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Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Sie bezeichnen sich als „singenden Komponisten und komponierenden Sänger“. Was überwiegt und inwiefern beeinflussen sich beide Tätigkeiten?
Das ist schwer zu sagen, es ist „mal so, mal so“ … Ich möchte beide Tätigkeiten nicht missen. Als Komponist sitzt man viel am Schreibtisch, droht ein wenig zu vereinsamen. Als Sänger macht es mir große Freude, mit Kolleginnen und Kollegen zu musizieren. Ich glaube auch, dass es für einen Komponisten nur von Vorteil sein kann, auch die „andere Seite“ zu kennen.

Wie war Ihr Weg zum Gesang?  War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?
Ich habe schon als Kind gerne gesungen, beispielsweise im Kinderchor. Nach dem frühen Stimmbruch habe ich dann gleich Gesangunterricht genommen: der Weg war also sehr direkt.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme beziehungsweise dafür zu komponieren?
Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument, schon bevor der Mensch Instrumente gebaut hat, wurde musiziert – mit der Stimme! Mich reizt die große Schönheit der Stimme, wie wir sie aus der traditionellen abendländischen Kunstmusik kennen; mich reizen aber ebenso die vielen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Stimme sonst noch bietet. Darüber hinaus habe ich als Sänger wie als Komponist immer wieder mit vielen wunderbaren, ganz unterschiedlichen Texten verschiedener Sprachen und Epochen zu tun.

Schreiben viele moderne Komponisten nicht zu viel gegen die Stimme? Fehlt ihnen unter Umständen die sängerische Sozialisation, wie sie zum Beispiel viele britische Komponisten durch Knabenchöre erfahren haben?
Es ist sicherlich so, dass viele Komponisten wenig mit dem „Instrument Stimme“ anfangen können, das habe ich auch als Sänger, der viel Neue Musik singt immer wieder erleben müssen. Was aber genau heißt „gegen die Stimme“ schreiben? Das ist ein weites Feld… Ich glaube zum Beispiel nicht, dass alles, was sich auch nur ein Stückchen weit vom Belcanto-Gesang entfernt, schädlich für die Stimme ist. Da fehlt auch oft die Bereitschaft der Sänger, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Viele der gesungenen Liedtexte wirken heutzutage gestelzt und manieriert, sie werden gerade von jungen Menschen immer weniger verstanden. Wie kann man ihnen diese Texte näherbringen und verständlich machen?
Das ist in der Tat eine sehr berechtigte, schwer zu beantwortende Frage. Das erste Problem sehe ich in der Bildung: junge Menschen werden – etwa in der Schule, aber auch im Elternhaus – einfach zu wenig mit den traditionellen Texten und Liedern konfrontiert, da fällt es dann später auch schwerer, sich darauf einzulassen. Ich glaube, dass der klassische Liederabend durchaus noch seine Berechtigung hat. Man sollte aber auch versuchen neue Wege zu gehen, besondere Programme zu kreieren, die zum Beispiel alte mit neuen Texten thematisch klug kombinieren. Auch Konzertabende, in welchen instrumentale Kammermusik und/oder Lesungen sich mit Liedvorträgen sinnvoll abwechseln, können sehr spannend sein.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern auf dem Markt durchzusetzen? Bilden Musikhochschule eventuell nicht zu viele Sänger aus?
Das ist sicherlich nicht ganz falsch. Allerdings gibt es Fächer, wo das Missverhältnis von Beschäftigungsmöglichkeiten und Anzahl der Studienabsolventen noch krasser ist, denken sie etwa an Pianisten! Für Sänger gibt es doch noch vergleichsweise viele Arbeitsmöglichkeiten: in Rundfunk- und Opernchören, als Opernsolisten, Konzertsänger, Gesanglehrer. Und: wenn man die künstlerische Ausbildung nur noch allein am „Markt“ ausrichtet, ist das der Anfang vom Ende.

Welche Konzerte und Projekte stehen aktuell an? Auf welches freuen Sie sich besonders?
Ende September 2018 kommt es in Düsseldorf zur Uraufführung meines neuen Werkes „Wasser-Bilder“. Im November reise ich für einige Tage zum Festival Timsonia in Temeswar in Rumänien. Dort werde ich als Sänger und Komponist präsent sein und auch einen kleinen Meisterkurs für Schubertlieder geben. Ich mache das nicht aller Tage und freue mich sehr darauf…

Wieviel Prozent Ihrer Arbeitszeit geht fürs Üben und Konzertieren drauf, wieviel fürs Organisieren? Wieviel fürs Komponieren?
Das lässt sich kaum beziffern, variiert auch stark, je nachdem was gerade ansteht. Um sängerisch fit zu bleiben, ist aber auf jeden Fall das tägliche Training wichtig, genau wie bei einem Sportler. Und: als Freiberufler ist die Zeit, die für Planungen und Organisationsarbeit drauf geht nicht zu unterschätzen…

Sind Sänger wirklich solche mimosenhaften Sensibelchen, als die sie oft verschrien sind? Warum haben sie diesen Ruf?
Ich glaube, das ist ein Stück weit Klischee. Aber natürlich wird das Klischee von einzelnen Personen immer wieder bedient, meiner Erfahrung nach aber äußerst selten.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?
Manchmal schon, besonders, wenn man wie ich, was Erkältungen, Allergien und dergleichen angeht, nicht ganz unempfindlich ist…

Das Gespräch führte Guido Krawinkel im August 2018.
Photo © Martin Wistinghausen

Bilder über persönliche Sehnsuchtsorte – Interview mit Tobias Krampen

Bilder über persöhnliche Sehnsuchtsorte – Interview mit Tobias Krampen

Die Konzerte im September in Bonn, bei denen Sie mit Elena Marangou die CD „Into a Children`s Room“ mit Liedern unterschiedlicher Komponisten aus unterschiedlichen Kulturen vorstellen, sind ein schöner Anlass, mit Ihnen, Herr Krampen, ins Gespräch zu kommen über Ihre musikalische Arbeit. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit mit Frau Marangou gekommen??

Das Programm ist größtenteils von Elena Marangou ausgewählt und zusammengestellt worden. Die Zusammenarbeit mit ihr begann ursprünglich im Rahmen von privaten Korrepetitionsstunden. Es ist großartig, welche unterschiedlichen Stile, Sprachen und Inhalte Elena in dieser abwechslungsreichen Einspielung zusammengestellt hat und die Arbeit an den Werken war auch eine Bereicherung für mein Repertoire als Begleiter.

Insgesamt erscheint einem als Außenstehendem die Arbeit eines Liedpianisten als große Herausforderung. Die Musikliteratur besteht ja nicht nur aus Schuberts Liedzyklen und anderen Klassikern, sondern, wie ja auch die CD zeigt, aus einer Unzahl an zu hebenden Schätzen.?

Darin liegt für mich seit langer Zeit schon die große Faszination meiner Arbeit. Ich habe schon als Jugendlicher Sprache und literarische Texte geliebt und das Lesen ist neben der Musik eine weitere Leidenschaft in meinem Leben.

Das klingt, als habe die Liedbegleitung und die Kammermusik für Sie bereits früh in der beruflichen Laufbahn zum Programm gehört??

Nur teilweise. Zwar gab es zu Hause früher auch gemeinsames Spiel mit meinem Bruder, der Geiger ist, aber ursprünglich habe ich das Studium zum Konzertpianisten abgeschlossen. Während des Studiums in Hannover gab es eigentlich nur wenige Berührungspunkte zur Liedgestaltung. Es ist eher so, dass ich weit weg von Deutschland meine besondere Neigung zum Lied entdeckt habe: Im Aufbaustudium an der McGill University in Montréal nahm ich an einem studienbegleitenden Zusatzangebot in “Song Interpretation“ teil. Ich lernte das europäische Liedgut also in Kanada neu kennen.

Die Besonderheit der menschlichen Stimme berührt mich stark

Seit dieser Zeit schätze ich die künstlerisch bereichernde Arbeit und die Möglichkeiten, die diese gerade mit Sängerinnen und Sängern birgt. Es ist nicht nur die Zeit, die man mit Proben und Meisterkursen gemeinsam verbringt, sondern auch die, welche außerhalb der künstlerischen Arbeit, zum Beispiel beim Essen oder auf Reisen in anregenden Gesprächen miteinander verbracht wird. Hier ist es gerade bei der Liedgestaltung zwischen Sängern und Pianisten möglich, etwas ganz Besonderes und Individuelles zu entwickeln. Und es gefällt mir, meine fachlichen Möglichkeiten als Pianist in diese Arbeit mit einzubringen. Ich mag es, das Geschehen auf der Bühne mitzugestalten und zu steuern.

Es ist schön, ausgehend von der genauen Kenntnis der Liedliteratur den sängerischen Kollegen in seiner Arbeit auf diese Weise zu unterstützen. Manchmal geht das so weit, dass ich mit dem Einatmen des Sängers schon antizipieren kann, wie der Ton klingen wird. Die Besonderheit der menschlichen Stimme berührt mich stark und die große Individualität und Bandbreite meiner sängerischen Kollegen ist es, was ich an der Arbeit als Liedpianist so liebe.

Wie ist das möglich, wenn man bedenkt, dass alleine das Liedgut von Schubert circa 700 Werke umfasst??

In diesem Zusammenhang ist meine Liebe zu Literatur, Gedichten und Texten eine große Hilfe. Ich mag es, die jeweilige Liedliteratur so weit durchgearbeitet zu haben, dass bei der Zusammenarbeit mit den Sängern direkt der gestalterische Aspekt in den Vordergrund rücken kann, damit ich mit meiner Erfahrung und Notenkenntnis den sängerischen Partner bestmöglich unterstützen kann.

Geben Sie diese in jahrelanger Zusammenarbeit zum Beispiel mit Christoph Pohl und Ingeborg Danz gesammelten Erfahrungen auch weiter??

Im Rahmen meines Lehrauftrages an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz unterrichte ich Liedgestaltung für Sängerinnen und Sänger. Zum Teil kommen diese mit ihren jeweiligen Pianisten in den Einzelunterricht, sodass ich auch Duos in ihrer Arbeit betreuen kann. Ein besonderes Anliegen ist es mir hierbei, die Künstler in ihrer Individualität zu bestärken. Die jungen Künstler sind handwerklich hochqualifiziert und motiviert, jedoch durch den Anforderungen des Studiums mit der großen Bedeutung des Erwerbs von Scheinen und Credits in ihren Entfaltungsmöglichkeiten oft gebremst. Hier liegt eine besondere Chance der Beschäftigung mit dem Liedgut. Das Lied ist insgesamt eine leisere Kunstform im Vergleich zum Auftritt des Sängers auf großen Opernbühnen. Die ganz intime und feine Arbeit mit den Texten gibt den Künstlern die Möglichkeit, eine Brücke zu ihrer ganz persönlichen Kreativität als Sänger oder Pianist zu schlagen.

Wie können wir uns das vorstellen??

Es geht darum, die auf den ersten Blick teilweise altmodisch wirkenden Texte zum Beispiel der romantischen Literatur, weltbekannte Texte wie den „Lindenbaum“ oder das „Gretchen am Spinnrad“, für sich als Künstler in ihrem Bedeutungsgehalt neu zu deuten. Es sind ja zunächst Gedichte, die Komponisten seinerzeit so tief berührt haben, dass sie diese zum Anlass genommen haben, wunderbare, zeitlose Musik zu erschaffen, deren Notentext für sich genommen bereits ein Kunstwerk und schon eine individuelle Interpretation des Textes ist. Und aus dieser einzigartigen Verschmelzung zweier Kunstgattungen können wir schöpfen.

Abseits von einer eher aus der Tradition der „Meisterlehre“ stammenden Liedinterpretation, besteht ja die Möglichkeit, den Symbolgehalt der Textbilder in Verbindung mit der Komposition neu für sich als Künstler zu entdecken und für die persönliche Interpretation zu nutzen. Ich arbeite mit den Sängern und Pianisten sehr viel am Text, rege dazu an, diesen zunächst individuell für sich und auf sich wirken zu lassen:

Wofür steht beispielsweise die Zeile „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“? In einem assoziativen Prozess entwickeln sich so Bilder über persönliche Sehnsuchtsorte, die auch mit der Biographie des jeweiligen Künstlers zusammenhängen. Ausgehend davon ist es möglich, die bei guten Texten immanente universelle Symbolik zu erkennen und dann hörbar zu machen. Es ist so, dass es ja trotz kultureller Unterschiede der Studierenden, die ich unterrichte, im Eigentlichen um das Sichtbarmachen allgemeingültiger emotionaler Inhalte geht.

Das Lied als Brücke zur künstlerischen Infividualität

Und hier kann das Lied in besonderer Weise Brücken bauen zur künstlerischen Individualität. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Technik sehr gut funktioniert. Die Ergebnisse überzeugen dabei umso mehr, je mehr es dem Dozenten gelingt, die eigene Wertung in Bezug auf ein Lied und das Einbringen einer direktiv wirkenden Stellungnahme möglichst zurückzufahren und in der Rolle des Beobachters, Prozessbegleiters und Moderators zu bleiben.

Das künstlerische Ergebnis wird mit dieser Herangehensweise in einem ganzheitlichen Gestaltungsprozess erarbeitet, im Unterschied zu einer Korrektur einzelner Bereiche eines Stückes. In dieser Arbeit wird nicht nur die Eigenständigkeit der Interpreten unterstützt, sondern es gelingt oft auch, in einer gewissermaßen kulturell übergreifenden archetypischen Deutung der Textsymbolik, das Liedverständnis zu vertiefen, egal aus welchem kulturellen Hintergrund die jeweiligen Künstler stammen. In diesem Sinne wird die Liedinterpretation authentisch und individuell, was sie dann von einer eher nostalgisch und musealen Herangehensweise unterscheidet.

Vor einigen Wochen haben Sie ja auch einen Vortrag über diese von der tiefenpsychologischen Arbeit inspirierten Herangehensweise in der Liedinterpretation gehalten, beim 2018er Festival „Luft und Raum“ in Bonn.?

Ja, ich bin sehr glücklich über die Möglichkeit, jetzt schon über mehrere Jahre das Wachsen des Kunstraums Zentrifuge in Bonn miterleben und mit gestalten zu können. Ausgehend von den Räumlichkeiten des ehemaligen Testgeländes für Schwerelosigkeit im All des Instituts für Luft- und Raumfahrt in Bonn hat sich dort ein Zentrum für Kulturschaffende entwickelt, welches ein wertvoller noch wachsender Kunstraum ist. So konnten Ingeborg Danz, Peter Stein und ich gemeinsam mit anderen Künstlern dort im vergangenen Mai ein abwechslungsreiches Programm anbieten mit Meisterkursen für Liedinterpretation und Kammermusik, verschiedenen Vorträgen über den tiefenpsychologischen Gehalt des europäischen Liedgutes aber auch über eher physikalisch inspirierte Themen der Kunst. Nicht zu vergessen der Origamiworkshop mit dem Geiger und Origami-Künstler Peter Stein…

…es ist also ein künstlerisch sehr abwechslungsreicher Rahmen dort??

Ja, und ich freue mich jetzt schon auf die fünfte Auflage des Festivals, das 2019 vom 4. bis zum 9. Juni stattfinden wird!

Worauf freuen Sie sich noch in den nächsten Monaten??

Zunächst freue ich mich über ein paar freie Tage in den Sommerferien. Dann geht es aber auch direkt weiter mit Meisterkursen für Liedinterpretation in Arosa und in Essen, die Ingeborg Danz und ich schon seit vielen Jahren regelmäßig geben. Anschließend kann ich mit Elena Marangou die CD in mehreren Konzerten im Rahmen des Liedsommers vorstellen.

Und dann freue ich mich, in der Saison 2018/19 die städtische Konzertreihe in Moers erstmals federführend zu gestalten. Es wird ein abwechslungsreiches Programm mit einem Schwerpunkt auf unterschiedlichen kammermusikalischen Quartetten geben, so wird es neben Streichquartetten auch Saxophon-, Klarinetten- und Gitarrenquartette geben. Zusätzlich werde ich vor einigen der zwölf Konzerte eine Konzerteinführung geben. Ich bin sehr gespannt auf das Gesprächskonzert mit Frau Prof. Nicola Jürgensen, der Soloklarinettistin des WDR Orchesters und auch auf den Workshop für Schüler mit dem Titel „Winterreise, darf ich da mit?“

Das klingt interessant!?

Warum sollte es nicht gelingen, jungen Menschen neben den täglichen, ja auch sehr gefühlsbetonten Playlists der Alltagsmusik den emotionalen Gehalt dieses Meilensteins des Kunstliedes nahezubringen? Es gibt so viele gute Ansätze in der Musikpädagogik. Ich denke, dass auf diese Weise das Lied nicht nur für die Liebhaber der etwas intellektualisierten Kunst, sondern auch für viele andere Menschen als authentischer Ausdruck von Gefühlswelten fruchtbar sein kann.

Herr Krampen, für Ihre Projekte wünschen wir Ihnen alles Gute und danken ganz herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Photo © Tobias Krampen | Christian Palm

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“ – Interview mit Thilo Dahlmann

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“

 Interview mit Thilo Dahlmann

Herr Dahlmann, wann stand für Sie fest, dass Sie Gesang studieren wollen? War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?

Es waren bei mir vor allem Umwege und die Entscheidung kam recht spät. Ich habe erst mit 24 Jahren mit dem Gesangsstudium an der Essener Folkwang-Hochschule begonnen und davor auch nur ein halbes Jahr Gesangsunterricht genommen. Eigentlich kam ich vom Klavier und der Orgel. Nach dem Abitur begann ich zunächst ein Jura-, Geschichts-, Politik-, Musikwissenschafts- und Romanistikstudium in Bonn. Also ein ziemlich großer Umweg, um den ich heute aber nicht traurig bin, und der mir in der künstlerischen und pädagogischen Arbeit zu Gute kommt.

Parallel zum Studium in Bonn begann ich beim Erzbistum Köln eine nebenberufliche Ausbildung zum Kirchenmusiker. Darüber bekam ich Kontakt zu meiner ersten Gesangslehrerin und die empfahl mir meinen ersten Lehrer an der Folkwang-Hochschule Essen. Und so kam am Ende eins zum anderen.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das Schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme?

Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen. Der eigene Körper, die eigene Stimme ist das Instrument. Außerdem ermöglicht uns die Auseinandersetzung mit den vertonten Texten eine andere inhaltliche und emotionale Identifikation. Wo sonst kann man unmittelbar einen solchen Kontakt zum Publikum erzielen. Da besitzt man auf der Bühne und auf dem Podium schon ein besonderes Privileg.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern „auf dem Markt“ durchzusetzen? Bilden Musikhochschulen nicht zu viele Sänger aus?

Diesem Vorwurf wird sich eine Musikhochschule immer aussetzen müssen. Zum einen aber stehen mehreren hundert Bewerbern bereits heute nur ca. 10-15 Studienplätzen pro Hochschule und Jahr gegenüber. Das Interesse an einem Studienplatz wird also nicht geringer und nur ein Bruchteil derer, die sich bewerben, bekommt überhaupt einen Studienplatz. Zum anderen ist der Sängerberuf seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt; die Einsatzmöglichkeiten sind deutlich vielfältiger und „der Markt“ ist damit größer geworden.

Inwiefern hat sich der Beruf des Sängers in den letzten Jahren gewandelt?

Der Sängerberuf ist seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt. Die noch vor 20-30 Jahren übliche Möglichkeit, durch ein Theaterengagement ein lebenslanges anständiges Gehalt zu erhalten, ist faktisch fast nicht mehr existent. Dennoch herrscht an den Hochschulen immer noch das Berufsbild des Theatersängers vor. Es ist sogar so, dass eigentlich nur der Sänger oder die Sängerin es wirklich geschafft hat, wenn er – oder sie – eines der seltenen Theaterengagements ergattern konnte. Dass diese Engagement-Laufbahnen in der heutigen Zeit auch eher kurzlebig sind, steht da auf einem anderen Blatt.

Wir müssen akzeptieren, lernen und vor allem auch in der Ausbildung verankern, dass der Sängerberuf heute aus ganz vielen sich ergänzenden Möglichkeiten besteht und diesen Wandel vor allem auch als Chance begreifen! Die Normalität sieht so aus, dass Sänger heute von einem Patchwork aus Engagements leben. Dazu gehören Theaterengagements, Chor- und Ensembleprojekte, solistische Konzerte ebenso wie private Unterrichtstätigkeit oder Stimmbildungsaufgaben.

Und diese Vielschichtigkeit der Tätigkeiten und Möglichkeiten wird sich eher noch erweitern. Es wird immer und zum Glück zahlreiche Sänger geben, die sehr gut und in tollen Engagements von ihrem Beruf leben können. Aber wir müssen aus unseren Köpfen herausbekommen, dass alle anderen Formen der Berufsausübung als die des Opernengagements „Scheitern“ betrachtet werden. Im europäischen Ausland, wo man nebenbei auch die deutsche Eigenart der Stadttheater in dieser Form nicht kennt, ist man in dieser Hinsicht schon deutlich weiter.

Was empfehlen Sie einem jungen Sänger für seine berufliche Laufbahn? Wie findet er einen gelungenen Start in die Karriere?

Man sollte offen sein für das, was auf einen zukommt und vor allem für Neues, das man sich zunächst vielleicht noch gar nicht vorstellen kann. Kontakte knüpfen, gute Vorbereitung, realistische Einschätzung der eigenen Begabungen und Stärken. Dazu muss man sich bewusst sein, dass man einen künstlerischen Beruf ausübt. Es geht um Kunst, um Musik, darum, auf der Bühne eine Figur lebendig werden zu lassen. Alles Technische hilft uns dabei, ist aber kein Selbstzweck.

Worauf legen Sie beim Unterrichten an der Hochschule am meisten Wert? Gibt es typische Probleme oder Fehler, die Ihre Schüler besonders häufig haben beziehungsweise machen?

Basis ist natürlich immer der sichere technische Umgang mit der eigenen Stimme. Am liebsten möchte man natürlich schon am Beginn des Studiums alle Lieblingslieder und -arien singen, die man von seinen Lieblingssängern auf CD hat. Da muss man als Lehrer schon mal auf die Bremse treten und der Stimme Zeit geben, damit sich keine technischen Baustellen einschleichen, die man später mühsam ausbügeln muss, oder die Stimme zu früh zu großer Belastung ausgesetzt ist.

Ganz besonders wichtig ist mir aber von Beginn an die Frage, was singe ich da eigentlich? Worum geht es? Meine ich es ehrlich mit dem was ich singe? Diese Frage ist für mich unmittelbar mit der technischen Ausbildung verbunden und lässt sich auch nicht davon trennen. Es ist im Unterricht interessant, dass sich viele Erklärungen erübrigen, wenn der Studierende genau weiß und sich vornimmt, wirklich bewusst musikalisch und inhaltlich das auszusagen, was Musik und Text beinhalten. Da steckt einfach eine ganze Menge Natürlichkeit im Zugang zu unserer Stimme. Den gilt es freizulegen und zuzulassen.

Was muss ein professioneller Sänger heutzutage können? Nur schön singen alleine reicht vermutlich nicht?

Ganz bestimmt nicht. Auch wenn es nicht schadet, wenn man auch eine schöne Stimme hat! Ich denke es kommt wie zu allen Zeiten wirklich auf die Persönlichkeit an. Wir kennen alle diese Fälle, wenn man eine unglaublich schöne Stimme hört und trotzdem nicht berührt wird. Umgekehrt packen uns manche Bühnencharaktere, deren Stimme man aber nicht unbedingt als schön bezeichnen würde. Das, was man hören möchte, ist ein ausbalanciertes Gesamtpaket aus Persönlichkeit, Stimme, Ehrlichkeit und Verantwortung für die Musik und die Partie, die man singt. Darüber hinaus haben sich die Anforderungen durch soziale Medien und ständig zugängliche Präsenz verändert.

Ein Sänger muss heute in den sozialen Medien präsent sein und sich verkaufen. Ich kenne nur wenige Sänger, die keine eigene Homepage haben, was auch die Aufgabe und die Bedeutung von Agenturen stark verändert hat. Man ist als Sänger vielleicht noch mehr Einzelkämpfer geworden und es geht alles viel schneller.

Was machen Sie am liebsten: Oper, Lied oder Oratorium?

Alle drei. Durch meine eigene künstlerische Biographie liegt mein Schwerpunkt natürlich im Bereich Lied und Oratorium. Und wenn ich mir ansehe, was ich selbst gerne höre, liegt in diesem Genre auch meine persönliche Vorliebe. Ich genieße es aber auch sehr, auf der Bühne zu stehen und lebe dort die Emotionalität einer Rolle im Zusammenspiel mit den Kollegen aus. Mit dem Ende des Studiums war ich ein Jahr im Opernstudio der Zürcher Oper, durfte am Haus eine Reihe kleiner Rollen singen und vor allem viele phantastische Sänger und Dirigenten aus der Nähe erleben. Dennoch war es nach dem Jahr auch eine bewusste Entscheidung, nicht in ein Festengagement zu gehen. Die Freiheit, die die Freiberuflichkeit bietet, alle drei Sparten bedienen zu können, hätte mir zu sehr gefehlt. Bei aller Unsicherheit, die damit verbunden ist.

Was reizt Sie an solchen spartenübergreifenden Projekten wie der schönen Magelone, die Sie zusammen mit dem Pianisten Hedayet Djeddikar und dem Schauspieler Hans Jürgen Schatz aufführen werden?

Das ist ein besonderes Projekt, von denen es leider viel zu wenige gibt. Vor allem auch in dem perfekten Ambiente der Cochemer Reichsburg, die im 19. Jahrhundert aus dem gleichen kulturellen Geist wiederaufgebaut wurde, aus dem heraus Tieck die Geschichte der „Schönen Magelone“ neu erzählt hat. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame und ineinandergreifende Interpretation eines Werkes durch Rezitation und Musik. Auch denke ich, dass diese Konzertform für das Publikum sehr reizvoll ist und die Hemmschwelle senkt, einen Liederabend zu besuchen.

Sie sind stilistisch sehr breit aufgestellt, machen sowohl Alte als auch Neue Musik. Wird das von den Veranstaltern akzeptiert, oder suchen die nicht eher Spezialisten?

Das wird von den Veranstaltern durchaus akzeptiert und inzwischen sogar gewünscht. Die strenge Trennung der Stile löst sich meiner Erfahrung nach immer mehr auf. Die Erkenntnisse und Methodik der historischen Aufführungspraxis ist heute bis tief in die Romantik hinein einfach gängige Praxis. Und umgekehrt ist auch die Auseinandersetzung mit „Alter Musik“ in den Spezialensembles nicht mehr so dogmatisch wie zu Beginn der „Bewegung“, als es auch galt, sich erst einmal einen Platz in der Musikwelt zu erobern.

Verändert dieser stilistisch bunte Mix in irgendeiner Art und Weise ihre Interpretationen?

Ja und Nein. Grundsätzlich denke ich nicht in solchen Kategorien. Da kommen wir wieder zur ehrlichen Auseinandersetzung mit Musik und der Stimme. Dazu passt keine von außen aufgesetzte Stilistik. Allerdings ergeben die Umstände – ein Orchester bei Britten, Mendelssohn ist natürlich größer und lauter als Werke für Gambe und Laute – natürlich einen anderen Zugriff auf die eigene Stimme. Aber eigentlich geschieht das automatisch. Und aus diesen Umständen ändern sich dann Phrasierung und klangliche Parameter, da man sonst schlichtweg nicht zu hören ist.

Welche Lieblingswerke und -komponisten haben Sie? Welche Werke und Komponisten haben Sie besonders geprägt?

Bach natürlich! An erster Stelle und zu jeder Zeit. Und bei ihm vor allem seine Matthäuspassion, die für mich ein solitäres Meisterwerk ist. Ich bin aber auch ein großer Freund Mendelssohns. Ich kenne eigentlich keine „schönere“ Musik als die von Mendelssohn. Von den Motetten angefangen über die Instrumentalmusik bis hin zu den großen Oratorien kenne ich wenig, das auf so perfekte Weise Schönheit mit Tiefe und Emotionalität verbindet. Im Bereich Lied schätze ich neben den Klassikern Schubert, Schumann, Brahms aber auch ungemein die etwas unterschätzte der klassischen Moderne eines Frank Martin, Othmar Schoeck und ganz besonders Wolfgang Fortner, dessen moderne Tonsprache sich trotzdem mit einem leichten klanglichen Zugang für den Hörer verbindet.

Sie haben auch ein Examen für (nebenamtliche) Kirchenmusiker abgelegt. Spielen Sie heute noch irgendwo Orgel oder leiten einen Chor?

Leider fehlt mir dafür die Zeit, was ich sehr bedaure. Hin und wieder ergibt sich die Gelegenheit, einen Gottesdienst zu spielen. Was zumindest ich selbst sehr genieße. An der Kölner Hochschule konnte ich die Freude an der Chorleitung mit Gesangstudierenden ausleben und einmal im Jahr ein Werk einstudieren und dirigieren. Mein Ziel war es dabei, dass alle Mitwirkenden sowohl solistisch als auch chorisch gefordert werden. Ein Musizieren, das heute auch für alle Solisten bei renommierten Ensembles üblich ist. In den vergangenen Jahren konnte ich so Purcells King Arthur, Cavalieris Rappresentatione oder das wunderbare Membra Jesu nostri von Dieterich Buxtehude mit den Studierenden erarbeiten und aufführen.

Auf der Bühne leben Sänger mitunter ja auch gefährlich. Ist Ihnen dort schon mal was passiert?

Davon kann sicher jeder im wahrsten Sinne ein Lied singen. Eins meiner kuriosesten Erlebnisse war eine DVD-Produktion von Strauss‘ „Arabella“ mit Renée Fleming am Opernhaus Zürich, bei der ich die bedeutende Partie des Zimmerkellners übernehmen durfte. Nachdem ich meine drei Sätze halbwegs unfallfrei überlebt hatte, ging ich nach meinem Akt mit zum Verbeugen vor den Vorhang. Beim Zurückgehen hinter den Vorhang habe ich vor lauter Erleichterung die Bodenöffnung des Souffleurlochs übersehen und bin vor den laufenden Kameras in das Loch gefallen. Gnädigerweise stoppte die Aufnahme auf der DVD kurz vor dem Applaus.

Welche Rolle oder welches Werk würden Sie am liebsten einmal singen?

Nachdem ich im Mai mit dem War Requiem in der Essener Philharmonie ein Lieblingswerk singen durfte, fehlt mir auf dem Konzertpodium von meiner aktuellen Wunschliste noch das Verdi Requiem. Auf der Bühne gibt es natürlich immer mehr oder weniger realistische Traumpartien, die man gerne singen würde. Bei mir wären das Amfortas und Philipp in Don Carlos.

Was machen Sie, wenn Sie krank sind, bzw. was tun Sie im Vorfeld, um zu verhindern, dass es so weit kommt?

Zum Glück ist man als tiefe Männerstimme ein wenig robuster als andere Stimmfächer, da sich unser Stimmumfang in etwa mit unserer Sprechlage deckt. Dennoch ist die Erkältung auch unser natürlicher Feind. Ich treibe Sport und habe ein Nasenspray, das ich bei einer sich ankündigenden Erkältung nehme. Damit komme ich bisher sehr gut über die Runden. Ob es wirklich hilft oder ich es mir nur einbilde, ist da gar nicht so wichtig.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?

Eine Belastung ist es schon. Aber das Singen und Spielen macht einfach so unglaublich viel Spaß und ist so facettenreich, dass es nie langweilig wird. Wir haben das Privileg mit unserer Stimme und unserem Spiel Menschen zu erreichen, Werke von unfassbarer Schönheit und Kunst aufführen zu können. Insofern lohnt sich fast jeder Verzicht und alle damit einhergehenden Belastungen.

Das Gespräch führte Guido Krawinkel.
Photo © Thilo Dahlmann, Marco Borggreve

Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.

„Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.“

Interview mit Benjamin Hewat-Craw

Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit nehmen, Herr Hewat-Craw. Ich möchte gleich mit einer zentralen Frage beginnen: Wie kamen Sie zum Gesang? Wurde in Ihrer Familie viel musiziert?

Mein Vater ist Hobby-Sänger mit Stimmfach Tenor. Einige meiner frühsten Kindheitserinnerungen sind Proben für Kirchenkonzerte, zu denen ich ihn begleitete. Ich selbst war in dem englischen Knabenchor einer Abtei in Dorset, dem Ort in Westengland, in dem ich aufgewachsen bin. Im Alter von 9-13 Jahren war ich dort im Sopran. Nach dem Stimmbruch wechselte ich in den Bass und begann, Gesangsunterricht zu nehmen. Mein Lehrer förderte meine Entwicklung und ermutigte mich in dem Entschluss, den Gesang professionell auszuüben.

Sie haben sich für ein Studium in Deutschland entschieden. Wo rührte diese Entscheidung her?

Mein Lehrer war Schotte und sang sehr häufig in Deutschland. Er lebte während dieser Perioden in Darmstadt und ich habe dort mit ihm gearbeitet. Er empfahl mir Deutschland als ein musikbegeistertes Land mit vielen Möglichkeiten für Konzerte, Engagements für junge Sänger. Am Anfang war es eine große Umstellung, in Deutschland zu leben, die Kultur ist sehr anders. Das war eine interessante Erfahrung, die mich auch verändert hat. Nach dem ersten Jahr war ich sehr glücklich in Deutschland und bin nach Köln gekommen, um bei meinem Professor Christoph Prégardien zu studieren.

Was war für Sie die größte Umstellung?

Ich möchte nicht sagen, dass die Deutschen unhöflicher sind, im Gegenteil, es sind sehr herzliche Menschen! Aber die Engländer sind vorsichtiger. Sie verpacken die Wahrheit oft in ihrer Höflichkeit, damit man sich ihre Kritik nicht zu sehr zu Herzen nimmt. Die Deutschen sind direkter in ihrer Kritik. Das war ein Kulturschock. Aber nur ein kleiner.

Sie begeistern sich für das Lied. Erleben Sie Unterschiede im Umgang mit dem Lied in England und in Deutschland?

In Deutschland ist die Arbeit am Lied viel detaillierter. Es geht um ein sehr genaues Sprachverständnis. Es ist eine Kunst für sich. In England ist das anders. Man lernt Lieder, um sich auf die Opernliteratur vorzubereiten, aber sieht sie eher nicht als eigenständige Kunstgattung. Das Lied bleibt in den Musikhochschulen und es gibt kein großes begeistertes Publikum.

Es gibt wichtige Institutionen wie die Wigmore-Hall in London, aber auf das ganze Land gesehen gibt es relativ wenig Räume für das Lied. In Deutschland sieht das ganz anders aus, da gibt es viel mehr Möglichkeiten, in Liederabende zu gehen. Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben. Es gibt so einen großen literarischen Reichtum und daher beschäftigt man sich als Musiker automatisch damit. Die Tradition in England reicht nicht so weit zurück.

Sie sprechen nahezu perfekt deutsch – liegt das auch an der Liebe zum Lied?

Sicherlich hat mir der Liedgesang geholfen, meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Ich strebe immer danach, mein Deutsch zu perfektionieren und der Umgang mit den Menschen ist für mich sehr wichtig. Für mich ist das Deutsche eine sehr schöne und ehrliche Sprache. Man kann sich in ihr sehr klar ausdrücken.

Eines Ihrer kommenden Projekte wird eine Winterreise sein…

Genau. Mein Begleiter und ich arbeiten intensiv mit Ulrich Eisenlohr und werden die „Winterreise“ in diesem Herbst aufführen. Der Zyklus ist so ein großes Werk, es ist einzigartig in der Musikgeschichte. 24 Lieder fokussieren sich auf eine Person. Es gibt keine weiteren Personen und das macht den Zyklus zu intim.

„Die schöne Müllerin“ ist da anders, da gibt es mehrere Akteure. Bei der Winterreise geht es in der Stimmung des Charakters von null auf minus hundert, immer weiter abwärts. Bis hin in unsere Zeit ist kaum je so ehrlich über Depression und die eigene Bipolarität gesprochen worden. Man kann sich davor nicht verstecken. Ich hoffe, wir können das ausdrücken.

Wie sähe für Sie der perfekte Ort, eine Winterreise aufzuführen, aus?

Ich finde, es muss ein schummriges Licht sein. Ich mag auch den Trubel der Stadt für so ein Werk nicht. Es ist zu lebendig. In einer Kirche am Rande einer Stadt hat man eher das Gefühl, mit dem Publikum allein zu sein. Nach dem letzten Lied kann man hinaus gehen und das Gefühl der Einsamkeit erleben. Ich finde, man muss einen Ort finden, an dem so ein Mensch wie der Protagonist der Winterreise leben könnte.

Es haben sehr viele Sänger die Winterreise aufgenommen. Gibt es eine Aufnahme, die Sie besonders berührt? Und haben Sie unabhängig von der Winterreise Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Natürlich führt kein Weg an Fischer-Dieskau vorbei. Er hat so einen starken Charakter und im Umgang mit dem Text ist er eine zentrale Persönlichkeit. Besonders die frühen Aufnahmen der Winterreise schätze ich sehr. Man kann die Landschaft wirklich vor dem inneren Auge sehen. Auch die politischen Verhältnisse im Berlin der Nachkriegszeit kann man in der Kraft seiner Stimme hören.

Von den modernen Liedsängern: Christian Gerhaher. Er ist unglaublich präzise mit seiner Sprachgebung und mit den Konsonanten und führt zugleich wunderbare Linien. Ich finde seine Interpretation großartig. Meine Lieblings-Aufnahme ist eigentlich von Florian Boesch und Malcolm Martineau. Boesch singt den Zyklus nicht, er spricht ihn. Er ist so direkt mit seiner Tongebung als gäbe es nur ihn und dich als Zuhörer in einem Raum, das finde ich großartig. Er wählt etwas tiefere Tonarten als er es wahrscheinlich brauchen würde, aber so kann er ganz direkt mit den Menschen sprechen. Man glaubt ihm, dass er der Protagonist ist. Man kommt auf eine Art und Weise weg von der Schönheit der Lieder und das kann auch gut tun.

Wir haben jetzt so viel über die Winterreise gesprochen. Welche weiteren Projekte sind in Planung?

Ab September mache ich ein Projekt mit dem englischen Zyklus Songs of Travel von Vaughan-Williams. Robert Louis Stevenson hat die Texte geschrieben und Vaughan-Williams hat einige Texte ausgewählt. Es gibt aber unglaublich gute Texte zwischen den vertonten Gedichten und wir machen eine halbszenische Aufführung und zwischen jedem Lied wird es eine Improvisation über unvertonte Texte geben, die gut dazu passen.

Wir sind sehr gespannt darauf. Robert Louis Stevenson machte die Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, dem er Bücher schenkte, damit er etwas lesen konnte. Es war ein gebildeter Mann, der keine Lust mehr dazu hatte, die Rolle als Teil der Gesellschaft zu spielen und sich von ihr abwendete. Er zog von Stadt zu Stadt für den Rest seines Lebens und Robert Louis Stevenson hat viel über ihn geschrieben, unter anderem einen Essay.

Es war für uns klar, dass wir diese Begegnung in unser Programm mit einfließen lassen mussten. Ich bin sehr gespannt, wie es wird. Die Aufführung wird in Mainz stattfinden und für Anfang 2019 sind auch Konzerte in Köln geplant.

Das wäre großartig, das Projekt klingt wirklich sehr spannend! Eine letzte – diesmal etwas private – Frage: Was tun Sie, wenn Sie nicht singen?

Ich lese viel. Im Moment beschäftige ich mich mit den großen Philosophen und ihren Werken. Es steckt voller Fragen, die sich auch im Kunstlied wiederfinden. Wilhelm Müller schreibt  in der Winterreise: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ so schließt sich der Kreis.

Und ich spiele Tennis. Naja, ein bisschen…

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für alle Projekte viel Erfolg!

Das Interview führte Eva Nesselrath

In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend

„In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend.“

Interview mit Judith Hoffmann

Frau Hoffmann, in Ihrem Lebenslauf lese ich, dass Sie vor Ihrem Gesangsstudium Gitarre studiert haben und mit Diplom abgeschlossen. Wie kam es zu dieser Hinwendung zum Gesang?

Ich bin als „Orchesterkind“ an einem großen Opernhaus aufgewachsen und habe schon früh viele Opern und Operetten gesehen und deren Probenprozesse mitbekommen – ich habe es geliebt diese Proben zu erleben. Später habe ich dann auch im Bewegungschor auf der Bühne mitgetanzt. Dabei habe ich sehr viel über das Theaterleben mitbekommen.

Dass ich selbst auch Musikerin werden wollte war mir völlig klar. Auch wenn ich schon immer wusste wie der Betrieb funktioniert. So habe ich mir keine Illusionen gemacht, wie hart dieser Beruf ist. Ich habe dennoch zuerst mit einem Instrumentalstudium (Gitarre) begonnen, habe dann aber schnell gemerkt, dass mein Herz eben doch ganz dem Gesang gehört und schließlich auch Gesang studiert. Im Gesang habe ich alle Ausdruckmöglichkeiten die mir wichtig sind gefunden.

Hatten Sie davor schon gerne gesungen?

Gesungen wurde bei uns zuhause immer. Das war meiner Mutter sehr wichtig. Sie hat mir auch die Möglichkeit gegeben, dass ich früh schon Gesangsunterricht bekam.

Ist es für einen Sänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern auf dem Markt durchzusetzen?

Na, ich sehe das ganz pragmatisch, das Problem sich durchsetzen zu müssen haben sie in anderen Berufen auch. Ich glaube jeder findet seinen Weg, wenn er diesen Beruf wirklich mit tiefer Leidenschaft und gutem handwerklichen Können begeht und seine Stimme immer weiterentwickelt. Es gibt immer einen Weg, seinen persönlichen zu finden ist die Aufgabe. Ich glaube das Wichtigste für mich ist, weiterzumachen, auch wenn es gerade einmal anstrengend ist. Wichtig ist es, immer sein Ziel im Auge zu behalten.

Was machen Sie am liebsten: Oper, Lied oder Oratorium?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich liebe alle drei Sparten. Jede hat Ihren besonderen Reiz. Und überall werden Geschichten in musikalischer Form erzählt. Die Oper ist mir tatsächlich am vertrautesten durch meine Kindheit. Oratorien und Lieder kamen erst mit dem Gesangsunterricht als Jugendliche dazu. Schon im Studium waren mir die Liederabende zunehmend sehr wichtig. Die Kombination von Lyrik und Musik im Lied hat mich immer sehr interessiert. Ich hatte das Glück dabei tolle Menschen an meiner Seite zu haben die mir bei der Konzeption von Liederabenden geholfen haben. Auch viele Oratorien mag ich sehr.

Welche Lieblingswerke und -komponisten haben Sie?

Diese Frage konnte ich früher schon nicht beantworten, wenn es hieß: was ist Deine Lieblingsband. Ich mag so viel und bin ziemlich schnell begeisterungsfähig. Meine Lieblingsmusik ist die, die mit Hingabe, Ehrlichkeit, Spielfreude, Können, und Emotion musiziert wird. Natürlich gibt es immer mal einen Komponisten oder eine Komponistin die mich besonders beschäftigen. So bin ich im Moment ein Gustav Mahler-Fan, liebe Tschaikowsky und Rachmaninov, könnte Korngold jeden Tag hören und finde Händel zum niederknien schön. Das hängt sicher auch mit meinen aktuellen Projekten zusammen. Es gibt ein Werk das ich seit meiner Kindheit liebe, das ist das Klavierkonzert von Clara Schumann.

Einerseits sind Liederabende beliebt, andererseits ziehen sie ein zumeist schon bereits initiiertes, mit dem Repertoire und den Konzertritualen vertrautes Publikum an. Wie kann man vermitteln wie interessant das Kunstlied auch für eine breitere Öffentlichkeit ist?

Das ist ein spannendes Thema, worüber ja im Moment zum Glück auch viel von Kolleginnen und Kollegen kreativ nachgedacht wird. Ich bin mir sicher, dass es da nicht nur einen Weg gibt, sondern viele spannende Wege. In meiner Konzeption ist ein Liederabend immer wie ein kleiner Theaterabend. Ob ganz mit Liedern oder auch im Zusammenhang mit Texten oder Lyrik.

So bin ich für mich nach Programmen die ganz aus Liedern einen roten Faden spinnen, auf den Weg mit der Verbindung von Lied und gesprochenen Wort gekommen. In den letzten vier Jahren sind dadurch mit dem Sprecher und Dramaturgen Kolja Buhlmann fünf abendfüllende Programme mit Lied und Lyrik entstanden, von denen einige bereits szenisch aufgeführt wurden. Mein aktuelles Programm „Alma Mahler und Ihre Strahlenden Satelliten“ ist das erste Stück in dem ich nicht nur singe, sondern auch den Text von Kolja Buhlmann spreche.

Gesetzt Sie hätten eine Carte Blanche und könnten tun und lassen was Sie wollen, was würden Sie realisieren wollen?

Im Grunde habe ich das Glück, genau das in meinen Lied-Programmen machen zu können was mich interessiert. Das ist mir ganz bewusst, dass dies ein Privileg ist, sozusagen der Lohn für die Arbeit, als Künstler seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das möchte ich gerne weiterentwickeln und aus dieser Konzeption heraus den Liederabend immer mehr zu einem Theaterabend formen!

Gibt es irgendwelche lustigen, kuriosen oder albtraumartigen Anekdoten, die Sie bei Ihren Konzerten erlebt haben?

Zum Glück bin ich bei Konzerten noch nicht von alptraumartigen Anekdoten geplagt worden.

Meine Lieblingsgeschichte mit Kindern: ich habe die Kinderoper „Petterson und Findus“ gespielt und war der Findus. Der war in dem Stück zwischendurch recht grantig und ich saß vorne an der Bühne. Ein Mädchen in der ersten Reihe kam zu mir und meinte ich, also Findus, dürfe nicht so gemein zu dem Hahn sein – und ich dusseliger Kater war in dem Moment so in der Rolle, dass ich ihr trotzig gesagt habe, dass das doch geht und so sein muss….. Zum Glück hatte das Mädchen eine Mutter dabei, die sie davon abgehalten hat zu mir auf die Bühne zu kommen und die Angelegenheit für meinen Widersacher, den Hahn, zu klären. Seitdem habe ich nie wieder mit Kindern von der Bühne aus diskutiert. Es hat mir gezeigt wie sehr Kinder sich mit solchen Stücken identifizieren – so wundervoll!

Was beschäftigt Sie aktuell?

Zurzeit habe ich verschiedene Projekte. Da ist mein Alma Mahler-Projekt, das am 27. Mai 2018 in Königswinter Premiere haben wird. Das Programm beinhaltet Lieder von Zemlinsky, Mahler, Berg, Schönberg, Korngold, Britten, und Alma Mahler. Ich finde es eine sehr spannende Zusammenstellung und bin immer wieder erstaunt wie verknüpft damals die ganze Künstlerszene war. Zudem habe ich gerade ein Ensemble mit Trompete und Orgel gegründet. Unser aktuelles Programm ist ein Barockprogramm mit vielen Barock-Klassikern für Sopran und Trompete.

Eine weitere Formation, mit der ich konzertiere, besteht aus Sopran, Kontrabass und Klavier. Damit waren wir vor kurzem im Konzerthaus Dortmund zu Gast. Abgesehen von meinen eigenen Projekten und Formationen habe ich in der nächsten Zeit Konzertverpflichtungen für das Verdi Requiem und viele weitere Oratorien. Im Opernfach habe ich jetzt gerade einen Fachwechsel abgeschlossen und bin gespannt, was dort als nächstes auf mich zukommt.

Was steht denn auf Ihrer Wunschliste ganz oben für die nähere Zukunft?

An Liedern: Vier letzte Lieder von Strauss. Dafür bekam ich gerade eine Einladung im Winter 2019, für eine bearbeitete Fassung für Sopran und Orgel. In der Oper: Tatjana (Onegin/Tschaikowsky), Fiordiligi (Cosi fan tutte/Mozart).

Wieviel Prozent Ihrer Arbeitszeit geht für Üben und Konzertieren drauf, wieviel für Organisatorisches?

Momentan würde ich sagen 70/30. 70 Prozent für das Üben, Auswendiglernen, Proben und Konzertieren, und 30 Prozent Organisation.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um? Haben Sie da Rituale vor Auftritten?

Ja ich habe feste Rituale vor Konzerten mit denen ich auch meine Aufregung kontrolliere. Schon morgens konzentriere ich mich ganz auf den Ablauf am Abend. Ich meditiere und versuche auch schon morgens aufgeregt zu sein, damit das Adrenalin schon etwas abgebaut werden kann bis ich auf die Bühne gehe. Denn wie wir alle wissen, sagt uns Adrenalin entweder wir müssen gleich kämpfen oder wir sollten gleich sehr schnell wegrennen. Beides ist auf der Bühne nicht wirklich eine gute Idee. Da ist es schon von Vorteil, wenn ich das Adrenalin über den Tag hinweg abgebaut habe.

Was machen Sie, wenn Sie krank sind, oder anders gefragt: Was tun Sie im Vorfeld, um zu verhindern, dass es so weit kommt?

Ich mache nichts Besonderes. Ich passe gut auf mich auf und werde einfach selten krank. Als Sänger muss man eine starke Gesundheit haben, sonst ist der Beruf nichts.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?

Für mich nicht. Ich sehe mich als Sänger wie ein Leistungssportler. Wir arbeiten mit unserem Körper und einem sehr feinen und sensiblen Instrument, der Stimme. Das Glücksgefühl beim Singen ist so groß, dass es mich für alles, was ich vielleicht nicht machen kann, entschädigt. Wobei mir gar nicht so viele Dinge einfallen die ich gar nicht machen kann. In den Kneipen darf ja sowieso nicht mehr geraucht werden. (lacht) Das ist für mich eine große Freiheit, denn früher konnte ich durch den Rauch nicht mit in die Kneipen gehen.

Das Interview führte Guido Krawinkel.
Photo © Judith Hoffmann |  Anne Hein

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

Interview mit Christiane Oelze

 

Christiane Oelze, 2017

Frau Oelze, wir blicken heute gespannt auf Ihr nächstes Konzert in Köln, den Orgelliederabend mit dem Organisten Ulrich Brüggemann am 13.Mai 2018 in der St. Nikolaus Kirche in Köln Sülz.

Die Klangmöglichkeiten, die sich sängerisch im Zusammenspiel mit dem Instrument Orgel bieten, faszinieren mich schon länger und ich bin sehr froh, dass eine glückliche Fügung den Organisten am Kölner Dom, Ulrich Brüggemann, und mich für dieses Projekt zusammengeführt hat. Wir haben uns in Köln bei meiner Aufführung des „Marienleben“ von Paul Hindemith in St. Peter im Rahmen der Liedreihe „Im Zentrum Lied“ vor zwei Jahren kennengelernt. Er gratulierte mir, stellte sich vor, und ich fragte ihn, ob er Lust hätte, zum Beispiel die Wesendonck-Lieder mit mir auf der Orgel zu spielen. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren öfter verabredet und Lieder und Arien aus Oratorium und sogar Oper geprobt und aufgeführt.

Diesen Liederzyklus nach Gedichten seiner Muse Mathilde Wesendonck hat Wagner 1857/58 ja zunächst für Klavier und Sopran geschrieben. Dieser tief empfundene Liedzyklus hat aber bis in die heutige Zeit hin Künstler zu verschiedensten Transkriptionen inspiriert: Felix von Motti in der Fassung für Orchester und Singstimme, Bearbeitungen für Streichinstrument und Klavier, Harmonium, Chorgesang, die Version für Kammerorchester von Hans Werner Henze und die Orchestrierung von Wagner selbst…

Ja, und aus diesen Arrangements sticht die Bearbeitung für Sopran und Orgel von Hans Peter Eisenmann heraus. Die Farbkraft und die orchestralen Möglichkeiten der Orgel bieten der Stimme ganz einzigartige Möglichkeiten der Klangentwicklung und Klangverschmelzung. Ulrich Brüggemann und ich konnten dies bereits einige Male auch im Kölner Dom erleben. Ich wurde gebeten, dort einen Gottesdienst zum Valentinstag mitzugestalten und wir haben die Arie der Rusalka, „An den Mond“ von Dvorak, aufgeführt. Es war für mich so bereichernd, mitzuerleben, mit wie viel Können Ulrich Brüggemann, der auch die meisten der täglichen Messen im Kölner Dom an der Orgel bestreitet, dieses Lied für die besonderen Gegebenheiten der Orgel im Zusammenspiel mit der Stimme arrangiert hat. Wir haben jedoch auch originale, für Sopran und Orgel konzipierte Werke gefunden für den Liederabend, so die drei Lieder des Zyklus „Les Angélus“ von Louis Vierne. Die Orgel bietet einerseits den Manualen und dem Pedal zugeordnete Register, die Instrumente, vor allem Holzbläser und Trompete, Posaune, und sogar die menschliche Stimme („Vox humana“) imitieren, aber auch solche Register, die als Grundstimmen den spezifischen Orgelklang ausmachen. Das macht den Gesamtklang so überaus reich und unglaublich vielschichtig und vielseitig.

Wie können wir uns das Miteinander von Orgel und Stimme genau vorstellen?

Das Miteinander von Stimme und Orgel ermöglicht es, selbst mir lange schon bekannte Lieder, wie z.B. Gustav Mahlers Lieder „Aus des Knaben Wunderhorn“ oder Lieder aus dem „Spanischen Liederbuch“ von Hugo Wolf neu zu hören und stimmlich neu zu erleben. Der Gesang breitet sich in Kombination mit der Orgel anders aus, die Stimme verschmilzt teilweise mit den verschiedenen instrumentalen Orgelregistern, so dass neue, ungehörte Klangereignisse entstehen. Dies um so mehr, als Ulrich ein unglaublich versierter und erfahrener Solist ist, der auch eine große Liebe zum Lied und zu den Möglichkeiten der menschlichen Stimme hat. In diesem Sinne hat er bereits mit Künstlern wie Franz-Josef Selig, Anna Lucia Richter und Thomas Heyer gearbeitet und auch regelmäßig mit den Chören der Kölner Dommusik.

Ein Liedprogramm in der Kirche von der Empore aus ist auch für eine so erfahrene Liedinterpretin wie Sie ein ungewöhnliches Umfeld.

Was auch einen zunächst ganz ungewohnten Reiz ausübt, da das Klangerleben im Raum der Kirche so der dramatische Mittelpunkt des Konzerts ist und andere, äußerliche Faktoren, die sonst bei einem Liederabend eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Kleiderordnung, in den Hintergrund treten. Der Zuhörer kann sich ganz auf den Klang, die Stimme, und die Orgel, konzentrieren.
Zusätzlich geben die verschiedenen Werke der Spätromantik ganz unterschiedliche poetische Welten wieder. Diese sind ganz anders als bei Barock-Kantaten oder Kirchenliedern, bei denen sich Orgel und menschliche Stimme sonst im Raum einer Kirche treffen.

Spiegelt sich dies im Aufbau Ihres Programmes wider?

Wir haben die Zusammenstellung so gewählt, dass es für den Hörer neben den verschiedenen Facetten der Kombination von Stimme und Orgel auch romantische Orgelwerke im Konzert gibt.

Sie sind dieses Jahr mit vielen verschiedenen musikalischen Partnern unterwegs…?

Ich glaube, dass die Freude an Neuem, die Flexibilität im Alltag und auch im Beruf als Sängerin sich durch mein Leben ziehen. In den letzten Jahren habe ich nicht zuletzt über die Zusammenarbeit mit ganz verschiedenen künstlerischen Kollegen und Instrumentenkombinationen zu neuen Ausdrucksformen gefunden. Es ist mir auf diese Weise noch bewusster geworden, dass das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück bedeuten, auch jenseits der alltäglichen Routine des Sängerberufs. Im Wandel der Zeiten gelingt es mir, immer neue stimmliche Nuancen für mich zu entdecken. Dies gilt ebenso für mein privates Unterrichten. Ich bin glücklich, wenn ich an der stimmlichen Entwicklung von jungen Sängerinnen und Kolleginnen teilhaben und sie darin unterstützen kann. Und ich denke, dass das Lied als Gattung uns Sängern hierbei in den ganz unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen eine unschätzbare Möglichkeit bietet, zu dem jeweils ganz individuellen stimmlichen Klangausdruck zu finden.

…und das ist es ja auch, was dann den „Funken“ beim Zuhörer überspringen lässt…

Ich wünsche mir, dass es in jedem Liederabend Momente gibt, in denen Poesie und Musik so miteinander verbunden sind, dass wir für die Zuhörer berührende Augenblicke schaffen, die sie ihrer Gefühlswelt näherbringen. Und dafür lohnt es sich, auch andere Klangräume auszuloten wie nun die Kirche St. Nikolaus in Köln-Sülz, für einen weiteres Orgel-Recital das Kloster Springiersbach an der Mosel, oder auch eine Kirche in Sligo, Irland, wo ich Anfang Mai mit dem Vogler-Quartett und Jonathan Ware Lieder von Fauré, Schubert, Schumann, Reynaldo Hahn und Benjamin Britten aufführen werde. Es wäre schön, auf diese Weise nicht nur Menschen zu erreichen, die auch in einen „klassischen Liederabend“ gehen würden, sondern auch Besucher, die die Kirche als spirituellen Raum für sich erleben.

Welche weiteren Projekte liegen Ihnen in diesem Jahr noch besonders am Herzen?

Neben der Zusammenarbeit mit Eric Schneider für „Das Marienleben“ von Hindemith bei Rheinvokal, mit dem Brüsseler Nationalorchester mit „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss und den „Altenberg-Liedern“ von Alban Berg freue ich mich in diesem Jahr besonders auf die Projekte mit dem Vogler Quartett, nicht nur bei den Internationalen Kammermusiktagen in Sligo, Irland sowie in Homburg an der Saar, sondern auch bei der Aufführung der „Letters from Lony“, die am 9. November in Stralsund stattfinden wird.

Das Datum der Reichspogromnacht ist nicht zufällig?

Nein, gewiss nicht. „Letters from Lony“ ist eine behutsame kammermusikalische Vertonung von Ronald Corp für Streichquartett und Mezzosopranstimme aus dem vergangenen Jahr. Lony Rabl-Fraenkel war vor der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zunächst nach Amsterdam geflohen. Dort schrieb sie ihrer nach England geflohenen Familie und dem Enkel, den sie wegen ihrer Ermordung im KZ im Jahr 1944 nie kennenlernen konnte, von 1938 bis zu ihrer Verschleppung ins Konzentrationslager 1943/44 viele Briefe. Der Enkel von Lony Rabl-Fraenkel stellte diese ergreifenden Dokumente vor einigen Jahren dem Komponisten Ronald Corp zur künstlerischen Verarbeitung zur Verfügung. Das Lesen und Erkunden dieser Briefe und die ersten Proben für dieses Projekt sind für mich bereits sehr bewegend gewesen, und das gemeinsame Erarbeiten dieses Werkes mit dem Vogler Quartett ist für mich ein besonderer Klang in den sängerischen Aufgaben dieses Jahres.

Hierfür wünschen wir Ihnen alles Gute, Frau Oelze und danken ganz herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Photo © Christiane Oelze | Natalie Bothur ++ Weiterverwendung nur nach Absprache

Zum Orgelliederabend am 13. Mai 2018

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

Frau Danz, Sie haben sich – im Gegensatz zu so Vielen, die sich gern „Mezzosopran“ nennen – immer ausdrücklich als Altistin bezeichnet und speziell das tiefe Register kultiviert…

Diese Stimmlage habe ich immer gern gehabt und sie hat mir nie Probleme bereitet, vielleicht auch deswegen, weil ich keine Opern singe, wo es die vielen „Zwischenfach“-Rollen gibt. Im Bereich von Oratorium und Lied sind die Lagen ja viel deutlicher voneinander getrennt, und meine Stimme ist eben eine Altstimme, was nicht heißt, dass es mir nicht möglich wäre, dort, wo es eine Partie erfordert, auch weiter in die Höhe zu gehen. Aber ich fühle mich in meinem Fach sehr wohl und hege keinerlei Ambitionen, darüber hinaus zu gehen.

Nun gibt es ja – man denke etwa an die Bach-Passionen und Vieles andere mehr – im Altfach auch ganz herrliche Sachen, und beim Liedgesang hat man außerdem noch die Möglichkeit zum Transponieren, wenn die Original-Tonart vielleicht zu hoch oder zu tief liegt. Wie sind Sie denn im Grunde zum Singen als Beruf gekommen?

Ich habe schon früh in Schulchören mitgesungen, auch im Kirchenchor, und zunächst Schulmusik studiert und mit Hauptfach Klavier meinen Abschluss gemacht…

… sozusagen als „Rückversicherung“?

Zu Beginn meines Studiums hatte ich nicht in Erwägung gezogen, Sängerin zu werden; ich wollte gerne Schulmusikerin sein. Mein Hauptfach war damals das Klavier: Ich habe es sehr genossen, intensiven Klavierunterricht zu haben und außerdem in allen anderen relevanten Fächern unterrichtet zu werden: Chorleitung, Orchesterleitung, Gehörbildung, Theorie, Pädagogik. Um dieses Studium bin ich sehr froh, zumal mir das Klavierspiel sehr bei der Vorbereitung von Programmen hilft.

Zur Zeit bereite ich mich auf den Dortmunder Schubert-Wettbewerb vor, der abwechselnd für Klavier und Lied-Duo ausgeschrieben wird und deren künstlerische Leiterin ich in der Nachfolge von Irwin Gage geworden bin, und stelle das Wettbewerbsprogramm für die Teilnehmer zusammen. Dafür habe ich mir sämtliche Schubert-Lieder durchgesehen und -gespielt, und das sind über 700. Jedes einzelne Lied ist großartig und eigensinnig, und das ist wirklich erstaunlich und faszinierend; „schwache“ Lieder finden wir bei Schubert nicht. Ich finde, wir Wettbewerbsausrichter haben eine große moralische und pädagogische Verantwortung gegenüber den Teilnehmern eines solchen Wettbewerbs, und wir legen allen ans Herz – auch denen, die keine Auszeichnung erhalten haben -, sich mit uns über ihre Leistungen noch einmal auszutauschen, sei es im persönlichen Gespräch oder auch per e-Mail.

Stichwort „Wettbewerb“: Sie sind ja auch als gefragte Gesangspädagogin tätig. Wie schätzen Sie diesen Arbeitsbereich für sich ein?

Ich unterrichte wirklich leidenschaftlich gern. Jungen, talentierten Menschen meine Erfahrungen und Kenntnisse weiter zu geben ist eine der schönsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann.

Unterrichten Sie auch an einer Hochschule?

Nein; ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen, und deshalb unterrichte ich nur Privatschüler, vom jungen Sänger bis zum im Beruf stehenden Kollegen, der Rat sucht bei Problemen oder einfach eine fachliche Kontrolle seiner stimmlichen Leistungen haben möchte. Zu diesem Zweck habe ich vor einiger Zeit einen wunderbaren Saal im Süden von Köln angemietet, der gut erreichbar ist, und da können wir intensiv arbeiten.

Das macht ja neugierig – wir werden gerne bei Ihnen bei Gelegenheit vorbeuschauen und den Ort kennenlernen… Nun aber zu ihrer eigenen Tätigkeit als Sängerin: Wie sieht es etwa mit dem Repertoire aus; haben Sie da bestimmte Schwerpunkte?

Nun, die ergeben sich aus den Anfragen durch die Veranstalter, doch lege ich großen Wert auf ein breites Spektrum, von der Renaissancemusik bis hin zu zeitgenössischer Musik. Aber es gibt schon besonders schöne Partien, die mir sehr am Herzen liegen; zuletzt habe ich in Berlin im „Stabat Mater“ von Dvořák die Altpartie gesungen. Oder die Alt-Rhapsodie von Brahms – das sind herrliche Werke.

Ich bin aber auch sehr offen für weniger Bekanntes und es ist mir ein Anliegen, mich dafür einzusetzen, wenn ich von dem Wert überzeugt bin. So habe ich eine CD mit Liedern von Felix Draeseke aufgenommen und eine weitere mit Liedern der kroatischen Komponistin Dora Pejacevic, die man jetzt, etwa hundert Jahre nach ihrem frühen Tod, mehr und mehr „wiederentdeckt“.

Wie sieht es denn aus bei neuer Musik?

Die zeitgenössische Musik interessiert mich sehr. Ich habe des öfteren schon Uraufführungen gesungen, und einige Komponisten haben mir eigens Werke, wie man sagt, „auf den Leib“ geschrieben, oder doch besser „in die Kehle“, und ich mache das immer sehr gern, auch weil man sich mit den Komponisten noch persönlich über spezielle Aspekte der Interpretation austauschen und dann auch sicher sein kann, ihren Absichten so nahe wie möglich zu kommen.

Können Sie da ein paar Namen nennen?

Ich denke da besonders an Wolfgang Rihm oder den in Bochum lebenden Stefan Heucke. Mein Mann Peter Stein, der Geige und Bratsche spielt, ist oft auch mit eingebunden. Der in Kalifornien ansässige Peter Knell hat für uns sehr interessante und schöne Gedichtvertonungen geschrieben.

An solchen schönen Kompositionen, die Ihnen beiden „auf den Leib“ geschrieben wurden hatten wir ja im Februar bei „Im wachsenden Ringen“ schon unsere Freude!

Es wird immer wiederholt, „man“ beklaet ein immer schwächer werdendes Interesse am Kunstlied. Wie sehen Sie die Situation?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Wertschätzung für das Lied beim Publikum nachlässt, aber es gibt ja leider die Tendenz, dass schon in den ersten Schulklassen kaum mehr gesungen wird. Und wo soll das Interesse bei den Heranwachsenden herkommen, wenn sie überhaupt nicht an diese schönen Dinge heran geführt werden? Hier müsste man vor allem ansetzen.

Sie fühlen sich also selber im heutigen Musikleben recht gut aufgehoben?

Durchaus, aber wir müssen natürlich auch lebendige und aktuelle Möglichkeiten und Formate für die Zukunft finden, und da ist es sehr wichtig, auch neue Methoden und Wege der Vermittlung zu nutzen. Deshalb halte ich auch eine Initiative wie die „Liedwelt Rheinland“ für äußerst wertvoll, um die Kräfte und Informationen zu bündeln und alle Chancen zu nutzen, dem Kunstlied einen dauerhaften Platz im Musikleben zu erhalten.

Die Freude beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Wir als Netzwerk existieren schließlich nur, weil sich so viele kompetente Künstler im Rheinland finden. Frau Danz, worauf dürfen Sie sich denn als nächstes Projekt, in dem Sie mitwirken freuen?

Bald geht es Richtung Osten, wo ich bei einer Matthäus Passion im Moskauer Konservatorium mitwirken werde, die von Enoch zu Guttenberg mit seinen Ensembles dort aufgeführt wird.

Das klingt wieder einmal nach spannenden Begegnungen! Wir bleiben am Ball!

Das Gespräch hat Gunter Duvenbeck in Köln am 21. März 2018 geführt.
Photo © Ingeborg Danz | privat
CD-Covers: Rechte bei den Labels

Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln

Liedduo Lindsay / Ismailova

Gesang ist Singen des Herzens

Interview mit dem Liedduo
Martin Lindsay & Elnara Ismailova

Herr Lindsay, in einem Statement zur Gattung Lied haben Sie mal gesagt, es gäbe für Sie keine schönere Art des Musizierens als das Lied – was fasziniert Sie so an der Gattung?

Mir gefällt das Lied als Gattung besonders, weil es eine kleine Form ist. Sie ermöglicht einen intimen Kontakt zum Publikum, was für mich einer der wichtigsten Aspekte ist. Die kleine und eher kurze Form macht es möglich, an einem Abend eine große Vielfalt an Ausdruck entstehen zu lassen, was bei anderen Gattungen schwieriger ist. Unter Umständen gibt mir das Lied die Möglichkeit, eine größere Palette sowohl musikalisch als auch stimmlich zu zeigen.

Sie sind gebürtiger Engländer, haben dort und in Kanada studiert. Welchen Stellenwert hat dort das Lied?

Das muss man etwas differenzieren nach Repertoire und der Bedeutung des Lieds in der Kulturszene. Zu meiner Studienzeit war das Lied ein ausgesprochen wichtiger Aspekt im Studium. Wir hatten als Sänger Pflichtveranstaltungen im Liedgesang im deutschen, französischen, englischen und italienischen Lied. Unter den Sängern nimmt das Lied bis heute eine sehr wichtige Rolle ein.

Zu meiner Studienzeit war der Einfluss von Gerald Moore in der britischen Liedszene immer noch sehr stark zu spüren. Auf dieses Fundament konnte beispielsweise die Arbeit von Graham Johnson und seinem Songmakers Almanac gedeihen. Schaut man sich jedoch das Konzertleben an, so sieht man in England eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland auch, dass Liederabende eher weniger werden und ein zunehmend spezialisiertes Publikum ansprechen. Umso wichtiger ist es, dass es Initiativen wie Liedwelt Rheinland und Im Zentrum LIED gibt, die sich für das Lied einsetzen.

Gerade Lehrende im Bereich des Liedgesangs betonen immer wieder, wie fundamental wichtig es für die Liedinterpretation sei, ein gutes Textverständnis zu haben – mit allem, was ein Text an Interpretationsmöglichkeiten hergibt. Verbunden damit steht der Lehrende oft vor dem Problem, dass durch die international geprägten Hochschulen oft Sprachkenntnisse bei den Studierenden fehlen, um den Text verstehen zu können. Haben Sie den Eindruck, dass Sie einen anderen Zugang zum Lied haben, weil Sie kein Muttersprachler sind?

Ich weiß, was Sie meinen, habe diese Problematik aber für mich persönlich nie als solche erlebt. Die Ausbildung in England war ausgesprochen gründlich, so dass ich schon während des Studiums neben anderen Fremdsprachen auch Deutsch gelernt habe. Aus dieser Zeit bin ich beispielsweise auch daran gewöhnt, sehr auf die Aussprache zu achten. Auch bei den heutigen Studierenden sehe ich das Problem nicht beim bloßen Aneignen der Sprache, sondern vielmehr darin, dass heutzutage oft der Bezug zu den Texten fehlt. An der Stelle sehe ich eher die Problematik und zwar eine, die genauso deutsche Muttersprachler betrifft. Ein Interesse für Sprache und ihren Klang und auch ein Gefühl dafür ist in der Regel bei Sängern vorhanden.

Sie sind ja viel im Bereich der Neuen Musik tätig und haben zahlreiche Uraufführungen gesungen. Wie sehen Sie die Zukunft der Gattung Lied auf kompositorischer Ebene?

Dass die Gattung Lied durch neue Kompositionen neue Impulse und Energie schafft, ist ein sehr wichtiger Aspekt in der Entwicklung des Genres. Soweit ich das beobachte und beurteilen kann, ist das Lied in der zeitgenössischen Musik recht stark vertreten. Auch die Liedabteilung an der Kölner Hochschule unter der Leitung von Ulrich Eisenlohr und Stefan Irmer ist in dieser Hinsicht sehr aktiv und einfallsreich. Ich denke, allen ist klar, wie wichtig es ist, dass diese Gattung lebendig bleibt und im Studium wie im Konzertleben eingebunden bleibt.

Frau Ismailova, nun zu Ihnen: Sie sind sowohl als Solo-Pianistin als auch als Liedpianistin sehr aktiv. Was hat Sie zum Lied geführt?

Bei mir lief eigentlich von der Ausbildung her beides parallel ab, also Klavier solo und auch Liedbegleitung. Und ich habe von Anfang an beide Fächer parallel studiert. In der damaligen Sowjetunion hatte die Ausbildung eine umfassende große Komplexität, so dass man im Studium sowohl als Solopianistin, Lied – und Kammermusikpartnerin wie auch als Pädagogin ausgebildet wurde.

Im Fach Lied lag der Schwerpunkt zwar zum größten Teil in dem Gebiet des russischen Kunstliedes. Aber die bedeutenden Liederzyklen von Schubert, Schumann oder Brahms wurden auch studiert. Später konnte ich in Deutschland ebenso beide Konzertexamen abschließen: Solo und Liedbegleitung. Eine Zeit, die enorme Bereicherung für mich war.

Bis heute handhaben Sie Ihre Solokarriere und ihre Tätigkeit als Liedpianistin gleichwertig und unterrichten auch beides. Was fasziniert Sie als Pianistin an der Gattung Lied?

Mich hat der Gesang als ganz fundamentales Ausdrucksmittel des Menschen immer schon fasziniert. Jeder Musiker muss innerlich singen, seine Seele muss singen können, sonst kann man nicht musizieren. Das gilt in meinen Augen ebenso für Instrumentalisten wie auch für Sänger. Da ich selber innerlich singe, liegt es natürlich völlig auf der Hand und ist natürlich, meinen Part mit einem Sänger zu kombinieren.

Was macht nach Ihrer Erfahrung einen guten Liedpianisten aus?

Da wäre zuerst das gerade beschriebene Singen des Herzens. Dazu kommt die Kunst des gemeinsamen Atmens mit dem Sänger. Ein Liedpianist muss aber natürlich auch ein ganz massives Verständnis für den literarischen Text haben, sprachlich und auch stilistisch gesehen. Durch die Kombination dieser Eigenschaften kann man eine Einheit mit dem Sänger bilden, was wiederum nur dann möglich ist, wenn man pianistisch absolut versiert, technisch völlig sicher und frei ist; denn nur dann kann man für beide Musikpartien ganz da sein.

Die Aufgabe des Liedpianisten liegt darin, den Gesang zu umhüllen und einzubetten. Aber auch die Klavierpartie sehr vieldimensional im Klang und Dynamik, manchmal auch sehr schlicht ergänzend zu gestalten. So ist es möglich die Gestaltung eines Liedes und die Idee des Komponisten und des Dichters im Duo umzusetzen. Bei einem guten Liedduo hängt fünfzig Prozent des Erfolges vom Pianisten ab.

Das ist ein sehr gutes Stichwort: Wie lange arbeiten Sie beide schon als festes Liedduo zusammen?

Wir kennen uns schon sehr lange, aber das kommende Konzert am 18. April ist ‚erst‘ unser viertes gemeinsames Projekt, wenn man pädagogische Projekte mitberücksichtigt. Da wir ja beide auch in Köln unterrichten, arbeiten auch unsere Studierenden zusammen, was für sie in der Regel sehr spannend ist durch die Kombination der beiden Schwerpunkte englisches und russisches Kunstlied. Wenn wir gemeinsam ein Programm oder auch nur ein Lied erarbeiten sind wir konzeptionell immer sehr umfassend.

Wie entsteht denn ein neues Programm?

Stimmung und Repertoire gestalten wir natürlich in jedem Liedprogramm möglichst abwechslungsreich. Für das Publikum soll Spannung entstehen, die Zuhörer sollen schon mitgerissen und auch gefordert werden. Bei allem Anspruch aber muss der Abend jedoch an erster Stelle ein Ohrenschmaus bleiben. (Elnara)

Inzwischen werden sehr viele Programme mit einem bestimmten Konzept, einem roten Faden gestaltet, was für mich persönlich nicht unbedingt der Fall sein muss. Ich singe auch sehr gerne „gemischte“ Programme, was in Großbritannien häufiger zu finden ist als hier. (Martin)

Manchmal ergibt sich das Repertoire unserer Programme auch aus unseren jeweiligen Schwerpunkten wie bei unserem pädagogischen Projekt an der Hochschule, das aus der Verbindung von russischem und englischem Lied entstand – also ganz persönlich aus unseren Viten bereichert wurde. (Elnara)

Am 18. April 2018 sind Sie beide gemeinsam in einem Shakespeare-Programm bei Im Zentrum LIED zu hören. Was erwartet uns an diesem Abend?

Dieses Programm wurde von dem Liedprogrammkurator Fabian Hemmelmann genial gestaltet und ausgesucht. Es ist ein sehr vielseitiges und auch anspruchsvolles Programm, das sich in verschiedene Liedgruppen aufteilt, angefangen bei Chausson über Tippett bis hin zu Finzi. Das Programm schlägt sprachlich, stilistisch und auch historisch einen großen Bogen.

Spannend sind vor allem die Übergänge zwischen den verschiedenen Liedern, denn teilweise liegen knapp hundert Jahre zwischen der jeweiligen Entstehung. Die Texte beziehen sich zwar alle auf Shakespeare, aber rein musikalisch reicht der Abend vom 19. Jahrhundert bis ins Heute.

Wir kamen eben auf eine gleichwertige Zusammenarbeit zu sprechen, auf die Einheit von Sänger und Pianistin, die idealerweise vorhanden sein sollte. Wie stelle ich mir eine Ihre „gleichberechtigte Zusammenarbeit“ bei den Proben vor?

Für mich als Sänger ist natürlich erst einmal wichtig, dass die rudimentären technischen Dinge funktionieren. Das fängt damit an, dass so etwas wie das gemeinsame Atmen mit dem Liedpianisten oder auch die verschiedenen Tempi funktionieren. Der Shakespeare-Abend ist ausgesprochen anspruchsvoll: es sind 28 Lieder der verschiedensten Stilrichtungen, in verschiedenen Sprachen und auch technisch sehr anspruchsvoll. (Martin)

Bei diesem Programm liegt die Textarbeit, das Textempfinden, vor allem in Martins Hand. Stellen, in denen der Klavierpart eine gestalterische Rolle hat, besprechen wir gemeinsam. Durch die Vielfalt und große Spannbreite des Programms ist diese dynamisch-künstlerische Arbeit besonders wichtig. So entsteht dann nach und nach in den Proben ein Spannungsbogen für den Abend.

Das ist der Entwicklungsprozess, der sich in gemeinsamen Proben ergibt, nach jeder gemeinsamen Probe gibt es neue Ideen, eine neue Struktur. Damit geht jeder von uns ja auch wieder nach Hause und da geht es dann erst einmal solo weiter – und was ich hier erarbeite bringe ich in die nächste Probe wieder mit!

Das macht für mich Faszination an der Gattung Lied aus! Jeder von uns beschäftigt sich zunächst alleine mit dem Werk, dann entwickelt es sich immer weiter im Austausch mit Martin. Solche gemeinsame Feldforschung ist für mich als Solo-Pianistin unbekannt und dann noch in einem so bedeutenden Ausmaß. Dieses gemeisame Entwickeln und der gemeinsame künstlerische Prozess ist etwas, was mich völlig begeistert beim Lied!

Das Interview führte Verena Düren
Photos ©: Elnara Ismailova: Barbara Lutterbeck
Martin Lindsay: Peter Czajkowski

Zum Konzert „All the World’s a Stage“ am 18. April 2018.

Die Wurzeln des romantischen Lieds liegen im Mittelalter – Gespräch mit Maria Jonas

Die Wurzeln des romantischen Lieds liegen im Mittelalter – Gespräch mit Maria Jonas

Frau Jonas, Sie haben ja einen eher ungewöhnlichen Lebenslauf und sind ja auch nicht ganz auf direktem Wege dorthin gekommen, wo Sie jetzt sind. Können Sie uns dazu vielleicht etwas erzählen?

Ich habe mich am Anfang gar nicht als Sängerin gesehen, sondern habe zunächst Oboe in Köln studiert und bin als Lehrerin nach Venezuela gegangen, wo ich in „El Sistema“, das ja Jahre später durch Gustavo Dudamel erst so richtig bekannt geworden ist, unterrichten konnte. Das erschien mir wesentlich spannender, als in Deutschland als Oboenlehrerin tätig zu sein.

Wie sind Sie dann zum Gesang gekommen?

Ich habe immer parallel auch gesungen, wollte aber eigentlich nie Sängerin werden. An der Hochschule in Köln wurde ich quasi als Gesangs-Wunderkind rumgereicht, weil ich ohne die entsprechende Ausbildung singen konnte wie eine Opernsängerin. Für mich war das aber eher ein Scherz. In Venezuela habe ich allerdings wieder mehr gesungen, was mich letzten Endes auch wieder nach Europa zurückgeführt hat. Ich ging dann nach London und erhielt Unterricht bei Jessica Cash, die auch die Lehrerin von Emma Kirkby war. Sie unterrichtete Belcanto, was als Gesangsstil eine gute technische Ausbildung auch für Alte Musik und früher war.

Ihr musikalischer Schwerpunkt ist inzwischen jedoch ein ganz anderer.

Ich habe im Unterricht natürlich auch Rossini und Mozart gesungen, habe mich aber schließlich völlig dagegen entschieden, weil es mir musikalisch nicht gefällt. Was ich aber aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist wirklich das Legato, das heutzutage in der Ausbildung viel zu kurz kommt. So gesehen bin ich wirklich Puristin. Bis ins 19. Jahrhundert war der Gesang immer schon Vorbild für die musikalische Gestaltung auch bei den Instrumentalisten. Die Musik des Mittelalters ist ohne die Technik des Legato-Singens nicht möglich. Während meiner Zeit in London habe ich parallel auch immer Projekte in Köln gemacht, dann vor allem im Bereich der Barockmusik. In der Zeit lernte ich auch Barbara Thornton kennen, die Gründerin des Ensembles Sequentia, und somit auch mittelalterliches Repertoire. So bin ich nach und nach in dieses Repertoire reingewachsen. Nach dem Tod von Barbara Thornton habe ich dann die Frauenschola Ars Choralis Köln gegründet, ergänzt um das kleinere Ensemble Ala Aurea.

Als Netzwerk werden wir oft gefragt, was denn nun genau Lied ist, welche Musik denn in diese Gattung gehört. Sie sind ja selber kaum noch im klassisch-romantischen Kunstlied tätig – gehört die Alte Musik Ihrer Meinung nach auch in die Liedwelt?

Ja, unbedingt. Ich denke, man sollte gerade in Deutschland nicht vergessen, dass wir eine extrem lange Liedtradition haben, die in der Tat bis ins Mittelalter reicht. Es wurde sehr lange einstimmig gesungen und es war immer schon ein Bedürfnis der Menschen, sich in einfachen Melodien auszudrücken. Auch das romantische Kunstlied hat dort seine Wurzeln. Hinsichtlich der Ausbildung ist das Lied die Kür eines jeden Sängers und erfreut sich auch zunehmender Beliebtheit. Wenn es nach mir ginge, dann sollte sich jeder Sänger zumindest im Studium auch mit dem Mittelalterlied beschäftigen. Hier ist die Rhetorik besonders wichtig und es ist so gut wie nichts vorgegeben bzw. ausgeschrieben, so dass der Sänger die Linien gestalten und somit auch den Sinn des Textes festlegen muss.

Sie bezeichnen sich selber als Trobairitz. Können Sie uns diesen Begriff erklären?

Trobairitz ist das weibliche Pendant zum Troubadour und kommt von „trovare“, finden. Man muss sich das so vorstellen, dass im Mittelalter in der Regel die einstimmige Musik nicht schriftlich fixiert wurde, sondern man hatte die Texte und arbeitete mit gewissen Skalen und Patterns, aber die Aufgabe eines jeden Troubadours und einer jeden Trobairitz bestand darin, die Musik zu finden. Dies entspricht eher meiner Arbeit, so dass die Bezeichnung Trobairitz besser passt als Sängerin.

Inzwischen sind Sie musikalisch ja auch verstärkt in der so genannten Weltmusik unterwegs, vor allem mit Bassem Hawar. Wie passt das alles zusammen?

Das passt ganz wunderbar zusammen! Bei der einstimmigen mittelalterlichen Musik handelt es sich um modale Musik, also Musik, in der sich die Halb- und Ganztonschritte an anderen Stellen als in Dur oder Moll befinden. Während die modale Musik in Europa irgendwann verschwunden ist, ist sie im Orient geblieben, so dass Bassem und ich gemeinsame musikalische Wurzeln haben. Die Umsetzung der modalen Musik ist ganz anders als westliche Musiker das heute kennen: Sie ist nicht verschriftlicht, denn Musik ist, was wir hören und nicht das Stück Notenpapier. Die Begleitung funktioniert über das Zuhören: wenn ich eine Melodie anstimme, hört Bassem zunächst zu, bis er für sich die Skalen und Patterns erkannt hat und steigt dann begleitend ein. Auf die Art und Weise, wie er das kann und macht, habe ich das noch bei keinem westlichen Musiker erlebt. Wenn wir gemeinsam musizieren, dann ist das wahrscheinlich dem Musizieren im Mittelalter sehr ähnlich. Ansonsten kennt man das heutzutage eher aus dem Fado oder aus dem Jazz auf diese Art und Weise.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Publikum bei dieser ja eher ungewöhnlichen Art von Musik und Interpretationsansatz?

Das Publikum ist immer begeistert, auch wenn es vielleicht nicht im Detail versteht, was gerade auf der Bühne passiert. Als Musiker muss man sich natürlich sehr gut kennen und auch eine gewisse Routine haben, um so musizieren zu können, denn jedes Konzert wird anders. Eigentlich hat unsere Musik somit sogar etwas von ‚zeitgenössischer‘ Musik, weil wir keine notierte Musik wiedergeben, sondern sie jedes Mal neu und anders im Hier und Jetzt entsteht. Das Publikum hat dabei eine sehr wichtige Rolle, weil natürlich die Atmosphäre einen ganz wichtigen Beitrag dazu leistet, dass die Interpretation an dem Abend wird, wie sie wird. Das Publikum muss sich dessen nicht mal wirklich bewusst sein. Dieses Zusammenspiel ist in meinen Augen auch das Wichtigste bei der Musik, denn diese ist schließlich nicht nur für eine Elite da.

Sie sind beim kommenden Kölner Fest für Alte Musik gleich zweimal zu erleben. Können Sie uns noch etwas über die beiden anstehenden Konzerte sagen?

Im ersten Konzert am 10. März führen wir englische Masque von Matthew Locke und Christopher Gobbins auf, „Cupid and Death“, also eine Art Singspiel. In England gab es zunächst keine Opern wie wir das auf dem Kontinent kennen. Stattdessen gab es die englische Masque, die sich am Theater orientiert und eine Art Patchwork-Stück ist mit einer Verbindung von Theater und Musik, wobei je nach Geschmack Dinge rausgekürzt oder auch ergänzt werden konnten. Bei der Aufführung in Köln führt Adrian Schvarzstein Regie, der vom Improvisationstheater kommt. Insofern ist auch jetzt, ca. drei Wochen vor der Aufführung, vieles noch offen. Aber diese Art von Arbeit gefällt mir sehr, weil sie eben sehr viele Freiheiten lässt. Beim zweiten Konzert am 14. März spiele ich mit meinem Ensemble Sanstierce, bestehend aus Bassem Hawar und Dominik Schneider sowie dem Oud-Spieler Saad Mahmoud Jawad als Gast. Den Titel „O Jerusalem“ haben wir zwar bereits im letzten Jahr festgelegt, jedoch ist er natürlich im Moment wieder ganz besonders aktuell. Wir versuchen, in unserer Musik die Geschichte von Jerusalem aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, mal aus Sicht der Kreuzritter, dann der Sicht der verlassenen Frauen und natürlich auch immer das menschliche Leid, Tod und Verwüstung. Zwischendurch machen wir auch einen Abstecher nach Andalusien, wo ebenfalls die verschiedenen Religionen und Kulturen aufeinanderstießen, hier aber ein anderer Verlauf zu beobachten war. Auch wenn das Programm vergleichsweise politisch klingt, so wollen wir doch auf einer emotionalen Ebene bleiben und hoffen, dass jeder Besucher nach dem Konzert mit einer ganz persönlichen Geschichte nach Hause geht. Die modale Musik unseres Ensembles ist hierbei die Brücke zwischen den Kulturen und Religionen und zeigt, dass wir trotz aller Unterschiede viel voneinander lernen können und die Musik etwas ist, was uns verbindet.

Ich denke, das ist ein guter Schlusssatz. Dann bin ich gespannt auf die Konzerte und bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führte Verena Düren.