Beauty is life

Beauty is life – Liederabend Scholl / Halperin am 15.4.2018

Andreas Scholl und Tamar Halperin luden zu einem ausgefeilten, vielschichtigen Liederabend-Erlebnis in die Kölner Philharmonie ein, das klar in Konzeption und Aussage war, aber jedem Hörer auch Raum zur eigenen Reflexion ließ.

Formal war jeder kunstvolle Block geschlossen: Die Konzeption drang so tief in die Gesamtanlage der einzelnen „Akte“ ein. Aufeinanderfolgende Lieder und Klaviersolo-Werke schlossen auch in den Tonarten nahtlos aneinander an. So wurden Nachspiele zu Vorspielen: Unmerklich blieb ein Ton liegen und so kamen jeweils in sich geschlossene Einheiten zustande, die das Publikum ausnahmslos in ihren Bann zogen.

Der gesamte Liederabend gestaltete sich durch klug aufeinanderfolgende Aspekte so, dass die Spannung unmerklich den Abend vorantrieb. Hier konnte jeder Zuhörer seine eigene Geschichte anhand der vielen Symbole, Kleinode und angedeuteten Szenerien entwickeln und sich auf seine persönliche Reise begeben. Andreas Scholl und Tamar Halperin vermittelten mit souveräner Gestaltung und kongenialem gegenseitigem Verständnis ihre Kunst als Duo.

Eine weite Landschaft entstand zu Beginn des Abends vor dem inneren Auge. Zunehmend verdichtete sich diese, Szenen, Bilder, Ereignisse, Symbole blitzten auf. Auch wurde das Geschehen unversehens dichter durch das immer mehr beredt die Spannungspausen füllende Klavier. Aber erst in dem Lied „Wo der Goldregen steht“ von Alban Berg findet sich auch im Text die Verbindung von Sänger und Pianistin wieder: „Eh‘ wir weitergehen“.

Cages jazzige Soliloquy war Start in eine ganz neue Klangwelt und wurde psychologisch ganz richtig mit Copelands „I bought me a cat“ locker und witzig fortgesetzt. Sie waren gekrönt von Heiterkeit auslösenden artistischen Kulminationen von Tierlauten, die Scholl mit  Witz und Schwung zelebrierte – ehe Cages „Jazz Study“ endgültig den Rahmen des üblichen Liederabend-Repertoires gekonnt sprengte: Eine geschickte Korrespondenz aus Soliloquy heraus, die die stilistische Spannweite im Klavier und die Rolle als verbindendes wie das Konzept vorantreibendes Element verblüffend veranschaulichte – und irgendwo eine Verselbständigung der musikalischen Fortsetzung aus dem Konzept heraus.

Beauty is life – mit diesem lebensbejahenden Statement von Tawadros / McMahon schickte das Duo das Publikum in die Pause.

In a Landscape

Was soll nach dem „Vater unser“ von Pärt noch kommen, so die Frage nach der Pause beim Staunen über so viel Mut zu gestalterisch Offenem, das tief bewegte. Und natürlich fand das Duo Scholl / Halperin auch hier die richtige Antwort: etwas volksliedhaft-einfaches muss es sein! Also „Greensleeves“ von Britten. Unversehens lauschend wurde schließlich klar, nun ist schon das dritte Lied nach dem Vater unser gekommen und immer noch hallten die Korrespondenzen weiter nach und sponnen sich die Fäden weiter.

Da hilft eine gemeinsame Meditation mit Tamar Halperin! Zwei kürzere meditative Inseln mit Cage-Klavierwerken gab es schon in der ersten Hälfte, aber die Stille und Besinnung, die die Pianistin hier mit Cages „In a landscape“ zauberte, fesselte das Publikum so, dass dieses regelrecht die Luft anhielt. Andreas Scholl gestaltete souverän auch die Feinheiten, aber spätestens mit diesem Cage-Coup macht sich die Pianistin zum eigentlichen Star des Abends, war sie doch stets als wahrhaft ebenbürtige Partnerin Korrespondentin, treibende Kraft, reflektierendes Moment, durch das die Kunst Scholls einen wunderbaren Widerpart hatte. Die gegenseitige musikalische Vertrautheit konnte im permanenten Wechselspiel stets beobachtet werden.

Das begeisterte Publikum erklatschte sich zwei Zugaben: Mit “Shir Eres” von Sasha Argov gefolgt von “Lullaby” von Billy Joel ging es bereichert heim.

Text: Sabine Krasemann

© Photos:
Andreas Scholl: BR-Klassik
Tamar Halperin: Gregor Hohenberg
Duo: Die Rechte konnten leider nicht geklärt werden.