„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

„Das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme sind für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück“

Interview mit Christiane Oelze

 

Christiane Oelze, 2017

Frau Oelze, wir blicken heute gespannt auf Ihr nächstes Konzert in Köln, den Orgelliederabend mit dem Organisten Ulrich Brüggemann am 13.Mai 2018 in der St. Nikolaus Kirche in Köln Sülz.

Die Klangmöglichkeiten, die sich sängerisch im Zusammenspiel mit dem Instrument Orgel bieten, faszinieren mich schon länger und ich bin sehr froh, dass eine glückliche Fügung den Organisten am Kölner Dom, Ulrich Brüggemann, und mich für dieses Projekt zusammengeführt hat. Wir haben uns in Köln bei meiner Aufführung des „Marienleben“ von Paul Hindemith in St. Peter im Rahmen der Liedreihe „Im Zentrum Lied“ vor zwei Jahren kennengelernt. Er gratulierte mir, stellte sich vor, und ich fragte ihn, ob er Lust hätte, zum Beispiel die Wesendonck-Lieder mit mir auf der Orgel zu spielen. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren öfter verabredet und Lieder und Arien aus Oratorium und sogar Oper geprobt und aufgeführt.

Diesen Liederzyklus nach Gedichten seiner Muse Mathilde Wesendonck hat Wagner 1857/58 ja zunächst für Klavier und Sopran geschrieben. Dieser tief empfundene Liedzyklus hat aber bis in die heutige Zeit hin Künstler zu verschiedensten Transkriptionen inspiriert: Felix von Motti in der Fassung für Orchester und Singstimme, Bearbeitungen für Streichinstrument und Klavier, Harmonium, Chorgesang, die Version für Kammerorchester von Hans Werner Henze und die Orchestrierung von Wagner selbst…

Ja, und aus diesen Arrangements sticht die Bearbeitung für Sopran und Orgel von Hans Peter Eisenmann heraus. Die Farbkraft und die orchestralen Möglichkeiten der Orgel bieten der Stimme ganz einzigartige Möglichkeiten der Klangentwicklung und Klangverschmelzung. Ulrich Brüggemann und ich konnten dies bereits einige Male auch im Kölner Dom erleben. Ich wurde gebeten, dort einen Gottesdienst zum Valentinstag mitzugestalten und wir haben die Arie der Rusalka, „An den Mond“ von Dvorak, aufgeführt. Es war für mich so bereichernd, mitzuerleben, mit wie viel Können Ulrich Brüggemann, der auch die meisten der täglichen Messen im Kölner Dom an der Orgel bestreitet, dieses Lied für die besonderen Gegebenheiten der Orgel im Zusammenspiel mit der Stimme arrangiert hat. Wir haben jedoch auch originale, für Sopran und Orgel konzipierte Werke gefunden für den Liederabend, so die drei Lieder des Zyklus „Les Angélus“ von Louis Vierne. Die Orgel bietet einerseits den Manualen und dem Pedal zugeordnete Register, die Instrumente, vor allem Holzbläser und Trompete, Posaune, und sogar die menschliche Stimme („Vox humana“) imitieren, aber auch solche Register, die als Grundstimmen den spezifischen Orgelklang ausmachen. Das macht den Gesamtklang so überaus reich und unglaublich vielschichtig und vielseitig.

Wie können wir uns das Miteinander von Orgel und Stimme genau vorstellen?

Das Miteinander von Stimme und Orgel ermöglicht es, selbst mir lange schon bekannte Lieder, wie z.B. Gustav Mahlers Lieder „Aus des Knaben Wunderhorn“ oder Lieder aus dem „Spanischen Liederbuch“ von Hugo Wolf neu zu hören und stimmlich neu zu erleben. Der Gesang breitet sich in Kombination mit der Orgel anders aus, die Stimme verschmilzt teilweise mit den verschiedenen instrumentalen Orgelregistern, so dass neue, ungehörte Klangereignisse entstehen. Dies um so mehr, als Ulrich ein unglaublich versierter und erfahrener Solist ist, der auch eine große Liebe zum Lied und zu den Möglichkeiten der menschlichen Stimme hat. In diesem Sinne hat er bereits mit Künstlern wie Franz-Josef Selig, Anna Lucia Richter und Thomas Heyer gearbeitet und auch regelmäßig mit den Chören der Kölner Dommusik.

Ein Liedprogramm in der Kirche von der Empore aus ist auch für eine so erfahrene Liedinterpretin wie Sie ein ungewöhnliches Umfeld.

Was auch einen zunächst ganz ungewohnten Reiz ausübt, da das Klangerleben im Raum der Kirche so der dramatische Mittelpunkt des Konzerts ist und andere, äußerliche Faktoren, die sonst bei einem Liederabend eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Kleiderordnung, in den Hintergrund treten. Der Zuhörer kann sich ganz auf den Klang, die Stimme, und die Orgel, konzentrieren.
Zusätzlich geben die verschiedenen Werke der Spätromantik ganz unterschiedliche poetische Welten wieder. Diese sind ganz anders als bei Barock-Kantaten oder Kirchenliedern, bei denen sich Orgel und menschliche Stimme sonst im Raum einer Kirche treffen.

Spiegelt sich dies im Aufbau Ihres Programmes wider?

Wir haben die Zusammenstellung so gewählt, dass es für den Hörer neben den verschiedenen Facetten der Kombination von Stimme und Orgel auch romantische Orgelwerke im Konzert gibt.

Sie sind dieses Jahr mit vielen verschiedenen musikalischen Partnern unterwegs…?

Ich glaube, dass die Freude an Neuem, die Flexibilität im Alltag und auch im Beruf als Sängerin sich durch mein Leben ziehen. In den letzten Jahren habe ich nicht zuletzt über die Zusammenarbeit mit ganz verschiedenen künstlerischen Kollegen und Instrumentenkombinationen zu neuen Ausdrucksformen gefunden. Es ist mir auf diese Weise noch bewusster geworden, dass das Singen und die Arbeit mit und an der Stimme für mich ein tiefes inneres Verlangen und Glück bedeuten, auch jenseits der alltäglichen Routine des Sängerberufs. Im Wandel der Zeiten gelingt es mir, immer neue stimmliche Nuancen für mich zu entdecken. Dies gilt ebenso für mein privates Unterrichten. Ich bin glücklich, wenn ich an der stimmlichen Entwicklung von jungen Sängerinnen und Kolleginnen teilhaben und sie darin unterstützen kann. Und ich denke, dass das Lied als Gattung uns Sängern hierbei in den ganz unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen eine unschätzbare Möglichkeit bietet, zu dem jeweils ganz individuellen stimmlichen Klangausdruck zu finden.

…und das ist es ja auch, was dann den „Funken“ beim Zuhörer überspringen lässt…

Ich wünsche mir, dass es in jedem Liederabend Momente gibt, in denen Poesie und Musik so miteinander verbunden sind, dass wir für die Zuhörer berührende Augenblicke schaffen, die sie ihrer Gefühlswelt näherbringen. Und dafür lohnt es sich, auch andere Klangräume auszuloten wie nun die Kirche St. Nikolaus in Köln-Sülz, für einen weiteres Orgel-Recital das Kloster Springiersbach an der Mosel, oder auch eine Kirche in Sligo, Irland, wo ich Anfang Mai mit dem Vogler-Quartett und Jonathan Ware Lieder von Fauré, Schubert, Schumann, Reynaldo Hahn und Benjamin Britten aufführen werde. Es wäre schön, auf diese Weise nicht nur Menschen zu erreichen, die auch in einen „klassischen Liederabend“ gehen würden, sondern auch Besucher, die die Kirche als spirituellen Raum für sich erleben.

Welche weiteren Projekte liegen Ihnen in diesem Jahr noch besonders am Herzen?

Neben der Zusammenarbeit mit Eric Schneider für „Das Marienleben“ von Hindemith bei Rheinvokal, mit dem Brüsseler Nationalorchester mit „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss und den „Altenberg-Liedern“ von Alban Berg freue ich mich in diesem Jahr besonders auf die Projekte mit dem Vogler Quartett, nicht nur bei den Internationalen Kammermusiktagen in Sligo, Irland sowie in Homburg an der Saar, sondern auch bei der Aufführung der „Letters from Lony“, die am 9. November in Stralsund stattfinden wird.

Das Datum der Reichspogromnacht ist nicht zufällig?

Nein, gewiss nicht. „Letters from Lony“ ist eine behutsame kammermusikalische Vertonung von Ronald Corp für Streichquartett und Mezzosopranstimme aus dem vergangenen Jahr. Lony Rabl-Fraenkel war vor der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zunächst nach Amsterdam geflohen. Dort schrieb sie ihrer nach England geflohenen Familie und dem Enkel, den sie wegen ihrer Ermordung im KZ im Jahr 1944 nie kennenlernen konnte, von 1938 bis zu ihrer Verschleppung ins Konzentrationslager 1943/44 viele Briefe. Der Enkel von Lony Rabl-Fraenkel stellte diese ergreifenden Dokumente vor einigen Jahren dem Komponisten Ronald Corp zur künstlerischen Verarbeitung zur Verfügung. Das Lesen und Erkunden dieser Briefe und die ersten Proben für dieses Projekt sind für mich bereits sehr bewegend gewesen, und das gemeinsame Erarbeiten dieses Werkes mit dem Vogler Quartett ist für mich ein besonderer Klang in den sängerischen Aufgaben dieses Jahres.

Hierfür wünschen wir Ihnen alles Gute, Frau Oelze und danken ganz herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte Heike Paulsen.

Photo © Christiane Oelze | Natalie Bothur ++ Weiterverwendung nur nach Absprache

Zum Orgelliederabend am 13. Mai 2018

Beauty is life

Beauty is life – Liederabend Scholl / Halperin am 15.4.2018

Andreas Scholl und Tamar Halperin luden zu einem ausgefeilten, vielschichtigen Liederabend-Erlebnis in die Kölner Philharmonie ein, das klar in Konzeption und Aussage war, aber jedem Hörer auch Raum zur eigenen Reflexion ließ.

Formal war jeder kunstvolle Block geschlossen: Die Konzeption drang so tief in die Gesamtanlage der einzelnen „Akte“ ein. Aufeinanderfolgende Lieder und Klaviersolo-Werke schlossen auch in den Tonarten nahtlos aneinander an. So wurden Nachspiele zu Vorspielen: Unmerklich blieb ein Ton liegen und so kamen jeweils in sich geschlossene Einheiten zustande, die das Publikum ausnahmslos in ihren Bann zogen.

Der gesamte Liederabend gestaltete sich durch klug aufeinanderfolgende Aspekte so, dass die Spannung unmerklich den Abend vorantrieb. Hier konnte jeder Zuhörer seine eigene Geschichte anhand der vielen Symbole, Kleinode und angedeuteten Szenerien entwickeln und sich auf seine persönliche Reise begeben. Andreas Scholl und Tamar Halperin vermittelten mit souveräner Gestaltung und kongenialem gegenseitigem Verständnis ihre Kunst als Duo.

Eine weite Landschaft entstand zu Beginn des Abends vor dem inneren Auge. Zunehmend verdichtete sich diese, Szenen, Bilder, Ereignisse, Symbole blitzten auf. Auch wurde das Geschehen unversehens dichter durch das immer mehr beredt die Spannungspausen füllende Klavier. Aber erst in dem Lied „Wo der Goldregen steht“ von Alban Berg findet sich auch im Text die Verbindung von Sänger und Pianistin wieder: „Eh‘ wir weitergehen“.

Cages jazzige Soliloquy war Start in eine ganz neue Klangwelt und wurde psychologisch ganz richtig mit Copelands „I bought me a cat“ locker und witzig fortgesetzt. Sie waren gekrönt von Heiterkeit auslösenden artistischen Kulminationen von Tierlauten, die Scholl mit  Witz und Schwung zelebrierte – ehe Cages „Jazz Study“ endgültig den Rahmen des üblichen Liederabend-Repertoires gekonnt sprengte: Eine geschickte Korrespondenz aus Soliloquy heraus, die die stilistische Spannweite im Klavier und die Rolle als verbindendes wie das Konzept vorantreibendes Element verblüffend veranschaulichte – und irgendwo eine Verselbständigung der musikalischen Fortsetzung aus dem Konzept heraus.

Beauty is life – mit diesem lebensbejahenden Statement von Tawadros / McMahon schickte das Duo das Publikum in die Pause.

In a Landscape

Was soll nach dem „Vater unser“ von Pärt noch kommen, so die Frage nach der Pause beim Staunen über so viel Mut zu gestalterisch Offenem, das tief bewegte. Und natürlich fand das Duo Scholl / Halperin auch hier die richtige Antwort: etwas volksliedhaft-einfaches muss es sein! Also „Greensleeves“ von Britten. Unversehens lauschend wurde schließlich klar, nun ist schon das dritte Lied nach dem Vater unser gekommen und immer noch hallten die Korrespondenzen weiter nach und sponnen sich die Fäden weiter.

Da hilft eine gemeinsame Meditation mit Tamar Halperin! Zwei kürzere meditative Inseln mit Cage-Klavierwerken gab es schon in der ersten Hälfte, aber die Stille und Besinnung, die die Pianistin hier mit Cages „In a landscape“ zauberte, fesselte das Publikum so, dass dieses regelrecht die Luft anhielt. Andreas Scholl gestaltete souverän auch die Feinheiten, aber spätestens mit diesem Cage-Coup macht sich die Pianistin zum eigentlichen Star des Abends, war sie doch stets als wahrhaft ebenbürtige Partnerin Korrespondentin, treibende Kraft, reflektierendes Moment, durch das die Kunst Scholls einen wunderbaren Widerpart hatte. Die gegenseitige musikalische Vertrautheit konnte im permanenten Wechselspiel stets beobachtet werden.

Das begeisterte Publikum erklatschte sich zwei Zugaben: Mit “Shir Eres” von Sasha Argov gefolgt von “Lullaby” von Billy Joel ging es bereichert heim.

Text: Sabine Krasemann

Photo ©:
Andreas Scholl: BR-Klassik
Tamar Halperin: Gregor Hohenberg
Duo: Die Rechte konnten leider nicht geklärt werden.

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

„Ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen“

Frau Danz, Sie haben sich – im Gegensatz zu so Vielen, die sich gern „Mezzosopran“ nennen – immer ausdrücklich als Altistin bezeichnet und speziell das tiefe Register kultiviert…

Diese Stimmlage habe ich immer gern gehabt und sie hat mir nie Probleme bereitet, vielleicht auch deswegen, weil ich keine Opern singe, wo es die vielen „Zwischenfach“-Rollen gibt. Im Bereich von Oratorium und Lied sind die Lagen ja viel deutlicher voneinander getrennt, und meine Stimme ist eben eine Altstimme, was nicht heißt, dass es mir nicht möglich wäre, dort, wo es eine Partie erfordert, auch weiter in die Höhe zu gehen. Aber ich fühle mich in meinem Fach sehr wohl und hege keinerlei Ambitionen, darüber hinaus zu gehen.

Nun gibt es ja – man denke etwa an die Bach-Passionen und Vieles andere mehr – im Altfach auch ganz herrliche Sachen, und beim Liedgesang hat man außerdem noch die Möglichkeit zum Transponieren, wenn die Original-Tonart vielleicht zu hoch oder zu tief liegt. Wie sind Sie denn im Grunde zum Singen als Beruf gekommen?

Ich habe schon früh in Schulchören mitgesungen, auch im Kirchenchor, und zunächst Schulmusik studiert und mit Hauptfach Klavier meinen Abschluss gemacht…

… sozusagen als „Rückversicherung“?

Zu Beginn meines Studiums hatte ich nicht in Erwägung gezogen, Sängerin zu werden; ich wollte gerne Schulmusikerin sein. Mein Hauptfach war damals das Klavier: Ich habe es sehr genossen, intensiven Klavierunterricht zu haben und außerdem in allen anderen relevanten Fächern unterrichtet zu werden: Chorleitung, Orchesterleitung, Gehörbildung, Theorie, Pädagogik. Um dieses Studium bin ich sehr froh, zumal mir das Klavierspiel sehr bei der Vorbereitung von Programmen hilft.

Zur Zeit bereite ich mich auf den Dortmunder Schubert-Wettbewerb vor, der abwechselnd für Klavier und Lied-Duo ausgeschrieben wird und deren künstlerische Leiterin ich in der Nachfolge von Irwin Gage geworden bin, und stelle das Wettbewerbsprogramm für die Teilnehmer zusammen. Dafür habe ich mir sämtliche Schubert-Lieder durchgesehen und -gespielt, und das sind über 700. Jedes einzelne Lied ist großartig und eigensinnig, und das ist wirklich erstaunlich und faszinierend; „schwache“ Lieder finden wir bei Schubert nicht. Ich finde, wir Wettbewerbsausrichter haben eine große moralische und pädagogische Verantwortung gegenüber den Teilnehmern eines solchen Wettbewerbs, und wir legen allen ans Herz – auch denen, die keine Auszeichnung erhalten haben -, sich mit uns über ihre Leistungen noch einmal auszutauschen, sei es im persönlichen Gespräch oder auch per e-Mail.

Stichwort „Wettbewerb“: Sie sind ja auch als gefragte Gesangspädagogin tätig. Wie schätzen Sie diesen Arbeitsbereich für sich ein?

Ich unterrichte wirklich leidenschaftlich gern. Jungen, talentierten Menschen meine Erfahrungen und Kenntnisse weiter zu geben ist eine der schönsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann.

Unterrichten Sie auch an einer Hochschule?

Nein; ich wollte immer unabhängig sein in meinen Entscheidungen, und deshalb unterrichte ich nur Privatschüler, vom jungen Sänger bis zum im Beruf stehenden Kollegen, der Rat sucht bei Problemen oder einfach eine fachliche Kontrolle seiner stimmlichen Leistungen haben möchte. Zu diesem Zweck habe ich vor einiger Zeit einen wunderbaren Saal im Süden von Köln angemietet, der gut erreichbar ist, und da können wir intensiv arbeiten.

Das macht ja neugierig – wir werden gerne bei Ihnen bei Gelegenheit vorbeuschauen und den Ort kennenlernen… Nun aber zu ihrer eigenen Tätigkeit als Sängerin: Wie sieht es etwa mit dem Repertoire aus; haben Sie da bestimmte Schwerpunkte?

Nun, die ergeben sich aus den Anfragen durch die Veranstalter, doch lege ich großen Wert auf ein breites Spektrum, von der Renaissancemusik bis hin zu zeitgenössischer Musik. Aber es gibt schon besonders schöne Partien, die mir sehr am Herzen liegen; zuletzt habe ich in Berlin im „Stabat Mater“ von Dvořák die Altpartie gesungen. Oder die Alt-Rhapsodie von Brahms – das sind herrliche Werke.

Ich bin aber auch sehr offen für weniger Bekanntes und es ist mir ein Anliegen, mich dafür einzusetzen, wenn ich von dem Wert überzeugt bin. So habe ich eine CD mit Liedern von Felix Draeseke aufgenommen und eine weitere mit Liedern der kroatischen Komponistin Dora Pejacevic, die man jetzt, etwa hundert Jahre nach ihrem frühen Tod, mehr und mehr „wiederentdeckt“.

Wie sieht es denn aus bei neuer Musik?

Die zeitgenössische Musik interessiert mich sehr. Ich habe des öfteren schon Uraufführungen gesungen, und einige Komponisten haben mir eigens Werke, wie man sagt, „auf den Leib“ geschrieben, oder doch besser „in die Kehle“, und ich mache das immer sehr gern, auch weil man sich mit den Komponisten noch persönlich über spezielle Aspekte der Interpretation austauschen und dann auch sicher sein kann, ihren Absichten so nahe wie möglich zu kommen.

Können Sie da ein paar Namen nennen?

Ich denke da besonders an Wolfgang Rihm oder den in Bochum lebenden Stefan Heucke. Mein Mann Peter Stein, der Geige und Bratsche spielt, ist oft auch mit eingebunden. Der in Kalifornien ansässige Peter Knell hat für uns sehr interessante und schöne Gedichtvertonungen geschrieben.

An solchen schönen Kompositionen, die Ihnen beiden „auf den Leib“ geschrieben wurden hatten wir ja im Februar bei „Im wachsenden Ringen“ schon unsere Freude!

Es wird immer wiederholt, „man“ beklaet ein immer schwächer werdendes Interesse am Kunstlied. Wie sehen Sie die Situation?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Wertschätzung für das Lied beim Publikum nachlässt, aber es gibt ja leider die Tendenz, dass schon in den ersten Schulklassen kaum mehr gesungen wird. Und wo soll das Interesse bei den Heranwachsenden herkommen, wenn sie überhaupt nicht an diese schönen Dinge heran geführt werden? Hier müsste man vor allem ansetzen.

Sie fühlen sich also selber im heutigen Musikleben recht gut aufgehoben?

Durchaus, aber wir müssen natürlich auch lebendige und aktuelle Möglichkeiten und Formate für die Zukunft finden, und da ist es sehr wichtig, auch neue Methoden und Wege der Vermittlung zu nutzen. Deshalb halte ich auch eine Initiative wie die „Liedwelt Rheinland“ für äußerst wertvoll, um die Kräfte und Informationen zu bündeln und alle Chancen zu nutzen, dem Kunstlied einen dauerhaften Platz im Musikleben zu erhalten.

Die Freude beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Wir als Netzwerk existieren schließlich nur, weil sich so viele kompetente Künstler im Rheinland finden. Frau Danz, worauf dürfen Sie sich denn als nächstes Projekt, in dem Sie mitwirken freuen?

Bald geht es Richtung Osten, wo ich bei einer Matthäus Passion im Moskauer Konservatorium mitwirken werde, die von Enoch zu Guttenberg mit seinen Ensembles dort aufgeführt wird.

Das klingt wieder einmal nach spannenden Begegnungen! Wir bleiben am Ball!

Das Gespräch hat Gunter Duvenbeck in Köln am 21. März 2018 geführt.
Photo © Ingeborg Danz | privat
CD-Covers: Rechte bei den Labels

Bonner Liedsommer 2018

 

Rheinländische Sommer-Highlights rund um’s Kunstlied

Der Bonner Liedsommer 2018 ist ein sommerliches Kaleidoskop der Liedkunst im Rheinland: Unsere Künstler leben und schaffen alle vor Ort – in 11 Konzerten und einem Workshop sind eine Vielzahl von Programmen und Konzepten zu hören.

An ausgesuchten Orten greifen wir Programme unserer Partner und Mitglieder auf und regen künstlerische und strategische Kooperationen an – und entwickeln neue Partnerschaften.

Hier geht’s zu den Veranstaltungen

 

Das vielfältige Programm des Bonner Liedsommer klingt zwischen dem 27.5. und dem 3.10.2018.

Der Flyer zum Nachlesen ist hier in der Webversion abrufbar.

Hier geht’s zu den Hintergründen

Zum Stöbern laden wir ein in den Details der jeweiligen Veranstaltungen nachzulesen.

Liedsommerberichte – Rückschau

Hier darf ich Mensch sein

Der Hintergrundbericht zum Bonner Liedsommer 2018 bei O-Ton.

„Gottesmutter als Mensch –
Hindemiths „Marienleben“ bei RheinVokal“

Christiane Oelze und Eric Schneider gelang es in ihrer großartigen Interpretation, die Intention Rilkes und Hindemiths perfekt umzusetzen…

„Tanzen und Springen“

Träumereien und Naturidyllen in der Savanne des Naturkundemuseum Alexander Koenig

Eine inszenierte poetische Dichter-Reise“

Mit berührenden und liebevoll inszenierten Bildern erzählt das Ensemble Eikona voller schauspielerischem Geschick die Geschichte eines Dichters, der nach dem Scheitern seiner Liebe zu einer poetischen Reise aufbricht.

„Kunde aus dem mittelalterlichen Europa“

Mit dem ältesten bekannten Musikstück der Welt, dem Hymnos Seikilos begann das Konzert.

„Mit Leidenschaft, Hingabe und aus tiefstem Herzen“

Ein inszeniertes Konzert über Alma Mahler am 27.5.2018 in Oberpleis mit Judith Hoffmann und Desar Sulejmani

Der Bonner Liedsommer ist mit zahlreichen seiner Konzerte Partner im Rheinischen Kultursommer 2018.

bunt. spannend. abwechslungsreich.

 

Maximum Reger

Schaffen und Dokumentation – Max Reger: The Last Giant

„Maximum Reger – zahlreiche sehr persönlichen Berichte und vor allem aus über 700 Minuten seiner Musik …“ mehr in unserem Interview mit unserem Netzwerk-Mitglied Frauke May

April 2018: Maximum Reger gewinnt den BBC Music Magazine Award 2018

Frauke May (Mezzosopran), Julius Berger (Violoncello), Markus Becker, Rudolf Meister (Klavier), Graham Barber, Bernard Haas (Orgel) und viele mehr; Aris Quartett; WDR Funkhausorchester/ Wayne Marshall

Reviewed August 2017

Max Reger is one of the most unjustly neglected composers in music history. That’s the contention of producer Will Fraser, of Fugue State Films, whose mighty six-DVD set devoted to the German more than meets his ambition to correct that wrong.

In an era when fewer and fewer classical music documentaries are being made, Maximum Reger pulls out all the stops. Everything about the project is impressive, its scale and scope a suitable match for this gargantuan late-Romantic composer.

Maximum Reger is, said our critic Erik Levi, ‚a hugely rewarding achievement that should persuade us all to revisit our preconceptions of Max Reger’s place in music history.‘

Liedduo Harsanyi / Ming Geiger

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen.

Interview mit dem Liedduo Elena Harsányi & Toni Ming Geiger

Es ist bei Ihnen ja dieses Jahr schon schwer was los! Kaum ist das Masterkonzert vorbei darf ich auch schon einen herzlichen Glückwunsch zu dem Sonderpreis in der Kategorie Liedduo beim Deutscher Musikwettbewerb DMW loswerden … und eine Zukunftsplanung gibt es auch schon – da würden wir auch gerne mehr zu erfahren.

Man könnte sich ja auch einen kleinen Liederabend im Wettbewerb vorstellen mit drei bis fünf Liedern, die eine thematische Einheit ergeben? Wie lief das beim Deutschen Musikwettbewerb ab? Und ist da etwas anders gewesen als bei anderen Wettbewerben?

Wenn ich das in Verbindung mit dem Titel „Heimat“, den das Masterkonzert am 2.2. trug sehe, würde ich doch annehmen, da hat die Jury auch etwas Synästhetisches präsentiert bekommen, das ein dramaturgisches Gerüst hatte. Oder wurden beim Wettbewerb denn „nur“ Ausschreibungsregeln „abgearbeitet“ und spielte das Konzeptionelle keine Rolle?

In den ersten zwei Runden haben wir – wie bei den meisten Wettbewerben – Ausschreibungsregeln „abgearbeitet”. In der dritten Runde gab es dann eine Carte Blanche, in der wir ein 40-minütiges Programm flexibel gestalten konnten. Mit dem sollten wir laut Ausschreibung “künstlerische Schwerpunkte, Vielfalt und Kreativität” zeigen. Es war auch möglich, künstlerische Gäste hinzuzubitten oder technische Hilfsmittel einzusetzen.

Über die neue Kategorie „Liedduo“ beim Deutschen Musikwettbewerb hatten wir ja schon mit der Projektleiterin Irene Schwalb gesprochen. Die Auszeichnung „SONDERpreis“ lässt auf das gewisse Etwas schließen, ist da von der Jury erwähnt worden, was denn „Besonderes“ bei Ihnen rübergekommen ist?

Unsere Carte Blanche stand unter dem Titel Venus Mater – Von Heiligen und Huren. Das Konzept nimmt Rollenbilder, die es für Frauen im Spannungsfeld von Verehrung und Verachtung gab und gibt, in den Fokus. Das war ein sehr abwechslungs- und spannungsreiches Programm mit Liedern von Schuberts Szene aus Faust bis zu Sieben Marienlieder mit Hyäne, einem Stück mit Sprecherin, das die Kölner Kompositionsstudentin Dariya Maminova letztes Jahr geschrieben hat.

Das ist ein Gedicht aus dem gleichnamigen Zyklus von Almut Sandig, der „Dichterin in Residence“ bei “Wort trifft Ton”. Die Liedabteilung der Kölner Hochschule für Musik und Tanz hat ja einen halbjährigen Workshop mit ihr abgehalten. Die Uraufführung vom 17.10.2017 ist übrigens inzwischen auch online zu sehen. Das ist entstanden im  und das erst im September 2017 uraufgeführt wurde. Die Uraufführung war mit Sprecherin und für Bariton?

Genau – das Lied wurde von Dariya Maminova für mich um-arrangiert.

Sonderpreise werden beim Deutschen Musikwettbewerb von privaten Stiftern und nicht von der Gesamtjury verliehen, in unserem Fall eine Auszeichnung von der Carl-Bechstein-Stiftung für unsere gesamte künstlerische Leistung erhalten, da gab es keine nähere Begründung.

Immerhin ist es ja das erste Mal, dass die Kategorie Liedduo hier vertreten ist und da würde uns interessieren wie frisch der Musikrat an die Sache rangeht – wodurch unterscheidet sich der Wettbewerb von anderen Wettbewerben?

Obwohl die Kategorie Liedduo zum ersten Mal vertreten war, gab es eine sehr rege Beteiligung, es waren gleich 24 Duos aus ganz Deutschland da. Da waren wirklich ganz tolle Kolleginnen und Kollegen dabei. Der Wettbewerb unterscheidet sich von anderen Wettbewerben zunächst durch die oben erwähnte Carte Blanche. Außerdem ist es eine Besonderheit, dass die Kategorien in den ersten zwei Wettbewerbsrunden von einer Fachjury gewertet werden und im Finale eine 30-köpfige Gesamtjury, der die Juroren aller Wettbewerbskategorien angehören beisitzen. Dann werden die verbleibenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aller Kategorien direkt miteinander verglichen – Violine, Fagott, Klarinette, Akkordeon, Lied-Duo, Streicherensemble und so weiter.

Was ist denn für Sie das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit, was Sie von anderen Liedduos unterscheidet?

Unsere Zusammenarbeit ist davon geprägt, dass wir über die interpretatorische Arbeit hinaus atmosphärisch dichte und spannungsreiche Programme gestalten wollen. Unser gemeinsames Ziel ist es, aus den einzelnen Liedern etwas zu kreieren, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Wie haben Sie zueinander gefunden und wie lange arbeiten Sie schon zusammen?

Dass wir an diesem Punkt ganz auf einer Wellenlänge sind, hat sich mit der Zeit herausgestellt. Als wir 2012 das erste Mal eher aus Zufall zusammenkamen, beschäftigen wir uns beide noch mit einzelnen Liedern.

Wie in dem Liedduo Hasanyi / Ming Geiger ein Liederabend entsteht, da würden wir gerne einen Blick in die Werkstatt werfen, um zu verstehen wie das “Making-of” geht.

Wir fanden Spaß daran zusammen zu arbeiten und uns gegenseitig zu inspirieren. Vielleicht auch deshalb, weil wir sehr verschiedene Charaktere sind und oft aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an ein Stück herangehen. Wir planten den ersten ganzen Liederabend mit dem Schwerpunkt französischer Impressionismus und Expressionismus.

Es folgte „Ein Jahrhundert in Wien“, ein Programm in dem wir zeigen, wie explosionsartig die musikalische Entwicklung im Wien des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Schönberg verlaufen ist und schließlich „Heimat&Fremde“, das diesen elementaren Begriffen in Lied, Dichtung und Literatur, aber auch in unserem persönlichen Umfeld nachspürt.

Und diese gemeinsame Entwicklung, die dahinterliegende Recherche und Ihre gemeinsamen inhaltlichen Diskussionen sind dann quasi als künstlerischer Vorteil in den Deutschen Musikwettbewerb hineingeweht…

Genau. Aus all diesen Erfahrungen konnten wir bei der Konzeption unseres Carte-Blanche-Programms schöpfen. Wir legten uns auf ein Thema fest, das uns beide ansprach, recherchierten Stücke, Hintergrundinformationen und -geschichten und begannen den roten Faden zu spinnen. Dieser Prozess machte wie immer unglaublich Spaß: Wenn man merkt wie alle Fäden zueinander laufen. Es ist für uns spürbar, dass sich diese Transparenz und Logik dem Zuschauer vermittelt und dazu führt, dass die Musik in ihrer Tiefe und Emotionalität noch besser verstanden und dadurch gefühlt werden kann.

Das hört sich an, also ob das Publikum so mehr in den „Liederabend“ eintaucht?

Gerade, weil wir ein breiteres Publikum erreichen möchten und nicht nur die, die bereits eine Schwäche für die Gattung Kunstlied haben, dann muss man sich eben etwas einfallen lassen. Wir können nicht erwarten, dass es die Menschen mitreißt, einfach ein bekanntes Stück oder ein Lieblingslied nach dem anderen musiziert. Das macht durchaus Spaß, aber wir spüren sehr stark, dass Lied heute mehr sein muss als „nur“ schöne Musik, wenn das Format des Liederabends eine vielversprechende Zukunft haben soll und das wünschen wir uns natürlich sehr.

Also fühlen sich die Zuhörer durch die Konzeption mehr mitgenommen?

Das Besondere am Lied — auch im Gegensatz zur Oper  — ist, dass es Themen in den Mittelpunkt rückt, die jedem verständlich und bekannt sind. Nichts Abgehobenes, Theatralisches, sondern Gefühle, die Du und ich, die fast jeder schon durchlebt hat, ob gut oder tief traurig. Im Gegensatz zur Sprache und auch Tonsprache, in denen die Lieder abgefasst sind, sind diese Gefühle durch die Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben.

Sprache und Musik haben natürlich bis heute einen großen Wandel durchlebt, seit Beethoven seine „Adelaide“, Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Deshalb ist es so wichtig ganz tief in Text und Musik einzutauchen, um den Transfer dieser Kunstwerke ins hier und jetzt zu schaffen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst als Musiker, um an glaubhafte Inhalte neu heranzugehen und sie neu vermitteln zu können. Eine immer blasser werdende Kopie des immer gleichen Repertoires zu geben kann nicht das Motto unseres künstlerischen Werdegangs sein.

Wir schaffen mit unserem Liedduo Neues. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Publikum emotional weit mehr beteiligt ist, wenn es nicht „nur“ Schumanns wunderschönen Liederkreis op. 39 zu hören bekommt, sondern darüber hinaus auch noch die Chance hat sich zu fragen: …. und wann habe ich mich schon so gefühlt? Wie ist es sich heimatlos zu fühlen? Wen kenne ich, der so etwas am eigenen Leib erfahren hat?

Liegt es da nicht auf der Hand, dass das Hörerlebnis ein anderes, vielleicht ganz persönliches und neues ist?

In der Tat! Da wird man gleich neugierig auf die nächsten Möglichkeiten, Ihre Programme zu hören. Wenn wir heute einen Blick in die Duo-Werkstatt werfen – was gibt es da an Planungen, Konzepten? Welche neuen Programme und Ideen erwarten uns?

Wir planen zwei Konzerte, die an unser für den Deutschen Musikwettbewerb erarbeitetes Programm mit dem Titel „Venus Mater — von Heiligen und Huren“ anknüpfen. Zur Einstimmung findet das erste Konzert im November im Uni Club Bonn als Gesprächskonzert statt. Hier werden wir neben der Darbietung eines Teils des Programms über unser Konzept und seine Entstehung, die Arbeit als Liedduo, aber auch unsere ganz persönlichen Gedanken zu den Stücken und Hintergründen berichten und uns den Fragen des Publikums stellen. Am 25.Januar 2019 wird dann das gesamte Programm in der Trinitatiskirche in Endenich von uns zu hören sein. Dazu laden wir herzlich ein und freuen uns auf bekannte und neue Gesichter.

Das Interview führte Sabine krasemann.

Photo © Toni Ming Geiger | Fotograf: Jan Voth
Preisverleihung © Heike Fischer, Köln

Liedduo Lindsay / Ismailova

Gesang ist Singen des Herzens

Interview mit dem Liedduo
Martin Lindsay & Elnara Ismailova

Herr Lindsay, in einem Statement zur Gattung Lied haben Sie mal gesagt, es gäbe für Sie keine schönere Art des Musizierens als das Lied – was fasziniert Sie so an der Gattung?

Mir gefällt das Lied als Gattung besonders, weil es eine kleine Form ist. Sie ermöglicht einen intimen Kontakt zum Publikum, was für mich einer der wichtigsten Aspekte ist. Die kleine und eher kurze Form macht es möglich, an einem Abend eine große Vielfalt an Ausdruck entstehen zu lassen, was bei anderen Gattungen schwieriger ist. Unter Umständen gibt mir das Lied die Möglichkeit, eine größere Palette sowohl musikalisch als auch stimmlich zu zeigen.

Sie sind gebürtiger Engländer, haben dort und in Kanada studiert. Welchen Stellenwert hat dort das Lied?

Das muss man etwas differenzieren nach Repertoire und der Bedeutung des Lieds in der Kulturszene. Zu meiner Studienzeit war das Lied ein ausgesprochen wichtiger Aspekt im Studium. Wir hatten als Sänger Pflichtveranstaltungen im Liedgesang im deutschen, französischen, englischen und italienischen Lied. Unter den Sängern nimmt das Lied bis heute eine sehr wichtige Rolle ein.

Zu meiner Studienzeit war der Einfluss von Gerald Moore in der britischen Liedszene immer noch sehr stark zu spüren. Auf dieses Fundament konnte beispielsweise die Arbeit von Graham Johnson und seinem Songmakers Almanac gedeihen. Schaut man sich jedoch das Konzertleben an, so sieht man in England eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland auch, dass Liederabende eher weniger werden und ein zunehmend spezialisiertes Publikum ansprechen. Umso wichtiger ist es, dass es Initiativen wie Liedwelt Rheinland und Im Zentrum LIED gibt, die sich für das Lied einsetzen.

Gerade Lehrende im Bereich des Liedgesangs betonen immer wieder, wie fundamental wichtig es für die Liedinterpretation sei, ein gutes Textverständnis zu haben – mit allem, was ein Text an Interpretationsmöglichkeiten hergibt. Verbunden damit steht der Lehrende oft vor dem Problem, dass durch die international geprägten Hochschulen oft Sprachkenntnisse bei den Studierenden fehlen, um den Text verstehen zu können. Haben Sie den Eindruck, dass Sie einen anderen Zugang zum Lied haben, weil Sie kein Muttersprachler sind?

Ich weiß, was Sie meinen, habe diese Problematik aber für mich persönlich nie als solche erlebt. Die Ausbildung in England war ausgesprochen gründlich, so dass ich schon während des Studiums neben anderen Fremdsprachen auch Deutsch gelernt habe. Aus dieser Zeit bin ich beispielsweise auch daran gewöhnt, sehr auf die Aussprache zu achten. Auch bei den heutigen Studierenden sehe ich das Problem nicht beim bloßen Aneignen der Sprache, sondern vielmehr darin, dass heutzutage oft der Bezug zu den Texten fehlt. An der Stelle sehe ich eher die Problematik und zwar eine, die genauso deutsche Muttersprachler betrifft. Ein Interesse für Sprache und ihren Klang und auch ein Gefühl dafür ist in der Regel bei Sängern vorhanden.

Sie sind ja viel im Bereich der Neuen Musik tätig und haben zahlreiche Uraufführungen gesungen. Wie sehen Sie die Zukunft der Gattung Lied auf kompositorischer Ebene?

Dass die Gattung Lied durch neue Kompositionen neue Impulse und Energie schafft, ist ein sehr wichtiger Aspekt in der Entwicklung des Genres. Soweit ich das beobachte und beurteilen kann, ist das Lied in der zeitgenössischen Musik recht stark vertreten. Auch die Liedabteilung an der Kölner Hochschule unter der Leitung von Ulrich Eisenlohr und Stefan Irmer ist in dieser Hinsicht sehr aktiv und einfallsreich. Ich denke, allen ist klar, wie wichtig es ist, dass diese Gattung lebendig bleibt und im Studium wie im Konzertleben eingebunden bleibt.

Frau Ismailova, nun zu Ihnen: Sie sind sowohl als Solo-Pianistin als auch als Liedpianistin sehr aktiv. Was hat Sie zum Lied geführt?

Bei mir lief eigentlich von der Ausbildung her beides parallel ab, also Klavier solo und auch Liedbegleitung. Und ich habe von Anfang an beide Fächer parallel studiert. In der damaligen Sowjetunion hatte die Ausbildung eine umfassende große Komplexität, so dass man im Studium sowohl als Solopianistin, Lied – und Kammermusikpartnerin wie auch als Pädagogin ausgebildet wurde.

Im Fach Lied lag der Schwerpunkt zwar zum größten Teil in dem Gebiet des russischen Kunstliedes. Aber die bedeutenden Liederzyklen von Schubert, Schumann oder Brahms wurden auch studiert. Später konnte ich in Deutschland ebenso beide Konzertexamen abschließen: Solo und Liedbegleitung. Eine Zeit, die enorme Bereicherung für mich war.

Bis heute handhaben Sie Ihre Solokarriere und ihre Tätigkeit als Liedpianistin gleichwertig und unterrichten auch beides. Was fasziniert Sie als Pianistin an der Gattung Lied?

Mich hat der Gesang als ganz fundamentales Ausdrucksmittel des Menschen immer schon fasziniert. Jeder Musiker muss innerlich singen, seine Seele muss singen können, sonst kann man nicht musizieren. Das gilt in meinen Augen ebenso für Instrumentalisten wie auch für Sänger. Da ich selber innerlich singe, liegt es natürlich völlig auf der Hand und ist natürlich, meinen Part mit einem Sänger zu kombinieren.

Was macht nach Ihrer Erfahrung einen guten Liedpianisten aus?

Da wäre zuerst das gerade beschriebene Singen des Herzens. Dazu kommt die Kunst des gemeinsamen Atmens mit dem Sänger. Ein Liedpianist muss aber natürlich auch ein ganz massives Verständnis für den literarischen Text haben, sprachlich und auch stilistisch gesehen. Durch die Kombination dieser Eigenschaften kann man eine Einheit mit dem Sänger bilden, was wiederum nur dann möglich ist, wenn man pianistisch absolut versiert, technisch völlig sicher und frei ist; denn nur dann kann man für beide Musikpartien ganz da sein.

Die Aufgabe des Liedpianisten liegt darin, den Gesang zu umhüllen und einzubetten. Aber auch die Klavierpartie sehr vieldimensional im Klang und Dynamik, manchmal auch sehr schlicht ergänzend zu gestalten. So ist es möglich die Gestaltung eines Liedes und die Idee des Komponisten und des Dichters im Duo umzusetzen. Bei einem guten Liedduo hängt fünfzig Prozent des Erfolges vom Pianisten ab.

Das ist ein sehr gutes Stichwort: Wie lange arbeiten Sie beide schon als festes Liedduo zusammen?

Wir kennen uns schon sehr lange, aber das kommende Konzert am 18. April ist ‚erst‘ unser viertes gemeinsames Projekt, wenn man pädagogische Projekte mitberücksichtigt. Da wir ja beide auch in Köln unterrichten, arbeiten auch unsere Studierenden zusammen, was für sie in der Regel sehr spannend ist durch die Kombination der beiden Schwerpunkte englisches und russisches Kunstlied. Wenn wir gemeinsam ein Programm oder auch nur ein Lied erarbeiten sind wir konzeptionell immer sehr umfassend.

Wie entsteht denn ein neues Programm?

Stimmung und Repertoire gestalten wir natürlich in jedem Liedprogramm möglichst abwechslungsreich. Für das Publikum soll Spannung entstehen, die Zuhörer sollen schon mitgerissen und auch gefordert werden. Bei allem Anspruch aber muss der Abend jedoch an erster Stelle ein Ohrenschmaus bleiben. (Elnara)

Inzwischen werden sehr viele Programme mit einem bestimmten Konzept, einem roten Faden gestaltet, was für mich persönlich nicht unbedingt der Fall sein muss. Ich singe auch sehr gerne „gemischte“ Programme, was in Großbritannien häufiger zu finden ist als hier. (Martin)

Manchmal ergibt sich das Repertoire unserer Programme auch aus unseren jeweiligen Schwerpunkten wie bei unserem pädagogischen Projekt an der Hochschule, das aus der Verbindung von russischem und englischem Lied entstand – also ganz persönlich aus unseren Viten bereichert wurde. (Elnara)

Am 18. April 2018 sind Sie beide gemeinsam in einem Shakespeare-Programm bei Im Zentrum LIED zu hören. Was erwartet uns an diesem Abend?

Dieses Programm wurde von dem Liedprogrammkurator Fabian Hemmelmann genial gestaltet und ausgesucht. Es ist ein sehr vielseitiges und auch anspruchsvolles Programm, das sich in verschiedene Liedgruppen aufteilt, angefangen bei Chausson über Tippett bis hin zu Finzi. Das Programm schlägt sprachlich, stilistisch und auch historisch einen großen Bogen.

Spannend sind vor allem die Übergänge zwischen den verschiedenen Liedern, denn teilweise liegen knapp hundert Jahre zwischen der jeweiligen Entstehung. Die Texte beziehen sich zwar alle auf Shakespeare, aber rein musikalisch reicht der Abend vom 19. Jahrhundert bis ins Heute.

Wir kamen eben auf eine gleichwertige Zusammenarbeit zu sprechen, auf die Einheit von Sänger und Pianistin, die idealerweise vorhanden sein sollte. Wie stelle ich mir eine Ihre „gleichberechtigte Zusammenarbeit“ bei den Proben vor?

Für mich als Sänger ist natürlich erst einmal wichtig, dass die rudimentären technischen Dinge funktionieren. Das fängt damit an, dass so etwas wie das gemeinsame Atmen mit dem Liedpianisten oder auch die verschiedenen Tempi funktionieren. Der Shakespeare-Abend ist ausgesprochen anspruchsvoll: es sind 28 Lieder der verschiedensten Stilrichtungen, in verschiedenen Sprachen und auch technisch sehr anspruchsvoll. (Martin)

Bei diesem Programm liegt die Textarbeit, das Textempfinden, vor allem in Martins Hand. Stellen, in denen der Klavierpart eine gestalterische Rolle hat, besprechen wir gemeinsam. Durch die Vielfalt und große Spannbreite des Programms ist diese dynamisch-künstlerische Arbeit besonders wichtig. So entsteht dann nach und nach in den Proben ein Spannungsbogen für den Abend.

Das ist der Entwicklungsprozess, der sich in gemeinsamen Proben ergibt, nach jeder gemeinsamen Probe gibt es neue Ideen, eine neue Struktur. Damit geht jeder von uns ja auch wieder nach Hause und da geht es dann erst einmal solo weiter – und was ich hier erarbeite bringe ich in die nächste Probe wieder mit!

Das macht für mich Faszination an der Gattung Lied aus! Jeder von uns beschäftigt sich zunächst alleine mit dem Werk, dann entwickelt es sich immer weiter im Austausch mit Martin. Solche gemeinsame Feldforschung ist für mich als Solo-Pianistin unbekannt und dann noch in einem so bedeutenden Ausmaß. Dieses gemeisame Entwickeln und der gemeinsame künstlerische Prozess ist etwas, was mich völlig begeistert beim Lied!

Das Interview führte Verena Düren
Photos ©: Elnara Ismailova: Barbara Lutterbeck
Martin Lindsay: Peter Czajkowski

Zum Konzert „All the World’s a Stage“ am 18. April 2018.

Christoph Maria Wagner

Christoph Maria Wagner

„Obwohl ich als Komponist sehr gerne in den unterschiedlichsten Genres arbeite, gibt es doch zwei Schwerpunkte: die Klaviermusik – die mir als Pianist naturgemäß naheliegt – und das Musiktheater beziehungsweise die Vokalmusik. Das romantische Kunstlied habe ich immer sehr geliebt – besonders die Lieder von Robert Schumann, deren schönste Beispiele für mich zu den wahrhaft kostbaren Schätzen der europäischen Kulturgeschichte gehören. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich mich der Gattung des Kunstlieds über viele Jahren sozusagen „von draußen“  erst allmählich angenähert.

„Als Vokalkomponist begonnen habe ich mit einer absurden Kurzoper, es folgten unter anderem eine Kammeroper, eine Ein-Personen-Mini-Oper für Sopran und Klavier, eine Schauerballade für Bariton und Klavier, ein Zyklus von Volkslied-Remixen für Sopran und Ensemble und schließlich nun ein ausgewachsener Zyklus von Songs für Bariton und Klavier nach Charles Bukowski. Es ist also nicht auszuschließen, dass ich mich dem Klavierlied noch weiter annähere…

Christoph Maria Wagner wurde am  28.11.1966 in Pfullendorf (Nähe Bodensee) geboren. Er studierte Komposition und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und unterrichtet an diesem Institut seit 1995.

Wagners Aktivitäten als musikalischer Interpret sind breit gefächert:

In pianistischer Funktion ist er als Solist und Kammermusiker in Deutschland, Österreich, Niederlande, Frankreich, Belgien, Polen und der Schweiz aufgetreten.

2006 hat er in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk eine Super-Audio-CD seines Klavierwerkes aufgenommen, die beim Label cybele records erschienen ist, im Oktober 2006 in einer 45-minütigen Sendung ausführlich vorgestellt und in der renommierten Fachzeitschrift Le monde de la musique mit 4 Sternen (Höchstwertung) ausgezeichnet wurde. In der Spielzeit 2013/2014 hat er sich als Komponist für Hagen in drei Konzerten mit dem Philharmonischen Orchester Hagen als Komponist, Dirigent und Pianist vorgestellt.

Christoph Maria Wagners Werkverzeichnis umfaßt bis heute über vierzig teilweise sehr umfangreiche Kompositionen unterschiedlichster Besetzung und Gattung. Seine Dirigiertätigkeit erstreckt sich vor allem auf den Bereich der Musik des 20. und  21. Jahrhunderts.

Photo © Christoph Maria Wagner

Konzert am 11.4.2018
Bericht zum Konzert am 11.4.2018 / I
Bericht zum Konzert am 11.4.2018 / II