kutsche mit der Cellistin Sue Schlotte nun in die Obertonwelt. Hier fand die Matinée ihren künstlerischen Ruhe- und Angelpunkt, begab sich für einen kostbaren Moment auf die „andere Seite“, hielt inne. Die authentische Spiritualität versetzte die Lauschenden so in eine Klanginsel, die gerade deshalb in der Überhöhung der Volksmusik und dem alltäglichen Singen der Menschen sehr nahe ist. Daher erfuhr die anwesende Gemeinschaft hier klanglich jenes Eins-Sein aller Menschen – eine wichtige Verbindung allen gemeinschaftlichen Mensch-Seins und somit dessen, was das Volkslied unterschwellig vermittelt: Den Grund, warum uns auch die Beethoven’schen Volkslieder nach zweihundert Jahren noch so tief berühren, konnte man nun verstehen.

Una paloma blanca

Zur südeuropäischen Atmosphäre passend hatte auch der Tenor Nico Heinrich hörbar und sichtlich Spaß am Gestalten des spanischen Piraten-Tiranilla oder dem doppeldeutigen, kurzen russischen Lied über die Mädchen, die ganz viele „Beeren“ im Wald finden, in der Menge dargestellt von einer geschäftig plappernden Violine, deren „Wortschwall“ das kurze Lied eigentlich sprengt. Fein und schlank gestaltet, gelang ihm im ungarischen Weinlied „Edes Kinos emlekezet“ die schwungvolle Wende in die Zielgerade der Matinée, die die neun Künstlerinnen und Künstler mit einer schwungvollen Zugabe würzten.

Vertiefen konnte der Zuhörer sein Wissen bei den fachkundigen Gesprächsteilnehmern von Dr. Solveig Palm, die auch nach dem Konzert zu anregenden Gesprächen zur Verfügung standen.

Text: Sabine Krasemann
Photos: KLINK ART, Joachim Müller-Klink

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Rhonefestival für Liedkunst

Rhonefestival für Liedkunst

Die Stimme als ureigenstes Ausdrucksinstrument entführt dabei das Publikum zusammen mit den unendlichen Klangmöglichkeiten des Klaviers auf unendlich viele Gefühlsreisen, die sich im Universum eines Liederabends aufs Höchste vereinen. Das Lied verlangt hierzu weder eine große Bühne, noch Kostüme oder Schminke, sondern nur zwei Musiker, die aus der Musik und aus sich selbst schöpfen. Diese Authentizität und Ehrlichkeit, diese Schlichtheit berührt mich zutiefst, und wird im Konzertmoment durch den unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum umso sehr verstärkt.“ => weiterlesen

Intendantin: Franziska Andrea Heinzen

Das einzigartige Liedfestival inmitten der Schweizer Alpen!

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Konzert am 9.5.2018

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Klang Köln e.V.

Klang Köln e.V. wurde 1991 von dem Dirigenten Johannes Stert, dem Pianisten Falko Steinbach, dem Komponisten Dirk Lötfering, den Musikmanagern Christoph Siefer und Till Janczukowicz, den Lithografen Bernd Krüger und Heinrich Mies und dem Regisseur Martin Butz gegründet.

Klang Köln ist sowohl Konzertveranstaltungsverein als auch Kollektiv von Musikern und Komponisten. In seinen Programmen legt Klang Köln großen Wert auf Vielfalt und eine aktive Vermittlungsarbeit: zwischen Komponist und Musikern, zwischen Neuem und Bewährtem, zwischen unterschiedlichen Ästhetiken und zwischen verschiedenen Künsten. Daher werden häufig innerhalb der Veranstaltungen unterschiedliche Stilistiken einander gegenübergestellt, neue und ungewohnte Präsentationsformen erprobt oder Gesprächskonzerte im Dialog mit dem Publikum durchgeführt.

In jedem Fall geht es uns darum, Zugänge zur Neuen Musik zu schaffen, das Neuartige unmittelbar sinnlich erfahrbar werden zu lassen, Traditionslinien oder Berührungspunkte mit Bekanntem herauszuarbeiten und damit Verständnis zu ermöglichen.

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Konzert am 11.4.2018

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Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Liederabend mit Soetkin Elbers und Ulrich Eisenlohr am 20.4.2018

Wie ein Liederabend im gutbürgerlichen Salon geklungen haben mag können, sich die Besucher des Liederabends am 20. April 2018 im Konzertsaal der Hochschule in Aachen klanglich nun sehr gut vorstellen. Prof. Ulrich Eisenlohr stellte den Nachbau eines Fortepiano nach Johann Fritz (Wien, 1825) gleich zu Beginn vor und verwies auf ein paar klangliche Besonderheiten. Wie viele differenzierte Möglichkeiten sich dem Pianisten um 1800 mit der Erfindung des Hammerklaviers boten, gab dem Abend eine ganz besondere Atmosphäre. Dies war nicht zuletzt deutlich hörbar an allen Stellen, an denen mittels des zusätzlichen – vierten – Pedals eine ganz spezielle, „gedimmte“ Empfindung herbeigezaubert wurde: Der „Moderator“ ermöglicht einen Klangeffekt ähnlich dem der Dämpfer bei Streichinstrumenten. Auch schick anzusehen: das Nussbaum-Furnier mit Schellack-Handpolitur (mehr über den Instrumentenbauer Michael Walker).

Mit den Komponisten Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert bekam der Flügel ein zeitgemäßes Klangkonzept angeboten. Schon bei den „Original Canzonettas“ Haydns ließen die in den Einleitungen entstehenden Stimmungsbilder, die Ulrich Eisenlohr mit dem Klavier ausleuchtete, der Sopranistin Soetkin Elbers viel gestalterische Flexibilität, so dass es eine große Freude war, den Liedern zu folgen.

Ein „Pianisten-Angebot“, das die Sängerin souverän, und mit viel Freude an den sensiblen Details, den ganzen Abend über annahm und das vielleicht in den Beethoven-Liedern am deutlichsten wurde: Ist doch ein „Ich denke dein…“-Andenken auf einem modernen Instrument kaum klangschön realisierbar, da statt graziler Akkorde wuchtige Klangbatterien die Interpreten schnell vor ein unlösbares Instrumenten-Problem stellen. In der dargebotenen Zartheit des sängerischen Ausdrucks, der dynamischen Flexibilität des Duos und der klanglichen Durchsichtigkeit im massiven Klavierpart waren die Beethoven-Lieder ein echter Hin-Lauscher. Niemand im Saal hat sicherlich die polternden Bässe eines modernen Klaviers vermisst, an deren Stelle nun massive Kulminationen erklangen.

Antonio Salieri eröffnete mit zwei „Divertimenti Vocali“ die zweite Konzerthälfte, zwei Lieder „für zu Hause“ von ausgesprochen schöner Galanterie. Mit „Drei deutsche Lieder“ verwies das Duo Elbers / Eisenlohr auch dezent darauf, dass der Kosmopolit Salieri Schubert unterwiesen hatte – und so schlossen die vier Schubert-Lieder nahtlos an. Schon nach dem ersten Lied – Ellens erster Gesang nach Walter Scott – gab es für die Sängerin Szenenapplaus für die packende Darstellung.

Konzeptionell klug gewählt verstand es Soetkin Elbers, die Imagination der Lieder auch hier mit schlüssiger Gestik zu unterstreichen. Kein Wunder, dass das Publikum eine Zugabe einforderte und mit einer zweiten „Forelle“ belohnt wurde.

Konzert

Photos + Text: Sabine Krasemann

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Sprechen, Schreien und vokales Fließen

Die Veranstaltung des Vereins Klang Köln e.V. im Domforum bot eindreiviertel Stunden lang eher ungewöhnliche Töne. Der in Kooperation mit  „Liedwelt Rheinland“ stattfindende Liederabend war sogar mehr als nur „etwas anders“ (drei Uraufführungen innerhalb von vier Zyklen). Alle Komponisten (gleichzeitig Klavierbegleiter) – Rolf Soiron, Christoph Maria Wagner, Stefan Thomas – sind um die Fünfzig und haben viel mit Köln zu tun. Die Sopranistin Anna Herbst wurde ganz in der Nähe geboren.

Sie eröffnete den Abend mit Soirons „Lieder des Bewusstseins“ (Texte 20. Jahrhundert). Erstaunlich, wie sehr der Komponist der Sängerin vokales Fließen gestattet; schönes Timbre und Legatokunst kamen so überzeugend zur Geltung. Ein Gegensatz dazu war der dissonante, nervöse, selten beruhigt wirkende Klavierpart, ein primärer Eindruck auch sonst.

Bei Wagners Bukowski-Songs wurde dem Sänger (der ausgezeichnete Peter Paul) neben kantabler Souveränität auch expressives Sprechen, sogar Schreien abverlangt. Ähnliches bei Soirons Liedern nach Hermann Broch, dessen emotional starke Texte den Komponisten merklich inspiriert haben. Ob indes ein heiterer Dichter wie Robert Gernhardt unbedingt vertont werden muss, sei zurückhaltend angezweifelt. Die ständige Wiederholung einzelner Textzeilen ließ die Skurrilität der Gedichte zudem verloren gehen, und eine Männerstimme wäre wohl auch geeigneter.

Text: Christoph Zimmermann

© Photos: Carola Kluth