Alle Beiträge von Verena Düren

Aus Tiefe und Höhe: Das Lied im Spiegel der Moderne

Aus Tiefe und Höhe:
Das Lied im Spiegel der Moderne

Vielseitige Experimente mit Klang und Farbe waren im Dialograum Kreuzung an St. Helena zu erleben. Das Spiel mit den Möglichkeiten des künstlerischen Materials stand an diesem Abend im Mittelpunkt.

Die vielschichtigen Malereien und Skulpturen von Dorissa Lem aus Köln Ehrenfeld erfüllten das Motto „Aus Tiefe und Höhe“ auf mehrfache Weise: Inhaltliche und räumliche Tiefe stachen in jedem Kunstwerk hervor, immer wieder entdeckte man auf der bildlichen Oberfläche neue Strukturen, Gewebe von Linien und farbliche Tiefenstaffelungen. Die visuellen Bewegungsimpulse, der Widerstand des Materials und die konsequente Durcharbeitung bis ins Innere zeichnen die Bilder und Skulpturen von Dorissa Lem aus und schafften die besondere Atmosphäre für das Konzert mit Irene Kurka und Martin Wistinghausen.

Der musikalisch-künstlerische Teil des Abends widmete sich dem zeitgenössischen Lied und begann gewissermaßen in der Tiefe der Tradition: Der Bass Martin Wistinghausen eröffnet mit dem gregorianischen Psalm 130 De Profundis clamavi und präsentierte direkt im Anschluss eine moderne Wiederaufnahme des Psalms mit elektronischer Zuspielung.

Die mikrotonalen Möglichkeiten des Einzeltons lotete Wistinghausen rezitierend und singend aus, wobei ein ganz besonderes Instrument zur Erzeugung von Borduntönen als Liedbegleitung zum Einsatz kam: eine indische Shrutibox.
Auch die Sopranistin Irene Kurka, die sich intensiv mit dem zeitgenössischen Repertoire für Stimme Solo beschäftigt, wagte den Bogenschlag von Tradition und zeitgenössischer Musik. Ihr differenziertes Spiel mit mikrotonalen Elementen forderte das konventionelle Musikerleben heraus und bewies bei Kompositionen von Hildegard von Bingen bis Johannes Schachtner melodische Energie, Eindringlichkeit und musikalische Präzision.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 12.9.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018.

„11 Fragen an…“ – Irene Kurka

„11 Fragen an…“ – Irene Kurka

Was machen Sie tagsüber?
Üben, Kontakte pflegen, Yoga, Spazierengehen, Freunde treffen und vieles mehr

Ihr heißer Literatur-Tipp?
Ich lese sehr viel und es gibt so viele tolle Bücher, z.B.: Peter Sporck: Der zweite Code, Will Bowen: Complainte Free World (gibt es auch auf deutsch), Gerhard Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte

Ihr liebstes Kinderlied?
Schneeflöckchen, Weißröckchen

Mein persönliches Lied-Steckenpferd:
Auch das zeitgenössische Liedgut zu singen

Graben Sie gerne in Archiven?
Ja, obwohl es heutzutage eher im Internet ist.

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?
Carnegie Hall in New York.

Thrilling Story behind – Ihr spannendstes Lied-Fundstück?
Das Liederschaffen von Moritz Eggert, welches ich auf der CD „Ohrwurm“ mit dem Komponisten eingespielt habe.

Ihr Ritual vor jedem Auftritt?
Ausreichend schlafen.

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?
Die 70-jährige junggebliebene Meredith Monk in der Kölner Philharmonie 2016.

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?
Schauspielerin, Sängerin, Psychologin

Wie stellen Sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?
Neugierig, zahlreich und begeistert

Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog-Geddes

„11 Fragen an…“ – Patricia Radeck

„11 Fragen an…“ – Patricia Radeck


Was machen Sie tagsüber?

Arbeiten. Wenn ich zu Hause bin, singe ich, übe Texte, bereite Konzerte vor. Wenn dann noch Zeit ist, handarbeite ich. An freien Tagen fotografiere ich sehr gerne.

Literatur Tipp?
Ich liebe Gedichte von Erich Fried. Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und Hesse „Das Glasperlenspiel“ gehören auch zu meinen Liebsten.

Lieblingskinderlied?
Ich liebe die Oper „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck, da sind neben der grandiosen Hexenpartie wundervolle Kinderlieder vertont, Reger hat  ebenfalls Kinderlieder komponiert, die nicht so oft zu hören, aber wunderschön sind.

Persönliches Lied-Steckenpferd?
Habe ich nicht wirklich. Ich höre, was mich berührt und das singe ich auch, sofern es zu meiner Stimme und Persönlichkeit passt.

Was will ich der Welt mit dem Lied sagen?
Vor allem mit dem Lied, aber grundsätzlich mit klassischer Musik, dass Musik und musizieren eben nicht bedeutet, Radio zu hören,  sich von U-Musik benebeln zu lassen und loszuträllern. Professionelles Singen bedeutet vor allem Disziplin, viel Arbeit, Empathie und Freude an dem, was man macht, dann kommt das, was man dem Zuhörer sagen möchte, auch an.

Gehen Sie Wandern? Wo? Warum?
Wandern, Spaziergänge, je nach Zeit und Muße, ich liebe alte Friedhöfe, Wälder, Berge, das Meer oder schöne Seen, aber ich entdecke gerne auch Städte, das ist ganz unterschiedlich, aber immer werden dabei Foto geschossen. 😁

Was ist Ihnen die größte Freude beim Liedmusizieren?
Lied, Oper oder Sakralkonzert, das Allerbeste ist das gemeinsame Aussuchen, Austesten, was passt, was geht, die Grenzen ein Stück weiter legen, zusammen mit meinen beiden Lehrern ein neues Programm erstellen und in den Wochen des Einstudierens fallen manche Stücke wieder weg und andere werden ins Programm aufgenommen. Spannend ist dann, wie es sich am Ende entwickelt hat.

Graben Sie gern in Archiven?
Auf jeden Fall, wenn auch eher im Web als in Bibliotheken.

Ein Bild, eine Skulptur, das / die  ein Lied verdient?
Viele und noch mehr Gedichte hätten es verdient, vertont zu werden. Eines meiner Lieblingsgemälde ist auf jeden Fall „Der erste Kuss“ von William Adolphe Bouguereau.

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?
Oh, ganz viele, natürlich die ganzen Konzerträume, in denen man so singt, wäre man berühmt. In Florenz, im Garten einer Villa habe ich mal ein Konzert gehört, das würde mir gefallen.

Spannendstes Liedfundstück
Alle Lieder, die ich für mich entdecke, sind spannend. Mein momentanes Lieblingslied ist von Schubert, Totengräbers Heimweh, das kann morgen schon wieder anders sein.

Ritual vor jedem Auftritt?
Einfach und sicher, ich bete.

Gucken Sie Fußball?
Ja, WM und EM wenn unsere Mannschaft spielt.

Favorisierte Liedaufnahme?
Natürlich die Mozart/ Mendelssohnlieder und Regerlieder, gesungen von Barbara Schlick, „Winterreise“ mit Ian Bostridge und alle Lieder, die Christian Gerhaher eingespielt hat.

Was wollten Sie als Kind später werden?
Sängerin, eigentlich Operettensängerin, weil meine Mutter nur Operette hörte. Alternativ dazu Krankenschwester oder Paramentenstickerin.

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verlorengehen?
Beim deutschen Lied ganz klar unsere Geschichte, die es ja viel länger gibt als unsere traurige nationalsozialistische Geschichte, auf die wir leider immer wieder reduziert werden. Die ganzen wunderbaren Dichter, Komponisten und Maler gerieten noch mehr in Vergessenheit. Schöne Momente mit schöner Musik und schönen Stimmen gingen verloren, dem Zuhörer und Künstler, ein Stück der eigenen Fantasie.

Wie stellen Sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?
Neugierig, offen für Neues und empathisch . Schafft man es, einen Zuhörer zu begeistern, hat man viel erreicht.

Ihr Rat für junge Studenten?
Musizieren und Kunst machen zu dürfen, ist ein großes Privileg, es gibt viele große Talente auf der Welt, die niemand kennt, weil sie durch persönliche Umstände, im falschen Land geboren zu sein, kein Geld  vorhanden ist usw. nicht ihrer großen Leidenschaft nachgehen können. Umso wichtiger ist es, dass die, die Musik machen dürfen, professionell und respektvoll mit diesem großen Geschenk umgehen.

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Lieder zwischen Ost und West – Facettenreiche Klangwelt unter romanischer Deckenmalerei

Ein ganz außergewöhnliches Konzert im Rahmen des Bonner Liedersommers in der Doppelkirche in Schwarzrheindorf

25. August 2018 – Unter den romanischen Deckenmalereien begegneten sich gleich zwei große Klangkulturen aus Ost und West. Der in Aleppo geborene und heute in Neuss lebende Komponist und Qanunspieler Hesen Kanjo bewies bereits zu Beginn des Konzerts die facettenreiche Klangwelt seines Instruments, das er auf dem Schoß liegend mit Plektren aus Metall zupfte. Virtuosität, Temporeichtum und überraschende harmonische Vielfalt vermittelte Hesen Kanjos Qanunspiel als Begleitung und solistische Improvisation.

Die Kölner Sopranistin Elisabeth Menke führte durch das vielseitige Programm und betonte die Bedeutung der musikalischen Selbst- und Fremderfahrung zwischen Ost und West, wobei der Mond und seine Beobachtung als Leitmotiv eine überzeugende Kontinuität zwischen den verschiedenen Liedformen stiftete.

Zahlreiche Lieder von Franz Schubert, die bei dem Bonner Liedsommer bereits zu hören waren, hat das Duo dabei aus Rücksicht auf die besondere Stimmung und die technischen Voraussetzungen des Qanuns speziell für dieses Konzert umgeschrieben. Das Formspiel von deutschem Lied und persischer Kunstmusik kam besonders in den bewegenden Improvisationen von Gesang, Rezitation und Qanun zur Geltung.

Elisabeth Menke beeindruckte zudem mit ihrem virtuosen Geigenspiel, das klar und differenziert über den kaskadenartigen harmonischen Rückungen des Qanuns schwebte. In dieser wechselseitigen Erhellung von Gesang, Geigenspiel und Qanun entfaltete sich die komplexe Vielstimmigkeit beider musikalischer Kulturen. Die Experimentierfreude und Lust am Klang übertrug sich zuletzt auch auf das Publikum: Begleitet von Elisabeth Menke und Hesen Kanjo ertönte das wohl bekannteste Abendlied im Zeichen des Mondes: „Der Mond ist aufgegangen“. Und das in seiner wohl schönsten musikalischen Vermittlung zwischen Orient und Okzident.

Text: Clara Pauly
Photo © Liedwelt Rheinland | Sebastian Herzog Geddes

Konzert am 25.8.2018 im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018

Wiederholungskonzert am Donnerstag, den 11. Oktober 2018 19:30 Uhr in der Versöhnungskirche Bonn-Beuel

Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument – Interview mit Martin Wistinghausen

Sie bezeichnen sich als „singenden Komponisten und komponierenden Sänger“. Was überwiegt und inwiefern beeinflussen sich beide Tätigkeiten?
Das ist schwer zu sagen, es ist „mal so, mal so“ … Ich möchte beide Tätigkeiten nicht missen. Als Komponist sitzt man viel am Schreibtisch, droht ein wenig zu vereinsamen. Als Sänger macht es mir große Freude, mit Kolleginnen und Kollegen zu musizieren. Ich glaube auch, dass es für einen Komponisten nur von Vorteil sein kann, auch die „andere Seite“ zu kennen.

Wie war Ihr Weg zum Gesang?  War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?
Ich habe schon als Kind gerne gesungen, beispielsweise im Kinderchor. Nach dem frühen Stimmbruch habe ich dann gleich Gesangunterricht genommen: der Weg war also sehr direkt.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme beziehungsweise dafür zu komponieren?
Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument, schon bevor der Mensch Instrumente gebaut hat, wurde musiziert – mit der Stimme! Mich reizt die große Schönheit der Stimme, wie wir sie aus der traditionellen abendländischen Kunstmusik kennen; mich reizen aber ebenso die vielen Ausdrucksmöglichkeiten, die die Stimme sonst noch bietet. Darüber hinaus habe ich als Sänger wie als Komponist immer wieder mit vielen wunderbaren, ganz unterschiedlichen Texten verschiedener Sprachen und Epochen zu tun.

Schreiben viele moderne Komponisten nicht zu viel gegen die Stimme? Fehlt ihnen unter Umständen die sängerische Sozialisation, wie sie zum Beispiel viele britische Komponisten durch Knabenchöre erfahren haben?
Es ist sicherlich so, dass viele Komponisten wenig mit dem „Instrument Stimme“ anfangen können, das habe ich auch als Sänger, der viel Neue Musik singt immer wieder erleben müssen. Was aber genau heißt „gegen die Stimme“ schreiben? Das ist ein weites Feld… Ich glaube zum Beispiel nicht, dass alles, was sich auch nur ein Stückchen weit vom Belcanto-Gesang entfernt, schädlich für die Stimme ist. Da fehlt auch oft die Bereitschaft der Sänger, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Viele der gesungenen Liedtexte wirken heutzutage gestelzt und manieriert, sie werden gerade von jungen Menschen immer weniger verstanden. Wie kann man ihnen diese Texte näherbringen und verständlich machen?
Das ist in der Tat eine sehr berechtigte, schwer zu beantwortende Frage. Das erste Problem sehe ich in der Bildung: junge Menschen werden – etwa in der Schule, aber auch im Elternhaus – einfach zu wenig mit den traditionellen Texten und Liedern konfrontiert, da fällt es dann später auch schwerer, sich darauf einzulassen. Ich glaube, dass der klassische Liederabend durchaus noch seine Berechtigung hat. Man sollte aber auch versuchen neue Wege zu gehen, besondere Programme zu kreieren, die zum Beispiel alte mit neuen Texten thematisch klug kombinieren. Auch Konzertabende, in welchen instrumentale Kammermusik und/oder Lesungen sich mit Liedvorträgen sinnvoll abwechseln, können sehr spannend sein.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern auf dem Markt durchzusetzen? Bilden Musikhochschule eventuell nicht zu viele Sänger aus?
Das ist sicherlich nicht ganz falsch. Allerdings gibt es Fächer, wo das Missverhältnis von Beschäftigungsmöglichkeiten und Anzahl der Studienabsolventen noch krasser ist, denken sie etwa an Pianisten! Für Sänger gibt es doch noch vergleichsweise viele Arbeitsmöglichkeiten: in Rundfunk- und Opernchören, als Opernsolisten, Konzertsänger, Gesanglehrer. Und: wenn man die künstlerische Ausbildung nur noch allein am „Markt“ ausrichtet, ist das der Anfang vom Ende.

Welche Konzerte und Projekte stehen aktuell an? Auf welches freuen Sie sich besonders?
Ende September 2018 kommt es in Düsseldorf zur Uraufführung meines neuen Werkes „Wasser-Bilder“. Im November reise ich für einige Tage zum Festival Timsonia in Temeswar in Rumänien. Dort werde ich als Sänger und Komponist präsent sein und auch einen kleinen Meisterkurs für Schubertlieder geben. Ich mache das nicht aller Tage und freue mich sehr darauf…

Wieviel Prozent Ihrer Arbeitszeit geht fürs Üben und Konzertieren drauf, wieviel fürs Organisieren? Wieviel fürs Komponieren?
Das lässt sich kaum beziffern, variiert auch stark, je nachdem was gerade ansteht. Um sängerisch fit zu bleiben, ist aber auf jeden Fall das tägliche Training wichtig, genau wie bei einem Sportler. Und: als Freiberufler ist die Zeit, die für Planungen und Organisationsarbeit drauf geht nicht zu unterschätzen…

Sind Sänger wirklich solche mimosenhaften Sensibelchen, als die sie oft verschrien sind? Warum haben sie diesen Ruf?
Ich glaube, das ist ein Stück weit Klischee. Aber natürlich wird das Klischee von einzelnen Personen immer wieder bedient, meiner Erfahrung nach aber äußerst selten.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?
Manchmal schon, besonders, wenn man wie ich, was Erkältungen, Allergien und dergleichen angeht, nicht ganz unempfindlich ist…

Das Gespräch führte Guido Krawinkel im August 2018.
Photo © Martin Wistinghausen

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Perlen des Repertoires in Zauberberg, Dr. Faustus und Co.

Thomas Mann-Lieder-Lesung beim Bonner Liedsommer

Nicht selten steht bei einem Liederabend die Musik im Vordergrund, der Dichter spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur in Verbindung mit der Vertonung seines Textes eine Rolle. Dass der literarische Hintergrund oder gar die literarischen Folgen nicht minder interessant sein können, das zeigten bei einem Liederabend im Bonner Augustinum die Pianistin Kristi Becker, Frauke May (Mezzosopran) und der Moderator Michael Schwalb.

Zusammen spürten sie den literarisch-musikalischen Zusammenhängen im Werk Thomas Manns nach, speziell im Hinblick auf Lieder, die dieser in seinem Schaffen literarisch verewigt hat. Und davon gibt es einige, von Schubert, Schumann, Wolf, Lassen und Brahms, zumeist bekannte Perlen des Repertoires, die sich im Zauberberg, Dr. Faustus und Co. wiederfinden. Für den ohnehin sehr musikaffinen Mann hatte das Kunstlied eine ganz besondere Bedeutung, die sich an diesem Abend einmal mehr offenbarte: auf der Suche nach den Wurzeln der deutschen Seele, nach Innerlichkeit und Tiefe griff der Autor immer wieder auf Bezüge zu dieser wohl deutschesten alles Musikgattungen zurück und benutzte sie als Illustration für seine literarischen Aussagen.

Einführungen in diese literarisch-musikalischen Zusammenhänge gewährte WDR-Moderator Michael Schwalb, der ebenso eloquent wie kenntnisreich in die Konzeption und Hintergründe des Liederabends einführte. Zu hören gab es neben Auszügen aus Franz Schuberts Winterreise und Robert Schumanns Liederkreis auch Goethe-Lieder von Hugo Wolf, den letzten der Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms und – eine absolute Rarität – eine Heine-Vertonung von Brahms-Zeitgenosse Eduard Lassen.

Stimmiger Gesamtklang

Die Lieder waren bei Kristi Becker und Frauke May in den besten Händen, zusammen mit der Moderation ergab sich ein stimmiger Gesamtklang aus Wort und Musik, der beim gemeinsamen Austausch mit den Künstlern nach dem Konzert in einem gemütlichen Rahmen ausklang. Denn auch das ist eine Qualität des Liedsommers: Nach dem Konzert bleibt es nicht minder spannend.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Thomas Kölsch

Rheinischer Kultursommer 2018

Konzert am 3. August im Rahmen des Bonner Liedsommers 2018

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“ – Interview mit Thilo Dahlmann

„Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen“

 Interview mit Thilo Dahlmann

Herr Dahlmann, wann stand für Sie fest, dass Sie Gesang studieren wollen? War das ein direkter Weg oder gab es Umwege?

Es waren bei mir vor allem Umwege und die Entscheidung kam recht spät. Ich habe erst mit 24 Jahren mit dem Gesangsstudium an der Essener Folkwang-Hochschule begonnen und davor auch nur ein halbes Jahr Gesangsunterricht genommen. Eigentlich kam ich vom Klavier und der Orgel. Nach dem Abitur begann ich zunächst ein Jura-, Geschichts-, Politik-, Musikwissenschafts- und Romanistikstudium in Bonn. Also ein ziemlich großer Umweg, um den ich heute aber nicht traurig bin, und der mir in der künstlerischen und pädagogischen Arbeit zu Gute kommt.

Parallel zum Studium in Bonn begann ich beim Erzbistum Köln eine nebenberufliche Ausbildung zum Kirchenmusiker. Darüber bekam ich Kontakt zu meiner ersten Gesangslehrerin und die empfahl mir meinen ersten Lehrer an der Folkwang-Hochschule Essen. Und so kam am Ende eins zum anderen.

Was reizt Sie am Gesang? Was ist das Schönste an der Arbeit mit der menschlichen Stimme?

Singen ist die persönlichste und unmittelbarste Art, Musik zu machen. Der eigene Körper, die eigene Stimme ist das Instrument. Außerdem ermöglicht uns die Auseinandersetzung mit den vertonten Texten eine andere inhaltliche und emotionale Identifikation. Wo sonst kann man unmittelbar einen solchen Kontakt zum Publikum erzielen. Da besitzt man auf der Bühne und auf dem Podium schon ein besonderes Privileg.

Ist es für Nachwuchssänger heutzutage nicht ungeheuer schwer, sich angesichts der großen Anzahl an Sängern „auf dem Markt“ durchzusetzen? Bilden Musikhochschulen nicht zu viele Sänger aus?

Diesem Vorwurf wird sich eine Musikhochschule immer aussetzen müssen. Zum einen aber stehen mehreren hundert Bewerbern bereits heute nur ca. 10-15 Studienplätzen pro Hochschule und Jahr gegenüber. Das Interesse an einem Studienplatz wird also nicht geringer und nur ein Bruchteil derer, die sich bewerben, bekommt überhaupt einen Studienplatz. Zum anderen ist der Sängerberuf seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt; die Einsatzmöglichkeiten sind deutlich vielfältiger und „der Markt“ ist damit größer geworden.

Inwiefern hat sich der Beruf des Sängers in den letzten Jahren gewandelt?

Der Sängerberuf ist seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt. Die noch vor 20-30 Jahren übliche Möglichkeit, durch ein Theaterengagement ein lebenslanges anständiges Gehalt zu erhalten, ist faktisch fast nicht mehr existent. Dennoch herrscht an den Hochschulen immer noch das Berufsbild des Theatersängers vor. Es ist sogar so, dass eigentlich nur der Sänger oder die Sängerin es wirklich geschafft hat, wenn er – oder sie – eines der seltenen Theaterengagements ergattern konnte. Dass diese Engagement-Laufbahnen in der heutigen Zeit auch eher kurzlebig sind, steht da auf einem anderen Blatt.

Wir müssen akzeptieren, lernen und vor allem auch in der Ausbildung verankern, dass der Sängerberuf heute aus ganz vielen sich ergänzenden Möglichkeiten besteht und diesen Wandel vor allem auch als Chance begreifen! Die Normalität sieht so aus, dass Sänger heute von einem Patchwork aus Engagements leben. Dazu gehören Theaterengagements, Chor- und Ensembleprojekte, solistische Konzerte ebenso wie private Unterrichtstätigkeit oder Stimmbildungsaufgaben.

Und diese Vielschichtigkeit der Tätigkeiten und Möglichkeiten wird sich eher noch erweitern. Es wird immer und zum Glück zahlreiche Sänger geben, die sehr gut und in tollen Engagements von ihrem Beruf leben können. Aber wir müssen aus unseren Köpfen herausbekommen, dass alle anderen Formen der Berufsausübung als die des Opernengagements „Scheitern“ betrachtet werden. Im europäischen Ausland, wo man nebenbei auch die deutsche Eigenart der Stadttheater in dieser Form nicht kennt, ist man in dieser Hinsicht schon deutlich weiter.

Was empfehlen Sie einem jungen Sänger für seine berufliche Laufbahn? Wie findet er einen gelungenen Start in die Karriere?

Man sollte offen sein für das, was auf einen zukommt und vor allem für Neues, das man sich zunächst vielleicht noch gar nicht vorstellen kann. Kontakte knüpfen, gute Vorbereitung, realistische Einschätzung der eigenen Begabungen und Stärken. Dazu muss man sich bewusst sein, dass man einen künstlerischen Beruf ausübt. Es geht um Kunst, um Musik, darum, auf der Bühne eine Figur lebendig werden zu lassen. Alles Technische hilft uns dabei, ist aber kein Selbstzweck.

Worauf legen Sie beim Unterrichten an der Hochschule am meisten Wert? Gibt es typische Probleme oder Fehler, die Ihre Schüler besonders häufig haben beziehungsweise machen?

Basis ist natürlich immer der sichere technische Umgang mit der eigenen Stimme. Am liebsten möchte man natürlich schon am Beginn des Studiums alle Lieblingslieder und -arien singen, die man von seinen Lieblingssängern auf CD hat. Da muss man als Lehrer schon mal auf die Bremse treten und der Stimme Zeit geben, damit sich keine technischen Baustellen einschleichen, die man später mühsam ausbügeln muss, oder die Stimme zu früh zu großer Belastung ausgesetzt ist.

Ganz besonders wichtig ist mir aber von Beginn an die Frage, was singe ich da eigentlich? Worum geht es? Meine ich es ehrlich mit dem was ich singe? Diese Frage ist für mich unmittelbar mit der technischen Ausbildung verbunden und lässt sich auch nicht davon trennen. Es ist im Unterricht interessant, dass sich viele Erklärungen erübrigen, wenn der Studierende genau weiß und sich vornimmt, wirklich bewusst musikalisch und inhaltlich das auszusagen, was Musik und Text beinhalten. Da steckt einfach eine ganze Menge Natürlichkeit im Zugang zu unserer Stimme. Den gilt es freizulegen und zuzulassen.

Was muss ein professioneller Sänger heutzutage können? Nur schön singen alleine reicht vermutlich nicht?

Ganz bestimmt nicht. Auch wenn es nicht schadet, wenn man auch eine schöne Stimme hat! Ich denke es kommt wie zu allen Zeiten wirklich auf die Persönlichkeit an. Wir kennen alle diese Fälle, wenn man eine unglaublich schöne Stimme hört und trotzdem nicht berührt wird. Umgekehrt packen uns manche Bühnencharaktere, deren Stimme man aber nicht unbedingt als schön bezeichnen würde. Das, was man hören möchte, ist ein ausbalanciertes Gesamtpaket aus Persönlichkeit, Stimme, Ehrlichkeit und Verantwortung für die Musik und die Partie, die man singt. Darüber hinaus haben sich die Anforderungen durch soziale Medien und ständig zugängliche Präsenz verändert.

Ein Sänger muss heute in den sozialen Medien präsent sein und sich verkaufen. Ich kenne nur wenige Sänger, die keine eigene Homepage haben, was auch die Aufgabe und die Bedeutung von Agenturen stark verändert hat. Man ist als Sänger vielleicht noch mehr Einzelkämpfer geworden und es geht alles viel schneller.

Was machen Sie am liebsten: Oper, Lied oder Oratorium?

Alle drei. Durch meine eigene künstlerische Biographie liegt mein Schwerpunkt natürlich im Bereich Lied und Oratorium. Und wenn ich mir ansehe, was ich selbst gerne höre, liegt in diesem Genre auch meine persönliche Vorliebe. Ich genieße es aber auch sehr, auf der Bühne zu stehen und lebe dort die Emotionalität einer Rolle im Zusammenspiel mit den Kollegen aus. Mit dem Ende des Studiums war ich ein Jahr im Opernstudio der Zürcher Oper, durfte am Haus eine Reihe kleiner Rollen singen und vor allem viele phantastische Sänger und Dirigenten aus der Nähe erleben. Dennoch war es nach dem Jahr auch eine bewusste Entscheidung, nicht in ein Festengagement zu gehen. Die Freiheit, die die Freiberuflichkeit bietet, alle drei Sparten bedienen zu können, hätte mir zu sehr gefehlt. Bei aller Unsicherheit, die damit verbunden ist.

Was reizt Sie an solchen spartenübergreifenden Projekten wie der schönen Magelone, die Sie zusammen mit dem Pianisten Hedayet Djeddikar und dem Schauspieler Hans Jürgen Schatz aufführen werden?

Das ist ein besonderes Projekt, von denen es leider viel zu wenige gibt. Vor allem auch in dem perfekten Ambiente der Cochemer Reichsburg, die im 19. Jahrhundert aus dem gleichen kulturellen Geist wiederaufgebaut wurde, aus dem heraus Tieck die Geschichte der „Schönen Magelone“ neu erzählt hat. Ich freue mich sehr auf die gemeinsame und ineinandergreifende Interpretation eines Werkes durch Rezitation und Musik. Auch denke ich, dass diese Konzertform für das Publikum sehr reizvoll ist und die Hemmschwelle senkt, einen Liederabend zu besuchen.

Sie sind stilistisch sehr breit aufgestellt, machen sowohl Alte als auch Neue Musik. Wird das von den Veranstaltern akzeptiert, oder suchen die nicht eher Spezialisten?

Das wird von den Veranstaltern durchaus akzeptiert und inzwischen sogar gewünscht. Die strenge Trennung der Stile löst sich meiner Erfahrung nach immer mehr auf. Die Erkenntnisse und Methodik der historischen Aufführungspraxis ist heute bis tief in die Romantik hinein einfach gängige Praxis. Und umgekehrt ist auch die Auseinandersetzung mit „Alter Musik“ in den Spezialensembles nicht mehr so dogmatisch wie zu Beginn der „Bewegung“, als es auch galt, sich erst einmal einen Platz in der Musikwelt zu erobern.

Verändert dieser stilistisch bunte Mix in irgendeiner Art und Weise ihre Interpretationen?

Ja und Nein. Grundsätzlich denke ich nicht in solchen Kategorien. Da kommen wir wieder zur ehrlichen Auseinandersetzung mit Musik und der Stimme. Dazu passt keine von außen aufgesetzte Stilistik. Allerdings ergeben die Umstände – ein Orchester bei Britten, Mendelssohn ist natürlich größer und lauter als Werke für Gambe und Laute – natürlich einen anderen Zugriff auf die eigene Stimme. Aber eigentlich geschieht das automatisch. Und aus diesen Umständen ändern sich dann Phrasierung und klangliche Parameter, da man sonst schlichtweg nicht zu hören ist.

Welche Lieblingswerke und -komponisten haben Sie? Welche Werke und Komponisten haben Sie besonders geprägt?

Bach natürlich! An erster Stelle und zu jeder Zeit. Und bei ihm vor allem seine Matthäuspassion, die für mich ein solitäres Meisterwerk ist. Ich bin aber auch ein großer Freund Mendelssohns. Ich kenne eigentlich keine „schönere“ Musik als die von Mendelssohn. Von den Motetten angefangen über die Instrumentalmusik bis hin zu den großen Oratorien kenne ich wenig, das auf so perfekte Weise Schönheit mit Tiefe und Emotionalität verbindet. Im Bereich Lied schätze ich neben den Klassikern Schubert, Schumann, Brahms aber auch ungemein die etwas unterschätzte der klassischen Moderne eines Frank Martin, Othmar Schoeck und ganz besonders Wolfgang Fortner, dessen moderne Tonsprache sich trotzdem mit einem leichten klanglichen Zugang für den Hörer verbindet.

Sie haben auch ein Examen für (nebenamtliche) Kirchenmusiker abgelegt. Spielen Sie heute noch irgendwo Orgel oder leiten einen Chor?

Leider fehlt mir dafür die Zeit, was ich sehr bedaure. Hin und wieder ergibt sich die Gelegenheit, einen Gottesdienst zu spielen. Was zumindest ich selbst sehr genieße. An der Kölner Hochschule konnte ich die Freude an der Chorleitung mit Gesangstudierenden ausleben und einmal im Jahr ein Werk einstudieren und dirigieren. Mein Ziel war es dabei, dass alle Mitwirkenden sowohl solistisch als auch chorisch gefordert werden. Ein Musizieren, das heute auch für alle Solisten bei renommierten Ensembles üblich ist. In den vergangenen Jahren konnte ich so Purcells King Arthur, Cavalieris Rappresentatione oder das wunderbare Membra Jesu nostri von Dieterich Buxtehude mit den Studierenden erarbeiten und aufführen.

Auf der Bühne leben Sänger mitunter ja auch gefährlich. Ist Ihnen dort schon mal was passiert?

Davon kann sicher jeder im wahrsten Sinne ein Lied singen. Eins meiner kuriosesten Erlebnisse war eine DVD-Produktion von Strauss‘ „Arabella“ mit Renée Fleming am Opernhaus Zürich, bei der ich die bedeutende Partie des Zimmerkellners übernehmen durfte. Nachdem ich meine drei Sätze halbwegs unfallfrei überlebt hatte, ging ich nach meinem Akt mit zum Verbeugen vor den Vorhang. Beim Zurückgehen hinter den Vorhang habe ich vor lauter Erleichterung die Bodenöffnung des Souffleurlochs übersehen und bin vor den laufenden Kameras in das Loch gefallen. Gnädigerweise stoppte die Aufnahme auf der DVD kurz vor dem Applaus.

Welche Rolle oder welches Werk würden Sie am liebsten einmal singen?

Nachdem ich im Mai mit dem War Requiem in der Essener Philharmonie ein Lieblingswerk singen durfte, fehlt mir auf dem Konzertpodium von meiner aktuellen Wunschliste noch das Verdi Requiem. Auf der Bühne gibt es natürlich immer mehr oder weniger realistische Traumpartien, die man gerne singen würde. Bei mir wären das Amfortas und Philipp in Don Carlos.

Was machen Sie, wenn Sie krank sind, bzw. was tun Sie im Vorfeld, um zu verhindern, dass es so weit kommt?

Zum Glück ist man als tiefe Männerstimme ein wenig robuster als andere Stimmfächer, da sich unser Stimmumfang in etwa mit unserer Sprechlage deckt. Dennoch ist die Erkältung auch unser natürlicher Feind. Ich treibe Sport und habe ein Nasenspray, das ich bei einer sich ankündigenden Erkältung nehme. Damit komme ich bisher sehr gut über die Runden. Ob es wirklich hilft oder ich es mir nur einbilde, ist da gar nicht so wichtig.

Ist es nicht eine ungeheure Belastung, sich immer so um sein eigenes Instrument sorgen und unter Umständen auf viele Dinge verzichten zu müssen?

Eine Belastung ist es schon. Aber das Singen und Spielen macht einfach so unglaublich viel Spaß und ist so facettenreich, dass es nie langweilig wird. Wir haben das Privileg mit unserer Stimme und unserem Spiel Menschen zu erreichen, Werke von unfassbarer Schönheit und Kunst aufführen zu können. Insofern lohnt sich fast jeder Verzicht und alle damit einhergehenden Belastungen.

Das Gespräch führte Guido Krawinkel.
Photo © Thilo Dahlmann, Marco Borggreve

Liedkunst in Vollendung

Liedkunst in Vollendung

Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead beim Bonner Liedsommer

Liederabende folgen nicht selten einem geregelten Ritual und auch das Repertoire wie das Konzertsetting sind dabei zumeist festen Regeln unterworfen. Es ist immer ein gewisses Wagnis, sich über solcherlei Konventionen hinwegzusetzen, doch wenn man es tut, verheißt dies durchaus interessante Einblicke. So auch beim Liederabend von Franziska Andrea Heinzen und Benjamin Malcolm Mead in Bonn.

Das Traditionellste war hier noch die Konzertsituation: Flügel und Sängerin auf einem Podest, Publikum davor. Doch schon beim Ort fing es an: der war mit einer ehemaligen Human-Zentrifuge außergewöhnlich. Früher wurden hier die Astronauten des DLR im Kreis herumgeschleudert, um sie auf ihre Weltraumtauglichkeit zu prüfen. Mittlerweile ist die in einem Hinterhof an der wenig idyllischen Bundesstraße B 9 gelegene Ort ein nicht nur bei Insidern bekannter Konzertraum geworden, dessen kreisrunder Zuschnitt mitsamt dem industriellen Charme der Umgebung Konzerten einen ganz eigenen Charakter verleiht.

Auch in akustischer Hinsicht, denn durch seine Geometrie und die Betonhülle sind die diesbezüglichen Eigenschaften mit Vorsicht zu genießen, gleichwohl eröffnen sie auch manche Chancen. Bemerkenswert war der Liederabend auch durch die Auswahl des Repertoires: Lieder von Berg bis Reimann, zusammengehalten von der thematischen Klammer Rilke: alle Texte stammten aus der Feder des Dichters Rainer Maria Rilke: Leonard Bernsteins Two Lovesongs ebenso wie vier 1942 komponierte Lieder von Paul Hindemith oder die Mélodies Passagères op. 27 von Samuel Barber. Diese Zusammenstellung zeigte schon: Alltäglich war das Repertoire nicht, mit dem Heinzen und Mead in Bonn gastierten, auch durch weitere Lieder von Unger Wikstrom, Dora Pejacevic, Alban Berg oder Aribert Reimann, dessen aphoristischen Cinq fragments français auch auf dem Programm standen.

Diese brachten Heinzen und Mead ebenso gekonnt auf den Punkt wie Pejacevics ebenso reizvollen wie faszinierenden Zyklus Mädchengestalten. Was die beiden boten, war Liedkunst in Vollendung: stimmlich scheinbar unprätentiös, aber hochartifiziell, sensibel und mit einem feinen Gespür für die Musik zwischen den Tönen. In Verbindung mit dem außergewöhnlichen Repertoire war dies alles andere als ein Klavierabend von der Stange, sondern vielmehr ein Konzerterlebnis der besonderen Art, in jeder Hinsicht.

Text: Guido Krawinkel
Photo © Liedwelt Rheinland | KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Konzert am 29.7.2018

Abschluss der Wachtberger Kulturwochen

Innehalten im Sommerloch

Liederabend „ERWACHEN“ als Abschluss der Wachtberger Kulturwochen im Atelier Michael Franke

Mit den Netzwerk-Mitgliedern Nico Heinrich, Tenor und Peter Bortfeldt, Klavier

Im Vorfeld der bevorstehenden tropischen Woche gab es im Atelier Franke in Wachtberg-Gimmersdorf Gelegenheit zum Innehalten und Sinnieren.

Bei strahlendem Sommerwetter lauschte das Publikum interessiert, tauschte sich bei einem Wein in der Pause durch die Werke von Dvořák, Brahms und Schubert inspiriert aus.

Geschickt gewählt boten die beiden ersten Lieder-Blöcke verschiedene Möglichkeiten des „Erwachens“. Zunächst bei Dvořák „das alte Lied“, die ewige Suche des starren Herzens, das vom Glück und noch sehnsüchtiger vom Paradies träumt. Die vielen zart nuancierten Facetten, die Nico Heinrich interpretatorisch herausforderten meisterte er mit berührender Innigkeit in Stimme und Gestik – beispielsweise im dritten Lied „Ich weiß das meiner Lieb zu dir“ mit der Hoffnung auf die treue Liebe.

Auch der Kontakt zum Publikum brachte den „Tränen der Seligkeit“ ebenso intensiv eine Note, durch die sich der Lauschende persönlich angesprochen fühlte.

Spätestens im fünften Dvořák-Lied „Du einzig Teure, nur für dich“ wurde deutlich wie bedeutend ein Gestalter wie Peter Bortfeldt als Liedpianist sein kann: Wie verzaubert perlten im Klavier die Girlanden für „die einzig Teure für die das Herz brennt“.

Durchweg kam dem Liederabend zugute, dass Nico Heinrich so deutlich zu sprechen vermag, dass es auch ohne Gedichte fast durchweg möglich war, dem Text zu folgen.

Nach diesen interpretatorisch eher leicht zugänglichen Werken war somit ein guter Einstieg in die weiteren „Erwachen“-Facetten vorbereitet: Voluminöser vom Klavierpart her konzipiert kamen die drei Lieder von Brahms schon einmal als akustische Steigerung an. Dies kam den vielen Natursymbole zugute: Im ersten Lied „Meine Liebe ist grün“ kommt der blühende Flieder stehend für die überschwängliche Liebe mit dem fulminanteren Klavierpart intensiv herüber. Als Vorgeschmack für die weitaus komplizierteren Gedichte im zweiten Teil gab es in „Unbewegte laue Luft“ ein sommerliches Intermezzo, und auch das letzte Brahms-Lied vom innigen Veilchen verlangt danach, das Gedicht noch einmal zur Hand zu nehmen.

Geschickt vor der Pause platziert: Die gruselige Geschichte „Der Zwerg“ von Schubert – präsentiert einem gebannt lauschenden Publikum, das durch den dramatischen Abschluß des ersten Konzertteils sehr angeregt, diskutierend und auch aufgewühlt in die Pause schritt.

Mit Schubert ging es nach der Pause zunächst weiter – zwei Lieder „Am See“ und „Halt!“ Zunächst die Verbindung mit glitzernder Sonne und funkelnden Sternen, die zu  andächtiger Ruhe gemahnen wobei sich die Seele in den leichten Wogen über den Wellen des Wassers spiegelt. Dann in „Halt!“ der sprechende Austausch mit dem Bächlein, wobei wieder die kluge und zarte Stimmführung dafür sprach, dass Nico Heinrich auch dieses Werk sehr passend ausgesucht hatte.

Peter Bortfeldt wiederum brillierte pianistisch auch in beredten langen Nachspielen wie dem von „Schwerzen“ (aus Wesendonck-Lieder, Wagner).

Schließlich die Strauss’sche Überhöhung des Erwachens – bis hin zu des „Glückes stummen Schweigen“ mit dem „Morgen“ beschließt. Hier mündete das Lied in gemeinsame lange Stille, in der jeder seinen Gedanken nachsinnen durfte und erneut das Bedürfnis aufkam, auch diese Gedichte doch noch einmal zur Hand zu nehmen, um diesen schönen Sommer-Nachmittag atmosphärisch wiederaufleben zu lassen.

Das begeisterte Publikum – es waren etwa hundert Zuhörer gekommen – erklatschte sich zwei Zugaben: zunächst „Ständchen“ von Strauss und schließlich „Die Forelle“ von Schubert.

Text + © Photos: Sabine Krasemann

Zum Konzert am 22.7.2018

„11 Fragen an…“ – Katharina Diegritz

„11 Fragen an…“ – Katharina Diegritz

 

Was machen Sie tagsüber?
Ich koche und backe gerne und viel, gehe wandern und unterrichte, wenn ich nicht übe oder irgendwohin fahre.

Ihr heißer Literatur-Tipp?
Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens.

Ihr liebstes Kinderlied?
Wir haben immer sehr viel gesungen. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, obwohl es kein Kinderlied ist…

Mein persönliches Lied-Steckenpferd
Richard Wagner, Wesendoncklieder und davon „Schmerzen und Träume“

Was ich der Welt mit dem Lied sagen möchte…
Dass alles viel feingliedriger ist als man denkt und dass es sich lohnt, stets hinter die Dinge zu blicken.

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?
Ja ich liebe es, besonders in den Bergen.
Wenn ich auf einem Berg stehe, den ich durch meine eigene Kraft bezwungen habe, dann fühle ich mich größer als zuvor. Ich kann über allen kleinlichen Problemen des Menschseins stehen und diese als nichtig betrachten.

Ihre größte Freude beim Lied-Musizieren?
Mit einem Duopartner die Feinheit eines Liedes zu erarbeiten, der Versuch, zu einer musizierenden Einheit zu werden und sich selbst für den anderen und das Gesamtkunstwerk zurückzunehmen.

Graben Sie gerne in Archiven?
Ganz ehrlich? Nein (lachend)!

Ein Bild oder eine Skulptur die bzw. das ein Lied verdient?
Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?
Ein kleiner Saal, in den nicht mehr als 50 Leute passen, alles ebenerdig ohne Erhebung der Musizierenden über das Publikum, ein wenig Hall sollte er haben.

Thrilling Story behind – Ihr spannendstes Lied-Fundstück?
Ich liebe die Musik von Leonard Bernstein. Seine „Two Love Songs“ zusammen mit meinem Pianisten zu entdecken, war für mich sehr spannend, zumal es mir scheint, dass besonders diese Stücke niemals fertig werden.

Ihr Ritual vor jedem Auftritt?
Ich schminke mich und bitte Gott, dass er uns die Möglichkeit geben möge, die Musik durch uns fließen zu lassen und damit Menschen zu berühren.

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?
Ein Triifonov-Klavierkonzert in der Kölner Philharmonie. Ich bewundere ihn wegen seines Alters und seiner gleichzeitigen künstlerischen Reife.

Ihre favorisierte Lied-Aufnahme?
Habe ich nicht. Ich finde gerade das breite Spektrum und die verschiedenen Herangehensweisen so interessant…

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?
Bierbrauer, weil das der erste Beruf war, bei dem ich jemanden habe arbeiten sehen. Dann kurz Lehrerin und dann bis zum Vorsingen Pfarrerin.

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verloren gehen?
Intimität und Nähe und das Einlassen auf die Tiefe.

Wie stellen sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?
Einfach neugierig: Die Menschen müssen wach sein und gerne denken wollen.

Welchen Rat würden Sie jeder/jedem jungen Liedstudent/in mitgeben?
Bleib offen für alles und such dir einen ebenbürtigen Duopartner, mit dem du diskutieren kannst und der ebenso eigene Ideen hat wie du.

Was schätzen Sie an der Szene der Lied-Liebhaber?
Ganz einfach: sie sorgen dafür, dass es das Lied weiterhin gibt und für seine Verbreitung.

Vervollständigen Sie: „Jeden Morgen ein Lied…“
Verbreitet mehr Intelligenz und das hält fit.

Anmerkung der Redaktion: Wer mitgezählt hat hat recht! Die Liedwelt hatte Katharina gebeten sich aus unserer Rubrik „11 Fragen an…“ elf auszusuchen. Wir freuen, uns dass sie aber offensichtlich zu viel mehr Fragen etwas zu sagen hatte und es so viel Spaß gemacht hat zu antworten.

Photo Katharina Diegritz © KLINK ART, Joachim Müller-Klink
Photo Caspar David Friedrich © Wikipedia