Unbekannter Rilke

Unbekannter Rilke – „perfektes Zusammenspiel“

Es ist Sonntag, der 2. Januar des Jahres 1927. Im Wallis ist es bitterkalt. Die Geigen-Virtuosin Alma Moodie spielt in der Kirche ein Stück von Johann Sebastian Bach. Dann geht es auf den Friedhof von Raron. „Seine Einfriedung gehört zu den ersten Plätzen, von denen aus ich Wind und Licht dieser Landschaft empfangen habe, zusammen mit allen den Versprechungen, die sie mir, mit und in Muzot, später sollte verwirklichen helfen“, hatte Rainer Maria Rilke am 27. Oktober 1925 geschrieben. Sein letzter Wille wird ihm erfüllt. =>weiterlesen bei O-Ton

Kostproben

Das ist große Kunst, zumal das Niveau bei der Auswahl der Lieder sehr hoch liegt.

Chapeau!

Photo © Michael Zerban

WDR 3 TonArt am 27.7.2018

Traumgekrönt: Hommage à Rilke im Gespräch

WDR 3 TonArt | 27.07.2018 | 12:37 Min.

Im Bonner Liedsommer widmen sich Sopranistin Franziska Heinzen und Pianist Benjamin Mead den Vertonungen von Rilkes hochartifizieller Lyrik. Mit Oliver Cech sprechen sie über Liebes- und Todesbetrachtungen in Musik.

 

 

Zum Konzert am 29.7.2018

Abschluss der Wachtberger Kulturwochen

Innehalten im Sommerloch

Liederabend „ERWACHEN“ als Abschluss der Wachtberger Kulturwochen im Atelier Michael Franke

Mit den Netzwerk-Mitgliedern Nico Heinrich, Tenor und Peter Bortfeldt, Klavier

Im Vorfeld der bevorstehenden tropischen Woche gab es im Atelier Franke in Wachtberg-Gimmersdorf Gelegenheit zum Innehalten und Sinnieren.

Bei strahlendem Sommerwetter lauschte das Publikum interessiert, tauschte sich bei einem Wein in der Pause durch die Werke von Dvořák, Brahms und Schubert inspiriert aus.

Geschickt gewählt boten die beiden ersten Lieder-Blöcke verschiedene Möglichkeiten des „Erwachens“. Zunächst bei Dvořák „das alte Lied“, die ewige Suche des starren Herzens, das vom Glück und noch sehnsüchtiger vom Paradies träumt. Die vielen zart nuancierten Facetten, die Nico Heinrich interpretatorisch herausforderten meisterte er mit berührender Innigkeit in Stimme und Gestik – beispielsweise im dritten Lied „Ich weiß das meiner Lieb zu dir“ mit der Hoffnung auf die treue Liebe.

Auch der Kontakt zum Publikum brachte den „Tränen der Seligkeit“ ebenso intensiv eine Note, durch die sich der Lauschende persönlich angesprochen fühlte.

Spätestens im fünften Dvořák-Lied „Du einzig Teure, nur für dich“ wurde deutlich wie bedeutend ein Gestalter wie Peter Bortfeldt als Liedpianist sein kann: Wie verzaubert perlten im Klavier die Girlanden für „die einzig Teure für die das Herz brennt“.

Durchweg kam dem Liederabend zugute, dass Nico Heinrich so deutlich zu sprechen vermag, dass es auch ohne Gedichte fast durchweg möglich war, dem Text zu folgen.

Nach diesen interpretatorisch eher leicht zugänglichen Werken war somit ein guter Einstieg in die weiteren „Erwachen“-Facetten vorbereitet: Voluminöser vom Klavierpart her konzipiert kamen die drei Lieder von Brahms schon einmal als akustische Steigerung an. Dies kam den vielen Natursymbole zugute: Im ersten Lied „Meine Liebe ist grün“ kommt der blühende Flieder stehend für die überschwängliche Liebe mit dem fulminanteren Klavierpart intensiv herüber. Als Vorgeschmack für die weitaus komplizierteren Gedichte im zweiten Teil gab es in „Unbewegte laue Luft“ ein sommerliches Intermezzo, und auch das letzte Brahms-Lied vom innigen Veilchen verlangt danach, das Gedicht noch einmal zur Hand zu nehmen.

Geschickt vor der Pause platziert: Die gruselige Geschichte „Der Zwerg“ von Schubert – präsentiert einem gebannt lauschenden Publikum, das durch den dramatischen Abschluß des ersten Konzertteils sehr angeregt, diskutierend und auch aufgewühlt in die Pause schritt.

Mit Schubert ging es nach der Pause zunächst weiter – zwei Lieder „Am See“ und „Halt!“ Zunächst die Verbindung mit glitzernder Sonne und funkelnden Sternen, die zu  andächtiger Ruhe gemahnen wobei sich die Seele in den leichten Wogen über den Wellen des Wassers spiegelt. Dann in „Halt!“ der sprechende Austausch mit dem Bächlein, wobei wieder die kluge und zarte Stimmführung dafür sprach, dass Nico Heinrich auch dieses Werk sehr passend ausgesucht hatte.

Peter Bortfeldt wiederum brillierte pianistisch auch in beredten langen Nachspielen wie dem von „Schwerzen“ (aus Wesendonck-Lieder, Wagner).

Schließlich die Strauss’sche Überhöhung des Erwachens – bis hin zu des „Glückes stummen Schweigen“ mit dem „Morgen“ beschließt. Hier mündete das Lied in gemeinsame lange Stille, in der jeder seinen Gedanken nachsinnen durfte und erneut das Bedürfnis aufkam, auch diese Gedichte doch noch einmal zur Hand zu nehmen, um diesen schönen Sommer-Nachmittag atmosphärisch wiederaufleben zu lassen.

Das begeisterte Publikum – es waren etwa hundert Zuhörer gekommen – erklatschte sich zwei Zugaben: zunächst „Ständchen“ von Strauss und schließlich „Die Forelle“ von Schubert.

Text + © Photos: Sabine Krasemann

Zum Konzert am 22.7.2018

„11 Fragen an…“ – Katharina Diegritz

„11 Fragen an…“ – Katharina Diegritz

 

Was machen Sie tagsüber?
Ich koche und backe gerne und viel, gehe wandern und unterrichte, wenn ich nicht übe oder irgendwohin fahre.

Ihr heißer Literatur-Tipp?
Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens.

Ihr liebstes Kinderlied?
Wir haben immer sehr viel gesungen. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, obwohl es kein Kinderlied ist…

Mein persönliches Lied-Steckenpferd
Richard Wagner, Wesendoncklieder und davon „Schmerzen und Träume“

Was ich der Welt mit dem Lied sagen möchte…
Dass alles viel feingliedriger ist als man denkt und dass es sich lohnt, stets hinter die Dinge zu blicken.

Gehen Sie gerne wandern? Wo? Warum?
Ja ich liebe es, besonders in den Bergen.
Wenn ich auf einem Berg stehe, den ich durch meine eigene Kraft bezwungen habe, dann fühle ich mich größer als zuvor. Ich kann über allen kleinlichen Problemen des Menschseins stehen und diese als nichtig betrachten.

Ihre größte Freude beim Lied-Musizieren?
Mit einem Duopartner die Feinheit eines Liedes zu erarbeiten, der Versuch, zu einer musizierenden Einheit zu werden und sich selbst für den anderen und das Gesamtkunstwerk zurückzunehmen.

Graben Sie gerne in Archiven?
Ganz ehrlich? Nein (lachend)!

Ein Bild oder eine Skulptur die bzw. das ein Lied verdient?
Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich

Ihr Lieblingsort für einen Liederabend?
Ein kleiner Saal, in den nicht mehr als 50 Leute passen, alles ebenerdig ohne Erhebung der Musizierenden über das Publikum, ein wenig Hall sollte er haben.

Thrilling Story behind – Ihr spannendstes Lied-Fundstück?
Ich liebe die Musik von Leonard Bernstein. Seine „Two Love Songs“ zusammen mit meinem Pianisten zu entdecken, war für mich sehr spannend, zumal es mir scheint, dass besonders diese Stücke niemals fertig werden.

Ihr Ritual vor jedem Auftritt?
Ich schminke mich und bitte Gott, dass er uns die Möglichkeit geben möge, die Musik durch uns fließen zu lassen und damit Menschen zu berühren.

Ein unvergessliches Konzerterlebnis?
Ein Triifonov-Klavierkonzert in der Kölner Philharmonie. Ich bewundere ihn wegen seines Alters und seiner gleichzeitigen künstlerischen Reife.

Ihre favorisierte Lied-Aufnahme?
Habe ich nicht. Ich finde gerade das breite Spektrum und die verschiedenen Herangehensweisen so interessant…

Was wollten Sie als Kind später einmal werden?
Bierbrauer, weil das der erste Beruf war, bei dem ich jemanden habe arbeiten sehen. Dann kurz Lehrerin und dann bis zum Vorsingen Pfarrerin.

Was würde uns in einer Zeit ohne das Lied verloren gehen?
Intimität und Nähe und das Einlassen auf die Tiefe.

Wie stellen sie sich das perfekte Liederabend-Publikum vor?
Einfach neugierig: Die Menschen müssen wach sein und gerne denken wollen.

Welchen Rat würden Sie jeder/jedem jungen Liedstudent/in mitgeben?
Bleib offen für alles und such dir einen ebenbürtigen Duopartner, mit dem du diskutieren kannst und der ebenso eigene Ideen hat wie du.

Was schätzen Sie an der Szene der Lied-Liebhaber?
Ganz einfach: sie sorgen dafür, dass es das Lied weiterhin gibt und für seine Verbreitung.

Vervollständigen Sie: „Jeden Morgen ein Lied…“
Verbreitet mehr Intelligenz und das hält fit.

Anmerkung der Redaktion: Wer mitgezählt hat hat recht! Die Liedwelt hatte Katharina gebeten sich aus unserer Rubrik „11 Fragen an…“ elf auszusuchen. Wir freuen, uns dass sie aber offensichtlich zu viel mehr Fragen etwas zu sagen hatte und es so viel Spaß gemacht hat zu antworten.

Photo Katharina Diegritz © KLINK ART, Joachim Müller-Klink
Photo Caspar David Friedrich © Wikipedia

Gottesmutter als Mensch – Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal

Zu einem Dreier-Gespräch waren einer der Programm-Macher von RheinVokal, Jörg Lengersdorf, Sängerin Christiane Oelze und Pianist Eric Schneider vor dem Konzert auf Schloss Engers versammelt.

Die beiden Musiker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft – genau genommen sogar seit dem Studium! Mit dem „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf fing alles an, so erzählte Oelze. Doch an diesem Abend stand im Diana-Saal ein ganz anderes Werk auf dem Programm, nämlich Hindemiths „Marienleben“, ein Liedzyklus in 15 Teilen, basierend auf Texten von Rainer Maria Rilke.

Hindemiths „Marienleben“, gepaart mit Schubert-Liedern

Dieser Zyklus gehört erst seit wenigen Jahren zum festen Repertoire des Liedduos: „Für dieses Werk braucht man eine reifere Stimme“, so Oelze im Einführungsgespräch, „außerdem sind natürlich auch die Texte nicht ohne und erfordern großes Textverständnis“.

Rilke wirft in seinen Texten einen sehr menschlichen Blick auf die Figur der Maria und lässt sie als Menschen, als Frau und später als leidende Mutter erscheinen. Auch die Musik Paul Hindemiths beschreibt Maria als Mensch und weniger als Gottesmutter. Seine Musik ist anspruchsvoll, dramatisch und stellt höchste Ansprüche an Sängerin und Pianisten. Daher haben Oelze und Schneider ihr Programm für diesen Abend um Schubert-Lieder ergänzt, die den Hindemith immer wieder unterbrechen. „Sie dürfen auch mal träumen und sich zurücklehnen“, so Schneider im Gespräch. Ausgewiesene Marienlieder gibt es nur wenige von Schubert, aber diese erklingen.

Menschliche Darstellung der Gottesmutter

Wie sehr Christiane Oelze und Eric Schneider sich mit den Texten Rilkes und der Musik Hindemiths auseinandergesetzt haben, zeigte sich sehr schnell im anschließenden Konzert: Nach Schuberts „Ave Maria“ folgte ein Block HINDEMITH?? mit der Geburt Mariä, der Darstellung Mariä im Tempel, Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung. Die komplexen Anforderungen an die Sängerin in Form von kniffligen Rhythmen und facettenreichem Ausdruck setzte Oelze klug um und begeisterte mit ihrem warmen Timbre und Feingefühl für Text und Musik. Eric Schneider am Klavier stand ihr in diesen Dingen in nichts nach. Die fast zärtliche Situation der Geburt, ebenso auch die gleichsam intime Begegnung zwischen Maria und dem Verkündigungsengel sowie die tatsächliche Schwangerschaft mit allen Beschwerden wurden für das Publikum anschaulich.

Oelze und Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen und ein menschliches und berührendes musikalisches Porträt Mariäs zu zeichnen. Ob es nun der wütende Argwohn Josephs angesichts der ungeklärten Schwangerschaft war, die Geburt Christi mit dem Wissen und der Ahnung, dass in dieser Nacht etwas Bedeutendes geschieht bis hin zum Mutterstolz, der sie Jesu zum Wunder in Kana drängen lässt – und damit vielleicht die Weichen stellt zu seiner späteren Verurteilung und seinem Tod.

Anrührende Interpretation

Ergreifend stellten die beiden Musiker das Leid Mariä nach dem Tod des Sohnes dar, in dem es weniger um die Bedeutung für die gesamte Menschheit geht, sondern vielmehr um Wut und Trauer einer Mutter, die ihr Kind zu Grabe tragen muss – „und jetzt verkehrst du plötzlich die Natur“.

Die eingebundenen Schubert-Lieder bildeten einen Rahmen für das Geschehen, waren zugleich auch immer auf aktuelle Stimmung in Hindemiths Zyklus abgestimmt, bildeten Spiegel oder Übergang zu dem nächsten Hindemith-Block. Euphorisch reagierte das Publikum am Ende des Abends mit langem Applaus und stehenden Ovationen für einen hochkarätigen und ganz besonderen Liederabend! Als Dank für den anhaltenden Applaus wurde das Publikum mit einem Schubert-Lied in den lauen Sommerabend entlassen.

Rheinischer Kultursommer 2018

Text: Verena Düren
Photo © Pixabay: WikiImages: Maria – die Immerwährende Hilfe

Konzert am 13. Juli im Rahmen des Bonner Liedsommer 2018
Interview mit Christiane Oelze

 

 

„I AM PERFECT!“ – Perfekter Abschluss für Katharina Diegritz

„I AM PERFECT!“ – Perfekter Abschluss für Katharina Diegritz

„I AM PERFECT!“ – Welch ein passgenauer und zugleich selbstbewusster Titel für ein Master-Abschlusskonzert als Sängerin! Auch der Untertitel des Programms, den Katharina Diegritz (Klasse Prof. Lioba Braun) gewählt hatte, erwies sich als aufschlussreich: „Sehnsucht -> Wahnsinn -> Scheitern -> Wahl?“ In ihrem dramaturgisch klugen und mutigen Programm ging Diegritz gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Yuhao Guo der Frage nach dem menschlichen Streben nach Perfektion nach.

Entsprechend dem Leitfaden im Untertitel war das Programm in vier Teile unterteilt, in denen es um Sehnsucht (nach Perfektion), Wahnsinn (angesichts der Dinge, die das Streben nach Perfektion einem abverlangt), Scheitern und Wahl ging. Ergänzt wurden die Abschnitte durch programmatisch passende und von der Sängerin vorgetragene Texte, die das Konzert zu einem nachdenklichen, geradezu philosophischen Ereignis abrundeten.

Ausgesprochen charmant begrüßte Diegritz die reichlich erschienenen Zuhörer, um dann zunächst erneut von der Bühne abzugehen und in ihrer Rolle als Sängerin aufzutreten.

Am Anfang stand somit gleichsam das Paradies: Ein Zustand, in dem alle alles hatten und mit dem, was sie hatten, zufrieden waren. Konzeptionell untermauert wurde dies mit einem roten Lichtkreis, der auf der Bühne zu sehen war und mit dem Diegritz durch Ein- und Austreten spielte.

Die Sehnsucht nach etwas anderem, nach mehr, nach Perfektion begann musikalisch gesehen mit Alban Bergs „Die Nachtigall“, die Diegritz mit feiner Dynamik umsetzte. Leicht und mädchenhaft naiv erklangen im Anschluss „Giunse alfin il momento …Deh vieni, non tardar“, Rezitativ und Arie der Susanna, Denn auch sie sehnt sich in Mozarts „Le Nozze di Figaro“ nach dem Moment der Glückseligkeit. Mit „Das Sehnen in der Natur“ erklang in „Lilacs“, der Wahnsinn im „Traum“ op. 8, 5. ein gekonnter Abstecher in das russische Liedrepertoire zu Liedern von Sergej Rachmaninoff.

Katharina Diegritz bewegte sich in ihrem Masterabschlusskonzert gemeinsam mit ihrem sensiblen Klavierpartner Yuhao Guo sowohl durch Lied- als auch Opernrepertoire, von Deutsch bis Russisch, von Mozart bis Bernstein, unbekanntes und bekanntes Repertoire vereinend. Sie überzeugte dabei mit ihrem warmen Sopran, großer Ausdruckskraft und außergewöhnlicher Programmgestaltung. Verstärkt wurden die teils hochphilosophischen Inhalte durch angepasste Lichtregie und durch die Texte, die Diegritz mit viel Charme spielte.

Das Ende des Konzerts war ein ausgesprochen passendes: Die Frage nach der Wahl, die wir haben – oder vielleicht haben wir gar keine? Sind wir perfekt oder nicht? Müssen oder wollen wir es überhaupt sein? Ein musikalisch großartig umgesetztes Ende eines sehr spannenden Masterkonzerts und zugleich ein Aufbruch in den neuen Lebensabschnitt von Katharina Diegritz.

Text: Verena Düren
Photo © KLINK ART, Joachim Müller-Klink

Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.

„Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben.“

Interview mit Benjamin Hewat-Craw

Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit nehmen, Herr Hewat-Craw. Ich möchte gleich mit einer zentralen Frage beginnen: Wie kamen Sie zum Gesang? Wurde in Ihrer Familie viel musiziert?

Mein Vater ist Hobby-Sänger mit Stimmfach Tenor. Einige meiner frühsten Kindheitserinnerungen sind Proben für Kirchenkonzerte, zu denen ich ihn begleitete. Ich selbst war in dem englischen Knabenchor einer Abtei in Dorset, dem Ort in Westengland, in dem ich aufgewachsen bin. Im Alter von 9-13 Jahren war ich dort im Sopran. Nach dem Stimmbruch wechselte ich in den Bass und begann, Gesangsunterricht zu nehmen. Mein Lehrer förderte meine Entwicklung und ermutigte mich in dem Entschluss, den Gesang professionell auszuüben.

Sie haben sich für ein Studium in Deutschland entschieden. Wo rührte diese Entscheidung her?

Mein Lehrer war Schotte und sang sehr häufig in Deutschland. Er lebte während dieser Perioden in Darmstadt und ich habe dort mit ihm gearbeitet. Er empfahl mir Deutschland als ein musikbegeistertes Land mit vielen Möglichkeiten für Konzerte, Engagements für junge Sänger. Am Anfang war es eine große Umstellung, in Deutschland zu leben, die Kultur ist sehr anders. Das war eine interessante Erfahrung, die mich auch verändert hat. Nach dem ersten Jahr war ich sehr glücklich in Deutschland und bin nach Köln gekommen, um bei meinem Professor Christoph Prégardien zu studieren.

Was war für Sie die größte Umstellung?

Ich möchte nicht sagen, dass die Deutschen unhöflicher sind, im Gegenteil, es sind sehr herzliche Menschen! Aber die Engländer sind vorsichtiger. Sie verpacken die Wahrheit oft in ihrer Höflichkeit, damit man sich ihre Kritik nicht zu sehr zu Herzen nimmt. Die Deutschen sind direkter in ihrer Kritik. Das war ein Kulturschock. Aber nur ein kleiner.

Sie begeistern sich für das Lied. Erleben Sie Unterschiede im Umgang mit dem Lied in England und in Deutschland?

In Deutschland ist die Arbeit am Lied viel detaillierter. Es geht um ein sehr genaues Sprachverständnis. Es ist eine Kunst für sich. In England ist das anders. Man lernt Lieder, um sich auf die Opernliteratur vorzubereiten, aber sieht sie eher nicht als eigenständige Kunstgattung. Das Lied bleibt in den Musikhochschulen und es gibt kein großes begeistertes Publikum.

Es gibt wichtige Institutionen wie die Wigmore-Hall in London, aber auf das ganze Land gesehen gibt es relativ wenig Räume für das Lied. In Deutschland sieht das ganz anders aus, da gibt es viel mehr Möglichkeiten, in Liederabende zu gehen. Ich glaube, dass die Deutschen eine engere Verbindung durch ihre Sprache zum Lied haben. Es gibt so einen großen literarischen Reichtum und daher beschäftigt man sich als Musiker automatisch damit. Die Tradition in England reicht nicht so weit zurück.

Sie sprechen nahezu perfekt deutsch – liegt das auch an der Liebe zum Lied?

Sicherlich hat mir der Liedgesang geholfen, meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Ich strebe immer danach, mein Deutsch zu perfektionieren und der Umgang mit den Menschen ist für mich sehr wichtig. Für mich ist das Deutsche eine sehr schöne und ehrliche Sprache. Man kann sich in ihr sehr klar ausdrücken.

Eines Ihrer kommenden Projekte wird eine Winterreise sein…

Genau. Mein Begleiter und ich arbeiten intensiv mit Ulrich Eisenlohr und werden die „Winterreise“ in diesem Herbst aufführen. Der Zyklus ist so ein großes Werk, es ist einzigartig in der Musikgeschichte. 24 Lieder fokussieren sich auf eine Person. Es gibt keine weiteren Personen und das macht den Zyklus zu intim.

„Die schöne Müllerin“ ist da anders, da gibt es mehrere Akteure. Bei der Winterreise geht es in der Stimmung des Charakters von null auf minus hundert, immer weiter abwärts. Bis hin in unsere Zeit ist kaum je so ehrlich über Depression und die eigene Bipolarität gesprochen worden. Man kann sich davor nicht verstecken. Ich hoffe, wir können das ausdrücken.

Wie sähe für Sie der perfekte Ort, eine Winterreise aufzuführen, aus?

Ich finde, es muss ein schummriges Licht sein. Ich mag auch den Trubel der Stadt für so ein Werk nicht. Es ist zu lebendig. In einer Kirche am Rande einer Stadt hat man eher das Gefühl, mit dem Publikum allein zu sein. Nach dem letzten Lied kann man hinaus gehen und das Gefühl der Einsamkeit erleben. Ich finde, man muss einen Ort finden, an dem so ein Mensch wie der Protagonist der Winterreise leben könnte.

Es haben sehr viele Sänger die Winterreise aufgenommen. Gibt es eine Aufnahme, die Sie besonders berührt? Und haben Sie unabhängig von der Winterreise Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Natürlich führt kein Weg an Fischer-Dieskau vorbei. Er hat so einen starken Charakter und im Umgang mit dem Text ist er eine zentrale Persönlichkeit. Besonders die frühen Aufnahmen der Winterreise schätze ich sehr. Man kann die Landschaft wirklich vor dem inneren Auge sehen. Auch die politischen Verhältnisse im Berlin der Nachkriegszeit kann man in der Kraft seiner Stimme hören.

Von den modernen Liedsängern: Christian Gerhaher. Er ist unglaublich präzise mit seiner Sprachgebung und mit den Konsonanten und führt zugleich wunderbare Linien. Ich finde seine Interpretation großartig. Meine Lieblings-Aufnahme ist eigentlich von Florian Boesch und Malcolm Martineau. Boesch singt den Zyklus nicht, er spricht ihn. Er ist so direkt mit seiner Tongebung als gäbe es nur ihn und dich als Zuhörer in einem Raum, das finde ich großartig. Er wählt etwas tiefere Tonarten als er es wahrscheinlich brauchen würde, aber so kann er ganz direkt mit den Menschen sprechen. Man glaubt ihm, dass er der Protagonist ist. Man kommt auf eine Art und Weise weg von der Schönheit der Lieder und das kann auch gut tun.

Wir haben jetzt so viel über die Winterreise gesprochen. Welche weiteren Projekte sind in Planung?

Ab September mache ich ein Projekt mit dem englischen Zyklus Songs of Travel von Vaughan-Williams. Robert Louis Stevenson hat die Texte geschrieben und Vaughan-Williams hat einige Texte ausgewählt. Es gibt aber unglaublich gute Texte zwischen den vertonten Gedichten und wir machen eine halbszenische Aufführung und zwischen jedem Lied wird es eine Improvisation über unvertonte Texte geben, die gut dazu passen.

Wir sind sehr gespannt darauf. Robert Louis Stevenson machte die Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, dem er Bücher schenkte, damit er etwas lesen konnte. Es war ein gebildeter Mann, der keine Lust mehr dazu hatte, die Rolle als Teil der Gesellschaft zu spielen und sich von ihr abwendete. Er zog von Stadt zu Stadt für den Rest seines Lebens und Robert Louis Stevenson hat viel über ihn geschrieben, unter anderem einen Essay.

Es war für uns klar, dass wir diese Begegnung in unser Programm mit einfließen lassen mussten. Ich bin sehr gespannt, wie es wird. Die Aufführung wird in Mainz stattfinden und für Anfang 2019 sind auch Konzerte in Köln geplant.

Das wäre großartig, das Projekt klingt wirklich sehr spannend! Eine letzte – diesmal etwas private – Frage: Was tun Sie, wenn Sie nicht singen?

Ich lese viel. Im Moment beschäftige ich mich mit den großen Philosophen und ihren Werken. Es steckt voller Fragen, die sich auch im Kunstlied wiederfinden. Wilhelm Müller schreibt  in der Winterreise: „Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!“ so schließt sich der Kreis.

Und ich spiele Tennis. Naja, ein bisschen…

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für alle Projekte viel Erfolg!

Das Interview führte Eva Nesselrath

Nico Heinrich

Nico Heinrich

Der Wachtberger Tenor Nico Heinrich hat bereits in zahlreichen Liederabenden seine fein differenzierte Ausdruckskraft in diesem Genre unter Beweis stellen können. Konzerte führten ihn auch in den Kammermusiksaal des Beethovenhauses Bonn, das Schumannhaus in Endenich oder nach Baden Baden. Auch Konzerte im Rahmen des Internationalen Beethovenfest Bonn fanden statt.

Nico Heinrich arbeitet mit Peter Bortfeldt, Hedayet Djeddikar, Tobias Krampen und Jamina Gerl zusammen.

Neben dem Liedgesang widmet sich Nico Heinrich auch dem Repertoire der sakralen Musik. In der Region Köln/Bonn ist er ein gern gefragter Solist und arbeitete mit dem Chur Cölnischen Chor unter Prof. Heribert Beissel, dem Orchester des Collegium Musicale Bad Honnef unter Rolf Beitzel, den Ensembles der Bonner Kreuzkirche unter Karin Freist-Wissing, Christoph Gießer, Martin Kahle, Christian Frommelt und Prof. Reiner Schuhenn zusammen.

LiedweltLinks

Konzert am 22.7.2018
Konzert-Bericht über den 22.7.2018

© Photo: Nico Heinrich | Romy Linden

Alma Mahler und ihre „strahlenden Satelliten“

Alma Mahler und ihre „strahlenden Satelliten“

Ein inszeniertes Konzert mit Liedern und Texten von Alma und Gustav Mahler, Alexander Zemlinsky, Alban Berg, Arnold Schönberg und anderen.

Alma Mahler-Werfel war eine starke und polarisierende Persönlichkeit, die bis heute noch geliebt oder zur Femme Fatale des 20. Jahrhunderts herabstilisiert wird. Sie war Ehefrau und Muse von Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel und Geliebte von Alexander Zemlinsky und Oskar Kokoschka.

Sie kannte sehr viele bedeutende Komponisten ihrer Zeit persönlich, studierte bei Alexander Zemlinsky gemeinsam mit Arnold Schönberg Komposition und strebte als junge Frau selbst an, Komponistin zu werden.

Wie keine andere Frau verstand es Alma Mahler-Werfel, in ihren Salons in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Wiener Gesellschaft von berühmten Politikern, Schauspielern, Sängern, Komponisten, Dirigenten, Regisseuren, Schriftstellern und Malern zusammenzuführen.

„Alma Mahler und ihre strahlenden Satelliten“ nähert sich ihrer vielfältigen Persönlichkeit über die Sprache der Musik, beschreibt ihre Persönlichkeit und ihr Leben aus der Musik heraus. So erfährt das Publikum gleichsam eine  faszinierende Zeitreise. Berührt werden dabei sowohl die Wiener Künstlerszene Anfang des 20. Jahrhunderts als auch die Künstlerszene ab 1940 im Exil in Los Angeles, Beverly Hills und New York berührt. Hier führte Mahler ihre künstlerischen Salons fort und hat sich bis zu ihrem Tod 1964 weiterhin mit vielen bedeutenden Künstlern ihrer Zeit umgeben.

Judith Hoffmann, Sopran & Rezitation
Desar Sulejmani, Klavier

Dramaturgie: Judith Hoffmann, Kolja Buhlmann
Text: Kolja Buhlmann

Dauer: 2 x 45 Minuten
Gema:
Requisiten: werden mitgebracht

LiedweltBericht über die Aufführung am 27.5.2018