Archiv der Kategorie: Liedweltweit

Bahnhof Belvedere – Feierliche Übergabe des Bahnhofs an die Öffentlichkeit

Bahnhof Belvedere – Feierliche Übergabe des Bahnhofs an die Öffentlichkeit

Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, dem Förderkreis des Bahnhof Belvedere haben wir mit zwei Konzerten am 10. und 11.8.2017 den Ort der Öffentlichkeit übergeben.

Er ist das älteste Stationsgebäude Deutschlands, der Bahnhof Belvedere in Köln-Müngersdorf. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde von Architekten der Schinkel-Schule gebaut und ist bis heute noch weitgehend im Originalzustand von 1839 erhalten. Eine Besonderheit ist sicher die Verbindung von schönem Empfangsgebäude und der Lage im weitläufigen Park.

2010 gründete sich der Förderkreis Bahnhof Belvedere auf Betreiben von Sebastian Engelhardt, um das historisch so bedeutsame Bahnhofsgebäude zu erhalten, zu renovieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass letzteres Anliegen eventuell auch mit Musik verbunden sein würde, liegt bei Engelhardts Beruf nahe: Er ist Cellist beim WDR Sinfonieorchester Köln.

Ein Ort mit verzauberndem Flair

Am 10. und 11. August 2017 wurde der Bahnhof Belvedere nun in einem gemeinsamen Projekt mit der Liedwelt Rheinland zum ersten Mal bespielt. Das synästhetische Projekt „Lieder in Bildern“ mit den Bildern von Ernst Martin Heel und Texten und Musik von Markus Schönewolf fügte sich nahezu perfekt in die ungewöhnlichen Räumlichkeiten ein. Im ganzen Bahnhofsgebäude verteilten sich die großflächigen Bilder Heels und ließen das Enterieur zu einer Galerie werden.

Ein kleiner Konzertsaal in der Bel Etage

Im oberen Bereich dann der kleine Konzertsaal, in dem an diesen beiden Abenden Anna Herbst (Sopran) und die Harfenistin Jie Zhou zu hören waren. Für die beiden Musikerinnen war dies die erste Zusammenarbeit, für die Anna Herbst das anspruchsvolle Werk binnen weniger Wochen einstudierte. Diese kurzfristigen Umstände waren den beiden Musikerinnen aber keineswegs anzuhören: In wunderbarem Zusammenspiel setzten sie die Naturoden um. Jie Zhou erwies sich hierbei nicht nur als souveräne Begleiterin, sondern wusste auch ungewöhnliche Klangeffekte auf ihrer Harfe umzusetzen, die dem Werk Schönewolfs eine weitere lautmalerische Ebene verliehen.

Anna Herbst brillierte nicht nur gesanglich

Besonders beeindruckend gelang der Part von Anna Herbst, die nicht nur gesanglich brillierte, sondern dem Werk in ihrer Interpretation sowohl der gesungenen als auch der gesprochenen Texte eine weitere Ebene gab. Besonders reizvoll gestaltete sich am ersten Abend auch das Geräusch des Regens von draußen – welch wunderbare Ergänzung zu eh schon synästhetisch angelegten Naturoden! Auch das Angebot eines anschließenden Beisammenseins wurde von den begeisterten Besuchern dankbar angenommen.

So klang der Abend aus mit einer Besichtigung der Räumlichkeiten, Betrachtung der Bilder, Künstlergesprächen und – einem Interview mit der wunderbaren Sopranistin Anna Herbst!

Ein Bericht von Verena Düren.

 

Liedwelt unterwegs – „Lied vom Glück“ bei RheinVokal

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt…“

„Lied vom Glück“ bei RheinVokal

Jeden Sommer freut sich der Liebhaber der Gesangskunst auf ein Festival : Auch dieses Jahr findet seit dem 30. Juni das Festival „RheinVokal“ statt. Auf SWR-Hoheitsgebiet am Rhein beheimatet ist das Festival bekannt für ganz außergewöhnliche  Spielstätten und vielfältige Veranstaltungsformate.

Konzerte hoch über dem Westerwald

Der Liederabend von Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft nun am 30. Juli fand bei traumhaftem Wetter auf Schloss Montabaur statt.

Das gelbe Schloss thront über der Kreisstadt Montabaur, deren hübsche Altstadt vor und nach dem Konzert zum Verweilen einlud.

Ein geschichtsträchtiger Ort

Schloss Montabaur ist ein geschichtsträchtiger Ort: sie geht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Zwischen 1687 und 1709 entstand dann die Schlossanlage, wie sie sich heute noch präsentiert.

Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts diente sie den Trierer Erzbischöfen als Residenz und wurde nach der Flucht vor den französischen Revolutionsheeren schließlich Jagdschloss der Herzöge von Nassau. Ab 1851 hatte das Schloss zunehmend institutionelle Bedeutung und war Landratamt und Verwaltungssitz des Regierungsbezirks Montabaur. Inzwischen wurde das Schloss von der Akademie Deutscher Genossenschaften gekauft und ist nun Tagungs- und Seminarzentrum.

Im Liederabend von Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft ging es allerdings weniger um die ganz praktischen Dinge des Lebens, sondern ‚um’s Gefühl‘. „Lied vom Glück“ war der Titel des Konzerts, das im historischen Rittersaal mit seinen wunderbaren Deckenfresken von Lazarus Maria Sanguietti stattfand.

Waldseligkeit in vielen Varianten

Zeitlich beschränkten sich die Musiker auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert, präsentierten in ihrem Programm jedoch die verschiedensten Aspekte und Stile der Zeit. Um das Glück und worin man dieses findet, ging es im ersten Block des Abends, der noch hochromantisch anklang.

Besonders spannend machte den Verlauf des Abends die Gegenüberstellung von Mehrfachvertonungen. So war beispielsweise Detlev von Lilliencrons Gedicht „Glückes genug“ in den Vertonungen von Richard Strauss und Max Reger zu hören, die „Waldseligkeit“ von Richard Dehmel gleich in vier Vertonungen von Alma Mahler, Max Reger, Richard Strauss und Joseph Marx.

Während in diesen Texten ganz fein mit den Parallelen der inneren Gefühlswelt zur Natur gespielt wird, so endete der erste Teil doch verschmitzt und ‚tierisch‘ mit Engelbert Humperdincks Liedern „Die Lerche“ und „Die Schwalbe“, was wohl auch die hauseigene Schlosskatze mitgehört hatte.

 

Von Sehnsucht, Feen und verfressenen Drachen

Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft, die sich bereits im ersten Teil als eingeschworenes Team erwiesen hatten, bei dem jeder Ton und jede noch so feine Nuance ‚zwischen den Notenlinien‘ saß, begeisterten auch im weiteren Verlauf des Abends: Nach Skandinavien ging es mit Jean Sibelius und Edvard Grieg.

Von Sehnsucht und Melancholie waren die Lieder geprägt. Von englischem Humor, märchenhaften Feen und gierigen Drachen mit Kuchenunverträglichkeit war im folgenden Block zu hören, in dem auch das Glück abseits der Zweisamkeit besungen wurde.

Cheek to cheek

Wunderbar erzählerisch präsentierte Wegener diese Lieder. Mit viel Humor ging es weiter mit Paul Dessaus „Der Adler“ und „Die Kellerassel“, bevor der Abend mit Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Irving Berlins „Cheek to cheek“ zu Ende ging.

Bei letzterem durfte das begeisterte Publikum – trotz Rundfunkmitschnitts – in den Refrain einfallen. Obschon die besondere Landschaft und der laue Sommerabend nach draußen lockten, mussten Sarah Wegener und Cornelis Witthoeft und noch zweimal nachlegen, bevor das Publikum sie gehen ließ.

Text und Bilder: Verena Düren

Das Konzert
Der Veranstalter

raumZEIT und zeitRAUM bei „Luft & Raum“ im Juni

„Den Raum stellen wir – die Zeit müssen Sie füllen!“

Es ist wohl einer der ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte zwischen Bad Godesberg und Bonn, den Künstler in den letzten Jahren für sich entdeckt haben – die ehemalige Zentrifugenhalle im Haus der Luft- und Raumfahrt. Bereits zum dritten Mal fand dort in diesem Jahr das Festival „Luft & Raum“ von Ingeborg Danz, Peter Stein und Tobias Krampen statt. Gastgeber sind die Besitzer der Zentrifuge, die das Publikum gerne begrüßten mit den Worten „Den Raum stellen wir – die Zeit müssen Sie füllen!“ In der Woche vom 11. – 18. Juni widmeten sich die drei Musiker gemeinsam mit Gästen dem diesjährigen Festivalmotto „raumZEIT | zeitRAUM“.

Zusammenspiel von Raum, bildender Kunst und Musik

In diesem Jahr haben die Veranstalter zum ersten Mal den Versuch gewagt, an jedem Abend der Festivalwoche eine Veranstaltung anzubieten. In Konzerten, einem Filmabend, einer Lesung mit Musik und einem Orgelvortrag mit Musik drehte sich alles um die Frage nach Raum und Zeit. Philip Glass traf hier auf Stephen Hawking, Heinrich Böll auf Bernd Alois Zimmermann und schließlich in den Konzerten immer wieder Minimal Music auf Alte Musik. Die besondere Akustik der kreisrunden Zentrifugenhalle, in der früher die Astronauten beim Training das Gefühl für Zeit und Raum verloren, stellte sich als geradezu ideal für Liederabende, aber auch Cembalo solo heraus. In der Bibliothek im Haus konnte man während der ganzen Woche die Origami-Ausstellung „Zahn der Zeit“ von Peter Stein und anderen befreundeten Faltkünstlern bewundern.

Musik im Wandel der Zeit

Verbindendes Element aller musikalischen Abende war Eric Saties Werk „Vexations“, das mit seiner geschätzten Aufführungsdauer von über 24 Stunden wohl ein Paradebeispiel für die Ausdehnung von Zeit und Raum in der Musik ist. Den ersten Abend eröffneten die drei künstlerischen Leiter, Ingeborg Danz (Alt), Peter Stein (Violine und Viola) und Tobias Krampen (Klavier) mit einem Liederabend, der sich zwischen romantischer und zeitgenössischer Musik bewegte.

Einer ähnlichen Gegenüberstellung folgte das Konzept, das mit dem Kammerchor der Universität Köln zu erleben war und in dem Lieder der Romantik auf die „Kneeplays“ aus Glass‘ Oper „Einstein on the Beach“ trafen.

Beim zweiten Konzertabend war Gastmusiker Stefan Horz zum Thema „Time stands still“ am Cembalo zu erleben. Gemeinsam mit Ingeborg Danz und Peter Stein waren Werke von Louis Couperin, Philip Glass, Astor Piazzolla, Johann Kaspar David Fischer, John Dowland und Johann Sebastian Bach zu hören, die eindrucksvoll zeigten, wie sehr Raum und Zeit in der Musik fließen können. Ähnlich spannend gelang auch die Gegenüberstellung von Neuer Musik und drei der Brandenburgischen Konzerte von Bach am vorletzten Abend.

Der Nachwuchs kommt zu Wort

Eine spannende Veranstaltungswoche zu gestalten, reicht den klugen Köpfen hinter „Luft & Raum“ nicht, denn bereits seit dem ersten Jahr finden parallel in dieser Woche Meisterkurse und Workshops im Bereich Liedgesang, Kammermusik und Origami statt. Die beeindruckenden Ergebnisse dieser Arbeit konnte man beim finalen Abschlussfest erleben, bei dem die Teilnehmer der Meisterkurse zu hören waren.

Bericht von Verena Düren

Carl Loewe Liederabend in Unkel

„Macht es Ihnen Spaß heute Abend?“

Luther und die Reformation – Legenden und Balladen

Der Geschichtsverein Unkel e.V. widmet sich 2017 zum 23. Mal eine Woche dem Komponisten Carl Loewe. Für den sonntäglichen Liederabend am 25.6. öffneten die Besitzer der Burg Unkel die Türen ihres wunderschönen Wohnsitzes gleich am Rhein.

 

 

Mit Blick auf den breiten Strom und das Siebengebirge gab es einen gesellig-entspannten sommerlichen Sonntagsausklang zu erleben: Der Liederabend von Marc Rosenthal (Tenor) und Mark Unkel (Klavier) rankte sich thematisch geschickt gewoben um das Thema „Luther und die Reformation“, wozu Lieder, Legenden und Lyrische Fantasien Loewes mit Exkursionen in die Oratorien von G.F. Händel kombiniert wurden.

Tenorale Bravour leitet durch die Tücken der eigenwilligen Stimmführung

Wenn man bedenkt, dass Loewe selbst von der evangelisch-lutherischen Kirchenmusik kommt, ist der Schritt vom Oratorium zum Kunstlied, das einen Schwerpunkt auf religiöser Symbolik hat, nicht mehr weit hergeholt. Aber zunächst gab es eine einleitende Canzonetta zu hören, die gleich mit den Tücken der Loewe’schen Stimmführung Maß nahm. Hat doch Carl Loewe die meisten seiner Lieder für sich selbst geschrieben – natürlich so, wie es für ihn gut lag, ärgern sich die Sänger, die seine spannenden Werke interpretieren, mit den Anforderungen seitdem herum: Von recht tiefen, fast parlierenden Passagen aus schwingt sich die Melodie unvermutet mit großen Intervall-Sprüngen in tenorale, glänzende Höhen, ein Schema, das der Tenor Mark Rosenthal durch den gesamten Liederabend hindurch mit großer Bravour präsentierte.

Kluge Konzeption für inhaltlich starke Spannungsbögen

Nun erschloss sich der erste Teil mit spannenden Legenden und Geschichten, die in den Gedichten verwoben waren durch eben jene Verwendung christlicher Symbolik. Jedoch werden nicht unbedingt „heilige“ Geschichten erzählt, viel Weltliches, Liebe, Leid und Leben rückt in direkten Kontakt zur Luther’schen Gedankenwelt. Und so wurde der Einschub der zu Herzen gehenden Arie des erblindeten Samson ganz logisch von Stimmung und Sujet erreicht – ein kluger und ungewöhnlicher Bezug zum Händel’schen Oratorium in einem Liederabend. Rosenthal sang die Arie mit geschlossenen Augen, was die Dramatik berührend verstärkte.

 

 

Überhaupt präsentierte sich Rosenthal als eindringlicher Erzähler, der mit Gestik und Blicken den direkten Kontakt zum Publikum suchte. Den ersten Teil beschloss „Jerusalem of Gold“ – ein hebräisches Lied, das sich wiederum als sehr glückliche Paarung mit den vorherigen deutschen Liedern erwies und eine neue thematische Brücke baute. Zu Herzen gehend, mit eindringlichen Nuancen gestaltet, wurde das Publikum zur Pause mit Erfrischungen in den gemütlichen Fachwerk-Innenhof gebeten.

Facettenreiches Klavierspiel

Auch nach der Pause setze sich die kluge Konzeption des Konzerts fort. Marc Unkel, Liedpianist und Künstlerischer Leiter der Carl Loewe Musiktage begrüßte das beschwingt zurückkehrende Publikum mit „Macht Ihnen das Spaß heute Abend?“ – Was einhellig mit einem „Jaaa!“ beantwortet wurde. Hier im ersten Werk nach der Pause stand endlich der Pianist im Mittelpunkt und das Publikum konnte nun mehr über Stimmführung und Eigenarten im Klavierpart von Carl Loewe erfahren: In den Liedern wechseln sich unvermutet kurze, perlende mit virtuosen Passagen ab, die den Pianisten herausfordern, rasch zu einem fast rezitativischen Spiel zu wechseln. So stützt der Liedpianist den Sänger in seinen Passagen ab. Mark Unkel meisterte dieses Denken und Gestalten in langen Bögen ebenso wie das schnelle Umschalten auf die perlenden Einschübe und steuerte so gekonnt jedem Lied zahlreiche Klangfarben bei.

Begeisterter Applaus für einen kurzweiligen, klug konzipierten Liederabend

 

 

Mit Loewes „Biblisches Lied“ für Klavier solo stimmte Mark Unkel in Chopin’scher Art balladesk gestaltet in den zweiten Teil ein. Anschließend wurde sogleich ein neuer Rückbezug hergestellt: Mit „Comfort ye“ aus dem Messias wurde wieder der Bogen von Loewe zu Händel geschlagen, eindringlich und strahlend umgesetzt von Mark Rosenthal. Es schlossen sich bis zum Ende wiederum sinnierende Loewe-Lieder an, zum Schluss wurde das Publikum mit „Die Zugvögel“ in seinen Gedanken weit über den Horizont in den lauen Sommerabend geschickt. Das Publikum jedoch forderte mit einem begeisterten Applaus eine Zugabe nach diesem kurzweiligen Liederabend. Mark Unkel und Marc Rosenthal bedankten sich mit einer eindringlichen Wiederholung von „Jerusalem of Gold“.

Bericht und Bilder: Sabine Krasemann

Das Konzert
Der Veranstalter

2. Liednacht Aachen am 5.5.2017

Liedwelt unterwegs-
exotisch, experimentell und tief bewegend

Heimat Europa? – 2. Liednacht in Aachen am 5.5.2017. Ein Bericht von Alice Lackner.

Am 5. Mai 2017 lud die Hochschule für Musik und Tanz Aachen zur Aachener Liednacht ein. Diesjähriges Bindeglied des 2016 beim Publikum so erfolgreich eingeführten Formats der vielen kleinen Konzerte an verschiedenen Orten: „Heimat Europa?“

Die vielen Erlebnisse werden konzeptionell-inhaltlich miteinander verbunden. Als Teil des Rahmenprogramms zur Verleihung des diesjährigen Aachener Karlspreises wurde die Frage nach der ‚Heimat Europa‘ vom künstlerischen wie vom intellektuellen Standpunkt aus beleuchtet.

Exotisch, experimentell und tief bewegend: So beginnt die Aachener Liednacht im Prolog I unter dem Titel „Europäische Zukunftsmusik“ mit Composing Voices, einem Ensemble für Vokale Improvisation und Gedichtvertonung. Ferne Klänge der Weltmusik, schnatternde Zungenschnalzer, Atonalität im Wechsel mit Gedichtrezitation und Jazzgesang: Etwa zwanzig Minuten lang dauert dieser spektakuläre Auftakt zur zweiten Aachener Liednacht und wird sogleich vom Publikum mit tosendem Applaus belohnt.

„Wir haben uns oft gefragt, weshalb uns während der Vorbereitung zur Liednacht keine Fragen gestellt wurden wegen des Fragezeichens im Titel, aber diese Unsicherheit scheint mittlerweile ein selbstverständliches Gefühl geworden zu sein, wenn man über Europa spricht“, so Stefan Irmer im eröffnenden Grußwort. Man wolle sich am heutigen Abend auf die Suche nach der Heimat begeben.

Heimat Europa – eine Herzensangelegenheit

Diese Heimat Europa sei ihnen eine Herzensangelegenheit, auch über den rein künstlerischen Aspekt hinaus, so Ulrich Eisenlohr: „Wenn dieser Abend ein Ansporn sein kann, sich gegen bestimmte Bewegungen zu wehren, die den seit über 70 Jahren währenden Frieden in Europa in Frage stellen – wenn dieser Abend anspornt, das Erreichte aktiv zu verteidigen und weiter zu entwickeln – dann sind wir froh.“

Begeisterung und Nachdenklichkeit

Und dass dies gelungen ist, zeigte sich nicht nur daran, dass die Besucherzahlen bis Mitternacht anhielten, sondern vor allem an der Stimmung, die in dieser Nacht durch die Räume der Hochschule geisterte. Neben der Begeisterung für das technische und musikalische Können der Künstler schwebte eine Nachdenklichkeit in der Luft, insbesondere bei den Konzertblöcken, wo Flucht, Vertreibung und Krieg thematisiert wurden: Warnende Worte durch die Lieder des Exil-Komponisten Hanns Eisler oder den Werken von Viktor Ullmann ausgesprochen, welcher einen großen Teil seiner Werke im KZ Theresienstadt schrieb.

Warnende Worte und folkloristisch-bunter Abschluss

Natürlich darf auch gelacht und gefeiert werden bei der Liednacht, zuletzt beim abschließenden folkloristischen Zigeuner-Block kurz vor Mitternacht im Spiegelfoyer des Theater Aachen. Die Besucher gingen erfüllt nach Hause, inspiriert von Klängen aus fernen Ländern, volksliedhaften Kindheitserinnerungen, warnenden Friedensaufrufen, und vor allem: mit einem verstärkten Bewusstsein für den Wert und die Unabdingbarkeit der Europäischen Union, welche dieses gemeinsame Musizieren der Studierenden aus über zwanzig verschiedenen Ländern und Kulturkreisen möglich macht – im Aachener Dreiländer-Eck ein Gedanke, der wie selbstverständlich präsent ist und hier lebendig wurde.

Konzeption 2. Aachener Liednacht:
Prof. Stefan Irmer und Prof. Ulrich Eisenlohr, Hochschule für Musik und Tanz Köln / Aachen

Zur Veranstaltung

Ein Bericht von Alice Lackner.
© Photos Alice Lackner

 

Liedwelt unterwegs – 10. Kulturkonferenz Region Aachen

Liedwelt unterwegs –
Musik+Text+Bild sucht Ort

Lieder in Bildern“ auf der Kulturkonferenz Aachen / Euregio am 27.4.2017

Die „Liedwelt Rheinland“ war mit ihrem Projekt „Lieder in Bildern“ von unseren Netzwerkmitgliedern Markus Schönwolf (Komponist) und Ernst-Martin Heel (Maler) vor Ort. Das Ziel: Veranstalter und neue Aufführungsorte zu finden, die an dem synästhetischen Projekt, das Musik, Literatur und Malerei verbindet. Mit Erfolg! Die ersten Interessenten sprachen uns bereits kurz nach der Präsentation an!

Für die Jubiläums-Ausgabe der Kulturkonferenz für die Region Aachen / Euregio hatte sich das Kulturbüro einen besonders interessanten Ort in Aachen ausgesucht. Das historische Stadtbad ist inzwischen zum beliebten Veranstaltungsort geworden mit ganz besonderem Flair: gepolsterte Badewannen und hier und da ein antiker Duschkopf erinnern an den früheren Zweck des Gebäudes.

Die besten Ideen unter der Dusche

Hier konnte man also im wahrsten Sinne des Wortes ‚unter der Dusche‘ die besten Ideen haben. 18 neue Projekte wurden an diesem Abend in lockerer Atmosphäre vorgestellt. Diese gingen durch alle Bereiche der Kunst: Musik, Film, Theater, Bildende Kunst waren vertreten. Auch die Menschen hinter den Projekten waren bunt gemischt: mal standen Veranstalter zur Präsentation auf der Bühne, ebenso wie die Künstler selbst oder auch Netzwerker auf der Suche nach neuen Kooperationspartnern.

In gerade einmal drei Minuten konnten auch wir unsere Idee vorstellen, viele teils fertige Projekte lernten die Teilnehmer an diesem Abend kennen, von einem „Kummerkonzert“ über einem Netzwerk von Homepages zur Verbreitung kultureller Veranstaltung auf dem Land bis hin zu Skulpturen reichten, die die Grenzen im Dreiländereck thematisieren.

In den Pausen zwischen den Präsentationsblöcken war man eingeladen zum Knüpfen neuer Kontakte, intensiven Gesprächen über die Projekte, die vorher nur angerissen wurden oder auch zum Austausch mit Kulturschaffenden, deren Projekte in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich gefördert wurden. Diese hatten ihre Stände auf die kleinen Kabinen der früheren Badeanstalt verteilt. Nach Abschluss aller Präsentationen wurde noch zum gemütlichen Teil des Abends und weiterem Austausch in die Kellerbar geladen.

Bericht: Verena Düren

Liedwelt unterwegs – Heidelberg Music Conference 2017

Liedwelt unterwegs –
Besuch auf der Music Conference in Heidelberg 2017

Letzte Woche waren wir mit der Liedwelt Rheinland auf der Music Conference in Heidelberg zwecks Networking. Eine schöne Gelegenheit, sich ungezwungen mit Kollegen zwischen den Programmteilen und am Abend in Ruhe auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

Ein Bericht von Sabine Krasemann

Leider ging aufgrund von zwei Krankheitsfällen das sehr spannende Konzept der Gespräche (Konzept vom Team des Konzerthaus Dortmund) am ersten Vormittag nicht auf, da die beiden Herren Hinterhäuser und Naske so ganz auf sich gestellt blieben und somit über ihr Festival bzw. Konzerthaus Interessantes und Weises zum Besten gaben, es aber nicht wirklich zu einem Schlagabtausch und -austausch kam, wie er zu erwarten gewesen war.

So waren die Erwartungen vieler Kongressbesucher enttäuscht. Denn anstelle der konzipierten und erwarteten Dialoge gab es Monologe zu erleben: Viel Wahres, Philosophisches von Markus Hinterhäuser (Salzburger Festspiele), auch zum Thema Lied eine schöne Anekdote – natürlich aus einer wahrhaften Luxus-Position heraus – jedenfalls immer wieder eine Freude, klugen Worten zu lauschen.

Einem Zwiegespräch zwischen der einen Wandel ins Neue ankündigenden designierten Programmdirektorin der Volksbühne Berlin Marietta Piepenbrock und Markus Hinterhäuser mag man nun an anderer Stelle vielleicht mit Spannung entgegen sehen dürfen.

Dann zeigte Herr Naske vom Konzerthaus Wien, wie er konsequent und erfolgreiche mit taktisch absolut unterhaltsamen und klugen Schachzügen seinen Gesprächsplan durchzuziehen versteht. Auch diesen eleganten Ritt muss ihm erst einmal einer nachmachen, Moderator Holger Noltze hatte keine Chance eine Frage zu stellen, die nicht so geschickt beantwortet wurde, dass der den „Tanker der Hochkultur“ steuernde Naske nicht doch weiter in seinen Fahrwassern fuhr. Ein amüsantes Gespräch, bei dem die Zuhörer allerdings weniger auf den Inhalt – der Darstellung des Wiener Konzerthauses  – lauschten als dass sie dem konzeptionellen Ablauf des Gesprächs amüsiert folgten.

Allerdings war das ursprüngliche Gesprächskonzept ein Dialog mit Hanns-Ferdinand Müller von der RWE, um der Frage nachzugehen, inwiefern beim Change Management ein Wissenstransfer aus anderen Wirtschaftsbereichen stattfinden kann hier ganz ad absurdum geführt.

Perspektiven am Neckar

Ein Impulsvortrag von Nick Pfefferkorn, Breitkopf & Härtel zeigte nicht nur die Geschichte des alteingesessenen Hauses, sondern der Verlagsleiter zeigte, dass die Verlage nun anscheinend tatsächlich im digitalen www aufgewacht sind und stellte intelligente Ansätze und Konzepte vor, welche Aufgaben die Verlage haben – außer dem Melken der bewährten Cash-Cows, denn mit ein paar letzten Recken sind bald alle Komponisten aus dem Urheberrechtsschutz nach 70 Jahren heraus.

Martina Steinröder brachte Vertiefendes zum Thema „Spielend im digitalen Wachstum“: Visionen in neue Märkte wurden eröffnet wie auch der philosophische Ansatz von Wolfgang Welsch rund um die Frage, wie wichtig denn die Optik für den Musikmarkt nun sei  erweiterte den Blick.

Am Freitag gab es Round Tables in denen die Konferenz-Teilnehmer zu einzelnen Themen tiefergehende Diskussionen in kleineren Kreisen führten.

Spannend wurde es im Gepräch mit David Görges, Head of New Media des BVB Borussia Dortmund zu erfahren, wie der König Fußball von den neuen Medien profitiert hat, welche Wege er einschlägt, welche Entwicklungen ihm von vorne herein zugute kamen. Wie Fans funktionieren, wie man sie anspricht und was sie begeistert. Dazu Informatives aus Rundfunksicht von Johannes Bultmann, Gesamtleiter der SWR Festivals und Klangkörper.

 

Wort trifft Ton – Werkstatt für neue Lieder

Wort trifft Ton – Werkstatt für neue Lieder

4.2.2017 – Auftaktveranstaltung im Kammermusiksaal in der Kölner Hochschule für Musik und Tanz

Am 4.2.2017 präsentierte unser Netzwerk-Partner, die Hochschule für Musik und Tanz Köln den Start ihres in Umfang und Ansatz neu konzipierten Projekts: Im Rahmen eines Werkstattkonzerts gab es die Gelegenheit, die einzelnen Bausteine, die in einem bis September geplanten Entstehungsprozess inneruniversitär weiterentwickelt werden kennenzulernen. Das Konzert bestritten Studierende der Hochschule.

Wort trifft Ton – Werkstatt für neue Lieder

In einer Phase des Suchens und Herantastens werden sich drei Disziplinen verbinden: Kunstlied, Lyrik und kompositorisches Schaffen greifen ineinander. In Kooperation zwischen Hochschule und dem Literaturhaus Köln finden sich die Kompositionsklasse und die Liedbegleitungs-Klasse zusammen. Schon in diesem Werkstattkonzert setzten sie interessante musikalische Akzente, mit denen das zahlreich erschienene Publikum die einzelnen Ansätze nachvollziehen konnte.

Zu hören waren zahlreiche spannende Denkanstöße

So tat sich ein Platz zwischen extrem „hoch“ und „ tief“ auf in den Ausschnitten aus der Tonband-Komposition „L’ange du morbide“ von Antonio Covello – korrespondierend mit Melodram-Erzählungen Schumanns: Lieder ohne Worte – damals und heute.

Wie selbstverständlich war es somit für das Publikum einzutauchen, startete doch zu Beginn die Entdeckungsreise in das Land der Lieder ohne Worte bei zwei Klavierstücken aus den bekannten „Liedern ohne Worte“ von Mendelssohn. Eine vielfältige Suche nach Melodien und Klängen erschloss sich auch in den darauffolgenden „Fünf Melodien“ für Klavier von Patrick Witte.

Dann ein neuer Ansatz: Es findet ein Zusammenspiel von Silben, Geräuschen und Klängen statt, welche in den Obertönen die Verbindung zueinander aufbauen: Das stand in „L’ange du morbide“ im Zentrum wie auch in dem Duo für Alt und Becerry/Viola von Meike Senker.

Jedoch bleiben Musik und Wort nach wie vor noch getrennt….

Kunstlieder erzählen immer Geschichten – und so kam nun Ulrike Almut Sandig auf die Bühne. Sandig bringt souverän starke Aussagen mit Humor, Schauspiel, Phonetik zusammen. Ein Hybrid aus Gedicht und Hörspiel ist zu erleben, die Suche nach der Sprachmelodie auf unterhaltsame, spielerisch-ernsthafte Weise. So Abwechslungsreiches fand das Publikum derart spannend, dass es bei Sandig spontan eine Verlängerung vor der Pause einfordern konnte. Zwischen Rapp, Rezitation und Wortrhythmus entstanden nun kleine, feine Inszenierungen – fokussiert in der überragenden Persönlichkeit von Sandig.

„Ein singendes Haus mit von Giebel zu Giebel gespannten Leinen. Wie ein Zirkuszelt.“ [geflüstert]

Die Aspekte des Oratorisch-Rezitativhaften wurden in der Komposition von Julián Quintero erforscht – dann wieder eine neue Annäherung an das Lied von der Sprachmelodie aus: Ein Gedicht als Lied, ein Lied ohne Wörter: So erklang das berühmte „Gretchen am Spinnrad“ ohne Gesang in einer Klavierfassung von Franz Liszt. Auch hier drei in einem Bunde, nämlich Goethe, Schubert und Liszt.

Die Liedwelt Rheinland wird über das Projekt im September weiter berichten. Bis dahin dürfen alle gespannt sein, wie sich die Gedanken weiterentwickeln, verknüpfen.

Zur Veranstaltung