Archiv der Kategorie: Interviews

Michael Gees – Wie klingt die Welt?

Michael Gees – Wie klingt die Welt?

Herr Gees, Sie beschäftigen sich viel mit extemporierter Musik. Damit sind Sie in der Klassik-Welt einer unter Wenigen. Weshalb ist das so? Warum scheuen sich die Leute vor Improvisation, und warum ist die klassische Musik so streng strukturiert?

Ich glaube, wir haben uns angewöhnt, unserer menschlichen Evolution zu misstrauen. Wir können uns unsere positive Wirksamkeit nicht vorstellen. Dabei erzeugt alles, was wir denken und tun, Resonanz, Zweckmäßiges und natürlich auch Unnützes. Es wirkt sich vielleicht nur homöopathisch aus, wenn ich meinen kleinen Finger krümme, aber es wirkt, auch in Bangladesch.

Wenn wir nun mit der Bequemlichkeit brechen, nichts bewirken zu können, dann sind wir auf einer Mission. Dann sind wir es, die – was auch immer – veranlasst haben und verantworten müssen. Stellten wir uns beispielsweise der ‚klassischen‘ Musik auch als einer Herausforderung an unsere Phantasie, stünden wir plötzlich in schöpferischer Verantwortung, gleich den bewunderten Heroen der Klassik. Und das macht uns Angst. Es ist eigenartig, dass wir uns die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zutrauen, aber skeptisch bleiben in Bezug auf die Frage, ob wir die geistige Höhe Beethovens erreichen geschweige denn übertreffen könnten.

Wie funktioniert Improvisation bei Ihnen? Haben Sie ein gewisses Konzept, nach dem Sie improvisieren, oder ist es ein völlig freier Prozess?

Hätte ich ein Konzept, wär’s keine Improvisation. Andererseits gibt es für die gewissermaßen gebundenen Improvisationen meiner auf CD erschienenen Soloprogramme Vorbilder, wie etwa das ‚Cantare supra librum‘, eine in der Renaissance gebräuchliche Praxis des ‚Singens über dem Buch‘. Dabei wurden die Nebenstimmen zu einem gegebenen Cantus firmus spontan hinzuerfunden. Die Sänger verwandelten auf diese Weise das, was sie sangen, sie machten es zu ihrer eigenen Sache. Und darum geht es mir ja auch: zu werden wie das, was ich spiele.

Da ist zunächst einmal nichts.

Völlig frei, zumindest zu Beginn, ist Improvisation, wenn niemand im Saal weiß, was jetzt klingen will. Und wenn wir zum wissenden Feld werden, eben weil wir nichts wissen. Wenn ich wähle, was ich hören will. Und die Mitwirkenden, die wir ganz fälschlich „Publikum“ nennen, fassen das Gehörte individuell auf. Wenn wir also die Improvisation gemeinsam entwickeln, aus Gegenseitigkeit und Verständnis. Wenn etwas entsteht, worauf niemand von uns allein gekommen wäre, was zuvor niemand hätte wissen können: das ist freie Improvisation.

In vielerlei Hinsicht ist kein Unterschied zum Komponieren: da ist zunächst einmal nichts. Und dann die Wahrnehmung, dass das Nichts nicht nichts ist. Sondern belebt ist, voller Tongestalten. Und, kaum, dass eine Idee über die Schwelle tritt, Gestalt annimmt und hörbar wird, es gleich wieder aus ist mit der „völligen“, ungebundenen Freiheit. Es ist sehr erstaunlich, was alles nicht mehr geht, nachdem die ersten Töne aufgeklungen sind. Wie die Idee zur Spielregel wird, nach der sich alles Weitere richtet. Wie beispielsweise ein Text so etwas wie eine Wegweisung ist. Wie durchaus nicht alles geht, wenn ich gemeinsam mit Kollegen einen Text vertone, ein Lied erfinde.

Wie kann man sich diese Weisung vorstellen, die ein Text Ihnen vorgibt?

Der Text weiß, wie er vorgetragen werden will. Jedes Gedicht hat seine Melodie, wie überhaupt alles Lebendige eine Musik hat. Gedanken pulsieren in die physische Welt hinein und resonieren als Musik. Umgekehrt resoniert Musik in der geistigen Welt als Gedanke. So können Wort und Musik synästhetisch wechselwirken. Liedkomponisten resonieren natürlich auf ihre eigene Art mit dem Text. Sonst wären ja alle Vertonungen einander gleich oder ähnlich. Aber völlig verschieden sind sie eben auch nicht. An textgleichen Vertonungen lässt sich gut studieren, wie die Musiken verschiedener Komponisten gewissermaßen im gleichen Zimmer, im gleichen geistigen Raum erklingen.

Nicht viele Pianisten setzen einen so großen Fokus in ihrem Schaffen auf das Lied, wie Sie es tun. Wie sind Sie zum Lied gekommen? Und was begeistert Sie an dieser musikalischen Gattung?

Meine beiden Eltern waren Sänger und meine große Liebe zu Studienzeiten war eine Sängerin. Fast alle meine Lieder sind ihr gewidmet. Zum Liedpianisten habe ich also viel natürliche Neigung. Das Geschick dazu, Sänger zu begleiten und sie so gut wie möglich aussehen zu lassen habe ich mir im Laufe der Jahre angeeignet. Aber vor allem bedeutet Lieder begleiten, in Musik denken, tönen und sprechen zu dürfen, das Wort geleiten auf seinem Weg zum Verständnis. Das fließt im Lied wunderbar zusammen. In der Oper wird die Textdichte eines Liedes ja nur ganz selten erreicht. Das Lied denkt. Und das gefällt mir. Dazu habe ich beizutragen.

Herr Gees, warum brauchen wir in dieser technologisierten und digitalisierten Welt heutzutage überhaupt noch Musik? Welchen gesellschaftlichen Beitrag leistet Musik?

Vor allen Dingen leistet sie den, dass sie es ist, die – neben anderen Künsten – einen gesellschaftsbildenden Beitrag leistet; die Digitalisierung tut das ja eben gerade nicht. Musik ist nach meinem Verständnis geradezu ein Hörbild der Gemeinschaft, die Idee des Miteinanders schlechthin. Unisono, Heterophonie, Kontrapunkt, Harmonie und Dissonanz bis zu ihrer Auflösung ins weiße Rauschen: Musik ist die Harmonia Mundi, die Integration des Tönenden. Und Musik kann etwas Einzigartiges: Gleichzeitigkeit. Wenn wir gleichzeitig reden, verstehen wir einander nicht. Wenn wir gleichzeitig musizieren, können wir uns und andere als unterschiedlich beitragend erkennen und wahrnehmen, einander begegnen und in Beziehung gehen. Die Parallelität unseres Tuns stört uns nicht nur nicht sondern ist uns im Gegenteil geradezu ein Erkenntnisinstrument.

Musik wirkt in einem gemeinschaftsbildenden Konzert

Musik ist hörbares Miteinander. Musiker bilden zusammen mit dem „Publikum“ ein Stellvertreterfeld für das, was sie mit in den Raum nehmen und in Musik erleben. In der Fülle ihrer Beziehungen zueinander und zum Weltgeschehen sind sie Repräsentanten der Menschengemeinschaft. So wirkt ein in diesem Sinne gelungenes, nämlich gemeinschaftsbildendes Konzert weit über den Saal hinaus, in dem es stattfindet. Und wem das unbescheiden vorkommt: Anspruch und Wirkmächtigkeit der künstlichen Intelligenz sind kaum geringer. Allzu klein dürfen wir von uns nicht denken, wenn wir’s mit ihr aufnehmen wollen.

Das Interview führte Alice Lackner.

© Foto: Hermann und Clärchen Baus, Köln

Zum Konzert „Permamusik – Composing Voices“ am 16.11.2017

„Jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, wird seinen Platz finden“

„Jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, wird seinen Platz finden“

Interview mit der Projektleiterin des Deutschen Musikwettbewerbs Irene Schwalb

Frau Schwalb, Sie sind nun seit drei Jahren Projektleiterin beim Deutschen Musikrat – was hat sich in dieser Zeit verändert?

Wir haben uns bemüht, in den Kategorien etwas zu verändern: wir haben den starren Dreijahresrhythmus aufgehoben und uns an den Absolventenzyklen der Musikhochschulen orientiert. 2018 werden wir erstmalig die Kategorie Lied-Duo und Akkordeon in den Wettbewerb aufnehmen. Außerdem ist mir die individuelle Beratung der Künstler zu Themen wie Selbstmanagement, Karriereplanung und Bühnenmoderation sehr wichtig. Ich freue mich auch darüber, dass wir zahlreiche neue Konzertveranstalter hinzugewinnen konnten, um unseren Preisträgern Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.

Sie haben selbst Bratsche studiert und eine Konzertagentur geleitet. Was reizt Sie persönlich an der neuen Kategorie „Lied-Duo“?

Das Lied-Duo ist mir ein Herzensanliegen. Es ist für mich eine der intensivsten Ensembleleistungen, wie sie auch Streichquartette erbringen. Wir haben 250 Veranstalter im Hintergrund, die Stipendiaten und Preisträger fördern. Dadurch haben wir die Möglichkeit, unzählige Liederabende in der gesamten Bundesrepublik ins Leben zu rufen. So nehmen wir auch dem Veranstalter die Hürde, eigenständig Liederabende organisieren zu müssen.

Wie schaffe ich es, ein Netzwerk für ein Duo aufzubauen, ohne dass Sänger und Pianist getrennt gebucht und so auseinandergerissen werden?

Wenn sich ein Duo früh findet, gilt es natürlich, das zu fördern. Bestes Beispiel sind Christian Gerhaher und Gerold Huber. Die beiden bilden ein enges Duo, auch wenn sie mit vielen anderen Künstlern arbeiten könnten. Sie sind einander treu und das ist entscheidend. Ich halte es dennoch für richtig, wenn sich junge Sänger noch nicht fest an einen Pianisten binden, zumal sie selbst noch auf der Suche nach ihrem Weg sind.

Das Lied-Duo ist mir ein Herzensanliegen.

Ich finde es schade, wenn häufig dieselben älteren Pianisten mit aufstrebenden jungen Sängern arbeiten, weil sie diese zu stark in ihrer Eigenständigkeit beeinflussen. Dass ein Duo zusammenbleibt, hängt von vielen äußeren Faktoren ab, ist aber letzten Endes die Entscheidung der Duopartner. Wir als Musikrat können sie dabei unterstützen, indem wir ihnen gemeinsame Konzerte vermitteln.

Es geht dabei auch darum, beständige Karrieren aufzubauen. Besteht Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass der Markt durch die fortwährend steigende Anzahl an Wettbewerben mit neuen Duos überflutet wird? Verdrängt man dadurch bereits bestehende Duo-Formationen?

Nein. Es geht allein darum, Liedkonzerte in die Breite zu erweitern. Ich bin der Überzeugung, dass jeder, der die Qualität und das Durchsetzungsvermögen besitzt, seinen Platz finden wird. Beim Gesang kommt außerdem die natürliche Grenze hinzu. Die Entscheidung darüber, wann man die Gesangskarriere mit zunehmendem Alter beendet und sich neuen Tätigkeitsfeldern zuwendet. Ich glaube, dass da keine Probleme entstehen.

Immer, wenn man etwas wirklich will, wird man sich diesen Weg suchen.

 

Es fällt bereits in den Hochschulen auf, dass der Liedgesang unter den jungen Sängern als Liebhaberei gilt, weil die Möglichkeit, einen Lebensunterhalt zu bestreiten, kaum anders als durch eine Anstellung am Theater besteht. Wie kann ich als Lied-Duo trotzdem über die Studienzeit hinaus aktiv bleiben?

Die Künstler, die das wirklich wollen, tun es. Es ist eine Frage des Entschlusses und der Prioritäten. Auch daher ist es mir wichtig, die jungen Sänger für Vertragsverhandlungen zu coachen. So können sie die Kompetenzen erlangen, ihre eigenen Interessen dem Vertragspartner gegenüber souverän zu vertreten und Bedingungen an das Anstellungsverhältnis stellen. Ich glaube: Immer, wenn man etwas wirklich will, wird man sich diesen Weg suchen. Gerade ein Sänger muss lernen, sich geschickt zu vermarkten – er hat ja auch mehr Zeit dafür als ein Instrumentalist, weil er nicht so viele Stunden am Tag üben kann. Dazu müssen die Hochschulen auch während des Studiums ihren Beitrag durch kompetent geführte Seminare leisten.

Gehen junge Musiker mit einer falschen Vorstellung aus der Hochschule ins Berufsleben?

Klar! Gerade bei den Professoren liegt hier eine große Verantwortung, nah am tatsächlichen Leben zu sein. Das ist schwierig, weil viele Professoren aus früheren Generationen stammen, in denen viele Dinge noch ganz anders abliefen.

Es ist gut zu hören, dass sich der Deutsche Musikrat dieser Problematik bewusst ist und die jungen Künstler dahingehend vorbereitet. Man hört immer wieder von der Sorge, der Liedgesang sei vom Aussterben bedroht. Brauchen wir andere Formate als den des klassischen Liederabends? Brauchen wir neue pädagogische Konzepte, um ein junges Publikum zu begeistern?

Es gibt natürlich die „Lied-Inseln“ wie die Wigmore-Hall oder die Schubertiade in Schwarzenberg oder erfolgreiche Lied-Reihen in Zürich oder Dresden. Das Problem, dass Konzerte abseits dieser Zentren nicht genügend Zuspruch durch die Publikumszahlen erhalten, ist ein Problem der Klassik überhaupt, nicht nur des Kunstliedes. Ich glaube nicht, dass sich das mit neuen pädagogischen Konzepten lösen lässt. Das ist natürlich sehr subjektiv – ich möchte gerne nach wie vor in den klassischen Liederabend gehen.

Ich habe keine Sorge um das Aussterben des Liedes!

 

In kleineren Städten halte ich moderierte Konzerte und abwechslungsreiche Programme, die nicht nur aus großen Zyklen bestehen, aber für eine gute Alternative. Ich habe keine Sorge um das Aussterben des Liedes! Wenn die Konzerte nicht gut verkauft sind, müssen die Sänger auch lernen, mit entsprechend niedrigeren Gagen umzugehen. Das ist bei Instrumentalsolisten und Kammermusik-Ensembles nicht anders.

Gestatten Sie eine provokante Frage: Werden durch immer mehr Wettbewerbe und zu vermittelnde Preisträger dann die Preise nicht noch weiter „kaputt“ gemacht?

Es ist natürlich immer eine Sache von Angebot und Nachfrage. Aber es kann ja auch nicht die Schlussfolgerung sein, zu sagen: Ich mache keine Wettbewerbe mehr, damit keine neuen Musiker auf den Markt kommen. Es wird auch durch Wettbewerbe keine schlagartige Schwemme von Duos geben. Das wird sich verteilen, darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Wenn ich als Veranstalter einen Liederabend organisieren will, dann schaffe ich das auch. Dann muss ich mir Sponsoren organisieren, die den Liederabend oder die Liedreihe unterstützen. Da sitzen Veranstalter, Agent und Künstler alle in einem Boot.

Mich interessiert Ihre Vision – wohin geht es mit dem Kunstlied?

Ich habe das Gefühl, dass wieder mehr neue Liedkompositionen entstehen. Ich glaube, dass sich auch die Sänger zunehmend der Neuen Musik öffnen und sich für das Liedschaffen des 21. Jahrhunderts begeistern. Die Liedpianisten sind dafür schon seit langem sehr sensibel und animieren Komponisten dazu, Lieder zu schreiben. Wenn man mit Komponisten wie Trojahn, Reimann oder Rihm spricht, sagen alle, dass sie das Schreiben von Liedern nicht missen möchten. Ich bin der Überzeugung, dass sich dahingehend viel bewegen wird!

Dessen bin ich mir sicher – und danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Ab 2018 gibt es eine neue Kategorie: Liedduo-Wettbewerb beim Deutschen Musikwettbewerb / BAKJK
des Deutschen Musikrats.

Das Interview führte Eva Nesselrath.

Deutscher Musikwettbewerb / BAKJK des Deutschen Musikrats

Interview mit Elisabeth Menke

Wenn ich den Tag mit Musik beginne, fühle ich mich als klingende Person

Musik als Alltagsgegenstand – Gespräch mit Elisabeth Menke

Frau Menke, wie sind Sie zum Gesang und zum Lied gekommen?

Ich komme aus einer Musikerfamilie, in der quasi immer gesungen wurde. Wir haben alle umeinander ständig musiziert und dazu gehörten immer auch Lieder, sei es nun, dass ich selber sang oder begleitet habe. Für uns war Musik ein Alltagsgegenstand: wenn wir morgens aufstanden, wurde zuerst musiziert. Wir sind sieben Geschwister und wir haben die Instrumente im Prinzip unter uns aufgeteilt – wer zuerst am Klavier saß, spielte eben Klavier. (lacht)

War denn der Gesang Ihre erste Wahl?

Ich habe zwar durch das familiäre Umfeld und weil es sich von selbst ergeben hat, immer auch gesungen, aber geübt habe ich immer nur Violine und Klavier. Ich habe zunächst auch keinen Gesangsunterricht gehabt. Lieder gehörten für mich immer in den Bereich der Hausmusik und ich habe zunächst gar keinen Gedanken daran verschwendet, ausgerechnet den Gesang zum Beruf zu machen. Bei uns war es selbstverständlich, dass jedes Kind zwei Instrumente lernte. Das wurde auch nicht in Frage gestellt, weil wir es ja alle so machten.

Das klingt aber eher nach unheimlich viel Disziplin und nicht unbedingt nach einer freien Entscheidung.

Von außen betrachtet, mag das so wirken, allerdings haben wir es nicht so empfunden. Und ich denke auch heute, dass dieses Ritual, den Tag mit Musik zu beginnen, ein sehr guter und schöner Einstieg war und bis heute ist. Ich versuche auch heute noch, den Tag nach Möglichkeit so zu beginnen, am liebsten mit Improvisationen. Man kommt mit sich selbst in Kontakt, begibt sich gleich zu Beginn des Tages in Klangräume und erlebt sich selbst als klingende Person. Für mich fühlt sich ein solcher Tag völlig anders an.

Elisabeth Menke: Selbstporträt als Kind

Wie hat es sich dann ergeben, dass Sie letzten Endes auch Gesang studiert haben?

Meine Mutter ist Sängerin und ich wurde damals quasi ins kalte Wasser geworfen, indem ich ihren Platz in einem Meisterkurs bei der Akademie Wort und Musik einnahm. Daraus ergaben sich die ersten Gesangsstunden und auch schon sehr schnell die erste Teilnahme bei Jugend musiziert. Obwohl ich in damals schon von einem Juror als „ungeschliffener Diamant“ bezeichnet wurde, war der Weg zum Studium nicht ganz direkt. Ich denke, es war noch zu früh für mich, ich war noch nicht bereit dafür, mich solchen Dingen wie Liedtexten und Improvisation auszusetzen.

Ich habe sehr hart für mein Gesangsstudium arbeiten müssen

Ich versammelte dann zunächst alle meine Hobbys und habe dann Schulmusik mit Hauptfach Violine studiert. Nebenher machte ich weiterhin zahlreiche andere Dinge, viel Kammermusik, Klavier-Improvisation und sogar Popmusik. Der Weg zum Gesang war also alles andere als gradlinig – ich musste sehr hart dafür arbeiten, Gesang studieren zu können. Schließlich stellte Klesie Kelly-Moog, Professorin in Köln, die alles entscheidende Frage, nämlich was ich wirklich will.

Und was wollten Sie?

Ich wollte gerne eine intime Form der Professionalität, von Klang und hinsichtlich der Zusammenarbeit. Daraus ergab sich schnell als Antwort der Liedgesang. Außerdem liebe ich das Unterrichten, denn ich liebe es, wenn Klänge zusammenkommen, wenn etwas stimmig ist.

Was fasziniert Sie so am Lied – abgesehen von der Intimität der Gattung?

Ich interessiere mich sehr für Lebenswirklichkeiten und gerade bei der Gattung Lied fließen gleich mehrere Lebenswirklichkeiten ineinander: die des Dichters, des Komponisten und des Interpreten. Ich versuche, möglichst vorbehaltlos an die Musik heranzugehen. Die Musik bewirkt etwas: es tut gut, zu sehen, dass jeder mit Krisen zu kämpfen hat und wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten damit umgegangen sind, welche Bewältigungsstrategien es also gibt und gab.

Dadurch entsteht auch im Konzert eine tiefe Verbundenheit, denn die Phänomene bleiben immer gleich. Gerade das Lied kann so viele verschiedene Dinge ausdrücken und oft findet man in einem Werk sowohl große Heiterkeit als auch Melancholie. Die Nuancen sind dabei sehr fein und nicht bloß schwarz-weiß. Vor allem sind viele Werke mit mir gemeinsam gewachsen, also auch die eigenen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten fließen ein. Das sind alles wichtige Gründe für mich, weshalb in meinen Augen die Kunstform Lied möglichst oft zu hören sein sollte und nicht verloren gehen darf.

Sie sind künstlerische Leiterin der Reihe „Voice & Lunch“ im Rautenstrauch-Joest-Museum. Was steckt hinter diesem Titel?

Ich habe gemeinsam mit meiner Kollegin Eva Trummer am Ende des Studiums Wirkungsmöglichkeiten für uns Sänger gesucht. Für uns war es besonders wichtig, eigene Ideen, eigene Werke einbringen zu können. Es sollte also nicht alles von außen, von einem Veranstalter vorgegeben werden.

„Voice & Lunch“

Das führte uns schnell zu der Idee einer eigenen Reihe, die wir gemeinsam mit der Volkshochschule im Rautenstrauch-Joest-Museum schließlich umsetzen konnten. Dabei haben wir uns immer gefragt, wen wir gut finden und wer beispielsweise am Ende des Studiums steht. Inzwischen können wir mit einem gewissen Stolz sagen, dass einige der Sängerinnen und Sänger, die bei uns aufgetreten sind, inzwischen renommierte Künstler sind.

Das Format von 30 Minuten in der Mittagszeit zieht ganz anderes Publikum als ein regulärer Liederabend. Es sind Menschen, die sich bewusst aus der Arbeit heraus für eine kurze Auszeit entscheiden und die auch das Erleben von Live-Musik schätzen. Inhaltlich versuchen wir, immer einen roten Faden vorzugeben, so hatten wir beispielsweise ein Konzert zu Schwellenmomenten im Leben, einen mit Totenmusik und ähnlichem. Für die Zukunft wünsche ich mir eine stärkere Verbindung zwischen den aktuellen Ausstellungen im Museum und der Musik. Ich hoffe sehr, dass sich das in der Zukunft so entwickeln kann.

Zum Konzert „Voice & Lunch“ am 19.9.2017

Zum Konzert „Nacht und Träume“ 15.10.2017

Zum Konzert „Come Again“ am 21.10.2017

Das Interview führte Verena Düren.
© Photos: Elisabeth Menke

Schuberts „Winterreise“ war der Auslöser – Gespräch mit Anna Herbst

Die Natur und das Leben in der Natur schenken Erfahrungen, die sich dann auf der Bühne wiederholen.

Schuberts „Winterreise“ war der Auslöser – Interview mit der Sopranistin Anna Herbst

Wir haben Sie gerade mit den „Liedern in Bildern“ von Markus Schönewolf hier im Bahnhof Belvedere gehört, einem Projekt, das für Sie völlig neu war. Wie kam es denn dazu, dass Sie sich auf das Wagnis eingelassen haben, eine Stunde Neue Musik in nicht einmal sechs Wochen einzustudieren?

Ich habe das eigentlich schon öfter gemacht. Ich bin mit Neuer Musik groß geworden, so dass sie mir auch recht vertraut ist. Ich arbeite sehr gerne mit Komponisten zusammen, die noch leben. Als Sabine Krasemann mich für dieses Projekt ansprach und mir die Noten zusandte, gefiel mir die Musik von Markus Schönewolf auf Anhieb sehr gut, sehr gesanglich und es schien mir für mich zwar anspruchsvoll, aber durchaus machbar zu sein. Andernfalls hätte ich das Projekt auch zugesagt, mir jedoch mehr Zeit erbeten.

Die „Lieder in Bildern“ sind aus dem Wandern heraus entstanden – welchen Bezug haben Sie zum Wandern?

Ich würde es zwar nicht richtig wandern nennen, aber ich gehe sehr gerne spazieren. Ich liebe den Kontakt zur Natur und beim Spazierengehen wird man zu einem Teil der Natur. Wahrscheinlich auf eine Art und Weise, wie man es sonst kaum erfahren kann.

Gerade das Kunstlied ist zumeist sehr stark von den Naturbildern geprägt, die wiederum für innere Vorgänge stehen – denken Sie, dass eine gewisse Naturverbundenheit Ihnen als Sängerin bei der Interpretation hilft?

Ja, unbedingt! Das Singen auf der Bühne ist eine Wiederholung des eigenen Lebens bzw. eigener Erfahrungen. Die Natur und das Leben in der Natur schenken Erfahrungen, die dann auf der Bühne noch einmal wiederholt werden. Was man nicht zumindest in der Vorstellung erlebt hat, kann man auch nicht überzeugend interpretieren. Natürlich muss man nicht jede Erfahrung selber gemacht haben, aber man muss zumindest in der Lage sein, sich bestimmte Dinge vorzustellen.

Was war Ihre erste Begegnung mit der Gattung Lied und wann?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern! Es ist ungefähr 20 Jahre her und meine Mutter hatte mich in die Kölner Philharmonie mitgenommen, wo Matthias Goerne die „Winterreise“ sang.

Schuberts Musik traf genau meine Gedanken und Gefühle

Das war für mich der Grund, Sängerin zu werden: Dieses Konzert hat mich emotional völlig mitgenommen. Ich saß dort, heulte fast das ganze Konzert und dachte mir nur: „Was macht der Mann da auf der Bühne mit mir?“ Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, diese Gefühle, von denen Goerne da sang, genau zu kennen. Nur hatte ich es als Kind nie geschafft, dies in Worte oder Töne zu fassen. Ich fühlte mich so verstanden – Schuberts Musik traf genau meine Gedanken und Gefühle, nur war ich nicht in der Lage, es auszudrücken. Von dem Abend an war für mich klar, dass ich das auch machen würde.

Sie haben sich aber nicht nur für die Laufbahn als Sängerin entschieden, sondern auch für den Werdegang der freien Sängerin, was natürlich gewisse Risiken birgt. Wieso also diese bewusste Entscheidung?

Meine Stimme ist sehr vielseitig und ich mag das ganze Breitenspektrum, das sich mir durch meine Stimme bietet. Ich genieße es, diese Vielfalt und Flexibilität zu nutzen, die mir zu eigen sind. Natürlich birgt das auch gewisse Risiken – man hat natürlich kein festes Gehalt und muss physisch und psychisch sehr auf sich achtgeben.

Sie widmen sich gerne sowohl der Alten als auch der Neuen Musik – was fasziniert Sie an den beiden Zeitabschnitten, was verbindet und was unterscheidet sie?

Beide Zeitabschnitte faszinieren mich sehr. Die Zeitgenössische Musik kommt von Menschen, die dieselbe Welt erleben wie ich. Das macht die Musik so unmittelbar und authentisch.

Seelenverwandtschaft trotz zeitlichen Abstands

Ich empfinde es so, dass meine Wurzeln in der Alten Musik liegen. Hier geht es um Situationen und Emotionen von Menschen, die vor langer Zeit gelebt haben. Und trotz des Abstands fühle ich mich diesen Menschen, ihren Werten und ihrem Menschenbild sehr verbunden und empfinde es als eine Art Seelenverwandtschaft. Unser Blick auf die Welt ist ähnlich und ich freue mich sehr, dass es damals Menschen gab, die eine ähnliche Sichtweise hatten wie ich heute. Wenn ich Alte Musik interpretiere, hole ich diese Weltanschauung in die heutige Zeit.

Sie sind auf der Opernbühne und als Konzertsängerin zu erleben – was fasziniert Sie an der Gattung Lied?

Das Lied ist im positivsten Sinne relativ alltäglich. Das Lied ist für mich die menschlichste und direkteste Art des Gesangs, was man ja auch schon daran sieht, dass das Lied auch der Form nach recht einfach gestaltet ist. Hinzu kommt meine große Liebe zur Lyrik. Ich habe immer schon gerne Lyrik gelesen – für einen dicken Roman bin ich viel zu ungeduldig (lacht). Es ist die höchste Kunst, wenn man Wesentliches in einer kurzen Form wie zum Beispiel in einem Gedicht oder einem Lied ausdrücken kann. Und für mich ist das Lied eine besonders schöne Art, mit wunderbarer Lyrik umzugehen.

Sie sind in Bensberg geboren und haben in Köln und Lübeck studiert. Haben Sie für sich den Eindruck, dass es eine besondere Verbindung zwischen dem Lied und dem Rheinland gibt?

Die inhaltlichen Verbindungen sind ja ganz offensichtlich – denken Sie bloß an die zahlreichen Vertonungen von Rhein-Gedichten oder auch Texten von Heinrich Heine. Ich habe einmal ein ganzes Programm zum Thema Loreley konzipiert und durfte einen Liederabend im Beethovenhaus geben mit Liedern von Beethoven, begleitet auf seinem Hammerklavier. Grundsätzlich finde ich – gerade wenn ich das Rheinland zum Beispiel mit Lübeck vergleiche –, dass die Rheinländer schon eine besonders gesangliche Sprachmelodie haben. Vielleicht liegt ja bereits hierin eine Affinität der Rheinländer zum Singen und zum Lied.

Das Interview führte Verena Düren.
© Photos: Anna Herbst, Photograph: Chara Kyriasoglou

Zum Bericht über die Konzerte im Bahnhof Belvedere am 10. und 11.8.2017

Hobby-Pianisten gesucht!

Hobby-Pianisten gesucht!

Eine Spurensuche mit Ainoa Padrón und Peter Bortfeld

Ainoa berichtet von einer Sängerin und einem Pianisten, die es zusammen mit einem Kunstlied versuchen wollten, weil sie es auf einer Hochzeit singen wollten, aber „die haben keinen Spaß daran, weil es einfach nicht klappt. Der Pianist spielt das so wie er es spielt und er erwartet Sachen von ihr und sie von ihm, aber sie können das nicht richtig miteinander kommunizieren, weil sie keine Profi-Sängerin ist und er nicht, weil er keinen Kontakt mit Sängern hat. Da habe ich auf die Schnelle ganz plakativ und grob versucht zu sagen, was die Sängerin braucht, aber der Pianist hatte einfach kein Empfinden dafür, wie eine Stimme funktioniert.“ – Peter: Jaaa – selbst wenn einer nur Klavierunterricht bekommen hat, sollte er trotzdem, auch wenn er nicht mit Bläsern oder Sängern zusammengespielt hat einmal etwas von „Atmen“ gehört haben. (lacht)

Es braucht schon eine Menge Routine, um auf einen Sänger eingehen zu können, an einem Tag beeilt er sich vielleicht und an einem anderen ist er nicht so gut drauf und da warte ich dann eben einen Moment. Um das zu durchschauen muss man Liedbegleitung schon eine ganze Weile machen. (Peter)

Es ist auch eine wichtige Frage, wo man denn anfängt: nur beim Pianisten oder auch bei dem Sänger? Das Bewusstsein muss sich nicht nur bei den Pianisten ändern, sondern auch bei den Hobbysängern. Ganz viele Sänger haben große Ambitionen und schnappen sich einen Bekannten, der Klavierunterricht hat, um mal eben ein Lied durchzusingen. Aber dem Sänger ist oft nicht klar, was der Pianist für eine Aufgabe hat. Und Sänger erwarten dann einfach, dass es flutscht und zusammen klappt und wunderbar.

Ich denke, daher wäre es auch wichtig dem Sänger beizubringen, was der Pianist leisten muss. Da schließt sich ein Kreis, denn der Sänger übt ja alleine. … In der Gesangsunterricht-Situation ist das total anders. Der Gesangslehrer weiß schon Bescheid und wartet an bestimmten Stellen … (Ainoa)

„… ja, die Sänger alleine – da ist ein weites Feld für die Balance zwischen alles richtig machen und sich ausdrücken, wirklich was erzählen“, (Peter) „… das ist schon sauschwer und so viel – und dann noch wissen, was das Klavier beisteuert! Dann kommt die Reflexion dazu, dass es so vielleicht gar nicht funktioniert was man wollte, weil man plötzlich zu zweit ist und dann muss man gemeinsam umplanen.“ (Ainoa)

Aber wie kommen wir da nun heraus aus der Nummer? Es scheint ja mehrere Ansätze zu geben, um Hobbypianisten zu finden.

Das Ding ist halt – von der komplexen Aufgabe am Klavier als Laie etwas zu packen. Und sich dann noch darauf einzulassen, dass man mit jemandem zusammen musiziert. Auf der Grundlage dachte ich, es wäre schön kleine kurze Übungen zu entwickeln: Ein paar Takte aus einem Lied herauszuschneiden. Also nicht die Leute gleich den ganzen Klavierpart lernen lassen, sondern sie „unterfordern“. (Peter)

Wir müssen den Pianisten die Möglichkeit geben mehr wahrzunehmen als ihr eigenes Ding und ihnen etwas geben, wo sie plötzlich erkennen, worum es geht und dann sagen, ach so – das ist ja nichts und dann bekommen sie Spaß an der Sache. (Ainoa)

Wir reduzieren auf eine einzige kurze Phrase

Konkret könnten wir eine Phrase vom Sänger nehmen (singt) „Sah ein Knab ein Röslein steh’n …“, aber nicht mit Originalbegleitung, sondern hier ein Akkord … da ein paar Akkorde … … … ein ganz kleiner Ausschnitt, ganz reduziert. So kann der Pianisten erfahren, was es eigentlich bedeutet diesen Klavierpart mit dem Sänger zu spielen. Es wäre spannend, in kleinen Teams solche Mini-Aufgaben spielt. (Peter)

„… und dann singt der Sänger die Phrase darauf, mal schneller, mal langsamer und der Pianist hängt sich dran …“ (Peter) „… und dann hört der Pianist vielleicht, jetzt stirbt der Sänger gerade und er macht weiter!“ (Ainoa)

Wenn die Hobbypianisten das schaffen, dann steigt auch das Selbstvertrauen und dann können sie wahrscheinlich schon in ein kleines Lied einsteigen. Ach es ist so spannend! Darüber hinaus die Noten zu erwischen, ihnen eine Farbe zu geben, oder drei verschiedene Farben für drei Strophen, das haben die Pianisten alle noch nie gemacht, die sind froh, wenn sie irgendwie durchkommen in so einem Lied. (Peter)

Variieren lernen im Strophenlied

Ja, da wäre so ein Schubert’sches Strophenlied super. Wenn ein Pianist wirklich Spaß hat ein Strophenlied mit einem Sänger zusammen zu gestalten, fände ich das als Einstieg spannend. Zu sehen, wie man mit wirklich wenigen Mitteln die Strophen unterscheiden lernt und wenn dann noch der Sänger dazukommt, den man begleitet, dann hat der Pianist wirklich verstanden worum es geht. (Ainoa)

Da könnten die kleinen Aufgaben über die wir eben gesprochen haben wunderbar untergebracht werden. „Das Wandern ist des Müllers Lust…“; „Komm lieber Mai und mache…“. „Lied der Trennung“ sind 18 Strophen!!“ (Ainoa lacht) Ja, und so ein Stück wie „Der Zauberer“ ist eigentlich freundlich, den einen Lauf am Schluss versäbelt man, aber der Rest ist kinderleicht: Ohhh – da habe ich ja jetzt was zu tun! (Peter lacht)

Vier Versionen für vier Strophen zu entwickeln das sollte eigentlich keine neue Aufgabe für den Pianisten sein. Ich bin so erzogen worden, dass ich bei jedem Part überlege, was ich erzähle, wenn ich Klavier spiele. Das versuche ich meinen Klavierschülern zu vermitteln, dass sie sich eine Geschichte ausdenken, damit sie herausbekommen was das Stück ihnen sagt, sie so einen ganz persönlichen Zugang zu ihrem Stück zu bekommen. Es geht nicht darum, dass sie von mir eine Interpretation annehmen, sondern dass sie selbst etwas damit verbinden. Dann bohren wir zusammen, bis die Kinder denken, jaaa da habe ich im Kino mal was gesehen, oder: da war gestern eine Situation, eine ganz spielerische Herangehensweise. Wenn man so aufgewachsen ist in der musikalischen Erziehung ist das eigentlich nicht neu, wenn man verschiedene Strophen verschieden gestalten möchte. (Ainoa)

Verschiedene Interpretationen als Nuancen unterscheiden lernen

Bei der Beschäftigung mit einem Lied lerne ich sowieso viele verschiedene Interpretationen kennen? Wenn ich mir drei Aufnahmen kaufe oder auf Youtube drei Aufnahmen anhöre dann habe ich drei Interpretationen….

Du musst mal ein paar Stufen runterkommen: ich spreche mal von Musikstudenten, zukünftigen Profis, die alle Youtube in der Tasche haben. Die hören zu Hause überwiegend Pop. Die hören sich eine Arie an, wenn sie die lernen sollen, aber nur eine Version und die merken sich auch nicht, wer das dann da singt. Die vergleichen nicht verschiedene Interpretationen, die gehen nicht in klassische Konzerte und in die Oper. Die gehen in die Hochschule und dann nach Hause. (Peter)

Oft engagieren sich hier Laien mehr…. Die kümmern sich mehr (Ainoa)

Ich habe da eine sehr interessante Erfahrung beizusteuern: Der Kulturbeauftragte eines Ortes veranstaltete für Interessierte sechs Abende. Es ging bei dem Abend, den ich nun meine um Beethoven-Interpretationen anhand einer Sonate. Ich habe am Klavier gezeigt wie das Stück funktioniert und dann habe ich Auszüge in verschiedenen Versionen vorgespielt, guckt mal, diesen Anfang spielt Glen Gould so und Arrau so und Walter Gieseke so. Die einhellige Resonanz war: Die sehr neugierigen und engagierten Teilnehmer hatten noch nie im Leben Interpretationen nebeneinander gehört. Sie gingen oft in Konzerte, aber dass es so krasse Unterschiede gibt war bis dahin gar nicht klar gewesen. Die waren sehr dankbar! Ich dachte wow für mich normal, aber für die Leute eine neue Erfahrung… Sich mit verschiedenen Interpretationen zu beschäftigen und wirklich zu recherchieren, das sehe ich in der heutigen Generation völlig bergab gehen.

Da wo es interessant wird, in ein Archiv zu gehen oder auf einen Dachboden…. Verschwindet das?

Ich fürchte schon. Selbst die Fähigkeit Texte zu verstehen, sich aktiv mit Texten zu beschäftigen sehe ich stark bergab gehen. Komisches Deutsch in einer Bach-Arie – die Sänger haben oft nicht den blassesten Schimmer, was sie da singen. (Peter) …. Sie hätten sich selbst damit vorher damit beschäftigen müssen. (Ainoa) … ich glaube ich bin nicht böse genug im Unterricht. (Peter)

Dann gibt es ja noch das Thema der verschieden hohen Fassungen beim Kunstlied…

Verschiedene Tonhöhen spielen – Transponieren, ja! Das ist eine ganz andere Welt, ob ich ein Stück in F-Dur oder in Fis-Dur spiele, abgesehen davon dass die Fingersätze ganz anders gehen. Ich denke, das haben die Pianisten früher oft mehr geübt als heute, daher konnten das vermutlich dann mehr. Die Frage ist, mit welchem Anspruch das damals realisiert wurde. Ob das wohl in Konzertqualität war oder einfach zu Schwieriges weggelassen wurde ist die Frage.

Ich denke das kommt auch auf die Transposition an: Von D nach Des das geht gerade noch, aber andere Wechsel sind wesentlich unangenehmer. Heutzutage kann man zumindest die Noten mit Sibelius bequem in einer anderen Tonart auf die Noten bekommen. Ad hoc umlesen und spielen, weil der Sänger heute indisponiert ist, das heißt „vom Blatt“ etwas in einer anderen Tonart spielen das geht eigentlich nicht. Die Fingersätze sind ja gerade für die pianistisch anspruchsvollen Stellen ganz tief eingespeichert. Da muss ich komplett umlernen, bei einem Wolf-Lied beispielsweise. (Ainoa)

„Wolf Mignon, heute mal einen Ton tiefer….“ (alle lachen)

Da kommt ein Sänger und sagt, „ohh … ich habe eine Fassung entdeckt für mittlere Stimme“, und ich sage: „Ach ja….,“ denn bei solch komplexen Harmonien ist das wirklich alles neu einzustudieren, das ist nicht einfach und braucht auch viel Zeit.

Wenn wir jetzt wieder die Laienpianisten ins Gespräch bringen, der fängt da bei einer Transposition komplett von vorne an, das sind ja ganz andere Fingersätze und das „mal eben“ einen Ton höher oder eine Terz tiefer spielen, das geht gar nicht. (Ainoa)

Hobby-Liedpianisten – eine Spurensuche

Wo findet man denn die Klavierspieler, die schon so gut spielen können, dass es sich lohnen würde, dort mit unserem Experiment zu starten?

Man müsste am besten dort suchen, wo singende Personen schon auftauchen. Bei mir im Dorf gibt es beispielsweise einen Kirchenchor, da sind auch Klavierspieler dabei. Wenn sie in der Probe sind, da bilden sie schon ihre Anker, sehen ihre Stimme und checken auch mit anderen Stimmen gegen. Das ist doch schon einmal ein guter Ansatz. (Peter)

Wenn ich es so recht überlege – bis ein Hobbysänger ein Lied singen kann oder ein Hobbypianist ein Lied spielen kann – das sind ganz verschiedene Voraussetzungen. Das ist vielen Sängern bewusst, dass man da schon eine ganze Menge mehr draufhaben muss, wie Du sagst, wenn dann einer auf der Straße vorbeigeht und das hört, könnte das peinlich werden. (Ainoa)

Dass der Pianist, der da etwas „begleitet“ auch noch was etwas in der Rolle eines Korrepetitors sagt, also etwas zur Interpretation des Sängers oder allgemein zum Zusammenspiel, das ist bei Laienspielern völlig unwahrscheinlich. Ja, ich denke auch, das Sorgenkind ist erstmal der Klavierspieler: aus seiner Erstarrung muss er zu einem zuhörenden Wesen gedeihen.“ (Peter)

Ich habe es selbst auf Festivals erlebt, dass ein Sänger in die Pianisten-Runde fragt, hat jemand Lust mit mir einfach mal ein paar Lieder zu machen – da meldet sich kei-ner! Und hier sprechen wir von der Profi-Ebene. Es gibt schon eine Scheu, wenn man mit der Sängerwelt nichts zu tun hat, anders als mit Instrumentalisten. Ich kann mir vorstellen, dass das bei guten Amateuren noch eklatanter ist. (Ainoa)

Vielleicht könnte man auch durchaus Musikschul-Klavierlehrer oder private Klavierlehrer darauf ansprechen, ob es Schüler gibt, die durchaus Anzeichen haben, hier einmal auf einem Wochenend-Seminar etwas studieren zu können, auch die Szene der professionellen Sänger, die Hobbysänger unterrichten könnten wir ansprechen. Die haben das gleiche Problem! Meine Frau wäre heilfroh, wenn auch nur einmal in der Woche ein Pianist auftauchen würde, der halbwegs etwas vorbereitet hätte, wenn sie Gesangsunterricht gibt. (Peter)

Muss man demnach also auch an die Klavierlehrer herangehen? Aber dann muss der Klavierlehrer ja auch bestimmte Dinge mitbringen, damit er seinen Schüler für ein Kunstlied vorbereiten kann. Er muss ja auch wissen, wie man ein Kunstlied als Pianist einstudiert.

Die Klavierlehrer können es ja selber nicht. (Peter lacht)

Ganz klassische Dinge, oft ganz einfache sind einfach nicht bewusst, viele Klavierlehrer kommen nicht auf die Idee, das Lied in den Klavierunterricht zu bringen…(Ainoa)

Wir sind gefragt, Leute zu finden, vielleicht zehn, die zusagen würden, sich an einem Wochenende für zweimal drei Stunden und gucken mal, „was so geht“. Wir könnten so die Leute näher kennen lernen, lernen wie sie üben, proben und schaffen. Dann könnten wir sagen, okay, nehmen wir uns jetzt für die nächsten Wochen diese zwei Lieder vor, wir geben ein paar Tipps, wo geatmet wird, man sich wird Zeit nehmen müssen, wie man herangehen kann und wir sehen uns in zwei Wochen noch einmal ohne Sänger …. und vielleicht beim dritten Treffen kommt einer dazu der singt. So könnte das Herangehen etwas aufgebaut werden und die Hobbypianisten hätten genug Zeit zu üben. (Peter)

Was ist bei Euch passiert, dass Ihr zu den 2 % der Klavierspieler gehört, die sich für Kunstlied interessieren?

Ich habe bei uns im Dorf mit 15 mit einem Freund, der Cello spielte, und eine spielte Geige. Mit denen habe ich immer mal was gemacht. Und dann gab es da noch einen Sänger …. Als studentische Hilfskraft habe ich dann schon Gesangsklassen begleitet, weil ich das einfach machen wollte. Lieder sind mir am nächsten am Herzen. Da habe ich dann Pech gehabt, dass ich Studienleiter an der Oper wurde, das war nicht wirklich mein Ding. Es ist doch toll, wenn man vom Sänger lernt, wie die Musik atmet und die Farben – meine Güte! Man kann ein Forte nicht einfach nur „reinhauen“, sondern kann es so spielen, dass es mit der Stimme zusammenkommt – schneller kann man gar nicht lernen. (Peter)

Ich konnte Sänger überhaupt nicht leiden, meine Mutter hat viel Klassik gehört und ich mochte alles bis auf Gesang. Ich dachte, ne, da wird so geschrien im Radio und wenn sie eine fremde Sprache gesungen haben, habe ich nichts verstanden. Ich habe das mit dem Text und den hohen Noten in der Oper nicht verstanden. Und dann waren die Sänger in der Oper immer so aufgedreht, geschminkt und laut. Dann kam ich an die Hochschule und es war immer noch so. Dann fragte mich ein Sänger an, magst Du was machen in der Liedklasse. So habe ich als erstes Schumann-Lieder entdeckt und es war eine Freude, auf dem Kammermusik-Niveau mit einem Sänger zu arbeiten! Das war der beste Einstieg mit der Dichterliebe anzufangen – da bin ich einfach hängengeblieben. Dieser erste Sänger hat in seiner Freizeit American Football und so sah der auch aus und mit dem habe ich die Dichterliebe gemacht (lacht). Dann hatte ich einen sehr guten Liedprofessor, Hans Peter Müller in Freiburg, der hat ganz toll mit mir gearbeitet an der Gewichtung und Balance in einem Akkord beispielsweise, wenn man die eine oder andere Stimmführung betonen möchte. (Ainoa)

Das Gespräch am 10. Mai 2017 führten Verena Düren und Sabine Krasemann

Interview mit Boris Radulovic

„Du spielst so Klavier, als ob du singen könntest!“

Im Interview: unser Netzwerkmitglied Boris Radulovic

Herr Radulovic, Sie begleiten schon seit einigen Jahren Sängerinnen und Sänger in der Gattung ‚Lied‘. Dabei ist Liedbegleitung vielleicht nicht das erste, woran ein junger Pianist in seiner Karriereplanung denkt. Meist studiert man ja das Klavierspiel, um später (etwas überspitzt gesagt) große Konzertsäle mit großen Klavierkonzerten zu bespielen. Wie kamen Sie auf die Liedbegleitung?

In gewissem Sinne war das gar keine bewusste Entscheidung von mir. Irgendwie bin ich in meinem Leben immer wieder auf den Gesang gestoßen. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass ich als Kind leidenschaftlich gerne Pavarotti nachmachte. Ich stellte mich ins Wohnzimmer, breitete theatralisch die Arme aus, und schmetterte „O Sole Mio!“

Und dann später, als ich schon an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studierte, kamen immer wieder Sänger und Gesangsprofessoren auf mich zu, die meinten: „Du spielst so Klavier, als ob du singen könntest!“ Wahrscheinlich ist es in diesem Sinne kein Zufall, dass ich jetzt so viel mit Sängern arbeite. Manchmal zieht sich ja so ein roter Faden durch das Leben, den man nicht bewusst planen oder steuern kann …

2014 gab es kein Zurück mehr für mich

Den tatsächlichen ‚Durchbruch‘ für mich gab es dann aber beim Heidelberger Frühling 2014, wo ich als Pianist ausgewählt wurde, zwei Wochen lang intensiv am Lied zu arbeiten – ich glaube, es waren etwa 40 Lieder in diesen zwei Wochen. Das hat mir plötzlich einen wahnsinnigen Ruck gegeben, und ich dachte: „Wow, jetzt gibt es kein Zurück mehr!“

Welche Eigenschaft des Liedes war es, die Sie so begeistert hat?

Der Text, ganz klar! Zur Zeit des Heidelberger Frühlings war mein Deutsch glücklicherweise schon so gut, dass ich mich mit der großen deutschen Lyrik beschäftigen konnte. Das war eine wunderbare Erfahrung für mich: Dadurch, dass jedes Lied eine Gedicht-Vertonung ist, eröffnen sich unglaublich viele zusätzliche Sinn- und Interpretations-Ebenen. Und genau diese Ebenen habe ich, ehrlich gesagt, immer beim Solo-Klavierspiel vermisst.

Können Sie vielleicht ein konkretes Beispiel für diese zusätzlichen Ebenen geben, die sich für Sie im Lied eröffnen?

Der Mensch ist ja ein sehr vielschichtiges Wesen, und manchmal zeigt man – aus welchen Gründen auch immer – nicht diejenigen Gefühle, die man empfindet. Vielleicht lächelt man das Gegenüber an, um Zuversicht zu vermitteln – obwohl man selbst sehr traurig ist. Solche Dinge können im Lied zum Ausdruck gebracht werden.

Gewisse Subtilitäten funtionieren nur durch die Verbindung von Text und Musik

Beispielsweise kann die Komposition eines Liedes im musikalischen Aufbau zunächst fröhlich erscheinen, aber durch einen zweifelnden Text wird genau diese Fröhlichkeit gleichzeitig hinterfragt. Durch die Verbindung von Melodie und Text können also gewisse Subtilitäten und psychologische Tiefen dargestellt werden. Man kann die Tragik einer ganzen Lebensgeschichte in einem Lied innerhalb von kürzester Zeit darstellen. Und das, obwohl die meisten Lieder nur ein, zwei Minuten dauern!

Ist die Kürze von Liedern für Sie eine Herausforderung oder Chance?

In gewissem Sinne beides. Das Lied ist, unter anderem wegen seiner kurzen Dauer, eine extrem anspruchsvolle Gattung. Es erfordert, dass man den Charakter eines Stückes sofort auf den Punkt trifft – da gibt es nicht, wie in einer Solo-Sonate, die Exposition und eine langsame Entwicklung von Motiv und Thema, so dass man sich während des Klavierspiels an die Geschichte annähern kann. Nein, im Lied muss ab dem ersten Ton klar sein, worum es geht, denn es bleibt kaum Zeit für eine Entwicklung. Das bedeutet aber auch die Chance, als Künstler sehr präzise Arbeit zu arbeiten, und sich sehr klar darüber zu werden, was man ausdrücken möchte.

Würden Sie also auch sagen, dass die Liedbegleitung die Art und Weise verändert hat, wie Sie Solo-Werke interpretieren?

Auf jeden Fall! Ich würde behaupten, dass die Solo-Literatur erst durch das Lied für mich so richtig plastisch wurde. Und ich gebe gerne zu, dass ich manchmal über die Art und Weise, wie ich früher an Musik heran ging, lächeln muss. Da ging es so viel um technische Perfektion. Aber wir sind doch keine Maschinen!

Gretchens Herzschlag in der linken Hand

Nehmen wir zum Beispiel die linke Hand in ‚Gretchen am Spinnrade‘ von Schubert. Ein Pianist sieht darin wahrscheinlich zunächst einen typischen Siciliano-Rhythmus, und wird versuchen, diesen möglichst sauber zu spielen. Aber das ist natürlich völliger Quatsch! Es ist ja der Herzschlag vom Gretchen, der da in Töne gefasst wird!

Durch die Arbeit als Liedpianist sehe ich also in bestimmten musikalischen Phrasen jetzt nicht mehr nur – überspitzt gesagt – die Linienführung oder bestimmte harmonische Wendungen, sondern ganz konkrete Bilder, die ich mir oft sogar beim Üben mit einem eigenen Text unterlege.

Hat das Lied also auch verändert, wie Sie Musik generell hören?

Auch das, ja. Man nimmt ein Lied ganz anders in den Alltag mit als reine Instrumentalmusik. Denn während die Instrumentalmusik uns vielleicht eher offen lässt, wie wir sie hören, ob man ein Stück zum Beispiel eher als melancholisch oder traurig oder hoffnungsvoll empfindet, ist die Musik im Lied ganz klar an das Wort gebunden.

melancholisch oder traurig oder hoffnungsvoll

Zum Beispiel: Wenn ich Wolken am Himmel sehe, kommt mir vielleicht die erste Zeile aus ‚In der Fremde‘ von Schumann in den Sinn: „Aus der Heimat hinter den Wipfeln rot, da kommen die Wolken her“. Ein visueller Moment kann also zugleich eine Melodie, einen konkreten Text, eine Stimmung und eine Emotion in mir hervorrufen! Das ist doch unglaublich!

Und immer wieder kommt es vor, dass ein Lied durch seine Kombination von Wort und Ton meine eigenen Gefühle viel besser beschreibt, viel plastischer und konkreter, als ich sie je selbst beschreiben könnte.

Das klingt so, als hätten Sie im Lied tatsächlich Ihre große Liebe gefunden. Aber leider sehen das nicht alle Konzertbesucher so. Tatsächlich gehen vergleichsweise wenige Leute in Liederabende. Woher, glauben Sie, kommt das?

Ich denke, das liegt an einer Kombination von Dingen. Erstens sind die Gedichte von Liedern meist in einer Sprache geschrieben, die wir heute so nicht mehr verwenden würden. Das heißt, man muss sich auf den Text einlassen und ihn vielleicht auch mehrmals lesen, um ihn zu verstehen. Das ist natürlich eine intellektuelle Herausforderung, die Zeit und Kraft kostet.

Hinzu kommt, dass wir in einem Zeitalter leben, in welchem alles immer sehr schnell gehen muss. Kommunikation erfolgt über kurze Textnachrichten, Begriffe werden abgekürzt, wir hetzen von einem Event zum nächsten, und uns bleibt kaum Zeit für uns selbst. Die Leute wollen sich in ihrer Freizeit entspannen und gehen in ein Konzert, um sich vom Alltag abzulenken. Das ist wiederum eine ungünstige Voraussetzung für die Gattung des Liedes, welche Zeit und Konzentration erfordert.

Und zuletzt ist das Lied in gewissem Sinne durch das Wort noch konkreter und präziser in seiner Aussage als die reine Instrumentalmusik. Es zwingt den Zuhörer zu gewissen Bildern und Regungen, und manche Menschen sind vielleicht damit auf den ersten Blick überfordert. Wir sind es nicht mehr gewohnt, so offen und konkret über unser Innenleben zu sprechen.

Aber ich bin davon überzeugt, dass wir genauso sensibel sind wie die Leute früher, als die Lieder geschrieben wurden. Jeder Mensch möchte verstanden und geliebt werden, und das wird sich nie ändern. Es kann so heilsam sein, ein Lied zu hören, wo jemand von genau dem Schmerz singt, den man gerade selbst durchmacht. In diesem Sinne ist das Lied immer auch eine Art Therapie für mich.

Diese Resonanz habe ich übrigens auch immer wieder vom Publikum bekommen. Oft kommen Leute auf mich zu, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Liederabend waren, und die zu Tränen gerührt und – ja, man kann sagen – erschüttert sind! Deshalb denke ich auch, dass der tiefer liegende Grund für schlecht besuchte Liederabende nicht eine generelle Ablehnung gegen diese Kunstform ist, sondern vielleicht eher ein abstraktes Vorurteil, welches wir lösen müssen.

Wie könnten, Ihrer Meinung nach, solche Vorurteile gegenüber Liederabenden abgebaut werden? Wie können wir es schaffen, auch Leute in die Konzertsäle zu bringen, die sich vielleicht zuvor noch nie mit dem Lied befasst haben?

Einerseits kann man Liederabende durchaus ein wenig aus ihrer starren Form lösen, indem man sie zum Beispiel in einen szenischen Rahmen setzt oder mit bildender Kunst kombiniert, etwa mit einer Gemäldeausstellung. Das Auge hört ja bekanntlich mit.

Andererseits glaube ich, dass wir Interpreten noch viel stärker zusammen arbeiten müssen, um zum Beispiel gemeinsame Konzerte zu organisieren, oder neue, kreative Formate zu schaffen. In diesem Sinne empfinde ich Liedwelt Rheinland auch als ein hervorragendes Medium, um genau dies zu erreichen.

Und zuletzt bleibt uns als Künstler die große, verantwortungsvolle Aufgabe, das Lied so ehrlich und offen darzubieten, wie wir nur können. Erst wenn der Funke auf die Leute überspringt und wir sie auf eine unprätentiöse, direkte Art berühren, werden wir das Publikum der Zukunft schaffen und halten können.

Das Interview führte Alice Lackner.

© Photo: Michael Staab

Liedwelt-Link: Boris Radulovic

 

 

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

„Die Gattung Lied interessiert mich besonders, weil sie interdisziplinär ist!

Interview mit Elena Harsányi und Toni Ming Geiger

Am 21. Mai geben Sie einen Liederabend im Bonner Beethovenhaus. Was erwartet den Besucher?

Wir sind beide Bonner und dachten, dass wir auch den großen Sohn der Stadt als Liedkomponisten etwas in den Fokus rücken sollten. Beethoven wurde bis Franz Schubert als der große Liedkomponist seiner Zeit gehandelt. Insofern wollen wir sein Liedschaffen auch in diesem Konzert würdigen.

Das Programm des Abends heißt „Ein Jahrhundert in Wien“ und zeigt die musikalische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis hin zu den Anfängen der Atonalität. Wir beginnen mit Liedern von Beethoven und stellen diese immer wieder späteren Vertonungen von Schubert gegenüber. Dabei haben wir auch einige Doppelvertonungen im Programm, in denen zu hören ist, wie Beethoven und Schubert den jeweils gleichen Text interpretiert und musikalisch umgesetzt haben. Ein sehr bekanntes Beispiel ist Goethes „Kennst Du das Land“ (Mignon), das zweimal zu hören sein wird. Mit den Vier Lieder op. 2 von Arnold Schönberg beschließen wir den Abend und auch das Jahrhundert und begeben uns an die Grenzen der Tonalität.

Grundsätzlich moderieren wir unsere Konzerte auch immer, weil es uns sehr wichtig ist, das Publikum auch über die Moderation mitzunehmen. An diesem Abend wollen wir die Zuhörer mitnehmen nach Wien und sie bekannt machen mit den wichtigsten Liedkomponisten und Dichtern der Zeit wie natürlich Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Matthisson und Richard Dehmel.

Herr Geiger, wie kam es, dass Sie sich für den Weg als Liedbegleiter entschieden haben?

Mich hat das Klavier immer schon fasziniert, weil es so vielseitig ist und ich damit auch auf verschiedene Arten tätig sein kann: solistisch, als Kammermusiker oder eben als Liedbegleiter. Dass ich dabei geblieben bin, war allerdings nicht selbstverständlich, denn nach dem abgeschlossenen Bachelor habe ich mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes zu machen und einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen.

Was wäre die andere Option gewesen?

Ich war an der Cologne Business School und habe mich dort nach dem Studiengang Kulturmanagement erkundigt. Während des Studiums habe ich mich schon im AStA engagiert, außerdem habe ich in einer Gruppe junger Kreativer eine CD eigenständig produziert und ich habe in den Bereich Kulturmanagement reinschnuppern können. 2015 habe ich beispielsweise auch ein Praktikum beim Festival ACHT BRÜCKEN gemacht.

Wieso waren Sie so unschlüssig bzw. warum ist es dann doch das Klavier geblieben?

Am Ende des Bachelor-Studiums hatte ich große Probleme mit dem Allein-Sein eines Pianisten. Gerade über die anderen Projekte habe ich gemerkt, wie gerne ich auch mit anderen arbeite und als Pianist ist man ja doch sehr viel alleine. Die richtige Wahl war dann für mich der Master-Studiengang Liedbegleitung. Ich habe schon vorher mit Sängern gearbeitet und das macht mir große Freude. Außerdem habe ich nun auch selber Gesangsunterricht, was natürlich auch spannend ist, weil ich mich so von zwei Seiten dem Lied nähere und natürlich die Sängerin, mit der ich arbeite, viel besser verstehe.

Wieso konzentrieren sich so wenige Pianisten auf die Liedbegleitung?

Das war natürlich sehr lange Zeit ein Bereich, der als reine Begleitung verschrien war und auch sehr stiefmütterlich angesehen und behandelt wurde. Doch inzwischen sieht man das zum Glück anders, was beispielsweise auch daran zu erkennen ist, dass das Fach inzwischen auch Liedgestaltung heißt. Ab dem „Erlkönig“ und seiner pianistischen Herausforderung ist eigentlich klar, dass es sich bei dem Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt und man im Idealfall auch eine gemeinsame Vorstellung von der Interpretation hat. Ich habe mich immer schon sehr gerne auch mit Literatur beschäftigt und immer schon viel gelesen. Die Gattung Lied fasziniert mich besonders, weil es eine interdisziplinäre Gattung ist.

Frau Harsányi, Ihr gemeinsames Liedduo mit Toni Ming Geiger war ja für ihn ausschlaggebend, um doch beim Klavier zu bleiben und sich auf die Liedgestaltung zu konzentrieren. Wie würden Sie denn als Sängerin das Musizieren im Liedduo beschreiben?

Ich kann nur bestätigen, was Toni gerade schon sagte. Bisher ist es leider noch nicht so sehr verbreitet, dass es sich auch beim Liedduo um zwei gleichberechtigte Partner handelt. Es ist jedoch auch für den Sänger ein ganz großer Unterschied und deutlich zu spüren, wie der Pianist seine Rolle empfindet.

Seit wann musizieren Sie gemeinsam?

Als festes Duo sind wir beim Beethovenfest 2014 zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten. Vorher kannten wir uns aber auch schon über gemeinsame Projekte innerhalb des Projekts Netzwerk Ludwig van B. von Dr. Solveig Palm. Inzwischen bin ich in Saarbrücken, die Distanzen sind also größer geworden, aber Toni ist als Liedduopartner so gut, dass wir auch größere Distanzen bei unserer Zusammenarbeit in Kauf nehmen.

Was lieben Sie am Lied?

Als Sängerin an der Oper kann ich mich nicht verstecken und ich fühle mich – selbst im Ensemble – doch oft sehr einsam. Beim Lied ist das völlig anders. Ich kann meine ganze Persönlichkeit einbringen, dies aber wiederum im Austausch mit jemand anderem. Ich bin in keinem anderen Bereich als Sängerin so frei, erlaube so intime Einblicke und kann so selbständig und kreativ arbeiten wie in der Gattung Lied. Hinzu kommt natürlich noch, dass es stimmlich sehr interessant ist: ich muss feiner arbeiten, flexibler sein und jedes Konzert ist ein Experiment.

Das Gespräch führte Verena Düren.

LiedweltLinks

Toni Ming Geiger
Konzert am 21.5.2017

Weblinks

Franziska Heinzen, Sopran und Benjamin Mead, Klavier

„Es muss fast so sein wie in einer Ehe: Da wird gestritten, aber auch geliebt“

 

Das Interview mit der Gewinnerin und dem Gewinner des ersten Preises des Liedduo-Wettbewerbs Rhein-Ruhr: Franziska Heinzen, Sopran und Benjamin Mead, Klavier, hier zum Nachlesen:

Lieber ist mir ein zwar kleines, aber aufmerksames Publikum als große Massen

Franziska Heinzen: Auf jeden Fall ist das Kunstlied eine „Nische“, aber es gibt so viele Initiativen und Veranstaltungen sowohl mit Arrivierten wie auch mit „rising stars“, das macht durchaus Mut, sich mit dem Kunstlied zu beschäftigen. Mir ist auch ein zwar kleines, aber aufmerksames Publikum lieber als große Massen. Und, ja – die intime Kunstform des Liedes hat definitiv eine Zukunft, gerade auch in unserer Zeit.

Wir verehren die „Klassiker“ wie etwa Franz Schubert als den Liedkomponisten schlechthin

Benjamin Mead: Natürlich sind die „Spätromantiker“, wie sie jetzt hier beim Wettbewerb gefragt waren, also Leute wie Szymanowski, Berg oder Schönberg, großartig und gefallen uns ihre Lieder sehr. Aber ebenso verehren wir die „Klassiker“ wie etwa Franz Schubert als den Liedkomponisten schlechthin ganz besonders. Wir haben aber keine direkte Präferenz, wenn es sich nur um erstrangige Kompositionen handelt,..

Heinzen: …und man darf auch das 20. Jahrhundert nicht vergessen, ebenso nicht das 21. Eine „Nische“ in der Nische wie die Lieder von Lutoslawski, die wir hier beim Preisträger-Konzert präsentiert haben. Diese Musik bietet so viel an neuen Farben und Techniken des Vortrags, die unbedingt dem Publikum bekannt werden müssen, um Ohren und Augen zu öffnen für die Kunst unserer Zeit.

Mead: Weil wir beide das Lied sehr lieben, haben wir ein, wie ich sagen möchte, sehr gesundes Gleichgewicht in unserer Duo-Partnerschaft. Wir schätzen die Meinung des jeweils anderen sehr und hören uns gegenseitig zu. Das geht oft bis in Einzelheiten, wo jeder seine Ideen mit einbringt, wie man bestimmte Details des Textes beipielsweise dem Publlikum am besten präsentieren könnte, oder habe ich jetzt als Pianist zu viel gesagt?

Ich kann ohne Pianisten nichts anfangen, und er auch nichts ohne den Sänger.

Heinzen: Nein! Denn einerseits soll zwar der Pianist nicht zu sehr „auffallen“, aber auch die Sängerin sollte das nicht, denn es ist eben eine Kunst für zwei, und die müssen gleich berechtigt sein: Ich kann ohne Pianisten nichts anfangen, und er auch nichts ohne den Sänger.

Das gibt’s leider oft, dass dies nicht funktioniert. Ich habe auch schon mit vielen verschiedenen Begleitern „experimentiert“ – und jetzt klappt’s mit uns einfach bestens! Es muss – irgend jemand hat das mal gesagt – fast so sein wie in einer Ehe: Da wird gestritten, aber auch geliebt in eben diesem Sinne.

Franziska Heinzen, *1985, Sopran, Schweiz
Benjamin Mead, *1992, Großbritannien

Das Interview führte Gunter Duvenbeck.
Photos: Sabine Krasemann

Stephanie Lesch und Ainoa Padrón, Klavier im Gespräch mit der Liedwelt

„Was mir gut in der Stimme liegt oder wo mir der Text etwas sagt, das singe ich eben gern.“

 

Interview mit Stephanie Lesch und Ainoa Padrón

Das Interview mit den Gewinnerinnen des ersten Preises des Liedduo-Wettbewerbs Rhein-Ruhr: Stephanie Lesch, Mezzosopran und Ainoa Padrón.

Ainoa Padrón: Die Lieder der spanischen Komponisten werden schon viel bei uns in Spanien aufgeführt, aber sobald eine fremde Sprache ins Spiel kommt, tut sich das Publikum damit schwer, aber es wird doch langsam besser, und auch an den Hochschulen finden ja Meisterkurse statt, wobei die klassischen deutschen Lieder sehr hoch geschätzt werden.

Wir wollen das junge Publikum motivieren, Konzerte zu besuchen

Es könnten schon mehr Besucher kommen; vor allem junges Publikum ist schwer zu erreichen. Um so wichtiger ist es für uns als junge Musiker, unsere Zeitgenossen zu motivieren, solche Konzerte zu besuchen.

Stephanie Lesch: Umso wichtiger sind solche Initiativen wie zum Beispiel dieser Wettbewerb, der auf das Lied aufmerksam macht. Ein Wettbewerb der Liedduo-Wettbewerb Rhein-Ruhr verlangt von den Bewerbern, dass sie sich mit außergewöhnlichem Lied-Repertoire beschäftigen. Das trägt mit dazu bei, dass die Kunstform Lied mehr Beachtung findet.

Unser Duo ist wie eine Partnerschaft: Anregungen kommen von beiden Seiten

Lesch: Welche Komponisten oder Werke ich besonders bevorzuge kann ich so gar nicht beantworten. Es ist von Stück zu Stück ganz unterschiedlich: Was mir gut in der Stimme liegt oder wo mir der Text etwas sagt, das singe ich eben gern, oder es liegt an der Gelegenheit wie jetzt beim Wettbewerb: Da haben haben wir uns die „schlesischen Schumannianer“ vorgenommen und Stücke ausgesucht, die uns besonders ansprechen.

Padrón: Wir arbeiten dabei in einer echten Partnerschaft: Ideen kommen von beiden Seiten, Anregungen und Inspiration – wir sind eben ein richtiges „Duo“.

Stephanie Lesch, *1987, Mezzosopran, Deutschland
Ainoa Padrón, *1982, Spanien

Das Interview führte Gunter Duvenbeck.
Photos: Sabine Krasemann

Janina Hollich, Mezzosopran und Yangfan Xu, Klavier im Gespräch mit der Liedwelt

Man hat hier die Chance, auf engstem Raum ganz viele Gefühle zu durchleben“


Interview mit den Gewinnerinnen des zweiten Preises des Liedduo-Wettbewerbs Rhein-Ruhr: Janina Hollich, Mezzosopran und Yangfan Xu, Klavier – hier zum Nachlesen:

Was bedeutet die Beschäftigung mit dem Kunstlied für Sie?

Janina Hollich: Man hat hier die Chance, auf engstem Raum ganz viele Gefühle zu durchleben. Ich habenur mich selbst und natürlich den Partner am Klavier. So erzähle ich im Lied eine Geschichte ohne Maskerade wie in der Oper beispielsweise. Das ist eine Herausforderung, aber wenn sie gelingt, dann ist das geradezu etwas Magisches, weil die Geschichte „pur“ erzählt wird.

Das Lied – eine Geschichte ohne Maskerade

Unsere ganz besondere Liebe gilt dem Lied, aber wir wissen natürlich auch, dass wir uns nicht alles aussuchen können, und müssen daher vieles ausprobieren und nichts von vorne herein ausschliessen.

Welche wichtigen Einflüsse spielen denn außer Ihrer offensichtlichen Begeisterung für das Kleinod Lied noch eine Rolle? Welche Epochen und Komponisten aus dem Lied-Repertoire stehen bei Ihnen ganz oben auf Ihrer Liste? Was bekommen Sie noch für Input?

Yangfan Xu: Ich mag zum Beispiel sehr die spätromantischen Lieder etwa von Rachmaninow, Szymanowski oder auch dem frühen Schönberg.

Hollich: Hier haben wir den selben Geschmack und haben uns deshalb auch gut getroffen. Und – ja, Reimann etwa oder Rihm, die mag ich auch sehr.

Xu: Auch ich habe großes Interesse an heutigen Komponisten und Ihrer Musik.

Hollich: An der Hochschule in Detmold, wo wir beide herkommen, besitzt das Lied einen ganz hohen Stellenwert. Das war für uns beide ganz entscheidend, denn Frau Romberger, die meine Gesangsklasse leitet, betont immer wieder die Wichtigkeit dieser speziellen Gattung, was für ein Glück, dass wir im Studium uns so entwickeln können!

 

 

 

 

 

Die Preisträgerinnen:

Janina Hollich, *1988, Mezzosopran, Deutschland
Yangfan Xu, *1989, Klavier, China

Das Interview führte Gunter Duvenbeck.
Photos: Sabine Krasemann