Der Text muss zum eigenen Erleben werden – Gespräch mit Andreas Durban

Der Text muss zum eigenen Erleben werden – Gespräch mit Andreas Durban

Herr Durban, Sie sind eigentlich von Haus aus Schauspieler. Insofern stellt sich bei Ihnen noch einmal mehr die Frage, wie Sie zum Lied gekommen sind. Können Sie uns ein wenig Ihren Werdegang schildern?

Mein Vater ist Schauspieler und ich wurde von ihm schon sehr früh auch in die Richtung des Darstellerischen gelenkt, obwohl ich eigentlich schon auch sehr gerne Musiker geworden wäre. Ich erhielt mit 17 Jahren den ersten Sprechunterricht bei ihm und wurde geradezu auf den Beruf des Schauspielers fokussiert. Also entschied ich mich relativ früh zu einem künstlerischen Beruf und befand mich bereits mit 22 Jahren in meinem ersten Engagement.

Der Lied-Mix: Schauspiel, Literatur und Psychologie – Regie und Coaching

Von da an kann man eigentlich von einem typischen Werdegang des Schauspielers sprechen, mit einem ersten Engagement an einer Landesbühne bishin Engagements am Schauspiel Bonn und am Staatstheater Wiesbaden. Parallel habe ich aber immer auch Musik gemacht und Saxophon und Klarinette gespielt. Und auch das Klavier war immer präsent in meinem Leben. 1998 hat mich quasi das Lied zur Hochschule für Musik und Tanz Köln geführt, wo ich seitdem als Dozent für Arien- und Liedgestaltung mit den Studierenden der Gesangsklassen schauspielerisch tätig bin. Seit einigen Jahren produziere ich gemeinsam mit den Komponisten Henrik Albrecht und Michael Gerihsen im Rahmen der Literatur-Oper Köln zeitgenössische Opern, die sich an dem Genre der Literaturoper orientieren. Das beginnt mit dem Schreiben eines Librettos bis hin zu Regie und Coaching. Seit 2012 sind wir mit der Literatur-Oper verstärkt auch pädagogisch unterwegs und setzen Projekte auch mit Jugendlichen um, wobei Themen aus ihrem Alltag aufgegriffen werden. Ein Beispiel dafür ist die Produktion „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Literarische und reale Fälle von Mobbing in Schulklassen wurden hier gegenüber gestellt. Die pädagogische Arbeit hat mich zu meinem zweiten Studium geführt, zur Psychologie. Ich habe für mich gemerkt, dass ich diese pädagogische Arbeit nicht wirklich gut und tiefgehend machen kann ohne das nötige Rüstzeug im Sinne einer pädagogischen oder psychologischen Ausbildung. Es gibt dabei natürlich auch gewisse Synergien und so beschäftige ich mich in meiner Masterarbeit zur Zeit mit einer Evaluation des Liedbereichs an der Hochschule.

Es ist natürlich völlig klar, dass Sänger, die auf der Opernbühne stehen, auch schauspielerisch geschult sein müssen. Beim Lied ist das jedoch nicht ganz so offensichtlich. Wozu brauchen Liedsänger also Ihr Coaching?

Sobald ein Sprechakt stattfindet, ist auch immer die Psychologie dabei. Das gilt sowohl für die Oper als auch für das Lied; ja, eigentlich für alle Formen, die Musik und Text verbinden. Es geht darum, den Studierenden auch die Metaebene der Texte zu vermitteln.

Wer bin ich, wenn ich auf der Bühne stehe?

In den letzten zwanzig Jahren war es immer wieder ausdrücklicher Wunsch der Studierenden, auch im Kontext der Liedinterpretation in diesem Sinne Unterstützung zu erhalten. Denn auch hierbei geht es um die Frage: „Wer bin ich, wenn ich auf der Bühne stehe?“ Und diese Frage lässt sich beim Lied nicht so leicht beantworten wie in der Oper, in der man für einen ganzen Abend in eine bestimmte Rolle schlüpft.

Wie muss man sich das vorstellen – welche Art von schauspielerischem Können ist bei Liedsängern nötig?

Es geht vor allem um Textverständnis und die Schnittstelle von Text und Musik. Die Phrasen im Lied sind oft sehr gedehnt, so dass das Textverständnis auf so einer langen Strecke auch schon mal verloren gehen kann. Und die poetischen Werke, beispielsweise der Romantik, sind in der Regel sehr komplex in ihren Bedeutungsebenen. Auch wenn ein Komponist einen nicht so begnadeten Dichter auswählte, kann man als Interpret durch ein differenziertes Interpretationskonzept dem Werk die nötige Spontaneität und Unmittelbarkeit verleihen.

Wie muss ich mir Ihre Arbeit mit den Studierenden konkret vorstellen?

Meine Arbeit besteht vor allem, dem Interpreten zu ermöglichen, seine persönlichen Emotionen und Gedanken in seiner Interpretation zu verwirklichen. Dabei arbeite ich mit Assoziationen, auch mit der eigenen Biographie des Interpreten – das ist ein sehr interessanter Prozess. Es gibt psychologische Studien, die nachweisen: Man kann sich an Erlebnisse erinnern, die man selber gar nicht erlebt hat. Hier liefert uns unsere Psyche einen Ansatzpunkt, den wir als Darsteller nutzen können. Das ist ja auch übliche Praxis für Schauspieler, die glaubhaft Situationen darstellen müssen, die sie selber noch nie erlebt haben – und vielleicht auch nie erleben werden. Insofern fordere ich meine Studierenden immer dazu auf, sich so lange einem Text auszusetzen, bis er schließlich zum eigenen Erleben wird.

Bei dem nächsten Konzert von „Im Zentrum Lied“ am 24. Januar 2018 sind Sie als Erzähler zu erleben, waren aber auch der Liedprogrammkurator. Wie sind Sie auf den Titel „Schäferstündchen“ gekommen und was hat das Publikum zu erwarten?

Ein gutes Konzept und eine Dramaturgie für einen Liederabend zu entwickeln bedeutet stets, dass es zwar auch in diesem Kontext eine Bühne, einen Auftritt gibt , es aber kaum etwas Untheatralischeres gibt als einen Liederabend. Ein Liederabend gleicht im Gegensatz zur Oper doch eben sehr der klassischen Konzertsituation. Das Thema „Schäferstündchen“ ist da ein sehr dankbares, denn das Schäferstündchen im Barock hat immer auch mit einem Rollenspiel zu tun: Geliebte, die sich verkleiden, um nicht erkannt zu werden, Adelige, die sich in das Kostüm des Schäfer hüllen. Nicht selten sind auch mythologische Figuren im Spiel, sie sich zum Schäferstündlichen mit einer Sterblichen treffen.

Mit Spiel im Spiel kommt Theatralisches in den Liederabend

Dieses Spiel im Spiel bringt so in den Liederabend etwas Theatralisches. Hinzu kommt die große Fülle der bukolischen Dichtung, die von der Antike bis zur Neuzeit geht sowie der zahlreichen Vertonungen – eine große Bandbreite von Lied über die Operette bis hin zu zeitgenössischer Musik. Durch alle Kunstgattungen zieht sich die Schäferdichtung – viele Dichter und Komponisten haben dieses Topos benutzt!

Verbunden mit der Idee des Schäferstündchens sind auch Gegensatzpaare wie Welt und Paradies, Winter und Frühling, die Stadt und die ländliche Idylle, die wiederum auch oft in der Dichtung zu finden sind. Und nicht zuletzt ist das Schäferstündchen als Begriff jedem bekannt, so dass auch das Publikum sofort einen roten Faden erkennt.

Das Interview führte Verena Düren.

Zum Konzert Schäferstündchen am 24.01.2018

„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

„Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen“

Ein Liederabend der Zerbrechlichkeit mit Mark Padmore, Tenor und Andrew West, Klavier

Am 10. Januar 2018 war in der Kölner Philharmonie ein ganz besonderer Liederabend: Das Duo Mark Padmore / Andrew West musizierte eine fein verwobene oft melancholische Reise durch subtile Welten. Konzeptionell bot sich mit den drei Komponisten Schubert, Britten und Birtwistle eine hochwertige Lieder-Auswahl, die zahlreiche Rück- und Querverweise und rote Fäden bot.

Begonnen wurde ganz klassisch: Der zusammengestellte Zyklus der sechs Schubert-Lieder griff auf Werke zurück, die auf das Alte Griechenland reflektieren. Wir befinden uns in der Auseinandersetzung mit den Grundkonflikten des Menschseins: Wasser als Sinnbild des von Stürmen bewegten Lebens, die Leier, die nicht vom Krieg, nur von der Liebe sprechen mag.

filligran und herantastend

Dieses erste, filligrane und zurückhaltende Herantasten an die abendliche Thematik wurde lediglich durch klug gesetzte forcierte Akzente durchbrochen. So erklang Padmores „Ganymed“ in verhaltenem Duktus, leise und recht langsam, bot eher Innigkeit als ungeduldigen Sturm und Drang. Solche auch zwischen den Liedern korrespondierenden Vernetzungen fanden sich auch im klugen Korrespondieren des Klavierpartners West, der aus dem Klavierpart heraus oft für ein konsequentes Voranbringen der musikalischen Entwicklung sorgte. Eine künstlerische Entscheidung, die am Ende der sechs Schubert-Lieder Platz schuf für überraschende kurze Ausblicke in die „Schöne Welt“ Mahlers, wobei dies doch gleich wieder in der Schubert’schen Liedwelt verankert wurde. So fand der erste Teil des Abends mit „Die Götter Griechenlands“ eine in vielerlei Hinsicht schlüssige Offenheit in den Fortgang des Abends.

künstlerisch überzeugende Einheit

Mit den sechs Hölderlin-Fragmenten von Benjamin Britten erhielt der Abend eine vielfach stimmige, künstlerisch überzeugende Einheit. Nicht nur bietet der von Britten vertonte deutsche Text einen kongenialen Übergang zwischen Schubert (deutscher Komponist/deutsche Texte) und Birtwistle (englisch/englisch), auch musikalisch wurden von Padmore und West zahlreiche Bezüge hier und dort herausgestellt. Zentral im mittleren Stück: Das rezitativähnliche Lied „Sokrates und Alcibiades“ sorgt für ein retardierendes Moment, fasst die Kargheit, die im Birtwistle-Zyklus folgt, auf wenigen Zeilen antizipierend zusammen. Die gekonnte Farbigkeit, opernhafte plastische Momente und das geschickte Verwenden bekannter musikalischer Topoi, wie sie für Britten typisch sind, rundeten die Spannungsbögen der Lieder ab. Die Subtilität mündet am Ende des Zyklus‘ offen – was der folgende Liederzyklus schlüssigerweise aufgriff:

Konsequent mutig verbleibt auch im dritten Zyklus die verhaltene, zarte und intime Gestik als Grundanlage von Padmores Liedgestaltung, sekundiert von dem zarten und durchsichtigen Klavierspiel Wests. So entsteht eine wunderschöne Korrespondenz zwischen Sänger und Pianist. In der klanglichen Leere des Birtwistle-Zyklus verbleibt dem Zuhörer so viel Raum und Besinnung für eigene Reflexion. Auch auf die griechische Mythologie wird zurückgegriffen wie auf die ausgiebige Verwendung von Natursymbolen in oft irreal anmutenden Bildern.

Verwobenheit auf engstem Raum

Die künstlerisch überzeugende Konzeption zeugte davon, wie intensiv beide Künstler sich mit der so menschlichen Thematik des Scheiterns und Ringens, des Suchens beschäftigt haben, haben sie doch anlässlich des 100. Geburtstags von Benjamin Britten den Birtwistle-Zyklus 2013 uraufgeführt. Gut zu hören war in der Anlage der Lieder, dass der kompositorische Prozess von der unmittelbaren Wechselwirkung zwischen Text und Musik profitierte: mit der Komposition war auch die Dichtung erst entstanden. Dies verlieh dem Zyklus eine besonders starke innere Verwobenheit auf engstem Raum in den Liedern selbst, in der Korrespondenz zwischen einzelnen Tönen und Silben, die manches Mal fast die Musik zum Stillstand und den Text zum Schweigen brachten. Am Ende überlässt die Intensivität, die dichte Symbolik den Zuhörer beim einmaligen Erleben mit einer erahnten Tiefe, die sich nur in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Werk wirklich erschließen lässt.

Dramaturgisch konsequent gaben Padmore und West den Schubert’schen „Atlas“ als Zugabe: „Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen.“

Text: Sabine Krasemann
Photo: Kölner Philharmonie