„Ein Lied birgt oft einen ganzen Kosmos in sich“ – Interview mit der Liedsängerin Karola Pavone

„Ein Lied birgt oft einen ganzen Kosmos in sich.“

Interview mit der Liedsängerin Karola Pavone
Konzert bei Im Zentrum Lied am 19.10.2016

Pavone, Foto © Michael Staab
© Michael Staab

Liebe Frau Pavone, könnten Sie sich und Ihren Werdegang vielleicht zunächst einmal kurz erläutern? Wie sind Sie zum Gesang und zum Lied gekommen?

Ich bin einem musikalischen Haushalt groß geworden, wir haben alle musiziert. Mein Vater ist Italiener und hat einen Hang zur Musik und meine Mutter ist Musikerin. Daher wurden wir also schon früh an Musik herangeführt. Für mich und meine Geschwister war es selbstverständlich, von Musik und Gesang umgeben zu sein, und so waren wir als Kinder schon oft fasziniert von so manchem Schubertlied, ohne dass wir wussten, worum es sich genau handelte.

Ich habe Bratsche gelernt, was mich als Sängerin prägt.

 

Meine Kindheit habe ich in Italien verbracht und habe dort mit Blockflöte, Geige und Klavier begonnen. Als wir dann nach Deutschland kamen – da war ich zwölf Jahre alt – gab es die Möglichkeit, das Musizieren zu vertiefen. Wie meine Mutter auch habe ich Bratsche gelernt, was mich bis heute als Sängerin prägt. Als solche habe ich oft einen kammermusikalischen Ansatz, was gerade bei der Gattung Lied so immens wichtig ist. Dort kann keine Rede mehr von einer reinen Begleitfunktion des Klavierpartners sein. Letzten Endes habe ich mich auf den Gesang konzentriert, auch weil er eben so vielseitig ist: man hat die Oper, man hat das Lied und viele andere Möglichkeiten.

Sie haben gerade schon die Gattung Lied erwähnt, auf die Sie sich ja u.a. spezialisiert haben. Was fasziniert Sie an dieser Gattung?

Ich denke, dass meine Faszination durch das Instrumentalspiel und meine Begeisterung für Kammermusik kommt, denn ich mag diese intensive Art des Miteinanders beim Lied ausgesprochen gerne. Wenn man es mit der Oper vergleicht, dann ist es eine ganz andere Kommunikation – sowohl mit den anderen Musikern als auch dem Publikum. Ich empfinde es als eine andere, größere künstlerische Verantwortung, die man als Musiker hat, was wiederum sehr schwer, aber auch spannend und sehr befriedigend ist.

Ich habe Lieder im Repertoire, die ich seit über zehn Jahren singe, und ich kann darin immer wieder etwas Neues entdecken.

 

Lieder gehörten in meiner Familie immer zur Hausmusik dazu, so dass ich damit von klein an ‚rumgespielt‘ habe. Schon damals hat wohl etwas zu mir gesprochen. Hinzu kommt auch meine Begeisterung für Lyrik und die Verschmelzung der Gattungen. Wenn man ein Lied interpretiert, kann das eine andere Intensität haben als eine Opernarie. In der Oper schlüpft man für drei Stunden komplett in eine andere Rolle, aber beim Lied muss man als die Person, die man ist, den Text vermitteln, die Geschichte zum Leben erwecken. Ein Lied birgt oft einen ganzen Kosmos in sich, es kann eine ganze Oper in drei Minuten sein. Es kann so viel passieren! Ich habe Lieder im Repertoire, die ich seit über zehn Jahren singe, und ich kann darin immer wieder etwas Neues entdecken. Und das wiederum ist etwas, womit man erreichen kann, dass man in einem gelungenen Liederabend sowohl Laien als auch Experten berührt und begeistert.

Haben Sie ein Lieblingslied oder eines, das besonders wichtig für Sie war und ist?

Die Frage kann ich so nicht beantworten. Inzwischen habe ich ein großes Repertoire an Liedern, das wiederum so vielseitig ist, dass ich mich da nicht festlegen kann und will. Es gibt für mich ein paar Komponisten, die ich als für mich ‚unverzichtbar‘ ansehen würde.

Es gibt für mich ein paar „Helden des Kunstlieds“, weil deren Lieder mich berührt und erschüttert haben.

 

Wenn Sie so wollen, zählen natürlich Schubert, Brahms, Wolf und Schumann zu meinen „Helden des Kunstlieds“, weil deren Lieder mich berührt und erschüttert haben. Ich bin auch ein großer Fan von Berg und Schönberg, da diese noch ganz andere Farben in ihren Liedern haben. Und es gibt unzählige Komponisten, die weit weniger bekannt sind als die oben genannten, aber unglaublich schöne, intensive „Perlen“ von Liedern geschrieben haben. Ich könnte Ihnen natürlich jetzt ein paar Lieder nennen, ohne die ich nicht mehr Sängerin sein wollte, aber dann hätte ich sofort ein schlechtes Gewissen den anderen wunderbaren Liedern gegenüber. Ich halte es wie Don Giovanni in der Oper. Er sagt sinngemäß, nach der ehelichen Treue befragt: wenn ich nur einer Frau treu bin, betrüge ich ja alle anderen (lacht).

Sie unterstützen als Sängerin das neu gegründete Netzwerk „Liedwelt Rheinland“. Was finden Sie an der Netzwerk-Arbeit so wichtig und warum braucht das Lied diese?

Im Gegensatz zu vielen Anderen bin ich nicht der Meinung, dass das Kunstlied eine aussterbende Gattung sei. Es gibt Dinge, die so gut sind, dass sie nicht aussterben können, und das Lied gehört dazu. Aber ich sehe auch, dass das Lied eine stärkere Lobby braucht. Es ist sehr schade, dass ein Liederabend immer noch als so elitär gilt. Die meisten Lied-Sänger machen außerdem alles in Eigenregie und nur die wenigsten haben eine Konzertagentur, die Liederabende vermarkten will oder kann.

Es gibt viele interessante Liederabende, aber zu wenige Menschen erfahren davon.

 

So gibt es beispielsweise viele interessante Sänger und Pianisten, viele spannende Liederabende, aber zu wenige Menschen erfahren davon. Wenn man als Sänger nicht gerade fest an einem Opernhaus ist, dann fehlt außerhalb der ganz großen Festivals und Konzertreihen jede Form von institutioneller Unterstützung für das Lied. Für Liedinterpreten gab es eine solche Plattform bisher nicht. Insofern ist es ganz wichtig, dass es das Netzwerk nun gibt.

Unser Netzwerk konzentriert sich ja schwerpunktmäßig auf die Rheinschiene. Welche Verbindung sehen Sie persönlich zwischen der Gattung Lied und dem Rheinland?

Es gibt natürlich die Dinge, die auf der Hand liegen, wie die zahlreichen Vertonungen von Gedichten über den Rhein oder auch die Dichter und Komponisten, die sich im Rheinland aufgehalten haben.

Im Rheinland immer schon viel passiert, was sich auch in den Liedern und deren Gedichten wiederspiegelt.

 

Darüber hinaus ist aber im Rheinland immer schon kulturgeschichtlich, politisch und gesellschaftlich viel passiert, was sich natürlich auch in den Liedern und den zugrundeliegenden Gedichten spiegelt. Schließlich sind Gedichte und Lieder auch ein Stück weit als Spiegel der Gesellschaft entstanden und beinhalten Hinweise auf aktuelle gesellschaftliche Situationen. Ein Beispiel möchte ich vielleicht nennen, das auch zeigt, wie weit das Rheinland ausgestrahlt hat; so gibt es zum Beispiel eine sehr humorvolle Loreley-Vertonung von George Gershwin, was man ja nun nicht vermuten würde.

Sie sind am 19. Oktober 2016 bei einem Liederabend in der Reihe „Im Zentrum Lied“ zu hören. Was erwartet den Zuhörer an diesem Abend?

Das Programm ist sehr interessant; es zeichnet in bekannten und weniger bekannten Liedern das Leben von Paul Verlaine nach, das sehr vielseitig, teils euphorisch glücklich und teils trüb und depressiv war.

Spannender Liederabend bei Im Zentrum Lied am 19.10.16 spürt Paul Verlaine nach

Die Programmgestaltung für diese Reihe macht im Wesentlichen die Sängerin und bisherige künstlerische Leiterin Ingrid Schmithüsen. Das ist für einen Lied-Sänger natürlich zunächst mal ungewöhnlich, dass man sich komplett in die Hände eines Anderen begibt. Aber sie hat ein so großes Repertoirewissen, dass es für mich eine spannende Gelegenheit zur Weiterbildung sowie eine sehr angenehme Zusammenarbeit ist. Ich darf aber auch ein paar eigene Ideen verwirklichen und bin sehr glücklich, einige Lieder eines eher unbekannten Komponisten (Charles Loeffler) singen zu dürfen, die original für Gesang, Klavier und Bratsche geschrieben sind. Dadurch bekommt der Abend noch eine seltenere, reizvolle Farbe, für die ich als große Liebhaberin dieses Instruments natürlich besonders dankbar bin.

Dann freuen wir uns auf Ihren nächsten Liederabend im Rheinland und bedanken uns für das Gespräch!

Das Gespräch mit Karola Pavone führte Verena Düren.

 

Weblinks

George Gershwin – Lorelei https://www.youtube.com/watch?v=nbymVLgQPOw

 

Susanne Popp, Max Reger. WERK STATT LEBEN.

Susanne Popp, Max Reger. WERK STATT LEBEN.

Die große, lang erwartete Reger-Biographie
kommt zur rechten Zeit aus erster Hand.
Max Regers (1873-1916) Lieder sind heute
weniger bekannt als seine Orgelwerke, obschon
der Komponist in allen Schaffensphasen über 300 Gesänge schrieb und ihnen eine zentrale Rolle in seinen Konzerten gab. Denn sie verdeutlichen durch ihren Textbezug seine innovative musikalische Sprache, die dem Ausdruck zuliebe auf gerundete Melodik verzichtet und die Tonalität mit Modulationen und Dissonanzenfülle an ihre Grenzen bringt. Die hohe Kennerschaft der Autorin Susanne Popp, die in Bonn studierte und seit 1973 dem Max-Reger-Institut als Mitarbeiterin und seit 1981 als Leiterin verbunden ist, ist ein „Glücksfall der Musikschreibung“, „eine Monographie, die sich liest wie ein Roman“ (SWR).

Weblinks

Susanne Popp, Max Reger. WERK STATT LEBEN. Biographie.
544 Seiten, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden, € 39,90

Michael Schwalb, Hans Pfitzner

Michael Schwalb, Hans Pfitzner

Hans Pfitzner
Hans Pfitzner komponiert 1944 in seinem Haus in Rodaun. Foto: Nach:Busch-Salmen/Weiß: HansPfitzner/Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv

Pfitzner – zwischen himmlischer Vision und Abgrund

In der Reihe „Kleine bayerische Biographien“ ist im März eine gut 100-seitige Biographie über Hans Pfitzner erschienen. Der Autor Michael Schwalb ist nach Anstellungen als Orchestermusiker (Solocellist) nun Redakteur einer großen im Rheinland ansässigen Rundfunkanstalt. Er hat zahlreiche Radiofeatures produziert, Vorträge und Publikationen zu musikalischen und musikliterarischen Themen finden sich ebenso unter seinen Veröffentlichungen.

Sowohl das Bild Hans Pfitzners (1869 –1949) als auch die Rezeption seiner Werke leiden in der deutschen Musiklandschaft noch weitgehend unter einem Stigma durch seine Anbiederung an den Nationalsozialismus.

Dabei ist schon eine ausgewogene Beurteilung seiner vielgestaltigen Musik äußerst schwierig: Werke tiefster Herzensinnigkeit oder höchst komplexe Schöpfungen – wie sein »Palestrina« – stehen neben Kompositionen erschütternder Simplizität. Pfitzners Oeuvre zeigt zudem kaum lineare Entwicklung, und manche Bastion hart erarbeiteter Modernität wird zugunsten einer Selbststilisierung als »letzter Romantiker« aufgegeben.

≫… der Lenz, der nimmer endet≪, so ist in diesem gerade im Pustet-Verlag als Buch und als das Kapitel überschrieben, das Michael Schwalb dem Liedgesang widmet: „Das größte Werkkorpus innerhalb von Hans Pfitzners Oeuvre stellen die Liedvertonungen dar. Über 100 Lieder sind zu Lebzeiten veröffentlicht, einige auch posthum bekannt geworden, und alle gedruckten Lieder liegen in exzellenten Einspielungen vor. … Pfitzner war ein Liedkomponist par excellence; seine schöpferische Kraft, die sich dem musikalisch-poetischen Einfall verdankt, ist in der kleinen Liedform am angemessensten zu fassen.“

Einen ersten Blick in das Buch bietet dieser Link: http://bookview.libreka.de/preview/100409/9783791727462?session=a9759ae0d974ccc61fe3f99dc820ff3c3e230c18

Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Verlag Friedrich Pustet, März 2016

Buch 12,95 Euro, E-Book 9,99 Euro über die Homepage des Verlags [] bestellbar.

Rezensionen

SWR Cluster Reinhard Ermen am 8.6.2016:
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/cluster/schwalb-pfitzner-komponist-zwischen-vision-und-abgrund/-/id=10748564/did=17559028/nid=10748564/ajkq3x/index.html

FONO FORUM am 10.5.2016
http://www.fonoforum.de/home/artikel/tx_news/zwischen-vision-und-abgrund/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=ed1ea24841f0af3ba61cd527efc62356

Mittelbayrische Zeitung am 19.5.2016, von Gerhard Diete
http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/komponist-zwischen-vision-und-abgrund-21853-art1380920.html

Der Autor

Michael Schwalb: Thomas Mann und Hans Pfitzner – Musikalische Inspiration und literarische Bewältigung
http://www.rodoni.ch/PFITZNER/schwalb.pdf

weiterführende Links:

 Hans Pfitzner – Gesellschaft e.V.
http://www.pfitzner-gesellschaft.de/

Pfitzner-Lieder

  1. Grohe: Hans Pfitzner – Verzeichnis sämtlicher im Druck erschienenen Werke, Leukart 2003, 4,50 €
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kompositionen_Hans_Pfitzners#Vokalkompositionen

Pfitzner und der Nationalsozialismus
http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/pfitznerstrasse.html

Aufnahmen

Hans Pfitzner: Sämtliche Lieder, cpo 5 CDs, 24,99 €

„1999, also passend zum Pfitzner-Jahr, konnte das Ergebnis präsentiert werden: 5 CDs in chronologischer Reihenfolge und in den von Pfitzner gewollten originalen Stimmlagen.“

Eine Koproduktion mit dem WDR, Redakteur: Hans Winking
https://www.jpc.de/jpcng/cpo/detail/-/art/Hans-Pfitzner-1869-1949-S%E4mtliche-Lieder/hnum/3239676

Wissenswert

Straßen im Rheinland

In Köln-Lindenthal findet sich die Pfitznerstraße zwischen der Bruckner- und der Richard-Strauss-Straße, in Düsseldorf-Urdenbach in Gemeinschaft mit der Heinrich-Schütz-Straße und der Händelstraße.

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Graham Johnson. Franz Schubert: The Complete Songs.

Graham Johnson. Franz Schubert: The Complete Songs.

Eine Empfehlung von Karola Pavone

Eine längst überfällige Enzyklopädie der Schubert-Lieder in drei Bänden, erstellt vom Lied-Pianisten und Musikwissenschaftler Graham Johnson.

Sie enthält Kommentare zu mehr als 700 Liedern: neben den Texten und der englischen Übersetzung auch detaillierte Notizen zu den Hintergründen und Quellen, die Biografien der 120 Dichter und allgemeine Informationen zu Tonarten, Satz, bedeutenden Interpreten dieser Lieder, Illustrationen und viel mehr.

Graham Johnson kann auf ein reichhaltiges Leben als Liedpianist zurückblicken, in dem er weltweit mit maßgebenden Liedsängern und Liedpionieren des 20. Jahrhunderts konzertierte. Er hat jahrzehntelang an der Enzyklopädie gearbeitet und uns allen damit einen großen Gefallen getan. Bisher (leider) nur in Englisch erschienen, wenn man dieser Sprache halbwegs mächtig ist, aber extrem empfehlenswert: Johnson schreibt farbig, empathisch und unterhaltsam, das Lesen macht, für Schubert-Fans, im Allgemeinen wenig Mühe und viel Freude.

Graham Johnson. Franz Schubert: The Complete Songs.

Yale University Press, Drei Bände im Schuber, 2.820 Seiten, $ 300,00

Interview mit Karola Pavone