Archiv der Kategorie: Liedweltweit

Dichter.Liebe! – Romantik trifft auf Poesie – Konzert am 10.6.2018

Dichter.Liebe! Romantik trifft auf Poesie

Das Kölner Ensemble Eikona bringt als Koproduktion der Stadt Köln und des 21. Bonner Schumannfests das Lied auf die Bühne. Auf kleinem Bühnenraum entsteht ein faszinierender Dialog aus Musik und Theater, gestaltet von Fabio Lesuisse (Gesang), Toni Ming Geiger (Klavier) und Kai Anne Schumacher (Regie und Figurenspiel). Dafür standen gleich zwei ausgewählte Liederzyklen auf dem Programm: Schumanns „Dichterliebe“ und Vaughan Williams „Songs of Travel“ nach Texten von Robert Louis Stevenson.

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht. Nachdem der Bariton Fabio Lesuisse das erste Lied aus der „Dichterliebe“, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, vorgetragen hatte, wurde schnell deutlich: Es handelt sich um keinen Geringeren als den Dichter und Journalisten Heinrich Heine, der von der ewig tragikomischen Geschichte scheiternder Beziehungen durchschüttelt wird.

Überzeugendes Wechselspiel in subtilem Puppenspiel

Die Regisseurin Kai Anne Schumacher haucht dem Dichterfürsten in Gestalt einer Puppe überzeugend Leben ein und begleitet so das Wechselspiel von Lied und Schauspiel auf der Bühne. Überhaupt ist es diese Handpuppe Heine, die eine fast schon zärtliche Melancholie in die ohnehin eindrucksvolle Vielschichtigkeit der Gedichte Heinrich Heines hineinträgt. Menschliches, Allzumenschliches verbindet Kai Anne Schumacher mit großer Kunstfertigkeit im subtilen Puppenspiel.

Die Puppe hat schließlich nicht Teil am Leben – und doch darf sie immer wieder die Stimme des Baritons Lesuisse borgen. Damit wird ihr eine fast schon unheimliche Bühnenpräsenz zuteil. Denn das Lied als Leihgabe wird ihr auf diese Weise eigen und fremd zugleich. Gerade diese Ambivalenz weiß der Pianist Toni Ming Geiger gekonnt aufzunehmen. Sein absolut differenziertes und zugleich leichtes Klavierspiel erschafft ebenjene atmosphärische Verdichtungen, die sowohl der musikalischen Komplexität der Dichterliebe als auch der vielschichtigen Lyrik Heines mehr als gerecht werden. Es ist eben der nur scheinbar naiv-harmlose Volksliedton, der keinesfalls darüber hinwegtäuschen sollte, welche überraschenden Klangbilder das Ensemble Eikona für die Reise ihres Dichterhelden findet.

Spiel mit historischen Ungleichzeitigkeiten durch manifeste Gegenwartsbezüge

Vor Überraschungen ist man auch als Zuschauer nicht gefeit, denn manchmal hat sogar die Puppe die Fäden in der Hand: So waltet die Handpuppe Heine zeitweilig über ihre eigene Rezeptionsgeschichte und verliest spöttisch eine bissige Kritik Marcel Reich-Ranickis über ihn selbst – Heinrich Heine. Das Ensemble Eikona hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst charmant mit solchen historischen Ungleichzeitigkeiten zu spielen und verschafft damit auch dem vermeintlich verstaubten Lied ganz manifeste musikalische Gegenwartsbezüge. Leiht der Bariton Lesuisse dem Dichter Heine seine kraftvolle Stimme, ertönen die inniglich vorgetragenen „Alten bösen Lieder“.

Dann wieder ist es Vaughan Williams „Youth and Love“, das den rastlosen Dichter zu weiteren Sehnsuchtsorten – aber auch zu ganz konkreten Zielen wie beispielsweise zum Kölner Dom – treibt. Obschon das letzte Lied aus der „Dichterliebe“ voll mit „wildem Schmerzensdrang“ verklingt, gibt es keinen Grund zum Grollen – ganz im Gegenteil: Dem Ensemble Eikona gelingt es, humorvoll und mit zärtlicher Ironie ästhetische Illusionen im Sinne unendlicher romantischer Annäherung gekonnt zu durchbrechen. Es ist sicherlich nicht ihr letztes Lied.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Paul Leclaire

Konzert am 10. Juni 2018 im Rahmen des Bonner Liedsommers

Konzert am 29. Juni 2018 im Kölner Blue Shell

Good Vibrations

Good vibrations

Eröffnungskonzert und Ausstellungseröffnung: Luft und Raum – Kulturfestival in der Zentrifuge Bonn

Mit einem launig unterhaltenden Quintett des tschechischen Komponisten Zdeněk Fibich ging es gleich mitten ins Geschehen: Er war Schüler von Bedřich Smetana und Lehrer von Franz Lehar – und in dieser Komponisten-Folge spann sich der Bogen der Musik, eine ehrliche, das Leben bejahende Musik, die sich als Opener für ein Festival, das für viel Energieaustausch bekannt ist, bestens eignete.

Die in dieser Besetzung liegende symphonische Anlage wusste Fibich im zweiten Satz durch eine geschickte Instrumentierung zu nutzen, die durch die Umsicht und das Miteinander der Künstler sehr gut zur Geltung kam. Die dichte Klangrede vermittelte auch zu Brahms und dem Landsmann Dvořák starke Verwandtschaft.

So darf sich der Zuhörer eigentlich nicht erst in dem schicken Horn-Solo fragen, warum Komponist und Werk so unbekannt sind. Auch Klänge der Bratsche liegen geschickt im Satz und mehren die Verbindung zum Orchesterklang und dessen Farbigkeit. Man freut sich über das deftige Ländler-Trio und wird bis zum Schluß kurzweilig unterhalten.

Bestens mit Schwung ausgestattet und mit viel Freude am gemeinsamen Musizieren waren neben Tobias Krampen am Klavier und Peter Stein an der Violine die Gäste Nicolai Pfeffer, Klarinette, Lauren Whitehead, Horn und Eglantine Latil, Violoncello zu erleben.

Der Komponist Stefan Heucke stellte drei Lieder Robert Schumanns zusammen und schrieb für diese Kammermusik-Besetzung den Klavierpart um: Der kleine Zyklus startete mit der „Frühlingsfahrt“ bunt und geschäftig und sparte nicht mit farbigen Korrespondenzen. „In der Fremde“ zeigte gleich zu Anfang kluge, schlüssige Aufteilungen der Rollen zwischen den Instrumenten bis zum colla parte. Wie hier die Zeit bei der Zeile „Da ruhe ich auch“ stehen blieb, das war schon sehr beeindruckend. Auch „Der Einsiedler“  gab so für die Altistin Ingeborg Danz wunderbare neue Klangmöglichkeiten mit denen auch sie freudigen Austausch bot, so dass die Lieder ganz neues Leben auch für die Zuhörer bekamen, die die Stücke dachten, bestens zu kennen. Nicht erst die dritte Strophe „O Trost der Welt, Du stille Nacht!“ brachte das Schumann-Lied nahe ans Orchesterlied, durchweg in den zarten klanglich feinen Korrespondenzen  der Instrumente.

Der neue Flügel, den „Brahms noch die Gelegenheit gehabt hätte kennenzulernen“ (Peter Stein), verwob die Kammermusik mit warmen Tönen, stellte sich als hervorragender Klangmixer heraus und bot allen Künstlern (inklusive Pianist) mit galantem Bass eine elegante Grundlage für durchhörbares Musizieren.

Zum Eröffnungskonzert waren zahlreiche Besucher und Teilnehmer des Meisterkurses präsent – in der Pause durften sie sich nicht nur über das Programm austauschen. Auf der Suche nach der Harfe, die „man nicht sieht und nicht hört“ (Peter Stein), wurde der Suchende von mehreren seiner Origami-Engeln geleitet….

Nach der Pause dann wieder Eichendorff-Lieder, nun von Stefan Heucke zusammengestellt zur „II. Kammermusik“. Gleich der erste der beiden Sätze des Ingeborg Danz gewidmeten Werks gab affirmativ den Ball weiter. Das zweite Lied, „Letzte Heimkehr“, spielte mit engen Korrespondenzen zum Text, tupfte lautmalerisch das Schütteln des Frosts, schauderte tief im Herzensgrund mit einem tiefen Klaviertremolo und fand im Horn-Ruf eine Totenanrufung.

Höchste Ansprüche an die Sängerin in der orchesteralen Engmaschigkeit

Engmaschig verzauberte den verschneiten Garten die Geige, geleitete in eine Traumwelt, in der die Ruhe beim Einsamen nur kurz verweilt, treibt die Klarinette zum Pizzicato ihn auf das Feld hinaus… Nicht nur hier erinnert die Klanglichkeit und Dichte immer wieder an Schönbergs Pierrot Lunaire.

Der abschließende Willkommensgruß „Nun ruh zum letzten Male aus, Wenn du erwachst, sind wir zu Haus'“ wiederum gemahnt an Mahlers Orchesterlieder und auch die Auferstehungssymphonie. Ein wunderbar offenes Willkommen jedenfalls für den Start dieses einzigartigen Festivals, das zahlreiche Gäste mit einem gemeinsamen Umtrunk abschlossen.

Text + Photo © Sabine Krasemann

 

 

Auftakt des Bonner Liedsommers in Oberpleis – Konzert am 27.5.2018

„Mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen“

Ein inszeniertes Konzert über Alma Mahler

„Almschi“ – so wurde die Komponistin, Mäzenin und Muse Alma Mahler-Werfel von vielen ihrer Freunde und Bewunderer liebevoll genannt. Der Titel, den die Sopranistin Judith Hoffmann und ihr Pianist Desar Sulejmani für diesen Abend in Oberpleis gewählt hatten, erinnerte an die Beschreibung Arnold Schönbergs, einem Freund Mahler-Werfels: „Gravitationszentrum eines eigenen Sonnensystems, von Satelliten umkreist“.

Zeitreise in den bürgerlichen Salon

Und in der Tat gelang es Hoffmann und Sulejmani in ihrem inszenierten Konzert im Rahmen der Reihe Pro Klassik e.V., genau in dieser Form die Musikerin und schillernde Persönlichkeit des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen: ‚Almschi‘ und ihre Beziehungen zogen sich als dramaturgischer Faden durch das literarisch-musikalische Programm. Das Bühnenbild in Form einer Sitzecke, wie man sie aus den Salons kennt, unterstützte dabei den Eindruck, zu einer kleinen Zeitreise eingeladen zu sein.

Musikalisch kamen in der schmucken und behaglichen Bauhauskirche in Königswinter-Oberpleis die wichtigsten musikalischen, aber auch persönlichen Bezugspunkte Alma Mahlers zu Wort. Angefangen bei ihrem Kompositionslehrer Alexander Zemlinsky, der ihr Talent zu einer Zeit sah und förderte, als die Förderung von Komponistinnen noch völlig unüblich war. Nachdem er sie das Komponieren gelehrt hatte, stellte ihr erster Ehemann, Gustav Mahler, eines ganz schnell klar: sie solle Eheweib, aber nicht Kollegin sein. Obschon sie diese Ansicht so gar nicht teilte, gab sie ihm zuliebe das Komponieren auf. Denn eines wurde an diesem Abend mehr als deutlich: wenn Alma Mahler etwas tat, dann mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen. Von vielen aufgrund ihrer Ehen und Liebschaften verachtet, zeichneten Judith Hoffmann und Desar Sulejmani das Porträt einer starken und leidenschaftlichen Frau, die ihr Leben nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“ zu leben schien.

Großartiges künstlerisches Feingefühl

Mit Alban Berg und Arnold Schönberg kamen auch Komponisten zu Wort, mit denen sie eine lange und sehr innige Freundschaft verband, Erich Korngold gehörte zu den Freunden im amerikanischen Exil, der junge Benjamin Britten wiederum bildete den Brückenschlag zur nächsten Generation und der chansonhafte Abschluss von Tom Lehrer (* 1928) war jüngsten Datums.

Judith Hoffmann brillierte nicht nur in ihrer Rolle als Interpretin des ganzen musikalischen Alls um Alma Mahler und deren eigener Lieder, sondern führte auch als Sprecherin durch den Abend und das Leben Alma Mahlers. Mit Leichtigkeit wechselte sie von Sprech- zu Gesangsstimme und setzte ihren Humor, Charme und ihr schauspielerisches Talent gekonnt ein, wobei sie als Sprecherin zwischendurch auch von Desar Sulejmani unterstützt wurde.

Mit den verschiedenen Abschnitten in Alma Mahlers Leben schloss sich zunehmend der Kreis und somit füllten sich auch die anfänglich leeren Bilderrahmen der Bühne. Zwei Gemälde von Alma Mahler waren dort nach und nach mosaikartig entstanden.

Die Auswahl der Werke hatten die beiden Musiker nicht nur an die Biographie Alma Mahlers angepasst, sondern auch atmosphärisch mit großartigem Feingefühl gewählt.

So war der kurzweilige und hochspannende Liederabend ein hervorragender Auftakt zum ersten Bonner Liedsommer und zugleich ein beredtes Beispiel dafür, wie ausdrucksstark ein Liederabend sein kann – wenn er so klug gestaltet und leidenschaftlich konzipiert und umgesetzt wird wie von Judith Hoffmann und Desar Sulejmani.

Text: Verena Düren
Photo © privat

Zum Konzert am 27. Mai 2018

„Come Away Death“ – Konzert am 18.4.2018

„Come Away Death“

Die bunte und hellsichtige Welt des William Shakespeare beeinflusste auch das Kunstlied. Zu erleben war das beim Saison-Abschluss der Reihe „Im Zentrum Lied“ in der Fritz Thyssen Stiftung. Natürlich musste dafür ein Brite her: Der Bariton Martin Lindsay leitet als Dozent der Kölner Musikhochschule das Seminar „Englisches Lied- und Arienrepertoire“. Er kennt sich also perfekt aus im Repertoire.

Bei uns wenig bekannte Lieder der Engländer Gerald Finzi, Roger Quilter oder Michael Tippett setzte er auf sein Programm „All the World’s a Stage“. Das weitete sich mit Liedern von Hanns Eisler über Charles Ives und Ernest Chausson aber auch sehr international. Kaum zu glauben, wie viele Komponisten Shakespeare in Romantik und Moderne vertonten.

Es war ein Programm mit Konzept und dramaturgischem Bogen. In einen „Prologue“ und fünf Akte war dieser Abend unterteilt. Der „Epilogue“ endete still mit den Worten „Fall asleep, or, hearing, die“, vertont von Ralph Vaughan Williams. Routiniert begleitet von der Pianistin und Hochschul-Kollegin Elnara Ismailova setzte Lindsay gekonnt auf sein schauspielerisches Talent. Man konnte allein aus seiner Mimik den Sinn erfassen. Im stark abgedunkelten Saal war ein Mitlesen der im Programmheft abgedruckten Texte ohnehin nicht möglich. Eindringlich der zweite Akt mit ruhigen Liedern wie Finzis magischem „Come Away Death“.

Zum Schmunzeln im restlos gefüllten Saal regten Lindsays langgezogene „Y-a“-Laute in Hugo Wolfs „Die Schwalbe“ aus dem „Sommernachtstraum“ an. Der musikalische Streifzug durch Shakespeares Sonette und Dramen von „Otello“ bis zu „Henry VIII“ machte Freude, auch wenn der geöffnete Flügel stellenweise zu wuchtig war und Lindsay sich im ersten Block zu sehr auf eine mittlere Laustärke verließ. Seine vokal wenig runde Stimme machte er durch Wahrhaftigkeit und Zerbrechlichkeit wett. Das passte gut zu Shakespeares Bühnenfiguren.

Text: Matthias Corvin
Der Originalartikel erschien am 20.4.2018 in der Kölner Rundschau. Wir bedanken uns für die Abdruck-Genehmigung.

Photo © Elnara Ismailova: Barbara Lutterbeck –
Martin Lindsay: Peter Czajkowski

Zum Konzert vom 18.4.2018
Wiederholung des Konzerts im Rahmen des Bonner Liedsommers am 9.9.2018

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“ – Konzert am 1.5.2018

„Lenz und Liebeswonnen enden – kostet aus die frühe Zeit“

Grundsätzlich ist die Nähe zur tatsächlichen Volksmusik und zum Volkslied wie zu Sagen und Legenden aus der „Heimat“ eine der wichtigsten künstlerischen Inspirationsquellen für Komponisten. Immer wieder schauen bzw. hören Komponisten daher dem Volk „aufs Maul“, woraufhin ein künstlerischer Verarbeitungs- und Auseinandersetzungsprozess einsetzt. Dass auch Beethoven hier ganz tief geschürft hat, zurück zu den Ursprüngen ging und so seine künstlerische Sprache wahrhaft und so berührend werden ließ, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt in Bezug auf sein künstlerisches Gesamtschaffen.

Am 1. Maifeiertag gab es im Bonner Schumannhaus die Gelegenheit, an einer kleinen Europareise teilzunehmen und diesem engen Bezug zur Quelle nachzulauschen: Insgesamt neun junge Musikerinnen und Musiker gestalteten das Auftaktkonzert von Beethoven@home. Die jungen Künstlerinnen und Künstler hatten gemeinsam mit der Ludwig-van-Beethoven-Musikschule Bonn (Eva Wolsing und Beatrix Ebersberg) einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Vormittag zu bieten. Insgesamt erklangen 23 Lieder in acht thematisch und geographisch sortierten Abschnitten, die von fachkundigen wie unterhaltsamen Moderationen und kurzen Gesprächen über die Hintergründe der Lieder verbunden wurden.

Das Volkslied als schöpferische Inspirationsquelle

Die Nähe des Kunstliedes zum Volkslied hat deren Aufführung im häuslichen Rahmen so populär gemacht, dass Beethoven über 170 Bearbeitungen schrieb – aber die Melodien und Geschichten scheinen ihn auch persönlich fasziniert zu haben: Denn er schrieb weiter an Bearbeitungen auch ohne konkreten Auftrag von Verlegerseite und hat sich sicherlich hierzu entschlossen, weil er die künstlerische Inspirationsquelle auch als grundlegend für sein Schaffen empfand. Außerdem fand Beethoven hier die Möglichkeit, kompositorisch so Manches auszuprobieren, das später in „klassischen Werken“ wieder auftaucht.

Die Madeln, die führen uns an der Nase her

Natürlich ging es in den Liedern vor allem um Wein, Weib und Gesang – kleine Geschichten, Szenen und Bilder, mit dem tapferen Ritter, mit klugen Madels oft deftig-schlüpfrig oder auch derb. Die Sänger wurden dabei kontinuierlich von Cello und Klavier begleitet, was klanglich eine schöne Bereicherung war, zumal Johannes Zipfel am Cello nicht nur verlässlicher Partner der Sänger und Pianisten war, sondern ganz maßgeblich an der feinen Gestaltung der Lieder Teil hatte. Die mit dem Sänger korrespondierende Violine spielte zunächst Lotta Nikolayczik.

Die Erzählung des Sängers wurde verstärkt, reflektiert: So mancher Scherz ausgemalt, das Geschehen kommentiert. Auch eine Antwort auf die zahlreichen augenzwinkernden Verführungsversuche gab es. Im zweiten Teil übernahm die Violine noch eigenständigere Rollen: Casper Hesprich übernahm diesen Part im zweiten Teil – klug ausgesucht war die Rolle der Violine hier, setzte der ersten Konzerthälfte noch eins drauf, da der Part so überraschend vielfältiger angelegt war als im ersten Teil. Alles klang plötzlich neu: Bordunklänge, virtuose Girlanden und Sprünge oder längere Vor- und Nachspiele zeigten, welche kammermusikalische Vielfalt im Volkslied-Ausdruck steckt.

Wer solche Buama afipackt

Zunächst gab es „alpine“ Stilbilder aus der Schweiz und dem Tirol. In mehreren Liedern wie dem Lied „Wegen meiner bleib d’Fräula“ wurde die Verbindung zum Volksstück unmittelbar: Diese Bearbeitung hat auch bei Wenzel Müller als Arie des Hausmeisters in das „Das NeuSonntagskind“ seinen Platz, kein Einzelfall – finden sich auch bei Nestroy und Haibels in deren Bühnenwerken Volksliedvertonungen, die als Volksliedbearbeitung in den heimischen Salon transportiert wurden, damit die Fan-Gemeinde sie hier nachempfinden konnte, indem sie sie selbst im häuslichen Rahmen erneut musizierte.

Das lautmalerische Lokalkolorit aus Tirol gestaltete die Sopranistin Katharina Diegritz beispielsweise im Lied „Wann i in der Früh aufsteh‘“ mit bezaubernder, augenzwinkernder Schauspielerei. So entstand aus dem schwungvoll mit Bravour gesungenen virtuosen Lied eine bildhaft angedeutete schmissige Szenerie. Denn viele Lieder sind gespickt mit einer Anspielung nach der nächsten: Kleine lustige Schweinereien fanden ihr Bild in der einfachen Natur und der Arbeit auf dem Lande. So wurde aus dem Almauftrieb ein Vorwand, mit der Schwägerin gemeinsam „die Kühe zu hüten“ – ein mit „naiven“ Anspielungen gespicktes Lied darüber, was der Schwager und die Schwägerin so alles auf der Alm zu tun haben. Der Refrain „ei, ai, eia“ ließ zu zahlreichen persönlichen Fortspinnungen im Kopf des Besuchers Platz. Überhaupt ging es im ersten Teil vor allem um die Liebe, um emanzipierte Madel und alte Schachteln, den depperten Tyroler Bua und den talkerter Jodel und entsprechend aufgelockert war die Stimmung im Saal.

Lasst im Wein uns den Gram ertränken!

Ganz neue Töne erklangen im mittleren Programmteil mit „Oj, oj upilem sie w karczmie“. Die Bordunklänge, das Drehen der Leier stellen die Instrumente prinzipiell nicht nur klanglich mehr in den Vordergrund – insbesondere, da Beethoven hier eine holprige deutsche Übersetzung vertont hat.

Umso erstaunlicher, dass auch Lieder, bei denen Beethoven zum Teil nur Melodien und keine Originaltexte zur Verfügung standen, passgenaue Originalität und Stimmigkeit auch in der Wahl der Inhalte haben. Die Holprigkeit, die falsche Betonungen und sich gegen die Melodie sperrende Worte teils skurril anhäufte, überwand der Bariton Benjamin Hewat-Craw galant. Wie bereits in den beiden Liedern, die der Bariton zu Anfang der Matinée sang, gestaltete er gemeinsam mit der Mezzosopranistin auch das „Kosakenlied“ in feinster Manier.

„Was ist authentisch?“

Hier erklang – eben wie erwartet – elegisches Moll: Ein längeres Vor- wie Nachspiel imaginiert ein romantisiertes Bild am Ufer der Wolga mit pizzicato-Tupfern im Cello, unmittelbar sitzt man mit den beiden Ausführenden in der Runde … und lauscht wiederum deren Gespräch über Sehnsucht und die Liebe. Die erzählende Geige (Casper Hesprich) malt die das Gespräch begleitenden Gedanken hier anmutig wie elegisch aus. Erstaunlich wie aktuell manches Parlando-Moll klang, dem die Mezzosopranistin Lea Müller zuvor in zwei russischen Volksliedern folgte – an unserem Klischée was die Erwartungen an das „Lokalkolorit“ betrifft, scheint sich jedenfalls in den letzten zweihundert Jahren nicht so viel geändert zu haben, sonst wären weder Künstler noch Publikum so nah und begeistert am Ball geblieben.

Auch die zahlreichen Duette, die sich in der Matinée verstreuten, trugen klanglich dazu bei, mit ihren verschiedenen Varianten den Morgen zu bereichern. Es kam zu immer neuen Stimm-Kombinationen und natürlich bot jedes Volkslied auch eine kleine Szenerie, die sich belebte durch die „Gespräche“ der Protagonisten.

Traumhafte Welt

Bevor es mit Liedern aus Spanien, Italien und Ungarn weniger elegisch wurde, tat sich im schwedischen Wiegenlied „Lilla Carl“ vor allem in den Doppelgriffen und kommentierenden Sprüngen zum Bordun eine traumhafte Welt auf: Schön gestaltete Lea Müller diesen ruhigen Fluss.

Konsequent entführte Eike Kutsche mit der Cellistin Sue Schlotte nun in die Obertonwelt. Hier fand die Matinée ihren künstlerischen Ruhe- und Angelpunkt, begab sich für einen kostbaren Moment auf die „andere Seite“, hielt inne. Die authentische Spiritualität versetzte die Lauschenden so in eine Klanginsel, die gerade deshalb in der Überhöhung der Volksmusik und dem alltäglichen Singen der Menschen sehr nahe ist. Daher erfuhr die anwesende Gemeinschaft hier klanglich jenes Eins-Sein aller Menschen – eine wichtige Verbindung allen gemeinschaftlichen Mensch-Seins und somit dessen, was das Volkslied unterschwellig vermittelt: Den Grund, warum uns auch die Beethoven’schen Volkslieder nach zweihundert Jahren noch so tief berühren, konnte man nun verstehen.

Una paloma blanca

Zur südeuropäischen Atmosphäre passend hatte auch der Tenor Nico Heinrich hörbar und sichtlich Spaß am Gestalten des spanischen Piraten-Tiranilla oder dem doppeldeutigen, kurzen russischen Lied über die Mädchen, die ganz viele „Beeren“ im Wald finden, in der Menge dargestellt von einer geschäftig plappernden Violine, deren „Wortschwall“ das kurze Lied eigentlich sprengt. Fein und schlank gestaltet, gelang ihm im ungarischen Weinlied „Edes Kinos emlekezet“ die schwungvolle Wende in die Zielgerade der Matinée, die die neun Künstlerinnen und Künstler mit einer schwungvollen Zugabe würzten.

Vertiefen konnte der Zuhörer sein Wissen bei den fachkundigen Gesprächsteilnehmern von Dr. Solveig Palm, die auch nach dem Konzert zu anregenden Gesprächen zur Verfügung standen.

Text: Sabine Krasemann
Photo © KLINK ART, Joachim Müller-Klink

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Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert – Konzert am 20.4.2018

Im Salon mit Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert

Liederabend mit Soetkin Elbers und Ulrich Eisenlohr am 20.4.2018

Wie ein Liederabend im gutbürgerlichen Salon geklungen haben mag können, sich die Besucher des Liederabends am 20. April 2018 im Konzertsaal der Hochschule in Aachen klanglich nun sehr gut vorstellen. Prof. Ulrich Eisenlohr stellte den Nachbau eines Fortepiano nach Johann Fritz (Wien, 1825) gleich zu Beginn vor und verwies auf ein paar klangliche Besonderheiten. Wie viele differenzierte Möglichkeiten sich dem Pianisten um 1800 mit der Erfindung des Hammerklaviers boten, gab dem Abend eine ganz besondere Atmosphäre. Dies war nicht zuletzt deutlich hörbar an allen Stellen, an denen mittels des zusätzlichen – vierten – Pedals eine ganz spezielle, „gedimmte“ Empfindung herbeigezaubert wurde: Der „Moderator“ ermöglicht einen Klangeffekt ähnlich dem der Dämpfer bei Streichinstrumenten. Auch schick anzusehen: das Nussbaum-Furnier mit Schellack-Handpolitur (mehr über den Instrumentenbauer Michael Walker).

Mit den Komponisten Haydn, Beethoven, Salieri und Schubert bekam der Flügel ein zeitgemäßes Klangkonzept angeboten. Schon bei den „Original Canzonettas“ Haydns ließen die in den Einleitungen entstehenden Stimmungsbilder, die Ulrich Eisenlohr mit dem Klavier ausleuchtete, der Sopranistin Soetkin Elbers viel gestalterische Flexibilität, so dass es eine große Freude war, den Liedern zu folgen.

Ein „Pianisten-Angebot“, das die Sängerin souverän, und mit viel Freude an den sensiblen Details, den ganzen Abend über annahm und das vielleicht in den Beethoven-Liedern am deutlichsten wurde: Ist doch ein „Ich denke dein…“-Andenken auf einem modernen Instrument kaum klangschön realisierbar, da statt graziler Akkorde wuchtige Klangbatterien die Interpreten schnell vor ein unlösbares Instrumenten-Problem stellen. In der dargebotenen Zartheit des sängerischen Ausdrucks, der dynamischen Flexibilität des Duos und der klanglichen Durchsichtigkeit im massiven Klavierpart waren die Beethoven-Lieder ein echter Hin-Lauscher. Niemand im Saal hat sicherlich die polternden Bässe eines modernen Klaviers vermisst, an deren Stelle nun massive Kulminationen erklangen.

Antonio Salieri eröffnete mit zwei „Divertimenti Vocali“ die zweite Konzerthälfte, zwei Lieder „für zu Hause“ von ausgesprochen schöner Galanterie. Mit „Drei deutsche Lieder“ verwies das Duo Elbers / Eisenlohr auch dezent darauf, dass der Kosmopolit Salieri Schubert unterwiesen hatte – und so schlossen die vier Schubert-Lieder nahtlos an. Schon nach dem ersten Lied – Ellens erster Gesang nach Walter Scott – gab es für die Sängerin Szenenapplaus für die packende Darstellung.

Konzeptionell klug gewählt verstand es Soetkin Elbers, die Imagination der Lieder auch hier mit schlüssiger Gestik zu unterstreichen. Kein Wunder, dass das Publikum eine Zugabe einforderte und mit einer zweiten „Forelle“ belohnt wurde.

Konzert am 20.4.2018

Text + Photo © Sabine Krasemann

Bukowskis Kunstlieder

Bukowskis Kunstlieder

„Der etwas andere Liederabend“ im Domforum mit den Netzwerk-Mitgliedern Anna Herbst (Sopran), Christoph Maria Wagner (Komposition & Klavier) sowie Peter Paul (Bariton),Ralf Soiron und Stefan Thomas (Komposition & Klavier)

„… Während auf der Domplatte noch zahlreiche Touristen den milden Frühlingsabend genießen, kann das Programm beginnen. … Das Publikum genießt Humor, Dramatik, Gefühl und die sehr intensive Auseinandersetzung sowohl der Komponisten als auch der Sänger mit dem Material, die in jedem Lied spürbar wird.

Schaute man in die Tiefe  der Kompositionen, gäbe es sicher den einen oder anderen Diskussionsbedarf. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Vorerst darf das Publikum dankbar sein, solche Abende überhaupt zu erleben.“  =>> weiterlesen bei O-Ton

zum Konzert

© Text: Michael S. Zerban
Photo © O-Ton

Beauty is life

Beauty is life – Liederabend Scholl / Halperin am 15.4.2018

Andreas Scholl und Tamar Halperin luden zu einem ausgefeilten, vielschichtigen Liederabend-Erlebnis in die Kölner Philharmonie ein, das klar in Konzeption und Aussage war, aber jedem Hörer auch Raum zur eigenen Reflexion ließ.

Formal war jeder kunstvolle Block geschlossen: Die Konzeption drang so tief in die Gesamtanlage der einzelnen „Akte“ ein. Aufeinanderfolgende Lieder und Klaviersolo-Werke schlossen auch in den Tonarten nahtlos aneinander an. So wurden Nachspiele zu Vorspielen: Unmerklich blieb ein Ton liegen und so kamen jeweils in sich geschlossene Einheiten zustande, die das Publikum ausnahmslos in ihren Bann zogen.

Der gesamte Liederabend gestaltete sich durch klug aufeinanderfolgende Aspekte so, dass die Spannung unmerklich den Abend vorantrieb. Hier konnte jeder Zuhörer seine eigene Geschichte anhand der vielen Symbole, Kleinode und angedeuteten Szenerien entwickeln und sich auf seine persönliche Reise begeben. Andreas Scholl und Tamar Halperin vermittelten mit souveräner Gestaltung und kongenialem gegenseitigem Verständnis ihre Kunst als Duo.

Eine weite Landschaft entstand zu Beginn des Abends vor dem inneren Auge. Zunehmend verdichtete sich diese, Szenen, Bilder, Ereignisse, Symbole blitzten auf. Auch wurde das Geschehen unversehens dichter durch das immer mehr beredt die Spannungspausen füllende Klavier. Aber erst in dem Lied „Wo der Goldregen steht“ von Alban Berg findet sich auch im Text die Verbindung von Sänger und Pianistin wieder: „Eh‘ wir weitergehen“.

Cages jazzige Soliloquy war Start in eine ganz neue Klangwelt und wurde psychologisch ganz richtig mit Copelands „I bought me a cat“ locker und witzig fortgesetzt. Sie waren gekrönt von Heiterkeit auslösenden artistischen Kulminationen von Tierlauten, die Scholl mit  Witz und Schwung zelebrierte – ehe Cages „Jazz Study“ endgültig den Rahmen des üblichen Liederabend-Repertoires gekonnt sprengte: Eine geschickte Korrespondenz aus Soliloquy heraus, die die stilistische Spannweite im Klavier und die Rolle als verbindendes wie das Konzept vorantreibendes Element verblüffend veranschaulichte – und irgendwo eine Verselbständigung der musikalischen Fortsetzung aus dem Konzept heraus.

Beauty is life – mit diesem lebensbejahenden Statement von Tawadros / McMahon schickte das Duo das Publikum in die Pause.

In a Landscape

Was soll nach dem „Vater unser“ von Pärt noch kommen, so die Frage nach der Pause beim Staunen über so viel Mut zu gestalterisch Offenem, das tief bewegte. Und natürlich fand das Duo Scholl / Halperin auch hier die richtige Antwort: etwas volksliedhaft-einfaches muss es sein! Also „Greensleeves“ von Britten. Unversehens lauschend wurde schließlich klar, nun ist schon das dritte Lied nach dem Vater unser gekommen und immer noch hallten die Korrespondenzen weiter nach und sponnen sich die Fäden weiter.

Da hilft eine gemeinsame Meditation mit Tamar Halperin! Zwei kürzere meditative Inseln mit Cage-Klavierwerken gab es schon in der ersten Hälfte, aber die Stille und Besinnung, die die Pianistin hier mit Cages „In a landscape“ zauberte, fesselte das Publikum so, dass dieses regelrecht die Luft anhielt. Andreas Scholl gestaltete souverän auch die Feinheiten, aber spätestens mit diesem Cage-Coup macht sich die Pianistin zum eigentlichen Star des Abends, war sie doch stets als wahrhaft ebenbürtige Partnerin Korrespondentin, treibende Kraft, reflektierendes Moment, durch das die Kunst Scholls einen wunderbaren Widerpart hatte. Die gegenseitige musikalische Vertrautheit konnte im permanenten Wechselspiel stets beobachtet werden.

Das begeisterte Publikum erklatschte sich zwei Zugaben: Mit “Shir Eres” von Sasha Argov gefolgt von “Lullaby” von Billy Joel ging es bereichert heim.

Text: Sabine Krasemann

Photo ©:
Andreas Scholl: BR-Klassik
Tamar Halperin: Gregor Hohenberg
Duo: Die Rechte konnten leider nicht geklärt werden.

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

Frau Danz, Sie haben sich – im Gegensatz zu so Vielen, die sich gern „Mezzosopran“ nennen – immer ausdrücklich als Altistin bezeichnet und speziell das tiefe Register kultiviert…

Diese Stimmlage habe ich immer gern gehabt und sie hat mir nie Probleme bereitet, vielleicht auch deswegen, weil ich keine Opern singe, wo es die vielen „Zwischenfach“-Rollen gibt. Im Bereich von Oratorium und Lied sind die Lagen ja viel deutlicher voneinander getrennt, und meine Stimme ist eben eine Altstimme, was nicht heißt, dass es mir nicht möglich wäre, dort, wo es eine Partie erfordert, auch weiter in die Höhe zu gehen. Aber ich fühle mich in meinem Fach sehr wohl und hege keinerlei Ambitionen, darüber hinaus zu gehen.

Nun gibt es ja – man denke etwa an die Bach-Passionen und Vieles andere mehr – im Altfach auch ganz herrliche Sachen, und beim Liedgesang hat man außerdem noch die Möglichkeit zum Transponieren, wenn die Original-Tonart vielleicht zu hoch oder zu tief liegt. Wie sind Sie denn im Grunde zum Singen als Beruf gekommen?

Ich habe schon früh in Schulchören mitgesungen, auch im Kirchenchor, und zunächst Schulmusik studiert und mit Hauptfach Klavier meinen Abschluss gemacht…

… sozusagen als „Rückversicherung“?

Zu Beginn meines Studiums hatte ich nicht in Erwägung gezogen, Sängerin zu werden; ich wollte gerne Schulmusikerin sein. Mein Hauptfach war damals das Klavier: Ich habe es sehr genossen, intensiven Klavierunterricht zu haben und außerdem in allen anderen relevanten Fächern unterrichtet zu werden: Chorleitung, Orchesterleitung, Gehörbildung, Theorie, Pädagogik. Um dieses Studium bin ich sehr froh, zumal mir das Klavierspiel sehr bei der Vorbereitung von Programmen hilft.

Zur Zeit bereite ich mich auf den Dortmunder Schubert-Wettbewerb vor, der abwechselnd für Klavier und Lied-Duo ausgeschrieben wird und deren künstlerische Leiterin ich in der Nachfolge von Irwin Gage geworden bin, und stelle das Wettbewerbsprogramm für die Teilnehmer zusammen. Dafür habe ich mir sämtliche Schubert-Lieder durchgesehen und -gespielt, und das sind über 700. Jedes einzelne Lied ist großartig und eigensinnig, und das ist wirklich erstaunlich und faszinierend; „schwache“ Lieder finden wir bei Schubert nicht. Ich finde, wir Wettbewerbsausrichter haben eine große moralische und pädagogische Verantwortung gegenüber den Teilnehmern eines solchen Wettbewerbs, und wir legen allen ans Herz – auch denen, die keine Auszeichnung erhalten haben -, sich mit uns über ihre Leistungen noch einmal auszutauschen, sei es im persönlichen Gespräch oder auch per e-Mail.

Stichwort „Wettbewerb“: Sie sind ja auch als gefragte Gesangspädagogin tätig. Wie schätzen Sie diesen Arbeitsbereich für sich ein?

Ich unterrichte wirklich leidenschaftlich gern. Jungen, talentierten Menschen meine Erfahrungen und Kenntnisse weiter zu geben ist eine der schönsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann.

Unterrichten Sie auch an einer Hochschule?

Nein; ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen, und deshalb unterrichte ich nur Privatschüler, vom jungen Sänger bis zum im Beruf stehenden Kollegen, der Rat sucht bei Problemen oder einfach eine fachliche Kontrolle seiner stimmlichen Leistungen haben möchte. Zu diesem Zweck habe ich vor einiger Zeit einen wunderbaren Saal im Süden von Köln angemietet, der gut erreichbar ist, und da können wir intensiv arbeiten.

Das macht ja neugierig – wir werden gerne bei Ihnen bei Gelegenheit vorbeuschauen und den Ort kennenlernen… Nun aber zu ihrer eigenen Tätigkeit als Sängerin: Wie sieht es etwa mit dem Repertoire aus; haben Sie da bestimmte Schwerpunkte?

Nun, die ergeben sich aus den Anfragen durch die Veranstalter, doch lege ich großen Wert auf ein breites Spektrum, von der Renaissancemusik bis hin zu zeitgenössischer Musik. Aber es gibt schon besonders schöne Partien, die mir sehr am Herzen liegen; zuletzt habe ich in Berlin im „Stabat Mater“ von Dvořák die Altpartie gesungen. Oder die Alt-Rhapsodie von Brahms – das sind herrliche Werke.

Ich bin aber auch sehr offen für weniger Bekanntes und es ist mir ein Anliegen, mich dafür einzusetzen, wenn ich von dem Wert überzeugt bin. So habe ich eine CD mit Liedern von Felix Draeseke aufgenommen und eine weitere mit Liedern der kroatischen Komponistin Dora Pejacevic, die man jetzt, etwa hundert Jahre nach ihrem frühen Tod, mehr und mehr „wiederentdeckt“.

Wie sieht es denn aus bei neuer Musik?

Die zeitgenössische Musik interessiert mich sehr. Ich habe des öfteren schon Uraufführungen gesungen, und einige Komponisten haben mir eigens Werke, wie man sagt, „auf den Leib“ geschrieben, oder doch besser „in die Kehle“, und ich mache das immer sehr gern, auch weil man sich mit den Komponisten noch persönlich über spezielle Aspekte der Interpretation austauschen und dann auch sicher sein kann, ihren Absichten so nahe wie möglich zu kommen.

Können Sie da ein paar Namen nennen?

Ich denke da besonders an Wolfgang Rihm oder den in Bochum lebenden Stefan Heucke. Mein Mann Peter Stein, der Geige und Bratsche spielt, ist oft auch mit eingebunden. Der in Kalifornien ansässige Peter Knell hat für uns sehr interessante und schöne Gedichtvertonungen geschrieben.

An solchen schönen Kompositionen, die Ihnen beiden „auf den Leib“ geschrieben wurden hatten wir ja im Februar bei „Im wachsenden Ringen“ schon unsere Freude!

Es wird immer wiederholt, „man“ beklaet ein immer schwächer werdendes Interesse am Kunstlied. Wie sehen Sie die Situation?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Wertschätzung für das Lied beim Publikum nachlässt, aber es gibt ja leider die Tendenz, dass schon in den ersten Schulklassen kaum mehr gesungen wird. Und wo soll das Interesse bei den Heranwachsenden herkommen, wenn sie überhaupt nicht an diese schönen Dinge heran geführt werden? Hier müsste man vor allem ansetzen.

Sie fühlen sich also selber im heutigen Musikleben recht gut aufgehoben?

Durchaus, aber wir müssen natürlich auch lebendige und aktuelle Möglichkeiten und Formate für die Zukunft finden, und da ist es sehr wichtig, auch neue Methoden und Wege der Vermittlung zu nutzen. Deshalb halte ich auch eine Initiative wie die „Liedwelt Rheinland“ für äußerst wertvoll, um die Kräfte und Informationen zu bündeln und alle Chancen zu nutzen, dem Kunstlied einen dauerhaften Platz im Musikleben zu erhalten.

Die Freude beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Wir als Netzwerk existieren schließlich nur, weil sich so viele kompetente Künstler im Rheinland finden. Frau Danz, worauf dürfen Sie sich denn als nächstes Projekt, in dem Sie mitwirken freuen?

Bald geht es Richtung Osten, wo ich bei einer Matthäus Passion im Moskauer Konservatorium mitwirken werde, die von Enoch zu Guttenberg mit seinen Ensembles dort aufgeführt wird.

Das klingt wieder einmal nach spannenden Begegnungen! Wir bleiben am Ball!

Das Gespräch hat Gunter Duvenbeck in Köln am 21. März 2018 geführt.
Photo © Ingeborg Danz | privat
CD-Covers: Rechte bei den Labels

Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln